Bertolt Brecht und der Film

Bertolt Brecht war zwar vom Medium Film fasziniert, hatte aber damit kein Glück. BB und der Film – das war weniger episches Theater, sondern ein Drama ohne Ende.

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Dabei fing alles so gut an: Bereits 1923 arbeitet Brecht, damals 25 Jahre alt, mit dem Regisseur Erich Engel und mit Karl Valentin zusammen. Die „Mysterien eines Frisiersalons“ erinnern streckenweise an den Surrealismus im „andalusischen Hund“ von Luis Buñuel, sind aber auch komisch, humoristisch und ein wenig chaotisch. Der Film galt lange als verschollen, wurde jedoch in den 70erJahren wiederentdeckt und restauriert.

1930 machte sich Georg Wilhelm Pabst an die Verfilmung der Dreigroschenoper. Brecht, zunächst noch aktiv mit dabei, überwirft sich mit Regisseur und Produktionsfirma, will den Film, auch vor dem Hintergrund des aufkommenden Nationalsozialismus, mit eindeutigerem politischen Inhalt versehen. Die Streitigkeiten führen zum sogenannten Dreigroschenprozeß. Brecht schrieb unter dem Titel „Der Dreigroschenprozeß. Ein soziologisches Experiment“ eine Analyse des Rechtsstreits, die er zusammen mit dem Filmexposé und dem Text der „Dreigroschenoper“ veröffentlichte.

1931 ist BB jedoch wieder bereit für das Medium Film – er arbeitet mit Slatan Dudow und Hanns Eisler „Kuhle Wampe oder wem gehört die Welt?“. Der 1932 erschienene Streifen ist benannt nach dem Zeltplatz Kuhle Wampe in Berlin am Müggelsee, einer der vielen Originalschauplätze, an denen gedreht wurde. Geschildert wird das Schicksal einer Arbeiterfamilie und eines jungen Pärchens, dessen Verbindung angesichts der Massenarbeitslosigkeit ohne Zukunft erscheint. Der Film hat – auch durch den Dreh an Originalschauplätzen und mit „echten“ Arbeitslosen neben erfahrenen Schauspielern – streckenweise dokumentarischen Charakter, zeichnet ein realistisches Bild der Verelendung in der Weimarer Republik. Kuhle Wampe war der einzige eindeutig kommunistische Film dieser Zeit – bis hin zu Arbeitern, die das Lied der „Solidarität“ singen – und wurde nicht nur unter großen Schwierigkeiten gedreht, sondern prompt auch von der Zensur verboten. Nach Protesten wird der Film mit einigen Änderungen freigegeben, Brecht macht dem Zensor das ironische Kompliment, dieser zumindest habe den Film wirklich verstanden – nicht als Darstellung eines individuellen Schicksals, sondern als offene Kritik an den gesellschaftlichen Bedingungen: „Der Inhalt und die Absicht des Films geht am besten aus der Aufführung der Gründe hervor, aus denen die Zensur ihn verboten hat.“

Dann die Zeit des Exils. Letztlich verschlägt es Brecht, wie viele andere Autoren, nach Hollywood. Wie andere ist er gezwungen, dort zu antichambrieren und arbeitet für den Broterwerb an Drehbüchern für die Traumfabrik mit. Seine Erfahrungen in dieser Zeit hat er in den bitteren Hollywood-Elegien verarbeitet.

1943 jedoch hat Brecht die Chance, an einem ambitionierten Filmprojekt mitzuwirken. Unter der Regie von Fritz Lang, ebenfalls einem Exilanten, entsteht „Hangmen also die“ – „Auch Henker sterben“. Die beiden Künstler kannten und schätzten sich bereits in den Tagen der Berliner Zeit. Als Brechts Lage im schwedischen Exil angespannt wird, sorgte Lang, der in Hollywood schnell Fuß gefasst hatte und seine Karriere fortsetzen konnte, mit dem European Film Fund dafür, dass Brecht, Weigel, sowie die beiden Kinder und Ruth Berlau Visa für die USA bekamen, 1941 traf die Familie in Los Angeles ein.

Der Film „Auch Henker sterben“ erzählt bereits ein Jahr nach dem Attentat auf Reinhard Heydrich in Prag 1942 vom tschechischen Widerstand und der Fahndung der Gestapo nach dem Attentäter. Doch schon während der Dreharbeiten kommt es zwischen Lang und Brecht zu Differenzen. Der cholerische Lang tobt gegenüber Brecht und dem ebenfalls linksgerichteten Co-Autoren John Wexley, er „scheiße auf Volksszenen“, er wolle ein Hollywoodpicture machen. Ungerechtigkeiten bei der Bezahlung – Brecht sollte wesentlich weniger als Wexley erhalten -, Kürzungen im Skript, charakterliche Unverträglichkeiten taten ihr weiteres. Die Zusammenarbeit wurde zum Desaster und gipfelte in einer Anhörung vor der „Screen Writer`s Guild“, weil Wexley als der eigentliche Autor genannt werden wollte, Brecht jedoch nur unter ferner liefen aufgeführt wurde. Die Schiedsstelle entschied zugunsten des Amerikaners. Brecht legte danach die Arbeit am Film nieder, begegnete auch Fritz Lang nicht mehr.

Doch was übrig bleibt: Zum einen überstand auch diese Episode die Freundschaft zwischen Brecht und Hanns Eisler, der als Komponist auch an den früheren Filmen mitgearbeitet hatte. Und vor allem: „Hangmen also die“ ist, wenn auch viele der Ideen und Vorstellungen Brechts nicht verwirklicht werden konnten, eines der wichtigsten Filmwerke geworden, das noch während des Nationalsozialismus eindeutig Stellung gegenüber der deutschen Tyrannei bezog.

Lang setzte dem verlorenen Freund BB später noch ein cineastisches Andenken, so der Filmwissenschaftler Peter Ellenbruch:

„Im Gegensatz zu Brecht, der ein Gegner Langs geblieben sein soll, hat sich Lang immer wieder positiv zu Brecht geäußert, ihn als einen wichtigen Autor geschätzt und sich von seinem Werk inspirieren lassen. So baute er 1963 eine Brecht-Hommage in LES MEPRIS von Jean-Luc Godard ein – in welchem er sich selbst spielte – und die Buchstaben „BB“ stehen innerhalb des Films plötzlich nicht mehr für die Hauptdarstellerin Brigitte Bardot, sondern einen Moment lang für Bert Brecht.“

Dieter Lohr: „Ohne Titel. Aquarell auf Karton. Unsigniert.“

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Alfred Seidl (1892 – 1953), ohne Titel, um 1922, Aquarell auf Papier, 9 x 19,3 cm © Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinik Heidelberg (Inventarnummer 4502)

Karthaus, 3. Februar 1933

Lieber Florian!

Was ist denn nun die ostmärkische Scholle? Ist`s Regensburg, ist es Karthaus? München auf alle Fälle ist es nicht, und wer alle heiligen Herrschaftszeiten in der heiligen Heimat vorbeizuschauen sich genehmt und dann seinen werten Herrn Bruder, den wahrhaft Schollenverhafteten, in seiner Schollerei für nicht besuchswürdig erachtet, der ist ein Auswanderer, mein Herr, und nicht bemächtigt, sich Schollenkönig zu nennen. Lass er sich das gesagt sein.
Ob das neue Kabinett Hitler was dran ändert?

Es grüßt
Alfred

Glückwunsch zum neuen Stück; möge ihm Erfolg beschieden und beschienen sein.

Dieter Lohr, „Ohne Titel. Aquarell auf Karton. Unsigniert.“

Ist der Brief fiktiv oder nicht? Ist`s ein dokumentarisches Zeugnis, ist es Fiktion? Die Leser bleiben am Ende im Ungewissen. Und doch entsteht ein greifbares Portrait, ersteht ein Leben wieder auf in all seiner Dramatik und am Ende ist es auch gleichgültig, was von den Mosaiksteinen in diesem interessant konstruierten Buch Wahrheit ist und was Dichtung: Fassbar wird dennoch das Schicksal eines Malers und Schriftstellers zwischen Genie und Wahnsinn und das Barbarentum einer wahnsinnigen Zeit.

Alfred Seidl, soviel ist gewiss, kam 1892 als Sohn einer gutbürgerlichen Familie auf die Welt. Nach einem abgebrochenen Jurastudium in München ging er zurück in seine Heimatstadt, betätigte sich dort als Maler und Schriftsteller. Früh zeigt er Symptome einer psychischen Erkrankung, 1921 wird er das erste Mal in die Heil- und Pflegeanstalt Karthaus-Prüll eingewiesen. Dort will man in der Zwischenkriegszeit in der Behandlung psychisch Kranker Reformen einführen, so wird die Arbeitstherapie ausgebaut, aber auch das kreative Talent der Patienten gefördert. Seidl, der sich dem Dadaismus nahe fühlt, schafft einige Werke, die nicht zuletzt auch in die berühmte Prinzhorn-Sammlung gelangen.

Die Reformbemühungen in der Psychiatrie werden mit dem Nationalsozialismus gestoppt, die Heilanstalten zu Tötungsanstalten, mit der Aktion „T4“ setzt die Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ ein. Auch Alfred Seidl, der schillernde, auffallende Künstler, der gerne mal im Kaftan oder im Büßerhemd durch Regensburg wandelt, soll mit den „grauen Bussen“ in den Tod transportiert werden. Gerettet wird er von seinem Bruder Florian – ein Schriftsteller, der mit Volk- und Boden-Literatur Karriere macht, strammer Nazi ist und dessen Name in Regensburg noch lange für heftige Diskussionen sorgte: Erst 1999 wird eine nach ihm benannte Straße umbenannt, nachdem es heftige Diskussionen gegeben hatte.

Im Zentrum des Buches stehen jedoch nicht die Briefe zwischen den Brüdern – oder vielmehr die Briefe Alfreds an Florian, Gegenstücke sind nicht enthalten. Vielmehr, und das ist ein Problem der komplexen Konstruktion, ist diese fiktionale Annäherung an eine Biographie ein Mosaik aus dokumentarischen Texten, denen zuweilen das Zentrum abhandenkommt.

Wo die biographische Erzählung ergänzt und unterbrochen wird durch Originaltexte um die Themenkomplexe der „Art Brut“, der Euthanasie, der Psychiatriegeschichte und des Umgangs der Nationalsozialisten mit Kranken und Behinderten, durch Zeugnisse der Regensburger Zeit, Reden, Briefe und Zeitungsartikel, sowie durch Gedankensplitter eines Vincent (die Nähe zu van Gogh ist unverkennbar), der wohl das alter ego Alfred Seidls ist, wird „Ohne Titel“ zu einem eindringlichen Buch, das vor Augen führt, was Intoleranz (auch eine Mahnung in die Gegenwart hinein) und Rassenwahn zur Folge haben.

Doch Lohr führt mit zwei weiteren Ebenen, die in der Gegenwart spielen – dort treiben ein Kunstkäufer und eine Kunstagentin den Markt für den bis dahin noch wenig bekannten Art brut-Künstler Seidl an und es kommt der Autor, der im Dialog mit einem unbenannten Anderen die Vorgänge des Buches reflektiert, selbst zu Wort – ein weiteres Thema ein, das als Kritik am Kunstmarkt verstanden werden könnte. Dass auf dem Kunstmarkt „art brut“ hoch gehandelt und gefeiert wird, die Künstler selbst und deren Schwierigkeiten am Leben darüber selbst jedoch oftmals vergessen werden – das ist ein Punkt, der aus diesen Ebenen jedoch nicht klar hervorgeht, der in der Fülle des Materials ein wenig verschwindet. Auch wenn es die Intention des Autors Dieter Lohr ist, die Leser im Ungewissen zu lassen, was „echt“ und was „gefälscht“ ist – die Vielzahl der Stimmen lenkt vom Kern ab, erschwert den Zugang.

Aber es soll nicht mit Erbsenzählen enden: „Ohne Titel. Aquarell auf Karton. Unsigniert.“ ist ein wichtiges, eindringliches Buch, das mit der fiktionalen Biographie eines Einzelnen auf ein Thema hinführt, das nicht vergessen werden darf.

„Erbsünde erbkrankt die Erblinde. Erblindung des Erbschmerzes, des Welt- und Erbschmerzes im Erblassen erblasen erlesen des Erbenzählers Zahlen. Zahlenzähler. Erbrechen erbrechnen abrechnen, abzählen. Ab und zu Müllers Kuh im Schafsgewand im Erbsünderhemd der Erbsünderbock die Erbsengemeinschaft.“

Informationen zum Buch:

Dieter Lohr
„Ohne Titel. Aquarell auf Karton. Unsigniert.“
BALAENA Verlag, Landesberg am Lech, 2020
Gebunden, 372 Seiten, umfangreiches Namensverzeichnis, 32,00 Euro
ISBN 978-3-9819984-2-9

Homepage von Dieter Lohr: http://dieterlohr.de/


 

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Thomas Wolfe: Eine Deutschlandreise

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Bild von Alexas_Fotos auf Pixabay

„Aber Deutschland ist die Heimat des Fremden. Das ist jedenfalls mein Eindruck. Seit jenen Tagen, da ich es zum ersten Mal betrat, vor acht Jahren, habe ich mich niemals fremd gefühlt. Ich weiß nicht, woran das liegt. Ich habe keine Möglichkeit, dies zu beweisen, aber ich glaube, es muss in dem alten übervölkerten Gehirn der Menschen so etwas wie eine Rassenerinnerung geben.“ (…) So werde ich, ohne dass ich es begründen kann, in diesen beiden Ländern immer vom Geist der Erinnerung gejagt. Es ist eine merkwürdige Tatsache, aber von dem Augenblick an, da ich dieses Land betrat, vor acht Jahren, habe ich sofort ein Wiedererkennen gespürt.“

Thomas Wolfe, „Eine Deutschlandreise“.

Thomas Wolfe (1900 – 1938), der beinahe 2 Meter große Schriftsteller, wurde von Zeitgenossen oft als riesenhafter Junge (beziehungsweise jungenhafter Riese) beschrieben. Er neigte zum Schwärmen, Ausschweifen, Tagträumen. Dies ist auch an seinen gigantomanischen Romanen, so seinem 1929 erschienenen Debüt „Schau heimwärts, Engel!“ und „Von Zeit und Fluss“ spürbar.

Und so fühlte sich dieser amerikanische Mystiker der literarischen Moderne auch von dem Land, mit dem er väterlicherseits verbunden war, eigenartig angezogen: Von der Freundlichkeit der Menschen, der Ordnung, der Schönheit der Weinberge, von den märchenhaften Wäldern. Sechs Mal besucht Wolfe zwischen 1926 und 1936 Deutschland: Hier fand er mit Ernst Rowohlt einen geeigneten Verleger und erfuhr insbesondere bei seinem letzten Besuch zur Zeit der Olympischen Spiele in Berlin auch, wie es sich anfühlt, eine literarische Berühmtheit zu sein – seine Romane fanden zweitweise in Deutschland mehr Anerkennung als in seiner amerikanischen Heimat.

Die Texte, die während dieser Reise entstanden, versammelt nun ein neu erschienener Band im Manesse Verlag: Das Buch „Eine Deutschlandreise“ umfasst Tagebuchnotizen, die Listen über die bei den Reisen gekauften Bücher und besuchten Museen, Briefe an seine Geliebte Aline, Postkarten an die Mutter und auch die Novellen – darunter die berühmte vom „Oktoberfest“ – die von Wolfe in und über Deutschland geschrieben wurden.

Gerade die Erzählung vom Oktoberfest zeigt, wie eng biographisches Leben und literarisches Verarbeiten bei diesem Schriftsteller verknüpft waren: Tatsächlich besuchte Wolfe mit dem Sohn seiner Münchner Gastwirtin das seinerzeit schon berühmteste Volksfest der Welt. Dort geriert der starke Trinker nach etlichen Maß Bier in eine heftige Prügelei. In einem Brief an seine damalige Geliebte Aline schildert er das Geschehen unverblümt und mit allen schlimmen Konsequenzen – Wolfe erlitt schwere Kopfverletzungen und musste ins Krankenhaus gebracht werden. Das blutige Ende seines Volksfestbesuches klammerte er in seiner Erzählung aus, aber andere Erlebnisse seines Oktoberfest-Bummels finden sich im Brief bereits skizziert und fast deckungsgleich in der Erzählung wieder.

Thomas Wolfe nimmt dabei zeitweise den Blick des Ethnologen ein, der, geprägt von eigenen Vorurteilen (von Beginn an tritt auch der hässliche Deutsche auf, der „Hunne“ mit Stiernacken, der unmäßig isst und trinkt), der fasziniert das Treiben der anderen betrachtet, der versucht, das Fremde zu erforschen:

„Die Wirkung dieser Menschenhorden überall in der riesigen und vernebelten Halle hatte etwas beinahe Übernatürliches und Rituelles: Etwas, das zum Wesen eines Volkes gehörte, war in diesen Horden beschlossen, etwas, so dunkel und seltsam wie Asien, etwas, das älter war als die alten barbarischen Wälder, etwas, das einen Altar umwogt und ein Menschenopfer dargebracht und verbranntes Fleisch verzehrt hatte.“

Trotz diesem Anblick der Massen beim Oktoberfest, bei dem „mir das Herz gefror“ und die in Wolfe Assoziationen zu „blondbezopften“ Kriegshorden hervorrufen, bleibt der Amerikaner, was das „Wesen dieses Tiers“ anbelangt, lange blind: Auch bei seinem letzten Besuch 1936 zeigt er sich unpolitisch und eher fasziniert von der Ordnung und Effizienz der Deutschen. Ganz unverblümt lässt er in seinen Notizen seine eigenen antisemitischen Vorurteilen freien Lauf, schreibt gar darüber, wie wenig Meinungsfreiheit man in seiner Heimat habe, wenn es um dieses Thema ginge. Doch einige Erlebnisse erschüttern ihn, führen zu einem Umdenken.

In der 1937 in einer amerikanischen Zeitung veröffentlichten Erzählung („Nun will ich Ihnen was sagen“) schildert er eine Bahnfahrt, bei der kurz vor der Grenze ein Jude verhaftet wird. Herausgeber Oliver Lubrich, der diese Erzählung auch in den Band der „Anderen Bibliothek“, „Reisen ins Reich“, aufnahm, analysiert detailreich in seinem Nachwort, wie sehr diese Erzählung die emotionale Abkehr Wolfes von seiner lang imaginierten Seelenheimat markiert.

„Es war die andere Hälfte meiner Herzensheimat. Es war die dunkle, verlorene Helena, die ich gefunden, es war die dunkle, gefundene Helena, die ich verloren hatte – und jetzt erkannte ich wie nie zuvor das ganze Ausmaß meines Verlusts – das ganze Ausmaß meines Gewinns – den Weg, der mir nun wohl auf immer versperrt sein würde – den Weg des Exils ohne Wiederkehr – und einen neuen Weg, den ich gefunden hatte.“

So ist „Eine Deutschlandreise“ nicht nur für Thomas Wolfe-Leser ein Kompendium, das verdeutlicht, welche Faszination, ja fast schon Hass-Liebe dieser Schriftsteller für Deutschland empfand, sondern auch ein Buch, das einen besonderen Blick auf ein Land kurz vor dessen größter Katastrophe aufzeigt.

Informationen zum Buch:

Thomas Wolfe, Oliver Lubrich (Hrsg.)
Eine Deutschlandreise
Manesse Verlag 2020
Gebunden, Schutzumschlag, Lesebändchen
416 Seiten, 13,5 x 21,5 cm, 16 s/w Abbildungen, 25,00 Euro
ISBN: 978-3-7175-2424-3


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Bücherhamstern (21): Die Geheimnisse meiner drei Leben

Bleiben Sie neugierig! Welch passenderen Slogan könnte es wohl für einen Verlag geben – und für einen Verleger wie Axel Dielmann, der es versteht, diese Neugierde auf ungewöhnliche Literatur zu vermitteln. Wie in seinem Beitrag zum Bücherhamstern!

Das Buch:

1922 in Mainz in eine jüdische Feinhändler-Familie hineingeboren, floh Peter Sichel über Monate vor dem Terror der Natzis – 1943 kam der heute 96-Jährige als GI zurück, nahm an der Entsetzung seiner Geburtsstadt teil, wurde anschließend Mitglied des amerikanischen Geheimdienstes und Leiter des CIA-Büros West-Berlin, wo er die Entstehung des Eisernen Vorhangs und der McCarthy-Ära. Schließlich geht Sichel 1959 nach New York, baut zusammen mit seiner Familie eine der weltweit größten Weinhandelshäuser auf – eine schier unglaublich pralle Lebensgeschichte!

9783866382633.SichelDer Verlag:

Der axel dielmann – verlag in Frankfurt am Main ging 1993 aus der Zeitschrift für Literatur SCHRiTTE hervor. Jährlich erscheinen ca. 20 literarische Titel zeitgenössischer deutschsprachiger Autoren, aber auch Übersetzungen aus diversen Sprachen und Kulturen. Dazu die Bände der Reihe ETIKETT mit Sponsorpartnern. Es geht um eigensinnige Autoren und eigenwillige Lektüre – Verlagsmotto: Bleiben Sie neugierig!

Die Buchhandlung:

Der Buchplatz von Daniel Bogdanov ist eine Einkaufsinsel am bodenständigeren Rand des mondänen Sachsenhausen. In einem charmanten dreischenkligen Dreieck aus Weinstube, Baumarkt, Lebensmittelmarkt, italienischem Restaurant (das an der Ecke Holbeinstraße!) findet sich eine Buchhandlung, lustvollgestopft mit einem breiten Sortiment, das indes seine Lieblingsstücke pflegt und mit liebenswertem Service auf uns zukommt.

Der Veleger höchstpersönlich liest hier aus diesem spannenden Buch:

Informationen zum Buch:

Peter Sichel
Die Geheimnisse meiner drei Leben
axel dielmann verlag
ISBN
978-3-86638-263-3, 464 Seiten, 24 Euro

http://www.dielmann-verlag.de/


Wegen der Coronakrise bietet der Blog unabhängigen und kleinen Verlagen unter der Rubrik #buecherhamstern die Möglichkeit, Titel aus ihrem Programm sichtbar zu machen. Das ist ein Zeichen der Solidarität für das verlegerische Engagement, das für Vielfalt und Auswahl für Lesende sorgt. Diese Beiträge sind kostenfreie Werbung.

Hans Joachim Schädlich: Die Villa

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Bild von PIRO4D auf Pixabay

Nach dem Essen baten er und seine Frau Elisabeth die Gäste ins Herrenzimmer zu Cognac, Likör, Zigarren und Zigaretten.
Kreisleiter Hitzer sagte zu Hans Kramer:
„Eine feste Burg ist Ihre Villa.“
Ortsgruppenleiter Vieweg sagte, zu Elisabeth gewandt:
„Eine gute Wehr für sie und die Kinder.“

Hans Joachim Schädlich, „Die Villa“.

1940 scheint die kleine Welt der Kramers noch in Ordnung. Hans Kramer, aus Überzeugung früh in die Partei eingetreten, unterhält einen florierenden Wollhandel und schafft es durch Fleiß und Ehrgeiz, seine Familie von einem vogtländischen Dorf in eine Villa nach Reichenbach zu verfrachten.

Man richtet sich ein, freut sich, nach drei Buben, darüber, dass endlich ein Mädchen geboren ist, schafft Möbel an, engagiert Personal. Am Frühstückstisch werden die Weltnachrichten besprochen, die Wehrmacht ist in halb Europa einmarschiert, Hans Kramer siegesgewiss, allein Elisabeth stellt ab und an eine leise, ängstliche Frage. Für Irritation sorgt in der heilen Welt allenfalls, dass Fritz, Elisabeths psychisch kranker Bruder, der in einer Anstalt lebt, plötzlich verstirbt.

Eine der wenigen Stellen, da Hans Joachim Schädlich als Erzähler quasi kommentierend eintritt, die Familie den Euthanasie-Tod rückwirkend betrachten lässt. Doch ansonsten erzählt er die Geschichte dieser deutschen Durchschnittsfamilie, ihres Aufstiegs und Niedergangs, in einer nüchternen, sachlichen Sprache. Präzise, auf das Notwendigste beschränkt, auf das Äußerste verdichtet – doch gerade dadurch wird die Banalität des Alltags in der NS-Zeit, die Selbstverständlichkeit, mit der die Menschen das, was auf politischer Ebene geschah, akzeptieren, besonders deutlich.

Da ist der psychisch kranke Bruder, der unerwartet wegen eines Lungenleidens verstirbt. Da ist der Lehrer, der einzige Jude am Ort, der eines Tages eben verschwindet. Und auch der geschäftliche Profit, den Hans Kramer durch die Enteignung jüdischer Unternehmer macht, wird „hingenommen“.

U1_978-3-498-06555-3.inddDie Leser werden mit den Gesprächen des Ehepaares, am Frühstückstisch die Zeitungsnachrichten kommentierend, durch die Jahre geführt. Das Glück im eigenen Heim, von vornherein auf zerbrechlichen Beinen stehend – Elisabeth wollte nicht heiraten, wollte keine Kinder, aber ihr Vater ließ nur die Jungen etwas lernen – das Glück ist von kurzer Dauer. Die Welt rückt näher, der Krieg auch und die Villa ist längst nicht die feste Burg, die überdauert.

Wo andere über die große Geschichte schreiben, erzählt Schädlich Geschichten, Alltagsgeschichten, die das große Ganze spiegeln und entschlüsseln. So nüchtern, so lakonisch, auf jedes schmückende Beiwerk verzichtend, oft in Kapiteln, die kaum eine Seite füllen, enthüllt der altersweise Schriftsteller eine ganz einfache Wahrheit: Eine Familie wie die Kramers, das war im Nationalsozialismus der Alltag. „Die Normalität“ (ein Wort, das aktuell wieder viel gebraucht wird), das war, sich anzupassen, mitzulaufen, durchzuwursteln. „Die Villa“: Steinernes Zeugnis für den Versuch, teilzuhaben, steinernes Zeugnis für das Scheitern. Am Ende wird die Villa der Moderne zum Opfer fallen, einer Fabrik für Aktenvernichtung weichen müssen. Ironie des Schicksals: Dank eines Schriftstellers wie Hans Joachim Schädlich überlebt das geschriebene Wort doch.

Weitere Besprechungen:

Eine eingehende Rezension findet sich auch bei „literatur leuchtet“.

Lesenswert ebenso die Besprechungen im NDR von Alexander Solloch und im Deutschlandfunk von Paul Stoop.

Weitere Informationen zum Buch:

Hans Joachim Schädlich
Die Villa
Rowohlt Verlag, 2020
Gebunden, 192 Seiten, Hardcover 20,00 €, E-Book 19,99€
ISBN: 978-3-498-06555-3

Informationen zum Autor: https://www.rowohlt.de/autor/hans-joachim-schaedlich.html


 

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Christoph Heubner: Ich sehe Hunde, die an der Leine reißen

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Das Gemälde „Triumph des Todes“(Die Gerippe spielen zumTanz) von Felix Nussbaum entstand 1944. Reproduktion von Wikimedia, das Original ist im Felix Nussbaum Haus in Osnabrück zu sehen.

„Als Kind habe ich geträumt, dass ich erwachsen bin und fliegen kann. Ich habe geträumt, dass mich Räuber in einen dunklen Wald schleppen, und ich habe geschrien. Der Junge hat zuviel Phantasie, du musst ihn schärfer herannehmen, hat mein Vater zu meiner Mutter gesagt. Also habe ich beschlossen, keinen Unsinn mehr zu machen und nicht mehr zu träumen.“

Christoph Heubner, „Ich sehe Hunde, die an der Leine reißen“.

Aus dem Jungen wird ein Mann, der Mann wird zum Großvater. Er führt ein angepasstes, arbeitsames Leben in seinem ungarischen Heimatort Kaposvár. Erst durch seine Enkelin, die er über alles liebt, wird der alte Mann wieder zum Jungen, der träumen kann. Doch sie, die kleine Giliki, ist eine der ersten, die aus dem Waggon mit 87 Menschen gezerrt wird, die der Mordmaschine vorgeworfen wird. Während für den Alten sein schlimmster Alptraum wahr wird: In einen Wald verschleppt, ein Waldstück nahe des Vernichtungslagers, wartet er gemeinsam mit einer letzten Übriggebliebenen aus seinem Dorf darauf, was ihm geschehen wird. Die Zeichen, er hat sie schon in früheren Jahren gesehen, geahnt, dass da etwas ist:

„Den Hass und die Verachtung uns gegenüber haben sie sich für zu Hause und die Straße aufgespart. Ich wusste immer, dass sie ein Tier in sich eingesperrt hielten, das endlich raus wollte. (…) Blanker Hass. Und wenn die Meinen auf den Holzplatz kamen, habe ich den Hass hinter ihren Augen gesehen, wenn sie mich angeschaut haben. Sie haben gewartet, dass sie von der Kette kommen.“

Jetzt, 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz, verstummen die letzten Zeitzeugen mehr und mehr. Und dennoch erscheint es in diesen Tagen umso wichtiger, die Stimmen, die vom eigentlich Unsagbaren erzählen und von den unmenschlichen Taten Zeugnis ablegen, weiterhin hörbar zu machen.

Einen besonderen literarischen Weg hat dazu der Schriftsteller Christoph Heubner, Exekutiv-Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees, eingeschlagen. In seinem Band „Ich sehe Hunde, die an der Leine reißen“ gibt er den Opfern eine Stimme: Einfühlsam, nah an der Realität trotz der fiktionalen Bearbeitung, nachhallend.

Für die drei in diesem Band versammelten Geschichten wählte Heubner drei Stimmen, drei Formen. „Nach Auschwitz – drei Geschichten“, wie der Untertitel sagt, und jeder der drei Geschichten hallt lange nach. „Das leere Haus“, die Erzählung einer Überlebenden, reicht bis in unsere Gegenwart. Sie erzählt vom Überlebenskampf der allein gebliebenen und auf sich gestellten Kinder nach dem Krieg und nach dem Lager, von der Heimatlosigkeit, der Entwurzelung, dem Schuldgefühl der Überlebenden. Wie man sich wieder ein Leben zurechtzimmern kann, wie man weitermachen kann:

„Wir waren für uns. Das war jetzt unser Maulwurfhügel. Weit weg von den alten Gespenstern, die Angst lag in unserer Wohnung wie ein alter Hund, der nur noch leise vor sich hin schnarcht.“

Doch der Kettenhund – ein Symbol in allen drei Geschichten – er schläft nicht, er ist noch lebendig: Die Erzählung endet mit dem Anschlag auf die Synagoge in Pittsburgh 2018, bei dem elf Menschen getötet und andere schwer verletzt wurden.

„Vier Minuten. Es waren vier Minuten. Und mir war, als hätte ich am anderen Ende des Parkplatzes meine Mutter gesehen. Sie war so jung wie damals, als sie uns abgeholt haben und schrie: Vier Minuten, ist es nie zu Ende?“

In „Ein Stück Wiese, ein Wald“ stehen sich zwei Menschen gegenüber, ein Mann und eine Frau, stellvertretend für die über 440 000 ungarischen Juden, die 1944 in wenigen Monaten in Birkenau ermordet wurden. Menschen, so Christoph Heubner, die sich in den Jahren davor niemals hätten vorstellen können, dass sie in Lager abtransportiert, verschleppt und getötet werden könnten, weil sie Juden waren.

In der dritten, titelgebenden Erzählung „Ich sehe Hunde, die an der Leine reißen“, setzt Heubner eine Idee fort, die 2007 nach einem Gespräch mit Stéphane Hessel entstand, ein fiktives Tagebuch der beiden Künstler Felka Platek und Felix Nussbaum, die 1944 in ihrem Versteck bei Brüssel aufgegriffen und verhaftet wurden und in Auschwitz starben. Heubner veröffentlichte das fiktive Tagebuch zunächst auf dem Internetportal des Auschwitz Komitees und trug es bei mehreren Lesungen vor – im Nachwort weist er ebenfalls auf den Roman von Hans Joachim Schädlich, „Felix und Felka“, hin.

Bemerkenswert ist es, wie Christoph Heubner es auch in diesem kurzen Text gelingt, innerhalb weniger Seiten die ganze Dramatik des Geschehens deutlich zu machen: Zwei junge Menschen, die jeder für sich aufbrechen, um sich selbst zu verwirklichen, ihren eigenen künstlerischen Weg einzuschlagen, voller kreativer Kraft und Hoffnung. Und wie schnell aus den wenigen Zeilen dann die Verzweiflung spricht, weil ihnen alles geraubt wird – Arbeits- und Lebensmöglichkeiten, wie sich die Klaustrophobie und Unsicherheit in den engen Verstecken auf den Leser überträgt, wie mehr und mehr die Hoffnungslosigkeit zunimmt. Christoph Heubner sagt dazu in seinem Nachwort:

„Die Bilder von Felka Platek und Felix Nussbaum jedoch, gegen die materielle Not, die alltägliche Angst und das Grauen entstanden: auch sie halten stand und erinnern an die Empörung und die Menschlichkeit, die die Résistance gegen die deutschen Nationalsozialisten in Europa getragen hat und zu der auch Felka Platek und Felix Nussbaum für alle Zeiten gehören. Das wollte ich unbedingt erzählen.“

Und dieses Weiter-Erzählen ist so wichtig in unserer Zeit. „Ich sehe Hunde, die an der Leine reißen“ ist ein schmaler Band, aber von großem Gewicht.

Informationen zum Buch:
Christoph Heubner
Ich sehe Hunde, die an der Leine reißen
Steidl Verlag 2019
Leineneinband, gebundes Buch, 104 Seiten, 14,80 Euro
ISBN 978-3-95829-717-3

Weitere Informationen:
Christoph Heubner im Interview im Deutschlandfunk
Auf der Seite des Auschwitz Komitees


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Eddy de Wind: Ich blieb in Auschwitz

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Bild von Peter Tóth auf Pixabay

„Sie haben ihre Arbeit schlecht gemacht. Nach kurzer Zeit, nach einer Stunde vielleicht, bin ich wieder zu mir gekommen. Ich lag in der Grube, inmitten von lauter ermordeten Frauen, und habe noch gelebt. Da habe ich gespürt, dass sich meine Haltung verändert hat, dass ich am Leben bleiben muss, am Leben bleiben will, um davon zu erzählen. Um allen davon zu erzählen, die Menschen davon zu überzeugen, dass das hier wirklich passiert ist…“

Eddy de Wind, „Ich blieb in Auschwitz. Aufzeichnungen eines Überlebenden 1943 – 1945“.

Dies ist ein Buch, das sich einer gängigen Besprechung entzieht.
Es ist ein Buch, das einen auch heute noch beim Lesen, da die Geschehnisse über ein dreiviertel Jahrhundert zurückliegen, mit Entsetzen und Fassungslosigkeit erfüllt.

Und ein Buch, das Scham auslöst:
Scham darüber, dass das darin Geschilderte tatsächlich geschehen konnte.
Scham darüber, dass dieser Bericht, als er 1946 erstmals und 1980 erneut in den Niederlanden erschien, scheinbar nur wenige Menschen erreichte und interessierte.
Und auch Scham darüber, dass die Hoffnung seines Verfassers, dieses Buch möge mit „einem neuen Humanismus den Weg“ bereiten, nicht erfüllt wurde.

Bereits vor 30 Jahren hatte Eddy de Wind eine Neuauflage seines Berichtes aus der menschlichen Hölle angestrebt, weil, so heißt es im Nachwort der jetzigen Auflage, er sich zunehmen Sorgen macht „über etwas, das er eigentlich nie mehr erleben wollte, über das Wiederaufflammen von Intoleranz und politischer Gewalt – auch in Westeuropa.“ Wieviel Grund zur Sorge hätte der holländische Arzt und Psychoanalytiker erst heute, in diesen Tagen, da von manchen Politikern der Nationalsozialismus ganz offen als „Vogelschiss“ und das Holocaust-Mahnmal in Berlin als „Denkmal der Schande“ bezeichnet wird und Faschisten in fast allen europäischen Ländern ihre Wiederauferstehung feiern?

Gerade deshalb ist es wichtig, dass dieses Buch gerade jetzt wieder erscheint – erstmals in deutscher Übersetzung (durch Christiane Burkhardt) im Piper Verlag sowie in weiteren zwanzig Ländern.

Eddy de Wind (1916 – 1987) ist der letzte jüdische Student, der an der Universität in Leiden noch seinen Abschluss machen kann. Noch kann der junge Mann einige Monate in Amsterdam in Freiheit verbringen. Doch der Zugriff der nationalsozialistischen Besatzer wird immer enger. Um seiner Mutter, die im Lager Westerbork inhaftiert ist, helfen zu können, meldet sich de Wind als Freiwilliger im Arztdienst für dieses Lager – als er ankommt, ist seine Mutter jedoch bereits schon nach Auschwitz deportiert. Ein Schicksal, das auch ihn und seine Frau Friedel, der er in Westerbork kennengelernt hat, wenig später trifft.

In seinem Zeitzeugenbericht schildert de Wind die Verhältnisse in Auschwitz, in dem er von 1943 bis 1945 zahllose Grausamkeiten am eigenen Leib erlebt und miterleben muss, aus beinahe sachlicher, distanzierter Sicht – in einer nüchternen Sprache, in der sich jedoch die ganze Inhumanität, die dieser Todesmaschinerie innelag, erst richtig enthüllt.

„Es ging zum alten Krematorium, das zweihundert Meter vom Lager entfernt war. Es wurde nicht mehr benutzt. Seit alle Vernichtungen in Birkenau organisiert wurden und in Auschwitz bloß noch eine „normale“ Sterblichkeit herrschte, kamen die wenigen Leichen abends auf den Leichenwagen, der damit zu den Öfen von Birkenau fuhr.“

In der darauffolgenden Szene zeigt sich der ganze bürokratische Wahnsinn, der das Lagerleben und Lagersterben regelt – Eddy de Wind, der sich in seinen Aufzeichnungen Hans nennt, wird zu einem besonderen Einsatz eingeteilt:

„In einem der Räume des Krematoriums türmten sich Blechbehälter – die Urnen der Polen, die hier verbrannt worden waren. Die Familie bekam anschließend die Todesnachricht und konnte die Urne anfordern. Aber im Laufe der Jahre hatten sich vierzigtausend Urnen angesammelt, die jetzt in einen anderen Raum gebracht werden mussten.
Die Männer bildeten eine lange Menschenkette durch die Kellerräume, in denen die drei großen Öfen standen. Sie warfen sich die Urnen zu wie Käse- oder Brotlaibe. Noch nie hatte Hans so viele Tote in den Händen gehabt wie in diesen Stunden.“

Eddy de Wind erzählt von den Massentötungen, von der Ausbeutung der Menschen als Arbeitssklaven, von Hunger, Erschöpfung und zugleich der dem Lager innewohnenden Monotonie. Er macht in seinem Bericht die Hierarchie sichtbar, die unter all den Insassen die Juden an die unterste Stufe setzt, den SS-Mann als „Krönung der arischen Schöpfung“ dagegen zu allem berechtigt:

„Wer hat noch nie einen Betrunkenen gesehen, der seinem jaulenden Hund einen Tritt versetzt? Der Hund jault dann noch lauter, und obwohl der Mann betrunken ist, spürt er zu Recht, dass das Tier ihn wegen seiner Brutalität anklagt. Zu aufrichtiger Reue ist der Mann nicht imstande, dennoch weckt das anklagende Jaulen unangenehme Gefühle, die er mit einem stets brutaleren Auftreten überspielt. Fester treten, lauter jaulen – so lange, bis der Hund totgetreten ist.“

Das Berührende an diesem Text ist es, dass hier ein Mensch aus der Vergangenheit zu uns spricht, der unwürdiger behandelt wurde wie ein Tier – und der doch, wie andere seiner Leidensgenossen auch, seine Würde behielt, seine Menschlichkeit. Eddy de Wind erzählt auch von der Solidarität unter den Häftlingen, von ihrem Überlebenswillen, der natürlich auch vom Gedanken an Rache angetrieben wird. Und den Erzähler selbst hält das Wissen aufrecht, dass seine Frau Friedel nur einen Block entfernt noch unter den Lebenden ist und sich zudem lange den grausamen Experimenten der Lagerärzte unter Leitung des Dr. Mengele entziehen kann. Um mit ihr nur ab und an einige Worte und Lebensmittel wechseln zu können, dafür riskiert Eddy de Wind regelmäßig sein Leben.

Erst 1945, als die russischen Befreier kommen, erlebt das Ehepaar eine wirkliche Trennung: Friedel begibt sich, entgegen seines Rats, auf einen der Todesmärsche, auf die die SS Abertausende ihrer Gefangenen jagt, er dagegen versteckt sich im Lager und überlebt so die letzten Tage in Auschwitz. Es grenzt an ein Wunder, dass das Paar sich nach seiner Rückkehr in die Niederlande wiederfand, auch wenn die Ehe den durchlittenen Alptraum nicht überstand.

Eddy de Wind begann mit seinen Aufzeichnungen bereits, als die Deutschen aus Auschwitz abgezogen waren. Eine kleine Ironie des Schicksals: In einer Kladde der Deutschen hielt er all die Gräuel fest, deren Zeuge er wurde. So spricht aus diesem Buch die authentische Stimme eines Zeitzeugens, der, obwohl er selbst später als Psychiater und Psychotherapeut traumatisierten Kriegsopfern half, wusste, dass dieses Trauma in einem Menschenleben nicht zu überwinden ist, dass es kein Vergessen geben kann – „Ich blieb in Auschwitz“ ist ein Titel, der alles dazu sagt.

Informationen zum Buch:
Eddy de Wind
Ich blieb in Auschwitz
Piper Verlag 2020
Übersetzt von Christiane Burkhardt
240 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, 20,00 Euro
EAN 978-3-492-07001-0

Weitere Besprechungen:
Deutschlandfunk Kultur

 

 

Gabriele Tergit: Effingers

„(…) Ben ist Engländer. Er hat sich naturalisieren lassen.“
„Das finde ich aber merkwürdig. Ich war doch schließlich ein politischer Emigrant und habe meinen Weg in Frankreich gemacht, aber ich bin nie auf die Idee gekommen, ich könnte mich naturalisieren lassen, trotzdem ich die herrlichen Jahre des zweiten Kaiserreichs dort verlebte.“
„Wir fanden das auch merkwürdig von Ben, aber Ben hat in Bezug auf Deutschland und besonders auf den Antisemitismus so seine Ansichten.“
„Ach, man soll doch das nicht so überschätzen. In Berlin, wissen Sie, kommen alle möglichen Bewegungen hoch und verschwinden wieder. Es geht uns doch nichts an, wenn eine minderwertige kleine Partei uns nicht zu den Deutschen rechnen will. Die Hauptsache ist, daß wir uns als Deutsche fühlen.“

Gabriele Tergit, „Effingers“, Schöffling & Co.

Emmanuel Oppner, einer der Grandseigneure dieses Romans, wird es glücklicherweise nicht mehr erleben, wie sehr er sich täuscht. Er verstirbt 1908, noch in seinem Bett. Seinen Nachfahren, man weiß es aus der Geschichte, wird ein anderes Schicksal zuteil.

Thea Dorn schwärmte im „Literarischen Quartett“ von diesem Buch und Nicole Henneberg schreibt in ihrem Nachwort zu längst fälligen Wiederausgabe: „Was für ein großartiger Roman!“. Dem kam man mit keiner Silbe widersprechen: „Effingers“, das ist ein gewaltiger Familienroman, ein deutsches Epos, ein Generationenbuch, ein Berlinroman, lebendige Geschichtsschreibung am Beispiel zweier fiktiver Familien. Viel hat Gabriele Tergit (1894 – 1982), die wendige und intelligente Gerichtsreporterin und Autorin, dem Schicksal ihrer Familie entliehen, vieles, was sie beschreibt, kennt sie aus ihrem Erleben und ihrem Milieu: Und das macht dieses Buch so groß- und einzigartig.

Opulenter Generationenroman

Erzählt wird die Geschichte zweier Familien über mehrere Generationen hinweg, vom Kaiserreich über die Kriegsjahre und die kurze Zeit der Weimarer Republik bis hin zur Machtergreifung durch die Nationalsozialisten. Beide, sowohl die Effingers, die ursprünglich aus einem kleinen Handwerkerbetrieb in Süddeutschland kommen, als auch die Oppners, eine alteingesessene Bankiersfamilie, sind jüdischer Herkunft. Doch Religion und Zugehörigkeit spielen in ihrem Alltag meist eine nachrangige Rolle – in erster Linie sind sie deutsche Bürger.

Der vielfach angeführte Vergleich mit den Buddenbrooks kommt nicht von ungefähr: Tergit erzählt auf diesen rund 900 Seiten vom Aufstieg und Fall einer Familie. Doch ihr Blick, ihr Tonfall ist ein ganz anderer als der Mann`sche: Weniger prätentiös, lebendiger, dialogreich, voller Verve, voller Wärme und Witz. Sie mag ihre Figuren, selbst mit deren Schattenseiten. Und davon gibt es viele genug: Denn mit dem Wandel der Zeiten, mit dem zunehmenden Reichtum und dem nachfolgenden Absturz kommen nicht alle gleichermaßen zurecht. Zudem wird die Orientierungslosigkeit, die Sinnentleerung, das Suchen nach Werten und einem Halt gerade der jungen Zwischenkriegsgeneration greifbar: Die alten Traditionen zählen nicht mehr, was kommen wird ist ungewiss.

Jens Bisky schreibt in seiner Besprechung in der Süddeutschen Zeitung:
„Dieser große Roman des zwanzigsten Jahrhunderts ist in vielem außergewöhnlich. Historisch glänzend informiert, aber nie belehrend vergegenwärtigt Gabriele Tergit ein Panorama der Berliner Geschichte zwischen Reichsgründung und Zerstörung der Stadt. Ihre Bankiers und Unternehmer sind, was selten ist in der deutschen Literatur, keine Karikaturen, vielmehr ehrliche, irrende, mehr oder weniger gescheite Geschäftsleute.“

Jüdische Lebenswelt detailliert geschildert

Diese Wahrhaftigkeit, diese realitätsgetreue Schilderung ist es, die mich an diesem Roman so zu begeistern mochte: Die Figuren des Romans werden beim Lesen zu Menschen, die man sich beinahe bildhaft vergegenwärtigen kann, man lebt mit ihnen, man lacht und leidet mit ihnen. Am Ende ist man erleichtert, dass es dem lebenslustigen Paar Lotte und Erwin gelingt, in das Exil zu flüchten, am Ende ist man traurig und wütend, weil der hochbetagte Waldemar – ein liberal gesinnter Jurist, lebensklug und weise, wenig anfällig für die Ideologien seiner Zeit – von den Nazischergen verschleppt wird.

In keinem anderen Roman habe ich so viel nicht nur über die Lebenswelt deutscher Juden, die von den Nationalsozialisten zerstört wurde, sondern überhaupt über die Mentalität und Gedankenwelt dieser Zeit erfahren. Denn noch eines unterscheidet die „Effingers“ von den „Buddenbrooks“: Der Roman ist noch viel weitgehender in das gesellschaftliche und politische Geschehen verankert.

Herauszuheben ist auch, dass das Buch im Grunde ein Buch der Frauen ist: Es zeigt, wie sich deren Rolle ändert – es reicht von der Welt der in Konventionen erstarrten Bankiersgattinnen Selma und Eugenie bis hin zu den jungen Frauen, die zwischen Anpassung an das Alte und Selbstbestimmung hin- und hergerissen sind.

Dass Gabriele Tergit so realitätsgenau schrieb, dass sie ihre Menschen als Menschen beschrieb, mit ihren Stärken und Charakterfehlern, dies war für die Veröffentlichung ihres Roman, den sie bereits in Berlin begann und an dem sie dann im Exil noch Jahre schrieb, in den 1950er-Jahren ein Hindernisgrund: Im Nachkriegsdeutschland wollte man solche Bücher nicht. Das Buch erschien zunächst nur in gekürzter Fassung und dann erst in den späten 1970er-Jahren im Zuge einer späten Wiederentdeckung der Autorin.

Dass der Schöffling Verlag es nun wieder herausgebracht hat, ist eine literarische Wohltat. Und einmal mehr kann ich mich nur der Aussage von Thea Dorn anschließen: „Dass dieses Buch nicht längst ein fester Bestandteil des deutschen literarischen Kanons ist, halte ich für einen Skandal.“

Bibliographische Angaben:

Gabriele Tergit
Effingers
Schöffling & Co., 2019
28, 00 Euro, 904 Seiten, gebunden, Lesebändchen
ISBN 978-3-89561-493-4


Weitere Informationen:

Autorinnenportrait
Rezension in der Süddeutschen Zeitung
Käsebier erobert den Kurfürstendamm

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Friederike Manner: Die dunklen Jahre

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Bild von www_slon_pics auf Pixabay

„Ich erinnere mich, daß ich vor Monaten einmal einen Flüchtling aus der Slowakei sah, der sich zu Fuß über Ungarn bis Belgrad durchgeschlagen hatte. Der Beamte der Kultusgemeinde hatte ihn schroff abgewiesen und gesagt: „Wir können nichts für sie tun. Die Slowakei ist kein Emigrationsland.“ Der Mann ging ohne ein weiteres Wort … Ich sprang den Beamten an: „Es kommt vielleicht der Tag, an dem sie bettelnd vor einer Tür stehen, und man wird Ihnen antworten: Jugoslawien ist kein Emigrationsland –„ und lief dem Manne nach, um ihm wenigstens ein paar Dinar zu geben; aber er war wie vom Erdboden verschluckt, ich fand ihn nicht mehr. Ausverkauf und Weiße Woche in Menschenschicksalen …“

Friederike Manner, „Die dunklen Jahre“, 1948

Am Tag, als der Reichstag brannte, weiß die gebildete Wienerin Klara, dass auf sie und ihre Familie finstere Zeiten zukommen werden. Und die Ereignisse überschlagen sich: Bald ist Österreich angeschlossen, bald beginnen auch hier die ersten Pogrome gegen Juden. Sie wäre davon nicht betroffen, aber ihr Mann Ernst, ein anerkannter, jüdischer Arzt und ihre beiden kleinen Kinder, als „Mischlinge“ eingestuft, bekommen den Hass schnell zu spüren. Obwohl das Paar in Trennung lebt, bietet die Ehe noch einen hauchdünnen Schutz für Mann und Kinder.

Schnell entscheiden sie sich, zu flüchten: Zunächst geht Klara mit den Kindern zu Verwandten in die Schweiz, dann folgt sie ihrem Mann nach Belgrad – aber auch die „weiße Stadt“ wird, nachdem die Bevölkerung gegen die Unterzeichnung des „Dreimächtepaktes“ revoltiert hatte, von den Nationalsozialisten unterworfen und besetzt. Als „Arierin“ bleibt Klara zwar relativ unbehelligt, aber Ernst wird inhaftiert und stirbt in einem jugoslawischen Lager. Klara kehrt mit den Kindern 1945 in das zerstörte, hungernde Wien zurück – in eine Heimat, die keine mehr ist, als Exilantin mit ihren ganz eigenen Erfahrungen wieder eine Fremde unter denen, die während der Kriegsjahre zuhause geblieben sind.

Bereits 1948 veröffentlichte die Lektorin Friederike Manner (1904 – 1956) unter dem Pseudonym Martha Florian ihren Roman „Die dunklen Jahre“. Gewissermaßen ein autobiographisches Buch – wie Klara ist die Autorin mit einem jüdischen Arzt verheiratet, hat zwei Kinder und flüchtet mit der Familie nach Jugoslawien – in Romanform, zugleich eine Mischung aus Tatsachenbericht und Dokumentation. Vor allem aber ist das Buch ein sehr authentisches, anrührendes Zeugnis für das, was Flucht und Exil in Zeiten des Krieges für die betroffenen Menschen bedeutet.

Wieder kommt ein Winter auf uns zu – der wievielte ist es nun, seit wir von daheim fort sind? Ich habe zu zählen aufgehört. Ich weiß längst, daß das Daheim keine Heimat mehr ist, auch wenn wir eines Tages zurückkehren. Irgendwie ist es zu spät – die Wurzeln, die uns hier halten, sind karg und dünn, die Wurzeln der Heimat sind abgestorben. Ich verstehe jetzt, wie den Weltfahrern zumute ist, die überall frösteln  und fehl am Platze sind. Was innerlich längst mein Schicksal war, ist nun auch nach außen hin besiegelt. „Ich bin ein Fremdling überall …“

Der Roman erzählt vom täglichen Überlebenskampf in einem fremden Land: Zwar schlüpft Klara alias Friederike in einer von Jugoslawen geleiteten Behörde der Besatzungsmacht unter, doch es mangelt an allem, Essen, Kleidung, Wohnraum. Und auch ihre „geistige Nahrung“, die ihr zuweilen Trost und Halt gibt, stellt sie manches Mal in Frage:

Ich frage mich, wozu diese ganze Kultur eigentlich gut war, da sie doch nicht vermochte, den Menschen zu ändern. All diese Jahrhunderte deutscher Blüte in Architektur, Bild, Ton und Wort ersaufen nun in Blut.

Alles stellt Klara, die Scharfsichtige und zuweilen auch Scharfzüngige, auf den Prüfstand: Ihre eigenes Leben, ihr eigenes Tun – beziehungsweise Nicht-Handeln, die Wehrlosigkeit, mit der sich ganze Völker der Brutalität der Nationalsozialisten ergeben. Immer wieder hadert sie mit ihrem eigenen Status quo. Was ist wichtiger: Die eigene Familie zu retten oder Widerstand? Mit ihren Fragen, ihren Selbstzweifeln, ihren Anklagen bleibt sie isoliert, bleibt sie fremd. Und vor allem ihre Überzeugung, dass die Menschheit, die Menschen auch aus dieser Katastrophe nichts lernen wird, dass es nach der Katastrophe keine Veränderung geben wird, vor allem dies bringt sie zur Verzweiflung.

Wären die Kinder nicht, so lohnte es sich nicht mehr zu leben, der Suizid eine Option: Mehrfach wird dies in dem Buch, das bereits in den Kriegsjahren entstand, angedeutet. Umso tragischer die Realität: 1956 nimmt sich Friederike Manner, auch aus Enttäuschung von der mangelnden „inneren Auseinandersetzung mit der Diktatur“ das Leben.

Im Nachwort zur Wiederauflage des Romans – der ersten, sieben Jahrzehnte nach Ersterscheinung des Buches – weist Evelyne Polt-Heinzl darauf hin:

„Friederike Manner sei an der „geistigen Verlogenheit, der sie sich nicht beugen konnte, noch wollte, zugrunde gegangen“, schrieb Oskar Wiesflecker nach ihrem Freitod am 6. Februar 1956.“

Das Wissen um dieses traurige Lebensende stellt diesen autobiographischen, dokumentarischen Roman (der im Übrigen auch einen interessanten Einblick auf die politischen Umstände im ehemaligen Jugoslawien und den Konflikten zwischen Serben und Kroaten bietet) in ein besonderes Licht: Soviel Wille zum Überleben, soviel Überlebenskampf und Durchhaltevermögen, immer mit der Angst vor Verfolgung und Verhaftung, solange übersteht Friederike Manner Krieg und Exil – um am Ende an den Verhältnissen im „Frieden“ zu verzweifeln.

Der österreichische Schriftsteller Erich Hackl wird vom Verlag mit diesen Worten zitiert:

„Friederike Manners Roman „Die dunklen Jahre“ ist vieles in einem: Roman der Selbstfindung und Selbstbehauptung einer Frau, Roman von Verfolgung, Flucht und Widerstand, Exilroman, Politthriller, Tagebuch einer Mutter, Chronik der laufenden Ereignisse.
Ein Roman auch über das Versäumnis – und die Folgen dieses Versäumnisses -, nicht rechtzeitig für, sondern nur gegen etwas gekämpft zu haben. Also einer über uns und unsere Gegenwart. Einer der besten Romane überhaupt.“

Informationen zum Buch:

Friederike Manner
Die dunklen Jahre
Edition Atelier Wien
28,00 Euro
ISBN: 978-3-99065-008-0
Auch als E-Book erhältlich

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Katherine Anne Porter: Das Narrenschiff

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Bild von Thomas Wolter auf Pixabay

„Wenn nicht ein Wunder geschah, würden sie Deutschland nie wiedersehen. Mary und er mussten füreinander die Heimat sein, sie mussten, wohin sie auch gingen, ihr eigenes Klima mit sich tragen, mussten es Heimat nennen und versuchen, nicht an seinen wirklichen Namen – Verbannung – zu denken. In Gedanken sah er Mary am Klavier sitzen und spielen und singen, und er pfiff ihr Lied mit: „Kein Haus, keine Heimat …“

Katherine Anne Porter, „Das Narrenschiff“, USA, 1962

Es gibt solche Bücher, die halten der Magie der ersten Lektüre bei einem „Wiederlesen“ nicht mehr Stand. „Das Narrenschiff“ stand, wie ich mich erinnere, schon im elterlichen Bücherregal, ein 700-Seiten-Wälzer in einer etwas altmodischen Übersetzung, aber dennoch faszinierend für die pubertierende Lesende. Wie durch ein Guckloch schaute ich auf dieses menschliche Treiben auf dem Schiffsdeck, fieberte mit den Liebenden mit, litt mit den Armen, die im Zwischendeck eingepfercht waren, mit den jüdischen Passagieren, die in der Messe an den Katzentisch verbannt wurden und hegte nichts als Verachtung für die dicken deutschen Herrenmenschen und die Schweizer Spießer, die dieser Roman en masse zu bieten hatte.

2010 brachte der Manesse Verlag dieses opulente Buch, einer der wenigen Gesellschaftsromane aus der Hand einer Schriftstellerin, in neuer Übersetzung durch Susanna Rademacher heraus. Und wieder erfasste mich das Reisefieber: Alles las sich nun viel geschmeidiger, die Geschichte mit ihren unzähligen Verknüpfungen riss mich wieder mit. Doch schon da war ein gewisses Unbehagen bei der Lektüre vorhanden, etwas, das mich dazu trieb, dieses Buch erneut in die Hand zu nehmen, langsamer und kritischer zu lesen, mich dem Sog, einfach wissen zu wollen, „wie es weitergeht“ zu entziehen. Und siehe da: Je öfter man eine Kreuzfahrt bucht, desto mehr verliert sich der nach außen getragene Glanz, desto sichtbarer werden Technik und Handarbeit, die den Dampfer vorantreiben. Und vielleicht spielt auch hier – in literarischer Hinsicht – die „Gnade der späten Geburt“ eine Rolle: Die karikaturhafte Überzeichnung der Passagiere in diesem Roman lässt sich heute deutlich kritischer und sachlicher betrachten, wie es kurz nach Ablegen des Narrenschiffes in den 1960-er Jahren war.

„Das Narrenschiff“: Durchaus ein großer Roman, dessen Schwächen jedoch in der Überzeichnung der Figuren und Gegensätze deutlich werden, dessen Stärke dagegen die präzise psychologische Wiedergabe komplizierter Liebes- und zwischenmenschlicher Beziehungen ist. Ein Schmöker mit Abstrichen.

Soviel Prolog, nun zum Buch selbst:

1931 legt in Veracruz der Dampfer „Vera“ ab, Zielhafen ist Bremerhaven, wo die Passagiere wenige Wochen später von einer Blaskapelle, die „O Tannenbaum“ intoniert, empfangen werden. Eine Handvoll Menschen, miteinander konfrontiert auf engstem Raum, sich selbst und ihren Leidenschaften überlassen: das ist der Stoff, aus dem die großen Geschichten entstehen können. Die amerikanische Autorin Katherine Anne Porter (1890 – 1980), die für ihr literarisches Debüt 1930 mit „Flowering Judas“, einem Band mit Erzählungen, gefeiert wurde, schrieb fast ein Drittel ihres Lebens an diesem Stoff: „Das Narrenschiff“ wurde auch für sie zur Lebensreise. Die als äußerst selbstkritisch bekannte Autorin, die sich mit journalistischen Arbeiten, Vorträgen und Lesereisen finanziell über Wasser hielt, feilte Wort für Wort an der Geschichte. Aber vor allem kam ihr beim Schreiben immer wieder eines in den Weg: Das Leben, die Liebe, beides turbulent und nicht allzu glückvoll.

Als der Roman 1962 endlich erschien, wurde er, vor allem in den USA, als Sensation gefeiert. Von der deutschen Literaturkritik jedoch hagelte es negative Urteile, die oftmals vom Zeitgeist und Emotionalität einer Kriegs- und Nachkriegsgeneration geprägt waren. Eine Rezension in „Der Spiegel“ von 1962 fasst dies zusammen:

„Weniger begeistert waren deutsche Kritiker vom Stapellauf des modernen „Narrenschiffs“. Washington – Korrespondent Herbert von Borch etikettierte in der „Welt“ das Porter-Buch als ein „Dokument des Hasses“, und die „Frankfurter Allgemeine“ warnte: „Seit einer Dekade hat kein amerikanischer Roman mehr einen so jähen, durch keine kritische Stimme getrübten Erfolg gehabt… Nicht jeder deutsche Leser wird in diesen Jubelchor einstimmen.“

Tatsächlich verdeutlicht der Roman, dessen Personal sich zu einem großen Teil aus Deutschen rekrutiert, recht drastisch die Antipathie der Autorin gegen teutonische Mentalität, in der sie als gewichtige Wesenszüge Fanatismus und Grausamkeit zu erkennen glaubt.“

50 Jahre später wirft Wolfgang Schneider in der „FAZ“ dazu ein:

„Aus heutiger Sicht gibt es eher ein ästhetisches Problem: Man ist allzu schnell fertig mit den sich selbst entlarvenden Nazi-Spießern. In Literatur und Film kommen nur noch kultivierte Nationalsozialisten in Frage: kalte, machtgestützte Charmeure, hochreflektierte Unmenschen, unbanale Böse – siehe Littell oder Tarantino.“

Als „politisches Mahnmal“ gegen Zivilisationsbrüche“, wie es auf dem Klappentext der Neuauflage zu lesen ist,  taugt dieser Roman nur bedingt: Dafür bietet er zu viel Schwarz-Weiß-Zeichnung auf, zu viel Holzschnitt. Aber er vermag Empathie zu wecken: Für den „Underdog“ aus der Arbeiterklasse, der beim Versuch, einen Hund zu retten, der über Bord geworfen wurde, ertrinkt. Für den sanftmütigen Schiffsarzt, der all die Blessuren, physische wie psychische, seiner Passagiere zu lindern versucht, obwohl er selbst am Leben zweifelt und am Körper leidet. Und für jungen Wilhelm Freytag, der im Eingangszitat dieses Beitrags auftritt: Mit einer Jüdin verheiratet weiß er, dass er in Deutschland keine Heimat mehr haben wird. Zwischen anerzogenen „Nationalstolz“ und Patriotismus und der Liebe zu seiner Frau zerrissen, schwankt er wie ein Schiffbrüchiger durch diese Geschichte. Doch auch an ihm zeichnet die Autorin mit ihrem realistischen, präzisen Blick für den Wankelmut der Menschen die Schattenseiten heraus, auch er ist kein ungebrochener Sympathieträger.

Das ist das Interessante an diesem Werk: „Das Böse“, der deutsche Spießer und Brandstifter, er kommt oftmals allzu plakativ daher – den vielen weiteren Reisenden jedoch kriecht die Autorin förmlich ins Gehirn, seziert ihre Seele. Bei fast 30 Protagonisten, die alle episodenhaft auftreten und portraitiert werden, entfaltet sich hier die Fülle des Lebens. Und Lebenserfahrung, dies zeigt die Biographie von Katherine Anne Porter, hatte die Autorin genug. Selbst das „Narrenschiff“ – der Titel ist wie das Konzept der Seereise angelehnt an die 1494 erstmals gedruckte Satire von Sebastian Brant – findet bei Porter eine Entsprechung im „echten Leben“: Sie selbst reiste mit dem Schiff nach Deutschland, mit an Bord Hermann Göring, der ihr offenbar Avancen machte. Wer das „Narrenschiff“ aufmerksam liest, wird nicht unschwer eine Figur finden, die an den Nationalsozialisten erinnert. Viel interessanter sind jedoch die Reisenden, deren Charakterisierung sich weniger an „Typen“, sondern mehr an Individuen orientiert. Individuen, die Porter, die zeitlebens das Leben einer Bohemienne führte, immer reisend, immer in die falschen Männer verliebt, durchaus gekannt haben mag: All ihre Menschenerfahrung ist in diesem Roman gebündelt.

Elke Schmitter, die auch für die aktuelle Manesse-Ausgabe das Nachwort beisteuerte, schrieb in einem Essay:

„Doch die Nöte der plumpen jungen Elsa Baumgarten, die triebhaften Verwirrungen des einsamen Wilhelm Freytag, die Kämpfe der stolzen Mrs. Treadwell, die Beziehungsdramen von Jenny und David, die selbstzufriedenen Phrasen des Professor Hutten und die Seekrankheit seiner Bulldoge – all diese Realitäten haben in Anne Katherine Porter eine faire Protokollantin gefunden. Mit gleichbleibenden Abstand, in unbestechlicher Ruhe zeichnet sie auf, woraus die Menschen gemacht sind. Das ganze krumme Holz. Mit jeder einzelnen Maserung.“

Angaben zum Buch:

Katherine Anne Porter
Das Narrenschiff
Manesse Verlag, 2010
26,95 Euro
704 Seiten, geb., Schutzumschlag
ISBN: 978-3-7175-2220-1


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