Francis D. Pelton: Sprung über ein Jahrhundert

„Übrigens: Was ist Utopie? Alle Wirklichkeit ist die Utopie von gestern. Vor hundertfünfzig Jahren glaubte niemand, dass der Mensch je würde fliegen können. Und so ist alle Utopie nur die Wirklichkeit von morgen.“

Francis D. Pelton, „Sprung über ein Jahrhundert“, Erstveröffentlichung 1934.

Eine todbringende Pandemie, ein Krieg in Europa, Kriege und Krisen in der ganzen Welt, Inflation und Rezession und nicht zuletzt die über allem drohende Klimakatastrophe: Wer wünschte sich derzeit nicht zurück in die Zukunft, einen Trip in der Zeitmaschine, einen Ausweg in eine bessere Welt? So ähnlich muss es auch dem Helden aus diesem eigenartigen kleinen Roman gegangen sein, der 1932 auf seinem schwäbischen Anwesen die Zeitmaschine aus H.G. Wells Roman entdeckt und kurzerhand einsteigt. 100 Jahre später landet Hans Bachmüller genau dort, wo die Reise losging. Und doch in einer ganz anderen Welt.

Der von Max Bill gestaltete Umschlag der Erstausgabe ziert auch die Wiederauflage im Quintus-Verlag.

Es ist eine kleine humoristische Petitesse, dass der Schwaben nach seiner Zeitreise sich zunächst nach Spätzle sehnt. Ansonsten aber ist dieses Buch geprägt von einem tiefen Ernst, literarisch etwas spröde – aber gerade darin liegt sein außerordentlicher Wert und auch seine Aktualität für unsere Zeiten: Denn diese Utopie zeigt eine Welt auf, in der der gnadenlose Raubtier-Kapitalismus überwunden wurde zugunsten einer Gesellschaft freier, gleichgestellter Menschen. Die aufgezeigte Alternative ist jedoch kein kommunistisches Modell, von dem der Autor, zu dem wir gleich noch kommen, ebenfalls nicht viel hielt:

„Der Kommunismus war nichts als das fotografische Negativ des Kapitalismus: schwarz wo weiß, weiß wo schwarz war.“

Der Kommunismus sei ein System, das den Menschen als „Maschinenteilchen“ betrachtet hat, so bekommt es Hans Bachmüller von seinen Nachfahren aus dem Jahr 2032 erklärt. Der Kapitalismus befördere die Herrschaft einiger weniger Menschen und höhle die Demokratie aus. Kommt einem das bekannt vor?

Das ideale Gesellschaftssystem liegt, so will es der Roman vermitteln, in der Akratie, der Aufhebung der Klassengesellschaft, die das Ideal einer Gesellschaft ist, die von jeder wirtschaftlicher Ausbeutung befreit ist. Wie das im Praktischen geschehen kann, das erfährt Hans Bachmüller bei seinem Besuch in der Zukunft. Statt großer Monopolisten gibt es kleine Produktionseinheiten, die die Zusammenarbeit fördern, die Genossenschaftsidee steht im Vordergrund. Im Roman wird das insbesondere an der Landwirtschaft deutlich gemacht: Die Bauern behalten ihren eigenen Besitz, der in jedem Fall die ausreichende Selbstversorgung garantiert, und arbeiten darüber hinaus in der Lebensmittelproduktion zusammen. Ein Modell, das, wenn auch nur vereinzelt, auch in unserer heutigen, tatsächlichen Welt von 2021 umgesetzt wird: Landwirtschaftliche Kollektive von Bauern, die sich vom Brüsseler Subventionstopf unabhängig machen wollen und auf Direktvermarktung sowie genossenschaftliches Handeln setzen.

Auch der Autor dieses Romans versuchte solche Genossenschaftsmodelle, unter anderem in Palästina, durchzusetzen. Der Urheber dieser Fiktion war, wenn man zu Schubladen greifen will, ein liberaler Sozialist, eigentlich der „Großvater“ unserer sozialen Marktwirtschaft: Franz Oppenheimer (1864 bis 1943), der erste Inhaber eines Soziologie-Lehrstuhls in Deutschland. Einer seiner Schüler war Ludwig Erhard, der im Gedenken an ihn sagte:

„Etwas hat mich so tief beeindruckt, dass es für mich unverlierbar ist, nämlich die Auseinandersetzung mit den gesellschaftspolitischen Fragen unserer Zeit. Er erkannte den »Kapitalismus« als das Prinzip, das zur Ungleichheit führt, ja das die Ungleichheit geradezu statuiert, obwohl ihm gewiss nichts ferner lag als eine öde Gleichmacherei. Auf der anderen Seite verabscheute er den Kommunismus, weil er zwangsläufig zur Unfreiheit führt. Es müsse einen Weg geben – einen dritten Weg -, der eine glückliche Synthese, einen Ausweg bedeutet. Ich habe es, fast seinem Auftrag gemäß, versucht, in der Sozialen Marktwirtschaft versucht, einen nicht sentimentalen, sondern einen realistischen Weg aufzuzeigen.“

Als Oppenheimer 1933 seinen Roman beginnt, ist für den in Berlin geborenen Juden die Situation in Deutschland schon unhaltbar geworden: Zwei seiner Bücher, so Herausgeberin Claudia Willms, die den Roman für seine Wiederauflage 2017 ans Licht hob und mit einem kenntnisreichen Nachwort versah, standen bereits auf der Schwarzen Liste der Nationalsozialisten. Und dennoch wollte Oppenheimer zu den Krisen seiner Zeit nicht schweigen, die Menschen nochmals aufrütteln. So wählte er die Form einer Fiktion, so wählte er zudem ein Pseudonym, um „Sprung über ein Jahrhundert“ überhaupt veröffentlichen zu können. Der Roman erschien dann 1934 in der Schweiz.

„Sein Inhalt ist unter der Verkleidung von Science-Fiction ein dialogisierter Traktat über eine andere Möglichkeit des 20. Jahrhunderts, die zum Zeitpunkt seiner Entstehung ziemlich das genaue Gegenteil dessen darstellte, was sich gleichzeitig beim Aufstieg von Nationalsozialismus und Stalinismus vollzog“, schrieb Gustav Seibt in der Süddeutschen Zeitung zur Wiederentdeckung dieses schmalen Buches.

Der an ein Traktat erinnernde Stil sowie insbesondere das etwas mystisch verbrämte Schlusskapitel mindern etwas den literarischen Genuss dieses Werkes, das aber andere Qualitäten zu bieten hat: Denkanstöße, wie eine bessere Welt wie die unsere, die momentan eigentlich Konkurs anmelden müsste, zu gestalten wäre. Neben den wirtschaftlichen Ideen ist dieses Buch auch in politischer (wenn auch nur eurozentrischer) Hinsicht visionär: In der Welt des Jahres 2032 gibt es keine Nationalstaaten mit ihren patriotisch-egoistischen Auswüchsen mehr, sondern – und hier war Oppenheimer außerordentlich modern – ein „Europa der Regionen“, das von unten her gestaltet wird und lediglich von einer Weltregierung aus Experten zurückhaltend verwaltet wird. Grundlage dafür ist die Überwindung der deutsch-französischen Erbfeindschaft. Und diese gelingt durch einen Wissenschaftler, der die Folgen für alle durch eine neue Massenvernichtungswaffe aufzeigt: Wer in diesem Herrn Albert Einstein zu erkennen glaubt, täuscht sich nicht, wie das Nachwort verdeutlicht.

Natürlich war Oppenheimer nicht in allem auf der Höhe der Zeit: Von der Klimakatastrophe konnte er noch nichts ahnen und so ist es ein Fortschritt 2032, dass jeder ein Auto besitzt. Frauenrechte lagen für ihn darin, dass dieselben zwar gebildet sein durften, aber nicht mehr berufsmäßig sein mussten. Und der Blick ist auf Europa verengt, der Umgang mit den Kolonialländern etwas schwierig. Dagegen aber spricht er in diesem Roman Dinge an, die heute immer wieder diskutiert werden: Eine Reichensteuer beispielsweise, neue Wirtschaftsformen, Arbeitszeitverkürzung.

Noch einmal Gustav Seibt:
„Man könnte lange fortfahren, die Details dieser in vielen Zügen urdeutschen, sogar patriotischen, ein bisschen sogar mystischen Technik-Garten-Fortschritts-Idylle aufzuzählen. Denn natürlich zeigt das Buch wie alle vergangene Zukunft tiefe Spuren seiner Entstehungszeit (…) Am besten man liest das Buch selber und staunt, was schöpferische Vernunft im düstersten Moment der europäischen Geschichte ausdenken konnte. Es ist eigentlich unglaublich.“

Birgit Böllinger

Nachtrag: Ich wäre auf dieses Buch nicht gestoßen ohne einen Hinweis von Wolfgang Hempel von der Wilhelm-Fraenger-Gesellschaft, die in der „Bibliotheca Fraengeriana“ dafür sorgt, dass solche Werke nicht vergessen werden.

Bemerkenswert ist nicht nur der Inhalt des Romans, sondern auch die Umschlaggestaltung – eine frühe Arbeit des später renommierten Formgestalters, Architekten und Künstlers Max Bill, der obendrein auch noch sein eigenes Konterfei – von seiner Frau fotografiert – in die Collage hineinmontiert hat.

Das Buch erschien im Quintus-Verlag, alle weiteren Angaben dazu finden sich hier:
https://www.quintus-verlag.de/Sprung-ueber-ein-Jahrhundert/978-3-947215-01-0

KRÖNER VERLAG: Tina Stroheker wird mit Berthold-Auerbach-Preis ausgezeichnet

Die Holocaust-Überlebende Inge Auerbacher aus New York hat bei der Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2022 im deutschen Bundestag an ihren Verwandten, den Dichter Berthold Auerbach (1812-1882), erinnert. Doch nicht nur eine Straße in Berlin ist wieder nach ihm benannt, auch in seinem schwäbischen Geburtsort Nordstetten, heute ein Stadtteil der Großen Kreisstadt Horb am Neckar, wird das Andenken an den im 19. Jahrhundert weltweit gelesenen Bestsellerautor seit Jahrzehnten gepflegt.

Bild: Horst Alexy

Im Berthold-Auerbach-Museum im Schloss Nordstetten lassen sich in einer 1986 vom Deutschen Literaturarchiv Marbach eingerichteten Gedenkstätte seine Schriften und die Stationen seines bewegten Lebens erkunden. Alle fünf Jahre wird zudem der Berthold-Auerbach-Literaturpreis verliehen. Seit 1982 vergibt die Stadt Horb am Neckar im Gedenken an den deutsch-jüdischen Schriftsteller diese Auszeichnung für ein literarisches Werk, das in der Tradition Berthold Auerbachs steht oder sein Erbe in zeitgemäßer Weise fortführt.

Dieses Jahr wird diese Auszeichnung an die Schriftstellerin Tina Stroheker aus Eislingen verliehen. Gewürdigt wird sie für die 2021 in der Kröner Edition Klöpfer im Kröner Verlag Stuttgart erschienene poetische Biografie „Hana oder Das böhmische Geschenk“. Zugleich sollen ihr Engagement zur Förderung von Frauen in Kultur und Gesellschaft und ihr Einsatz für die Verständigung mit Osteuropa die verdiente Würdigung erfahren.

Die Preisträgerin:

Tina Stroheker wurde1948 in Ulm geboren. Heute lebt sie in Eislingen an der Fils. Von 1967 bis 1972 studierte sie Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaft in München. Danach unterrichtete sie zehn Jahre lang an Gymnasien in Göppingen und Schwäbisch Gmünd. Seit 1983 arbeitet sie als freie Schriftstellerin. Neben weiteren Auslandsaufenthalten war sie Gastschreiberin im polnischen Lodz und 1986 Stipendiatin der Villa Massimo in Rom. Tina Stroheker wurde mit dem Literaturpreis der Stadt Stuttgart 1992 und mit dem Andreas-Gryphius-Preis 2017 ausgezeichnet. Unter anderem ist sie Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland und engagiert sich im Förderkreis deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg. Seit vielen Jahren trägt und fördert sie zahlreiche literarische und künstlerische Projekte.

Das prämierte Werk:

Die Autorin Tina Stroheker widmet ihr Werk der tschechischen Germanistin und Dissidentin Hana Jüptnerová. In 67 Albumblättern verbindet sie eine Auswahl schlichter Familienfotos mit sprachlich dichten, sensiblen Texten. So entsteht ein „poetisches Portrait“, eine ganz eigene, persönliche Art der Biografie, die das reiche Leben einer mutigen und beeindruckenden Frau in Streiflichtern widerspiegelt.

Es gibt dabei keine allwissende Erzählerin, sondern eine Chronistin, die tastet, nachspürt, aufhebt. Ein Betrachten und Beschreiben. Die einzelnen Albumblätter, von denen jedes zum Nach-Fühlen und Nach-Denken einlädt, dokumentieren das freundschaftliche Sich-Annähern zweier Frauen. Solch eine Biografie, die sich aus fotografischen Fragmenten zu einem großen Gedenkbild zusammen zusammenfügt, kann nur eine Dichterin schreiben.

Informationen zum Buch beim Verlag: https://www.kroener-verlag.de/details/product/hana-oder-das-boehmische-geschenk/

Die Preisverleihung:

Die feierliche Verleihung des 7. Berthold-Auerbach-Literaturpreises an Tina Stroheker durch Peter Rosenberger, Oberbürgermeister der Stadt Horb a. N., findet am Mittwoch, 25. Mai 2022 für geladene Gäste im Schloss Nordstetten statt. Die Laudatio hält Sibylle Knauss.

Ein Beitrag im Rahmen meiner Pressearbeit für den Alfred Kröner Verlag.

EDITION FAUST: Helmut Ortner – Volk im Wahn

Deutschland in den Nachkriegsjahren: Ein »entnazifiziertes« Volk müht sich, das zu vergessen, was es verschwieg – seine Bereitschaft zur Teilnahme an einem System der Barbarei. Tatsächlich wurden im Westen vor allem Verwaltung, Justiz und Industrie mit Hilfe tief ins Nazi-System verstrickter Männer und Mörder aufgebaut. In der DDR gab es einige wenige Todesurteile für entlarvte Täter, ansonsten galt die Unterstützung des neuen Unrechtssystems als Freibrief. 

All das, so kann eingewendet werden, ist nicht neu. Und dennoch entfaltet die Essay-Sammlung von Helmut Ortner durch die Ballung von Fakten in erzählerischer Form – durch die Schilderung von Geschehnissen in Bezug auf einzelne Biographien – ungeheure Wirkung.

So wird die Karriere des Scharfrichters Johann Reichhart nachgezeichnet. Nach dem Krieg nutzten die Amerikaner die Fertigkeiten des »damned murderer«, der den amerikanischen Kollegen Hazel Woods in seine Galgenkunst einweist, damit dieser sie an den in Nürnberg Verurteilten perfekt praktizieren konnte. 

Oder der Fall des Arnold Strippel, der als eifriger SS-Mann in verschiedenen KZs arbeitete und unter anderem 20 jüdische Kinder ermordete. Prozess, Inhaftierung, Wiederaufnahme des Verfahrens und eine mildere Verurteilung bescheren ihm eine Haftentschädigung von 120.000 Mark, sieben Mal so viel wie die KZ-Häftlinge bekommen hätten, wenn sie ihm entronnen wären. Damit kaufte er eine Wohnung in Kalbach und stritt mit Nachbarn wegen Bäumen, die seinen Balkon beschatteten. 

Das Hauptaugenmerk lenkt Ortner auf die penible Untersuchung der Justiz. „Die personelle Kontinuität nach 1945 ist ein zweifelhaftes Lehrstück politischen Verhaltens zwischen Strafe und Reintegration, Kontrolle und Unterwanderung, Reform und Restauration“, so der Autor. Mit der Folge, dass so lange keine Anklagen gegen Massenmörder und Kriegsverbrecher erhoben wurden, bis sie starben. Der erste Prozess gegen einen KZ-Aufseher, einen Polen, fand erst 2016 statt.  Sogar die Juristen der Nachfolgegenerationen waren bis 2021 blind gegenüber den Namen, die auf den beiden wichtigsten Kommentar-Sammlungen zum Grundgesetz und zum Bürgerlichen Gesetzbuch sowie auf der Loseblatt-Gesetzsammlung standen: Palandt, Maunz und Schönfelder. Alle drei hatten als einflussreiche Juristen den Nazis nach Kräften juristische Legitimität verschafft.

Zum Autor:

Helmut Ortner hat bislang mehr als zwanzig Bücher – überwiegend politische
Sachbücher – veröffentlicht, u.a. Der Hinrichter. Roland Freisler, Mörder im Dienste
Hitlers, Der einsame Attentäter. Georg Elser und Fremde Feinde. Der Justizfall Sacco &
Vanzetti. Zuletzt erschienen Gnadenlos deutsch (2016), Dumme Wut, kluger Zorn (2018),
EXIT. Warum wir weniger Religion brauchen (2019) sowie Ohne Gnade. Eine Geschichte
der Todesstrafe (2020). Seine Bücher wurden bereits in 14 Sprachen übersetzt.
https://www.helmutortner.de/

Stimmen zum Buch:

Vorabdruck in der Frankfurter Rundschau: https://www.fr.de/panorama/helmut-ortner-kann-vergangenheit-verjaehren-91443557.html

Helmut Ortner im Interview bei Faust Kultur

„Helmut Ortners Sammlung (…) ist (…) immer wieder erschütternd. Die Zusammenschau der Ungerechtigkeiten und Kontinuitäten zeigt ein katastrophales Bild der deutschen Geschichte und insbesondere der deutschen Rechtsprechung.“ – Koreander – der Bücherblog

Informationen zum Buch:

Helmut Ortner
Volk im Wahn
Hitlers Deutsche oder 
Die Gegenwart der Vergangenheit
Dreizehn Erkundungen
Edition Faust, Frankfurt am Main, März 2022
296 Seiten, Klappenbroschur, 22,00 €
ISBN 978-3-949774-04-1

Presseanfragen und Rezensionsexemplare: Birgit Böllinger, Telefon 0821 4509-133, kontakt@birgitboellinger

Ein Beitrag im Rahmen meiner Pressearbeit für die Edition Faust.


ANDREAS FISCHER: Die Königin von Troisdorf

Die 1960er Jahre. Bundesrepublik Deutschland. Im rheinischen Troisdorf betreiben die Eltern des Erzählers ein gutgehendes Fotoatelier. Nach außen hin demonstriert man seinen Status: Häuser. Neues Auto. Sonntäglicher Kirchgang – zumindest der Frauen und des Kindes.

Doch hinter der gutbürgerlichen Fassade legen die Familienmitglieder verstörende Verhaltensweisen an den Tag. Was treibt die Eltern um, die den Zweiten Weltkrieg als junge Erwachsene erlebten? Warum verabscheut die Oma, die zwei Weltkriege erlebte, ihren Enkel?
Wie sehr ist das Gift des Nationalsozialismus bei diesen Menschen noch wirksam?

In einem weiten Bogen erzählt Andreas Fischer die Geschichte seiner Familie von 1914 bis 2014, vom Einsatz des Großvaters als Soldat im Ersten Weltkrieg bis zum Tod der Mutter. Der Autor verwebt Familienereignisse, die vor seiner Geburt lagen, mit Szenen aus seiner Kindheit und Jugend und Dokumenten aus unterschiedlichen Quellen: Briefe des gefallenen Bruders der Mutter finden sich ebenso im Buch wie Unterlagen aus Militärarchiven.

DIE KÖNIGIN VON TROISDORF zeigt eindrucksvoll, wie sehr eine ideologische Verblendung und nicht verarbeitete, traumatische Kriegserlebnisse Familien über Generationen hinweg prägen.

Ein beeindruckender Debütroman.
Ein Kriegsenkelroman.

Zum Autor:

Bereits in mehreren Dokumentarfilmen beschäftigte sich der mit mehreren Preisen ausgezeichnete Filmemacher Andreas Fischer mit der Frage, wie sich kriegsbedingte Verluste und Traumata generationenübergreifend auf Familien auswirken, unter anderem in Söhne ohne Väter (3sat / SWR) und Der Hamburger Feuersturm 1943 (NDR).
Seit 1992 ist Andreas Fischer mit eigener Filmproduktionsfirma in Berlin ansässig:
www.moraki.de

Nominiert für die Shortlist beim Literaturpreis Ruhr 2022

Stimmen zum Buch:

„In seinen Dokumentarfilmen „Söhne ohne Väter“ oder „Töchter ohne Väter“ gibt er Kriegskindern das Wort. Themen, die traurige Aktualität haben und denen Andreas Fischer sich seit vielen Jahren widmet. Mit Katrin Heise spricht er über aufwühlende Interviews, Blicke ins Familienarchiv und die schwierigen Arbeitsbedingungen eines freien Filmemachers.“
Andreas Fischer in der einstündigen Sendung „Das Gespräch“ – im Gespräch mit Katrin Heise bei RBB Kultur.

„Das Erzählen von dem Erlebten ist vielleicht schmerzhaft, aber wo geschwiegen wird, geht es in jedem Falle schlechter.“ – Andreas Fischer im Interview im Bonner General-Anzeiger

Portraits erschienen unter anderem im „Tagesspiegel“, der Rhein-Sieg-Zeitung und der Rhein-Sieg-Rundschau.

„Andreas Fischer hat in seinem autobiografischen Debutroman ein außergewöhnliches und dennoch paradigmatisches Werk geschrieben, dass hoffentlich eine breite Leserschaft erreicht. Was hier für die deutsche Kriegs- und Nachkriegsgesellschaft beschrieben ist, kann als universell gelten. Die Auswirkungen von Krieg und Zerstörung enden nicht mit dem Einstellen der Kampfhandlungen. Unter der Geißel der Menschheit leiden auch die Nachfolgegenerationen. Eine unbedingte Leseempfehlung!“ – Sascha Thoma, koreander.net

„Mit „Die Königin von Troisdorf“ ist Andreas Fischer ein eindrucksvolles, sehr persönliches und tief bewegendes Zeitdokument der 60er und 70er Jahre gelungen. Er blickt nicht einfach nostalgisch zurück, sondern bringt die Verblendungen, Kälte und Verletzungen der Nachkriegsgenerationen ans Tageslicht. Ein faszinierender Roman und Schlüssel zum tieferen Verständnis dieser Zeit. Ein Buch, das geschrieben werden musste.“ – Jörg Liesegang, Horatio Bücher

„Mit Die Königin von Troisdorf bringt Fischer der Leserschaft die Befindlichkeit der Kriegsenkel näher, forscht in der Familiengeschichte nach den Ursachen und tut das, was ihm strengstens verboten wurde. Obwohl „Hindenburg und Ludendorff“ immer schwere Geschütze aufgefahren haben, um genau das schon im Vorfeld zu verhindern, hinterfragt Fischer die Dinge und scheut die kontroverse Auseinandersetzung mit verschiedenen Themen nicht.“ – Helga Fitzner, Kultura extra

„Schmerzhaft und sehr detailgetreu wird die familiäre Situation beschrieben, dessen Epilog länger als der tatsächliche Epilog ist. Der Roman liest sich nichtsdestotrotz als Zeitdokument der 1970iger Jahre und den technischen Erfindungen, die Andreas eine neue Welt eröffnen. Fischer sucht die Nähe zu den Leser:innen in den Orten seiner Kindheit: Baggergruben, Kirchen, kleine Kinderzimmer, Küchen und die Straßen von Troisdorf. „Die Königin von Troisdorf“ ist harter Tobak, Fischer hinterfragt Glaubensgrundsätze und historische Ereignisse, er geht mit selbst dabei am härtesten ins Gericht.“ – Katharina Peham, katkaesk

Bibliographische Angaben:

Andreas Fischer
Die Königin von Troisdorf
Wie der Endsieg ausblieb
eschen 4 verlag, Berlin
473 Seiten, Hardcover mit Lesebändchen, 22,50 €
ISBN: 978-3-00070-369-0
Erscheinungstermin: 31.3.2022

Kontakt zum Verlag:

eschen 4 verlag
Eschenstr. 4
12161 Berlin
030 81006740
verlag@eschen4.de
https://www.eschen4.de/

Presseanfragen und Rezensionsexemplare: Birgit Böllinger, Telefon 0821 4509-133, kontakt@birgit-boellinger.com

Bennads Buchtipps: Die Akte Klabautermann von Oliver Teutsch

Der allseits bekannte Literaturbetrieb puscht gewöhnlich per Bestsel­lerlisten aller Arten das Aktuelle auf die Tische der Leserschaft. Das kennt man. Wer jedoch abseits dieser Listentrends literarische Ent­deckungen machen will, schaue sich um und blättere zum Beispiel in Programmen kleiner, unabhängiger Verlage. Da findet man Neues zu Altem wie bei dem vorliegenden Roman von Oliver Teutsch mit dem Titel „Die Akte Klabautermann“ im Axel Dielmann Verlag. Ganz sicher kein Märchenbuch, sondern eine Erzählung über die Ent­stehung eines Bestsellers aus dem Jahre 1946/47, den Anfängen der Nachkriegsliteratur in Deutschland.

Ein Gastbeitrag von B. R. M. Ulbrich

Oliver Teutsch (*1969) ist Journalist und neuer Roman-Schriftsteller. Sein 315-Seiten-Debüt „Die Akte Klabautermann“ nimmt die Entstehung des doppelt umfangreichen, letzten Romans von Fallada unter die Lupe.

Rudolf Wilhelm Friedrich Ditzen alias Hans Fallada (1893-1947) gehört zu jenen deutschen Schriftstellern, die in der Nazi-Zeit nicht nur nicht emigriert sind, sondern auch nicht in der sogenannten „Inneren Emigration“ landeten und sich somit pauschal als systemstützend verdächtigt gemacht haben. Das hat die Nachkriegsrezeption seiner Werke nachteilig beeinflusst. Hinzukommt noch, dass sein Leben langstreckenweise durch harte Süchte gezeichnet war: Alkohol, Morphium und das Schreiben. Fallada also eher ein Bild der Vermeidung. Das Thema seines letzten Romans „Jeder stirbt für sich allein“ behandelt die individuelle und damit aussichtslose und letztlich tödliche Rebellion eines Ehepaars gegen das Nazi-Regime ihrer Zeit.

Oliver Teutsch nun behandelt in seinem Roman die W-Fragen zu dem letzten Werk Falladas: Wer hat wann was warum wie und wo zur Entstehung des Manuskriptes beigetragen? Dieser Ansatz erschöpft sich aber nicht in einer faktischen, literaturhistorischen Beschreibung, sondern bietet gut lesbare, fiktionale Anteile. Insbesondere spiegelt sich das in den ausführlichen Gesprächsrunden der Protagonisten des Kulturbundes, der von Johannes R. Becher am 4.7.1945 in der SBZ (Sowjetisch Besetzte Zone) gegründet wurde. Und in den persönlichen Gesprächen zwischen Becher und Ditzen und zwischen ihm und seiner Frau Ulla. Durchgängig wird Fallada in dem Debüt bei seinem bürgerlichen Namen genannt, nur in wenigen Fällen blitzt das Schriftsteller-Pseudonym heraus.

Der Inhalt des Romans liefert eine erhellende Analyse des förderlichen und hemmenden Beziehungsgeflechtes, in dem sich Rudolf Ditzen bewegt, vor und während seiner letzten Schreibphase 1946.

Die Struktur des Romans ist nachvollziehbar aufgebaut, hauptsächlich das Zeitfenster 1945-46 umfassend. Perso­nenbezogen ergeben sich verträgliche Sprünge in der Zeit. Die LeserInnen werden nicht mit literarischen Tricks überfordert. Sie können sich auf den Inhalt konzentrieren, um sich wesentliche Fragen zu beantworten. Wer war Fallada? Wie war sein soziales Umfeld? Sind die Urteile über ihn gerechtfertigt? Kann uns sein letztes Werk, das erst 2011 ungekürzt erschien, heute noch etwas mitteilen?

Die Erzählperspektive ist dem Thema und damit dem journalistischen Ansatz entsprechend auktorial, zum Ver­ständnis der LeserInnen hilfreiches Wissen befördernd. Aber es ist ein Roman und kein Essay! Die vielen Personen, die tatsächlich existiert haben, kommen in den fiktionalen Gesprächen lebendig rüber. Man denkt stets: Ja, so könnte es gelaufen sein. Das ist die eigentliche Kunst der Romanciers. Es ist nicht vorstellbar, dass die Dialoge in Teutsch‘ Roman aus Tonbandaufnahmen transkribiert wurden.

Die Handlungen sind eher unspektakulär, sie spielen auf den Beziehungsebenenrund um Rudolf Ditzen. Auf der einen Seite die vielen befremdlichen Affekte, verursacht durch die Sucht-Querelen des Ehepaars, und auf der anderen Seite die Fluchtversuche Ditzens in seine Welt am Schreibtisch. Bei den mühevollen Beschaffungsanstrengungen von Morphin auf dem Schwarzen Markt taucht auch als Quelle der Arzt Gottfried Benn auf. Man staunt nicht schlecht.

Der Roman „Die Akte Klabautermann“ hat einen zunächst rätselhaften Titel. Der Klabautermann ist ein, seinen Schabernack auf Schiffen treibender Geist, der aber auch konstruktiv sein kann und manchmal den Kapitän auf Gefahren hinweist. Dieser Begriff als Tarnname auf der Akte des vom Nazi-Regime verfolgten Ehepaares Hampel landet nun auf dem Cover des Debüts von Teutsch und will in Zusammenhang mit Fallada entschlüsselt werden.

Welchen Schabernack Fallada auch immer mit seinen Romanen betrieben hat, sie haben immer die Position der Leute von unten beschrieben. Die des kleinen Mannes und seiner eher schlichten Weltsicht und wie er sich darin zurechtfindet. Ist das so weit weg von unserer heutigen Zeit?

Oliver Teutsch hat in seiner Doppelbegabung als Journalist und Romancier mit seinem Debüt die Reflexion über Entstehung und Wert von Literatur befeuert. Der schwache Fallada hat einen starken Roman hinterlassen. Geht Roland Barthes (Der Tod des Autors, 1968) davon aus, der Biografismus sei obsolet, so offeriert uns Teutsch erfreulich ungermanistisch biografische Kenntnisse über Fallada, die zum neugierigen Lesen animieren. –

Und das Lesen ist doch das Wesen von Literatur!

brmu / 2022-01-22

Oliver Teutsch
Die Akte Klabautermann – Die Entstehung eines Weltbestsellers
Roman
axel dielmann – verlag Frankfurt a. M., 2022
ISBN 978-3-86638-343-2

AXEL DIELMANN VERLAG: Oliver Teutsch – Die Akte Klabautermann

Berlin, 1946: In der zerstörten Stadt kämpft Hans Fallada ums Überleben. Einzig Johannes R. Becher, der Vorsitzende des Kulturbundes, bietet dem Schriftsteller eine Chance: Er soll auf Grundlage der „Akte Klabautermann“ den großen antifaschistischen Roman schreiben.

Es beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit und die Sucht: Fallada, körperlich und psychisch am Ende, wehrt sich zunächst gegen den Romanstoff. Und schreibt dann doch, wie im Rausch, ein Manuskript über 700 Seiten. Die Veröffentlichung von „Jeder stirbt für sich allein“ wird der Schriftsteller, der am 5. Februar 1947 stirbt, jedoch nicht mehr erleben.

So wechselvoll wie Falladas Geschichte ist auch die Veröffentlichungshistorie von „Jeder stirbt für sich allein“: 1947 erscheint der Roman in stark veränderter Fassung. Erst in den 2000er-Jahren wird er in den USA wiederentdeckt und kommt 2011 erstmals beim Aufbau Verlag in einer ungekürzten Version heraus. Der Journalist Oliver Teutsch war von der Wiederentdeckung des Romans so fasziniert, dass er sich 2014 auf eine ausführliche Recherche nach der Entstehung dieses Buches machte. Und nun in seinem Romandebüt „Die Akte Klabautermann“ mitreißend davon erzählt, wie dieser Schlüsselroman der deutschen Literatur entstand.

Während das vom Krieg zerstörte Berlin aus seinen Trümmern heraus zu neuem Leben kommt, spielt sich um Fallada die Entstehungsgeschichte eines Romans ab, die ebenso spannend wie der Weltbestseller selbst ist. Und die zudem eine imposante Galerie von zeitgenössischen Figuren im Gepäck hat. So entführt „Die Akte Klabautermann“ auch mitten in eine Zeitreise in das Berlin der Nachkriegszeit. Die Not der Bevölkerung, der illegale Schwarzmarkthandel, die Zonenpolitik und die Zerrissenheit der intellektuellen Elite, der Kampf der Zonenmächte um die geistige Vorherrschaft, dies alles wird so eindrücklich und lebendig erzählt, als wäre man mittendrin.

„Die Akte Klabautermann“: Ein spannend geschildertes Kapitel der Literatur- und Nachkriegsgeschichte, ein überzeugender Debütroman.

Zum Autor:
Oliver Teutsch wurde 1969 in Frankfurt am Main geboren. Seine berufliche Karriere begann er als Hospitant und freier Mitarbeiter bei der Frankfurter Neuen Presse. Nach dem Abitur Studium der Politikwissenschaften in Frankfurt war er lange für die Nachrichtenagentur ddp, die Frankfurter Rundschau und mehrere Jahre für den Deutschen Fußball-Bund DFB tätig. Heute ist Teutsch als Redakteur bei der Frankfurter Rundschau für Themen aus den Bereichen der Justiz, Polizei, Wirtschaft und für große Reportagen zuständig.

Informationen zum Buch:
Oliver Teutsch
Die Akte Klabautermann
Axel Dielmann Verlag, Frankfurt a. Main, Januar 2022
Hardcover mit Lesebändchen und ausführlichem Glossar, 20,00 €
ISBN: 978 3 86638 343 2
http://www.dielmann-verlag.de/

In der Frankfurter Rundschau ist bereits ein Vorabdruck erschienen:
Großer Mann – was nun?

Stimmen zum Buch:

Oliver Teutsch im Interview bei Deutschlandfunk Kultur zu seinem Roman.

„Mit dem Roman „Die Akte Klabautermann“ hat Oliver Teutsch ein Werk geschaffen, in dem er seiner eigenen Faszination für die Umstände, unter denen der Welterfolg „Jeder stirbt für sich allein“ von Hans Fallada entstanden ist, Ausdruck verleiht. Teutsch verpackt die historischen Tatsachen in einen atmosphärisch-dichten Erzählbogen, der durch fiktive Elemente gekonnt abgerundet wird.“ – Sina-Christin Wilk bei Kulturabdruck

„Ein Roman über einen Roman? Als Werbebotschaft ist das übertrefflich. Als Formel für den Inhalt verspricht es in dem Fall aber einiges. Denn der Roman, um den es geht, ist »Jeder stirbt für sich allein«, einer der besten Romane über Nazideutschland. Und sein Autor Hans Fallada führte ein Leben, dessen Grellbuntheit nicht mal er selbst auserzählt hat. Überdies verknüpft der Schriftsteller Oliver Teutsch in »Die Akte Klabautermann« Fäden der Literaturgeschichte zu einem wahren »Who is Who« der Nachkriegsszene.“ – Ewart Reder, nd aktuell

„Für Fallada-Fans ist der Roman sicher allein aufgrund der biographischen Aspekte interessant, aber auch, wer sein Werk nicht gut kennt, kann Die Akte Klabautermann sicher mit Gewinn lesen. Der Roman handelt nicht nur vom Ringen um eine neue Literatur, die den Nationalsozialismus überwinden kann, ohne ihn zu negieren, sondern auch vom Bemühen, ein neues Deutschland zu schaffen und von einer Weltstadt, die ihr Gesicht verloren hat. Ein gelungenes Debüt und ein offener Blick auf einen Schriftsteller, der eben nicht immer einer von den „ganz Großen“ war.“ – Marion Rave bei „schiefgelesen“

„Die Akte Klabautermann von Oliver Teutsch ist ein spannendes Bild der letzten Lebensjahre von Hans Fallada, der Kulturlandschaft Deutschlands im Jahr 1946 und dem fast unmöglich erscheinendem Leben in der zerbombten Stadt Berlin.“ – Silvia Walter bei „Leckere Kekse“

„Die Akte Klabautermann ist ein im besten Sinne glaubhafter Roman. Eine
Verbeugung vor dem Romancier – und die beste Begleitlektüre zu „Jeder stirbt für sich allein“, die man sich wünschen kann.“ – Dierk Wolters, Frankfurter Neue Presse

Die Akte Klabautermann ist ein fundiertes wie spannendes Debüt.“ – Anne Kullmann, Aalener Kulturjournal

„Entstanden ist eine zutiefst menschliche Erzählung über diesen Fallada, der sich selbst im letzten Buch nicht verstellen wollte.“ – Rainer Julke, Leipziger Zeitung

„Oliver Teutsch hat nicht nur die Entstehungsgeschichte von „Jeder stirbt für sich allein“ erzählt. Er hat auch einen richtig guten Roman geschrieben!“ – Jörg Mielczarek, Literatur Weimar

„Und so wird Teutsch’s flüssig lesbarer, kurzweiliger Roman gleichzeitig zu einem Stück deutscher Literatur- und Kulturgeschichte. Mich haben diese letzten Lebensmonate von Hans Fallada und die Hintergründe zur Entstehung von „Jeder stirbt für sich allein“ sehr berührt und auf jeden Fall die Lust geweckt, dieses einzigartige Werk irgendwann noch ein zweites Mal zu lesen – dann sicher mit einem anderen und geschärften Blick.“ – Barbara Pfeiffer bei „Kulturbowle“

„Der Romancier ist psychisch labil, unzuverlässig, selten nüchtern, voller Stimmungsschwankungen. Teutsch kommt nicht in Versuchung den großen Literaten zu romantisieren. Es ist ein Porträt auf Distanz, das nur wenig vom Innenleben des Künstlers aber viel von der historischen Figur Falladas preisgibt.“ – Britta Röder bei den „booknerds“

„Oliver Teutsch hat in seiner Doppelbegabung als Journalist und Romancier mit seinem Debüt die Reflexion über Entstehung und Wert von Literatur befeuert. Der schwache Fallada hat einen starken Roman hinterlassen.“ – Bernhard R. M. Ulbrich

„Gerne würde man den Autor einmal fragen, welche Stellen eigentlich seiner Fiktion entsprungen sind. Die Dialoge sind es sicherlich. Aber selbst diese passen sich so selbstverständlich in die beschriebene Handlung ein, dass sie ohne Weiteres hätten so stattfinden können.“ – Raimund Gründler, Lesezeichen Mannheim

„Teutsch gelingt es, sowohl die Lebensbedingungen im zerstörten Berlin als auch das seelische Elend des Ehepaares Ditzen eindringlich zu beschreiben. Größeren Bibliotheken empfohlen.“ – Dr. Ronald Schneider, ekz Besprechungsdienst

„Die Akte Klabautermann liest sich auf den ersten Seiten gemächlich wie ein Falladaroman, um dann ein enormes Tempo anzunehmen, so dass man das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen mag.“ – schreibfeder.de

Uwe Wittstock: Februar 33. Der Winter der Literatur.

Wenn man sich dieser Tage darüber echauffiert, wie mühsam und zäh sich in einer vielfältiger gewordenen Parteienlandschaft der Regierungsbildungsprozess gestaltet, ja, dem sei nicht nur Geduld angeraten, sondern vielleicht auch die Lektüre dieses Buches. Prozesse in der Demokratie brauchen ihre Zeit. Notstandsgesetze sind dagegen schnell erlassen, der Terror regiert ohne Rücksicht auf langatmige Meinungsbildung.

Dass der Wandel einer zwar maroden Weimarer Republik hin zum nationalsozialistischem Terrorregime rasend schnell ging, ist jedem mit etwas historischem Interesse zwar bewusst. Aber wie sehr dies die Intellektuellen – die es ja vielleicht besser hätten wissen können – überraschte und überrollte, das macht der Literaturkritiker und Schriftsteller Uwe Wittstock mit seinem Band „Februar 33“ eindrucksvoll deutlich.

Zwischen der Machtergreifung Hitlers und den ersten brennenden Büchern lagen nur wenige Wochen. Und obwohl der „Stürmer“ und andere nationalsozialistischen Presseorgane schon in den Jahren zuvor keine Zweifel daran ließen, dass Autorinnen und Autoren und Journalisten wie Carl von Ossietzky, Erich Mühsam oder Gabriele Tergit auf ihren schwarzen Listen standen, dass selbst der Literaturnobelpreisträger Thomas Mann, der mit den „Betrachtungen eines Unpolitischen“ noch zu den Befürwortern des Ersten Weltkriegs gezählt hatte, argwöhnisch beäugt wurde – ja trotz dieser offenen Feindschaft zu allem, was als intellektuell, meinungsstark und links galt – ja trotzdem wurde diese Zielgruppe quasi über Nacht nicht nur zum Staatsfeind Nummer eins, sondern zu Gefangenen, Verfolgten, Ermordeten. Erich Mühsam, bereits 1934 von KZ-Wächtern erschlagen, war eines der ersten Todesopfer, die in Wittstocks Buch ihren Platz finden.

Er bezeichnet es im Untertitel als den „Winter der Literatur“: In den wenigen kalten Wochen ab dem 30. Januar 1933 wurden die Straßen tatsächlich buchstäblich leergefegt von allem, was zuvor die lebendige, laute und intellektuell herausragende Weimarer Zeit ausgemacht hatte. Wittstock schreibt in seinem Vorwort: „(…) über Schriftsteller und Künstler im Februar 1933 wissen wir unvergleichlich mehr Persönliches als über jede andere Gruppe. Ihre Tagebücher und Briefe wurden gesammelt, ihre Notizen archiviert, ihre Erinnerungen gedruckt und von Biografen mit detektivischem Ehrgeiz durchleuchtet.“

Der Autor, davon zeugt auch die umfangreiche Liste an „benutzter“ Literatur, die Wittstock benennt, hält sich eng an diese Fakten, gibt im Nachwort auch einen Werkstatteinblick, in dem er erläutert, wie er mit diesen Quellen umging. Das ist wohltuend: Gab es in den vergangenen Jahren doch auch eine gehäufte Anzahl an Büchern aus dem Bereich literarischer Dokumentation und fiktionalisierter Biographien, die diese Einblicke nicht erlaubten – und die Lesenden ratlos im Bereich zwischen Dichtung und Wahrheit zurückließen. Doch die große Stärke des Buches ist, dass Wittstock, anstatt anekdotenhaft ein ganzes Kaleidoskop an Schicksalen und Figuren aufzufächern, um diese Zeit zu bebildern, sich auf ein gutes Dutzend (oder etwas mehr) Protagonisten beschränkt und die Fäden der einzelnen Schicksale und ihre Verknüpfungen immer wieder aufgreift. So am Beispiel von Thomas Mann, Bert Brecht und Hanns Johst, der 1935 Präsident der Reichsschrifttumskammer wird und bereits 1933 die Gleichschaltung der Sektion Dichtung an der Preußischen Akademie der Künste betreibt.

„Eine faszinierende Konstellation: drei Schriftsteller, die sich nach dem Ersten Weltkrieg in München über den Weg laufen und deren Entwicklung unterschiedlicher nicht sein könnte.“

Gerade am Schicksal der Akademie macht Wittstock eindrücklich deutlich, wie vehement und gut organisiert sich die Nationalsozialisten die Meinungshoheit eroberten und Andersdenkende ausschalteten, wie schnell Mitläufer bereit waren, sich anzupassen oder narzisstische Naturen wie Gottfried Benn versuchten, die Zeitenwende für sich zu nutzen. In der Akademie, den Gesprächszirkeln, den Stammkneipen und den Cafés, in die Wittstock die Leser mitnimmt, war eine Frage, ein Zwiespalt der beherrschende: Gehen oder bleiben? Widerstand aus dem Innern oder aus dem Exil? Und wenn Flucht, was konnte einen dort erwarten? Über Oskar Maria Graf meint Wittstock:

„München und Bayern sind für Graf mehr als nur die Heimat. Sie sind für ihn als Schriftsteller das wichtigste Thema, das unentbehrliche Material, von dem er lebt. Worüber wird er schreiben, wenn er jetzt ins Ausland geht?“

Aber Graf weiß auch: „Unter den Nazis würden seine Geschichten niemals gedruckt und verkauft werden dürfen.“

Wie Thomas Mann von seinen Kindern geradezu gedrängt werden muss, nach einer Lesereise nicht in dieses Deutschland zurückzukehren, das über Nacht ein anderes geworden ist, wie Carl von Ossietzky, sein Schicksal erahnend, beschließt, zu bleiben, wie Brecht, Döblin und andere auf gepackten Koffern sitzen, dies alles verbindet Uwe Wittstock sehr gekonnt mit den parallel verlaufenden Entwicklungen auf der politischen Ebene. Vom Presseball, wo der letzte Tanz der Republik stattfindet, rüber in die Reichskanzlei, wo in der Wohnung des Franz von Papen die Machtübernahme eingefädelt wird, bis gegen Ende des Buches hinein in die Folterkammern der SA: Das liest sich streckenweise atemlos und – wäre es nicht bittere deutsche Vergangenheit – auch wie ein Krimi.

Seit „1913: Der Sommer des Jahrhunderts“ ist diese Technik der zeitgeschichtlichen Collage geradezu en vogue. Und wie es halt so geht: Da kommen dann auch etliche Schnellschüsse auf den Markt, die nicht allzu sehr überzeugen. Wie gut, dass sich Wittstock für dieses Buch, das einen elementaren Einschnitt in die deutsche Geistesgeschichte beschreibt, offenbar Zeit zum Recherchieren und Schreiben gelassen hat. Ein gelungenes Buch, das nochmals deutlich macht, welchen geistigen Verlust die deutsche Literatur und Kunst in diesen wenigen Wochen erlitten hat.

MIRABILIS VERLAG: Jürgen Meier – Wöbkenbrot und Pinselstrich

In seinem neuen Roman „Wöbkenbrot und Pinselstrich“ erzählt der Hildesheimer Schriftsteller Jürgen Meier die Geschichte zweier Familien im vergangenen Jahrhundert – und damit auch die Geschichte dieses Jahrhunderts.

Begeistert äußert sich Konstantin Wecker über dieses Buch:
»Am Schicksal zweier Familien entfaltet Jürgen Meier ein Kaleidoskop der Geschichte von der Kaiserzeit bis zur Studentenbewegung der Nachkriegszeit. Er erzählt von tiefer Verstrickung in die nationalsozialistische Ideologie, von Verblendung und großer Schuld und von einer jungen Generation, die sich aus dem Kreislauf von Ideologie und Habgier befreien will.«

ZUM ROMAN:
Johannes Becker beginnt 1910 ein Ingenieursstudium in Chemnitz und heiratet kurz darauf. Als er zunehmend der völkischen Ideologie der Nationalsozialisten folgt, wendet sich seine Frau von ihm ab. Ähnlich zerrissen ist die Familie Meyer in Ostwestfalen. Der Vater Karl nutzt die Machtübernahme der Nazis aus, um sich an jüdischem Eigentum zu bereichern. Sohn Gottfried, von seiner Mutter aus einem tiefen Friedenswunsch heraus so genannt, folgt dessen Begeisterung für Hitler und zieht in den Krieg. Er lernt Ingeborg Becker, die Tochter von Johannes, kennen und heiratet sie. Trotz schwerer Verwundungen und langer Kriegsgefangenschaft bleibt er auch in der Nachkriegszeit unverändert. Tief geprägt von der nationalsozialistischen Ideologie setzt er seine Kommunistenhetze und seinen Hass auf Juden fort. Ein Unverbesserlicher, der aus dem Krieg und der großen Menschheitskatastrophe nichts gelernt hat. 

Ein schweres Erbe für die nachfolgende Generation: Sohn Georg befreit sich aus dem Muff der Vergangenheit und schließt sich dem anarchistischen Geist der Studentenbewegung an.

ZUM AUTOR:
Jürgen Meier lebt in Hildesheim, wo er lange Leiter der Öffentlichkeitsarbeit am Stadttheater war und die Werbeagentur Aickele & Meier gründete. Seit 1997 ist er als selbstständiger Autor und Journalist tätig. Von ihm liegen zahlreiche Dokumentarfilme, u. a. für NDR und MDR, Buchveröffentlichungen, Radioserien und Theaterstücke vor. 

https://www.autorjuergenmeier.de/

INFORMATIONEN ZUM BUCH:
Jürgen Meier
Wöbkenbrot und Pinselstrich
Mirabilis Verlag, Juni 2021
344 Seiten, Hardcover, Schutzumschlag, Fadenheftung; 14 cm x 22 cm, 24,00 Euro
ISBN 978-3-947857-08-1
www.mirabilis-verlag.de

STIMMEN ZUM BUCH:

„Wer gerne Familienromane mit einem geschichtlichen Hintergrund liest, findet
in diesem tiefgründig geschriebenen Buch ein lesenswertes Beispiel.“ – Andrea Geiger-Blau in „Freie Presse“ Chemnitz

„Jürgen Meier erzählt in einem großen epischen Bogen und mit überzeugenden Dialogen.“ – Volker Jakob, Westfalenspiegel

„Jürgen Meier hat mit diesem Familienroman, der sich über drei Genera-
tionen erstreckt, eine eindrucksvolle Erzählung geschaffen, die dazu dient,
Geschichte zu verlebendigen, um sie besser verstehen zu können.“ – Helmut Johach im „Fromm Forum 26“, der Jahresschrift der Internationalen Erich Fromm Gesellschaft

„Tiefgründig, spannend und gut geschrieben. Die Figuren erlangen eine Plastizität und spiegeln durch ihr Handeln einen ganzen gesellschaftlichen Werdegang.“
Hauke Harder in seinem Blog Leseschatz

„Ideologie und Habgier“: Die Kulturredaktion der nd stellt unter diesem Titel aktuelle Romane aus unabhängigen Verlagen zum Thema inklusive Leseproben vor.

„Das Leben ist wie ein Hochseilakt. Man kann an der einen oder an der anderen Seite herunterfallen.“ Und so möchte er seinen Roman auch als Plädoyer für eine „maßvolle
Mitte“ verstanden wissen, wo wacher Bürgergeist sich konstruktiv in die Gesellschaft
einbringt.“
Jürgen Meier im Juli 2021 im Interview mit Gabriele Peschke im Westfalen-Blatt.

„Wer sich für diesen historischen Familienroman Zeit nimmt, lernt viel über die deutsche Mentalität, ihr Patriarchat und die enge Verbindung der Zeiten vor, während und nach den Nazis.“ – „Wöbkenbrot und Pinselstrich“ wird als Beispiel in „Deutsch perfekt“, einem Magazin der Zeitgruppe, vorgestellt.

„Wie sich im Deutschland des vergangenen
Jahrhunderts aus Vaterlandsstolz und Kaisertreue erst Kriegslust
und schließlich nationalsozialistischer Judenhass entwickeln konnten,
illustriert der Hildesheimer Autor Jürgen Meier in seinem intimen Mehrfamilienportrait
Wöbkenbrot und Pinselstrich.“ – Anja Dolatta in „Stadtkind Hannover“

Ein Beitrag im Rahmen meiner Pressearbeit für den Mirabilis Verlag

Bertolt Brecht: Kuhle Wampe und andere Filme

Bertolt Brecht war zwar vom Medium Film fasziniert, hatte aber damit kein Glück. BB und der Film – das war weniger episches Theater, sondern ein Drama ohne Ende.

Bild von Birgit Böllinger auf Pixabay

Dabei fing alles so gut an: Bereits 1923 arbeitet Brecht, damals 25 Jahre alt, mit dem Regisseur Erich Engel und mit Karl Valentin zusammen. Die „Mysterien eines Frisiersalons“ erinnern streckenweise an den Surrealismus im „andalusischen Hund“ von Luis Buñuel, sind aber auch komisch, humoristisch und ein wenig chaotisch. Der Film galt lange als verschollen, wurde jedoch in den 70erJahren wiederentdeckt und restauriert.

1930 machte sich Georg Wilhelm Pabst an die Verfilmung der Dreigroschenoper. Brecht, zunächst noch aktiv mit dabei, überwirft sich mit Regisseur und Produktionsfirma, will den Film, auch vor dem Hintergrund des aufkommenden Nationalsozialismus, mit eindeutigerem politischen Inhalt versehen. Die Streitigkeiten führen zum sogenannten Dreigroschenprozeß. Brecht schrieb unter dem Titel „Der Dreigroschenprozeß. Ein soziologisches Experiment“ eine Analyse des Rechtsstreits, die er zusammen mit dem Filmexposé und dem Text der „Dreigroschenoper“ veröffentlichte.

1931 ist BB jedoch wieder bereit für das Medium Film – er arbeitet mit Slatan Dudow und Hanns Eisler „Kuhle Wampe oder wem gehört die Welt?“. Der 1932 erschienene Streifen ist benannt nach dem Zeltplatz Kuhle Wampe in Berlin am Müggelsee, einer der vielen Originalschauplätze, an denen gedreht wurde. Geschildert wird das Schicksal einer Arbeiterfamilie und eines jungen Pärchens, dessen Verbindung angesichts der Massenarbeitslosigkeit ohne Zukunft erscheint. Der Film hat – auch durch den Dreh an Originalschauplätzen und mit „echten“ Arbeitslosen neben erfahrenen Schauspielern – streckenweise dokumentarischen Charakter, zeichnet ein realistisches Bild der Verelendung in der Weimarer Republik. Kuhle Wampe war der einzige eindeutig kommunistische Film dieser Zeit – bis hin zu Arbeitern, die das Lied der „Solidarität“ singen – und wurde nicht nur unter großen Schwierigkeiten gedreht, sondern prompt auch von der Zensur verboten. Nach Protesten wird der Film mit einigen Änderungen freigegeben, Brecht macht dem Zensor das ironische Kompliment, dieser zumindest habe den Film wirklich verstanden – nicht als Darstellung eines individuellen Schicksals, sondern als offene Kritik an den gesellschaftlichen Bedingungen: „Der Inhalt und die Absicht des Films geht am besten aus der Aufführung der Gründe hervor, aus denen die Zensur ihn verboten hat.“

Dann die Zeit des Exils. Letztlich verschlägt es Brecht, wie viele andere Autoren, nach Hollywood. Wie andere ist er gezwungen, dort zu antichambrieren und arbeitet für den Broterwerb an Drehbüchern für die Traumfabrik mit. Seine Erfahrungen in dieser Zeit hat er in den bitteren Hollywood-Elegien verarbeitet.

1943 jedoch hat Brecht die Chance, an einem ambitionierten Filmprojekt mitzuwirken. Unter der Regie von Fritz Lang, ebenfalls einem Exilanten, entsteht „Hangmen also die“ – „Auch Henker sterben“. Die beiden Künstler kannten und schätzten sich bereits in den Tagen der Berliner Zeit. Als Brechts Lage im schwedischen Exil angespannt wird, sorgte Lang, der in Hollywood schnell Fuß gefasst hatte und seine Karriere fortsetzen konnte, mit dem European Film Fund dafür, dass Brecht, Weigel, sowie die beiden Kinder und Ruth Berlau Visa für die USA bekamen, 1941 traf die Familie in Los Angeles ein.

Der Film „Auch Henker sterben“ erzählt bereits ein Jahr nach dem Attentat auf Reinhard Heydrich in Prag 1942 vom tschechischen Widerstand und der Fahndung der Gestapo nach dem Attentäter. Doch schon während der Dreharbeiten kommt es zwischen Lang und Brecht zu Differenzen. Der cholerische Lang tobt gegenüber Brecht und dem ebenfalls linksgerichteten Co-Autoren John Wexley, er „scheiße auf Volksszenen“, er wolle ein Hollywoodpicture machen. Ungerechtigkeiten bei der Bezahlung – Brecht sollte wesentlich weniger als Wexley erhalten -, Kürzungen im Skript, charakterliche Unverträglichkeiten taten ihr weiteres. Die Zusammenarbeit wurde zum Desaster und gipfelte in einer Anhörung vor der „Screen Writer`s Guild“, weil Wexley als der eigentliche Autor genannt werden wollte, Brecht jedoch nur unter ferner liefen aufgeführt wurde. Die Schiedsstelle entschied zugunsten des Amerikaners. Brecht legte danach die Arbeit am Film nieder, begegnete auch Fritz Lang nicht mehr.

Doch was übrig bleibt: Zum einen überstand auch diese Episode die Freundschaft zwischen Brecht und Hanns Eisler, der als Komponist auch an den früheren Filmen mitgearbeitet hatte. Und vor allem: „Hangmen also die“ ist, wenn auch viele der Ideen und Vorstellungen Brechts nicht verwirklicht werden konnten, eines der wichtigsten Filmwerke geworden, das noch während des Nationalsozialismus eindeutig Stellung gegenüber der deutschen Tyrannei bezog.

Lang setzte dem verlorenen Freund BB später noch ein cineastisches Andenken, so der Filmwissenschaftler Peter Ellenbruch:

„Im Gegensatz zu Brecht, der ein Gegner Langs geblieben sein soll, hat sich Lang immer wieder positiv zu Brecht geäußert, ihn als einen wichtigen Autor geschätzt und sich von seinem Werk inspirieren lassen. So baute er 1963 eine Brecht-Hommage in LES MEPRIS von Jean-Luc Godard ein – in welchem er sich selbst spielte – und die Buchstaben „BB“ stehen innerhalb des Films plötzlich nicht mehr für die Hauptdarstellerin Brigitte Bardot, sondern einen Moment lang für Bert Brecht.“

Dieter Lohr: „Ohne Titel. Aquarell auf Karton. Unsigniert.“

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Alfred Seidl (1892 – 1953), ohne Titel, um 1922, Aquarell auf Papier, 9 x 19,3 cm © Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinik Heidelberg (Inventarnummer 4502)

Karthaus, 3. Februar 1933

Lieber Florian!

Was ist denn nun die ostmärkische Scholle? Ist`s Regensburg, ist es Karthaus? München auf alle Fälle ist es nicht, und wer alle heiligen Herrschaftszeiten in der heiligen Heimat vorbeizuschauen sich genehmt und dann seinen werten Herrn Bruder, den wahrhaft Schollenverhafteten, in seiner Schollerei für nicht besuchswürdig erachtet, der ist ein Auswanderer, mein Herr, und nicht bemächtigt, sich Schollenkönig zu nennen. Lass er sich das gesagt sein.
Ob das neue Kabinett Hitler was dran ändert?

Es grüßt
Alfred

Glückwunsch zum neuen Stück; möge ihm Erfolg beschieden und beschienen sein.

Dieter Lohr, „Ohne Titel. Aquarell auf Karton. Unsigniert.“

Ist der Brief fiktiv oder nicht? Ist`s ein dokumentarisches Zeugnis, ist es Fiktion? Die Leser bleiben am Ende im Ungewissen. Und doch entsteht ein greifbares Portrait, ersteht ein Leben wieder auf in all seiner Dramatik und am Ende ist es auch gleichgültig, was von den Mosaiksteinen in diesem interessant konstruierten Buch Wahrheit ist und was Dichtung: Fassbar wird dennoch das Schicksal eines Malers und Schriftstellers zwischen Genie und Wahnsinn und das Barbarentum einer wahnsinnigen Zeit.

Alfred Seidl, soviel ist gewiss, kam 1892 als Sohn einer gutbürgerlichen Familie auf die Welt. Nach einem abgebrochenen Jurastudium in München ging er zurück in seine Heimatstadt, betätigte sich dort als Maler und Schriftsteller. Früh zeigt er Symptome einer psychischen Erkrankung, 1921 wird er das erste Mal in die Heil- und Pflegeanstalt Karthaus-Prüll eingewiesen. Dort will man in der Zwischenkriegszeit in der Behandlung psychisch Kranker Reformen einführen, so wird die Arbeitstherapie ausgebaut, aber auch das kreative Talent der Patienten gefördert. Seidl, der sich dem Dadaismus nahe fühlt, schafft einige Werke, die nicht zuletzt auch in die berühmte Prinzhorn-Sammlung gelangen.

Die Reformbemühungen in der Psychiatrie werden mit dem Nationalsozialismus gestoppt, die Heilanstalten zu Tötungsanstalten, mit der Aktion „T4“ setzt die Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ ein. Auch Alfred Seidl, der schillernde, auffallende Künstler, der gerne mal im Kaftan oder im Büßerhemd durch Regensburg wandelt, soll mit den „grauen Bussen“ in den Tod transportiert werden. Gerettet wird er von seinem Bruder Florian – ein Schriftsteller, der mit Volk- und Boden-Literatur Karriere macht, strammer Nazi ist und dessen Name in Regensburg noch lange für heftige Diskussionen sorgte: Erst 1999 wird eine nach ihm benannte Straße umbenannt, nachdem es heftige Diskussionen gegeben hatte.

Im Zentrum des Buches stehen jedoch nicht die Briefe zwischen den Brüdern – oder vielmehr die Briefe Alfreds an Florian, Gegenstücke sind nicht enthalten. Vielmehr, und das ist ein Problem der komplexen Konstruktion, ist diese fiktionale Annäherung an eine Biographie ein Mosaik aus dokumentarischen Texten, denen zuweilen das Zentrum abhandenkommt.

Wo die biographische Erzählung ergänzt und unterbrochen wird durch Originaltexte um die Themenkomplexe der „Art Brut“, der Euthanasie, der Psychiatriegeschichte und des Umgangs der Nationalsozialisten mit Kranken und Behinderten, durch Zeugnisse der Regensburger Zeit, Reden, Briefe und Zeitungsartikel, sowie durch Gedankensplitter eines Vincent (die Nähe zu van Gogh ist unverkennbar), der wohl das alter ego Alfred Seidls ist, wird „Ohne Titel“ zu einem eindringlichen Buch, das vor Augen führt, was Intoleranz (auch eine Mahnung in die Gegenwart hinein) und Rassenwahn zur Folge haben.

Doch Lohr führt mit zwei weiteren Ebenen, die in der Gegenwart spielen – dort treiben ein Kunstkäufer und eine Kunstagentin den Markt für den bis dahin noch wenig bekannten Art brut-Künstler Seidl an und es kommt der Autor, der im Dialog mit einem unbenannten Anderen die Vorgänge des Buches reflektiert, selbst zu Wort – ein weiteres Thema ein, das als Kritik am Kunstmarkt verstanden werden könnte. Dass auf dem Kunstmarkt „art brut“ hoch gehandelt und gefeiert wird, die Künstler selbst und deren Schwierigkeiten am Leben darüber selbst jedoch oftmals vergessen werden – das ist ein Punkt, der aus diesen Ebenen jedoch nicht klar hervorgeht, der in der Fülle des Materials ein wenig verschwindet. Auch wenn es die Intention des Autors Dieter Lohr ist, die Leser im Ungewissen zu lassen, was „echt“ und was „gefälscht“ ist – die Vielzahl der Stimmen lenkt vom Kern ab, erschwert den Zugang.

Aber es soll nicht mit Erbsenzählen enden: „Ohne Titel. Aquarell auf Karton. Unsigniert.“ ist ein wichtiges, eindringliches Buch, das mit der fiktionalen Biographie eines Einzelnen auf ein Thema hinführt, das nicht vergessen werden darf.

„Erbsünde erbkrankt die Erblinde. Erblindung des Erbschmerzes, des Welt- und Erbschmerzes im Erblassen erblasen erlesen des Erbenzählers Zahlen. Zahlenzähler. Erbrechen erbrechnen abrechnen, abzählen. Ab und zu Müllers Kuh im Schafsgewand im Erbsünderhemd der Erbsünderbock die Erbsengemeinschaft.“

Informationen zum Buch:

Dieter Lohr
„Ohne Titel. Aquarell auf Karton. Unsigniert.“
BALAENA Verlag, Landesberg am Lech, 2020
Gebunden, 372 Seiten, umfangreiches Namensverzeichnis, 32,00 Euro
ISBN 978-3-9819984-2-9

Homepage von Dieter Lohr: http://dieterlohr.de/


 

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