Verschämte Lektüren (23): Christiane und der liebe Augustin

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Das Augustin-Denkmal in Lindau. Bild: Birgit Böllinger

EIN GASTBEITRAG VON CHRISTIANE SCHLÜTER

Ein Kollege hatte mir vor Jahren den „lieben Augustin“ aus Lindau (nicht zu verwechseln mit dem Wiener „Ach Du lieber Augustin, alles ist hin…) in die Hand gedrückt – das sei ein wunderbares Buch für Bodenseeliebhaber. Und so nahm ich es seither auch wahr: Als kleinen, verschmitzten, lebensfrohen Schelmenroman, den man allenfalls am „Schwäbischen Meer“ kennt. Doch nun wurde ich eines Besseren belehrt – das Buch ist laut Kindlers Literatur Lexikon nicht nur seit drei Jahrzehnten Bestandteil der Deutschlektüre an amerikanischen Universitäten, sondern traf auch im fernen Frankfurt eine Schülerin mitten ins Herz. Lest hier die Geschichte einer besonderen Leidenschaft:

Christiane Schlüter und ihr lieber Augustin

Verschämt war diese Lektüre nie. Nur ein wenig aus der Zeit gefallen, wie ihr Held auch. Augustin Sumser ist Spieldosenmacher und mit einer Rokokoseele auf die Welt gekommen. Als er zwölf Jahre alt ist, beginnt die Französische Revolution, und alle Welt empfindet fortan heroisch. Nur Augustin nicht. Er lebt ein flatterleichtes Leben am Ufer des Bodensees und stellt immer nur so viele Spieldosen her, wie er zum Leben braucht. Der ideale Gegenentwurf zur Burn-out-Existenz.

Ich lernte ihn kennen, als ich mit 14 in der Büchersammlung meiner Oma stöberte – um die Mitte der 70er-Jahre. Das Wort Burn out war noch nicht erfunden, in meinem Frankfurter Gymnasium zerfielen Schüler- und Lehrerschaft in rechts und links, einmal stand die Polizei mit Wasserwerfern vor dem Schulhof. Ich aber las „Der liebe Augustin. Die Geschichte eines leichten Lebens“. Ich wanderte mit dem Helden um den Bodensee, lächelte über seine vielen kleinen Amouren und beweinte mit ihm seine beiden großen Lieben. Ein bisschen aus der Zeit gefallen, wie gesagt.

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Die beeindruckende Augustin-Sammlung von Christiane Schlüter.

Bis heute ist dieses Buch für mich das perfekte Beispiel dafür, wie etwas leicht und schön sein kann und trotzdem ganz und gar unkitschig. Das liegt zum einen an der Sprache, die genauso leicht ist wie das Leben, das sie beschwört. Zum anderen gibt Horst Wolfram Geißler, der Schöpfer des Augustin, seinem Helden einige Schicksalsschläge mit, weshalb die Idylle so ungebrochen eben doch nicht ist. Das Idyllische speist sich vielmehr daraus, wie Augustin seine Welt sieht: heiter und dabei unaufdringlich weise. Und schließlich findet das Ganze zwar in einer höchst realen Gegend statt: an den Ufern des Bodensees. Aber der Erzähler öffnet den Vorhang zu diesem Schauplatz mit einem Augenzwinkern, indem er sagt: Leute, diese Geschichte spielt in einer anderen Welt. Einer, die es so vielleicht nie gab.

Als ich Jahre nach der Lektüre zum ersten Mal am Bodensee war, bin ich auch nach Lindau gefahren, wo der liebe Augustin gewohnt haben soll. Ich fand ein Häuschen in der Altstadt, eine Skulptur am Hafen und in einer Buchhandlung die aktuelle Ausgabe des Augustin. Daheim standen schon fünf andere: Ich hatte angefangen, die Ausgaben zu sammeln. Ein befreundeter Bibliothekar versorgt mich bis heute damit, inzwischen besitze ich 35 Exemplare und habe begonnen, meine Sammlung nach Tausendern weiter zu untergliedern. Anfallende Doubletten schenke ich weiter. Und ich freue mich, wenn ich auf Leute treffe, die den Augustin ebenfalls mögen, so wie jetzt Birgit Böllinger. Ab und zu aber, wenn ich das Bedürfnis habe, mal wieder aus der Zeit zu fallen, lese ich das Buch erneut. Natürlich das allererste Exemplar aus dem Bücherschrank meiner Oma. Es gibt Lieben, die vergehen nie.

Christiane Schlüter


Was ich über mich sage:

Ich stelle immer nur so viele Texte her, wie ich zum Leben brauche … Nein, stimmt nicht. Schreiben ist für mich nicht nur Profession, sondern Passion. Deshalb entstehen neben Ratgebern, Sachbüchern, Geschenkbüchern, Memoirs und Reden auch Texte wie der obige, und dazu manches noch Verschämte. Außerdem wichtig: meine Kurse in Autobiografie und Journalismus, wo wir übers Schreiben auch reden. Und vor allem das Psychodrama als kreative Methode, neue Handlungsmöglichkeiten zu erschließen – auf dem Papier wie im echten Leben. Die ganze Mischung findet sich hier: www.christiane-schlueter.de.

#VerschämteLektüren (22): Bernhard Blöchl und „Die perfekte Masche“.

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Bild von Elias Sch. auf Pixabay

Als Bernhard Blöchl (unter anderem der Mann hinter www.lieblingssaetze.de) mir einen Beitrag für die Verschämten Lektüren ankündigte, war ich schon sehr gespannt: Was kann da wohl noch kommen? Denn sein Julian Hartmann, auch genannt Juli, Held seines Debütromans, hat eigentlich schon so ziemlich alle Peinlichkeiten durchlebt…
Ein „Schelmenroman“ wurde „Für immer Juli“ genannt, und das ist er tatsächlich – und ein großes Lesevergnügen. Für den „sensiblen Gleichberechtigungsbefürworter“ Julian, der aus Liebeskummer zum Macho mutieren will, muss man einfach Sympathien hegen. Woher die Inspiration zum Buch kam, das verrät der Autor hier – ganz verschämt:

Als ich zuletzt ein Buch bis zur Unkenntlichkeit vollgekritzelt, Ecken geknickt und Zeilen farbig markiert hatte, war ich noch Student gewesen, und das Einzige, was ich damals aufgerissen hatte, waren die Fertigsuppen gegen den Instant-Hunger. Zehn Jahre später – ich war inzwischen Journalist und Autor, und sowohl die Sache mit der Ernährung, als auch die mit den Frauen hatte sich verbessert – malträtierte ich erneut ein Buch auf so respektlose Weise. Das silberne Taschenbuch hieß „Die perfekte Masche“ und im Untertitel: „Bekenntnisse eines Aufreissers“.

Für die herrlich rotwangige Blogreihe „Verschämte Lektüren“ habe ich das silberne Taschenbuch aus der zweiten Reihe des untersten, am meisten verstaubten Regals hervorgezogen – und staune gerade über die vielen Eselsohren und Markierungen (in rosa übrigens, blau war wohl gerade aus).

Damit Sie mir glauben, dass ich das Buch „vom Casanova der Gegenwart“, wie der Autor Neil Strauss mitunter genannt wird, nicht aus persönlicher Verzweiflung studiert habe, muss ich etwas weiter ausholen (ob Sie mir hinterher glauben werden, bleibt Ihnen überlassen).

Vor vier Jahren, zu einer Zeit, die so aufregend war wie jeden Abend Frühlingsflirts, arbeitete ich an meinem ersten Roman. „Für immer Juli“ (erschienen 2013 im MaroVerlag) sollte eine schelmische Komödie über die Identitätskrisen des modernen Mannes werden.

Ich erfand Julian Hartmann, genannt: Juli, den metrosexuellen Protagonisten der Geschichte, und überlegte mir allerlei Hürden und Konflikte, mit denen ich ihn bei seiner Suche nach der verlorenen Männlichkeit konfrontieren konnte. Wie man das halt so macht als Schriftsteller, der es seinen Figuren bei ihrer Wandlung nicht zu leicht machen will. Durch einen Artikel in der GQ wurde ich aufmerksam auf die Pickup-Szene, auf professionelle Aufreißer und auf Strauss’ Buch, das ursprünglich 2005 in New York als „The Game“ erschienen war. Da ich noch in keinem deutschen Roman von den schrägen, wilden, verrückten oder bescheuerten Erlebnissen in einem Aufreißer-Seminar gelesen hatte, spielte ich mit dem Gedanken, etwas Ähnliches in meiner Geschichte stattfinden zu lassen.

Also las ich das Buch. Ich lernte Begriffe wie EFL (ewig frustrierter Loser) und HB (Heißes Babe), erfuhr, was „Opener“, „Pfauentheorie“, „Drei-Sekunden-Regel“ und „beiläufige Herabsetzung“ zu bedeuten hatten und stieß auf Sätze wie diese: „Wer eine Frau erobern will, muss zuweilen das Risiko eingehen, sie gleich wieder zu verlieren“, oder: „Es ging um die Eleganz des Spiels, die Grazie des avancierten Flirts“, oder: „Ein echter Profi-Aufreißer gibt prinzipiell keine Drinks aus, solange er nicht mit dem betreffenden Mädchen geschlafen hat; Geschenke sind ebenfalls tabu.“ Solche Sachen.

Sprachlich eher so der Playboy-Style, literarisch belanglos, sind die Bekenntnisse ein wilder Ritt durch eine derbe und sexistische Parallelwelt. Rainer Brüderle ist ein Altherrenwitz dagegen, das können Sie mir ruhig glauben. Mich hat das Buch erschüttert, die Lehren sind gefühlskalt, frauenfeindlich und egoistisch – aber auch raffiniert, denn unterschätzen sollte man UMAT (ultramännlichen Alphatiere) keineswegs, trotz der affigen Abkürzungen. Der internationale Bestseller in Ich-Form basiert auf den persönlichen Erfahrungen des Journalisten Neil Strauss, die Szene und die Lehren sind keine Erfindung. Und auch wenn der Autor mit der Erkenntnis das Projekt beschließt, wahre Liebe brauche keine Tricks, so bleibt doch ein dystopisch anmutendes Nachgefühl. Bei mir zumindest.

Für meinen Roman war klar: Ja, ich wollte Juli mit dieser knallharten Männerwelt konfrontieren, schon weil er als sensibler Gleichberechtigungsbefürworter einen schreiberisch starken Kontrast dazu verkörpert. Allerdings wollte ich die deprimierende Emotionslosigkeit dieser Underground-Szene satirisch überhöhen, schon um im Genre der Komödie zu bleiben. Also trifft Juli in Wien, wo er ein derartiges Seminar besucht, unter anderem auf Frauen, die die immergleichen „Opener“ und Maschen im Fünf-Minuten-Takt hören und sich langweilen, punktet unfreiwillig bei einem homosexuellen Mann und landet mit einer Fremden im Stunden-Hotel, in dem er es aber keine Stunde aushält …

Was mir das verschämte Experiment gezeigt hat: Manchmal dienen unbequeme Bücher eben auch als Inspiration. Ein Autor, der sich nur in Kreisen bewegt, in denen er sich wohlfühlt, ist ein schlechter Autor – so viel Phantasie er auch immer haben mag.

Bernhard Blöchl, Jahrgang 1976, ist Autor und Kulturjournalist aus München, der hauptsächlich für die Süddeutsche Zeitung und SZ Extra über Film, Pop und Literatur schreibt. Unter http://www.lieblingssaetze.de hat er ein Museum der schönen Sätze eingerichtet, wo er Romananfänge und Songzeilen sammelt und kommentiert. Sein Debütroman „Für immer Juli“ ist 2013 im Maro-Verlag erschienen. Das begleitende Sachbuch, der satirische Ratgeber „Schluss mit luschig! Anleitung zum Mannsein“, kam beim Rowohlt Verlag im Juli 2014 heraus – unter dem Namen der Romanfigur Julian Hartmann. Es ist das Buch zum Blog zum Roman und damit der dritte Teil eines schelmischen Literaturexperiments. Derzeit schreibt Blöchl an seinem zweiten Roman. Die Pickup-Szene wird darin keine Rolle spielen.

Mehr Lesestoff von ihm gibt es unter:

www.bernhardbloechl.de

www.lieblingssaetze.de

www.schlussmitluschig.de

#VerschämteLektüren (21): Jutta Reichelt und der verdammt gute Roman

Vor etwa 25 Jahren wurde ich einmal von einer Muse geküßt. Am nächsten Morgen schrieb ich den ersten Satz meines immer noch unvollendeten Romans. Offenbar war jedoch ein Kuss nicht genug – bei dem einen Satz sollte es fortan bleiben. Wie das so ist mit den Musenküssen. Ob Schreiben-Können auch mit dem Viel-Schreiben kommt, was Übung ist, was Routine, wieviel Talent wiegt und wieviel Zu- und Selbstvertrauen, Handwerk und Übung ausmachen – darüber macht sich die Schriftstellerin Jutta Reichelt auf ihrem Blog „Über das Schreiben von Geschichten“ viele Gedanken. Man kann dabei mitlesen, davon lernen und zwischendurch sogar mitspielen – beispielsweise, wenn Christoph einfach verschwindet.
Und das führt zu ihrer „verschämten Lektüre“: Denn selbst Schriftstellerinnen träumen anfangs noch ein wenig vom „Musenkuss“, wenn er in Form eines verkappten Sachbuches daherkommt…

Jutta Reichelt bringt so einen ganz neuen Aspekt in die #VerschämteLektüren. Und wie das so ist mit den verdammt guten Romanen, das kann man dann im Frühjahr 2015 sehen: Da erscheint ihr neuer Roman beim Verlag Klöpfer & Meyer, den ich wegen seines ambitionierten Programms und seiner schön gemachten Bücher sehr schätze. Zur Verlagsvorschau mit Einblick in „Wiederholte Verdächtigungen“ geht es hier: http://www.book2look.com/book/HdJvCpFdt2

Jetzt aber Jutta und der Roman vom Musenkuss:

„Ich habe mich entschlossen (nach mehreren schlaflosen Nächten), diese Möglichkeit der #VerschämteLektüren für eine Offenbarung zu nutzen, die geeignet ist, meinen halbwegs guten Ruf als literarische Autorin zu ruinieren.

Ich muss dazu etwas ausholen: Als ich zu schreiben begann, wusste ich nicht, wie ich was schreiben wollte, aber ich wusste, dass die Autorinnen und Autoren, die ich schätzte und die meinen inneren Referenzrahmen bestimmten (hätte ich damals nicht so sagen können) „literarische“ Autoren waren.

Ich wusste nicht, wie und was sich schreibend lernen lässt und ob es dafür Regeln gibt. Ich wusste auch nicht, warum die Texte, die ich schrieb, mir nicht gefielen. Jedenfalls nicht so richtig. Ich versuchte, genauer darauf zu achten, wie „andere“ schrieben – und vergaß diese Frage aber über der Lektüre immer wieder sofort.

Trotzdem schrieb ich weiter. Ich hatte das Gefühl, das sich etwas an meinem Schreiben in die richtige Richtung entwickelte, ohne dass ich hätte sagen können, was es war. Ab und zu gab ich, was ich schrieb, meinem Bruder, der mir mit großer Geduld erzählte, was er in meinen Texten las – und wie sie vielleicht gewinnen könnten. Nannte auch AutorInnen, die mir vielleicht gefallen könnten. So ging viel Zeit dahin.

Schön wäre es gewesen, wenn es einfacher gewesen wäre. Und dann las ich diesen Titel (Trommelwirbel!): „Wie man einen verdammt guten Roman schreibt“ von James N. Frey!

Ich habe das Buch gelesen. Ich habe es sogar verschlungen. Es ist lange her, aber es war so! Ich habe für zwei bis vier Monate gedacht, ich wäre gerettet. Meine Texte wären gerettet. Ich habe gedacht, dass alles viel einfacher ist, als ich je für möglich gehalten hätte. Eine Prämisse! Alles, was mir fehlte, war eine Prämisse! Und: „Konflikt! Konflikt! Konflikt!“

Leider ist es dann alles doch komplizierter und einfacher zugleich und mittlerweile weiß ich, dass Schreibratgeber wie Medizin sind: Sie können wirkungslos sein, hilfreich – oder schädlich. Wir wissen meist, wie ein Text sein sollte, wir wissen nicht, was mit unserem Text nicht stimmt. Wir halten unsere Texte ja für spannend oder komisch oder unglaublich berührend und irren uns nicht über „die Regeln“, sondern über unseren konkreten Text. Das ist das Problem …

Mittlerweile weiß ich auch, dass „Schreibratgeber“ und noch dazu solche mit einem derart marktschreierischen Titel für manche Autorinnen „eigentlich“ in die zweite Reihe gehören – und weil ich immer noch viel zu viele Bücher besitze, sind sie da auch gelandet. In ehrenwerter Gesellschaft …“

Hier geht es zum Blog der Autorin: http://juttareichelt.com/

Und auch beim Literaturhaus Bremen kann man sie finden: http://www.literaturhaus-bremen.de/autor/jutta-reichelt

#VerschämteLektüren (20): Der Krimiblogger mag es auch mal cozy – Ludger Menke und Inspector Jury.

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Bild: Karl Ludger Menke

Allen meinen Leserinnen und Lesern hier wünsche ich ein SUPERGUTES NEUES JAHR!!! Ich hoffe, Ihr seid gut gerutscht, hattet einen guten Start in 2015 und seid auch bereit für eine neue Runde an verschämten Lektüren.
Zum Start in 2015 wird es spannend mit Ludger Menke alias Krimiblogger. Ludger schreibt über Kriminalliteratur auf mehreren social media-Kanälen – am besten mache man sich ein Bild über seine Aktivitäten unter krimiblog.com.
In einem Interview im  Forum SteglitzMind sagt Ludger über sich:
„Mein Aliasname Krimiblogger verrät es: Ich mag Krimis, Thriller, Spannungsromane und auch Schund. Was genau Krimi ist, kann ich nicht sagen, meine Blogs spiegeln auch meine Suche nach Definitionen und Begriffserklärungen wider. Im Laufe der Zeit bin ich vorsichtiger geworden, ein Buch als „Krimi“ zu bezeichnen. Daneben versuche ich aber auch über den literarischen Tellerrand zu schauen.“
Wenn einer gesteht, „Schund“ zu mögen, dann macht das durchaus neugierig, was Ludger wohl bei den verschämten Lektüren auspackt. Here we go:

Sie sind die “guilty pleasures” der Krimileser, Krimikritiker hingegen rümpfen oft die Nase über sie: die Cozies. Rätselkrimi, Landhauskrimi, Häkelkrimi – so lauten die Etiketten, mit denen im Deutschen die kuscheligen Spannungsromane bezeichnet werden. Cozies gehören schon lange zu den Unterarten der Kriminalliteratur. Bereits im “Goldenen Zeitalter” der Detektivgeschichten, zwischen den beiden Weltkriegen im 20. Jahrhundert, wurden massenhaft Cozies veröffentlicht. Nicht nur berühmte Autoren wie Agatha Christie, Dorothy L. Sayers (red. Anmerkung: Bei Sätze&Schätze rangiert sie unter der Kategorie „Flutschbuch“:
http://saetzeundschaetze.com/2014/09/21/flutschbuch-11-dorothy-sayers-hochzeit-kommt-vor-dem-fall/)
oder Margery Allingham schrieben damals die mittlerweile oft als harmlos verspotteten Geschichten, auch längst in Vergessenheit geratene Schriftsteller wie Mavis Doriel Hay, John Bude oder John G. Brandon erreichten mit ihren Geschichten ein großes Publikum.

Die Tradition der Mordsgeschichten, die in der Regel im ländlichen England spielen, deren Morde zwar skurril ausschauen, aber kaum detailliert geschildert werden, und bei denen es meistens einen kleinen und überschaubaren Kreis von Verdächtigen gibt, wurde bis heute von Schriftstellern fortgesetzt. Die US-amerikanische Autorin Martha Grimes, 1931 in Pittsburgh geboren, begann Anfang der 1980er Jahre mit der Veröffentlichung ihrer Inspektor-Jury-Reihe, die mittlerweile 22 Bände umfasst. “The Man With a Load of Mischief” heißt ihr erster Roman, der 1987 in der Übersetzung von Uta Goridis unter dem Titel “Inspektor Jury schläft außer Haus” bei Rowohlt erschien. Und in ihm finden sich alle wichtigen Aspekte, die einen guten Cozy ausmachen: Der Krimi spielt im ländlichen und hübsch verschneiten Long Piddelton, bizarre Morde an Zugereisten geschehen in den örtlichen Pubs, eine exzentrische Gesellschaft von Schriftstellern, Schauspielern und Adeligen beherrscht das Geschehen und selbstverständlich muss einer von ihnen die Morde – denn natürlich bleibt es nicht bei einem Toten – begangen haben. In dieses schaurige Spektakel schickt Scotland Yard den charmanten Inspektor Richard Jury als Aufklärer, der sich, wie es sich für einen Cozy gehört, in eine der Verdächtigen verliebt, der Lyrikerin Vivian Rivington.

Neben ihr zählen der windige Kriminalschriftsteller Oliver Darrington und seine gar reizende Sekretärin Sheila Hogg, der attraktive Wirt und ehemalige Schauspieler Simon Machett, der schwule Antiquitätenhändler Marshall Trueblood, die exzentrische Lady Agatha Ardry und ihr Neffe, Melrose Plant, der freiwillig seinen Adelstitel abgegeben hat, zu dem Ensemble der Verdächtigen. Wie es sich für einen Cozy gehört, führen die aktuellen Verbrechen – ein Opfer wird an einer Skulptur an einer Kneipe zur Schau gestellt, ein anderes Opfer landet mit dem Kopf in einem Bierfass – zurück zu Gewaltverbrechen in der Vergangenheit. Angereichert wird diese harmlose und kurzweilige Mörderjagd mit literarischen Anspielungen. Melrose Plant, der sich zum mitermittelnden Freund von Inspektor Jury mausert, zitiert mühelos französische Lyriker, dezente Hinweise zu Agatha Christie und Arthur Conan Doyle werden gestreut und selbstverständlich spielt Shakespeare eine wichtige Rolle, denn der Schlüssel zur Aufklärung der aktuellen Morde könnte in einer “Othello”-Aufführung liegen, die bereits vor vielen Jahren über die Bühne ging.

Dem strengen Blick eines Literaturkritikers können diese literarischen Anspielungen wohl kaum genügen. “The Man With a Load of Mischief”, ist, wie fast jeder Cozy, Unterhaltungsliteratur, die sich mit Klischees schmückt und die keinen literarischen Anspruch hat. Stilistisch ist der Roman handwerklich sauber und unaufregend verfasst, Martha Grimes stellt das Ensemble-Spiel ihrer Figuren in den Mittelpunkt und geht vor allem der Frage nach, wie sich Menschen verhalten, wenn sie mit Mord konfrontiert werden. Der Roman – wie fast alle Inspektor-Jury-Bücher – hat kaum einen politischen oder gesellschaftlichen Anspruch, wirkt in sich sogar eher konservativ und verklärend. Dennoch habe ich mich über zwanzig Jahre nach meiner ersten Lektüre auch beim erneuten Lesen gut amüsiert. Wie so oft bei Unterhaltungsliteratur sind es oft die Freiräume, die der Autor seinen Lesern lässt. Grimes schafft skurrile Figuren und beschreibt dennoch nicht alles bis ins Detail, sondern lässt ihren Lesern den Platz für eigene Bilder. Vielleicht liegt darin die Kraft und das Geheimnis guter Cozies: Das Erschaffen der Landschaften und der Personen. Doch zum Leben erweckt sie letztlich erst der Leser in seinem Kopf. Und das macht mir auch heute noch, nach vielen, vielen kriminalliterarischen Meisterwerken, immer noch einen Heidenspaß!

P.S.: Wer die deutschen Ausgaben heute sucht, der schaue in Antiquariaten bitte nach den alten Ausgaben mit den schönen Umschlag-Illustrationen von Bruce Meek. Leider wurden die späteren Jury-Romane mit Umschlägen versehen, die an die bunten Zeichnungen von Meek nie heranreichten. Und Meek gab mit seinen Bildern die Atmosphäre der Grimes-Romane perfekt wider.

Bibliographische Angaben:
Martha Grimes: The Man With A Load of Mischief. – Boston : Little, Brown & Company, 1981. – ISBN: 0316328804

E-Book-Ausgabe: Martha Grimes: The Man With A Load of Mischief. – New York: Scribner, 2013. – ISBN 978-1-4767-3294-7

Deutsche Ausgabe: Martha Grimes: Inspektor Jury schläft außer Haus / Deutsch von Uta Goridis . – Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1987, ISBN 3-499-15947-3

Und hier geht es zum lesens – UND! – sehenswerten Blog von Ludger: https://krimiblog.com/

#VerschämteLektüren (19): Wie der krasse Grass einen Leser zur Beschämung trieb

Verschämte Lektüren bedeutet nicht unbedingt, dass man die Bücher im Regal weit hinten vor den Augen der Besucher versteckt. Manchmal geht es auch anders herum: Man versteckt sich vor dem Buch. Weil es einen aus dem Regal her angrinst – aber man es einfach nicht leiden mag… Oder weil man vom Autoren viel hält, ihn verehrt, aber dieses eine Buch so fürchterlich daneben ging… Das ist dann literarisches Fremdschämen sozusagen. Von so einem Fall handelt dieser Beitrag. Denn so erging es jedenfalls Marc, der sonst von sich wie von seinem Blog sagt: „lesenmachtglücklich“.

Marc ist so nett und stellt sich gleich selbst vor:
Da es um Literatur geht, möchte ich mich auch mittels bestimmter Werke und Autoren näher bringen, ohne Wertigkeit versteht sich. Also, meinen Vornamen habe ich vom Twain entliehen, allerdings, um nicht aufzufallen, wurde er mit einem c am Ende versehen. Nicht weiter schlimm, so taucht man eben unter. Die Zeit, von der „Der Turm“ (der von Tellkamp, nicht Stephen King) erzählt, habe ich als kleiner Zwerg erlebt und kann da nur insofern mitreden, dass ich zu besagter Zeit, zu der dieser Roman spielt, in dieser Region gelebt habe. Nach Stationen Schule (auch Lessing trieb sich früher da rum) und Studium (Uwe Tellkamp hat hier ebenfalls studiert, nur war es bei mir stattdessen Maschinenbau) hat es mich mittlerweile in die Region verschlagen, in der der Verlag „ars vivendi“ sein Unwesen treibt und diverse regional verwurzelte und überregionale Literatur veröffentlicht. Soviel zu meiner Person und ansonsten lasse ich gerne meinen Blog sprechen, schaut einfach auf www.lesenmachtgluecklich.wordpress.com vorbei.

Marcs verschämte Lektüre:

Es gab mal einen Autor im Nachkriegsdeutschland, der das heiße Eisen „Aufarbeitung der Geschehnisse des Zweiten Weltkrieges“ in die Hand nahm und mit „Die Blechtrommel“ erfolgreich in die Tat umsetzte. Dazu muss ich noch ein wenig weiter ausholen, denn es liegt schon einige Jahre zurück, dass ich mich diesem Autor widmete. Es begab sich also zu meinen Schulzeiten, das war noch in grauen Vorinternetzeiten Mitte/Ende der 90er, als unser Deutschlehrer in der Sekundarstufe II die Wahl überlassen hatte, ein Buch aus seinem ganz persönlichen Kanon vorzustellen. Da waren viele illustre Werke dabei, doch keines sprach mich mehr an als die eingangs erwähnte Geschichte um Oskar Mazerath. Es war eines der wenigen, die übrig blieben. Warum ich mir ausgerechnet diesen dicken Wälzer ausgesucht habe, weiß ich bis heute nicht, aber es war das einzige, welches mich interessierte. So nahmen die Dinge ihren Lauf und ich entdeckte Günter Grass für mich. Das Buch musste ich aus unterschiedlichsten Gründen (zum Glück) nicht vorstellen, aber das gab dem Lesegenuss noch mehr Vorschub. Bis heute habe ich dieses Werk schon dreimal gelesen und finde es jedesmal aufs Neue interessant und faszinierend. Doch um der Rubrik auf meine etwas verquere Logik gerecht zu werden, will ich ehrlich sein: Oh Wunder, um dieses Buch geht es gar nicht.

Ich begann eine etwas innigere Beziehung mit dem Werk von Günter Grass, der als Schüler nicht gerade der Autor ist, den man gerne liest. Und – keine Sorge, ich habe mich auch der Trivialliteratur zugewandt gefühlt, aber seltsamerweise hat es mir Grass voll krass angetan (ich liebe dieses Wortspiel). Lange Rede kurzer Sinn, ich verschlang seine Danziger Trilogie (die steht immer noch sehr prominent bei mir zu Hause im Wohnzimmer und fleht mich jedes Mal an, sie wieder aufzuklappen); verspeiste den Butt und ging mit der Rättin spazieren. Doch dann kam der unglückselige Tag, an dem ich mich dem Werk „Ein weites Feld“ zuwandte, welches mein erstes Buch in meinem Leseleben werden sollte, dessen Lektüre sich über Monate hinzog. Dass ich es nicht abgebrochen habe, liegt wohl eher daran, dass ich der Typ Leser bin, der einfach zu Ende liest, was er begonnen hat und nicht, weil mich die literarische Qualität abschreckt oder das Werk langweilig ist, abbricht. Ich habe keine weitreichenden Erinnerungen mehr an dieses Buch, außer dass es sich sehr, sehr, sehr zäääääääääääh in die Länge zog und ich mir geschworen habe, es Marcel Reich-Ranicki gleich zu tun, dessen Bild vom Spiegel sich mir in Verbindung mit diesem Buch ins Gedächtnis gebrannt hat (siehe hier der Link zum Spiegel-Artikel von MRR). Zerrissen habe ich es nicht und auch nicht weggegeben, doch verstanden habe ich es bis heute nicht. Es steht immer noch bei mir im Bücherregal und grinst mich immer, wenn ich daran vorbeigehe, hämisch an und sagt lachend zu mir, wann ich mich denn mal wieder quälen möchte. Ich lass es dann links liegen, gehe verschämt (im Sinne von, warum ich das Buch denn überhaupt noch im Buchregal lasse) vorbei und lasse es so lange lachen, bis es sich dieses hicksend verkneift. Damit bleibt nur als Schlussfazit: Bücher und wie sie sich im Kopf festsetzen, sind ein weites Feld. Heute Abend gehe ich wieder meine Regalreihen entlang und ich fürchte schon jetzt wieder das Kichern, dass in meinem Rücken zu einem Gelächter anschwellen wird, um mir zu zeigen, dass ich dieses Werk immer noch nicht entsorgt habe. Fange ich heute vielleicht an, darin zu lesen? Oder verdrücke ich mich wieder in die hinterste Ecke meines Zimmers und halte mir die Ohren zu?

P.S.: Zum Glück konnte ich mich mit Herrn Grass ein wenig später mit „Mein Jahrhundert“ wieder versöhnen.

P.P.S.: Nicht das ich die Rubrik falsch verstanden habe, aber um Missverständnissen vorzubeugen, habe ich für mich persönlich den Begriff „verschämt“ etwas freier interpretiert.

Hier geht es zum Blog lesenmachtglücklich:
http://lesenmachtgluecklich.wordpress.com/

PS – Ergänzung durch Sätze&Schätze: Das Buch – nicht zuletzt auch nach der Kritik durch MRR im Spiegel – löste nach seinem Erscheinen eine politische Diskussion aus und führte zu einer literarischen Fehde zwischen Autor und Kritiker, die jahrelang anhielt. Auch sieben Jahre später wechselten die Beiden darüber nur mediale Noten: http://www.spiegel.de/kultur/literatur/reich-ranicki-an-grass-ich-muss-sie-noch-einmal-belehren-a-217611.html.

Auch das Spiegel-Titelbild blieb nicht unumstritten – ein handfester Verriss mit Folgen.

Bild zum Download: Graffiti Günter Grass in Lübeck

#VerschämteLektüren (18): Flattersatz bei Ninja und Co, ohne KG…

Der Blog aus.gelesen ist eine wirkliche Fundgrube für alle wilden Leser: Da findet man Besprechungen zu Klassikern, zu Neuerscheinungen auch abseits des Mainstreams, zu Sachbüchern, beispielsweise über das wichtige Themenfeld der Trauer und des Abschieds von nahestehenden Menschen, zu Ratgebern („Darm mit Charme“), Bildbänden, etc. – kurzum: Man kommt sich vor wie im Wohnzimmer eines beschlagenen und vielseitig interessierten Buchhändlers. Und vor allem informiert „Flattersatz“ immer ausführlich, informativ und kompetent über das jeweilige Buch, und das eben auch mit Mut zur Kritik und zur eigenen Meinung – keine Allerwelts-Buchvorstellungen eben. Dass hinter dem Flattersatz jedoch auch ein literarischer Shogun oder „Ninja Turtle“ steckt, wer hätte das wohl geahnt:

„Tja, in meiner Jugend Maienblüte, als die Knochen noch kräftig waren, die Gelenke noch geschmiert, hing ich den ostasiatischen Kampfsportarten an. Zum Teil als 2. Dan im Chipsverzehr auf der Couch nach ausreichender Beuteergreifung in der örtlichen Videothek (Stichwort: van Damme und Steven Seagal..), zum Teil auch im Dojo, wenn man die Turnhalle mal so hochtrabend bezeichnen will. Und dann eben auch literarisch (ähemmm… ).
Der gute Eric Van Lustbader war einer derjenigen, welcher sich dem Thema widmete. Vor dem Hintergrund der japanischen Geschichte kombinierte er  in den Geschichte um seinen Protagonisten Nicholas Linnear Verschwörung, Intrige, Liebe und Habgier zu Geschichten, die ich förmlich verschlungen habe. Ich glaube, wenn es notwendig gewesen wäre, wäre ich auch mit der Taschenlampe unter die Bettdecke gekrochen, aber aus dem Alter war ich dann doch schon ´raus. Mit anderen Worten, es waren total spannende Geschichten, pageturnig geschrieben und mit viel Details zum Thema alte japanische Kultur und Kampfkunst. Zugegeben, die intellektuelle Dimension kam etwas kurz (sag ich jetzt mal so aus der Erinnerung) – obwohl man natürlich nichts über die japanische Kultur erzählen kann, ohne daß hier auch philosophische Aspekte erwähnt werden. Schaut man sich die Vita des Autoren an, so sieht man, daß er sich auch privat zum Japanischen hingezogen fühlt – unter diesem Aspekt fühlt man sich noch nach Jahrzehnten gleich viel wohler in den Geschichten, liest sie mit ganz ruhigem Gewissen: man hat ja seinerzeit was für die Bildung getan…..
Lustbader war, wie man an den Bildchen sieht, nicht der einzige, der auf dieser Welle schwomm, was für ihn gesagt, gilt cum grano salis auch für Leute wie Olden, Charney, Bailey, Trevanian – Namen, die mir heute so gar nichts mehr sagen, damals fanden sie natürlich alle Eingang in mein Regal und ihren Platz dort haben sie behauptet… eine Erinnerung an g´schamige Zeiten, literaturmäßig, meine ich….
 Ja, der Bushido, der Weg des Kriegers. Drunter ging´s damals nicht. War schon irgendwie was besonderes, wenn so ein Samurai sich vor den Augen seines in die Ferne starrenden Daimyō von den Klippen in den Tod stürzte, nur um ihn darauf aufmerksam zu machen, daß zu Hause das Essen auf dem Tisch steht… ;-). Oder der gute, alte Musashi, der ja mal ganz groß in Mode war. Mit den Esstäbchen flugs die Fliegen im Gleichnamigen fangen und dann auf dem Weg zum Duell in aller Ruhe das Stirnband falten. Aber es steckt teils, ernsthaft betrachtet, schon eine Menge Philosophie in diesen Geschichten, eine Philosophie, die unserer westlichen so fern war – und ist. Bei uns im Westen sind seinerzeit ja sogar Managerseminare im Geiste Musashi ausgerichtet worden, das schmale Bändchen neben dem Wälzer bietet dazu ein Konzentrat. (Ach ja, wer noch mehr verschämte Literatur entdecken sollte auf diesem Bildchen: alles nur Einbildung, in Wahrheit alles hochgeistig! Hinter dem Schutzumschlag muss die Freiheit wohl grenzenlos sein.)
Tja, das war schon Äktschn pur. Fliegende Ninja, die durch Strohhalme atmend am Grunde des See überdauerten, bis ihr Einsatz kam. Sollte man mal probieren, so durch einen Strohhalm atmen. Fühlt sich nicht so sehr nach Ninja an, eher nach Mensch mit akuter Atemnot. Von daher sehr lehrhaft. Überhaupt war Tod, töten und sterben ein Hauptthema der Romane. Aber immer mit Stil. Da gab`s auch schon mal einen Dolch in den eigenen Bauch, um so etwas wie seine Ehre zu retten. Seppuku nannte sich das dann und war dem Fremden völlig unverständlich. Und dem gemeinen Volk, dem, das auch noch arbeitete, wurde schon gerne mal auf´s Haupt gehauen oder auch selbiges gleich ganz ab. Und`s Weibervolk: entweder Engel oder Teufel, Miko halt…mit allen Wassern (ausser Weihwasser) gewaschen, aber am Ende doch immer auf der Verliererstraße…
Hat irgendjemand, der schon lange genug auf diesem Erdenrund weilt, eigentlich den Shogun damals nicht gesehen? Richard Chamberlain alias Anjin-san und Fürst Toranaga mit der kehligen Aussprache? Ach, was zitterte man im Geheimen mit, wenn die mandeläugige Schöne (leider verheiratet) und der langnasige Fremde die Schmetterlinge im Bauch flattern fühlten… na ja, schließlich wurde John Blackthorne dann sozusagen Ehren-Samurai, samurai-iger als die Samurais. War eh klar. Wieso muss ich jetzt an die Dornenvögel denken?
Wirklich viel weiß ich natürlich nicht mehr von diesen Romanen, die ich einmal verschlungen habe. Aber ich schätze mal, das muss ich auch nicht wirklich bedauern, war halt so`ne Periode in meiner geistig-moralischen Entwicklung, durch die ich durch musste. 🙂 Und wenn ich mich in meinem Text so ein wenig lustig gemacht habe, ist das nicht allzu ernst zu nehmen, die japanische Hochkultur ist faszinierend, sie imponiert mir immer noch. Aber sie ist eben auch nur eine Facette des Landes, von den anderen hört man eher weniger und was man hört, ist nicht so glanzvoll….
Links und Anmerkungen:
.. gibt´s heute nicht. Hai-hai.“
Dafür aber nochmals einen Hinweis auf den lesenswerten Blog: http://radiergummi.wordpress.com/

#VerschämteLektüren (17): Eine Spannungsautorin mit Hang zu ulkigen Weihnachtsmännern

„Wieder rammten sich Rasierklingen durch seine Trommelfelle. Eine Türklingel, schrill und fordernd. Jemand klopfte mit der Faust. Rüttelte an einer Tür. Rief Tareks Namen – er solle endlich aufmachen!“

Das ist ein Zitat aus dem Schlusskapitel in „Für Immer Mein“ von Ellen Dunne. Es ist ihr zweiter Roman nach „Wie Du Mir“, einem Krimi, der in Nordirland spielt. Man sieht – Ellen macht es spannend. Umso erstaunlicher sind ihre vergnüglichen und jahreszeit-angemessenen #VerschämteLektüren, die uns die Schriftstellerin hier beichtet…

Auf ihrem Blog http://www.ellen-dunne.com/ finden sich auch interessante und amüsante Geschichten über ihre Wahlheimat Irland, Texte und Rezensionen und dieses Selbstportrait:

„Geboren wurde ich 1977 in der Nähe von Salzburg. Mit 12 begann ich auch abseits der Schulbank Notizhefte mit Geschichten zu füllen. Für Irland und seine Geschichte interessiere ich mich seit den frühen 90ern. Seit 1996 arbeite ich in der Werbung als Texterin und Teamleiterin für die klassische und online-Werbebranche.

Seit 2004 lebe ich in Irland, nur 2010/2011 habe ich zwei Jahre Pause eingelegt für Aufenthalte in Berlin und München. Danach bin ich wieder südlich von Dublin gelandet, bin selbstständige Texterin/Kreativ-Übersetzerin – und schreibe Romane über normale Menschen in außergewöhnlichen Situationen. Übrigens noch immer in Notizhefte. Da bin ich ganz 12 geblieben.“

Ein außergewöhnlicher Mensch in einer normalen Situation – das ist jedoch die Ausgangslage zu Ellens #VerschämteLektüren:

Raymond Briggs und sein grantiger Weihnachtsmann

Es gibt zwei Bücher aus meiner Kindheit, die lese ich wie ein Uhrwerk jedes Jahr zu Weihnachten mindestens einmal durch, a) weil sie eigentlich Comics sind und trotz der Vorweihnachtshektik immer drin sind und b) weil ihr Humor so richtig schön britisch und zeitlos ist:

O je, du fröhliche

Im Grunde erinnert mich Raymond Briggs’ Weihnachtsmann an einen älteren, etwas einsamen und brummeligen Herren, der in seiner arbeitsreichsten Nacht mit Wind, Wetter, schmutzigen Kaminen und seiner zunehmenden Abneigung gegen die Kälte kämpft. Nach getaner Arbeit zieht er sich dann zu seiner privaten Feier zurück, nur um von den Verwandten mit gar schröcklichen Socken, Krawatten und ähnlichen Standardgeschenken abgespeist zu werden. Die warmen Illustrationen machen mir jetzt noch ein ganz heimeliges Gefühl.

Was macht der Weihnachtsmann im Juli?

Doch eine besonders liebenswerte Idee ist die des Weihnachtsmannes, der wie wir alle mal Urlaub braucht und sich mit seinem umgebauten Schlitten um die Welt macht. Auf der Suche nach der perfekten Erholung kämpft er mit kulturellen Unterschieden, Reisedurchfall und den Nachteilen seiner internationalen Bekanntheit … Und was soll ich sagen? Die Idee klingt so einfach und ist doch so gut und lustig umgesetzt, ich kichere jetzt noch jedesmal, wenn ich ihn da am Pool liegen sehe und Cocktails schlürfen.

So macht mir Raymond Briggs jede Adventszeit wieder den Weihnachtsmann zu meinem heimlichen Wunschopa und mich zum Kind. Aber wer will schon erwachsen werden, solange es so gute Kinderbücher gibt?

Frohe Weihnachten Euch allen!

Und hier geht es zum Blog von Ellen Dunne:
http://www.ellen-dunne.com/

#VerschämteLektüren (16): Dramen unter Damen mit Lesegelage

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Bild von StockSnap auf Pixabay

Sabine zeigt sich auf ihrem Blog „Binge Reading & More“ als wahre Bücherverschlingerin. Die Lesegelage werden von ihr frech, fröhlich, frei, aber eben nicht fromm und brav präsentiert. Amüsierfaktor beim Lesen inklusive. Worauf ich ein wenig neidisch bin: Sie liest amerikanische und englische Literatur nicht nur im Original, sondern schreibt darüber auch in eloquentestem Englisch. Und das, obwohl sie in Bayern lebt – was da die Sprachpolizei der CSU wohl dazu zu sagen hätte?
Mit ihrem Beitrag zu #VerschämteLektüren bringt Sabine nochmals einen weiteren Gesichtspunkt in die ganze Reihe:

„Also, meine gelegentliche heimliche Leidenschaft: Liebesschmonzetten und zwar – Dramen unter Damen. Da ist der Begriff coming-out doppelt treffend. Ist schon eine Weile her, aber schon der Kauf der Lektüre hatte es in sich, das Herumstreichen um die Bücherregale mit den gefährlich interessanten Titeln. Das Schauen, ob die Luft rein ist und dann, wenn keiner guckt: Buch schnappen, halb unter der Jacke versteckt zur Kasse schleppen, abwarten, bis niemand in der Nähe ist und dann zack Patricia Highsmith‘ „The Price of Salt /Carol“ auf die Theke geschuppst und inständig gehofft, die knallrote Rübe fällt nicht weiter auf, Kommentare und Blicke bleiben weg und die Tür kann im Stechschritt und ohne Hindernisse erreicht werden.
Jaaaa, das nenne ich doch dann mal Lektüre, die die Herzen höher schlagen lässt. „Carol“ war dann aber auch einfach wirklich wunderbar. Kein Krimi, wie man es sonst von Frau Highsmith gewohnt ist, sondern eine wunderbare Liebesgeschichte und dann auch noch – ganz unglaublich MIT Happy End!
Ganz und gar nicht selbstverständlich. Üblicherweise und lange Zeit endeten solche Romane damit, dass eine der Damen einen Mann heiratet und die andere daraufhin vom Dach springt oder Schlaftabletten nimmt oder ins Kloster geht. Da war das schon sehr fortschrittlich. Es war auf jeden Fall der Beginn einer gelegentlich heftig brennenden Schmonzetten-Leidenschaft und Frau Highsmith ist Schuld. So schaut`s aus.
Sag ich mir, wenn ich mal wieder auf jeglichen literarischen Vollwert-Gehalt pfeife und auf dem Sofa liegend einem Happy End entgegenfiebere.
Frau Highsmith hat den Roman in den 50ern unter dem Pseudonym Claire Morgan veröffentlicht und erst in den 1990er Jahren ist er unter ihrem Namen erschienen. Mein Carol-Exemplar hab ich natürlich noch immer, es darf jetzt auch ganz munter und offen im Regal herumstehen, aber den verräterischen Schutzumschlag, den hab ich damals gleich vor der Buchhandlung entsorgt.
Verfilmt wird er jetzt gerade, der Roman, mit Cate Blanchett und ich freue mich schon sehr auf den Kinoabend.
Hier noch ein Link zu meiner bislang einzigen Schmonzetten-Rezension auf meinem blog:  Landing – Emma Donoghue.
Also, auf zu Binge Reading & More: http://bingereader.org/

#VerschämteLektüren (15): frau g. und die frühreife Olympia.

Seit Mitte 2013 macht „frau g.“ auf ihrem Blog „Lust zu Lesen“ riesige Lust zum Lesen. Einige ungewöhnliche Buchtipps habe ich bei ihr schon entdeckt – man stöbere selbst auf dem schönen Blog.
Und wird dabei auch auf dieses freundliche Willkommen von Sonja alias „frau g.“ stoßen:

„Lust zu lesen hatte frau g. schon immer. Naja, fast. Auf jeden Fall fing sie bereits vor der Einschulung damit an und hörte nie damit auf. Sie las alles, was ihr zwischen die Finger und vor allem vor die Augen kam. Mit der Zeit entwickelte sie dann aber doch gewisse Vorlieben, was ihre Leseauswahl betraf. Heute liest sie am liebsten Zeitgenössisches, ist aber Anderem auch aufgeschlossen – wenn es denn gut geschrieben ist.“

Manchmal darf es aber auch etwas verschämter sein, wie sie uns verrät:

„Als ich das erste Mal bei „Sätze und Schätze“ über die Aktion der verschämten Lektüre las, fiel mir sofort „Olympia“ von Anita Shreve ein. Obwohl ich den Roman bereits vor dreizehn Jahren gelesen habe, ist mir seine Geschichte immer noch präsent und scheint für mich offensichtlich die Vorgaben dieser Reihe „…oder aber um Bücher, die ihr persönlich eigentlich schlecht findet, aber trotzdem gerne gelesen habt“ optimal zu erfüllen.

Der Roman spielt im Jahre 1899. Olympia, sechzehnjährige Tochter aus gutem Haus, natürlich wunderschön und ungewöhnlich intelligent, verliebt sich in einen Freund ihres Vaters. Er, John Haskell, ist von Beruf Arzt, sozial sehr engagiert, verheiratet und selbst Vater dreier Kinder. Dass die ganze Geschichte sich natürlich zum Desaster für alle Beteiligten entwickelt, dürfte klar sein.

Und trotzdem hat mich die Geschichte mitgerissen, und ja, verschämt gebe ich es zu: ich verliebte mich ein bisschen mit in diesen charismatischen, verantwortungsvollen Arzt; fühlte und litt mit Olympia in ihrer dramatisch verzweifelten Situation. Ohnmächtig musste ich mit ansehen, wie die beiden verraten wurden, natürlich auf perfideste Art und Weise: beobachtet durch ein Fernrohr, als sie sich während eines Familienfestes heimlich auf einem Altar liebten (geht’s vielleicht noch ein bisschen dicker?). Dies konnte selbstredend nicht folgenlos bleiben, und so nahm das Drama weiter seinen Lauf…

Natürlich muss man sich dafür nicht wirklich schämen – für mich ist es aber deshalb zum Thema passend, weil dieses Buch alle, aber wirklich alle Ansprüche erfüllt, die ich an einem Buch eigentlich überhaupt gar nicht mag: es spielt mit Klischees, die Story ist vorhersehbar und am Ende gibt es zu allem Überfluss auch noch ein Happy-End. Zumindest fast.“

Auf diesem Blog begrüßt „frau g.“ ihre Besucherinnen und Besucher: http://lustzulesen.de/

Bild zum Download: Hinterglasbild

#VerschämteLektüren (14): Nebelschwaden wabern über dem grauen Sofa

Claudia ist eine passionierte Leserin – davon spricht ihr Blog „DASGRAUESOFA“ Bände. Bei der Auswahl zeitgenössischer Literatur verlasse ich mich gerne auf die Tipps, die sie zu bieten hat: Ihr Urteil hat Hand und Fuss, sie zeigt Stärken und Schwächen von Büchern auf, die ich nachvollziehen kann, selbst wenn ich das Buch „anders“ lese. Kurzum: Eine Leserin mit Sinn und Verstand. UMSO ERSCHÜTTERNDER ist es zu erfahren, dass einst über dem grauen Sofa fantastische Nebelschwaden aufzogen…:

„Ich muss gestehen: Ich habe sie auch alle gelesen, die verschämten Lektüren, die hier schon vorgestellt worden sind – ich bin in mindestens 11 Bänden Angélique durch Frankreich, über das Mittelmeer in den Orient und später bis nach Kanada gefolgt  (und wie langweilig war danach der Geschichtsunterricht), habe in den Südstaaten-Romanen von Gwen Bristow in gleich drei Bänden eine Plantagenbesitzerfamilie und ihre unglaublichen Schicksale über die Jahrhunderte verfolgt, und natürlich in Margret Mitchells „Vom Winde verweht“ mit Scarlett O´Hara geliebt, gelitten und gekämpft.

Als ich unlängst bei den #VerschämteLektüren den Beitrag zum Märchenprinzen und andere Verweise auf „feministische“ Literatur las und ich überlegte, warum der Titel so ganz und gar an mir vorbeigegangen ist, da fielen mir doch weitere verschämte Lektüren ein, die ich möglicherweise zu der Zeit gelesen habe: nämlich die Fantasy- Werke von Marion Zimmer Bradley!

„Die Nebel von Avalon“ gehören natürlich dazu – und siehe da: ich kann mich an nichts mehr erinnern, mit Ach und Krach fällt mir noch Tintagel ein, die Burg in Cornwall, aber wahrscheinlich auch nur, weil meine Freundin im Sommer da gewesen ist, und die Nebel über dem See, die mit dem Boot und viel (esoterischem) Glück durchpaddelt werden müssen, um von dem christlichen Kloster nach Avalon zu kommen. Und Artus und der Merlin fallen mir natürlich ein und Morgaine, die Fee. Das war es aber auch schon.

Und dann gibt es noch die Darkover-Saga der Autorin. Auf einem fernen Planet, der von einer roten Sonne beschienen und deshalb ein recht unfreundliches Klima hat, ist ein Raumschiff der Erde gestrandet, die Überlebenden bauen eine neue mittelalterlich-agrarische Kultur auf, mit adeligen Herrschaftsfamilien und vor allem ganz viel telepathischen Kräften. Mehr ist mir davon auch nicht in Erinnerung, obwohl ich einige Bände damals sehr gerne gelesen.  Selbst beim Recherchieren und Nachlesen des ein oder anderen Titels, der mir dann doch bekannt vorkommt („Gildenhaus Thendara“ zum Beispiel) , kommt nichts an Erinnerung an die Handlung zurück. Es muss wohl doch eine ganz nachhaltig beeindruckende Lektüre gewesen sein (hihihi)!

Dafür ist aber das Nachlesen der Autorinnenbiografie bei Wikipedia sehr erhellend. Von der Groschenheftschreiberei über religiös-esoterische Weltbilder bis zu Missbrauchsvorwürfen  hat die Autorin wohl ein sehr spannendes Leben geführt…

Was wir so alles gelesen haben. Und dass doch noch etwas Vernünftiges aus uns geworden ist! Da werde ich wohl nicht mehr mit dem Wimpern zucken, wenn mir mal wieder jemand etwas über Panem-Bände, Vampir-Romane oder sonstige merkwürdigen Lektüren etwas erzählt.

Konsequenterweise hat dann auch keines der Bücher in meinem Regal bis heute überlebt, ich bin da sehr rigoros mit dem Ausmisten und Verschenken. Die verschämteste Lektüre, die ich gefunden habe, sind fünf Bände Donna Leon.

Und hier geht es zu einem Sitz- und Leseplatz auf dem grauen Sofa: http://dasgrauesofa.wordpress.com/