Ulrike Draesner: Schwitters

„Der Rest fiel in seine Verantwortung. Er ging auf seine Gastgeber zu. An seiner Liebe zu Tee mit Milch arbeitete er, doch er schätzte quasi auf natürliche Art alle Arten von Pie, jeden Pudding, womit man in England jegliche Art von Dessert meinte, den Wolkenhimmel, den Dauerwind, sogar die dauerhaft winterlichen Raumtemperaturen.“

Ulrike Draesner, „Schwitters“, 2020

Kurt Schwitters, Public domain, via Wikimedia Commons SCHWITTERS, Kurt_Merz 1925, 1. Relieve en cuadrado azul, 1925_748 (1980.74)

Doch obwohl der Emigrant, der Exilant sich bemüht, in seiner neuen Heimat Fuß zu fassen, er bleibt ein Außenseiter. Vielleicht auch, weil er das von Natur aus ist: So ging es ihm in Hannover, so ging es ihm, dem Schöpfer der „Ursonate“ und der „Anna Blume“ mit seinen Beiträgen zur DADA-Bewegung, wo er immer ein Solitär blieb, ein Fremdkörper, so ergeht es ihm, dem „entarteten Künstler“ bei seinen Stationen im Exil, in Norwegen und schließlich England, wo er 1948 stirbt. „Schwitters“, der hochgelobte Künstlerroman von Ulrike Draesner, zeigt aber auch exemplarisch auf, was ein Exilantenschicksal bedeutet: Entwurzelung, Identitätsverlust, Vereinsamung. Wer wie Schwitters mit Sprache, mit einer besonderen Bildsprache arbeitet, ist doppelt geschlagen, dem sind auch die Grundlagen der beruflichen und künstlerischen Existenz entrissen.

Die Jahre des Exils, vor allem aber die Jahre, in denen Kurt Schwitters dann mit seinem Lebensmenschen, Edith Thomas, kurz „Wantee“ (der ewige Hang zum Tee zärtlich verballhornt) einen neuen Dreh-, Angel- und Haltepunkt findet, rückt Ulrike Draesner in dieser stilistisch wie ästhetisch herausragenden und herausfordernden Annäherung an den MERZ-Schöpfer in den Mittelpunkt. Dabei gelingt ihr nicht nur eine sensible Charakterisierung des Künstlers, der auch zerrissen ist zwischen alten Familienbanden und neuer Liebe, sondern gewissermaßen auch eine Einführung in ein Stück Kunstgeschichte: Was DADA ausmacht, was MERZ ausmacht, das wird durch diesen Roman greifbar. Und dies immer auch in einer liebevoll-kritischen Distanz zum Künstler, der wie viele seiner Art durchaus den Hang zur Egomanie hatte. Michael Braun schreibt im „Tagesspiegel“:

„Ein Roman über eine Figur der Zeitgeschichte läuft immer Gefahr, die biografischen Fakten mittels Legendenbildung und hagiografischer Aufladung zu einem großen Erzählkino auszupinseln. Ulrike Draesner ist es dank ihrer feinen Sprachempfindlichkeit gelungen, diese Geschichte eines deutschen Exilanten und seiner Sprach- und Weltenwechsel von jedweder Schwärmerei freizuhalten und das späte Leben von Kurt Schwitters in all seinen Brüchen und markanten Selbstwidersprüchen freizulegen.“

Zuweilen kreist Ulrike Draesner diese Selbstwidersprüche für meinen Geschmack zu zögerlich ein, umrundet sie, lässt der Lust an Wortspielereien und Sprachkunst dann vollends freien Lauf – an der einen oder anderen Stelle läuft der Text dann etwas davon, wünschte man sich, näher an Schwitters denn an Draesner zu sein. Aber im Grunde ist dies wiederum auch fast schon symbolhaft: Sprache, so wuchernd und ständig wachsend wie der 1943 zerstörte MERZbau.

Verlagsinformationen zum Buch finden sich hier.
Der Beitrag ist eine unabhängige Buchrezension, dem Penguin Verlag danke ich für das zur Verfügung gestellte Besprechungsexemplar.

Poesie, geerdet am Kartoffelfeuer

eiszapfengesäumt
das uralte dach im hof
hoch-zeit des winters

Petra C. Erdmann

Bild von katharinakanns auf Pixabay

Manchmal ist weniger mehr. Und es braucht nur wenige Worte, um ganze Welten zu entwerfen, mit wenigen Zeilen und einem zarten Pinselstrich Landschaften und Bilder zu zeichnen. Das vermag die Kunst des Haiku-Dichtens: In ihrer strengsten, traditionellen Auslegung bestehen diese japanischen Gedichte aus drei Zeilen mit der Silbenstruktur 5-7-5.

Zwei, die diese reduzierte Form nicht nur perfekt beherrschen, sondern es dabei auch schaffen, miteinander in einen Dialog zu treten, sind Petra C. Erdmann und Janette Bürkle Szalys. Bereits 2015 haben sie im Mirabilis Verlag mit „der tulipan entblättert sich und amor schleicht ins land“ einen gemeinsamen Band veröffentlicht. Und nun schleicht sich die Liebe zur genauen Beobachtung unserer Welt wieder in die Leserherzen: „goldfüchse im schnee und ganz leise lacht ein faun“ heißt das neue Buch der beiden Dichterinnen.

Liebevoll gestaltet und gesetzt, führen die Goldfüchse und der Faun durch die Jahreszeiten. Auf jeder Seite finden sich zwei Haikus, die miteinander korrespondieren – so antwortet Janette Bürkle Szalys gewissermaßen auf die Eiszapfen am Hofdach:

mitternachtsstille
im gebälk unter dem dach
raspelt ein holzwurm

Kleine Szenen, die zu Bildern werden, Erinnerungen freisetzen, träumen lassen – so führt die Kunst des Haiku unaufdringlich auch zum Kern der Philosophie, die dahinter steht: Über die Schrift hinaus die eigene Natur zu schauen.

Was die Miniaturen der beiden Dichterinnen jedoch auch ausmacht, ist über die genaue Beobachtungsfähigkeit hinaus ein warmer, leiser Humor, der aus vielen Zeilen spricht, eine zärtliche Hingabe an die Welt. Ein wunderbares Beispiel dafür ist ein Dialog über lümmelnde Katzen und Katzenjammer – eine Seite des Buches, die man mit einem stillen Lächeln verlässt, zumindest als Katzenliebhaberin.

Ein Gedicht für sich ist das Nachwort des Poeten Imre Török, der über „goldfüchse im schnee und ganz leise lacht ein faun“ schreibt: „Eine poetische Sammlung zartblauer Träume, geerdet am Kartoffelfeuer.“

Mehr Informationen zum Buch beim Mirabilis Verlag unter diesem Link.

Hinweis: Für den Mirabilis Verlag bin ich als Pressereferentin tätig.

Bücherhamstern (25): Única blickt aufs Meer

Sarah Käsmayr vom MaroVerlag stellt einen Roman aus Costa Rica vor: »Única blickt aufs Meer« von Fernando Contreras Castro.

Das Buch:

Auf einem Hügel am Rande der Hauptstadt San José lagert das schlechte Gewissen der Stadt: die Mülldeponie Río Azul. Sie hat sich mit der Zeit in ein albtraumhaftes Müllmeer verwandelt, an dessen Küste alles Mögliche angespült wird: Schulbücher, ungeliebte Weihnachtsgeschenke, nutzloser Tand, alte Männer, Pärchen, Mütter und Söhne. Auf dieses Meer blickt Única. Sie lebt in der Gemeinschaft der sogenannten »Taucher«, die inmitten der Abfälle einer ressourcenverschwendenden Gesellschaft ihre prekäre Situation meistern. Doch angrenzende Nachbarschaften sind unglücklich über die Müllhalde und Präsident Caldegueres plant, sie zu schließen. Die »Taucher« beginnen sich zu widersetzen und demonstrieren bis vor den Sitz des Präsidenten. Der Roman ist ein Mahnmal gegen Verteilungsungerechtigkeit und Umweltverschmutzung, wird jedoch getragen von einer poetischen Erzählsprache und liebevollem Humor. Seit Jahrzehnten ist Contreras Castros Buch Schullektüre in Costa Rica – klangvoll übersetzt von Birgit Weilguny kann sich jetzt jeder die Größe Únicas und ihrer Taucherfreund_innen auch in deutscher Sprache zu Gemüte führen.

Der Verlag:

Der MaroVerlag begann 1970 in kleinsten Auflagen als eine subkulturelle Plattform für Autor_innen, die vom elitären Literaturbetrieb (noch) nicht beachtet wurden. Als 1974 Charles Bukowski zum Verlag kam, veränderte sich alles: Aus einem Feierabendverlag wurde ein kleines, feines Unternehmen, das 2020 sein 50jähriges Bestehen feiert. Prosa und Lyrik reichen sich im MaroVerlag die Hand – neben Romanen bilden Kurzgeschichten bzw. »Stories« den verlegerischen Schwerpunkt. Die Vielfältigkeit des Programms zeigen zum Beispiel die Besprechungen auf dem Blog von der Lyrik Philipp Luidls und Lisel Muellers, ein Roman von John Fante, die Kurzgeschichten von Susanne Neuffer, das Gedichte-Comic-Kunstbuch von Lydia Daher und Warren Craghead II und der Debütroman von Yvonne Hergane.

Die Buchhandlung:

Von zwei Frankfurter Buchhandlungen erreichte uns eine besonders große Begeisterung über den Roman von Fernando Contreras Castro. Larissa Siebicke von der Autorenbuchhandlung Marx & Co hat den Roman auf kommbuch.de besprochen. Ein Besuch im Westend nahe der Universität ist wohltuend, denn hier wird literarische Unabhängigkeit gehegt, gepflegt und gefeiert.

Geht man von der Autorenbuchhandlung weiter, am Eschenheimer Tor vorbei in die Altstadt, findet man die Büchergilde Buchhandlung & Galerie. Das Sortiment ist ein Genuss für bibliophile Ästheten,  neben ausgewählter Belletristik und Bilderbüchern aus kleinen, unabhängigen Verlagen, werden Graphic Novels, Lyrik, Krimis sowie Kinder- und Jugendbücher angeboten. Empfehlenswert: Der Literaturkurier der Büchergilde Buchhandlung. Oliver Fründt hat in diesem Newsletter »Única blickt aufs Meer« vorgestellt – für ihn ein »überwältigender, sagenhaft beeindruckender Roman« – ein Exemplar ist dort gewiss vorrätig.

Informationen zum Buch:

Fernando Contreras Castro: Única blickt aufs Meer. Roman, übersetzt aus dem costa-ricanischen Spanisch von Birgit Weilguny, Hardcover, 144 Seiten, 20 Euro, 978-3-87512-492-7, MaroVerlag, www.maroverlag.de

Wegen der Coronakrise bietet der Blog unabhängigen und kleinen Verlagen unter der Rubrik #buecherhamstern die Möglichkeit, Titel aus ihrem Programm sichtbar zu machen. Das ist ein Zeichen der Solidarität für das verlegerische Engagement, das für Vielfalt und Auswahl für Lesende sorgt. Diese Beiträge sind kostenfreie Werbung.

Suche Stehplatz Nord – Lesestoff für Fußballfans

Bild: Florian Pittroff

Florian Pittroff bekennt: „Ehrlich gesagt, war ich anfangs etwas skeptisch. Aber beim Lesen hat sich das schlagartig geändert. Nach der Lektüre der 26 Geschichten von Ina Bruchlos inklusive dem Nachwort von Dagrun Hintze war ich freudig überrascht und musste meine voreilige Kritik revidieren.“

Ina Bruchlos beschreibt in ihrem neuen Buch „Suche Stehplatz Nord“ das prekäre Dasein als Mensch, als Fan, als Lebewesen. Sie nimmt den Leser mit auf eine Reise durch die vertrackten Windungen ihres Gehirns, das eines weiblichen, spät berufenen St. Pauli-Fans.

Das Fußballtaschenbuch ist spaßig und amüsant geschrieben, enthält Passagen über Leidenschaft und Hingabe. Es geht um Besserwisserei, um Ungewissheit und um die Suche nach dem Glück. In manchen Textpassagen spricht mir die Autorin aus dem Herzen. Alles schon selbst erlebte Geschichten über Fußball, Fans und Stadion – wunderbar zeitlos.

Mitfiebern, mitreden, mitgrölen.

„Mann, das war Abseits, rufe ich. Zu spät. Schon fällt das Tor, das ich hätte verhindern können. Ein bärtiger Typ dreht sich zu mir um (…) Wenn der Ball aus der eigenen Hälfte kommt… Ich sehe auf seine Mütze und ich sehe seinen Bart, während die Worte bruchstückhaft mein Gehör streifen (…) Natürlich kommt der Ball aus der eigenen Hälfte. Wenn Himmelmann den Ball zu Kalla wirft, kommt der Ball aus der eigenen Hälfte. Soll man den Ball deshalb liegen lassen?“

Als Fußballfan denkt man wirklich so – es war halt Abseits – es war immer Abseits, wenn es der eigenen Mannschaft schadet – voll den Nagel auf den Kopf getroffen!

Begeistert hat mich u.a. auch die Geschichte „Was ich tun muss“. Dabei geht es um Regeln, die man als Fan beachten sollte. Die Regeln sind natürlich nicht allgemeingültig und beziehen sich entweder auf Dinge, die man tun, oder auf Dinge, die man unbedingt vermeiden muss. Anzuwenden sind sie auf alle Fälle auf alle Fans:

„Ich darf mir keine Niederlage wünschen, auch wenn ich mittlerweile in einem selbstzerstörerischen Modus angelangt bin und verbittert denke, dass wir sie verdient hätten. (…) Ich muss meinen Gegengeradenschal tragen. Ich muss morgens aus meinem Totenkopf-Becher trinken.“

Und zur aktuellen Lage des Fußballs mit Geisterspielen und einer Atmosphäre wie beim Bezirksligaderby auf dem Land schreibt Ina Bruchlos:

„Irgendwann durften wir bestimmt wieder ins Stadion und irgendwann fiele bestimmt wieder ein Gegentor, während wir in der Bierschlange anstanden. Das wäre ungerecht und der Freistoß, der dieser Schweinerei vorangegangen war, natürlich auch. Ich konnte mir unsere fußballerische Zukunft nur bedingt vorstellen“.

Das mit dem Anstehen in der Bierschlange und dem dann obligatorischen Tor ist leider wirklich so.
Fazit: Unterhaltsame Lektüre, man kann schmunzeln, lachen und sich vor allem wiedererkennen! Geschenktipp für Fußballfans und solche, die es werden wollen

Ein Gastbeitrag von Florian Pittroff
CrossMedia Redakteur & Texter
www.flo-job.de

Suche Stehplatz Nord
Ina Bruchlos
25 Geschichten über den FC St. Pauli.
Minimal Trash Art
Mehr Informationen zum Buch inklusive Leseproben und Video: https://www.minimaltrashart.de/

Die beste Buchhandlung Süddeutschlands kommt aus Ulm

Zwar übernahm Rasmus Schöll die traditionsreiche Ulmer Aegis Buchhandlung erst im Sommer 2018 – doch er erhält bereits jetzt zum zweiten Mal ein ganz besonderes Gütesiegel: Schöll und sein kreatives Team wurden, wie schon im vergangenen Jahr, auch 2020 mit dem Deutschen Buchhandlungspreis ausgezeichnet. Heuer setzte die Jury des Preises, der von der Staatsministerin für Kultur und Medien ausgelobt wird, noch eins drauf: Die Aegis Buchhandlung gelangte, zudem als einzige aus dem süddeutschen Raum, unter die acht besten deutschen Buchläden.

Über die erneute Auszeichnung freut sich das ganze Team – der Einsatz hat sich gelohnt. Bild: Bruno Tenschert

Die Freude bei den Ulmern ist riesig: „Das tut in einem Jahr, in dem ein großer Teil unseres Konzeptes aufgrund der Pandemie weggebrochen ist, besonders gut“, sagt der 33-jährige Rasmus Schöll. Denn von Beginn an wollten er und sein Team in der Ulmer Innenstadt einen Ort schaffen, an dem „Literatur gelebt wird“, mit zahlreichen Lesungen, Veranstaltungen und Angeboten rund um das Kulturgut Buch.

Die Auszeichnung, die an inhabergeführte Buchhandlungen geht, würdigt neben einem besonderen Sortiment explizit das kulturelle Veranstaltungsprogramm sowie das Engagement in der Lese- und Literaturförderung. Im Jahresprogramm 2019, mit dem sich die Aegis Buchhandlung um den Preis heuer bewarb, hatten die Ulmer da viel zu bieten: Weit über 100 Veranstaltungen, darunter die Literaturwoche Donau, „Literatur unter Bäumen“, aber auch Märchenlesungen, Workshops für Kinder und Jugendliche mit dem Comic-Illustrator Paul Rietzl oder auch Angebote zur Trashliteratur, mit denen man jüngere Leute auf das Lesen neugierig machen wollte.

„2020 war vieles davon nicht möglich, aber wir holen das nach“, so Rasmus Schöll, für den die Auszeichnung nun eine erneute Motivation ist. „Und natürlich tut uns in diesem schwierigen Geschäftsjahr das damit verbundene Preisgeld auch gut.“ Die Ideen gehen den Ulmern jedenfalls nicht aus. Der beste Beweis dafür ist „Wanda“, mobile Abholstation und Bücherbus, der seit kurzem vor dem Laden steht und von den Kunden begeistert angenommen wird.

Insgesamt wurden bei einer per Livestream übertragenen Feierstunde am vergangenen Sonntag von Staatsministerin Monika Grütters 118 Buchhandlungen ausgezeichnet, darunter wie Aegis insgesamt fünf als „besonders hervorragende Buchhandlungen“ sowie drei weitere in der ersten Preiskategorie.

Weitere Informationen zur Preisverleihung: https://www.deutscher-buchhandlungspreis.de/preisverleihung-2020/

Kontakt und Information:

Aegis Buchhandlung
Inh. Rasmus Schöll
Breite Gasse 2
89073 Ulm
Telefon: 0731 64051
E-Mail: info@aegis-literatur.de
https://aegis-literatur.de/

Öffnungszeiten:
Montag-Freitag: 9.30 bis 19.00 Uhr
Samstags: 9.00 bis 17.00 Uhr

Hinweis:
Diese Pressemitteilung erstand im Auftrag der Buchhandlung Aegis.

KEIN FALSCHES WORT JETZT – Gespräche mit Christoph Schlingensief

„Ich lass‘ die Dinge aufeinanderprallen. Das soll keine Provokation bedeuten, Provokation wäre trivial, sondern eher eine Art Erfrischung.“

Bild: Gudrun Glock

Aino Laberenz, Ehefrau und Mitarbeiterin von Christoph Schlingensief, hat mit den Aufzeichnungen aus Gesprächen und Interviews mit Schlingensief ein sehr lebendiges Bild ihres Mannes entstehen lassen. „Christoph wollte, dass man sich seine Arbeit möglichst unvoreingenommen ansieht und sich bis zum Ende darauf einlässt“, sagt Laberenz und fügt an: „Was er von sich selber eingefordert hat, erwartete er auch von seinem Gegenüber“. So ist ein sehr differenziertes, komplexes und nachvollziehbares Bild entstanden, von dem Mann, der vielen das Klischee vom abgefahrenen, verzottelten und wirren Provokateur gegeben hat.

In chronologischer Anordnung, von seinem Kinodebut „Tunguska – die Kisten sind da“ von 1984, bis zu seinem letzten Interview mit Max Dax von der Musik- und Popkulturzeitschrift „spex“ 2010, in dem er unumwunden erklärt, „ich habe geklaut“, wirft das Buch Streiflichter auf jedes Genre, das Schlingensief bedient hat, seine Intention und Motivation.

Wo die einen ihm eine bescheidene Jugend nachsagen, um sich die Düsternis seiner Filme zu erklären, winkt er ab. Er besteht darauf, dass es ausschließlich um Kraft, Energie und Rhythmus gehe, keineswegs um Provokation, „ich will ja niemand reinigen, sondern mit Kräften spielen.“ Das muss man auf sich wirken lassen und nicht jeder hat das verstanden. Sehr oft muss ich schmunzeln. Über die herrlichen Statements dieses Künstlers, der sich jeglicher Einordnung entzieht. Über seine Konzepte, die einzig dazu dienen, keine zu sein. Und über mich, die Leserin, die aufgefordert ist, einzusteigen, was Schlingensief ganz klar zum Ausdruck bringt: „Die Kisten sind da (…) und jetzt verlange ich vom Zuschauer, dass er mich als Regisseur endlich mal vergisst, als jemand der etwas über den Tisch reicht wie Zucker und Kaffee, sondern jetzt soll der Zuschauer anfangen, die Kisten auszupacken.“

Als er auf seine Krankheit angesprochen wird, sagt er, „Krebs, das merkt man sehr schnell, ist nicht universell. Er ist bei jedem anders.“ Genau wie dein Schaffen, denke ich mir. Und am Ende brauche ich eine ganze Weile, bis ich wieder ganz aufgetaucht bin. Ich habe einem atemberaubenden Menschen näherkommen dürfen – atemberaubend schnell, atemberaubend ehrlich, atemberaubend facettenreich – unvergesslich!

Ein Gastbeitrag von Gudrun Glock

Gudrun Glock  lebt und arbeitet bei Augsburg, wo sie für ein Augsburger Magazin  Beiträge, Buchrezensionen und die Kolumne „Nahrungskette“ schreibt. Ihr Hauptinteresse und Betätigungsfeld gilt dem Ernährungsaspekt der Ayurvedischen Lehre. Sie sagt dazu: „Wir kommunizieren während des Essens. Und Essen selbst bedeutet Kommunikation. Deshalb könnte man auch sagen, das zentrale Thema meiner Arbeit ist die Kommunikation, denn das ganze Leben ist Kommunikation.“
Homepage: http://augsburg-ayurveda.de/ 

Informationen zum Buch:
Autor: Christoph Schlingensief
Herausgeberin: Aino Laberenz
Kein falsches Wort jetzt. Gespräche
Kiepenheuer & Wisch
Erscheinungstermin 20.08.2020
336 Seiten
ISBN: 978-3-462-05508-5

Vier Fragen an Florian L. Arnold

Seit wenigen Tagen ist die Novelle „Die Zeit so still“, das vierte Buch, das Florian L. Arnold im Mirabilis Verlag veröffentlicht hat, nun in der Welt. Ich habe mit ihm über seinen Text gesprochen.

Florian L. Arnold. Bild: Nik Schölzel, Neu-Ulm.

Wo hast Du Dein Buch geschrieben?

Entstanden ist das Buch während des ersten Lockdowns im April 2020, innerhalb weniger Tage. Es war eine neue Erfahrung, denn üblicherweise schreibe ich am Besten, wenn ich den Ort wechsle. Ich kann zuhause nicht schreiben, ich muß dazu – üblicherweise, wie ich sagen muß – unterwegs sein. Dann kam dieser Lockdown, dieses diffuse Gefühl, eingesperrt zu sein, obwohl man ja doch für Einkäufe oder einen Spaziergang noch hinaus durfte. Ich war jeden Tag draußen in der Natur, aber ich hatte dennoch das Gefühl, nicht „raus“ zu können. Zudem der Gedanke: Wie geht es jenen, die nicht in die Natur hinaus können, die vielleicht ganz und gar eingeschlossen sind … Dann, gegen 22 Uhr abends, war plötzlich dieser Ton da, diese Stimme der Figur von Garham, die sich wundert über alles und doch zugleich alles schon zu wissen scheint. Ab da saß ich dann an meinem heimischen Schreibtisch oder im Wohnzimmer und schrieb. Und konnte nicht aufhören, bis der letzte Satz in Reichweite war.

Wie schreibst Du?

Die erste Fassung eines Buches entstand – vor „Die Zeit so still“ – immer handschriftlich oder auf einer alten „Hermes“-Schreibmaschine. Ich empfand dies als besten Weg, um schon im Entstehungsprozess gewisse Fehler oder Flüchtigkeiten auszuschließen. „Die Zeit so still“ ist das erste Buch, das ich tatsächlich komplett am PC geschrieben habe; ich war ehrlich gesagt erstaunt, daß es geht, daß ich so auch schreiben kann, ohne meine Sprache zu verlieren. Schreiben ist ja der Musik verwandt indem es Rhythmus und ein Leitmotiv haben muss, es hat neben allen immateriellen Aspekten auch etwas ganz physisches.

Mit der Hand zu schrieben erschien – erscheint mir weiterhin! – als Möglichkeit, im Schreibprozess aus der Gegenwart auszuscheiden und hineinzugehen in die eigene Welt. Dana Grigorcea nannte es einmal sehr treffend „Ein Kampf mit dem Flüchtigen“. Dem kann ich nur zustimmen. Daß man einen solchen „Kampf“ auch an der kühlen Plastiktastatur eines PC aufnehmen kann, war mir neu. Oh, und ich schreibe nachts. Immer nachts.

Weisst du von Anfang an, wo Du hinwillst?

Nie. Ich habe als erstes Motiv für jede Geschichte – egal ob Kurzgeschichte, Novelle oder größere Form – immer ein Bild oder so etwas wie eine sehr kurze, meist wortlose Szene im Kopf, wie eine kurze, tonlose, körnige Stummfilmsequenz. Schlecht belichteter Film.
Bei meinem ersten Buch war dieses erste Motiv ein Traumbild – ich war wieder ein Kind, spürte im Rücken eine große und gefährliche Person, war aber ausserstande, mich umzudrehen oder die Gefahr einzuschätzen.
Bei „Die Zeit so still“ waren erste Motive die Enge und die Stille. Im Lockdown hat mir das Wegbrechen sozialer Kontakte sehr zu schaffen gemacht. Ein Telefonat, ein Chat, selbst Skype- oder Zoomgespräche, das alles kann (für mich) das Persönliche nicht ersetzen, es bleibt merkwürdig flach und in Distanz. Nach diesem ersten „Motiv“ oder, nennen wir es „Gefühl“, entwickelte sich die Geschichte dann sehr schnell, als würde mir sie jemand in den Kopf hineinsprechen, so daß ich sie nur noch Wort für Wort aufschreiben musste. Es war dann allerdings ein Drahtseilakt, im richtigen Moment
aufzuhören, denn sehr leicht hätte es Dutzende, ja Hunderte von Motiven und Seitenthemen gegeben, denen ich gern nachgegangen wäre. Das hätte aber die Form gesprengt und es wäre ein völlig anderes Buch geworden.

An wen wendet sich „Die Zeit so still“?

Ich glaube, daß die dystopische Dimension im Buch ein Rahmen ist für den Versuch, herauszufinden, was ein „Familienschicksal“ ist. Ob man diesem entkommen kann oder ob Traumata, Ängste, Eindrücke uns auf immer prägen,auch in kommende Generationen. Vor allem aber ist es einmal mehr ein Nachdenken über Solitäre unter uns: Menschen, die sich nicht einpassen können und darum mehr sehen, mehr erleben – und denen mehr zustößt. Als Autor lebe ich ja recht sicher, besonders im Vergleich mit anderen Berufen. Zugleich aber sehe ich meine Aufgabe darin, aussergewöhnlichen, harten, auch schmerzhaften Geschichten einen Raum zu geben, es ist egal, ob diese Geschichten sich an realen Begebenheiten orientieren oder eine starke dichterische Komponente haben.
„Die Zeit so still“ berichtet von zwei Männern, die, jeder auf seine Weise, an den eigenen Ansprüchen scheiterten, ebenso aber von äusseren Einflüssen gelenkt ein für sie falsches Dasein aufnahmen. Im Buch gelangen beide geradezu zeitgleich an einen Punkt, wo sie erkennen, wie sie sich aus dem falschen Leben befreien können. Die Rahmengeschichte
einer jahrzehntealten Pandemie mag also das Etikett „Dystopie“ auf dem Buch rechtfertigen – man muss aber auch die Sprache, die Erinnerung, die menschliche Wärme und das Miteinander als Sehnsuchtsort im Blick zu haben. „Die Zeit so
still“ zeigt, wie wichtig das Erinnern ist an alles, das unwiederbringlich verloren ist.

Das sagt die Verlegerin Barbara Miklaw zum Buch:

„Jedes Buch hat ja seine ganz eigene Geschichte. Als wir im Frühjahr alle von Corona und Lockdown heimgesucht wurden und auf einmal alles ganz anders war als gewohnt, sagte ich noch zu Florian: Bitte bloß kein Corona-Buch! – Allerdings hatte ich nicht bedacht, dass sozusagen stillgelegte Schriftsteller und Künstler ohne Lesungen und Veranstaltungen ganz natürlich und erst recht in außergewöhnlichen Situationen kreativ sind (und auch sein müssen) und ihr Empfinden künstlerisch verarbeiten. Außerdem sind sie listig … Florian erzählte mir ganz nebenbei von einem Hörspiel, das entstehen solle, und fragte, ob ich mal draufschauen könne. Ich schaute also ganz arglos – und schlug ihm spontan vor, dann doch ein kleines Buch daraus zu machen. Und es wurde ein recht ungewöhnliches, vor allem auch von der Form her.
Es erzählt von der Begegnung zweier Männer während einer Pandemie unter extremen Bedingungen, zeit- und ortlos, nicht hier, nicht jetzt. Es erzählt von der Stille,
vom Warten, vom Lauschen, von leeren Straßen, einer einsamen Straßenbahn und der Fahrt durch eine stumme Stadt, die dann doch so stumm gar nicht ist. Und es erzählt davon, wie wichtig Menschlichkeit und Mitgefühl sind, auch und gerade unter extremen Bedingungen. Deshalb ist dieses Buch entstanden. (…)“

Der Autor:
Florian L. Arnold, geboren 1977 in Ulm/Do., studierte Kunstwissenschaften. Der
Nachtarbeiter mit österreichischen Wurzeln arbeitet als freier Zeichner und Schriftsteller
sowie als Buchhändler und Verleger. Im Mirabilis Verlag erschienen von Florian L.
Arnold bereits die Novelle »Ein ungeheuerlicher Satz« (2015) sowie die Romane »Die
Ferne« (2016) und »Pirina« (2019).
www.florianarnold.de

Der Verlag:
Der Mirabilis Verlag ist ein unabhängiger Verlag mit Sitz in Miltitz bei Meißen (Sachsen)
und wurde 2011 von Barbara Miklaw gegründet. Anliegen des Verlags ist es, Bücher zu
veröffentlichen, die auch lange nach dem Lesen noch in Erinnerung bleiben – der
besonderen Sprache, der tiefgehenden und berührenden Erzählung wegen.
Programmschwerpunkt sind Erzählungen und Romane, oft in Verbindung mit bildender
Kunst – Grafiken, Zeichnungen, Fotografien.
www.mirabilis-verlag.de

Florian L. Arnold: „Die Zeit so still“
Novelle
Klappenbroschur. Beinhaltet 6 Grafiken
Mirabilis Verlag 2020
ISBN 978-3-947857-10-4

Ab 2021: Start der ›Edition Hubert Klöpfer‹ beim Kröner Verlag

Der Alfred Kröner Verlag Stuttgart positioniert sich neu: Das traditionsreiche Stuttgarter Verlagshaus wird ab dem Frühjahr 2021 auch deutschsprachige Literatur verlegen. Programmverantwortlich ist dafür der renommierte Verleger und Büchermacher Hubert Klöpfer, der 1991 den Klöpfer & Meyer Verlag gegründet hatte, der seit Jahrzehnten für schöne Literatur, Sachbücher und Essayistik steht.

Mit der ›Edition Hubert Klöpfer‹ zieht die deutschsprachige Gegenwartsliteratur beim Stuttgarter Traditionsverlag ein.
Hubert Klöpfer (links) und Alfred Klemm (rechts). Bild: Yvonne Berardi

In der ›Edition Hubert Klöpfer‹, die mit sechs Titeln an den Start geht, finden sich namhafte Autorinnen und Autoren mit ihren neuesten Werken wieder, die seit Jahren eng mit dem Klöpfer & Meyer Verlag verbunden sind. Aber auch neue, junge Stimmen der Literatur sollen dort künftig ihren Raum erhalten.

Für den Kröner Verlag bedeutet dieses neue verlegerische Engagement eine „stimmige Weiterentwicklung“, betont der Verleger Alfred Klemm. Das Stuttgarter Haus mit seiner über hundertjährigen Geschichte hatte sich in den vergangenen Jahren immer mehr der schönen Literatur geöffnet. Neben klassischen Ausgaben wichtiger Werke aus den Geistes- und Kulturwissenschaften, für die Kröner bekannt ist, traten unter anderem in der Reihe ›Erlesenes Lesen‹ Klassiker der Weltliteratur. In den vergangenen Jahren folgten Übersetzungen von Klassikern der Moderne, wie dem Schlüsselwerk der irischen Literatur, Grabgeflüster von Maírtín Ó Cadhain, die damit erstmals dem deutschsprachigen Publikum zugänglich gemacht werden.
„Dass wir uns nun als unabhängiger Verlag auch der deutschsprachigen Literatur zuwenden, hat sich daraus beinahe organisch entwickelt“, so Alfred Klemm. „Dass Hubert Klöpfer mit seinem Gespür für außergewöhnliche und gute Literatur dafür die Programmleitung übernimmt, ist ein Glücksfall für uns.“ Beide verbindet neben der Leidenschaft fürs Büchermachen eine jahrelange Freundschaft sowie die Zusammenarbeit im Vorstand des baden-württembergischen Landesverbandes des Börsenvereins.

Neuerscheinung: »Die Zeit so still« im Mirabilis Verlag

Literatur und Kunst verbinden sich auch in der zweiten Herbstnovität im Mirabilis Verlag in diesem Jahr zu einem Werk: Der Autor und bildende Künstler Florian L. Arnold legt mit der Novelle »Die Zeit so still«, die auf einem von ihm verfassten Hörspiel beruht, einen poetischen Text zum großen Thema unserer Zeit vor.

Das Buch:

Eine Straßenbahn an der Endhaltestelle: Der Fahrer liest in einem Buch, das lebenswichtig für ihn ist. Fahrgäste erwartet er seit langem nicht mehr. Doch in dieser Nacht steigt ein Fremder ein …
»Die Zeit so still« begleitet zwei außergewöhnliche Männer eine Nacht lang durch eine stumme Stadt in einer Zeit, in der nichts mehr so ist, wie es einst war. Mitgefühl und Menschlichkeit aber sind geblieben. – Florian L. Arnold schrieb diese Novelle sprachgewaltig, poetisch und bildstark.

»Die alte, unbeschadete Welt gab es noch, sie lag irgendwo unter einem einzigen Gedanken verborgen: Ich träume es. Jemand träumt es.
Es kam ihm vor, als zöge sich die ganze Welt zurück, als trete alles zurück hinter einen Vorhang aus Dunkelheit.«

Der Autor:

Florian L. Arnold, geboren 1977 in Ulm/Do., studierte Kunstwissenschaften. Der Nachtarbeiter mit österreichischen Wurzeln arbeitet als freier Zeichner und Schriftsteller sowie als Buchhändler und Verleger. Im Mirabilis Verlag erschienen von Florian L. Arnold bereits die Novelle »Ein ungeheuerlicher Satz« (2015) sowie die Romane »Die Ferne« (2016) und »Pirina«  (2019).
www.florianarnold.de

Der Verlag:

Der Mirabilis Verlag ist ein unabhängiger Verlag mit Sitz in Miltitz bei Meißen (Sachsen) und wurde 2011 von Barbara Miklaw gegründet. Anliegen des Verlags ist es, Bücher zu veröffentlichen, die auch lange nach dem Lesen noch in Erinnerung bleiben – der besonderen Sprache, der tiefgehenden und berührenden Erzählung wegen. Programmschwerpunkt sind Erzählungen und Romane, oft in Verbindung mit bildender Kunst – Grafiken, Zeichnungen, Fotografien.

Florian L. Arnolds Novelle »Die Zeit so still«  liegt ab dem 20. November 2020 vor.

Florian L. Arnold: „Die Zeit so still“
Novelle
Klappenbroschur. Beinhaltet 6 Grafiken
Mirabilis Verlag 2020
https://mirabilis-verlag.de/
ISBN 978-3-947857-10-4

Und dann kam Wanda …

Wanda ist da und einsatzbereit: Die originelle mobile Ausgabestation der Aegis Buchhandlung Ulm soll den Kundinnen und Kunden im Corona-Winter das Lesen & Leben erleichtern. Mehr Information dazu hier: https://birgit-boellinger.com/2020/10/30/ein-bus-namens-wanda-die-aegis-buchhandlung-wappnet-sich-kreativ-fur-den-corona-winter/ oder direkt bei https://aegis-literatur.buchhandlung.de/shop/