Gabriele Tergit: Effingers

„(…) Ben ist Engländer. Er hat sich naturalisieren lassen.“
„Das finde ich aber merkwürdig. Ich war doch schließlich ein politischer Emigrant und habe meinen Weg in Frankreich gemacht, aber ich bin nie auf die Idee gekommen, ich könnte mich naturalisieren lassen, trotzdem ich die herrlichen Jahre des zweiten Kaiserreichs dort verlebte.“
„Wir fanden das auch merkwürdig von Ben, aber Ben hat in Bezug auf Deutschland und besonders auf den Antisemitismus so seine Ansichten.“
„Ach, man soll doch das nicht so überschätzen. In Berlin, wissen Sie, kommen alle möglichen Bewegungen hoch und verschwinden wieder. Es geht uns doch nichts an, wenn eine minderwertige kleine Partei uns nicht zu den Deutschen rechnen will. Die Hauptsache ist, daß wir uns als Deutsche fühlen.“

Gabriele Tergit, „Effingers“, Schöffling & Co.

Emmanuel Oppner, einer der Grandseigneure dieses Romans, wird es glücklicherweise nicht mehr erleben, wie sehr er sich täuscht. Er verstirbt 1908, noch in seinem Bett. Seinen Nachfahren, man weiß es aus der Geschichte, wird ein anderes Schicksal zuteil.

Thea Dorn schwärmte im „Literarischen Quartett“ von diesem Buch und Nicole Henneberg schreibt in ihrem Nachwort zu längst fälligen Wiederausgabe: „Was für ein großartiger Roman!“. Dem kam man mit keiner Silbe widersprechen: „Effingers“, das ist ein gewaltiger Familienroman, ein deutsches Epos, ein Generationenbuch, ein Berlinroman, lebendige Geschichtsschreibung am Beispiel zweier fiktiver Familien. Viel hat Gabriele Tergit (1894 – 1982), die wendige und intelligente Gerichtsreporterin und Autorin, dem Schicksal ihrer Familie entliehen, vieles, was sie beschreibt, kennt sie aus ihrem Erleben und ihrem Milieu: Und das macht dieses Buch so groß- und einzigartig.

Opulenter Generationenroman

Erzählt wird die Geschichte zweier Familien über mehrere Generationen hinweg, vom Kaiserreich über die Kriegsjahre und die kurze Zeit der Weimarer Republik bis hin zur Machtergreifung durch die Nationalsozialisten. Beide, sowohl die Effingers, die ursprünglich aus einem kleinen Handwerkerbetrieb in Süddeutschland kommen, als auch die Oppners, eine alteingesessene Bankiersfamilie, sind jüdischer Herkunft. Doch Religion und Zugehörigkeit spielen in ihrem Alltag meist eine nachrangige Rolle – in erster Linie sind sie deutsche Bürger.

Der vielfach angeführte Vergleich mit den Buddenbrooks kommt nicht von ungefähr: Tergit erzählt auf diesen rund 900 Seiten vom Aufstieg und Fall einer Familie. Doch ihr Blick, ihr Tonfall ist ein ganz anderer als der Mann`sche: Weniger prätentiös, lebendiger, dialogreich, voller Verve, voller Wärme und Witz. Sie mag ihre Figuren, selbst mit deren Schattenseiten. Und davon gibt es viele genug: Denn mit dem Wandel der Zeiten, mit dem zunehmenden Reichtum und dem nachfolgenden Absturz kommen nicht alle gleichermaßen zurecht. Zudem wird die Orientierungslosigkeit, die Sinnentleerung, das Suchen nach Werten und einem Halt gerade der jungen Zwischenkriegsgeneration greifbar: Die alten Traditionen zählen nicht mehr, was kommen wird ist ungewiss.

Jens Bisky schreibt in seiner Besprechung in der Süddeutschen Zeitung:
„Dieser große Roman des zwanzigsten Jahrhunderts ist in vielem außergewöhnlich. Historisch glänzend informiert, aber nie belehrend vergegenwärtigt Gabriele Tergit ein Panorama der Berliner Geschichte zwischen Reichsgründung und Zerstörung der Stadt. Ihre Bankiers und Unternehmer sind, was selten ist in der deutschen Literatur, keine Karikaturen, vielmehr ehrliche, irrende, mehr oder weniger gescheite Geschäftsleute.“

Jüdische Lebenswelt detailliert geschildert

Diese Wahrhaftigkeit, diese realitätsgetreue Schilderung ist es, die mich an diesem Roman so zu begeistern mochte: Die Figuren des Romans werden beim Lesen zu Menschen, die man sich beinahe bildhaft vergegenwärtigen kann, man lebt mit ihnen, man lacht und leidet mit ihnen. Am Ende ist man erleichtert, dass es dem lebenslustigen Paar Lotte und Erwin gelingt, in das Exil zu flüchten, am Ende ist man traurig und wütend, weil der hochbetagte Waldemar – ein liberal gesinnter Jurist, lebensklug und weise, wenig anfällig für die Ideologien seiner Zeit – von den Nazischergen verschleppt wird.

In keinem anderen Roman habe ich so viel nicht nur über die Lebenswelt deutscher Juden, die von den Nationalsozialisten zerstört wurde, sondern überhaupt über die Mentalität und Gedankenwelt dieser Zeit erfahren. Denn noch eines unterscheidet die „Effingers“ von den „Buddenbrooks“: Der Roman ist noch viel weitgehender in das gesellschaftliche und politische Geschehen verankert.

Herauszuheben ist auch, dass das Buch im Grunde ein Buch der Frauen ist: Es zeigt, wie sich deren Rolle ändert – es reicht von der Welt der in Konventionen erstarrten Bankiersgattinnen Selma und Eugenie bis hin zu den jungen Frauen, die zwischen Anpassung an das Alte und Selbstbestimmung hin- und hergerissen sind.

Dass Gabriele Tergit so realitätsgenau schrieb, dass sie ihre Menschen als Menschen beschrieb, mit ihren Stärken und Charakterfehlern, dies war für die Veröffentlichung ihres Roman, den sie bereits in Berlin begann und an dem sie dann im Exil noch Jahre schrieb, in den 1950er-Jahren ein Hindernisgrund: Im Nachkriegsdeutschland wollte man solche Bücher nicht. Das Buch erschien zunächst nur in gekürzter Fassung und dann erst in den späten 1970er-Jahren im Zuge einer späten Wiederentdeckung der Autorin.

Dass der Schöffling Verlag es nun wieder herausgebracht hat, ist eine literarische Wohltat. Und einmal mehr kann ich mich nur der Aussage von Thea Dorn anschließen: „Dass dieses Buch nicht längst ein fester Bestandteil des deutschen literarischen Kanons ist, halte ich für einen Skandal.“

Bibliographische Angaben:

Gabriele Tergit
Effingers
Schöffling & Co., 2019
28, 00 Euro, 904 Seiten, gebunden, Lesebändchen
ISBN 978-3-89561-493-4


Weitere Informationen:

Autorinnenportrait
Rezension in der Süddeutschen Zeitung
Käsebier erobert den Kurfürstendamm

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Albert Drach: Das Goggelbuch

„Der Hauptmann fragt ihn um seine Nation und erfährt, dass er ein Deutscher ist. Er meint nun, dann bleibe er besser hier, wenn er ein richtiger Kerl sei, hier seien viele Landsleute, soferne es ihm nämlich gleich sei, für welchen Fetzen Fahne er fechte, er brauche deshalb noch lange nicht protestantisch zu werden. Goggel sieht das bald ein, zumal es ihn besser dünkt, für den Feind zu kämpfen, als bei diesem gefangen zu sein.“

Albert Drach, „Das Goggelbuch“, 1942

Der Autor und Anwalt Albert Drach (1902 – 1995) gilt gemeinhin als einer, der allenfalls noch von Literaturwissenschaftlern und einer engen Liebhabergemeinde gelesen wird. Sehr schade wäre das. Denn der schreibende Rechtsanwalt entwickelte einen ganz eigenen Stil, geprägt durch seinen Beruf, einen trockenen, nur auf den ersten Blick spröden „Protokollstil“, der durchdrungen ist von feinster Ironie. Als sein Hauptwerk gilt „Das große Protokoll gegen Zwetschkenbaum“, verfasst 1939, erschienen erst 1964. Der Unglücksrabe Schmul Zwetschkenbaum, ein umherziehender Talmud-Schüler, gerät in die Fänge der österreichischen Justiz. Was ihm dort geschieht, geschieht ihm, weil er Jude ist – so ist der Roman eine intelligente, schonungslose Abrechnung mit dem Antisemitismus, der sich zugleich der Sprache der österreichischen Justiz bedient.

Auf der Flucht vor den Nationalsozialisten entstanden

Für Drach-Einsteiger sei jedoch „Das Goggelbuch“ empfohlen, eine Erzählung, die 1942 entstand, als Albert Drach, der vier Jahre zuvor aus Österreich vor den Nazis geflohen war, sich in Frankreich befand und befürchten musste, dass ihn der „Teufel“ in Gestalt der braunen Schergen auch dort aufspüren würde. Erzählt wird die Geschichte des Xaver Johann Gottgetreu Goggel, der im 16. Jahrhundert zwei sinistren Herren dient, der nach oben katzbuckelt, nach unten tritt und auf seinem Weg durch halb Europa jedwede Untat begeht. Eine Posse, die zahlreiche Volten schlägt. Es folgt ein Strudel an Ereignissen – am Ende spuckt ein Spiegel den gewissenslosen Opportunisten Goggel, der dem Teufel diente und dabei höchstselbst zum Teufel ward, „frisch und neu wie eine unbefleckte Jungfrau“ wieder aus. Auch in dieser Erzählung fand Albert Drach zu einer ganz eigenen Sprache – protokollhaft, ironisch, aber auch – der erzählten Zeit angemessen – derb und direkt.

Ein Beispiel dafür ist Goggels „Trutzwetterlied“:

Und kotzt das Wetter mir bös ins Maul
Und furzt gar furchtbar und wuchtig der Sturm,
Krau ich ihm die Augen mit den Eisen vom Gaul,
Wind ich ihm in den Hintern den Kolben als Wurm.
Hurrah!

Und die Moral von der Geschicht`? Goggel sprich Opportunisten fallen immer wieder auf die Füße – sei es zur Zeit der Glaubenskriege, sei es zur Zeit des Nationalsozialismus, sei es heutzutage …


Verlagsangaben zum Buch:
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/das-goggelbuch/978-3-552-05548-3/

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Tadeusz Pankiewicz: Die Apotheke im Krakauer Ghetto

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Bild von Tomasz Pro auf Pixabay

„In dieser kleinen Straße kamen viele Menschen um. Von der Mauer des dort gelegenen Wohnhauses, direkt meinen Fenstern gegenüber, müssen sich alte Menschen aufstellen und werden erschossen. Es sind überwiegend diejenigen, die man aus ihren Verstecken gezogen hat. An einer anderen Seite des Platzes schießen sie auf Kinder. Darin sind die Deutschen einzigartig: Auch wenn es um Verbrechen geht, ihre Planungen halten sie genauestens ein.“

Tadeusz Pankiewicz, „Die Apotheke im Krakauer Ghetto“, 1947, neu aufgelegt 2017 von Jupp Schluttenhofer, Friedberg.

Als die Deutschen 1939 im September 1939 in Krakau einmarschierten, dauerte es nicht lange, bis sie auch mit ihrer systematischen und gnadenlosen Verfolgung der jüdischen Bevölkerung begannen. 1941 wurde im Stadtteil Podgórze, in dem ursprünglich rund 3.000 Menschen lebten, das Krakauer Ghetto errichtet. In dem Bezirk am rechten Weichselufer wurden bis zu 20.000 Menschen zusammengepfercht und wie Arbeitssklaven gehalten. Die wenigsten dieser Menschen überlebten diesen Hass: Krakau, heute wieder zweitgrößte Stadt Polens, verlor unter den Nationalsozialisten seine komplette jüdische Gemeinde, insgesamt fielen dem Terror der Nazis fast die Hälfte der Bevölkerung zum Opfer.

Polen war der Zutritt zum Ghetto verboten. Nur ein nichtjüdischer Krakauer wird zum ständigen Ghettobewohner: Tadeusz Pankiewicz (1908 – 1993), dessen Apotheke „Pod Orlem“ (Unter dem Adler) in Podgórze liegt. Mit Schmiergeld und Bestechungen gelingt es dem Pharmazeuten, eine Verlegung der Apotheke zu verhindern – und so wird Pankiewicz Augenzeuge der grausamen Vorgänge im Ghetto von dessen Errichtung bis zu seiner vollständigen Auflösung Ende 1943.

Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg hält er seine Erinnerungen schriftlich fest: „Die Apotheke im Krakauer Ghetto“ ist ein ergreifendes, erschütterndes Zeitdokument, das zeigt, was geschieht, wenn Menschen von anderen Menschen entmenschlicht werden. Ein Buch, das in diesen Tagen von besonderer Bedeutung ist, da Menschlichkeit gegenüber einer ganzen Gruppe von Menschen auf der Strecke zu bleiben droht.

Ignatz Bubis schrieb in seinem Vorwort zu diesem Buch:

„Es ist sein Verdienst (Tadeusz Pankiewicz), das Geschehen im Krakauer Ghetto vor dem Vergessen bewahrt zu haben. Die Erinnerung daran schulden wir den Opfern, aber auch uns und künftigen Generationen, denen es erspart bleiben soll, ähnliche Schrecken zu durchleben.“

Das Buch ist als Zeitdokument eine Mahnung und ein Mutmacher zugleich: Denn Pankiewicz, der später mit dem Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ ausgezeichnet wird, setzt täglich uneigennützig sein Leben aufs Spiel, um den Menschen im Ghetto zu helfen. So wird die Apotheke zum Umschlagsplatz für Nachrichten an Freunde und Bekannte außerhalb des Ghettos, zum Unterschlupf und Treffpunkt, zur Nachrichtenbörse. Wo es möglich ist, hilft der Apotheker mit kostenlosen Medikamenten, mit Essen, er verschafft notwendige Papiere, versteckt die Kostbarkeiten aus der Synagoge, kurzum: Er hilft, wo er kann.

Ihm brennen sich die Bilder des sadistischen, beinahe rauschhaften Tötens bei den Räumungen des Ghettos, das sich von Mal zu Mal steigert, unauslöschlich ein. Am Fenster seiner Apotheke wird er Zeuge, wie Gestapo und SS sowie ihre Schergen Menschen peinigen. Er schreibt über „Die Stadt der Toten“:

„Seit der Auflösung des Ghettos hat die Existenz der Apotheke ihren Sinn verloren. Es kam mir so vor, als wäre ich nach zweieinhalb Jahren im Ghetto umgesiedelt worden in ein Land der Toten, in ein von Menschen geräumtes Städtchen, wo der Widerhall der Schritte in den ausgestorbenen Straßen Angst weckt und wo der Anblick eines Menschen, der vorübergeht, einem einen Schauer über den Rücken jagt. In den so eng bewohnten Häusern und auf den Straßen, wo es noch vor einigen Stunden von Menschen wimmelte, herrschte Leere. Der Hauch des Todes wehte durch die Straßen und streifte jedes Haus und jede Wohnung.“

Pankiewicz, der sich selbst in seinem Buch sehr zurücknimmt, aus dessen Zeilen einfach eine Vornehmheit der Haltung sprechen, schreibt in einem späteren Vorwort:

„Die Apotheke im Krakauer Ghetto wirft meiner Meinung auch ein zusätzliches Licht auf die Mechanismen, die der Haltung und dem Verhalten zugrunde liegen, welches Menschen in Situationen der Bedrohung, des Schreckens und im Moment ihres Untergangs zeigen, aber auch auf das Verhalten derjenigen, die die Verursacher dieses Unheils waren. Das Buch kann einen Beitrag zur Erkenntnis über die Psychologie des Verbrechers und seines Opfers liefern.“

Die Verbrecher zeigen vor allem eines: Vollkommene Empathielosigkeit gegenüber ihren Opfern. Und es ist erschreckend festzustellen, dass diese Entmenschlichung anderer aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Rasse, ihrer Religion genau jetzt wieder geschieht, jetzt wieder um sich greift.

Umso mehr ist auch die Entstehungsgeschichte der Neuauflage dieses wichtigen Zeitdokuments hervorzuheben: Das Buch erschien erstmals 1995 in deutscher Übersetzung durch Manuela Freudenfeld. Inzwischen war es nur noch antiquarisch zu haben. Ein Privatmann hat es nun auf eigene Initiative hin wieder zugänglich gemacht – unterstützt von Sarah und Benno Käsmayr vom MaroVerlag wurde Jupp Schluttenhofer zum Verleger und brachte „Die Apotheke im Krakauer Ghetto“ in einer Auflage von zunächst 1.500 Stück heraus.

Die Homepage zum Buch:  http://www.die-apotheke-im-krakauer-ghetto.de/

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Oliver Hilmes: Berlin 1936

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Bild von Thomas Ulrich auf Pixabay

„Und Adolf Hitler? Der Reichskanzler nimmt an dem Empfang seiner Regierung nicht teil. Wie alles in diesen Olympiatagen, so ist auch Hitlers Fernbleiben Teil einer Inszenierung. Er kultiviert das Bild des unermüdlich arbeitenden „Führers“ und treusorgenden Übervaters, dem Amüsement und Geselligkeiten nichts bedeuten. Hitlers Popularität erreicht im Sommer 1936 einen Höhepunkt und wirkt nun auch tief in die Arbeiterschaft hinein.“

Oliver Hilmes, „Berlin 1936. 16 Tage im August“, Siedler Verlag, 2016.

Geschichtsvermittlung, die zum Pageturner wird? Barbara Tuchmann kann es, Bill Bryson kann es und Florian Illies gelang mit seinem „1913- Der Sommer des Jahrhunderts“ ein Bestseller. An dem aktuellen Olympia-Buch des Historikers und Publizisten Hilmes erinnert nicht nur der Titel an den Illies-Coup – auch das Rezept ist ein ähnliches: Man nehme ein Ereignis, einen Zeitraum, eine Epoche, gruppiere um eine These eine Fülle von dokumentierten Anekdoten rund um mehr oder wenige berühmte Zeitgenossen und runde diese populäre Art der Geschichtsvermittlung durch einen gut lesbaren Erzählstil ab.

Das perfekte Rezept für ein lesbares Geschichtsbuch light. Die Frage ist also nicht, ob man es lesen kann – ja, man kann, Hilmes ist ein geschickter Erzähler. Auch wenn der etwas redundante Hinweis darauf, dass sich „in wenigen Tagen“ das Schicksal von XY „ändern“ wird, die fröhlichen Tage überhaupt gezählt sind und bald ein Ende haben werden, mich als Leserin eher ärgert – Hilmes hätte es nicht nötig gehabt, durch solche Kniffe seine Leser bei der Stange zu halten.

Die Frage jedoch ist: Muss man es lesen? Während Illies, um das „Sommer-1913-Buch“ als Vergleichsmaßstab anzulegen, seine Anekdoten-Sammlung geschickt um eine These knüpft – nämlich jene, dass sich am Vorabend des Ersten Weltkrieges an unterschiedlichen Orten und Plätzen der Welt Künstler aller Genres zu kreativen Höhenflügen aufmachten, bevor die Götterdämmerung eintraf – so fehlt es dem Buch von Hilmes im Grunde an einem Überbau, einer neuen Idee, einer neuen Erkenntnis, die es zu den Olympischen Spielen im Nazi-Regime geben könnte. Und dadurch ist es, wenngleich auch gut erzählt, am Ende doch nicht viel mehr als eine Anekdotensammlung – in der vieles angerissen, für meinen Geschmack aber zu wenig vertieft wird.

80 Jahre nach den sportlichen Wettkämpfen in Berlin ist dies flott erzählte Werk der Marke „Histotainment“ für den Verlag mit Sicherheit ein gelungener Marketingzug. Hilmes verknüpft mehrere Erzählstränge, die aus verschiedenen Perspektiven die Olympiade 1936, die nach Willen der Nazis eine Leistungs-Demonstration von Hitler-Deutschland und ein Festspiel der Propaganda werden sollte, beleuchten.

Während im Berliner Stadion die Athleten um Spitzenleistungen und Weltrekorde wetteifern, brüten in der Reichskanzlei Hitler und Konsorten bereits über Kriegsplänen und dem Bau von Konzentrationslagern (Joseph Goebbel in seinem Tagebuch: „Nach der Olympiade werden wir rabiat“). Der Schriftsteller Thomas Wolfe taumelt etwas orientierungs- und ahnungslos durch sein geliebtes Berlin, bis ihm, der selbst vom Antisemitismus amerikanischer Bauart angekränkelt ist, die Augen geöffnet werden über die wahren Absichten der menschenverachtenden Diktatur. Mascha Kaléko leidet derweil an Liebeskummer, Leni Riefenstahl überwallen erotische Gefühle im Stadion angesichts diverser Muskelpakete, während Martha Dodd, die Tochter des US-Botschafters um Penisse flattert „wie ein Schmetterling.“ Und in den Lokalen rund um den Kudamm noch einmal die „Roaring Twenties“ nachgeholt werden.

Weniger aus der Abteilung „Klatsch und Tratsch“ wäre in meinen Augen mehr gewesen – ich muss nicht unbedingt mit dem Schicksal jedes Gigolos, der mit dem Geld einer reichen Berlinerin einen Club eröffnet hatte, vertraut gemacht werden. Dagegen wären einige erläuternde Worte zum Schriftsteller Ernst von Salomon, der immerhin mehrfach zitiert wird, wünschenswert gewesen: So erweckt das wenige an Zitaten einen irreführenden Eindruck dieses Autoren, der immerhin in seiner Jugend am Rathenau-Mord beteiligt gewesen war. Und Gretel Bergmann, die jüdische Leistungssportlerin, die als „Alibi“ eigens für die Olympischen Spiele von den Nazis zurück nach Deutschland geholt wurde und dann doch nicht antreten durfte – sie wird nur in einem kurzen Absatz erwähnt.

Es mag nun kleinkariert erscheinen, solche Auslassungen aufzuzählen. Aber etwas mehr an mancher Stelle an vertiefendem Hintergrund, dafür an anderer Stelle Verzicht auf nur Angerissenes – und das Buch hätte an Substanz gewonnen.

Zwar gelingt Hilmes durch seine Verknüpfung von Sport& Politik, Kultur& Halbwelt und einigen Hinweisen auf die anhaltende Verfolgung von Juden, Sinti und Roma, Homosexuellen, politisch Andersdenkenden und Intellektuellen es durchaus, den widersprüchlichen Charakter dieser Berliner Tage vom 1. bis zum 16. August 1936 aufzuzeigen. Doch außer Atmosphäre lässt dieses Buch wenig zurück – ein Lesehäppchen, das vor allem anregt, Originaltexte über diese Olymiade 1936 und diese Zeit zu lesen.

Positiver gestimmte Besprechungen finden sich bei der „Frankfurter Rundschau“ und „Zeichen & Zeiten“.


Weiterführende Literatur:

 „Reisen ins Reich 1933 bis 1945“, Herausgeber Oliver Lubrich, Eichborn Verlag, 2004.

In dieser Sammlung mit dem Untertitel „Ausländische Autoren berichten aus Deutschland“ finden sich auch Texte der bei Hilmes oftmals erwähnten Diplomatentochter Martha Dodd wieder, die mit der Zeit und zunehmenden Erfahrungen mit der Nazi-Clique eine kritische Sicht auf die Dinge entwickelt. Später wird sie politisch aktiv und offenbar für den sowjetischen Geheimdienst tätig. Enthalten ist zudem die 1937 entstandene Kurznovelle von Thomas Wolfe, die auch im Hilmes-Buch Erwähnung findet: „I have a thing to tell you“. Wolfe schildert, wie bei seiner Ausreise aus Deutschland ein jüdischer Anwalt von den Nazis aus dem Zug gezerrt und verschleppt wird. Wolfe, Antisemit amerikanischer Machart und bis dahin großer Deutschland-Liebhaber, kehrt nie wieder in das „Reich“ zurück.
Neben zahlreichen kritischen bis hin zu entsetzten Stimmen beinhaltet dieses Buch auch Texte von Anhängern des Faschismus wie Svend Hedin und Wiking Jerk. Einige Namen, so Sartre und Camus, sind wohl mehr wegen ihrer Prominenz vertreten, ihre während der jeweiligen Deutschlandaufenthalte entstandenen Texte sind jedoch eher von geringer Aussagekraft über das „Dritte Reich“. Überraschend dagegen der frech-zynische George Simenon, der als Reporter unterwegs war („Hitler im Fahrstuhl“), spürbar wird die Beklemmung, die Virginia Woolf bei einer Reise durch Süddeutschland empfindet, Samuel Beckett berichtet voller Abscheu von seinen Erlebnissen mit den Deutschen.

Insgesamt sind 33 Autorinnen und Autoren in diesem Buch vertreten: Dadurch entsteht ein vielschichtiges, zeitgenössisches Bild vom Nationalsozialismus und den Deutschen, gesehen aus der Perspektive von außen.

Weitere Informationen  zum Buch bei „Die andere Bibliothek“.


„Ich war die große jüdische Hoffnung“, Gretel Bergmann, G. Braun Buchverlag

Gretel Bergmann, 1914 in Laupheim, Baden-Württemberg, geboren, war eine der besten deutschen Hochspringerinnen – und sie ist Jüdin (die alte Dame feierte vor wenigen Wochen ihren 102. Geburtstag!). 1933 tritt der Ariererlaß in Kraft: Die junge Sportlerin wird aus ihrem Verein ausgeschlossen, darf an keinen Wettkämpfen mehr teilnehmen, studieren darf sie auch nicht. So geht sie 1934 nach England – wo sie prompt britische Meisterin im Hochsprung wird. Als, wie es auch Hilmes schildert, die USA und andere mit dem Boykott der Olympiade drohen, sollten keine jüdischen Sportler zugelassen sein, holt man Gretel Bergmann unter Zwang „heim ins Reich“. Doch kurz vor den Wettspielen wird sie unter fadenscheinigen Gründen wieder ausgeschlossen – ihr Schicksal wurde unter dem Titel „Berlin `36“ verfilmt, wenn auch fiktional etwas „aufgepeppt“.

In ihrer temperamentvoll formulierten Autobiographie blickt die „verhinderte“ Olympiasiegerin auf diese Jahre zurück und ihre eigenen Ängste und Gewissensnöte zurück: Jeder Sieg bei den Wettbewerben vor der Olympiade war ein Sieg über „die Unlogik der bösartigen Theorien Hitlers“:
„Ich hatte triumphiert, hatte ihnen Trotz geboten, mich behauptet und auf ausgesprochen befriedigende Weise gerächt. Aber bei aller Euphorie hatte ich auch Angst.“

Erst später erkannte die junge Frau:
„Unter den wachsamen Augen der Auslandspresse und des Internationalen Olympischen Komitees mußte Hitler sein Versprechen halten. Ich war in gewisser Weise ihre Eintrittskarte, und deshalb konnte mir nichts passieren. Sie brauchten mich, um das Ziel einer Olympiade par excellence zu erreichen. Es war reine Ironie, dass ausgerechnet ich, die Jüdin, den Deutschen zu ihrer größten Stunde verhalf. Wie müssen sie mich gehasst haben!“

Mehr Informationen und eine Leseprobe in „Die Zeit“.


 „Memoiren“, Leni Riefenstahl, Knaus Verlag, 1937

Ganz anderer Art dagegen die Erinnerungen der Leni Riefenstahl, jene innovative Regisseurin, die sich in den Dienst der Nazis stellte. Vor den beiden Olympiafilmen „Fest der Völker“ und „Fest der Schönheit“ hatte die Riefenstahl schon mit ihren Propagandafilmen 1933 und 1934 dazu beigetragen, den Menschen bestimmte Bilder von Macht und Willen einzubrennen.
Auch die Ästhetik ihrer Olympiafilme ist, wenn auch in gewisser Weise faszinierend, so doch von diesen „herkulischen“ Typen geprägt, vermittelt ein ganz bestimmtes Bild. In ihren „Memoiren“ pflegt sie das Image der missverstandenen Künstlerin, zeigt sich uneinsichtig und wenig selbstreflektierend. Um Politik sei es ihr nie gegangen, sie habe nur für die Kunst, die Filmkunst an sich gelebt – was widersinnig ist, wenn Kunst in den Dienst politischer Propaganda gestellt wird. Die „Memoiren“: Verschriftlichte Lebenslügen, Selbstverleugnung, Verharmlosung – ich konnte die selbstverliebte Inszenierung kaum ertragen beim Lesen.


„Der Fragebogen“, Ernst von Salomon, Rowohlt Verlag, 1951

Interessanterweise war Ernst von Salomon (1902 – 1972) ein Freund des Verlegers Ernst Rowohlt (er wird in diesem Zusammenhang auch an der einen und anderen Stelle im Hilmes-Buch erwähnt), war zudem im Verlag zeitweise als Lektor tätig. Aber von Salomon war auch: In Jugendjahren Freikorps-Anhänger, am Kapp-Putsch und am Rathenau-Mord beteiligt, preußisch und großnational eingestimmt.
Durch sein „Preußentum“ und seine jüdische Lebensgefährtin war von Salomon zwar in Distanz zum Nationalsozialismus, aber doch Vertreter einer rechten, erzkonservativen Denkungsart. Deutlich wird dies an „Der Fragebogen“. Das Buch wurde nach seinem Erscheinen Anfang der 1950er Jahre zum Bestseller. Das traf wohl den Nerv der Zeit: Eine schwafelhafte Rechtfertigung für stramm rechtes Denken. Das Buch mag als Zeitdokument wichtig sein – mir selbst war zu viel von Preußentum etc. die Rede. Nach einem Viertel abgebrochen und in die Ecke gepfeffert.
Der Titel des Buches bezieht sich auf die Entnazifizierungs-Fragebögen in der amerikanischen Besatzungszone. Von Salomon greift dies formal auf und beantwortet die 131 Fragen, nutzt dies als Plattform für eine zurechtfrisierte Autobiographie.

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Katherine Kressmann Taylor: Adressat unbekannt

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Bild von Free-Photos auf Pixabay

Lieber Max,

wie Du sehen kannst, schreibe ich auf dem Geschäftspapier meiner Bank. Dies ist notwendig, denn ich habe eine Bitte an Dich und möchte dabei die neue Zensur umgehen, die äußerst streng ist. Wir müssen für den Augenblick aufhören, uns zu schreiben. Selbst wenn ich kein offizielles Amt bekleidete, wäre es für mich unmöglich, mit einem Juden zu korrespondieren. (…) Was die strikten Maßnahmen betrifft, die Dich so mit Sorge erfüllen: Ich mochte sie zu Beginn auch nicht, doch mir ist inzwischen ihre schmerzliche Notwendigkeit klargeworden. Die jüdische Rasse ist ein Schandfleck für jede Nation, die ihr Unterschlupf gewährt. Ich habe niemals einen einzelnen Juden gehaßt – ich habe Dich immer als einen Freund geschätzt, aber Du weißt, daß ich mit aller Aufrichtigkeit spreche, wenn ich sage, daß ich Dir nicht wegen, sondern trotz Deiner Rasse gewogen war. (…).

Wie immer,
Dein Martin Schulse

1938 veröffentlichte die New Yorker Zeitschrift „Story“ die Erzählung einer bis dahin völlig unbekannten Autorin: Die ehemalige Werbetexterin Kressmann Taylor war auf einige Briefe gestoßen, die sie zu ihrer Geschichte anregten, einem fiktiven Briefwechsel zweier Männer, zunächst Freunde und Geschäftspartner, die ein dramatisches Ende nimmt. „Adressat unbekannt“ erregte großes Aufsehen, die erste Buchveröffentlichung hatte einen rasenden Absatz: Mit ihrer sprachlich ganz einfachen, aber lebendigen Shortshortstory traf Kressmann Taylor offenbar bei vielen Lesern einen „moralischen“ Nerv. Das Erstaunliche daran: Nicht nur das frühe Erscheinungsdatum 1938 (zwar war auch in den USA schon die schwierige Situation der Juden in Deutschland bekannt, wie dramatisch es stand, wurde jedoch auch dort erst nach den Pogromnächten im November 1938 öffentlich klar), sondern auch die Zeichnung der Figuren. „Der Nazi“, das ist in dieser Briefnovelle nicht das blutrünstige Monster oder der eiskalte, Monokel-tragende Todesengel, wie ihn Hollywood gerne zeichnete, sondern ein ganz „normaler“ Biedermann. Ein banaler Böser.

In nur 18 Briefen und einem Telegramm entwickelte die Autorin eine Erzählung über die Brüchigkeit von Freundschaft in finsteren Zeiten, über fehlende Loyalität, über Opportunismus und Mitläufertum, über mangelndes Mitgefühl – das ist anrührend, empörend, spannend und dramatisch.

Max Eisenstein und Martin Schulse betreiben 1932 gemeinsam eine Galerie in San Francisco. Während der Jude Max Eisenstein in den USA bleibt, kehrt Schulse mit seiner Familie nach Deutschland zurück. Nur wenige Monate später hat sich der Opportunist zum Vollblut-Nazi entwickelt, kündigt die Freundschaft auf, geht auf Distanz. Da erreicht ihn eine letzte dringende Bitte seines ehemaligen Freundes aus den USA: Er möge seiner Schwester Griselle, die noch in Deutschland ist, zur Flucht helfen – Schulse verweigert dies nicht nur, sondern liefert die Frau, mit der er einst ein Verhältnis hatte, sogar den Nazi-Schergen aus. Doch dies ist noch nicht der Höhepunkt der kleinen Briefnovelle – Kressmann Taylor gab der Geschichte nochmals eine überraschende Wende, die hier jedoch nicht verraten sein soll.

Trotz der zahllosen Leser geriet die Erzählung später in Vergessenheit – bis sie 1992 erneut in „Story“ abgedruckt und schließlich auch in mehrere Sprachen übersetzt wurde. Denn, so Story-Herausgeberin Lois Rosenthal, die Briefnovelle ist von hoher Aktualität:
„Die neonazistischen Strömungen im wiedervereinten Deutschland, das erneute Aufkeimen von antisemitischen Haltungen in Osteuropa und die zunehmende Popularität der weißen Supermatisten in den Vereinigten Staaten klangen wie ein unheimliches Echo der Vergangenheit.“

Erschienen bei Atlantik – mehr Information zum Buch hier.

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Harald Roth: Was hat der Holocaust mit mir zu tun?

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Bild: (c) Michael Flötotto

November 2015:
Als ich im Januar 2014 erstmals auf dieses Buch aufmerksam machte, sah die Welt noch anders aus. Ja, man wußte zwar, der Schoß war fruchtbar noch. Man wusste, dass dieses Gedankengut weiter schwelte. Inzwischen aber wird ein Tabu nach dem anderen gebrochen. Was stillschweigend vor sich hin gärte, darf nun laut rausgeschrien und gepöbelt werden – und findet immer mehr Zuspruch. Das macht manchmal sprachlos. Aber es darf nicht mutlos machen.

Heime brennen. Täglich gibt es Übergriffe auf Menschen – Flüchtlinge, Helfer, Politiker, Andersdenkende. Es gibt Einschüchterungsversuche überall. Ein Beispiel im Netz: Eine rechtsradikale Seite listet im Netz die Namen „linker, verdächtiger“ Personen auf. Das sind üble Zeiten: Menschen werden namentlich der Häme und Hetze freigegeben. Ich fand darauf auch den Namen einer Bekannten, einer Pressefotografin, die sich sozial engagiert. So wird das Gefühl, dass das radikal Schlechte auch in das eigene Leben eingreift, konkret.

„Man wird doch noch einmal sagen dürfen“: Diese Einführung jagt mir Kälteschauer über den Rücken. Denn meist ist es der Prolog zu Äußerungen voller Ressentiments und Vorurteilen. Mit den meisten Menschen kann man Dinge im Dialog noch klären. Ein Bürgermeister erzählte mir von einer Bürgerversammlung in Sachen „Asyl im Dorf“ – tagelang hat ihn das Thema zuvor umgetrieben und nervös gemacht. Ihm gelang die „Ent-Ängstigung“. Ein neues Wort in meinem Vokabular.

Aber es sind finstere Zeiten. Ich habe nicht die Hoffnung, dass die ganz Verblendeten, Radikalisierten mit Worten noch erreichbar sind. Und dennoch: Ich wünschte mir, jeder von denen, die jetzt gegen Flüchtlinge und Andersdenkende pöbeln, würden gezwungen, die Holocaust-Literatur zu lesen: Tadeusz Borowski, Imre Kertész, Bruno Apitz, Jorge Semprun, Aharon Appelfeld, Jurek Becker.

Ob es etwas an deren Denken ändern würde? Ich weiß es nicht. Aber ich möchte wenigstens, dass die, die jetzt zündeln, nochmals daran erinnert werden, wie es ist, wenn die ganze Welt brennt.

Januar 2014

„Nach meiner Auffassung stoße ich, wenn ich mich mit der traumatischen Wirkung von Auschwitz auseinandersetze, auf die Grundfragen der Lebensfähigkeit und kreativen Kraft des heutigen Menschen: das heißt, über Auschwitz nachdenkend, denke ich paradoxerweise vielleicht eher über die Zukunft nach als über die Vergangenheit.“

Imre Kertész, Rede zur Verleihung des Nobelpreises für Literatur, 2002
Vorangestellt dem Buch „Was hat der Holocaust mit mir zu tun?“, Herausgeber Harald Roth

1998:
Friedenspreisrede von Martin Walser in der Frankfurter Paulskirche. Ein Zitat:
„Kein ernstzunehmender Mensch leugnet Auschwitz; kein noch zurechnungsfähiger Mensch deutelt an der Grauenhaftigkeit von Auschwitz herum; wenn mir aber jeden Tag in den Medien diese Vergangenheit vorgehalten wird, merke ich, dass sich in mir etwas gegen die Dauerpräsentation unserer Schande wehrt.“

Weiter sträubt es sich in mir, aus dieser Rede zu zitieren – Walser verdreht gar die Formulierung von Hannah Arendt um in eine „Banalität des Guten“, diskreditiert damit sowohl den Ansatz Hannah Arendts als auch die Anstrengungen vieler, einen Teil zur  Erinnerungsarbeit beitragen zu wollen, die eine Wiederholung verhütet. Vor allem aber predigt er einer „politikfreien“ (moralfreien?) Literatur das Wort.

Ein kluger Beitrag zur Walser-Rede findet sich hier: Erinnern oder Vergessen?

Doch der Dichter sprach dem Volk wohl aus der Seele:
„Ferner stimmen 61 Prozent (1998: 63 Prozent) der Auffassung zu, dass 58 Jahre nach Kriegsende nicht mehr so viel über die Judenverfolgung geredet, sondern endlich ein Schlussstrich unter die Vergangenheit gezogen worden sollte.“
(Forsa-Studie)

2003:
„Jeder fünfte Deutsche ist latent antisemitisch. Dies war das erschreckende Ergebnis einer Forsa-Studie im Auftrag des stern im November 2003. Befragt wurden 1.301 Bundesbürger. Bereits 1998 wurde die Studie mit den gleichen Fragestellungen schon einmal durchgeführt, so dass sich Veränderungen über die Einstellung der Deutschen zu den Juden ablesen lassen. Demnach ist der Anteil der Deutschen mit „latent antisemitischen“ Einstellungen von 20 auf 23 Prozent gestiegen. Die Befragten konnten bei ihren Antworten aus einer siebenstufigen Skala auswählen von „trifft überhaupt nicht zu“ (Skalenwert 1) bis „trifft voll zu“ (Skalenwert 7). Wer Skalenwerte von 5 bis 7 angekreuzt hat, wird als „latent antisemitisch“ eingestuft. Auf die bewusst provokant gestellte Frage, ob viele Juden versuchten, aus der Vergangenheit des Nationalsozialismus ihren Vorteil zu ziehen und die Deutschen dafür zahlen zu lassen, antworteten sogar 36 Prozent der Befragten insgesamt mit ja (1998: 41 Prozent), 89 Prozent der Befragten mit antisemitischen Einstellungen waren dieser Meinung. Und 28 Prozent insgesamt glauben, dass Juden auf der Welt zu viel Einfluss haben (1998: 21 Prozent), 81 Prozent der Gruppe mit einer ausgeprägten antisemitischen Haltung stimmten dem zu. 1998 war der Anteil derer, die eine positive Entwicklung bei den Einstellungen gegenüber den Juden zu sehen glaubten, mit 49 Prozent deutlich größer als 2003 (36 Prozent). Heute glauben 30 Prozent, die Einstellung zu den Juden sei negativer geworden (1998: 15 Prozent) Wie aus der Studie weiter hervorgeht, meinen 16 Prozent aller Bundesbürger, die Juden hätten in der Vergangenheit nicht mehr durchgemacht als andere auch.
Quelle: http://www.lpb-bw.de/auschwitz-befreiung.html

2013:
In der ARD läuft – natürlich zu später Stunde – zum 75. Gedenktag anlässlich der „Reichspogromnacht“ ein Beitrag, der die Frage stellt: „Antisemitismus heute – wie judenfeindlich ist Deutschland?“.

Zwei Seiten – Verdrängung und Wiederholung. Die Haltung, >man könne es nicht mehr hören<, und steigender Antisemitismus gehen Hand in Hand.

Es ist also nach wie vor notwendig, vielleicht sogar notwendiger denn je, die Frage zu stellen: „Was hat der Holocaust mit mir zu tun?“. Herausgeber Harald Roth hat dies seinem Sammelband als Titel vorangestellt und 37 Antworten (oder besser: Versuche von Antworten und Annäherungen an diese Frage) zusammengefasst.  Es schreiben Holocaust-Überlebende, Schriftsteller, Politiker, Historiker, Journalisten.

Auch Roth geht in seinem Vorwort auf die Walser-Rede ein. Und stellt sie dorthin, wo sie hingehört, weist sie zurück. „Empirisch wäre zu überprüfen, ob man überhaupt von einer >Dauerpräsentation unserer Schande< sprechen kann. Walser kann man zudem entgegenhalten, dass es in einer freien Gesellschaft eine mediale Selbstbestimmung gibt: Keiner muss sich das Buch kaufen, keiner muss sich die Sendung anschauen.“

Aber: „Die Kritiker, die über ein mediales Überangebot räsonieren, übersehen meist einen simplen Sachverhalt: Für die junge Generation ist es immer eine Erstbegegnung. Zum ersten Mal erfahren sie etwas über Auschwitz, zum ersten Mal sehen sie einen Film über die >Weiße Rose<, zum ersten Mal besuchen sie eine KZ-Gedenkstätte.“

Am 27. Januar ist, in Erinnerung an die Befreiung von Ausschwitz durch die Rote Armee, der Gedenktag zur Erinnerung an die Opfer des Holocaust: In der Bundesrepublik erst (!) 1996 eingeführt, seit 2005 ebenfalls von den Vereinten Nationen. Roth weißt zurecht darauf hin, dass die Geste des Erinnerns emotional und moralisch gefüttert sein muss. Allerdings: „Die authentischen Stimmen der Zeitzeugen“ werden in absehbarer Zeit verstummen – sie jedoch „bilden für die Nachgeborenen eine emotionale Brücke zwischen dem Gestern und Heute.“

Und so sind die Stimmen der Zeitzeugen auch mit die eindrucksvollsten Berichte in diesem Buch:

Otto Dov Kulka, der von seiner späten Wiederkehr an den Ort berichtet, den er in seinem eigenen Buch „Landschaften der Metropole des Todes“ nennt.

Inge Deutschkron, die von der „Schuld der Überlebenden“ spricht und der „Pflicht, die mir meine Schuld auferlegte: Ich musste es niederschreiben Die Wahrheit, die lückenlose Wahrheit, präzise und emotionslos, so wie ich es mit eigenen Augen gesehen hatte. (…) Ich aber war wie besessen von der Idee, dass Vergleichbares nie wieder geschehen dürfe.“

Max Mannheimer, der die Lager überlebt hat, der sich niederließ im Land der Täter und auch im hohen Alter noch über das Studienzentrum in Dachau den Kontakt zu jungen Menschen sucht, um aufzuklären. Er schreibt: „Trotz der bitteren Erkenntnis, wozu Menschen fähig sind, wollte ich nicht, dass der Holocaust mich davon abhielt, an das Gute zu glauben, an die Hoffnung, an das Leben.“  Er appelliert an die Jugend: „Vergesst nicht, was geschehen ist, und entwickelt daraus Maßstäbe für euer eigenes Handeln.“

Edward Kossoy, der als Anwalt das unwürdige Feilschen um die Wiedergutmachungsleistungen erlebte: „Immer blieb es bei 150 Mark.“

Aber auch die Stimmen aus anderen Generationen (das merkwürdige Kanzlerwort von der „Gnade der späten Geburt“) kommen zu Wort – Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, die eindringlich nahebringt, was es heißt, auf der Flucht und im Exil zu sein. Lena Gorelik, deren Fragen darum kreisen, warum das Jüdischsein in Deutschland keine Selbstverständlichkeit ist, sondern immer und stets mit Klärungsbedarf (Erklärungsnot?) verbunden ist. Martina Salzmann erzählt von ihrer „Muttersprache Mameloschn“.

Viele Beiträge kreisen um die Fragen, wie es möglich war, einen Massenmord in Gang zu setzen, wie es möglich war, mitzumachen und wegzusehen, warum die Ausgrenzung und systematische Ermordung einiger Bevölkerungsgruppen in einer scheinbar zivilisierten Gesellschaft stattfinden konnte. Der Politikwissenschaftler Wolfgang Seibel: „Was Hannah Arendt am Beispiel Adolf Eichmanns deutlich zu machen versuchte, war dies: Gerade dadurch, dass man kein Monster sein musste, um an der Judenverfolgung mitzuwirken, konnte sich, was als Stigmatisierung und Diskriminierung begann, in ein monströses Massenverbrechen steigern. (…) Wenn man sich an den Gedanken gewöhnt, dass sich Massenverbrechen nicht als solche ankündigen, sondern erst durch die Mitwirkung normaler Menschen mit banalen Motiven zu Massenverbrechen werden, versteht man besser, wie sie entfesselt werden und was ihre Vernichtungsdynamik tatsächlich ausmacht.“

Mit diesem Rückgriff auf die „Banalität des Bösen“ beantwortet sich auch die Frage: „Was hat der Holocaust mit mir zu tun?“. Harald Roth will mit seinem Buch junge Menschen erreichen – die Beiträge, die von Augenzeugenberichten über Portraits bis hin zu Fachbeiträgen über einzelne Aspekte (Euthanasie, Wiedergutmachung, Umgang mit Erinnerungsorten, Friedensarbeit) reichen, eignen sich gut als Einstieg und Diskussionsgrundlage. Zu hoffen ist, dass es auch jene erreicht, die die Haltung übernommen haben, „es sei jetzt genug“.

Denn:
„Das Höchste, was man erreichen kann, ist zu wissen und auszuhalten, dass es so und nicht anders gewesen ist, und dann zu sehen, was sich daraus – für heute – ergibt.“
Hannah Arendt

Zum Herausgeber: Harald Roth, geboren 1950 in Böblingen, unterrichtete bis 2012 an einer Realschule Deutsch, Geschichte und Politische Bildung. Er veröffentlichte Anthologien und didaktische Materialien zur NS-Zeit u.a. eine Auswahl für junge Leser aus Victor Klemperers Tagebuch 1933-45. Roth ist Mitinitiator der KZ-Gedenkstätte Hailfingen/Tailfingen und lebt in Herrenberg.

Zum  Buch: Verlagsseite

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