Hildegard E. Keller: Was wir scheinen

„Sie schüttelte den Kopf. Gleichschaltung ist wirklich ein hässliches graues Wort. Das Wort für das Grauen, dasselbe Grau wie auf dem Gesicht im Glaskasten. Wissen wir denn, warum ein Mensch sich so durch und durch farblos machen lässt? Warum einer zulässt, dass man ihn zu einem Instrument in den Händen anderer macht? Ein Instrument, ganz egal, wofür, Hauptsache, ich gehöre nicht mehr mir selbst und trage nicht mehr die Verantwortung für das, was ich tue? Nein. Keiner vermag in die Seele eines andern hineinzuschauen. Niemand weiß, warum einer wollen kann, dass er nicht mehr der ist, der er ist.“

Das erste Gedicht war eine Reflexion über die Kraft des
Wassers, die sie an Brechts Legende erinnerte. Wenn im Innern
des Steins Wasser gefriert, bringt es ihn zum Bersten, nur was
gibt ihm die Kraft dazu? Merkwürdige Frage, aber sie schlägt
die Brücke ins Unsichtbare.
Bild: Schlucht im Tessin, Bild von adege auf Pixabay

Es ist bereits viel über den ersten Roman der Schweizer Literaturkritikerin Hildegard Keller geschrieben worden und all das Positive, was über „Was wir scheinen“ berichtet wurde, es ist richtig. Tatsächlich tritt einem die poetische Denkerin Hannah Arendt aus diesem Buch so lebendig und nahbar entgegen, dass man meint, eine Mischung aus „der Arendt“, wie man sie unter anderem aus dem Gaus-Interview kennt und einer Barbara Sukowa, die sie im Film verkörperte, zu begegnen. Fiktion und Realität verschmelzen hier aufs Schönste.

Hannah Arendt (1906 – 1975), die nach ihrer Flucht 1933 aus dem nationalsozialistischen Deutschland ab 1941 in den USA lebte, kam immer wieder nach Europa zurück, unter anderem verbrachte sie regelmäßig Ferien im Tessin. Ihr letzter Tessin-Aufenthalt ist der Rahmen der Erzählung: Arendt ist allein, von den wenigen noch lebenden Freunden ist keiner greifbar. Zum Arbeiten zu unkonzentriert, zum Faulenzen zu unruhig, wandern die Gedanken zurück in die Vergangenheit: Zu den Jahren des Studiums bei Jaspers und der Liebe zu Heidegger, zur Pariser Zeit, als sie sich mit Walter Benjamin befreundet und ihren Mann Heinrich Blücher kennenlernt, zu den Anfängen mit Heinrich und ihrer Mutter in New York und natürlich zu dem prägenden Ereignis ihres beruflichen Lebens, das sowohl politisch und als auch privat einen Bruch darstellt: Der Eichmann-Prozess, der im April vor 50 Jahren begann. Ihren Berichten im New Yorker darüber und ihrem darauffolgenden Buch folgten Wellen der Empörung, eine regelrechte Hetzkampagne, heute würde dies als Shitstorm bezeichnet.

Ihre missverstandene These von der „Banalität des Bösen“, ihr unabhängiger Blick auf die Rolle der Judenräte, ihre Weigerung, sich als Jüdin einen bestimmten Blick auf Eichmann und auf die Prozessführung in Jerusalem anzueignen, dies alles stellte Hannah Arendt in den Zentrum eines Empörungssturms. Welche Verletzungen, welche Schrammen Hannah Arendt dabei davontrug, darüber äußerte sie sich öffentlich nicht. Diesen Blessuren geht Hildegard Keller in ihrem Roman auf den Grund, nähert sich behutsam der verletzbaren, „weichen“ Seite der Denkerin, die dennoch streitbar und unbeugsam blieb, an. Die Form des biographischen Romans ist nicht unumstritten – im schlimmsten Fall überwiegt die Interpretation über die Realität, werden historische Personen zu Figuren umgezeichnet. Hildegard Keller umgeht diese Falle elegant und intelligent und spielt sogar charmant mit dieser Falle, in die auch sie hätte tappen können:

„Fiktiv werden ist nicht schön, wenn alles erstunken und erlogen ist“, reflektiert die Hannah Arendt des Romans beim morgendlichen Sinnieren im Bett. „Stillgelegt wie Figuren in einer Farce. Ach, wen geht es an, was wir sind und scheinen.“

Aber: „Wenn man zur Romanfigur gemacht wird, ist das natürlich was Anderes. Im Zeichen der Dichtung darf man schließlich einen Funken von Inspiration erwarten.“

Profunde Faktenkenntnis gepaart mit Inspiration, das Spiel mit Schein und Sein, dies geht bei diesem biografischen Roman eine glückliche Verbindung ein. Doch der größere Verdienst von „Was wir scheinen“ liegt nun nicht darin, dass „die Arendt“ so lebensnah erscheint, sei es, wenn sie Ingeborg Bachmann zeigt, wie man amerikanischen Speck brät, wenn sie mit zwei Fingern pfeift oder ein wenig verschämt-stolz ihre Straußenledertasche ausführt und dadurch von Keller etwas vom Status der politischen Pop-Ikonie, zu der Arendt ebenfalls geworden ist, weggerückt wird. Sondern, dass dieses Buch geradezu dazu animiert, den Kant`schen Leitspruch „Sapere aude!“, dem sich auch Hannah Arendt verpflichtet fühlte, anzueignen. „Was wir scheinen“ ist auch – ohne irgendwie professoral daherzukommen – eine Einführung in das selbständige Denken, eine Aufforderung, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen.

„Wahrheit ist kein Geschenkartikel“, heißt es an einer Stelle des Buches. So bekam auch Hannah Arendt, die sich plötzlich einer feindseligen Öffentlichkeit gegenübersah, für ihren Mut zum selbständigen Denken nichts geschenkt. Wie die Denkerin zu dem wurde, was sie war (und nicht nur schien), dies zeichnet Hildegard Keller in ihrem geschickt aufgebauten Roman wunderbar nach:

„Er (Heidegger) hat mich unterscheiden gelehrt, das Beste überhaupt.  Wissen Sie, uns Studenten war der gelehrte Gegenstand damals ziemlich gleichgültig, nicht aber das Denken. Noch heute ist es rar an den Universitäten, weil man dort ja immer über etwas oder jemanden arbeitet. Wer denkt, sagte Heidegger, steht nicht über den Dingen, sondern geht in sie ein. Der Denkende ist mittendrin.“

(Nur als Einschub: Gerade die Beziehung zu Heidegger, die über dessen nationalsozialistisches Engagement hinweg bestehen blieb, zeigt, dass Hannah Arendt mehr war, als sie schien).

Die Bereitschaft und Fähigkeit zum unabhängigen Denken, wie sie Hannah Arendt von sich und anderen verlangte, ist in einer Zeit, in der Wahrheiten in einem Wust von fake news unterzugehen zu scheinen, notwendig wie eh und je. Und wenn die Aufforderung, selbst zu denken, so gescheit und unterhaltsam wie in diesem Roman vermittelt wird, dann bitte gerne mehr davon!

Informationen zum Buch:

Hildegard E. Keller
Was wir scheinen
Eichborn Verlag, 2021
Hardcover, 576 Seiten, 24,00 €
ISBN: 978-3-8479-0066-5

Judith Hermann: Aller Liebe Anfang

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Bild von Oliver Kepka auf Pixabay

„Sie erkennt ihn an seiner Haltung, an seinem Ausdruck, sie ist sich sicher und trotzdem überrascht, wie jung er ist, wie hübsch und wie müde. Er trägt einen schwarzen Kapuzenpullover. Keine Jacke mehr, trotz der frühabendlichen, frühsommerlichen Kälte. Sie kann nicht sehen, was in seinem Pappkarton drin ist, was er kauft. Er macht noch einen Schritt vor und stellt den Pappkarton aufs Förderband, dann schaut er auf, vielleicht weil er spürt, dass er angesehen wird. Sein Blick geht suchend über die Leute hin. Trifft Stellas Blick.
Mister Pfister sieht sie an.
Stella sieht Mister Pfister an, sie denkt, spürst du das, der ganze Weg, den man zum anderen hin auf sich nehmen kann, ist ja in diesem Blick. Der Weg hin, der Weg zurück auch.
Zorn, Höflichkeit, noch was anderes.“

Judith Hermann, „Aller Liebe Anfang“, 2014, S. Fischer Verlag.

Es gibt einen Judith Hermann-Sound. Die Schriftstellerin, die sich erfreulicherweise so viel Zeit lässt mit ihren Büchern, die zwischen den Werken stille Jahre einfließen lässt und nicht wie andere, die – wie sie auch – schon mit dem Debüt als literarische Sensation gefeiert wurden, dann eines nach dem anderen abliefern. Und doch, nimmt man nach diesen Pausen ein neues Buch von ihr in die Hand, erklingt da eine vertraute Stimme wieder, taucht man in diese unaufgeregte Sprache ein, eine ruhige Sprache, die selbst dann beruhigt, wenn sie von beunruhigenden Dingen erzählt. Wie in ihrem jüngsten Buch: „Aller Liebe Anfang“.

Drei Bände mit Erzählungen hat Judith Hermann, 1970 geboren, bislang veröffentlicht: 1998 „Sommerhaus, später“, 2003 „Nichts als Gespenster“, 2009 „Alice“ – beinahe im fünfjährigen Rhythmus, viel Zeit dazwischen, eine, die sich offenbar nicht vereinnahmen lässt von einem hektischen Literaturgetriebe, das immer und stets nach Neuem schreit. Doch nicht nur damit entspricht sie wenig dem Zeitgeist – auch in der Sprache, die in ihrer zarten Bedächtigkeit, mit dieser leisen Melancholie manches Mal beinah schon altmodisch klingt.

Dagegen waren manche ihrer Erzählungen jedoch durchaus in einem „zeitgeistischen“ Milieu angesiedelt, eine Mischung aus Studentenleben, Künstlerkreisen, ein bisschen Bohème und Biokost, irgendwo zwischen Prenzlauer Berg und Friedrichshain verortet.

Aus einer früheren, kurzen Besprechung ihrer Erzählbände hier auf dem Blog:
„Als „Sommerhaus, später“ 1998 erschien, wurden eine Viertelmillion Exemplare davon verkauft, eines auch an mich. Die Renaissance der deutschen Kurzgeschichte wurde gefeiert. (…) Judith Hermann schreibt viel über Menschen, die irgendwo während einer Reise, bevorzugt in nordische Länder, melancholisch Kaffee aus zerknitterten Plastikbechern trinken. Oder im Zug mit einem Freund sitzen, der Bier aus der Dose und den Parka aus der Kleiderkammer für modische Accessoires hält. (…) Bei Liebespaaren ist die Trennung – niemals dramatisch, sondern lapidar – schon vorgezeichnet, und selbst wenn die Menschen sagen, dass sie glücklich sind, klingt das ziemlich traurig. Soviel Melancholie kann in einem Erzählband ganz schön sein. In dreien wird es ermüdend.“

Jetzt also erstmals ein Roman. Ich war gespannt, ich war interessiert – würde dieser spezielle Hermann-Sound eine längere, rundere Geschichte tragen oder würde das Buch in schöner Melancholie versickern? Vorweggenommen: Der Sound trägt einen durch das ganze Buch, ein Sprach- und Lesefluss, der durchaus mitnimmt. Dazu trägt zudem der Plot bei, der durchaus Spannungsmomente in sich birgt. Ein schön geschriebenes, lesbares Buch, ein Roman, der Leichtigkeit und Schwere vereint – vielleicht kein Roman, der lange nachhallt, aber auch alles andere als verschwendete Lesezeit.

Die Figuren der Judith Hermann sind erwachsener geworden. Sie leben in einem Vorort, Mann, Frau und Kind, er wochentags auf Baustellen unterwegs, sie pflegt alte Menschen. Scheinbar eine Kleinstadtidylle.

Äußere Beschreibungen wie bei einer Kamerafahrt:
„Ein Haus aus Backstein mit einem moosigen Ziegeldach. Eine Haustür mit eingefassten Bleiglasscheiben, zur Linken eine Bank aus Holz, neben der Bank ein Olivenbäumchen in einem Tontopf, unter der Bank Avas Gummistiefel, Stella weiß gar nicht, wie die da hingekommen sind, seit wann sie schon da stehen. Rechts von der Haustür das Panoramafenster, deutlich sichtbar der Sessel, die zerknautschte Decke über der Armlehne, die Bücher in Stapeln und auf dem breiten Fensterbrett Kissen, ein Stoffzebra und ein Teeglas, eine Flasche Wasser und etwas Kleines, von dem Stella glaubt, dass es Jasons Brillenetui ist. All das ist zu sehen, einen Augenblick lang ist sie fassungslos über diese Ausstellung von Privatem, über ihre Gedankenlosigkeit.“

Würde nicht bereits angedeutet, dass nicht hinter, aber vor der Fassade nicht alles stimmt – so wäre dies beinahe ein wenig zu viel Idyll, knapp am Kitsch vorbeigeschrammt: Öko-Links wird bürgerlich, richtet sich ein in der Behaglichkeit. Doch eben so leise, wie Hermann als Autorin wirkt, so leise schleicht sich auch die Unbehaglichkeit, das langsam zum Grauen wird, in das Vorstadtidyll ein, in Person des Mr. Pfister. Ein Stalker, der beginnt, in Stellas Alltag zu dringen, aber schlimmer noch, in ihre Gedanken. Der plötzlich Raum einnimmt und eindringt vor allem in die Beziehungen zu anderen – zum Ehemann, zur Tochter, zur Kollegin, zu ihren Patienten. Stella kommt an ihre Grundfesten – erinnert sich an die Anfänge ihrer Liebe zu Jason, muss sich auch dieser Liebe immer wieder vergewissern, erinnert sich an alte Zeiten, als alles noch unbelastet war, erinnert sich an Träume vom Leben, die verschüttet wurden vom Alltag. Die positive Botschaft: Letztendlich setzt diese Grenzerfahrung wieder Prozesse frei, ermöglicht einen Re-Start, einen neuen Anfang aller Liebe.

Dennoch: Stalking ist ein Phänomen unserer Zeit, das oftmals Betroffene, aber auch deren Umwelt in Rat- und Hilflosigkeit versetzt. Judith Hermann beschreibt den Ablauf, vom ersten unerwünschten Kontakt, dem Klingeln an der Haustür, dem Wunsch nach einem Gespräch mit Stella, bis zur Eskalation (ungewöhnlich spektakulär für Hermann`sche Verhältnisse) in ihrer zurückgenommenen Sprache so, als habe sie es beinahe selbst erlebt. Sie muss die Gefühlswelten, die Stella durchlaufen muss, nicht „ausschreiben“, um ein Bild dessen zu malen, was im Inneren der Betroffenen vorgeht. Hermann, „Meisterin der Beschneidungskunst“, lässt Stella die ganze Gefühlspalette durchleben – Angst, Verunsicherung, Wut, Zorn, das Bemühen, zu verstehen: „Warum gerade ich?“. Wie erstaunlich viele Menschen, die dies erleben, gibt es keinen Anlass, der das Verhalten eines Stalkers rechtfertigt, ist das Ziel oftmals nur zufällig ausgelöst – bedingt durch einen einmaligen Kontakt, durch eine zufällige Nähe (hier die Nachbarschaft), das Opfer eine Folie für die unerfüllten Lebensziele und Träume des psychisch angeknacksten Verfolger.

Zunächst hatte ich mich über das Thema dieses Romanerstlings gewundert – vieles hätte ich von Judith Hermann erwartet, aber keinen Roman über Stalking. Doch beim Lesen wurde mir klar: Gerade das passt. Weil dies eine zwischenmenschliche Grenzerfahrung ist. Weil es Gefühle auslöst, die so schwer fassbar sind. Weil sich diese Erfahrung des eigenen Lebens bemächtigen könnte. Und weil ein Stalker Unerklärbares tut, sich selbst wahrscheinlich auch kaum erklären könnte.

Das Unerklärbare in den Beziehungen zwischen Menschen – genau das ist Judith Hermanns Metier.

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