Upton Sinclair: Boston

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Bild von David Mark auf Pixabay

„Mögen die Historiker Nachforschungen anstellen und die Psychologen grübeln und die Philosophen spekulieren und alle aus dem Fall machen, was immer sie können, doch der Prozess um Sacco und Vanzetti, dessen Echos wie die Druckwellen einer Explosionsserie um die Welt liefen und dafür sorgen sollten, dass in Buenos Aires und Genf die Fensterscheiben der amerikanischen Botschaften zu Bruch gingen und Pariser Taxifahrer den amerikanischen Ladys das Geld ins Gesicht warfen – dieser Cause célèbre nahm seinen Anfang in einem sogenannten Krinimaldetektor, der von einer dubiosen Halbweltfigur erfunden und von einer namenlosen Italienerin in East Boston befragt wurde.“

Upton Sinclair, „Boston“, OA 1928, in deutscher Übersetzung 2017 durch Viola Siegemund, Manesse Verlag, Zürich.

Eine Warnung vorneweg: Für einen Sprint ist dieser Roman nicht geeignet. Mehr für einen Marathon. Manchmal wird die Strecke etwas monoton, öfter auch kommt man auch an derselben Kreuzung vorbei. Und dennoch: Erreicht man das Ziel, ist man geschafft. Fix und fertig. Aber dennoch, rückblickend: Froh, dass man das Wagnis eingegangen ist.

Wenn sich der Schriftsteller und Aktivist Upton Sinclair (1878 – 1968) daran machte, einen Roman zu schreiben, dann fasste er sich selten kurz. Das 1928 erschienene halbdokumentarische Werk „Boston“ schlug jedoch selbst für seine Verhältnisse Längenrekorde: Auf beinahe 1000 Seiten schildert Sinclair  den Justizskandal um Sacco und Vanzetti, zwei italienische Einwanderer, die 1927 in den USA hingerichtet wurden. Die beiden Männer, Aktivisten der anarchistischen Arbeiterbewegung, wurden 1921 wegen der Beteiligung an einem Raubmord in Massachusetts vor Gericht gestellt. Trotz mangelnder Beweise, fragwürdiger Zeugenaussagen, fehlender Indizien und bestehender Alibis wurden Sacco & Vanzetti schuldig gesprochen und zum Tode auf dem elektrischen Stuhl verurteilt. Sieben Jahre lang kämpften Bürgerrechtler, politische Aktivisten,  Schriftsteller – darunter natürlich Upton Sinclair, aber beispielsweise auch John Dos Passos und Dorothy Parker – sowie etliche Rechtsanwälte um das Leben der beiden Männer. Vergeblich: Mehrere Revisionsanträge wurden unter fadenscheinigen Gründen abgewiesen, in mehreren Instanzen scheiterten die Anwälte vor allem an dem erzkonservativen Richter, der die Arbeiter schon vor dem Prozess vorverurteilt hatte. Ihre Hinrichtung bewegte Menschen in der ganzen Welt. Bis heute stehen die Namen Sacco & Vanzetti für politisch motivierten Justizmord.

„Das ist unsere Bestimmung und unser Triumph“, hatte Bart einst verkündet, und zugegeben, noch nie hatten „ein braver Schuhmacher und ein armer Fischhändler“ weltweit für so viel Aufregung gesorgt. Am Samstag, zwei Tage vor der Hinrichtung, wurde in Buenos Aires der Generalstreik ausgerufen; in Berlin fand ein Protestmarsch der Gewerkschaften statt sowie die erste Radikalenversammlung im ehemaligen Oberhaus des Königreichs Preußen; in London demonstrierten an die zehntausend Bürger vor der amerikanischen Botschaft; in Genf erging ein Aufruf, amerikanische Waren zu boykottieren; in Russland wurden in jeder größeren Stadt Massenkundgebungen abgehalten; und in Paris gingen hunderttausend Arbeiter auf die Straße, mit roten Fahnen und riesigen Schildern, auf denen das amerikanische Rechtssystem nicht gerade gut wegkam. (…) Nur in Massachusetts selbst herrschte Stille. Ganz Boston kauerte im Schatten der eisernen Ferse, und angesichts des drohenden Verlusts ihrer Rechte galt unter den Bürgern nur mehr eine einzige einfache Regel, die jeder verstand: Mach, was die Polizei sagt, und halt ansonsten den Mund.“

Der „zeithistorische Roman“ Sinclairs erschien also bereits ein Jahr nach dem Ende der beiden Anarchisten – sprachliche Finesse kann man hier, insbesondere da Sinclair von Haus aus kein herausragender Stilist war, nicht erwarten. Manches wirkt redundant, was allerdings bei der Fülle an Material wiederum nicht verwundert: Sinclair arbeitete in eine fiktive Rahmenhandlung (eine ältere Dame, eigentlich der oberen Klasse entstammend, befreit sich nach dem Tod ihres Ehemanns von der Familie, geht für ein Jahr in eine Fabrik, lernt dabei Vanzetti kennen und schätzen und, überzeugt von seiner Unschuld, mobilisiert sie eine siebenjährige Kampagne für seine Freisprechung) eine Vielzahl von Quellen, darunter Prozessakten, Zeitungsberichte, Texte von Sacco und Vanzetti und vieles mehr ein.

So ist „Boston“ eigentlich selbst ein „Augenzeugendokument“, wenn auch ein sehr voluminöses. Warum sich das Buch jedoch auch heute noch, trotz seiner Längen, zu lesen lohnt: Über den Fall „Sacco & Vanzetti“ hinaus, legt Upton Sinclair, die Strukturen einer verfilzten Gesellschaft frei, die sich – mit aller Gewalt – behaupten will.
Sinclair, insbesondere in den Jahren zwischen den Weltkriegen vor allem ein in Europa einer der am meist gelesenen Autoren, entblößt das ganze Machtgefüge, entblättert die politischen Intrigen, die Interessenspolitik und Verstrickungen von Kapital, Politik und Medien in Boston, die zwangsläufig zum Tod von Sacco & Vanzetti führen mussten. In der angespannten Stimmungslage nach dem Ersten Weltkrieg benötigten die Industriellen in den USA – auch mit ängstlichem Blick auf die politischen Erschütterungen in der „Alten Welt“ – ein Feindbild, um vor allem die aufbegehrende Arbeiterschaft in Schach zu halten. Sacco und Vanzetti wurden für eine Tat verurteilt, die sie (höchstwahrscheinlich) nicht begangen hatten. Aber sie waren Anarchisten und sie waren Einwanderer – das genügte. Ihre Verurteilung fiel in eine Zeit, als in den USA die „Rote Angst“ bewusst geschürt wurde.

Vieles von dem, was Sinclair in seinem umfangreichen Roman beschreibt, erinnert an spätere und aktuelle Episoden der amerikanischen Geschichte: Die politische Hysterie, die Vermischung von politischen und geschäftlichen Interessen, die Dominanz des Kapitals. Maike Albath besprach den Roman nun anlässlich der Neuübersetzung im Deutschlandfunk:

„Boston“ bietet eine erschütternd aktuelle Schilderung kapitalistischer Verrohung und zeigt auf, mit welchen Mitteln herrschendes Recht gebeugt werden kann. Die Neuübersetzung orientiert sich vor allem in der vielschichtigen Figurenrede stärker am Original. Eine Wiederentdeckung, die es in sich hat.

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Verlagsangaben zum Buch:
https://www.randomhouse.de/Buch/Boston/Upton-Sinclair/Manesse/e456802.rhd

Die Buchvorstellung in Deutschlandradio Kultur:
http://www.deutschlandfunkkultur.de/upton-sinclair-boston-diese-wiederentdeckung-hat-es-in-sich.950.de.html?dram:article_id=388891

Und ein recht umfangreicher und inhaltlich stimmiger Artikel zu Sacco und Vanzetti bei Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Sacco_und_Vanzetti

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Dino Buzzati: Die Tartarenwüste

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Bild von Peter Arvell auf Pixabay

Dieser Roman ist im Grunde eine Zumutung. Denn es geschieht: NICHTS. Und dies doch fast satte 230 Seiten lang. Oder aber auch – ein ganzes Leben lang.

„Nach seiner Ernennung zum Offizier verließ Giovanni Drogo an einem Morgen im September die Stadt, um sich nach der Festung Bastiani, seinem ersten Bestimmungsort, zu begeben.“

Der erste Satz, ein Aufbruch am Morgen. Die Festung wird der erste und letzte Bestimmungsort des jungen Mannes bleiben. Das Buch endet Jahrzehnte später – Drogo, der die Festung nach seiner Ankunft am liebsten stante pede wieder verlassen hätte, ist immer noch dort, ebenso gefangen in der Monotonie der Wüste, des Soldatenlebens, des Lebens an sich wie seine Kameraden. Er verlässt sie in der Abenddämmerung, gleichsam ein Synonym für seinen Lebensabend – ein vergeudetes Leben.

Eine ganze Lebenszeit sinnlos vertan: Denn die Festung Bastiani, einst in einem namenlosen Reich errichtet als Bollwerk gegen die aus der Wüste eindringenden Feinde, hat schon längst ihre Bestimmung und ihren Sinn verloren. Es gibt keinen Feind, keine Menschenseele, die die öde Landschaft vor der Festung durchquert. Seit Menschengedenken ist an diesem Vorposten des Landes nichts mehr geschehen. Und ebenso ereignislos wie das Leben vor den Mauern ist dieses innerhalb der Festung. Die Abläufe des Soldatenlebens sind zum bloßen Ritual erstarrt, Pflichterfüllung um der Pflichterfüllung willen. Abwechslung bringen drinnen kleine Scherereien und Intrigen in der Truppe, draußen sind es die Halluzinationen, eingebildete Feindbewegungen im Flimmern des Sonnenlichts. Bitterböse Ironie am Ende: Als Drogo, alt und müde vom Nichts, die Festung verlassen muss, droht nach Jahrzehnten der erste Angriff der Tartaren. Doch so oder so: Drogos Leben war vergeblich, das Leben an sich zog an ihm vorbei – schon bei einem kurzen Urlaub an seinem Heimatort kam er als Fremder zu Familie und Freunden zurück, nun, im Alter, ist er einsam und verlassen:

„Da lag er, dieser Körper, in tierische Bewußtlosigkeit versunken, von dunklen Ängsten geschüttelt, schwer atmend, den müden Mund halb geöffnet.
Und doch hat auch er einmal geschlafen wie dieses Kind. Auch er ist anmutig und unschuldig gewesen, und vielleicht hat sich auch über ihn irgendwann einmal ein alter Offizier gebeugt und ihn voll traurigen Staunens angeblickt.
Armer Drogo, sagte er zu sich selbst. Er weiß, daß es nur ein schwaches Trostwort ist. Aber steht er denn nicht ganz allein auf dieser Welt? Ist er nicht der einzige Mensch, der diesen Giovanni Drogo liebhaben kann?“

Man sieht: Dieser 1940 erschienene Roman steht ganz in der Tradition des Existenzialismus, ist eine einzige Metapher auf die Sinnlosigkeit des modernen Lebens. Der Mensch als Teil der Masse, uniform, als Teil einer Maschinerie. Im Hintergrund zudem die Erfahrungen, die Dino Buzzati (1906 – 1972) selbst mit dem italienischen Militär zu Zeiten des Faschismus machte. Der Roman, so schreibt Maike Albath im Nachwort der neuesten Übersetzung, erschienen in „Die Andere Bibliothek“, bringe zudem „das Unbehagen“ auf den Punkt, das mit Eintritt Italiens in den Zweiten Weltkrieg auf dem Halbstiefel herrschte:

„Die Festung Bastiani ließe sich aber auch als eine beunruhigende Metapher für ein totalitäres System deuten. Das Regelwerk gewährleistet die Existenz der Festung und wird zum Selbstzweck. Am Ende macht es die Soldaten blind für tatsächliche Gefahren. Buzzati beschreibt einen Prozess, der charakteristisch für den Zustand des Individuums in einer Diktatur ist: In einer Mischung aus Pflichterfüllung, Unsicherheit und Angst passt sich Giovanni Drogo zunächst nur an, bis es nach und nach zu einer kompletten Verschmelzung mit dem Machtapparat kommt, so ausgehöhlt dieser längst sein mag. Jenseits dessen existiert Drogo nicht mehr.“

Soldatenpflicht in der Tatarenwüste – eine Sisyphosarbeit. Und obwohl die Nähe zum französischen Existenzialismus unverkennbar ist und obwohl Buzzati mit einer klaren, präzisen Sprache besticht: Dieses in Italien nach wie vor hoch anerkannte Buch scheint, so Hubert Spiegel in der Frankfurter Allgemeinen, bei den deutschen Lesern nicht so recht einzuschlagen – alle paar Jahre wieder wird es verlegt, es existieren Übersetzungen unterschiedlicher Qualität, und doch ist der Schriftsteller und Journalist Buzzati eine eher unbekannte Größe geblieben.

Schade – denn wer beispielsweise auch Pavese und Natalia Ginzburg schätzt, wird von der „schmucklosen, kühlen Prosa“ (Maike Albath) der Tatarenwüste ebenso angetan sein. Ohne rhetorischen Pomp, schlicht und einfach, dies jedoch in höchster Kunstfertigkeit, zieht einen dieses Buch in seinen Bann. Buzzati beschreibt die Sinnlosigkeit und Monotonie eines Lebens – monoton aber ist der Roman trotz seiner klaren, kühlen, einfachen Sprache beileibe nicht. Hier liegt die Kunst in der Zurückgenommenheit.

 

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Joachim Sartorius: Niemals eine Atempause

Und die Geschichte ist auch nicht
der zerstörerische Bulldozer wie behauptet wird.
Sie hinterlässt Unterführungen, Grüfte, Löcher
und Verstecke. Manche überleben.

Aus: „Die Geschichte, II.“ von Eugenio Montale

Das Gedicht des italienischen Nobelpreisträgers für Literatur ist in voller Länge und in der deutschen Übertragung durch Michael von Killisch-Horn dieser Anthologie vorangestellt:

„Niemals eine Atempause“, Handbuch der politischen Poesie im 20. Jahrhundert, herausgegeben von Joachim Sartorius, 1. Auflage 2014, Verlag Kiepenheuer & Witsch.

60 Jahre Grundgesetz, 50 Jahre Vertrag von Rom, 25 Jahre Mauerfall – die Jubiläen der vergangenen Jahre waren stets begleitet vom Hinweis, dass Europa die langanhaltendste friedliche Periode seit Menschengedenken erlebt. Wie fragil das Ganze jedoch ist, das zeigen die Ereignisse an der Peripherie, der Bosnienkrieg, die Auseinandersetzungen in der Ukraine. Und außerhalb des europäischen Kontinents bleibt Frieden immer noch eine ferne Utopie. Es gibt in diesen Tagen auf der Welt so viele Kriege und regionale Konflikte wie lange nicht. Wer jedoch beispielsweise die Auseinandersetzungen in Afrika rein als innerkontinentales Konfliktthema verortet, sollte sich daran erinnern: Viele dieser Auseinandersetzungen, die uns hier wenig (be-)kümmern, sind (auch) späte Früchte europäischer Kolonial- und Eroberungspolitik, Früchte des Zorns, ein Erbe vor allem des 20. Jahrhunderts.

Auf der Insel der europäisch Friedlich-Seligen schadet der Blick zurück freilich niemals: Die Hoffnung, dass aus dem Vergangenen gelernt wird, stirbt zuletzt. Und da ist das 20. Jahrhundert eines, das zweifelsohne und über die beiden Katastrophen der zwei Weltkriege hinaus, Konflikt- und Verarbeitungsstoff ohne Ende bietet. Zumal die Jubelfeiern übertünchen, dass längst nicht alles schwarz-rot-gold ist, was da glänzt. Aus der Geschichte lernen – was wurde gelernt?

Friedensnobelpreisträger Gorbatschow äußerte sich dieser Tage enttäuscht, spricht von einem Zusammenbruch des Vertrauens, einem Neubeginn des Kalten Krieges. Welche Verantwortung übernimmt dabei das Land der Dichter&Denker in der Welt – das Land, das trotz Aufklärung und Sturm&Drang im 20. Jahrhundert zweimal zurück in die tiefste Barbarei steuerte?

Kunst als Tochter der Freiheit?

Und welche Rolle übernehmen die Dichter&Denker? Ist die Kunst, frei nach Schiller, eine Tochter der Freiheit? Sind Kunst und Politik verwandt, verbunden oder getrennte Wesen? Kann man dann, wo die Worte unzureichend erscheinen, Gedichte machen? Oder muss man gerade darum ringen, das Unfassbare in Worte zu fassen?

Hierzu Schiller, „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“:

„Aber sollte ich von der Freiheit, die mir von Ihnen verstattet wird, nicht vielleicht einen besseren Gebrauch machen können, als Ihre Aufmerksamkeit auf dem Schauplatz der schönen Kunst zu beschäftigen? Ist es nicht wenigstens außer der Zeit, sich nach einem Gesetzbuch für die ästhetische Welt umzusehen, da die Angelegenheiten der moralischen ein so viel näheres Interesse darbieten und der philosophische Untersuchungsgeist durch die Zeitumstände so nachdrücklich aufgefordert wird, sich mit vollkommensten aller Kunstwerke, mit dem Bau einer wahren politischen Freiheit zu beschäftigen?

Ich möchte nicht gern in einem andern Jahrhundert leben und für ein andres gearbeitet haben. Man ist ebenso gut Zeitbürger, als man Staatsbürger ist; und wenn es unschicklich, ja unerlaubt gefunden wird, sich von den Sitten und Gewohnheiten des Zirkels, in dem man lebt, auszuschließen, warum sollte es weniger Pflicht sein, in der Wahl seines Wirkens dem Bedürfnis und dem Geschmack des Jahrhunderts eine Stimme einzuräumen?“

Was also haben die Dichter zum gewalttätigen zurückliegenden Jahrhundert zu sagen?

Eine lange Vorrede zu einem besonderen Buch: In „Niemals eine Atempause“ stellte Joachim Sartorius als Herausgeber ein „Handbuch der politischen Poesie im 20. Jahrhundert“ zusammen. Dieser lyrische Atlas, in dem sich Gewalttätigkeiten, Katastrophen und Morde ebenso wie der Wille zum Aufbruch, zur Veränderung, der Wunsch nach anderen Verhältnissen niederschlagen, lässt die Stimmen von mehr als 100 Poetinnen und Poeten erklingen: Von Wort- und Schriftführern ihrer Ideologie, Mitläufern und willfährigen Hofdichtern bis hin zur „Schreckenskammer“ der dichtenden Diktatoren und Despoten einerseits, von Widerständlern, Mahnern, Moralisten und Kritikern der Macht andererseits. Erfreulicherweise ist das Buch nicht eurozentrisch, greift ebenso Konflikte auf, die das 20. Jahrhundert auch in anderen Teilen der Welt prägten: Die lateinamerikanische Befreiungsbewegung, der Kampf gegen die Apartheid, die Kriege in Asien, Vietnam und chinesische Kulturrevolution bis hin zum Nahen Osten. Großen Raum nehmen aber selbstverständlich die beiden Weltkriege, Holocaust und Todeslager, Kalter Krieg und Wiedervereinigung (siehe dazu der vorhergehende Beitrag) ein. Jedem Kapitel ist eine Einführung zu Politik und Geschichte vorangestellt, zudem werden etliche Gedichte, vor allem die derjenigen Dichter mit hermetischerer Ausdrucksweise, kurz erläutert und interpretiert.

Das Buch ist chronologisch angeordnet und beginnt mit dem Genozid an den Armeniern (1909-1918) und endet nach einem Kapitel über „Die grüne Utopie“, die das Ende des 20. Jahrhunderts prägte, mit einem Epilog durch Bob Dylan: „Masters of War“. Die „Schreckenskammer“ mit „Gedichten der Despoten“, darunter Stalin, Mussolini, Mao Tse-Tung, ist dem Ganzen abseits als Anhang beigestellt.

Geschichtsschreibung ist nie objektiv

Soviel zum Formalen. Zum Inhaltlichen: Geschichtsschreibung ist niemals objektiv. Lyrik sowieso überhaupt nie. Und jede Auswahl wird von einem Subjekt getroffen. So ist dieses Handbuch der politischen Poesie eben auch eng mit der Person des Herausgebers verknüpft, ein Abbild seiner Entscheidungen. Sartorius („Jurist, Diplomat, Theaterintendant, Lyriker und Übersetzer“ in der bei „Wikipedia“ aufgeführten Reihenfolge), scheint dafür die richtige Wahl: Einer, der sich in der Lyrik auskennt wie in seinem eigenen Zuhause, gebildet, kosmopolitisch geprägt, ein Humanist, ja, durchaus ein Poesie-Diplomat, dem man ausgewogene Entscheidung zutraut, auf dessen Auswahl man sich also auch bei diesem Handbuch stützen mag. In seinem Vorwort umreißt Sartorius kurz das Verhältnis von „Poesie und Macht“:

„Es scheint im Rückblick, gerade dieses Jahrhundert war so beschaffen, dass die Intellektuellen, die Künstler, die Schriftsteller Partei ergreifen mussten. Und die Dichter? Sie bewegen sich in einem besonderen Spannungsfeld. Per definitionem ist der Dichter ein Einsamer, auf dem Rückzug, in Betrachtung versunken. Wenn er die Probleme der Epoche nicht aufgreift, scheint sein Werk ohne Nutzen, wie disqualifiziert.“

Sartorius Anliegen war es, unter dem Meer politischer Gedichte – und letztendlich wäre ja jedes Gedicht als Ausdruck einer menschlichen Befindlichkeit per se politisch – jene beiseite zu lassen, die „dem Zeitgeist verpflichtet, ohne Dauer“ sind. Er begrenzt die Auswahl auf jene, die „politisch“ in dem Sinne sind, dass sie ein politisches (geschichtliches) Thema aufgreifen beziehungsweise eine politische Absicht verfolgen. Schwieriger schon die Entscheidung, was ein „gutes politisches“ Gedicht nun sei:

„Fast immer überschneiden sich Ethik und Ästhetik in einem politischen Gedicht.“

Sartorius weiter:

„Im 20. Jahrhundert wurde aber „angesichts des Schreckens, der sich darin abspielte, bald deutlich“, so Matthias Göritz, „dass diese Haltung so nicht mehr einzunehmen ist. Wörter sind nicht unschuldig, gerade die Dichter wissen das.“ So wurde eine Richtung immer stärker, die sich sowohl vom hermetischen Text wie vom lyrischen Subjektivismus abgrenzte und versuchte, Fakten sprechen zu lassen, also zu erzählen und zu argumentieren, ohne den dem Gedicht spezifischen Empfindungsgeist und seine Erregungskunst hinter sich zu lassen. In diesem Rahmen gibt es Gedichte mit guter Botschaft und von zweifelhafter Machart, und es gibt gute Gedichte mit zweifelhafter Botschaft. Das Urteil, ob es sich um ein Kunstwerk handelt, muss ästhetisch gefällt werden und ist letztlich ganz subjektiv. Ich habe versucht, Gedichte aufzunehmen, die sich politische Themen vornehmen, keine einfache Moral haben und imstande sind, Komplexität des Nachdenkens und der Gefühle zu erzeugen.“

Unter dieser Maßgabe ist diese subjektive Auswahl für das Handbuch – Herausgeber und Verlag weisen darauf hin, dass es die erste Gedicht-Anthologie zur politischen Poesie des 20. Jahrhunderts sei – durchaus gelungen. Doch weit mehr als das Anliegen, sich mittels eines Handbuches einen ersten Überblick zu verschaffen, zählt dieser Gedanke:

„Leiden duldet kein Vergessen“

Denn letztlich rufen diese Gedichte, die auch von persönlichem Leid, Verlusten, aber auch Versagen und Ängsten angesichts menschlicher Gewalt erzählen, vor allem in Erinnerung, wie dünn das zivilisatorische Eis bleibt, auf dem wir in scheinbar friedlichen Zeiten dahingleiten. Dass es nach barbarischen Zeiten auch weiterhin Gedichte geben muss, um der Barbarei, wenn möglich, vorzubeugen. Sartorius endet sein Vorwort damit:

„Dieses Handbuch soll zeigen: Es gibt keine Aneignung der Geschichte durch Gedichte. Aber Gedichte kommentieren die Zeitläufte, sie zeigen Entsetzen, sie klagen an oder sie rufen auf, sie können „eine Schule für Güte, Sühne, Reue und Vergebung sein“ (Zbigniew Herbert in seiner Dankesrede für den Preis der Europäischen Poesie, 1997). Vor allem zeigen sie das Vertrauen ihrer Schöpfer, dass die Worte langfristig auf das Bewusstsein wirken und am Ende Wirklichkeit stärker modellieren als Geschichtsbücher oder politische Entscheidungen.“

Nicht aufgenommen in das Handbuch hat der Herausgeber übrigens eines seiner eigenen Gedichte, dessen Titel lautet: „Im Vernichtungsbuch“. Es beginnt mit diesen Zeilen:

Daß die Bäcker ihre weißen Hände ausziehen.
Daß die Metzger vor den Tieren sterben.
Daß die Dichter einen nutzlosen Mund haben,
den sie rund machen und breit ziehen.
Das steht im Vernichtungsbuch geschrieben.


Einen ersten Blick ins Buch ermöglicht die Verlagsseite (siehe Leseprobe): Verlagsinformation
Auch Wolfgang Schiffer stellt die Anthologie auf seinem Blog „Wortspiele“ vor:
Besprechung Wolfgang Schiffer

Bild zum Download: Ausstellung Prag


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Joseph Roth: Hotel Savoy

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Bild von Peter H auf Pixabay

„Mir gefiel dieses Hotel nicht mehr: die Waschküche nicht, an der die Menschen erstickten, der grausam wohlwollende Liftknabe nicht, die drei Stockwerke Gefangener. Wie die Welt war dieses Hotel Savoy, mächtigen Glanz strahlte es nach außen, Pracht sprühte aus sieben Stockwerken, aber Armut wohnte drinnen in Gottesnähe, was oben stand, lag unten, begraben in luftigen Gräbern, und die Gräber schichteten sich auf den behaglichen Zimmern der Satten, die unten saßen, in Ruhe und Wohligkeit, unbeschwert von den leichtgezimmerten Särgen.“
Joseph Roth, „Hotel Savoy“, 1924

Das Hotel als Mikrokosmos, in dem eine ganze Welt sich einfindet: Dies ist als Motiv in der Literatur nicht unbekannt. In diesem schmalen Frühwerk von Joseph Roth wird das Hotel jedoch sogar zum Sinnbild einer ganzen Epoche – als Schauplatz des Auseinanderklaffens der Klassen, als Ort der Verlorenheit der Kriegsheimkehrer, als Ausgangspunkt einer Revolution.

Das Hotel Savoy, gleichsam das Europa der Zwischenkriegszeit. Ein Ort, der alles ermöglicht:

„Mit einem Hemd konnte man im Hotel Savoy anlangen und es verlassen als Gebieter von zwanzig Koffern.“ Oder als toter Mann: „Viele Heimkehrer hat der Tod im Hotel Savoy erreicht. Er hatte ihnen sechs Jahre lang nachgestellt, im Krieg und in der Gefangenschaft – wem der Tod nachstellt, den trifft er auch.“

Die Handlung dieses Romans ist schnell erzählt. Roth hat das Geschehen im polnischen Lodz angesiedelt, man schreibt das Jahr 1919. Der Kriegsheimkehrer Dan sehnt sich nach einem Ort der Ruhe:

„Zum ersten Mal nach fünf Jahren stehe ich wieder an den Toren Europas. Europäischer als alle anderen Gasthöfe des Ostens erscheint mir das Hotel Savoy mit seinen sieben Etagen, seinem goldenen Wappen und einem livrierten Portier. Es verspricht Wasser, Seife, englisches Klosett, Lift, Stubenmädchen in weißen Hauben, freundlich blinkende Nachtgeschirre wie köstliche Überraschungen in braungetäfelten Kästchen; elektrische Lampen, aus rosa und grünen Schirmen erblühend wie aus Kelchen; schrillende Klingeln, die einem Daumendruck gehorchen; und Betten, daunengepolsterte, schwellend und freudig bereit, den Körper aufzunehmen.“

Solcher Luxus bleibt dem ehemaligen Soldaten, der einst davon träumte, Schriftsteller zu werden, jedoch versagt. Er kommt dort im Savoy unter – jedoch dort, wo die Armen hausen, dahinvegetieren, sterben: In den oberen Stockwerken. Oben sie – unten die: Die Reichen, die Industriellen, die Kapitalisten, die in der Bar Schampus süffeln und nackte Mädchen tanzen lassen.

„Das Hotel Savoy“, sagt Zwonimir zu den Heimkehrern, „Ist ein reicher Palast und ein Gefängnis. Unten wohnen in schönen, weiten Zimmern die Reichen, die Freunde Neuners, des Fabrikanten, und oben die armen Hunde, die ihre Zimmer nicht bezahlen können und Ignatz die Koffer verpfänden. Den Besitzer des Hotels, er ist ein Grieche, kennt niemand, auch wir beide nicht, und wir sind doch gescheite Kerle. Wir haben alle schon lange Jahre nicht in so schönen, weichen Betten gelegen wie die Herrschaften im Parterre des Hotel Savoy. Wir haben alle schon lange nicht so schöne, nackte Mädchen gesehn wie die Herren unten in der Bar des Hotels Savoy.“

Die Hoffnungen der Arbeiter, der Kriegsversehrten, der verarmten jüdischen Bevölkerung richten sich vor allem auf die Ankunft eines der ihren, der in den USA sein Glück machte: Henry Bloomfield. Dan, aus dessen Perspektive das Geschehen erzählt wird, wird dessen Sekretär – ein Mittler zwischen den Welten, der ebenso voller Mitgefühl von dem Los der Entwurzelten und Verarmten zu erzählen vermag wie von der Befindlichkeit eines Bloomfields, der in der Heimatstadt zu einer Art „Heilsbringer“ erkoren wird. Eine Rolle, vor der dieser letztlich flüchtet. Nach dessen Abreise entlädt sich der Zorn, die Gewalt: Im „Hotel Savoy“ bricht eine Revolution aus, das Gebäude liegt am Ende in Trümmern. Und Dan reist ab – ohne Perspektive, ohne konkretes Ziel.

Der Roman erschien zunächst 1924 in der Frankfurter Zeitung als Fortsetzung und löste ein großes Echo aus: So präzise, so ironisch hatte Roth in diesem Buch den Untergang einer Epoche beschrieben, so sehr traf er mit diesem Werk, das auch als Fabel gelten könnte, den Geist seiner Zeit. Es ist die Zeit der Entwurzelung, der Verunsicherung, der Heimatlosigkeit. Die Wunden des ersten Krieges bluten noch und werden zur nächsten Katastrophe führen.

Hellsichtig schreibt Roth:
„Es sah aus, als wollte ein neuer Krieg ausbrechen. So wiederholt sich alles: Der Rauch steigt wieder aus den Schornsteinen der Baracken, Kartoffelschalen liegen vor den Türen, Fruchtkerne und faule Kirschen – und Wäsche flattert auf ausgespannten Schnüren. Es wurde unheimlich in der Stadt.“

Insbesondere die Schicksale und Empfindungen der Kriegsheimkehrer schildert Roth eindringlich und eindrucksvoll – er selbst war zunächst zwar als kriegsuntauglich eingestuft worden und vertrat zudem eine pazifistische Haltung, meldete sich jedoch zum Militärdienst 1916 auch aus Gewissensbissen heraus – zu viele andere Weggenossen aus dem Literaturstudium in Wien hatten sich schon zuvor zur Front gemeldet.

„Es ist wieder die Zeit der Heimkehrer. (…) Der Staub zerwanderter Jahre liegt auf ihren Stiefeln, auf ihren Gesichtern. Ihre Kleider sind zerfetzt, ihre Stöcke plump und abgegriffen. Sie kommen immer denselben Weg, sie fahren nicht mit der Eisenbahn, sie wandern. Jahrelang mögen sie so gewandert sein, ehe sie hier ankamen. Sie wissen von fremden Ländern und fremden Leben und haben, wie ich, viele Leben abgestreift.“

Mit starken Bildern, präziser Sprache, melancholisch, aber unsentimental entwirft Roth auf den wenigen Seiten dieses Romans ein ganzes Bild seiner Epoche, ein Weltbild. Dies macht das Werk unbedingt empfehlenswert.

„Die Heimkehrer sind meine Brüder, sie sind hungrig. Nie sind sie meine Brüder gewesen. Im Felde nicht, wenn wir, von einem unverstandenen Willen getrieben, fremde Männer totmachten, und in der Etappe nicht, wenn wir alle, nach dem Befehl eines bösen Menschen, gleichmäßig Beine und Arme streckten.“

Die Kriegserfahrungen wurden für den 1894 in Ostgalizien geborenen Joseph Roth zu einem einschneidenden Erlebnis. Dies und der Untergang der alten Zeit, der Zerfall Österreich-Ungarns wurden Themen, die der Schriftsteller und Journalist immer wieder aufgriff. Roth erlangte schließlich mit den Romanen Hiob und Radetzkymarsch hohe Bekanntheit. 1933 musste der jüdische Schriftsteller nach Frankreich emigrieren, er starb, verarmt und an den Folgen seiner jahrelangen Alkoholerkrankung leidend, in Paris am 27. Mai 1939.