„Die Chamäleondamen“ von Yvonne Hergane: Wie die Mutter, so die Tochter

Bild: Frauen in Rumänien von Eugen Visan auf Pixabay

Sie wussten stets, was sie wollten, mussten nehmen, was sie bekamen und gingen dafür ihren Sonderweg, auch wenn er aus dem rumänischen Banat nach Deutschland führte. Gastautor Ortwin-Rainer Bonfert kennt den zeitgeschichtlichen Hintergrund und hat einen „Beipackzettel“ für das Buch verfasst, der zum Lesen in Zeiten der Pandemie passt.

Man stelle sich vor: Man studiert Germanistik, man studiert Anglistik, man studiert Buchwissenschaft, dann schreibt man Kinderbücher, dann schreibt man Jugendliteratur, übersetzt englische Literatur – und dann schreibt man endlich einen Roman. Yvonne Hergane tat es. Sie schrieb diesen Debütroman mit leichter Feder, mit authentisch wirkenden Charakteren. Ihre Chamäleondamen wussten stets, was sie wollten, mussten aber nehmen, was sie bekamen. Sie ergaben sich trotzdem keineswegs ihrem Schicksal, sondern gingen ihren Sonderweg, machen dabei ihre Fehler, an denen sie wiederum nicht verzagen. Denn für sie ist klar: Lebe mit i geschrieben ist mehr Leben.

Yvonne Hergane verlegt den Romanbeginn ins Frühjahr 1919 des Banats in Rumänien und schafft es vom ersten Satz an, so subtil die Umstände zu schildern, in der die Braut in der Hochzeitsnacht zu ihrem Liebhaber durchbrennt, dass sogar der gehörnte Bräutigam darüber schmunzeln müsste.

„Die Chamäleondamen“ – Der Titel ist Programm! Es geht um Powerladies mit Herz, die durchhalten, sich anpassen, sich nie verbiegen: „Einen Morgen später (Anm.: nach der schmerzvollen Geburt) steht Marita wie immer im Geschäft ihre Frau, (…) eine Dame, als Verkäuferin getarnt.“ Es ist der Roman vierer Frauen aus vier Generationen und dennoch ist es genau so wenig ein klassischer Familienroman wie es eben auch kein klassischer Frauenroman ist: Die Erlebnisse der Chamäleondamen vor zeitgeschichtlichem Hintergrund betreffen und berühren eigentlich uns alle.

Der Vier-Generationen-Roman konzentriert sich im Wesentlichen auf die letzten beiden Frauen in dieser Familie. Die ersten beiden definieren den ausschlaggebenden und damit wichtigen Ausgangspunkt. Oder, mit den Worten von Yvonne Hergane formuliert: „Was Elli von ihrer Mutter als eines der wenigen Dinge bei der Geburt mitbekommt, gibt sie später, um das Gewicht der Vorangegangenen angereichert, an ihr Kind und Kindeskind weiter.“

Das Buch ist in knappe, wenige Seiten lange Kapitel gegliedert, zwischen denen in der Chronologie der Handlung mehrere Jahre oder auch Zeitsprünge liegen. Es sind Episoden aus dem Leben der Protagonistinnen, Spotlights, die signifikante Ereignisse vor dem jeweiligen historischen Hintergrund beinhalten. Beispielsweise wird eine Familientragödie während der Nazi-Zeit geschildert. Aber auch eigenständige, aus dem Familienleben geschnittene Vorkommnisse werden eindrucksvoll erzählt. Bei der Beschreibung des Ausrutschers eines Mädchens bei der Wochenendhütte, der nahezu zum Ertrinken im Bergbach geführt hätte, kommt die hervorragende narrative Kompetenz der Autorin ganz besonders zum Tragen. Gekonnt erfolgt dabei die sensible Gradwanderung zwischen Schilderung der Wahrnehmung des Kindes und dem eigentlichen Vorgang, der sich dem Leser nur allmählich erschließt (S.36/37): „…und Hanne ahnt auch, wo die Luft geblieben ist. Nein, die Zeit steht nicht still, sie saugt sich nur voll, die Sekunden blähen sich auf mit Hannes Luft, immer fetter und runder schmatzen sie sich daran.“

Mit wohl dosierten Regionalismen der Banater Schwaben wirken die Charaktere noch authentischer und sorgen bei Kennern für Amüsement. Leser können sich rasch in die Protagonistinnen hineinversetzen, mitfühlen, umgarnt eine Welt erleben, wie sie der Autorin vorschwebte, als sie den Roman schrieb. Es ist der Alltag der Chamäleondamen, die sich familiärer Verantwortung sowie der Liebe – mit allen Höhen und Tiefen – äußerlich anpassen, sich innerlich stets treu bleibend. In knappen Episoden werden geschildert: Familienfreuden wie auch Familienzwist,  Menschliches, allzu Menschliches, aber auch Abenteuerliches im Umfeld des kommunistischen Rumänien wie auch die Zerrissenheit zwischen dort bleiben, nach Deutschland auswandern und dort wiederum ankommen. Sicherlich spielt dabei die Biographie der kenntnisreichen Autorin eine wichtige Rolle, doch der Roman eignet sich als Lektüre für jeden, auch ohne Wissen um die deutsche Minderheit in Rumänien, den Banater Schwaben.

„… Latte-machiato-Mütter, die ihren mumiendick eingeplünnten Sprösslinge im Kinderwagen angeschnallt brüllen lassen, während sie sich im Kreis unterhalten, den Rücken zu den Kindern, über Windeln und Schuhe und Windeln und Männern und Windeln und dass man dem Kind nie genug Aufmerksamkeit schenken kann.“

Die Schilderungen amüsieren, sind aber keineswegs trivial. Die Autorin versteht es, dem durchaus ernsten Plott immer wieder eine ironische Note zu verleihen. Sie versetzt damit den Leser in einen Flow, der sich vom ersten Satz an mitgenommen und von der Lektüre sanft umhüllt getragen fühlt. Das Buch, im handlichen C4-Format, kartoniert gebunden, mutet mit seinem Cover edel an. Lob an Eva Wünsch, die in Anlehnung an Dadaismusformate eine ansprechende Cover-Collage kreiert hat.

In Zeiten der Pandemie kommt Literatur eine erweiterte Bedeutung zu. Wem ist dieses Buch nahezulegen? Der „Beipackzettel“ des Rezensenten zu diesem Buch:

Leser, die Tag täglich über ihr Schicksal seufzen, ist dieses Buch dringend empfohlen. Damen sollten es nicht zu hastig lesen – wegen möglichem Schluckauf beim Grinsen. Und Herren sollen sich nicht so anstellen – das Buch tut ihnen bestimmt auch gut. Die knappen Kapitel eignen sich sogar für die Lektüre zwischendurch, beispielsweise in der U-Bahn.

Leser, denen Corona-Einschränkungen auf den Magen schlagen, mögen sich in eine Decke gehüllt auf den Balkon setzen, bedächtig Glühwein, Gin oder Whiskey schlürfen, und das Buch genießen. Kamillentee hilft nun mal nicht immer und überall.

Indiependent-Verlagen wie MARO sind solche Bücher und Autor*innen dringend zu wünschen, um besser über die Runden zu kommen und um ihr Geschick für Newcomer zu beweisen.

Online-Versandhändler mit Wild-West-Manier mögen dieses Buch getrost ignorieren, schlägt ihr Herz doch eher für das Förderband der Bücher, als für die Bücher selbst.

Buchhändler sind gut beraten, für solche Debütromane aus Indie-Verlagen mehr Platz in ihren Auslagen und Büchertischen einzuräumen.

„Die Chamäleondamen“ – gut zu jeder Tageszeit.

Ein Beitrag von Ortwin-Rainer Bonfert

Informationen zum Buch:

Yvonne Hergane
Die Chamäleondamen
MaroVerlag, Augsburg, 2020
240 Seiten 20,00 €
ISBN 978-3-87512-493-4

Deniz Ohde: Streulicht

Bild: Bild von Ralf Vetterle auf Pixabay

„Niemand hatte sich je die Zeit genommen, den Scheffel ausfindig zu machen, unter dem mein Licht stand; der Scheffel war der Satz selbst, der Scheffel waren die Wände, gegen die nachts die Aschenbecher flogen, der Scheffel war »Sei still« und »Sprich lauter«, zwei Forderungen, die ich gleichzeitig erfüllen sollte. Paradox oder nicht, schlussendlich war es meine eigene Schuld, dass ich Ihnen nicht Folge leisten konnte.“

Deniz Ohde, „Streulicht“

Es ist kein Roman der lauten Töne, dieses einprägsame Debütwerk von Deniz Ohde, es ist tatsächlich ein „leise schreiendes“ Buch, wie es Stefan vom Blog „Poesierausch“ bezeichnete. Und ein Debüt, das einen so sehr einnimmt beim Lesen, dass es zu Recht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises gelandet ist. Und das einen in der Konsequenz gerade dazu zwingt, genauer hinzuschauen, sensibler zu werden für das, was Ausgrenzung und Alltagsrassismus tatsächlich bedeuten.

Die Ich-Erzählerin in diesem Entwicklungs- und Bildungsroman trägt von Beginn an ein Stigma: Der Vater Alkoholiker, die Mutter der Armut und der Enge der Türkei entflohen, das Elternhaus ein Messiehaushalt, vom Vater und dem langsam dahinsiechendem Großvater vollgemüllt. Obwohl das Mädchen, das im Streulicht einer Industrieanlage im Ruhrgebiet aufwächst, Freunde aus der Mittelschicht hat, obwohl sie sich unbewusst anzupassen versucht, leise bleibt, zurückgenommen, instinktiv nicht auffallen will, trägt sie das Stigma an sich: Das Aussehen, die ärmliche Kleidung, die mit den Modetrends nicht mithalten kann und nach Zigarettenrauch stinkt, allein schon der Vorname, der genügt, um zu zeigen, dass sie anders ist. Als im Schulhof das erste Mal das „K“-Wort fällt, wird von allen Seiten beschwichtigt: Die Lehrerin bezeichnet die Rangelei unter Schülern, die Aggression als „Unfall“, die Mutter meint, das sei ein Schimpfwort, mit dem die Tochter nicht gemeint sein könnte: „Du bist Deutsche“.

Ganz behutsam, in immer dichteren Kreisen, steuert Deniz Ohde auf den Kern ihrer Erzählung zu: Was es bedeutet, qua Herkunft festgelegt, etikettiert zu sein, immer wieder auf unsichtbare Grenzen zu stoßen. So begreift die Ich-Erzählerin nicht, was ihr und anderen die Lehrer bei der Aufnahme auf das Gymnasium sagen wollen, als sie ihren Schülerinnen und Schülern immer wieder predigen, sie gehörten nun zur „zukünftigen Elite“.

„Es handelte sich dabei um eine implizite Aufforderung, so viel ahnte ich damals schon, aber welches Verhalten genau von mir verlangt wurde, was genau damit zusammenhing, dass ich zur Elite gehören sollte, verstand ich nicht, und es war auch keine Frage, die ich mir bewusst stellte, sondern vielmehr eine allgemeine Ratlosigkeit, die sich daraus ergab.“

Verstärkt wird diese Ratlosigkeit durch unachtsame Äußerungen der besten Freundin, für die Reitunterricht und Ballett Selbstverständlichkeiten sind, von kleinen Bemerkungen, die auf ihr Äußeres abzielen, von der Scham und den Zuständen zuhause, die verhindern, dass jemand von außen in dieses Haus kommen kann.

„Es hatte etwas mit meinem geheimen Namen zu tun und damit, dass ich wenig Gemüse aß, dass mein Vater mir alle paar Wochen etwas Obst schnitt und der Meinung war, so bliebe ich gesund, dass ich zum Mittagessen Tiefkühlpizza bekam und niemand in unserer Wohnung an irgendeinem Tisch aß, weil diese voller Zeitungen und leerer Döschen waren.“

Und doch, trotz all der Hindernisse, die zwischenzeitlich zum Schulversagen und Arbeitslosigkeit führen, bringt die Protagonistin einen ungeheuren Bildungswillen und charakterliche Stärke mit. Auf dem zweiten Bildungsweg holt sie den Schulabschluss nach, kommt an die Universität, lässt das Streulicht hinter sich – um natürlich auch an dem neuen Ort an die alten Muster und Grenzen zu stoßen. Das Kind, das früh weiß, dass es „mindestens dreihundert Kilometer Distanz zwischen mir und dem Ort schaffen würde“, wird zur Erwachsenen, die befürchtet, dass ihr nichts anderes übrigbleibt, „als mich an den Ort zu gewöhnen.“ Und doch liegt, als sie ihren Vater besucht, auch etwas Tröstliches in dem Satz, den er ihr beim Weggehen mitgibt: »Wenn`s nichts wird, kommst wieder heim.«

Der bereits mit dem Literaturpreis 2020 der Jürgen-Ponto-Stiftung ausgezeichnete Roman ist ein Buch der leisen Töne, der langsamen Entwicklung, der dennoch mit beeindruckender Klarheit von einer Gesellschaft erzählt, die auf der Illusion basiert, es bestünden Chancengleichheit und Bildungsmöglichkeiten für alle. Ruhig, fast schon bedächtig, und mit ganz feinen, beinahe schon poetischen Alltags- und Umgebungsbeschreibungen, die auch die Industriebrache in ein weicheres, ein Streulicht tauchen, widerlegt Deniz Ohde mit diesem beeindruckenden Roman diese Grundannahme. „Streulicht“ beeindruckt mit der Klarheit, mit der einem vor Augen geführt wird, wie unterschwellig Klassifizierung geschieht und wirkt.

Birgit Böllinger

Informationen zum Buch:

Deniz Ohde
Streulicht
Suhrkamp Verlag, 2020
Hardcover mit Schutzumschlag, 284 Seiten, 22,00 Euro
ISBN 978-3-518-42963-1

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Andrin, ein literarischer Kurzurlaub

Eine unbedingte Leseempfehlung spricht Renie von Renie`s Lesetagebuch für „Andrin“ aus:

„Mein Fazit zu diesem Roman:Die Geschichte ist originell, weckt Sehnsüchte und ließ mich vom Alltagsstress in Tagträume hinabgleiten. Ich wurde also in einen literarischen Kurzurlaub geschickt und habe mich dabei prächtig erholt. Nur schade, dass auch der schönste Urlaub irgendwann vorbei ist.“

Die Rezension in voller Länge gibt es hier: https://renies-lesetagebuch.blogspot.com/2020/09/martina-altschafer-andrin.html

Und wer dann Appetit bekommen hat: Der Roman von Martina Altschäfer erschien im Mirabilis Verlag.

 

Dagmar Eger-Offel über „Andrin“

„Das ist das Schöne an diesem Buch: eine einfache, gar nicht komplizierte Paralellwelt fächert sich auf in einer Facettenhaftigkeit, die ihren Glanz aus der dieser Welt zugeneigten Sprache der Erzählerin bezieht.
Vielleicht, weil die Schriftstellerin auch bildende Künstlerin ist, haftet diesem Debütroman eine Liebe in der Gestaltung an, die beim Lesen spürbar ist.“

So eine Besprechung ist wie ein Fest! Der Beitrag von Dagmar Eger-Offel erschien auf dem Blog „Literatur im Fenster“.
„Andrin“ ist der Debütroman von Martina Altschäfer aus dem Mirabilis Verlag.

Malu Halasa: Mutter aller Schweine

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Bild von falco auf Pixabay

„Meine Geschwister in Amerika glauben, dass ihre Heimat noch genau so ist wie früher, aber das Gegenteil ist der Fall. Kriege und Revolutionen haben alles verändert. Das gebrochene Versprechen des Arabischen Frühlings ist nur eine weitere schwere Narbe für eine Region mit einer langen Vorgeschichte der Selbstverletzung. Leute wie ich sehnen sich nach was anderem, aber bis das passiert, haben ganz klar die Männer das Sagen.“

Malu Halasa, „Mutter aller Schweine“.

Samira, die dieses bittere Fazit zieht, ist eine der Frauen in diesem Roman, die vergeblich auf neue Zeiten im Nahen Osten hofften. Doch sie ist auch eine, die ihr Schicksal in die Hände nimmt: Die junge Jordanierin knüpft Kontakte zu einer Gruppe syrischer Flüchtlingsfrauen, politisiert sich, rebelliert gegen die Umstände und verschwindet am Schluss dieses Buches in einer chaotischen Nacht, in der sich alles zuspitzt, um auf ihre Weise für eine bessere Welt zu kämpfen.

Es sind die Frauenfiguren, die dieses Buch prägen: Laila, die selbstständig wirkende Lehrerin, die von ihrer Ehe enttäuscht ist, Samira, die den Makel „der Ledigen“ vor sich her trägt, ihre Schwiegermutter und Mutter Fadhma, die weiß, wie es ist, nur geduldet zu sein. Die drei sind sich jedoch ähnlicher, als sie es sich selbst eingestehen wollen: Es verbindet sich der Zorn auf die Verhältnisse, der Wunsch, aus den Konventionen und Zwängen ihrer engen Welt auszubrechen.

Die US-amerikanische Schriftstellerin Malu Halasa, die sich vor allem mit Sachbüchern zu Kultur und Politik des Nahen Ostens einen Namen gemacht hatte, arbeitet in ihrem Romandebüt auch einen Teil ihrer Familiengeschichte auf. Sie kommt als die amerikanische Verwandte – Malus Vater ist der Sohn Fadhmas, ihre Mutter, eine Philippin, die „einzige Ausländerin“ in dem auch in den USA weitverzweigten Familienclan – zu Besuch, mitten hinein in chaotische Zustände.

Denn ihr Onkel Hussein, der einzige Sohn Fadhmas, der in Jordanien blieb, hat sich von seinem gerissenen Onkel Abu Satar, einem gierigen Schwarzmarkthändler, in ein problematisches Geschäft treiben lassen: Der Christ Hussein züchtet Schweine mitten in der Levante – die Muttersau „Umm al-Chanasir“ und ihre Produkte, vor allem die Fleisch- und Wurstwaren, die Hussein vertreibt, sind den rechtgläubigen Muslims ein ziemlich großer Dorn im Auge.

Die Mutter aller Schweine, die sich am liebsten zur Musik von „Der Fiedler auf dem Dach“ bewegt, ist für den Schlachter zunächst jedoch „die Zukunft“. Und so kommt es, dass eine deutsche Maschine namens „Wurstmeister“ in der Levante landet und sich dort unter anderem auch Blutwurst, wenn ihre Pelle türkis eingefärbt ist gegen den bösen Blick, zunächst wie geschnitten Brot verkauft.

Doch das Schweineglück währt nicht lange: Zu angespannt sind die Verhältnisse auch in Jordanien, das in jener Zeit sowohl von syrischen Flüchtlingen als auch von ultrakonservativen muslimischen Strömungen überrollt wird.

Als das Schwein seine eigenen Kinder frisst, ist klar, dass Hussein, der „König der Schweinekoteletts“ abgedankt hat. In einem furiosen Finale stehen sich die verschiedensten politischen und religiösen Gruppen gegenüber, Frauen und Männer, Christen und Muslims – und es wird klar: unter den Konflikten der Region leiden alle gleichermaßen, selbst die Ferkel, die ihren Ställen entkommen, die nahegelegene Stadt überfluten wie eine biblische Plage.

Malu Halasa erzählt diese Geschichte einer christlich-jordanischen Familie kenntnisreich, gibt Einblicke in die verwirrenden politischen Zustände und in die alles überlebende einzigartige Kultur der Region. Das ist gewürzt mit einer reichlichen Prise schwarzen Humors und etlichen burlesken Einfällen. Dennoch wirkt der Debütroman, der von Sabine Wolf aus dem Englischen übersetzt wurde, nicht ganz rund – etliche Sprünge in der Erzählung, der stete Wechsel der Erzählperspektive und die fehlende Fokussierung auf ein, zwei Hauptfiguren hindern den Lesefluss. Es wird vieles angerissen, was die Psychologie einzelner Protagonisten anbelangt, aber nicht vertieft – dagegen wären die Einschübe aus „Schweineperspektive“ durchaus verzichtbar gewesen.

Aber dennoch ist „Mutter aller Schweine“ eine furiose Darstellung der verwickelten Verhältnisse am Beispiel einer Familie und eine Verbeugung vor den starken Frauen in jenem Teil der Welt.

Ein Videoclip zum Buch findet sich hier.

Informationen zum Buch:

Malu Halasa
Mutter aller Schweine
Übersetzt von Sabine Wolf
Elster & Salis Verlag
Gebunden, Fadenheftung, Schutzumschlag, Lesebändchen
348 Seiten, CHF 25.40
ISBN 978-3-906903-14-9

https://www.elstersalis.com/


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Bücherhamstern (8): Robertos endlose Reise

Michael Schönauer vom Verlag Killroy media nimmt heute mit auf einen ganz besonderen Trip.

9783931140441Das Buch:

„Ich möchte Euch gerne unseren Debütroman „Robertos endlose Reise“ von Torsten van de Sand mit auf den Weg geben. Wie in einem Renaissance-Roadmovie begleiten wir den jungen Sänger Roberto di Lane durch eine unruhige Zeit des Wandels . Kurz: Was wäre geschehen, wenn Bob Dylan nicht im 20./21. Jahrhundert gelebt hätte, sondern im Italien der Renaissance? – Das wissen wir natürlich auch nicht, aber …

Der Verlag:

Der KILLROY media Verlag wurde 1995 gegründet. Der Schwerpunkt liegt auf der Belletristik und zeitgenössischer Literatur, sowie der Reihe ›Killroy 10 + 1 stories‹.
Wir begleiten junge Autoren ein Stück weit auf ihrem Weg ins weite literarische Feld – und würden dies auch gerne weiterhin tun. »KILLROY – gute Bücher – starke Texte – junge Autoren und ihre Debüts!«

Die Buchhandlung:

Man kann „Robertos endlose Reise“ derzeit z.B bei der Buchhandlung Mörike und natürlich in jeder anderen auch bestellen.

https://moerike-buch.buchkatalog.de/

Informationen zum Buch:

Torsten van de Sand
Robertos endlose Reise
KILLROY media Verlag
Hardcover, 582 Seiten
Preis: 28,00 €
ISBN: 9783931140441

Zum Buch: https://robertosendlosereise.wordpress.com/
Zum Verlag: http://www.killroy-media.de/


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Nora Gantenbrink: Dad

„Von allen Momenten mit meinem Vater war dieser der schlimmste. Denn als er dort so lag, wurde mir klar, dass es vorbei war. Es gab für uns keine Hoffnung mehr auf eine gemeinsame Zeit. Die meisten Jahre meines Lebens war mein Vater nicht da gewesen, und jetzt würde er für immer fortbleiben. Ich nahm das Buch aus seinen Händen und ging raus. Er hätte nicht gewollt, dass ich ihn so sehe.“

Nora Gantenbrink, „Dad“.

Sich die eigene Biographie mit all ihren Brüchen und schwierigen Episoden anzueignen, dies scheint ein Trend bei Debütromanen zu sein. Vielleicht braucht es für den ersten Roman diesen „therapeutischen“ Druck, der einen zum Schreiben bringt, vielleicht liegt das Biographische auch einfach nahe, weil, je jünger die Autorin, der Autor sind, desto geringer auch die Welt- und Lebenserfahrung ist. Sei es, wie es will: Im besten Falle kommt ein großer literarischer Wurf zustande und in vielen anderen Fällen gut lesbare Bücher, so „Süßwasser“ von Akwaeke Emezi, „Alles, was passiert ist“ von Yrsa Daley-Ward, jüngst „Marianengraben“ von Jasmin Schreiber oder nun auch der im Februar erschienene Roman „Dad“ von Nora Gantenbrink.

Die Stern-Reporterin, die bereits den Erzählband „Verficktes Herz“ veröffentlichte, nähert sich in ihrem Roman einer Sehnsucht an, die wohl bei fast allen betroffenen Menschen nie zu stillen ist und je nach Konstitution das Leben stärker oder schwächer prägt: Die Sehnsucht nach einem Elternteil, das nie vorhanden oder kaum greifbar war.

Das Buch führt seine Leser direkt von der Reeperbahn in die deutsche Provinz und dann um die halbe Welt. Die Journalistin Marlene lebt auf dem Kiez, schlägt sich mit freien Aufträgen für Musikmagazine durch und ist, abgesehen von zwei engen Jugendfreunden, mehr oder weniger bindungsscheu: Das ganze Leben auf Provisorium eingestellt:

„Das Einzige, was ich weiß, ist, dass ich nicht so enden möchte wie mein Vater.“

Dabei hat sie mit ihm etwas ganz Wesentliches gemeinsam, wie die Mutter feststellt:

„Den Hang zum Rausch und die Sehnsucht nach Sonne.“

Selten ist der Vater, der lieber Dad genannt werden möchte, für seine Tochter da: Sein Hang zum Rausch führt ihn zu den Hotspots der Hippiekultur in den 1970er-Jahren, nach Marrakesch, Goa und Thailand. Immer auf der Suche, immer auf der Flucht. Die intensivste Zeit gemeinsam haben die beiden, als er todkrank, mit HIV infiziert, im Krankenhaus liegt – aber da ist es bereits zu spät, die offenen Fragen zu klären. Marlene begibt sich auf Spurensuche: zu den ehemaligen Kumpels, zu den Orten, an denen ihr Vater auf seinem immerwährenden Trip war. Eine desillusionierende Reise voller lakonisch-komischer Momente.

„Am Ende ist die Geschichte meines Vaters keine Heldengeschichte geworden, weil mein Vater eben kein Held ist. Aber die meisten Menschen sind keine Helden. Auf manche meiner Fragen habe ich Antworten gefunden, auf andere nicht. Manche Fragen sind damit selbst zu einer Antwort geworden. Ich glaube, dass mein Vater mich geliebt hat. Aber das Leben noch mehr.“

„Dad“ ist eine Mischung aus Fiktion und Biographie, ein Coming-of-Age-Roman aus der Retrospektive erzählt, ist Roadmovie und Provinzroman zugleich. Dass Marlene das Alter ego der Autorin ist, die auch in ihrem Leben ihrem Vater nachspüren musste, darüber erzählte Nora Gantenbrink bereits in mehreren Interviews.

Gantenbrink psychologiert nicht zu tief, sondern erzählt lieber flüssig. Das hat seine lakonischen Momente, die großartig sind, das ist cool und zart und lebensklug zugleich. Nur leider überspannt sie in meinem Augen die Geschichte vom treuen Freund aus Kindertagen am Ende deutlich – natürlich ist Oleg, eine Mischung aus Seelenkumpel und Vaterersatz, seit Jahren heimlich in seine Marlene verliebt, schreibt ihr täglich Briefe, die er nie absendet, aber nach seinem frühen Unfalltod in ihre Hände gelangen.

Das ist ein wenig „mucho, mucho“, um Udo Lindenberg zu imitieren, der auf dem Cover zitiert wird. Das Zitat auf dem Cover löste bei mir übrigens ein breites Grinsen aus – wem fällt noch was auf?

„I love Gantenbeins Schreibe mucho, mucho.“ Udo Lindenberg

Informationen zum Buch:

Nora Gantenbrink
Dad
Rowohlt Verlag, 2020
Hardcover, 240 Seiten, 20,00 Euro
ISBN: 978-3-498-02535-9


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Akwaeke Emezi: Süßwasser

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Schon während ihrer KIndheit in Nigeria ist Ada nie allein: Die „Brüderschwestern“ sind immer in ihr. Bild von Etinosa Yvonne auf Pixabay

„Vorhin, als wir sagten, sie sei wahnsinnig geworden, haben wir gelogen. Sie war immer bei Verstand. Es ist nur so, dass sie mit uns kontaminiert war, mit einem göttlichen Parasiten, der viele Köpfe hatte, der brüllte im Marmorzimmer ihres Kopfes. Jeder kennt die Geschichten von hungrigen Göttern, von ignorierten Göttern, von verbitterten, betrogenen und rachsüchtigen Göttern. Darin besteht die oberste Pflicht: Füttere deine Götter. Wenn sie (wie wir) in deinem Körper leben, finde einen Weg, werde kreativ, zeig ihnen das Rot deines Glaubens, deines Fleisches; beruhige die Stimmen mit dem Wiegenlied eines Altars. Es ist nicht so, als könntest du vor uns fliehen – wo solltest du schon hinrennen?“

Akwaeke Emezi, „Süsswasser“, 2018, Eichborn Verlag, Übersetzung aus dem Amerikanischen von Anabelle Assaf und Senthuran Varatharajah

Jeder von uns trägt Dämonen in sich. Meist schrecken wir vor ihnen zurück, verscheuchen sie. Wer will schon gerne mit seinen dunklen Seiten konfrontiert werden?

Manchmal nehmen diese Stimmen, die uns etwas einflüstern, die uns belagern, jedoch auch überhand, ergreifen das Regiment. Und einige wenige Male tragen sie vielleicht dazu bei, dass wir gewisse Dinge unbeschadet überstehen. So haben Menschen mit einer Persönlichkeitsstörung häufig traumatische Kindheitserfahrungen gemacht, die eine junge Seele zerbrechen könnten: Die Krankheit, die uns scheinbar Gesunden wie eine Belastung erscheint, kann unter Umständen auch der Schutz sein vor einer Realität, die anders nicht zu ertragen wäre.

Ada jedenfalls, die Protagonistin in diesem kraftvollen Debütroman, ist mit ihren inneren Stimmen immer im Dialog, ringt mit ihnen, braucht sie aber auch, um Phasen der Haltlosigkeit und Entwurzelung zu überstehen. Wenn die Welt außerhalb zu ungeheuerlich wird, dann stehen ihr ihre „Brüderschwestern“, die „Ungeheuer“ in ihrem Innern, bei. Ebenso aber treiben sie sie auch dazu, über ihre Grenzen zu gehen, Menschen von sich zu stoßen, sich selbst und andere zu verletzen.

Ada zeigt die klassischen Symptome einer jungen Frau mit Borderline-Störung: Sie ritzt sich, hat Phasen, in denen sie sich zum Skelett herunterhungert, trinkt, nimmt Drogen, stürzt sich wahllos in sexuelle Abenteuer. Das Buch entwickelt sich langsam, beginnt mit der Kindheit Adas in Nigeria: Schon hier sind die inneren Stimmen da, lauern förmlich auf das traumatische Ereignis, das ihnen Raum gibt. Die Autorin und Videokünstlerin Akwaeke Emezi, selbst wie ihre Hauptfigur von nigerianisch-tamilischen Wurzeln (der Roman trägt wohl auch autobiographische Züge) erzählt dies aus verschiedenen Perspektiven. Mal übernimmt Ashughara, der laute, energische Dämon die Regie in Adas Innerem, mal der ruhigere Saint Vincent.

Zum Ausbruch kommen die Geister, als Ada, getrennt von ihrer Familie, in einem amerikanischen College von einem Freund über Wochen hinweg vergewaltigt wird – das Ereignis, das alles auslöst, das sie ins Schleudern bringt. Wie sie allmählich und Jahre später zu einem annäherndem Gleichgewicht und einer Selbstwahrnehmung, die nicht von Dämonen bestimmt ist, gelangt, das erzählt dieses Buch.

Dennoch: „Süßwasser“ ist mehr als eine sprachlich gelungene, halbfiktive „Krankheitsgeschichte“. Es ist ein literarischer Befreiungsschlag auf mehreren Ebenen. Ein Manifest der Selbstbestimmung trotz einer psychischen Störung – die, auch dies wird deutlich, eben nicht nur aus den selbstzerstörerischen Phasen besteht, sondern auch Kreativität, Tiefe, Gestaltungskraft auslöst.

Anne Haeming hob diesen Aspekt in ihrer Besprechung bei „Spiegel online“ hervor:

„Das Schema, mit dem Emezi hantiert, ist seit Charlotte Brontës „Jane Eyre“ fest in der Literatur verankert: „die Verrückte auf dem Dachboden“, die Frau als Monster. Lange die gängige Lesart von weiblichen Figuren, die nicht der wie auch immer definierten Norm entsprechen. Ganz zu schweigen vom Hysterie-Gaga, mit dem Generationen von Frauen stigmatisiert wurden.

Dieses Stigma begannen Autorinnen des 20. Jahrhunderts aufzubrechen, allen voran Toni Morrison in „Menschenkind“, Margaret Atwood mit „Alias Grace“, Leslie Marmon Silko in „Ceremony“, aber auch schon Virginia Woolf in ihrem metamorphotischen „Orlando“: Sie zeigen Frauen mit fragmentierten Identitäten, die entweder vielstimmig auf ihr erlebtes Trauma antworten, sich so ins Überleben retten oder ihre innere Vielfalt nicht als Abweichung begreifen. Sondern als bereichernd.“ 

Man kann den Roman jedoch auch lesen als Dokument einer Auseinandersetzung mit einem Leben, das geprägt ist von verschiedenen kulturellen Identitäten: Auf der Suche nach einem wirtschaftlichem Auskommen verschlägt es Adas Eltern um die halbe Welt. Die Wurzel- und Heimatlosigkeit von Wirtschaftsemigranten schlägt sich in den Seelen ihrer Kinder nieder – auch am amerikanischen College erlebt Ada, wie es ist, trotz maximaler Anpassung nie ganz dazuzugehören, schon durch Geburt und Hautfarbe irgendwie „anders“ zu sein.

Dies alles kleidet Emezi in eine Sprache und einen Stil, den man – in Anlehnung an die südamerikanische Tradition – einem magischen Realismus afrikanischer Herkunft zuordnen könnte.

Mehr Information:

Verlagsangaben zum Buch: „Süßwasser“

Homepage der Künstlerin: https://www.akwaeke.com/

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Karen Cleveland: Wahrheit gegen Wahrheit

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Bild: Florian Pittroff, https://flo-job.de/

In dem Thriller „Wahrheit gegen Wahrheit“ weiß irgendwann niemand mehr, wer die Wahrheit sagt und wer welche Wahrheit meint. Ein gutes Debüt der amerikanischen Autorin Karen Cleveland – diese Wahrheit steht jedenfalls fest, meint Florian Pittroff:

Tja, was soll ich sagen: Volltreffer! Spannend von der ersten bis zur letzten Seite. Ein Thriller ohne Blut, dafür mit viel Empfindung.

Darum geht`s: Vivian Miller ist Spionageabwehr-Analystin bei der CIA. Mit ihrem Mann Matt, einem IT-Spezialisten, und ihren Kindern lebt sie in einem Vorort von Washington D.C. Auf diesen Tag hat sie seit zwei Jahren hingearbeitet: Mithilfe eines speziellen Algorithmus will Vivian ein Netzwerk russischer Spione in den USA enttarnen. Ihr gelingt der Zugriff auf den Computer eines russischen Agentenbetreuers. Sie stößt auf eine Datei mit fünf Fotos – allesamt „Schläfer“, die auf amerikanischem Boden operieren. Doch was sie entdeckt, bringt alles, was ihr wichtig ist, in Gefahr. Ist es den Russen gelungen, sie an ihrer einzigen Schwachstelle zu treffen? Ist Matt nicht nur ein perfekter Mann und ein perfekter Vater. Sondern am Ende auch ein perfekter Lügner?

Der Plot ist gut durchdacht, die Protagonisten gut beschrieben, mit der nötigen Präsenz und Tiefe. Die wechselnde Gefühlslage von Vivian Miller wird sehr klar herausgearbeitet.

Dazu wird die Beziehung von Vivian und Matt in Rückblicken erklärt: „Ein glücklicher, unmöglicher Zufall. So habe ich unser Kennenlernen damals erlebt“. (…) Wie es nach ihrer Hochzeit weiterging: “Unseren ersten Hochzeitstag haben wir auf den Bahamas verbracht“. Und wie sich die Situation in der Gegenwart darstellt: „Mir schwirrte der Kopf, als ich zu Hause in die Garage fahre. Was ich getan habe, war doch richtig, oder?“

Vivian kann nicht mehr zwischen Lüge und Wahrheit unterscheiden. Der Leser schwankt und zweifelt förmlich mit ihr mit, als sie beginnt, alles zu hinterfragen.

Vivian pendelt zwischen Beruf und Familie. Oft hat sie das Gefühl, dass ihre Kinder zu kurz kommen – aber ihr Mann Matt ist ihr ein wunderbarer Partner, der ihr hilft, der sich um die Kinder kümmert und der sie unterstützt. Einmal Himmelhoch jauchzend, dann zu Tode betrübt und niedergeschlagen. Kann Vivian Miller ihrem Mann trauen? Es ist der Autorin auf 352 Seiten hervorragend gelungen, diesen Zweispalt in immer neuen Varianten zu beschreiben und darzustellen. Was tun, wie raegieren, was sagen die Kinder, was sagt mein Arbeitgeber, wem soll ich mich anvertrauen und vor allem: was sagt mein Mann.

Das Buch hat mich von Anfang an in seinen Bann  gezogen. Mein Lieblingsthema, der Cliffhanger, trägt erneut zu einem außergewöhnlichen Lesevergnügen bei. Auch bei „Wahrheit gegen Wahrheit“ ist der Cliffhanger so gewählt, dass ein Weiterlesen quasi zwingend erforderlich ist: „Fassungslos starre ich in das Gesicht meinen Ehemannes“ – Kapitel Ende!

Der Thriller wird übrigens von Universal Pictures mit Charlize Theron in der Hauptrolle verfilmt.

Ein Beitrag von Florian Pittroff
www.flo-job.de

Karen Cleveland
Wahrheit gegen Wahrheit
btb Verlag (10. April 2018)
352 Seiten

Uwe Timm: Heißer Sommer

„Ich bin früher gern rausgefahren, gleich nach Schulschluß. Ich hab an einem Waldrand im Gras gelegen und stundenlang in den Himmel gesehen. Ich hab dann an nichts gedacht. Nur manchmal, wenn in der Luft ein Bussard schwebte und plötzlich zur Erde herunterkippte, war das wie ein Stich. Fressen und Gefressenwerden. Ich hab versucht, mir vorzustellen, wie das wäre, eine Welt, in der niemand gequält würde. Ein ruhiges, anhaltendes Glück wie in einem heißen Sommer, wenn man in einer tiefen Wiese liegt und über sich die Wolken ziehen sieht.“

Uwe Timm, „Heißer Sommer“, 1974.

Es war ein Sommer, in vielem vergleichbar mit dem diesjährigen, von dem Uwe Timm in seinem Debütroman erzählt: Temperaturen auf dem Siedepunkt, die politischen Vorgänge ebenso. Nur drei Jahre nach dem Erscheinen des Buches sollte ein Herbst folgen, der als „Heißer Herbst“ beziehungsweise „Deutscher Herbst“ in den politischen Sprachgebrauch überging, 1977, als der Terror der RAF einen Höhepunkt erreichte. Die Radikalisierung einiger, sie war auch eine Folge der Ereignisse, von denen Timm in seinem durchaus auch autobiographischen Roman erzählt. „Heißer Sommer“ war einer der wenigen literarischen Texte über die Außerparlamentarische Opposition und die Studentenbewegung, die zu diesem frühen Zeitpunkt erschienen. Timm hat als Student vieles von den Geschehnissen miterlebt: Er selbst studierte ab 1967 in München, war im Sozialistischen Deutschen Studentenbund aktiv und beteiligte sich an der Besetzung der Münchner Universität. Wie seine Romanfigur Ullrich lebte auch Timm 1968 einige Monate in Hamburg. Dort richteten sich die Studentenproteste vor allem gegen die Springer-Presse und ihr Haupterzeugnis „Bild“.

Aufgeheizte Zeiten

Denn, so kommentierte Thomas Assheuer im Mai 2007 die Ereignisse von 1968 in der „Zeit“: Kaum war der Funke aus Berkeley, der Protest amerikanischer Studenten, nach Deutschland übergesprungen, da eröffnete die Springer-Presse die Jagdsaison. Ob Bild, Welt , Berliner Morgenpost – die Blätter nahmen Aufstellung an der semantischen Bürgerkriegsfront und bezeichneten die Protestierenden wahlweise als »Eiterbeule« oder »immatrikulierten Mob«, als »akademische Gammler« oder »behaarte Affen«. Springers Kommissare verlangten hartes »Durchgreifen«, »Abschieben«, »Ausmerzen«, oder noch wirksamer: »Polizeihiebe auf Krawallköpfe, um den möglicherweise doch vorhandenen Grips lockerzumachen«.

„Der Ostwind ist kalt. Ullrich schwitzt. Die Gesichter neben ihm sind nicht mehr ernst. Er erkennt seine Freude in den Gesichtern der anderen wieder. Eine Freude, die verändert. Er kann, wenn er sich umdreht, das Ende des Zugs nicht ausmachen. Er ist noch nie mit so vielen Menschen zusammen gegangen. Er war herumgelaufen und hatte gesucht. Jetzt war er angekommen. Er hatte die anderen gefunden. (…)
Er hatte sie untergehakt, er konnte lachen und reden mit ihnen, als kennten sie ihn schon lange. Was er fühlt, ist eine Freude, die über ihn hinausgeht, die ihm ein Gefühl der Weite und Stärke gibt. Eine Freude, die vom Haß getragen wird, ein Haß, der verändert. Die neben ihm gehen, waren wie er aus ihren Zimmern gelaufen. Jetzt marschieren sie eingehakt und rufen: Haut dem Springer auf die Finger.“

Es sind der Mord an Benno Ohnesorg 1967 und die Schüsse auf Rudi Dutschke im April 1968, die den Studenten Ullrich allmählich politisieren. Noch wühlt er sich durch die Verse Hölderlins für das Studium in München, plagt sich mit halbwarmen Frauengeschichten ab, versucht sich aus der Eichenholzmöbelgarnitur-Enge des Elternhauses zu befreien, alles ein wenig halbgar, alles gedämpft. Die Hitze steht in den Münchner Straßen, abends geht man ins „Leopold“ zur Nachtvorstellung, oder in eines der Schwabinger Cafés. Tagsüber schuftet man schwarz bei brütender Hitze auf einem offenen Acker, den ein „Schwabinggauner“ in ein Go-Kart-Gelände, der neueste Schrei für die Jugend, umwandeln will.

Sehnsucht nach Freiheit und Veränderung

Erst langsam erwacht Ullrich aus diesem Dämmerdasein, der Mord an Ohnesorg wirkt auch auf ihn wie ein Katalysator. Wie sehr die geistige Frucht des Nationalsozialismus noch die junge Republik prägt, das wird Ullrich nicht nur am Beispiel des Vaters, der sich regelmäßig mit alten „Kampfgefährten“ das „Dritte Reich“ schwadronierend zurücksehnt, bewusst. Auch die Verkrustung im universitären Getriebe, der Alltagsrassismus, der ihm bei seinem Job („lass den Kümmeltürken hacken“) begegnet, die Erzählungen anderer öffnen ihm die Augen und das hitzegedämpfte Hirn. Alles in ihm sehnt sich nach Freiheit und Veränderung – sowohl der persönlichen als auch der gesellschaftlichen Verhältnisse.

„Die stehen da und glotzen nur, hatte ein Mädchen zu Ullrich gesagt, das im Demonstrationszug neben ihm ging. Ja, hatte Ullrich gesagt, die sind nicht ansprechbar. Das Mädchen, das ein sehr kurzes gelbes Kleid trug, erzählte ihm, daß sie vorhin beim Verteilen der Flugblätter von einem Mann angepöbelt worden sei. Dreckige Schlampe, hatte der gerufen und dann gesagt: Ganz richtig, daß sie einen von euch umgelegt haben.“

Uwe Timm erzählt in diesem Roman eine Entwicklungsgeschichte: Der anfangs noch zaudernde, unbestimmt dahinlebende Student wird sich, geprägt durch private und politische Schlüsselerlebnisse, zu einem politisch bewussten Aktivisten entwickeln. Die zunehmende Radikalisierung und Gewaltbereitschaft erkennt Ullrich als Irrweg – außer einigen Pflastersteinen und einen halbherzigen Brandanschlag auf einen Polizeibus soll es das für ihn gewesen sein. Er merkt, dass das Kaputtmachen dessen, was „uns kaputtmacht“, keine Lösung ist, sondern entscheidet sich für „den organisierten Weg in die Betriebe, in die Schulen, in die Universitäten, in die Wohngebiete“, entschließt sich, sein Studium fortzusetzen und Lehrer zu werden.

Am Ende ist er auch mit Hölderlin wieder eins, erkennt er, geprägt von seinen Erfahrungen, die Fülle dieser Verse:

Die Sonne ließ die Tannen leuchten. In den Gräben schmale weiße Streifen, schmutzige Schneereste. Auf einem Feld ein Traktor mit einer Egge. Die Schraffur der Furchen.

             Wachs und werde zum Wald! eine beseeltere,
                  Vollentblühende Welt! Sprache der Liebenden
                             Sei die Sprache des Landes,
                                   Ihre Seele der Laut des Volks!

„Heißer Sommer“ ist nicht nur ein Roman, der authentisch vom Zustand der deutschen Gesellschaft 1968 erzählt und aus dem Inneren des studentischen Lebens berichtet, sondern war und ist auch literarisch ein mehr als gelungener Wurf für einen Debütroman: Timm verwebt gekonnt verschiedene Erzähl- und Zeitebenen, variiert sprachlich, mal poetisch, mal ironisch im Ton, schiebt wie in einer Collage prägende Texte der Studentenbewegung, Songzeilen von Dylan und den Beatles, Zitate von Marcuse und Marx in den Erzählfluss ein.

Jetzt, fünf Jahrzehnte später, haben wir wieder einen „heißen Sommer“, in dem nicht nur die Temperaturen stetig steigen, sondern auch gesellschaftliche Kräfte aufeinanderprallen, die grundsätzlich verschiedene Werte vertreten: Auf der einen Seite Restauration und Abschottung bis hin zu einem Ruck nach Rechts und ins Rechtsextreme, andererseits Menschen, die für eine weltoffene Gesellschaft vermehrt auf die Straße geht. Diskussionen über Rassismus und den Umgang mit Flüchtlingen. Und bei alledem eine „Bild“, die zwar – Gott sei Dank – schon lange nicht mehr die Auflagen hat der 1960er-Jahre, aber zum alten, verkommenen Stil zurückgekehrt ist. Dies alles macht „Heißer Sommer“ zu einer passend hitzigen Lektüre dieser Tage. Ein Roman, der sich wieder zu entdecken lohnt.


Bild zum Download: Karzer Erlangen


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