Hella S. Haasse: Der schwarze See

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Ich wollte nichts anderes, als einen Bericht über unsere gemeinsam verbrachte Jugend schreiben. Ich wollte das Bild dieser Jahre festhalten, die nun so spurlos vergangen sind, als wären sie nicht mehr gewesen als Rauch im Wind. Kebon Djati ist Erinnerung, auch das Internat und Lida; Abdullah und ich gehen schweigend aneinander vorüber, und Urug werde ich nie wiedersehen. Es ist überflüssig, einzugestehen, dass ich ihn nie verstanden habe. Ich kannte ihn, so wie ich den Telaga Hideung kannte – eine spiegelnde Oberfläche. Die Tiefe lotete ich nie aus. Ist es zu spät? Bin ich endgültig ein Fremder in dem Land, wo ich geboren bin, auf dem Boden, aus dem ich nicht umgepflanzt werden will? Die Zeit wird es lehren.“

Hella S. Haasse, „Der Schwarze See“, Lilienfeld Verlag, 2016

In der Reihe „Lilienfeldiana“ des Düsseldorfer Verlages gibt es immer wieder schöne, anspruchsvolle Entdeckungen zu machen. So der schmale Debütroman von Hella S. Haasse (1918 – 2011) der 1948 in den Niederlanden erschien. Die in den Niederlanden mit allen wichtigen Literaturpreisen ausgezeichnete Autorin schildert in ihrem Debüt eine Welt, die sie selbst aus eigener Erfahrung sehr gut kannte; wurde sie doch als Tochter eines Kolonialbeamten in Jakarta geboren und verbrachte ihre Kindheit und Jugend im stetigen Wechsel zwischen den Niederlanden und dessen Kolonien.

„Urug war mein Freund“: Mit diesen einfachen Worten beginnt der Roman, der die – deutlich einseitige – Freundschaft zweier Jungen irgendwo im heutigen Indonesien beschreibt. Der Sohn eines Niederländers schließt sich Urug, einem Jungen aus dem Dorf an: Er aus Einsamkeit (und Zuneigung), die Motive Urugs bleiben ungewiss. Die Erzählung setzt kurz vor dem Ersten Weltkrieg ein, Indonesien hat da bereits über drei Jahrhunderte Fremdherrschaft und Kolonialisierung hinter sich.

Gregor Seferens, der unter anderem Harry Mulisch, Anna Enquist und Maarten `t Hart übersetzt, skizziert in seinem Nachwort die Geschichte der niederländischen Kolonien:

„Nach den Jahrhunderten der Ausbeutung empfanden sich die Niederlande nun mehr als Partner und Freunde, deren Aufgabe es war, den Eingeborenen dabei zu helfen, auf eine höhere zivilisatorische, westlich geprägte Ebene zu gelangen, und sie dazu zu befähigen, möglicherweise irgendwann sogar einmal unabhängig zu werden. Doch während sich die Weißen mit ihrem nun durch Humanität kaschierten Überlegenheitsgefühl auf der richtigen Seite wähnten, wuchs bei der indigenen Bevölkerung das Bewusstsein für das Unrecht, das sie auch in der Gegenwart noch erdulden musste. In der Aussage „Urug war mein Freund“ steckt die ganze Asymmetrie des Verhältnisses zwischen den Kolonisatoren und der eingeborenen Bevölkerung.“

Denn, wie der namenslose Erzähler am Ende erkennen muss: Es hieß nicht „Urug und ich waren Freunde“. Ganz ruhig, ganz zurückgenommen, bis auf die eindrücklichen Naturschilderungen, erzählt Hella S. Haasse wie die beiden Jungen zwar noch eine gemeinsame Schulausbildung genießen, sich dann jedoch Stück für Stück voneinander entfernen. Der Einbruch des Zweiten Weltkrieges vollendet, was schon am Zerbrechen war. Als der Ich-Erzähler in das von den Japanern zerstörte Land zurückkehrt, begegnen sich die beiden jungen Männer nur noch einmal in einer angespannten, feindlichen Situation: Urug, als Mitglied einer militanten Befreiungsbewegung, kann in dem Freund seiner Kindheit nur noch einen natürlichen Feind sehen.

Ein kleiner, schmaler Roman mit großen Nachwirkungen.

Ich möchte auch noch auf die liebevolle Gestaltung der Reihe „Lilienfeldiana“ aufmerksam machen: Jedes Buch erscheint in Fadenheftung, mit Leineneinband und Lesebändchen, die Titel werden in Zusammenarbeit mit zeitgenössischen Künstlern gestaltet. Für „Der schwarze See“ wurde das Bild „Flora“ von Anke Berßelis verwendet. Homepage der Künstlerin: www.bersselis.de

Zu den Verlagsinformationen – hier die Infos zum Buch.


Der Klassiker der niederländischen Literatur zur Kolonialgeschichte:
„Max Havelaar“ (1860) von Multatuli

Das Pseudonym „Multatuli“ steht für „Ich habe viel gelitten“ – Eduard Douwes Dekker (1820 – 1887) wählte es, weil auch er mit seinem Gerechtigkeitssinn immer wieder in Konflikte geriet. Der Schriftsteller begann seine Karriere zunächst als Kolonialbeamter in Niederländisch-Indien, durch sein Eintreten für die einheimische Bevölkerung musste er sich jedoch aus dem Dienst zurückziehen. Wieder in den Niederlanden zurück, schrieb Dekker mit „Max Havelaar“ diesen sozial und politisch engagierten Roman, der bis heute als eines der wichtigsten niederländischen Bücher gilt. Das Buch führte zu heftigen Debatten um die Kolonialpolitik, die sich danach schrittweise änderte. Zudem wurde Dekker auch durch seinen Umgang mit Sprache und Stil – er wechselt die Erzählperspektiven, lässt die Erzähler in ihrer eigenen Sprache sprechen, baute Umgangssprache und Slang ein, mischte Fiktion und Dokumentation – zum Vorbild.
Das Buch, das stark autobiographische Züge trägt, zeigt das Scheitern eines jungen Kolonialbeamten auf, der sich gegen die Ausbeutung der Bevölkerung auf Java stemmt. Der junge Mann scheitert und wird mit seiner Familie zur Armut verdammt. Trotz der der Geschichte innewohnenden Düsternis glänzt „Max Havelaar“ auch mit einer ordentlichen Prise Humor – namentlich dann, wenn der geizige und bigotte Kaffeehändler Droogstoppel die Erzählerstimme hat. Ein Droogstoppel, das ist bis heute in der holländischen Umgangssprache der Ausdruck für einen Philister: Solch langlebigen Einfluss hat „Max Havelaar“.

1992 wurde die Max-Havelaar-Stiftung für fairen Handel gegründet:
https://www.maxhavelaar.ch/

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Margriet de Moor: Mélodie d`amour

„So fuhren sie durch die still gewordene Stadt in der Nacht nach Hause zurück. Gustaaf mit einer Hand lenkend. Atie von Zeit zu Zeit seufzend, als wäre ihr klar, das ein Tag, ein Tag voller Glück, im All fehlte. Ausgelöscht, bei näherer Betrachtung, von irgendeiner Instanz mit langem, weitreichendem Arm.
Schlichtweg nicht dagewesen.“

Moll in allen Variationen ist der Grundton dieses Buches: Ein lang verheiratetes Ehepaar, Eltern von vier Söhnen, erlebt einen glücklichen Abend zu zweit, trotz einiger Irrungen und Wirrungen zuvor, inklusive einer Ménage à trois mit Folgen, wieder glücklich vereint. Doch Atie, Gustaafs große Liebe, verliert an diesem Abend ihr Gedächtnis, später die Beherrschung über ihre Körperkraft, über ihre Körperfunktionen, lebt einem langsamen Tod entgegen. Gustaaf wird sie verlieren.

Ein Verlust, der in den Feuilletons bislang als Folge dieses Seitensprungs interpretiert wird. Ich sehe dies anders: Für mich beschließt Atie, trotz der Kränkung, trotz ihrer Wut und Verzweiflung, eine Trennung aus der Liebe heraus – wohl wissend, wie sehr ihre Krankheit alles verändern würde, auch die letzten Jahre. Aber diese Illusion möchte ich mir gern beibehalten – denn ansonsten ist in diesem Liebesreigen wenig zu finden, was Glück und Seligkeit verspricht.

Von der Liebe und der Musik

Margriet de Moor hat zwei Grundthemen: Die Liebe und die Musik. Ersteres wird sie selbst erfahren haben, zweites hat sie studiert – Gesang und Klavier an der Königlichen Akademie in Den Haag. In ihrem jüngsten Buch ist jedoch noch ein dritter Leitfaden zu finden: Der Tod. Die Liebe, der Tod und die Musik.

„Mélodie d`amour“ – leider ein etwas verkitschter Titel für ein stilistisch wunderbares Buch mit einer einfühlsamen, teilweise zarten, bittersüßen Sprache, das kunstvoll arrangiert ist: Wie eine Sinfonie in vier Sätzen. Es ist kein Roman, wie oftmals geschrieben wird, sondern es sind vier mit einander verknüpfte, doch in sich eigenständige Erzählungen, in denen die Grundtonart variiert wird. Und die ist dunkelmoll…

Im ersten, dem sogenannten Kopfsatz, wird – und zwar nur hier – aus der Perspektive des Mannes erzählt, Gustaaf, der seine Liebe verliert – zuerst an das Leben, dann an den Tod. Doch das Gespräch mit ihr endet damit nicht:

„Wie gut, dass wir hier geblieben sind. Du mochtest es immer, morgens durch das Schlafzimmerfenster den Schiffen zuzuschauen. Du liebtest es auch, am Strand spazierenzugehen und in die Bunker des Atlantikwalls hinunterzusteigen. Ich denke an die simpelsten Dinge, das Brot in deiner Hand, deine Röcke, deine Blusen. Du weißt, dass ich nicht metaphysisch veranlagt bin. Trotzdem würde ich gern wissen, was du mir gerade, kaum tot, fast noch lebend, so lieb, heimlich jenseits der Grenze hast zufunken wollen.“

Die weiteren drei Sätze dieser Liebesmelodie sind aus dem Blickwinkel von Frauen geschrieben – drei Frauen, die im Leben von Gustaafs jüngstem Sohn, dem sensiblen Luuk mit der engen Mutterbindung eine Rolle spielen: Cindy, die neurotische, obsessive Geliebte, die zur Stalkerin wird, die den Geliebten eher tot denn in den Armen einer anderen sehen will.

„Kinder, habe ich am Freitag darauf gefragt, was wiegt eurer Meinung nach schwerer, der Tod oder das Glück? Darauf gab es einiges Gemurmel und Geflüster. Ein paar Finger gingen hoch.
Der Tod.
Okay. Ich nickte und nahm einen anderen dran.
Der Tod.

Keines meiner Kinder hatte sich über meine Frage gewundert. Die kann man Dreizehnjährigen ohne weiteres stellen. Die Literatur arbeitet so viel adäquater als die Wissenschaft! Schneller, und wesentlich einleuchtender. Die Jungen und die Mädchen gaben denn auch alle de richtige Antwort. Wussten sehr gut, sowohl im philosophischen als auch im physikalischen Sinn, was es mit Schwere und Leichtigkeit auf sich hat.“

Da ist Roselynde, die zweite Geliebte, die an ihrer Jugendschuld trägt – dem tödlichen Unfall der Freundin ihres Bruders, aus Eifersucht verschuldet, der Tod ihres Bruders, der tatsächlich an gebrochenem Herzen stirbt. Ein Satz, beinahe ein Scherzo:

„Jetzt folgt leise, sogar ein wenig verlegen, seine fast tägliche Floskel: Ich ruf nur schnell an, um dir guten Morgen zu wünschen.
Und ich halte, von meiner Überraschung noch nicht erholt, meine derzeitige Lebenssituation fest. Es gibt einen Mann, der immer an mich denkt. Es gibt einen Mann, der seine Liebe zu mir als unverrückbaren Teil der Wirklichkeit betrachtet, wie beispielsweise geboren zu werden, offenkundig.“

Und es gibt in diesem Satz die leise Hoffnung, dass die Liebe mit allen ihren Komplikationen dazu geeignet ist, alte Wunden zu heilen, im kleinen Tod das tatsächliche Sterben zu überwinden, dass sie alles gut machen kann. So endet dieser Satz denn auch beinahe tröstlich:

Hoch über meinem Kopf machen sich die Schwalben in den Süden auf, obwohl sie bereits wissen: Wir kommen zurück, wir sind uns ganz sicher. Stimmt es, dass man sich vor allem in dem sicher ist, was das Verständnis übersteigt? Es ist ein altmodisch goldener Tag. Ich habe größte Lust, dir einen Liebesbrief zu schreiben oder, noch lieber, ein durch den Äther fliegendes Telegramm wie in früheren Zeiten.
KÜSSE DICH INNIG STOP LIEBE DICH STOP KÜSSE DICH NOCH MAL STOP HABE DIR ALLES ERZÄHLT STOP ROSELYNDE

Bittersüß bis zum Schlussakkord

Und dann zum Ende der Sinfonie werden die Leitfäden wiederaufgenommen, wiederholt, in Person der Ehefrau Myrte, der für mich rätselhaftesten Frauen in Luuks Welt – die, die sich mit den Geliebten arrangiert, die selbst noch nach Jahrzehnten in die unausgelebte Liebe zu einem wesentlich älteren Mann innerlich verstrickt ist, die scheinbar alles und jeden auf Distanz hält und dennoch in unverbrüchlicher Treue an ihren Menschen bleibt. Das Bild von ihr bleibt nach meinem Empfinden unentwickelt:

„Bin ich, soweit ich konnte, mit ihm gegangen in jener Nacht? Habe ich seinen letzten Blick gesucht, seine Hand in meiner gehalten? Mein Herz, meine Seele und die Wahrscheinlichkeit sagen, ja, meine Erinnerungen schweigen. Neben dem Bad mit dem Entwickler fehlte das Fixierbad. Was ich noch immer weiß, ist, dass ich sehr früh am Morgen sah, dass aus den drei Linien Striche geworden waren.“

Was also ist die „Mélodie d`amour“? Margriet de Moor erklärt nicht, interpretiert nicht, sie erzählt „nur“. Das aber streckenweise zum Weinen schön. Und dennoch – in einhelliger Verzückung pries das Feuilleton bislang diesen Liebesreigen als eines, wenn nicht gar zum Besten ihrer bisherigen Bücher. Ich blieb nach dem Lesen im Zweifel zurück – dass die Liebe in ihren Auswirkungen Verheerendes anrichten kann, dass in diesen Verstrickungen wenig bis gar nichts rational zu erklären ist, dass oft selbst die Beteiligten nicht wissen, warum sie wann auf wenn fällt und in welcher Form ereilt, das scheint bekannt. Doch manches in den vier Teilstücken bleibt zu lose, zu wenig nachvollziehbar, zu unvermittelt für meinen Geschmack. Und: Immer sind es die ganz großen Gefühle, die mit ganz großer Traurigkeit und Schuld bei den Protagonisten einhergehen. Einfach nur lieben, gelingt ihnen nicht. Einfach lieben scheint das Meisterstück zu sein, das außer Reichweite ist. Aber eine einfache Liebe ist wohl eben auch kein Stoff für die Literatur.

Fazit: Wunderschön zu lesen, aber nur dann, wenn man gewappnet ist, einer dunkeln, schweren Sinfonie zu lauschen.


Margriet de Moor, „Mélodie d`amour“, Fester Einband, 384 Seiten, Preis: 21,90 € (D) / UVP 29,90 sFR (CH) / 22,60 € (A), ISBN 978-3-446-24478-8, Hanser Verlag

Bild zum Download: Brautpaar in Prag


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