IM LYRIKRAUM: Elke Engelhardt

Die kleine Frau schreibt

Erst muss man alles aufzeichnen,
dann kann man sich aufzeichnen durch einen Satz,
der etwas ins Fließen bringt,
was vorher feststand.

Ich bin die kleine Frau,
ich glaube an die Macht des Mondes,
an Ebbe und Flut.
Aber mehr noch an die Worte,
die alle Spuren verwischen,
sobald sie entstehen.

Aus: „Sansibar oder andere gebrochene Versprechen“ von Elke Engelhardt

Sich selbst definieren, sich selber finden mit den unzulässigen Mitteln der Sprache – das scheint mir ein Leitmotiv zu sein in diesem außergewöhnlichen Gedichtband. Eine Poesie, der die Macht der (Ent-)Täuschung innewohnt: Sätze, die so klar und nüchtern im Stil zu sein scheinen, und mit denen dennoch alle Spuren verwischt werden.
Beispielgebend dafür ist Sansibar, Protagonist im ersten Zyklus:

Es sollte ein Roman ohne Worte werden
aber voller Gedanken
Der Ehrgeiz packte mich
es schüttelte mich
Es ging mir nicht gut
Ich war kurz davor einen Satz in mein Heft zu schreiben
einen Satz der alle Worte zum Blühen gebracht hätte
und was blüht ist vergänglich

Was blüht, ist vergänglich, was gesagt ist, kann heute wahr sein und morgen ein gebrochenes Versprechen: Eine Dichterin im Ringen mit der Unzulänglichkeit, der Unzuverlässigkeit der Sprache. Ein Ringen, das funkelt, das Sätze birgt, die sich einprägen:

Der Tod, sagt meine Mutter, ist eine schnell
heilende Wunde. Die Narben, die er hinterlässt,
sind Sache der Lebenden.

So klar die Sprache von Elke Engelhardt erscheint, so viele Geheimnisse tragen Sansibar, die kleine Frau und die lyrische Stimme im dritten Zyklus, „Die Lumpen meiner Erinnerung“, mit sich herum. Man möchte mehr davon lesen, wohlwissend, dass man den Geheimnissen eines Menschen mit den Mitteln der Sprache wohl nie auf den Grund kommen wird.

Elke Engelhardt
Sansibar oder andere gebrochene Versprechen
Elif Verlag, 2020
134 Seiten, Klappenbroschur, 18,00 €
ISBN 978-3-946989-32-5

„Die Chamäleondamen“ von Yvonne Hergane: Wie die Mutter, so die Tochter

Bild: Frauen in Rumänien von Eugen Visan auf Pixabay

Sie wussten stets, was sie wollten, mussten nehmen, was sie bekamen und gingen dafür ihren Sonderweg, auch wenn er aus dem rumänischen Banat nach Deutschland führte. Gastautor Ortwin-Rainer Bonfert kennt den zeitgeschichtlichen Hintergrund und hat einen „Beipackzettel“ für das Buch verfasst, der zum Lesen in Zeiten der Pandemie passt.

Man stelle sich vor: Man studiert Germanistik, man studiert Anglistik, man studiert Buchwissenschaft, dann schreibt man Kinderbücher, dann schreibt man Jugendliteratur, übersetzt englische Literatur – und dann schreibt man endlich einen Roman. Yvonne Hergane tat es. Sie schrieb diesen Debütroman mit leichter Feder, mit authentisch wirkenden Charakteren. Ihre Chamäleondamen wussten stets, was sie wollten, mussten aber nehmen, was sie bekamen. Sie ergaben sich trotzdem keineswegs ihrem Schicksal, sondern gingen ihren Sonderweg, machen dabei ihre Fehler, an denen sie wiederum nicht verzagen. Denn für sie ist klar: Lebe mit i geschrieben ist mehr Leben.

Yvonne Hergane verlegt den Romanbeginn ins Frühjahr 1919 des Banats in Rumänien und schafft es vom ersten Satz an, so subtil die Umstände zu schildern, in der die Braut in der Hochzeitsnacht zu ihrem Liebhaber durchbrennt, dass sogar der gehörnte Bräutigam darüber schmunzeln müsste.

„Die Chamäleondamen“ – Der Titel ist Programm! Es geht um Powerladies mit Herz, die durchhalten, sich anpassen, sich nie verbiegen: „Einen Morgen später (Anm.: nach der schmerzvollen Geburt) steht Marita wie immer im Geschäft ihre Frau, (…) eine Dame, als Verkäuferin getarnt.“ Es ist der Roman vierer Frauen aus vier Generationen und dennoch ist es genau so wenig ein klassischer Familienroman wie es eben auch kein klassischer Frauenroman ist: Die Erlebnisse der Chamäleondamen vor zeitgeschichtlichem Hintergrund betreffen und berühren eigentlich uns alle.

Der Vier-Generationen-Roman konzentriert sich im Wesentlichen auf die letzten beiden Frauen in dieser Familie. Die ersten beiden definieren den ausschlaggebenden und damit wichtigen Ausgangspunkt. Oder, mit den Worten von Yvonne Hergane formuliert: „Was Elli von ihrer Mutter als eines der wenigen Dinge bei der Geburt mitbekommt, gibt sie später, um das Gewicht der Vorangegangenen angereichert, an ihr Kind und Kindeskind weiter.“

Das Buch ist in knappe, wenige Seiten lange Kapitel gegliedert, zwischen denen in der Chronologie der Handlung mehrere Jahre oder auch Zeitsprünge liegen. Es sind Episoden aus dem Leben der Protagonistinnen, Spotlights, die signifikante Ereignisse vor dem jeweiligen historischen Hintergrund beinhalten. Beispielsweise wird eine Familientragödie während der Nazi-Zeit geschildert. Aber auch eigenständige, aus dem Familienleben geschnittene Vorkommnisse werden eindrucksvoll erzählt. Bei der Beschreibung des Ausrutschers eines Mädchens bei der Wochenendhütte, der nahezu zum Ertrinken im Bergbach geführt hätte, kommt die hervorragende narrative Kompetenz der Autorin ganz besonders zum Tragen. Gekonnt erfolgt dabei die sensible Gradwanderung zwischen Schilderung der Wahrnehmung des Kindes und dem eigentlichen Vorgang, der sich dem Leser nur allmählich erschließt (S.36/37): „…und Hanne ahnt auch, wo die Luft geblieben ist. Nein, die Zeit steht nicht still, sie saugt sich nur voll, die Sekunden blähen sich auf mit Hannes Luft, immer fetter und runder schmatzen sie sich daran.“

Mit wohl dosierten Regionalismen der Banater Schwaben wirken die Charaktere noch authentischer und sorgen bei Kennern für Amüsement. Leser können sich rasch in die Protagonistinnen hineinversetzen, mitfühlen, umgarnt eine Welt erleben, wie sie der Autorin vorschwebte, als sie den Roman schrieb. Es ist der Alltag der Chamäleondamen, die sich familiärer Verantwortung sowie der Liebe – mit allen Höhen und Tiefen – äußerlich anpassen, sich innerlich stets treu bleibend. In knappen Episoden werden geschildert: Familienfreuden wie auch Familienzwist,  Menschliches, allzu Menschliches, aber auch Abenteuerliches im Umfeld des kommunistischen Rumänien wie auch die Zerrissenheit zwischen dort bleiben, nach Deutschland auswandern und dort wiederum ankommen. Sicherlich spielt dabei die Biographie der kenntnisreichen Autorin eine wichtige Rolle, doch der Roman eignet sich als Lektüre für jeden, auch ohne Wissen um die deutsche Minderheit in Rumänien, den Banater Schwaben.

„… Latte-machiato-Mütter, die ihren mumiendick eingeplünnten Sprösslinge im Kinderwagen angeschnallt brüllen lassen, während sie sich im Kreis unterhalten, den Rücken zu den Kindern, über Windeln und Schuhe und Windeln und Männern und Windeln und dass man dem Kind nie genug Aufmerksamkeit schenken kann.“

Die Schilderungen amüsieren, sind aber keineswegs trivial. Die Autorin versteht es, dem durchaus ernsten Plott immer wieder eine ironische Note zu verleihen. Sie versetzt damit den Leser in einen Flow, der sich vom ersten Satz an mitgenommen und von der Lektüre sanft umhüllt getragen fühlt. Das Buch, im handlichen C4-Format, kartoniert gebunden, mutet mit seinem Cover edel an. Lob an Eva Wünsch, die in Anlehnung an Dadaismusformate eine ansprechende Cover-Collage kreiert hat.

In Zeiten der Pandemie kommt Literatur eine erweiterte Bedeutung zu. Wem ist dieses Buch nahezulegen? Der „Beipackzettel“ des Rezensenten zu diesem Buch:

Leser, die Tag täglich über ihr Schicksal seufzen, ist dieses Buch dringend empfohlen. Damen sollten es nicht zu hastig lesen – wegen möglichem Schluckauf beim Grinsen. Und Herren sollen sich nicht so anstellen – das Buch tut ihnen bestimmt auch gut. Die knappen Kapitel eignen sich sogar für die Lektüre zwischendurch, beispielsweise in der U-Bahn.

Leser, denen Corona-Einschränkungen auf den Magen schlagen, mögen sich in eine Decke gehüllt auf den Balkon setzen, bedächtig Glühwein, Gin oder Whiskey schlürfen, und das Buch genießen. Kamillentee hilft nun mal nicht immer und überall.

Indiependent-Verlagen wie MARO sind solche Bücher und Autor*innen dringend zu wünschen, um besser über die Runden zu kommen und um ihr Geschick für Newcomer zu beweisen.

Online-Versandhändler mit Wild-West-Manier mögen dieses Buch getrost ignorieren, schlägt ihr Herz doch eher für das Förderband der Bücher, als für die Bücher selbst.

Buchhändler sind gut beraten, für solche Debütromane aus Indie-Verlagen mehr Platz in ihren Auslagen und Büchertischen einzuräumen.

„Die Chamäleondamen“ – gut zu jeder Tageszeit.

Ein Beitrag von Ortwin-Rainer Bonfert

Informationen zum Buch:

Yvonne Hergane
Die Chamäleondamen
MaroVerlag, Augsburg, 2020
240 Seiten 20,00 €
ISBN 978-3-87512-493-4

IM LYRIKRAUM: Gerd Baumann

Hochintressant

Alles kommt, wie`s kommen muss,
alles gießt sich hin im Fluss,
ich wart, im Regen, auf den Bus
und geh, wenn er nicht kommt, zu Fuß.

Gerd Baumann, „Hochintressant“ aus „Das Schaf des Pythagoras“.

Lyrik muss für mich nicht immer hermetisch, symbolgeladen, verschlüsselt und mit Metaphern überfrachtet sein. Mein schlichtes Gemüt ergötzt sich durch aus an gehobenem Blödelsinn, da bricht dann durch, dass auch ich der Generation entstamme, die mit Heinz Erhardt sozialisiert wurde.

Und so können mich auch die verrückten, verspulten Gedichte des bayerischen Musikers und Lyrikers Gerd Baumann herrlich amüsieren: Da wird mit viel Witz und Hintersinn den großen Fragen der Menschheit nachgegangen, beispielsweise: „Was, wenn Ich nicht mehr Ich wäre, sondern Du!“. Am Ende möchte man das Du denn doch Du sein lassen. Oder warum einer den Moment, den man Leben nennt, „knetet“, dichtet und singt? Das liegt auf der Hand: „denn, wenn`s heißt: Jetzt ist`s gewesen/ gibt`s Musik und was zu lesen“.

Baumann unterhält mit seinen schrulligen Einfällen mal mit ironischen Kurzzeilern, mal gereimt, mal in freien Rhythmen, und mittendrin stößt man sogar auf eine ausgewachsene Ballade: Die „Malade Ballade vom unbekannten Mann“. Eines haben die Gedichte, trotz unterschiedlicher Form, jedoch immer gemeinsam: Sie sind, auch bei ernsteren Themen, selbst dann, wenn es politisch wird, von einer wohltuenden Leichtigkeit. Ein Beispiel:

Hase, du bleibst hier
Chemnitz, Sommer 2018

Fast wär er hinterhergesprungen
dem einen, vielgehassten, dunklen
Fremder, der hier einfach eingedrungen,
doch so blieb`s beim Augenfunkeln

und beim wohlvertrauten Grölen
mit seiner Glatzen-Clique, die seit Jahren
was man ja wohl noch sagen darf
sagt, und – eben – unverhohlen grölt.

Doch plötzlich duckt und zuckt der Nazi
wie ein gut gezähmtes Tier,
da ein Stimmchen ihn zur Ordnung ruft:
Hase, du bleibst hier.

Ein besonderes Faible scheint der Autor für Schafe zu haben, diese oft als dumm verpönten Tiere. Da gibt er dann den Wolf im Schafspelz und schmuggelt vollkommene Nonsense-Vierzeiler in den Gedichtband und das Langgedicht „Hintersinnige, hommage-artige Ansprache eines gerissenen Schafs an einen aus Schafsicht vermeintlich idealen Schäferhund, der am Ende nur scheinbar enttäuscht ist und besonnen, aber krude reagiert.“

Dazu kann ich nur sagen: Mäh! Ich wünsche euch einen höchst vergnüglichen Sonntag.

Zum Autor:
Gerd Baumann studierte in München und Los Angeles Gitarre und Komposition. Er hat unter anderem die Musik für Filme von Regisseur Marcus H. Rosenmüller geschrieben, betreibt das Plattenlabel „Millaphon Records“ und den Musik-Club „Milla“ in München.

Zum Zeichner:
Martin Klett ergänzt die skurillen Gedichte durch witzige, in der Form reduzierte Illustrationen. Er studierte Design in München und ist Inhaber der Agentur „Perfect Accident“.

Zum Buch:
Gerd Baumann
Das Schaf des Pythagoras
edition lichtung im lichtung verlag, 2020
Gedichte, mit Illustrationen von Martin Kett, 2020, Hardcover, 96 Seiten, 14,90 Euro
ISBN 978-3-941306-98-1
Weitere Informationen mit Konzert zur Buchpremiere hier: https://www.lichtung-verlag.de/index.php/aktuelles/2-uncategorised/61-gerd-baumann.

Neuigkeiten!

Bild von Free-Photos auf Pixabay

Ausgiebig über Bücher spricht das „gemischte Doppel“ beim NDR, bestehend aus Annemarie Stoltenberg und Rainer Moritz. Unter den Buchempfehlungen für den Herbst 2020 ist auch Máirtín Ó Cadhain mit „Die Asche des Tages“ aus dem Kröner Verlag zu finden. Zum Nachhören findet sich die Sendung hier: https://www.ndr.de/ndrkultur/Das-Gemischte-Doppel-Buchtipps-fuer-den-Spaetsommer-Teil-3,audio739266.html

Richard Mayr stellte am 2. September im Feuilleton der Augsburger Allgemeinen den „Federico Temperini“ von Theres Essmann vor. Er meint: „Ein Debüt, das gespannt macht auf mehr“.
https://www.pressreader.com/germany/augsburger-allgemeine-ausgabe-stadt/20200902/281861530897913

Und über die Buchpremiere von Martina Altschäfers Roman „Andrin“ und Vorstellung des Mirabilis Verlags berichtet die Neu-Ulmer Zeitung: https://www.augsburger-allgemeine.de/neu-ulm/Literatur-unter-Baeumen-in-Neu-Ulm-Mirabilis-ein-Verlag-fuer-kleine-Wunder-id58034261.html

Paula Irmschler: Superbusen

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Bild von Dirk Liesch auf Pixabay

Dieser Pandemie-Sommer bringt es mit sich, dass man Dinge tut, die man sonst nicht tun würde. Zum Beispiel: Nach Chemnitz fahren. „Chemnitz?? Was willst du denn da?“, fragen dann alle fassungslos, denn man wisse doch, dass das eine graue, reizlose Stadt voller Neonazis sei. Nach einem Wochenende dort kann ich sagen: Nein, stimmt so nicht. Chemnitz ist zwar im Zentrum grau, und bestimmt treiben dort auch die Rechtsextremen ihr Unwesen, von denen spätestens seit den Ausschreitungen 2018 immer die Rede ist, wenn der Name der Stadt fällt. Reizlos ist Chemnitz aber ganz sicher nicht. Es gibt unglaublich viel zu entdecken: die einstigen Prachtbauten des Sozialismus, breite Alleen, die an Moskau erinnern, Museen in alten Kaufhäusern und Fabriken, Jugendstil ohne Ende, syrische Lokale, in denen Kaffee mit Kardamom serviert wird, orientalische Geschäfte, die Safraneis mit Rosenwasser und Pistazien verkaufen, und das großartige jüdische Restaurant Schalom. Und es gibt Menschen wie Paula Irmschler, deren ersten Roman Superbusen man unbedingt einpacken sollte, wenn man nach Sachsen reist, der aber auch so eine unterhaltsame Lektüre ist.

Irmschler, geboren 1989 in Dresden, ist inzwischen Redakteurin beim Satiremagazin Titanic, nimmt den Leser aber mit in die Welt der Chemnitzer Studenten, die sie vor ein paar Jahren hinter sich gelassen hat. Ihre Protagonistin, die seit einem Lime-Juice-Wodka-Exzess nach ebendiesem alkoholischen Getränk von allen nur Gisela genannt wird, erntet für die Entscheidung, in Chemnitz zu studieren, blankes Unverständnis: „Als Dresdnerin nach Chemnitz zu wollen ist quasi Hochverrat, weil alle Dresden lieben müssen. Genau deswegen hasste ich es.“ Was Gisela ihrer Umgebung als Selbstfindungsmission verkauft, hat allerdings auch einen handfesten ökonomischen Hintergrund. Die Tochter einer alleinerziehenden Mutter, die von ihrer kinderreichen Familie sagt, sie sei einen von denen, die gerne mal bei RTL vorgeführt würden, versteht schnell, dass ein Studium in einer coolen Großstadt im Westen für sie nicht in Frage kommt: „Aber wenn man sich mal eine Nacht lang mit Wohnungs- und WG-Angeboten in einer Stadt wie Hamburg beschäftigt hat, weiß man, dass eben nicht jeder Mensch dort studieren kann.“

Also Chemnitz, wo Gisela als sieben Jahre altes Mädchen ein einziges Mal den Opa besuchte, der laut ihrem Vater „bei der Stasi“ war und in dessen Wohnung sie sich damals ganz genau umsah: „Ich erwartete ein Poster, auf dem ‚Stasi‘ geschrieben steht, oder Ähnliches, weil ich nicht wusste, was das überhaupt ist.“ Komische Szenen dieser Art gelingen Irmschler immer wieder, und überhaupt durchdringt stets ein warmherziger Humor ihre Schilderungen, auch in Szenen, in denen den Leser durchaus Eiseskälte anweht. Etwa wenn sie beschreibt, wie Gisela und ihre Freunde „Hunderte Male“ gegen Rechtsextreme demonstrieren und dabei mit der Straßenbahn fahren, um auf der Straße nicht Nazi-Gruppen in die Arme zu laufen. Der Kampf der gesächselt „lingen“ Studenten gegen Rechts, so alltäglich und routiniert wie das Nudelkochen in der WG, ist das Grundrauschen des Erzählten. Ansonsten spielen eine große Rolle: Alkohol in versifften Wohngemeinschaften am Kaßberg (das ist das sehr schöne Jugendstilviertel, übrigens), intensive Frauenfreundschaften, Schwangerschaftstests, Menstruation (deren Besprechung in allen Details Autorinnen der jüngeren Generation neuerdings sehr wichtig zu sein scheint, oh je), Ladendiebstahl, Garderoben von Clubs, die Deutsche Bahn und ihre Nicht-Beachtung von Chemnitz und vor allem: Musik. Denn Gisela und ihre Freundinnen gründen die dilettierende Band „Superbusen“, die durch Deutschland tourt, dabei noch mehr Alkohol trinkt und mehr oder weniger spannende Auftritte abliefert. Dazu gibt es – und zwar ironiefrei, was mutig ist, denn Ironie wäre hier einfach und billig – Ausführungen über die prägende sozialisierende Rolle von Britney Spears, Take That und vielen weiteren Stars der Bravo, die von der Protagonistin in jungen Jahren tatsächlich noch eifrig gelesen wird. Sonst passiert – eigentlich nichts. Und das alles kommt in einem sehr unmittelbaren, plaudernden Ton daher, so als würde die Autorin ihren Freunden etwas erzählen und nebenbei twittern.

Die Heldin ist keine abgeklärte, distanzierte linke Intellektuelle, und das ist das Sympathische an ihr. Sie ist ehrlich lädiert von lustlosem Studieren, von unglücklichen Beziehungen, von ihrer Essstörung, die darauf zurückgeht, dass sie wegen ihres nicht gertenschlanken Äußeren schon in der Schule gehänselt wurde. Männer übrigens kommen bei Irmschler furchtbar schlecht weg, sie dürfen nur pöbeln, belästigen oder sonst irgendwie blöd sein. Und als wahres Vorbild kristallisiert sich am Ende nicht mehr Britney Spears heraus, sondern Giselas Mutter, die es ganz allein geschafft hat, die Familie über Wasser zu halten. Trotzdem ist die Feststellung „Frauen konnten natürlich auch scheiße sein. Aber das war eher die Ausnahme“ eine der platten Stellen dieses, hm, Popromans? Der in Romanform gebrachten Kolumne? Wie auch immer.

Schließlich flieht die Heldin, die das mit der Uni nicht recht auf die Reihe bekommt, von Chemnitz nach Berlin, wo aber wahrscheinlich auch nicht alles besser wird. Und erklärt nonchalant: „Chemnitz macht sich nicht viel aus den Abwanderungen.“ Wir jedenfalls dürfen der Autorin dankbar sein für ihren erhellenden Blick auf die Stadt und dafür, dass sie uns noch einmal mit der Nase auf die Erkenntnis stößt: Dumpfe Fremdenfeindlichkeit ist eben nicht vereinfachend und automatisch dadurch zu erklären, dass jemand aus dem Osten stammt und nicht mit einem goldenen Löffel im Mund geboren wurde.

Ein Beitrag von Veronika Eckl


Informationen zum Buch:

Paula Irmschler
Superbusen
Claasen Verlag, 2020
Hardcover, 320 Seiten, 20,00 Euro
ISBN: 9783546100014

 

 

Die Wende im Leben junger Männer

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Bild von Peter Dargatz auf Pixabay

„Ein blendendes Weiß darunter, ein unendlicher Raum für frisch Gelerntes, für ständig Gehörtes, für die historischen Gesetzmäßigkeiten, für korrekt Phantasiertes, Platz für den zur Wissenschaft erklärten Mummenschanz – die Spekulation mit der Welt. Ich war gefangen an diesem Tisch, in diesem Raum, in dieser Welt, der einzigen, die denkbar war in diesem Moment, in dieser Zeit, in diesem Land.“

Frederic Wianka, „Die Wende im Leben des jungen W.“

„Die kleinen Unglücke summierten sich, eine feindliche Stimmung baute sich auf. Ein Glas ging zu Bruch, und sofort trat Carl mit bloßem Fuß in einen der Splitter. Ihn packte die Wut. Draußen fielen die Grenzen, und er saß in Gera-Langenberg fest. Verlassen von Gott und der Welt.“

Lutz Seiler, „Stern 111“

Vom Volkseigenen Betrieb Plastmaschinenwerk in Schwerin, materiell gesichert, im Jugendkollektiv geborgen, doch die Gedanken unfrei, zur prekären freien Künstlerexistenz in Berlin, malend wie ein Besessener, doch immer am Abgrund balancierend, außerhalb stehend, gescheiterte Beziehungen, zu viel Alkohol und zu wenig Begabung zur Freundschaft: DIE Wende, der Zusammenbruch des politischen Systems, sie markiert auch eine wesentliche Wende im Leben des Ich-Erzählers aus dem Debütroman von Frederic Wianka.

Der Zufall wollte es, dass ich kurz nach der Lektüre von „Stern 111“ von Lutz Seiler, der damit den Preis der Leipziger Buchmesse errang, zu diesem Roman griff. Beide Bücher sind eng verwandt und doch so unterschiedlich: Wenderomane, Berlinromane, Künstlerromane, Liebesromane. Beide Protagonisten lernen einen Handwerksberuf in der DDR, beide zieht es nach Berlin, beide leiden am Werther-Syndrom der einseitigen Liebe, beide wollen sich als Künstler ausdrücken, der eine als Poet, der andere als Maler.

Würde man einfache Vergleiche ziehen und zur Küchenpsychologie neigen, könnte man einen ebenso einfachen Schluss ziehen: Der eine meistert schließlich sein Leben und ringt sich, trotz aller Selbstzweifel, hervorragende Gedichte ab, weil die erste prägende Ebene in einem Menschenleben, die Beziehung zu den Eltern stimmig ist. Der andere jedoch, der kurz als Maler reüssiert, sich dann allerdings in einer Gedankenspirale über das eigene Ungenügen verfängt, der an seinen eigenen Ansprüchen scheitert, kommt aus unglücklichen Verhältnissen, unehelich geboren, einem emotional kalten Stiefvater ausgeliefert. Der junge W. wählt den Freitod.

„Ich habe Einzelheiten verdrängt und in einer selektiven Erinnerung gelebt, weil das komplettierte Bild mein Leben zeigt, als das, was es ist: von Beginn an eine Lüge. Und ein Selbstbetrug in vielem, was ich tat.“

Dennoch wäre dieser Rückschluss auf die Auswirkungen familiärer Geborgenheit beziehungsweise dysfuntkionaler Familien auf die Entwicklung eines Menschenlebens zu eindimensional. In beiden Romanen ist ein entscheidendes Moment tatsächlich die Wende, die die beiden jungen Männer in eine ganz neue Lebenssituation hineinwirft: Plötzlich frei. Und plötzlich von allen guten Geistern verlassen – der junge W. ohne Freunde, Familie, Bezugspunkte, der junge Carl plötzlich aus dem Nest geworfen, damit konfrontiert, dass seine scheinbar so angepassten Eltern unter den ersten Republikflüchtlingen sind mit Fernziel USA.

Wie umgehen mit dieser scheinbar grenzenlosen Freiheit, mit einem anderen Wertesystem, mit völlig anderen Koordinaten? Nach mehr als 30 Jahren deutscher Einheit machen die jüngsten politischen Entwicklungen deutlich, wie viele Illusionen geplatzt sind, wie viel Arbeit noch notwendig ist, um wirklich „zusammenzufügen, was zusammengehört“. In beiden Büchern, sowohl in „Stern 111“ und in „Die Wende im Leben des jungen W.“, geht es auch um das Scheitern von Utopien und Träumen. Die Wende, sie hätte ein Neuanfang für beide Teile des Landes sein können, doch siegt die Macht der Märkte, was Seiler am Beispiel der sofort einsetzenden Gentrifizierung in Berlin durchspielt, Wianka am Kunstmarkt.

Beide Romane haben deutlichen autobiografischen Hintergrund, beide Autoren sind in der ehemaligen DDR geboren und aufgewachsen: So sind diese Bücher auch Dokumente einer deutschen Geschichte, die im „Westen“ nicht wirklich so wahrgenommen wird. Und sie stehen trotz der Fiktionalisierung für Authenzität.

Zum Stilistischen:

Schon mit „Kruso“ tat ich mir streckenweise schwer. Seiler schreibt schön. Das ist nicht spöttisch gemeint: Er bietet Absätze, die funkeln, die von einer makellosen Sprache sind. Aber dann wiederum erscheint mir der Stil manches Mal auch etwas behäbig, zu verklausuliert-rätselhaft zudem – die surrealen Anklänge samt schwebender Ziege in „Stern 111“ nahmen mich nicht mit.

Der junge W. entwickelt einen eigenartigen Sog, Wianka schreibt eigenwillig und poetisch- bildhaft, auch wenn er sich manchmal in seinem Stil etwas vergaloppiert. Solche Satzkonstruktionen wirken zu gewollt, zu getragen: „Glaubenfrei und wissend sah ich Dich, als ich um die Abtei bog, gefestigt wir mir schien.“
Darüber kommt man jedoch, hat man sich in den Stil eingelesen, schnell hinweg, lässt sich hineinziehen in diese Lebensgeschichte.

Der Titel von Wiankas Roman drängt diesen Hinweis nun noch förmlich auf: Wer diese beiden Romane liest, der sollte, könnte auch wieder zu „Die neuen Leiden des jungen W.“ von Ulrich Penzdorf greifen. Der zeigt: Man scheitert nicht nur an der Liebe, sondern auch und vor allem an den Verhältnissen.

Informationen zu den Büchern:

Frederic Wianka
„Die Wende im Leben des jungen W.“
PalmArtPress 2020
Hardcover, 350 Seiten, 25,00 €
ISBN: 978-3-96258-050-6

Lutz Seiler
„Stern 111“
Suhrkamp Verlag 2020
Hardcover, 528 Seiten, 24,00 €
ISBN: 978-3-518-42925-9


 

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Thomas Wolfe: Eine Deutschlandreise

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Bild von Alexas_Fotos auf Pixabay

„Aber Deutschland ist die Heimat des Fremden. Das ist jedenfalls mein Eindruck. Seit jenen Tagen, da ich es zum ersten Mal betrat, vor acht Jahren, habe ich mich niemals fremd gefühlt. Ich weiß nicht, woran das liegt. Ich habe keine Möglichkeit, dies zu beweisen, aber ich glaube, es muss in dem alten übervölkerten Gehirn der Menschen so etwas wie eine Rassenerinnerung geben.“ (…) So werde ich, ohne dass ich es begründen kann, in diesen beiden Ländern immer vom Geist der Erinnerung gejagt. Es ist eine merkwürdige Tatsache, aber von dem Augenblick an, da ich dieses Land betrat, vor acht Jahren, habe ich sofort ein Wiedererkennen gespürt.“

Thomas Wolfe, „Eine Deutschlandreise“.

Thomas Wolfe (1900 – 1938), der beinahe 2 Meter große Schriftsteller, wurde von Zeitgenossen oft als riesenhafter Junge (beziehungsweise jungenhafter Riese) beschrieben. Er neigte zum Schwärmen, Ausschweifen, Tagträumen. Dies ist auch an seinen gigantomanischen Romanen, so seinem 1929 erschienenen Debüt „Schau heimwärts, Engel!“ und „Von Zeit und Fluss“ spürbar.

Und so fühlte sich dieser amerikanische Mystiker der literarischen Moderne auch von dem Land, mit dem er väterlicherseits verbunden war, eigenartig angezogen: Von der Freundlichkeit der Menschen, der Ordnung, der Schönheit der Weinberge, von den märchenhaften Wäldern. Sechs Mal besucht Wolfe zwischen 1926 und 1936 Deutschland: Hier fand er mit Ernst Rowohlt einen geeigneten Verleger und erfuhr insbesondere bei seinem letzten Besuch zur Zeit der Olympischen Spiele in Berlin auch, wie es sich anfühlt, eine literarische Berühmtheit zu sein – seine Romane fanden zweitweise in Deutschland mehr Anerkennung als in seiner amerikanischen Heimat.

Die Texte, die während dieser Reise entstanden, versammelt nun ein neu erschienener Band im Manesse Verlag: Das Buch „Eine Deutschlandreise“ umfasst Tagebuchnotizen, die Listen über die bei den Reisen gekauften Bücher und besuchten Museen, Briefe an seine Geliebte Aline, Postkarten an die Mutter und auch die Novellen – darunter die berühmte vom „Oktoberfest“ – die von Wolfe in und über Deutschland geschrieben wurden.

Gerade die Erzählung vom Oktoberfest zeigt, wie eng biographisches Leben und literarisches Verarbeiten bei diesem Schriftsteller verknüpft waren: Tatsächlich besuchte Wolfe mit dem Sohn seiner Münchner Gastwirtin das seinerzeit schon berühmteste Volksfest der Welt. Dort geriert der starke Trinker nach etlichen Maß Bier in eine heftige Prügelei. In einem Brief an seine damalige Geliebte Aline schildert er das Geschehen unverblümt und mit allen schlimmen Konsequenzen – Wolfe erlitt schwere Kopfverletzungen und musste ins Krankenhaus gebracht werden. Das blutige Ende seines Volksfestbesuches klammerte er in seiner Erzählung aus, aber andere Erlebnisse seines Oktoberfest-Bummels finden sich im Brief bereits skizziert und fast deckungsgleich in der Erzählung wieder.

Thomas Wolfe nimmt dabei zeitweise den Blick des Ethnologen ein, der, geprägt von eigenen Vorurteilen (von Beginn an tritt auch der hässliche Deutsche auf, der „Hunne“ mit Stiernacken, der unmäßig isst und trinkt), der fasziniert das Treiben der anderen betrachtet, der versucht, das Fremde zu erforschen:

„Die Wirkung dieser Menschenhorden überall in der riesigen und vernebelten Halle hatte etwas beinahe Übernatürliches und Rituelles: Etwas, das zum Wesen eines Volkes gehörte, war in diesen Horden beschlossen, etwas, so dunkel und seltsam wie Asien, etwas, das älter war als die alten barbarischen Wälder, etwas, das einen Altar umwogt und ein Menschenopfer dargebracht und verbranntes Fleisch verzehrt hatte.“

Trotz diesem Anblick der Massen beim Oktoberfest, bei dem „mir das Herz gefror“ und die in Wolfe Assoziationen zu „blondbezopften“ Kriegshorden hervorrufen, bleibt der Amerikaner, was das „Wesen dieses Tiers“ anbelangt, lange blind: Auch bei seinem letzten Besuch 1936 zeigt er sich unpolitisch und eher fasziniert von der Ordnung und Effizienz der Deutschen. Ganz unverblümt lässt er in seinen Notizen seine eigenen antisemitischen Vorurteilen freien Lauf, schreibt gar darüber, wie wenig Meinungsfreiheit man in seiner Heimat habe, wenn es um dieses Thema ginge. Doch einige Erlebnisse erschüttern ihn, führen zu einem Umdenken.

In der 1937 in einer amerikanischen Zeitung veröffentlichten Erzählung („Nun will ich Ihnen was sagen“) schildert er eine Bahnfahrt, bei der kurz vor der Grenze ein Jude verhaftet wird. Herausgeber Oliver Lubrich, der diese Erzählung auch in den Band der „Anderen Bibliothek“, „Reisen ins Reich“, aufnahm, analysiert detailreich in seinem Nachwort, wie sehr diese Erzählung die emotionale Abkehr Wolfes von seiner lang imaginierten Seelenheimat markiert.

„Es war die andere Hälfte meiner Herzensheimat. Es war die dunkle, verlorene Helena, die ich gefunden, es war die dunkle, gefundene Helena, die ich verloren hatte – und jetzt erkannte ich wie nie zuvor das ganze Ausmaß meines Verlusts – das ganze Ausmaß meines Gewinns – den Weg, der mir nun wohl auf immer versperrt sein würde – den Weg des Exils ohne Wiederkehr – und einen neuen Weg, den ich gefunden hatte.“

So ist „Eine Deutschlandreise“ nicht nur für Thomas Wolfe-Leser ein Kompendium, das verdeutlicht, welche Faszination, ja fast schon Hass-Liebe dieser Schriftsteller für Deutschland empfand, sondern auch ein Buch, das einen besonderen Blick auf ein Land kurz vor dessen größter Katastrophe aufzeigt.

Informationen zum Buch:

Thomas Wolfe, Oliver Lubrich (Hrsg.)
Eine Deutschlandreise
Manesse Verlag 2020
Gebunden, Schutzumschlag, Lesebändchen
416 Seiten, 13,5 x 21,5 cm, 16 s/w Abbildungen, 25,00 Euro
ISBN: 978-3-7175-2424-3


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Ulrich Becher: New Yorker Novellen

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Bild von Pexels auf Pixabay

„Doch er war frei von jedwedem Gruppenhaß. Indes ein Deutscher. Und akkurat dieser auf der Altleutebank hockende Deutsche, fürchtete der Doktor dumpf in schlafarmen Nächten, werde vor das Tribunal gezogen werden wegen der namenlosen Untaten der deutschen Schreckensherrscher …
Ja, er hatte heimliche Sorgen, der erfolgreiche Seelenwart der Park Avenue. Nicht war er ohne Liebe. Doch konnte sie nicht als Triebkraft seines Daseins gelten. Diese Triebkraft, die ihn hatte vom Schlachtfeld des Ersten Kriegs in die Schweiz fliehen, zum Pazifisten werden, aus dem Dritten Reich fliehen, zum Hitlergegner werden lassen, dieser Motor, der ihm nimmer erlahmte, trag einen knapperen Namen:
Angst.“

Ulrich Becher, „New Yorker Novellen“.

Alle paar Jahre wird sein Magnum Opus, der 1969 erschienene Roman „Murmeljagd“, wiederentdeckt und gefeiert (verdientermaßen), als sei diese literarische tour de force durch die Schweizer Berge ein aufsehenerregendes Debüt. Dabei wäre es mehr als überfällig, Ulrich Becher (1910 – 1990) gleichrangig mit anderen Autorinnen und Autoren der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur zu nennen und den Blick auf sein gesamtes Werk zu öffnen.

Wie Markus Bauer 2012 in „Der Tagesspiegel“ erwähnte, war der Berliner zu Lebzeiten in Österreich bereits ein Klassiker:

„Nach der Flucht von dem havarierenden Kontinent Europa nach Brasilien hatte der Exilant in den USA mit dem Piscator-Schauspieler Peter Preses das Stück „Der Bockerer“ über die Wurzeln des Faschismus in Österreich geschrieben, ein unübertroffenes, vielleicht nur noch vom „Herrn Karl“ seines engen Freundes Helmut Qualtinger sekundiertes Spiegelbild des Verhaltens der Alpenländler im Faschismus.“

Der Schöffling Verlag hat nun dankeswerterweise nicht nur die „Murmeljagd“ wieder aufgelegt, sondern auch die drei „New Yorker Novellen“, die zwanzig Jahre zuvor erschienen waren. Becher, den die Flucht vor den Nationalsozialisten durch etliche europäische Länder, schließlich nach Brasilien und 1944 an den Big Apple getrieben hatte, konnte diese Impressionen der New Yorker Zeit erst in deutscher Sprache veröffentlichen.

Drei Novellen, die das Fremdsein und Fremdbleiben, das Unbehauste der Vertriebenen, auf ganz unterschiedliche Art und Weise beschreiben. Eines haben sie jedoch gemeinsam: Diesen schwarzhumorigen Unterton, die beinahe groteske Verzerrung mancher Situationen, die nicht von ungefähr an George Grosz erinnern: Ulrich Becher, eine Doppelbegabung als Schreibender und Malender, war Schüler und Freund des großen Künstlers.

Doch trotz der Lust am Sprachwitz und ungeheurer Kapriolen – allein, wie aus dem schmächtigen Flüchtling Hans Heinz Nachtigall der wohlsituierte und erfolgreiche Psychoanalytiker John Henry Nightingale wird, zeugt von der Spielfreude des Autors – sind die Erzählungen auch geprägt von einem düsteren Setting: Der in den USA aufgestiegene Nightingale, der es nicht wagt, seinen betagten Vater in Deutschland, den er allein zurückließ, aufzusuchen, der arme jüdische Exilant, der in der Erzählung „Der schwarze Tod“ von seinen Erinnerungen an das Konzentrationslager Dachau eingeholt wird, der amerikanische Soldat, traumatisiert von den Kriegserlebnissen, der in „Die Frau und der Tod“ durch das nächtliche New York streift, einer ebenso betörenden und verstörten Frau auf der Spur.

Als diese New Yorker Novellen im Nachkriegsdeutschland erschienen, waren sie nicht unumstritten: Ausgerechnet dem Exilautor, der mit seinem Witz eben niemanden verschonte, soll „antisemitische Propaganda“ unterstellt worden sein, andere hielten ihn für einen unverbesserlichen Kommunisten. Es ist zu hoffen, dass Ulrich Becher, so wie es Moritz Wagner, Herausgeber der „New Yorker Novellen“ es in seinem Nachwort andeutet, auch eine Lebenseinstellung hatte, die er in seinen Werken immer wieder durchblicken lässt: Das Komische als Überlebenshilfe, kein „Lamento-Boy“ sein.

Schon alleine wegen dieser literarischen Herangehensweise, dieser satirisch-grotesken Betrachtung der Welt, aber auch wegen seiner Fabulierlust, den fast schon barocken Sprachspielereien, lohnt es sich, Ulrich Becher immer wieder und wieder zu lesen.

Informationen zum Buch:

Ulrich Becher
New Yorker Novellen
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Moritz Wagner
Schöffling Verlag, 2020
408 Seiten, Gebunden,  Lesebändchen, € 24,00 €[A] 24,70
Auch als E-Book erhältlich
ISBN: 978-3-89561-453-8


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Alexander Häusser: Noch alle Zeit

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Bild von Manolo Franco auf Pixabay

„Edvard saß vor dem Telefon und in ihm zogen und zerrten die Erinnerungen. Wenn du vergessen willst, hatte seine Mutter einmal gesagt, dann geh mit dem Strom auf dem Deich entlang. Der Fluss nimmt alle Erinnerung mit und trägt sie fort. Geht man gegen den Strom, kommt alles zurück, und was längst vergessen schien, taucht plötzlich wieder auf.“

Alexander Häusser, „Noch alle Zeit“.

Das ist das Problem mit Edvard: Obwohl bereits um die 60, hat er kaum Erinnerungen, die des Erinnerns wert wären. Ein ungelebtes Leben. Als Kind wird er eines Tages mit der Tatsache konfrontiert, dass ein Mensch, in diesem Fall der Vater, scheinbar über Nacht verschwinden kann. Das Leben dieses Mannes, selbst seine einzige Beziehung zu einer Frau, wird dominiert von der Sorge um die Mutter, die in seinen Augen die „Automatenkrankheit“ hat.

„Manchmal sprang sie an und funktionierte, als hätte man eine Münze eingeworfen“.

Meistens funktioniert sie jedoch nicht. Das und Edvards eigene Zaghaftigkeit führen dazu, dass das Mutter-Sohn-Gespann ein einsames Leben führt, ohne nennenswerte Kontakte zur Außenwelt. Die Koordinaten ändern sich erst mit dem Tod der Mutter: Edvard wird mit einem unerwarteten Erbe konfrontiert, durch das er erfährt, dass der Vater durchaus noch lange lebte und der Familie regelmäßig Geld zukommen ließ. Und plötzlich geht Edvard gegen den Strom, spürt seiner Vergangenheit, seinen Erinnerungen, dem Lebensweg seiner Eltern nach.

Seine Spurensuche führt in nach Norwegen, wo der Vater als Soldat stationiert gewesen war und eine neue, andere Liebe gefunden hatte, deren Anziehungskraft so groß war, dass er Frau und Kind hinter sich ließ. Edvard begegnet auf seiner Reise der Berliner Journalistin Alva, die ebenso wie er auf der Suche ist: nach Halt, nach Geborgenheit, nach Zugehörigkeit. Der ältere, lebensunerfahrene Mann und die fast drei Jahrzehnte jüngere Frau bilden ein ungleiches Gespann, das während der Reise an magische Orte Norwegens voneinander lernt, was Menschen verbinden kann: einander Stütze und Hilfe sein.

Alva, zurück in Berlin, reflektiert die hinter ihr liegenden Wochen:

„Alva steckte sich Songbird in die Ohren und öffnete ihre Arbeitskladde. Lemskos Blume lag gepresst zwischen den Seiten. Ein Beweisstück mehr, dass sie tatsächlich auf dieser Reise gewesen war, dass ihr nicht nur eine Geschichte blieb. Eine Geschichte, die man sich erzählen würde und von der irgendwann niemand mehr sagen könnte, ob sie wirklich wahr ist. Weil es ein Wunder gewesen war, dass sie Edvard getroffen hatte.“

Beide erkennen – wenn auch Edvard reichlich spät – dass sie „noch alle Zeit“ der Welt haben, ein neues Leben zu beginnen und sie erkennen, was dazu gehört:

„Und sie dachte: ich muss nicht mehr suchen, was ich brauche. Ich brauche mich.“

Das ist leise, sehr zurückgenommen erzählt, mit einer Sensibilität, die die Brüche, das Unausgesprochene und das Unerreichbare in diesen Biographien sichtbar macht. Auch wenn Peter Henning in seiner großartigen Besprechung im Deutschlandfunk von einem „Desillusionierungsroman“ spricht, so ist dies zugleich auch ein Buch, das Hoffnung macht: Dass „noch alle Zeit“ bleibt, ein Leben zu leben. Und nicht zuletzt verlockt einen dieser Roman mit seinen poetischen Naturbeschreibungen, einmal selbst die Magie Norwegens zu erleben.

Peter Henning würdigt den Schriftsteller, der sich mit seinen ruhig-poetischen Romanen Zeit lässt:

„Alexander Häusser zählt zu jenen Autoren, die nicht nach Markt und Moden schielen. Seine Produktion vollzieht sich in der Regel quälend langsam, dauert – wie im vorliegenden Fall – mitunter acht Jahre und länger, und steht damit den Rhythmen der Branche, die von einem Autor alle zwei Jahre ein Buch einfordert, zuwider. Gleichwohl ist mit dem vorliegenden Roman ein ganz besonderer Autor neu und wieder zu entdecken. Einer vom Schlage der Christoph Meckel und Klaus Böldl – also der Großen Stillen im Land. Ein Schriftsteller, dessen Arbeiten konsequent versammeln was wirklich bedeutende Literatur ausmacht:  Genauigkeit, Beharrlichkeit und die Weigerung, sich vorschnell zufrieden zu geben.“

Informationen zum Buch:
Alexander Häusser
Noch alle Zeit
Pendragon Verlag 2019
Gebunden mit Lesebändchen, 280 Seiten, PB, Euro 24,00
ISBN: 978-3-86532-655-3

Weitere Besprechungen finden sich bei Leseschatz und Dieter Wunderlich.


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Annette Stroux und Fred Reber im Gespräch: Das Gewicht von Nähe

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Bild von Free-Photos auf Pixabay

Chris schluckt. Damals, als sie aus dem Krankenhaus zurück in Bens Wohnung kamen und die Ereignisse sie am Schlafen hinderten, hatte er zu ihm gesagt:
„Dad, das musst du aufschreiben. Das ist ja wie ein Krimi.“
„Wo denkst du hin. Das geht nicht.“
„Wieso?“
„Weil ich der Auslöser war für die ganze Geschichte.“

Fred Reber, „Das Gewicht von Nähe“

Die ganze Geschichte zwischen Ben und Nina endet drei Jahre zuvor: Am Beginn des Romans sehen wir einen Mann, der blutend an einer Bushaltestelle steht. Geflüchtet aus der Wohnung einer Frau, die ihn zunächst faszinierte und dann immer mehr durch ihr obsessives Verhalten irritiert. Fred Reber beschreibt in seinem zweiten Roman feinfühlig und mit viel Gespür für die Psychologie seiner Figuren die Entwicklung einer gestörten Beziehung.

Ben, der sich als Buchhalter durchs Leben schlägt, aber eigentlich von einem Leben als Schriftsteller träumt, lernt eines Abends in einer Hotelbar die attraktive Nina kennen. Erst später wird ihm bewusst, dass diese faszinierende Frau eine schwedische Schlagersängerin ist, für die er als Jugendlicher schwärmte. Ihr Ruhm ist jedoch schon längst verblasst, die Tage des großen Erfolgs lange schon vorbei.

Zu Beginn der Beziehung erscheint Ben alles im schönen Schein. Doch nach und nach stellt er fest, dass Nina in ihrer Vergangenheit gefangen ist. Ihre Idee, Ben solle eine Biographie über sie verfassen, wird schließlich zur Belastungsprobe, als Ben sich zurückziehen will, eskaliert die Situation. Fred Reber erzählt dies mit Gespür für die Psychologie seiner Figuren, insbesondere Nina gewinnt mehr und mehr an Kontur. Als wäre man an Bens Seite, erlebt man den einstigen Star zunächst als souveräne Frau, die im Laufe der Geschichte immer mehr Schattenseiten bis hin zu psychotischen Zügen zeigt. Das ist auch spannend zu lesen und gute Unterhaltungsliteratur mit Tiefgang.

Am Ende des Buches treffen wir Ben wieder: Er liest, drei Jahre nach den Vorkommnissen, an der Musikhochschule München aus seinem Roman, der ihm endlich den ersehnten Erfolg als Schriftsteller bescherte. Doch zu welchem Preis: Schließlich ist der Roman auch die Verarbeitung seiner dramatischen Liebesgeschichte.

Und hier schließt sich auch der Kreis zum Verlag, in dem Fred Rebers Roman „Das Gewicht von Nähe“ erschien: Denn in dem kleinen, aber feinen Programm der „STROUX edition“ (ein Verlagsportrait in der Süddeutschen Zeitung findet sich hier), erscheinen Bücher, die um das Phänomen der Erinnerung kreisen – seien es fiktionalisierte Geschichten wie das „Gewicht von Nähe“, seien es Familienportraits wie im beim „Bücherhamstern“ vorgestellten „Findelkind“.

Die Literaturagentur „Ehrlich & Anders“ hat dieser Tage die Aktion #25tage25büchergestartet,  um Bücher in dieser schwierigen Zeit für den Buchmarkt sichtbar zu machen. Für #25tage25bücher sprach ich mit Verlegerin Annette Stroux und Autor Fred Reber über den Verlag und den Roman.

Frau Stroux, Ihr Verlag widmet sich dem Thema „Erinnerung“ – es geht also um Autobiografisches, biografisches Erzählen? Wie und wann entstand die Verlagsidee? 

Annette Stroux: Die Auseinandersetzung mit dem Phänomen „Erinnerung“ begleitet mich schon seit der Kindheit. In meiner Familie gab es immer wieder heftige Auseinandersetzungen über bestimmte Erlebnisse und die völlig unterschiedliche Bereitschaft und Fähigkeit, sich daran zu erinnern. Bei den einen wurde alles ausgeschmückt und fast als eine Art Waffe gegen jedes entspannte Beisammensein benutzt, die anderen rasteten aus, sobald an ihre Erinnerungen gerührt wurde. Irgendwann merkte ich, dass Erzählen und Schreiben aus der Quelle des Autobiographischen eine besondere Qualität haben kann – und daraus entwickelte sich mein Verlagsschwerpunkt.

Es gibt ja zunehmend mehr Menschen, die ihre Lebenserinnerungen festhalten und auch veröffentlicht haben wollen. Was zeichnet die Qualität eines Manuskriptes aus, was muss eine fiktionalisierte Lebensgeschichte mitbringen, damit Sie sich für eine Veröffentlichung entscheiden? 

Annette Stroux: Das Thema muss von allgemeinem Interesse sein. Eine meiner ersten Publikationen war ein (auto-)biographischer Roman über den Algerienkrieg (La grande Bleue). Das Buch finde ich fast exemplarisch. Aber es müssen nicht unbedingt historische Ereignisse sein – auch persönliche Extremsituationen und der Umgang damit interessieren mich sehr.

Herr Reber, in „Das Gewicht von Nähe“ geht es auch um das lose Projekt einer Biografie, eine Frau will die eigenen Erinnerung festhalten. Beim Lesen wurde mir deutlich, wie sehr man selbst auch dazu neigt, die eigene Vergangenheit zu verklären. War das mit ein Hintergedanke? 

Fred Reber: Vor Jahren war Nina ein großer Star. Sie hat ihre Karriere aus freien Stücken aufgegeben. Mich hat interessiert, wie sie reagiert, wenn ihr jemand wie Ben anbietet, ihre Biografie zu schreiben.Ich wollte zeigen, wie sie sich selbst wahrnimmt. Und ich fand es spannend, was es mit ihr macht, wenn ihre Wünsche und unerfüllten Sehnsüchte erneut geweckt werden.

Im Grunde weiß sie, was in ihrem Leben falsch gelaufen ist, und dass sie ihren Teil dazu beigetragen hat. Sie will es sich nur nicht eingestehen und so fängt sie an, ihr früheres Leben zu verklären.

Steckt in der Erzählung auch ein autobiografisches Element?

Fred Reber: Ich war vor Jahren mit einer Frau befreundet, deren Leben ähnlich verlief, wenn auch in einem anderen Umfeld. Das war der Ausgangspunkt für den Text, der sich dann immer mehr verselbstständigt hat.

Wie kam der Kontakt zwischen Autor und Verlag in diesem Fall zustande, was hat Sie, Frau Stroux, an dem Manuskript fasziniert? 

Annette Stroux: Mit Fred Reber kam ich über eine Lesung in Kontakt. Mich hat einerseits interessiert, dass Fred Reber schon einmal einen Roman im Selfpublishing erfolgreich veröffentlicht hatte – und dann kam die Story dazu. Am Anfang und am Ende seines Romans stehen persönliche Grenzerfahrungen – und seine Erzählweise lässt erkennen, dass ihn die Frage nach dem „Was war da eigentlich?“ nie wirklich losgelassen hat. Man sagt ja, dass das autobiographische Gedächtnis das aktuelle Selbst immer besser bewertet als das Selbst der Vergangenheit und – dass Erinnern ein kreativer Prozess ist. Auch darüber erzählt „Das Gewicht von Nähe“ sehr anschaulich.

Informationen zum Buch:

Fred Reber
Das Gewicht von Nähe
STROUX edition, 2019
Gebunden, 268 Seiten, auch als E-Book erhältlich
ISBN 978-3-948065-04-1


 

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