Ilva Fabiani: Meine langen Nächte

In “Meine langen Nächte” lässt Ilva Fabiani eine Tote auf ihre Entwicklung zur überzeugten Nationalsozialistin und ihren Dienst als “braune Schwester” zurückblicken. Der preisgekrönte Debütroman liegt nun in deutscher Erstübersetzung vor.

„Erneut werde ich vom Wind hochgehoben und weggetragen, weg von dieser weit zurückliegenden Nacht, weg vom Ruf des Waldkauzes. Dass sich mein Leben einige Jahre später fast nur noch nachts abspielen sollte, hätte ich damals nie geahnt. Das Hu Huhu dieser kleinen nachtaktiven Kreatur würde mich in den finsteren Nächten noch lange begleiten, in denen ich verzweifelt versuchte, meine am Tag verlorene Seele zu retten.“

Ilva Fabiani, „Meine langen Nächte“


Es ist eine ungewöhnliche Erzählperspektive, die Ilva Fabiani für ihren in Italien mehrfach ausgezeichneten Debütroman gewählt hat: Anna Alrutz spricht aus dem Reich der Toten zu den Lesern, reflektiert 90 Jahre später, wie es zu ihrer großen Lebensverirrung kommen konnte, warum sie im Glauben an eine furchtbare Ideologie dazu beitrug, das Leben anderer Menschen zu zerstören.

Die Wahl dieser Perspektive erscheint wie ein intelligenter Kunstgriff: Wie kann man sich dem Unbegreiflichen fiktional annähern, zumal als Autorin, die 1970, also lang nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten geboren ist? Fabiani gelingt es durch diese Technik, die tote Anna Alrutz selbst über ihre Kindheit und Jugend und ihre ideologische Verblendung reflektieren zu lassen und auf Erklärungssuche für das Unbegreifliche zu gehen.

Dass dies nicht ganz überzeugend aufgeht, mag zum einem daran liegen, dass selbst ein Roman, der versucht, seine Hauptfigur psychologisch so fein zu ziselieren, wie es Fabiani unternimmt, keine vollkommene Aufklärung bieten kann: Das Unbegreifliche entzieht sich immer ein Stück weit dem Wunsch nach logischer Nachvollziehbarkeit. Und darüber hinaus sind in der – freilich fiktiven – Vita der Anna Alrutz doch viele Grundlagen vorhanden, um nicht auf die „schwarze“ respektive „braune“ Seite zu rutschen.

Die verlorene Generation

Zwar gehört Anna altersmäßig zur „verlorenen Generation“, materiell spürt sie davon allerdings wenig.

„Jedem, der wie ich im Jahr 1907 geboren wurde, hätte das Jahrhundert normalerweise die Ehre zuteilwerden lassen, gleich zwei verheerende Kriege mitzuerleben.“

Doch, wie sie selbst sagt, wird sie vor dem Ersten Weltkrieg „durch eine Art kindliche Unversehrtheit bewahrt.“ Als älteste Tochter einer wohlhabenden Familie aus Braunschweig bekommt Anna die Not der Nachkriegsjahre selbst kaum mit, auch vom Hunger und der Armut ganzer Bevölkerungsschichten ist im Roman wenig die Rede. Die Familie kann es sich nach wie vor leisten, ihre Sommer im Kurort Salzgitter zu verbringen, Anna kann zudem später als eine der wenigen Frauen ein Medizinstudium aufnehmen. Ihr Vater vertritt liberale Ansichten, das Aufkommen der Nationalsozialisten betrachtet er mit Entsetzen und versucht, so gut es geht, seinen Kindern einen bildungsbürgerlich geprägten Humanismus vorzuleben.

Wohlbehütet in Krisenzeiten

Eine junge Frau, die also wohlbehütet aufwächst und in ihrem Lebensumfeld wenig von den sozialen Unruhen und Ungleichgewichten, die in ihrem Heimatland herrschen, spürt. Als in Salzgitter der Spielkamerad ihres Bruders krankenhausreif geschlagen wird, weil er Jude ist, ist Anna helfend zur Stelle, spricht gar davon, das Kind in die Familie aufzunehmen. Es fehlt ihr also nicht an Empathie und Mitgefühl. Was ihr im Wege steht, ist jedoch ein übergroßer Ehrgeiz und das Gefühl, nicht gut genug, nicht schön genug zu sein. Dass die Aufmerksamkeit der Eltern sich auf die schwerkranke jüngere Schwester Annas konzentriert sowie die vergebliche Verliebtheit in einen verheirateten, evangelischen Pastor trägt dazu bei, um die junge Frau anfällig für Verblendungen zu machen.

Die Beziehung zu einem Reichswehr-Mann und SA-Soldaten sieht sie als gewisse Aufwertung. Später, als Tote, versucht sie dies zu rechtfertigen:

„Mein Beinahe-Verlobter war ein Mörder und ich wusste nichts davon. Ich war eine ebenso dumme Gans wie viele andere Mädchen meines Alters.“

Sätze wie dieser hinterlassen einen Nachgeschmack, erinnern an die Haltung vieler Deutscher, die von „nichts etwas gewusst hatten“. In ihrem Ansatz, das Abrutschen in eine Ideologie überwiegend auf der psychologischen Ebene zu erklären, wird Ilva Fabiani an anderer Stelle noch deutlicher:

„Wie soll man den Enkelkindern denn erzählen, dass die Großmutter sich auf den Nationalsozialismus eingelassen hat, weil sie sich mit siebzehn Jahren wie eine alte hässliche und hoffnungslose Jungfer fühlte? Wie dem Wind, der mich hochhebt und wieder hinunterwirft, erklären, dass die Macht des Leitwolfs darin bestand, das Innerste jedes Einzelnen aufzuwühlen, wo sich die Enttäuschungen, die Ängste, die Schicksalsschläge und die Einsamkeit verbergen?“

Vielleicht, das kann ich nur spekulieren, lag das Motiv Fabianis, ihre Hauptfigur so zu charakterisieren, darin, ihren Lesern zu zeigen: Keiner ist vor solchen ideologischen Verführbarkeiten gefeit, jeden kann es, wenn er sich in einer Lebenskrise befindet, treffen. Ganz geht diese Rechnung für mich jedoch nicht auf, zu wenig nachvollziehbar bleibt für mich der Weg zu wohlbehüteten Mädchen hin zur „braunen Schwester“ und zurück: Wieder ist es die Liebe, dieses Mal zu einem französischen Medizinstudenten mit jüdischen Wurzeln, die Anna am Ende die Augen öffnet und erneut „umdreht“. Von der Mittäterin wird sie zu einer Frau, die Widerstand übt, den sie letzten Endes als Hochverräterin mit dem Leben bezahlt.

Zwangssterilisationen als Programm

Am bewegendsten und greifbarstem wird der Roman für mich im letzten Drittel, als Fabiani detaillierter auf das Euthanasie-Programm der Nationalsozialisten und deren Programm der Zwangssterilisation eingeht: Schätzungsweise bis zu 400.000 Menschen wurden dem unterworfen, weil sie als „erbkrank“ eingestuft wurden, zum Teil aus ganz willkürlichen Gründen.

Auch an der Universitätsklinik Göttingen, wo Ilva Fabiani, die als Italienisch-Dozentin an der Göttinger Universität tätig ist, Anna ihren Dienst als „braune Schwester“ tun lässt, kam es dazu: „Leider ganz real sind die 787 Frauen, die in den Räumlichkeiten der Klinik auf schreckliche Weise und vollkommen willkürlich sterilisiert wurden. Ihnen und den wenigen Krankenschwestern, die sich ihrer erbarmten, ist diese Geschichte gewidmet“, schreibt die Autorin im Nachwort.

Dort, wo sie Anna, die sich als „braune Schwester“ an den Sterilisationen beteiligt, von den einzelnen Frauen, deren Widerstand gegen den Eingriff, deren Ängsten und Verzweiflung erzählen lässt, ist das Buch am stärksten.

„Die Sterilisationen waren im Grunde einfache Eingriffe. Schwierig war hingegen die Aufnahme der Patientinnen. Manchmal wurden die Frauen von der Polizei gebracht, und wir mussten sie sofort sedieren. Die Aufsässigsten von ihnen wurden in einen Raum eingeschlossen (…). Keine Bettlaken, nur feste Wolldecken, die man nicht zusammenknoten konnte.“

Die an diesen Stellen nüchterne Erzählweise zeigt die ganze Perversion des nationalsozialistischen Systems. Wie sehr darin gerade auch Ärzte und Wissenschaftler verstrickt waren, welchen Aderlass Universitäten wie Göttingen durch die Vertreibung jüdischer und nicht gleichgeschalteter Wissenschaftler (Max Born, Felix Bernstein, Emmy Noether) erfuhren, auch das wird auf den letzten Seiten eindrucksvoll deutlich.

Der Wechsel aus poetischen Passagen und nüchterner Detailbeschreibung, die Erzählperspektive, die die Hauptfigur auf ihre Vergangenheit blicken lässt, aber vor allem die Thematik der „braunen Schwestern“ machen „Meine langen Nächte“ zu einem lesenswerten Roman, auch wenn mir die Protagonistin in ihrer Entwicklung „unfassbar“ und seltsam fremd blieb.


Bibliographische Angaben:

Ilva Fabiani
Meine langen Nächte
Übersetzt von Birgit Ulmer
Steidl Verlag, 2023
ISBN 978-3-96999-198-5

Dieter Lohr: “Ohne Titel. Aquarell auf Karton. Unsigniert.”

Mit einem vielstimmigen Text nähert sich Dieter Lohr dem Schicksal des Dadaisten Alfred Seidl an, der beinahe zum Opfer der Euthanasie geworden wäre.

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Alfred Seidl (1892 – 1953), ohne Titel, um 1922, Aquarell auf Papier, 9 x 19,3 cm © Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinik Heidelberg (Inventarnummer 4502)

Karthaus, 3. Februar 1933

Lieber Florian!

Was ist denn nun die ostmärkische Scholle? Ist`s Regensburg, ist es Karthaus? München auf alle Fälle ist es nicht, und wer alle heiligen Herrschaftszeiten in der heiligen Heimat vorbeizuschauen sich genehmt und dann seinen werten Herrn Bruder, den wahrhaft Schollenverhafteten, in seiner Schollerei für nicht besuchswürdig erachtet, der ist ein Auswanderer, mein Herr, und nicht bemächtigt, sich Schollenkönig zu nennen. Lass er sich das gesagt sein.
Ob das neue Kabinett Hitler was dran ändert?

Es grüßt
Alfred

Glückwunsch zum neuen Stück; möge ihm Erfolg beschieden und beschienen sein.

Dieter Lohr, „Ohne Titel. Aquarell auf Karton. Unsigniert.“


Ist der Brief fiktiv oder nicht? Ist`s ein dokumentarisches Zeugnis, ist es Fiktion? Die Leser bleiben am Ende im Ungewissen. Und doch entsteht ein greifbares Portrait, ersteht ein Leben wieder auf in all seiner Dramatik und am Ende ist es auch gleichgültig, was von den Mosaiksteinen in diesem interessant konstruierten Buch Wahrheit ist und was Dichtung: Fassbar wird dennoch das Schicksal eines Malers und Schriftstellers zwischen Genie und Wahnsinn und das Barbarentum einer wahnsinnigen Zeit.

Frühe Anzeichen einer psychischen Erkrankung

Alfred Seidl, soviel ist gewiss, kam 1892 als Sohn einer gutbürgerlichen Familie auf die Welt. Nach einem abgebrochenen Jurastudium in München ging er zurück in seine Heimatstadt, betätigte sich dort als Maler und Schriftsteller. Früh zeigt er Symptome einer psychischen Erkrankung, 1921 wird er das erste Mal in die Heil- und Pflegeanstalt Karthaus-Prüll eingewiesen. Dort will man in der Zwischenkriegszeit in der Behandlung psychisch Kranker Reformen einführen, so wird die Arbeitstherapie ausgebaut, aber auch das kreative Talent der Patienten gefördert. Seidl, der sich dem Dadaismus nahe fühlt, schafft einige Werke, die nicht zuletzt auch in die berühmte Prinzhorn-Sammlung gelangen.

Euthanasie trifft psychisch kranke Menschen

Die Reformbemühungen in der Psychiatrie werden mit dem Nationalsozialismus gestoppt, die Heilanstalten zu Tötungsanstalten, mit der Aktion „T4“ setzt die Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ ein. Auch Alfred Seidl, der schillernde, auffallende Künstler, der gerne mal im Kaftan oder im Büßerhemd durch Regensburg wandelt, soll mit den „grauen Bussen“ in den Tod transportiert werden. Gerettet wird er von seinem Bruder Florian – ein Schriftsteller, der mit Volk- und Boden-Literatur Karriere macht, strammer Nazi ist und dessen Name in Regensburg noch lange für heftige Diskussionen sorgte: Erst 1999 wird eine nach ihm benannte Straße umbenannt, nachdem es heftige Diskussionen gegeben hatte.

Im Zentrum des Buches stehen jedoch nicht die Briefe zwischen den Brüdern – oder vielmehr die Briefe Alfreds an Florian, Gegenstücke sind nicht enthalten. Vielmehr, und das ist ein Problem der komplexen Konstruktion, ist diese fiktionale Annäherung an eine Biographie ein Mosaik aus dokumentarischen Texten, denen zuweilen das Zentrum abhandenkommt.

Zeitzeugnisse und Dokumente über den Künstler

Wo die biographische Erzählung ergänzt und unterbrochen wird durch Originaltexte um die Themenkomplexe der „Art Brut“, der Euthanasie, der Psychiatriegeschichte und des Umgangs der Nationalsozialisten mit Kranken und Behinderten, durch Zeugnisse der Regensburger Zeit, Reden, Briefe und Zeitungsartikel, sowie durch Gedankensplitter eines Vincent (die Nähe zu van Gogh ist unverkennbar), der wohl das alter ego Alfred Seidls ist, wird „Ohne Titel“ zu einem eindringlichen Buch, das vor Augen führt, was Intoleranz (auch eine Mahnung in die Gegenwart hinein) und Rassenwahn zur Folge haben.

Doch Lohr führt mit zwei weiteren Ebenen, die in der Gegenwart spielen – dort treiben ein Kunstkäufer und eine Kunstagentin den Markt für den bis dahin noch wenig bekannten Art brut-Künstler Seidl an und es kommt der Autor, der im Dialog mit einem unbenannten Anderen die Vorgänge des Buches reflektiert, selbst zu Wort – ein weiteres Thema ein, das als Kritik am Kunstmarkt verstanden werden könnte. Dass auf dem Kunstmarkt „art brut“ hoch gehandelt und gefeiert wird, die Künstler selbst und deren Schwierigkeiten am Leben darüber selbst jedoch oftmals vergessen werden – das ist ein Punkt, der aus diesen Ebenen jedoch nicht klar hervorgeht, der in der Fülle des Materials ein wenig verschwindet. Auch wenn es die Intention des Autors Dieter Lohr ist, die Leser im Ungewissen zu lassen, was „echt“ und was „gefälscht“ ist – die Vielzahl der Stimmen lenkt vom Kern ab, erschwert den Zugang.

Aber es soll nicht mit Erbsenzählen enden: „Ohne Titel. Aquarell auf Karton. Unsigniert.“ ist ein wichtiges, eindringliches Buch, das mit der fiktionalen Biographie eines Einzelnen auf ein Thema hinführt, das nicht vergessen werden darf.

„Erbsünde erbkrankt die Erblinde. Erblindung des Erbschmerzes, des Welt- und Erbschmerzes im Erblassen erblasen erlesen des Erbenzählers Zahlen. Zahlenzähler. Erbrechen erbrechnen abrechnen, abzählen. Ab und zu Müllers Kuh im Schafsgewand im Erbsünderhemd der Erbsünderbock die Erbsengemeinschaft.“


Informationen zum Buch:

Dieter Lohr
„Ohne Titel. Aquarell auf Karton. Unsigniert.“
BALAENA Verlag, Landesberg am Lech, 2020
Gebunden, 372 Seiten, umfangreiches Namensverzeichnis, 32,00 Euro
ISBN 978-3-9819984-2-9

Homepage von Dieter Lohr: http://dieterlohr.de/

Robert Domes: Nebel im August

Der 14jährige Ernst Lossa fiel der Euthanasie zum Opfer. Robert Domes verarbeitete das Schicksal des Jungen zu einem gelungenen Jugendbuch.

Ernst Lossa wurde von den Nationalsozialisten allein wegen seiner Herkunft als Jenischer in eine Nervenheilanstalt eingewiesen.
Bild von Peter H auf Pixabay

„Er schließt die Augen und versucht, sein aufgeregtes Herz zu beruhigen. Die Stimme seiner Mutter klingt aus einer fernen Zeit zu ihm her. Nach Sonnenuntergang beginnt die Stunde der Engel, hat sie immer gesagt. Er stellt sich vor, ein Engel geht durch die Station, vorbei an den Krüppeln und Idioten, an den Gelähmten und Blinden, an den Schreienden, die man ans Bett gebunden hat, und den Stillen, die nur vor sich hin sabbern. Der Engel geht vorbei und alle werden ganz friedlich. Am Ende kommt er auch zu Ernst, berührt ihn mit seinem Flügel an der Schulter und zwinkert ihm zu.

Robert Domes, „Nebel im August. Die Lebensgeschichte von Ernst Lossa.”

Im Januar 1934 trat das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses in Kraft. Damit gaben sich die Nationalsozialisten den scheinbar gesetzlichen Rahmen für alle Maßnahmen im Rahmen der Euthanasie-Aktionen. Letztendlich verstand sich darunter nichts anderes als der Massenmord an psychisch kranken und geistig behinderten Menschen, die massenhafte Zwangsterilisation und die Beseitigung von Menschen, die nicht in das System passten. Menschen, deren Dasein als „lebensunwertes Leben“ bezeichnet wurde – ein Begriff, der bereits 1920 geprägt worden war. Die kursierenden und zum Teil absurden pseudowissenschaftlichen Thesen zur Volksgesundheit, der Begriff von einem gesunden „Volkskörper“ – der gedankliche Boden war bereits schon bereitet, damit Ärzte und Pfleger ohne moralische Bedenken von Heilern zu Mördern werden konnten. Im Nationalsozialismus wurde, was bereits gedacht war, getan und auf eine perverse Spitze getrieben.

Ein schwieriges Thema für ein Jugendbuch – doch der Autor Robert Domes hat daraus ein sehr berührendes Buch gemacht, in dem er behutsam und mit viel Einfühlungsvermögen den Schicksalsweg eines Jugendlichen nachzeichnet, der der Euthanasie zum Opfer fiel. Es ist ein Buch, das jungen Leuten die Augen öffnen kann – darüber, was es heißt, andere auszugrenzen, Vorurteile zu hegen, aber auch darüber, dass jeder Zivilcourage zeigen kann: So wie es Ernst Lossa tat.

Mit dem Marion-Samuel-Preis ausgezeichnet

Domes zeigt in seinem berührenden Jugendbuch „Nebel im August“ an einem wahren Schicksal die Geschehnisse in einer Heil- und Pflegeanstalt auf. Nicht ohne Grund wurde das Buch ausgezeichnet mit dem “Marion-Samuel-Preis” der Stiftung Erinnern, mit dem “Bronzenen Lufti”, dem Literaturpreis der Jugendbuch-Jury der Mecklenburgischen Literaturgesellschaft und mit der Verdienstmedaille des Jenischen Bundes.

Ernst Lossa stammt aus einer Landfahrerfamilie, sie sind Jenische, ziehen mit ihren Waren durch ganz Süddeutschland. Im Nationalsozialismus sieht sich die Familie immer häufiger Übergriffen und Verfolgung ausgesetzt. Als die Mutter stirbt und der Vater in ein Konzentrationslager deportiert wird, kommt Ernst in ein Waisenhaus. Als „Zigeuner“ abgestempelt, flüchtet sich der Junge in der Strenge der Institution in eine Traumwelt, lernt zu lügen und zu stehlen. 1940 wird der Zehnjährige in ein NS-Erziehungsheim überstellt, auch dort fällt er auf, statt Hilfe und Verständnis erhält das Kind die Diagnose „angeborene Stehlsucht“. Damit ist der Weg in den Untergang vorgezeichnet: Als diagnostizierter “asozialer Psychopath“ gilt er als nicht heilbar, ist „lebensunwert“.

Zitat von der Internetseite des Autors:

„Am 20. April 1942 – ausgerechnet am “Führergeburtstag” – wird Ernst in eine Heilanstalt eingewiesen. Der Junge, der weder behindert noch geisteskrank ist, findet unter den Verrückten, Gelähmten und Anfallskranken das, was er lange vermisst hat: Eine Familie. Ernst erlebt Geborgenheit, Freundschaft und verliebt sich über beide Ohren in eine Mitpatientin. Doch bald entdeckt Ernst, dass hinter der Fassade der Heilanstalt unheimliche Dinge geschehen. Patienten werden fortgebracht, ausgehungert oder sterben aus mysteriösen Gründen. Ernst versucht, das unmenschliche System zu unterwandern, schlitzohrig, mutig und mit großem Herzen. Und weiterhin träumt er von der Freiheit und dem Leben im Planwagen. Dabei ahnt der 14-Jährige nicht, wie sehr er selbst in Lebensgefahr schwebt. Im Sommer 1944, als den Deutschen dämmert, dass der Krieg verloren ist, bekommen die Todespfleger die Weisung: Ernst Lossa muss beseitigt werden.“

Robert Domes hat mit „Nebel im August“ Ernst Lossa, dessen Kindergesicht uns von der Titelseite her so ernst anblickt, dem Vergessen entrissen. Dafür hat der Autor akribisch in den Unterlagen und Akten der Allgäuer Anstalt, in der Ernst Lossa die letzte Zeit seines Lebens verbrachte, recherchiert. Die anrührende Lebensgeschichte dieses Jungen, dessen einziger „Fehler“ (in den Augen der Mörder) es war, unangepasst zu sein, eignet sich gut als Lektüre mit Jugendlichen (empfohlen ab 14 Jahren) in diesem Alter. Zum Buch gibt es Unterrichtsmaterial für Lehrer und Schüler.

Wer in das Thema „Euthanasie im Nationalsozialismus“ einsteigen möchte, findet dazu einen lesenswerten Aufsatz von Gerrit Hohendorf, Psychiater und Medizinhistoriker, in dem eben erst erschienen Taschenbuch, „Was hat der Holocaust mit mir zu tun? 37 Antworten“. Der Sammelband, für den Überlebende des Holocaust, Politiker, Schriftsteller und Fachleute verschiedener Gebiete Essays geschrieben haben, wendet sich an Jugendliche und Erwachsene, will bewusst einladen, das Thema und die im Buch aufgeworfenen Fragen zum Nationalsozialismus zu diskutieren.

Zitat aus dem Aufsatz von Gerrit Hohendorf:

„Doch die beunruhigende Frage bleibt: Warum haben Ärzte, die doch heilen sollen, beim Töten von kranken Menschen und Menschen mit Behinderungen mitgemacht? Weder Gesetz noch Befehl oder Terror haben sie dazu gezwungen. Viele waren überzeugt, an einem großen „Erlösungswerk“ mitzuwirken. (…) Die grausame Realität der Krankenmorde im Nationalsozialismus lässt uns ratlos zurück. Doch bleiben zwei Gedanken, die zur Vorsicht mahnen. Wenn Ärzte und Bürokraten des Gesundheitswesens meinen, über den Wert menschlichen Lebens entscheiden zu können, so maßen sie sich ein Urteil an, das unheilvolle Konsequenzen nach sich ziehen kann. (…) Und: Es gibt kein gutes ärztliches Töten – auch dann nicht, wenn man meint, aus Mitleid oder aus dem Gedanken der Erlösung heraus zu handeln.“

Die Internetseite von Robert Domes

Robert Domes
Nebel im August
Die Lebensgeschichte des Ernst Lossa
cbj Jugendbuch, 2008
Taschenbuch, Broschur, 352 Seiten, 12,5 x 18,3 cm
ISBN: 978-3-570-30475-4
Link zur Verlagsseite „Nebel im August“