Dieter Lohr: „Ohne Titel. Aquarell auf Karton. Unsigniert.“

Header-Seidl-e1555489571112

Alfred Seidl (1892 – 1953), ohne Titel, um 1922, Aquarell auf Papier, 9 x 19,3 cm © Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinik Heidelberg (Inventarnummer 4502)

Karthaus, 3. Februar 1933

Lieber Florian!

Was ist denn nun die ostmärkische Scholle? Ist`s Regensburg, ist es Karthaus? München auf alle Fälle ist es nicht, und wer alle heiligen Herrschaftszeiten in der heiligen Heimat vorbeizuschauen sich genehmt und dann seinen werten Herrn Bruder, den wahrhaft Schollenverhafteten, in seiner Schollerei für nicht besuchswürdig erachtet, der ist ein Auswanderer, mein Herr, und nicht bemächtigt, sich Schollenkönig zu nennen. Lass er sich das gesagt sein.
Ob das neue Kabinett Hitler was dran ändert?

Es grüßt
Alfred

Glückwunsch zum neuen Stück; möge ihm Erfolg beschieden und beschienen sein.

Dieter Lohr, „Ohne Titel. Aquarell auf Karton. Unsigniert.“

Ist der Brief fiktiv oder nicht? Ist`s ein dokumentarisches Zeugnis, ist es Fiktion? Die Leser bleiben am Ende im Ungewissen. Und doch entsteht ein greifbares Portrait, ersteht ein Leben wieder auf in all seiner Dramatik und am Ende ist es auch gleichgültig, was von den Mosaiksteinen in diesem interessant konstruierten Buch Wahrheit ist und was Dichtung: Fassbar wird dennoch das Schicksal eines Malers und Schriftstellers zwischen Genie und Wahnsinn und das Barbarentum einer wahnsinnigen Zeit.

Alfred Seidl, soviel ist gewiss, kam 1892 als Sohn einer gutbürgerlichen Familie auf die Welt. Nach einem abgebrochenen Jurastudium in München ging er zurück in seine Heimatstadt, betätigte sich dort als Maler und Schriftsteller. Früh zeigt er Symptome einer psychischen Erkrankung, 1921 wird er das erste Mal in die Heil- und Pflegeanstalt Karthaus-Prüll eingewiesen. Dort will man in der Zwischenkriegszeit in der Behandlung psychisch Kranker Reformen einführen, so wird die Arbeitstherapie ausgebaut, aber auch das kreative Talent der Patienten gefördert. Seidl, der sich dem Dadaismus nahe fühlt, schafft einige Werke, die nicht zuletzt auch in die berühmte Prinzhorn-Sammlung gelangen.

Die Reformbemühungen in der Psychiatrie werden mit dem Nationalsozialismus gestoppt, die Heilanstalten zu Tötungsanstalten, mit der Aktion „T4“ setzt die Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ ein. Auch Alfred Seidl, der schillernde, auffallende Künstler, der gerne mal im Kaftan oder im Büßerhemd durch Regensburg wandelt, soll mit den „grauen Bussen“ in den Tod transportiert werden. Gerettet wird er von seinem Bruder Florian – ein Schriftsteller, der mit Volk- und Boden-Literatur Karriere macht, strammer Nazi ist und dessen Name in Regensburg noch lange für heftige Diskussionen sorgte: Erst 1999 wird eine nach ihm benannte Straße umbenannt, nachdem es heftige Diskussionen gegeben hatte.

Im Zentrum des Buches stehen jedoch nicht die Briefe zwischen den Brüdern – oder vielmehr die Briefe Alfreds an Florian, Gegenstücke sind nicht enthalten. Vielmehr, und das ist ein Problem der komplexen Konstruktion, ist diese fiktionale Annäherung an eine Biographie ein Mosaik aus dokumentarischen Texten, denen zuweilen das Zentrum abhandenkommt.

Wo die biographische Erzählung ergänzt und unterbrochen wird durch Originaltexte um die Themenkomplexe der „Art Brut“, der Euthanasie, der Psychiatriegeschichte und des Umgangs der Nationalsozialisten mit Kranken und Behinderten, durch Zeugnisse der Regensburger Zeit, Reden, Briefe und Zeitungsartikel, sowie durch Gedankensplitter eines Vincent (die Nähe zu van Gogh ist unverkennbar), der wohl das alter ego Alfred Seidls ist, wird „Ohne Titel“ zu einem eindringlichen Buch, das vor Augen führt, was Intoleranz (auch eine Mahnung in die Gegenwart hinein) und Rassenwahn zur Folge haben.

Doch Lohr führt mit zwei weiteren Ebenen, die in der Gegenwart spielen – dort treiben ein Kunstkäufer und eine Kunstagentin den Markt für den bis dahin noch wenig bekannten Art brut-Künstler Seidl an und es kommt der Autor, der im Dialog mit einem unbenannten Anderen die Vorgänge des Buches reflektiert, selbst zu Wort – ein weiteres Thema ein, das als Kritik am Kunstmarkt verstanden werden könnte. Dass auf dem Kunstmarkt „art brut“ hoch gehandelt und gefeiert wird, die Künstler selbst und deren Schwierigkeiten am Leben darüber selbst jedoch oftmals vergessen werden – das ist ein Punkt, der aus diesen Ebenen jedoch nicht klar hervorgeht, der in der Fülle des Materials ein wenig verschwindet. Auch wenn es die Intention des Autors Dieter Lohr ist, die Leser im Ungewissen zu lassen, was „echt“ und was „gefälscht“ ist – die Vielzahl der Stimmen lenkt vom Kern ab, erschwert den Zugang.

Aber es soll nicht mit Erbsenzählen enden: „Ohne Titel. Aquarell auf Karton. Unsigniert.“ ist ein wichtiges, eindringliches Buch, das mit der fiktionalen Biographie eines Einzelnen auf ein Thema hinführt, das nicht vergessen werden darf.

„Erbsünde erbkrankt die Erblinde. Erblindung des Erbschmerzes, des Welt- und Erbschmerzes im Erblassen erblasen erlesen des Erbenzählers Zahlen. Zahlenzähler. Erbrechen erbrechnen abrechnen, abzählen. Ab und zu Müllers Kuh im Schafsgewand im Erbsünderhemd der Erbsünderbock die Erbsengemeinschaft.“

Informationen zum Buch:

Dieter Lohr
„Ohne Titel. Aquarell auf Karton. Unsigniert.“
BALAENA Verlag, Landesberg am Lech, 2020
Gebunden, 372 Seiten, umfangreiches Namensverzeichnis, 32,00 Euro
ISBN 978-3-9819984-2-9

Homepage von Dieter Lohr: http://dieterlohr.de/


 

Spende? Gerne!

Wer das Engagement dieses Blogs unterstützen möchte, kann dies gerne mit einem Beitrag via Paypal tun. Oder ganz klassisch mit einer Überweisung, die Daten dafür finden sich im Impressum.

€5,00

Robert Domes: Nebel im August

stolperstein_irsee_06

Bildquelle: Wikimedia, Thomas Springer

„Er schließt die Augen und versucht, sein aufgeregtes Herz zu beruhigen. Die Stimme seiner Mutter klingt aus einer fernen Zeit zu ihm her. Nach Sonnenuntergang beginnt die Stunde der Engel, hat sie immer gesagt. Er stellt sich vor, ein Engel geht durch die Station, vorbei an den Krüppeln und Idioten, an den Gelähmten und Blinden, an den Schreienden, die man ans Bett gebunden hat, und den Stillen, die nur vor sich hin sabbern. Der Engel geht vorbei und alle werden ganz friedlich. Am Ende kommt er auch zu Ernst, berührt ihn mit seinem Flügel an der Schulter und zwinkert ihm zu.

Robert Domes, „Nebel im August“. Die Lebensgeschichte von Ernst Lossa. Verlag cbt, ab 13 Jahren, Taschenbuch, 352 Seiten, ISBN: 978-3-570-30475-4

Im Januar 1934 trat das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses in Kraft. Damit gaben sich die Nationalsozialisten den scheinbar gesetzlichen Rahmen für alle Maßnahmen im Rahmen der Euthanasie-Aktionen. Letztendlich verstand sich darunter nichts anderes als der Massenmord an psychisch kranken und geistig behinderten Menschen, die massenhafte Zwangsterilisation und die Beseitigung von Menschen, die nicht in das System passten. Menschen, deren Dasein als „lebensunwertes Leben“ bezeichnet wurde – ein Begriff, der bereits 1920 geprägt worden war. Die kursierenden und zum Teil absurden pseudowissenschaftlichen Thesen zur Volksgesundheit, der Begriff von einem gesunden „Volkskörper“ – der gedankliche Boden war bereits schon bereitet, damit Ärzte und Pfleger ohne moralische Bedenken von Heilern zu Mördern werden konnten. Im Nationalsozialismus wurde, was bereits gedacht war, getan und auf eine perverse Spitze getrieben.

Ein schwieriges Thema für ein Jugendbuch – doch der Autor Robert Domes hat daraus ein sehr berührendes Buch gemacht, in dem er behutsam und mit viel Einfühlungsvermögen den Schicksalsweg eines Jugendlichen nachzeichnet, der der Euthanasie zum Opfer fiel. Es ist ein Buch, das jungen Leuten die Augen öffnen kann – darüber, was es heißt, andere auszugrenzen, Vorurteile zu hegen, aber auch darüber, dass jeder Zivilcourage zeigen kann: So wie es Ernst Lossa tat.

Domes zeigt in seinem berührenden Jugendbuch „Nebel im August“ an einem wahren Schicksal die Geschehnisse in einer Heil- und Pflegeanstalt auf. Nicht ohne Grund wurde das Buch ausgezeichnet mit dem „Marion-Samuel-Preis“ der Stiftung Erinnern, mit dem „Bronzenen Lufti“, dem Literaturpreis der Jugendbuch-Jury der Mecklenburgischen Literaturgesellschaft und mit der Verdienstmedaille des Jenischen Bundes.

Ernst Lossa stammt aus einer Landfahrerfamilie, sie sind Jenische, ziehen mit ihren Waren durch ganz Süddeutschland. Im Nationalsozialismus sieht sich die Familie immer häufiger Übergriffen und Verfolgung ausgesetzt. Als die Mutter stirbt und der Vater in ein Konzentrationslager deportiert wird, kommt Ernst in ein Waisenhaus. Als „Zigeuner“ abgestempelt, flüchtet sich der Junge in der Strenge der Institution in eine Traumwelt, lernt zu lügen und zu stehlen. 1940 wird der Zehnjährige in ein NS-Erziehungsheim überstellt, auch dort fällt er auf, statt Hilfe und Verständnis erhält das Kind die Diagnose „angeborene Stehlsucht“. Damit ist der Weg in den Untergang vorgezeichnet: Als diagnostizierter „asozialer Psychopath“ gilt er als nicht heilbar, ist „lebensunwert“.

Zitat von der Internetseite des Autors:

„Am 20. April 1942 – ausgerechnet am „Führergeburtstag“ – wird Ernst in eine Heilanstalt eingewiesen. Der Junge, der weder behindert noch geisteskrank ist, findet unter den Verrückten, Gelähmten und Anfallskranken das, was er lange vermisst hat: Eine Familie. Ernst erlebt Geborgenheit, Freundschaft und verliebt sich über beide Ohren in eine Mitpatientin. Doch bald entdeckt Ernst, dass hinter der Fassade der Heilanstalt unheimliche Dinge geschehen. Patienten werden fortgebracht, ausgehungert oder sterben aus mysteriösen Gründen. Ernst versucht, das unmenschliche System zu unterwandern, schlitzohrig, mutig und mit großem Herzen. Und weiterhin träumt er von der Freiheit und dem Leben im Planwagen. Dabei ahnt der 14-Jährige nicht, wie sehr er selbst in Lebensgefahr schwebt. Im Sommer 1944, als den Deutschen dämmert, dass der Krieg verloren ist, bekommen die Todespfleger die Weisung: Ernst Lossa muss beseitigt werden.“

Robert Domes hat mit „Nebel im August“ Ernst Lossa, dessen Kindergesicht uns von der Titelseite her so ernst anblickt, dem Vergessen entrissen. Dafür hat der Autor akribisch in den Unterlagen und Akten der Allgäuer Anstalt, in der Ernst Lossa die letzte Zeit seines Lebens verbrachte, recherchiert. Die anrührende Lebensgeschichte dieses Jungen, dessen einziger „Fehler“ (in den Augen der Mörder) es war, unangepasst zu sein, eignet sich gut als Lektüre mit Jugendlichen in diesem Alter. Zum Buch gibt es Unterrichtsmaterial für Lehrer und Schüler.

Wer in das Thema „Euthanasie im Nationalsozialismus“ einsteigen möchte, findet dazu einen lesenswerten Aufsatz von Gerrit Hohendorf, Psychiater und Medizinhistoriker, in dem eben erst erschienen Taschenbuch, „Was hat der Holocaust mit mir zu tun? 37 Antworten“, Herausgeber Harald Roth, Pantheon Verlag, 304 Seiten, ISBN: 978-3570552032. Der Sammelband, für den Überlebende des Holocaust, Politiker, Schriftsteller und Fachleute verschiedener Gebiete Essays geschrieben haben, wendet sich an Jugendliche und Erwachsene, will bewusst einladen, das Thema und die im Buch aufgeworfenen Fragen zum Nationalsozialismus zu diskutieren.

Zitat aus dem Aufsatz von Gerrit Hohendorf:

„Doch die beunruhigende Frage bleibt: Warum haben Ärzte, die doch heilen sollen, beim Töten von kranken Menschen und Menschen mit Behinderungen mitgemacht? Weder Gesetz noch Befehl oder Terror haben sie dazu gezwungen. Viele waren überzeugt, an einem großen „Erlösungswerk“ mitzuwirken. (…) Die grausame Realität der Krankenmorde im Nationalsozialismus lässt uns ratlos zurück. Doch bleiben zwei Gedanken, die zur Vorsicht mahnen.
Wenn Ärzte und Bürokraten des Gesundheitswesens meinen, über den Wert menschlichen Lebens entscheiden zu können, so maßen sie sich ein Urteil an, das unheilvolle Konsequenzen nach sich ziehen kann. (…)
Und: Es gibt kein gutes ärztliches Töten – auch dann nicht, wenn man meint, aus Mitleid oder aus dem Gedanken der Erlösung heraus zu handeln.“

Link zur Internetseite des Autoren Robert Domes:
http://www.robertdomes.com/nebel-im-august.html

Link zur Verlagsseite „Nebel im August“:
http://www.randomhouse.de/Taschenbuch/Nebel-im-August-Die-Lebensgeschichte-des-Ernst-Lossa/Robert-Domes/e261951.rhd?edi=261951

Link zur Verlagsseite „Was hat der Holocaust mit mir zu tun?“:
http://www.randomhouse.de/Paperback/Was-hat-der-Holocaust-mit-mir-zu-tun-37-Antworten/Harald-Roth/e419453.rhd?mid=1