Uwe Wittstock: Februar 33. Der Winter der Literatur.

Wenn man sich dieser Tage darüber echauffiert, wie mühsam und zäh sich in einer vielfältiger gewordenen Parteienlandschaft der Regierungsbildungsprozess gestaltet, ja, dem sei nicht nur Geduld angeraten, sondern vielleicht auch die Lektüre dieses Buches. Prozesse in der Demokratie brauchen ihre Zeit. Notstandsgesetze sind dagegen schnell erlassen, der Terror regiert ohne Rücksicht auf langatmige Meinungsbildung.

Dass der Wandel einer zwar maroden Weimarer Republik hin zum nationalsozialistischem Terrorregime rasend schnell ging, ist jedem mit etwas historischem Interesse zwar bewusst. Aber wie sehr dies die Intellektuellen – die es ja vielleicht besser hätten wissen können – überraschte und überrollte, das macht der Literaturkritiker und Schriftsteller Uwe Wittstock mit seinem Band „Februar 33“ eindrucksvoll deutlich.

Zwischen der Machtergreifung Hitlers und den ersten brennenden Büchern lagen nur wenige Wochen. Und obwohl der „Stürmer“ und andere nationalsozialistischen Presseorgane schon in den Jahren zuvor keine Zweifel daran ließen, dass Autorinnen und Autoren und Journalisten wie Carl von Ossietzky, Erich Mühsam oder Gabriele Tergit auf ihren schwarzen Listen standen, dass selbst der Literaturnobelpreisträger Thomas Mann, der mit den „Betrachtungen eines Unpolitischen“ noch zu den Befürwortern des Ersten Weltkriegs gezählt hatte, argwöhnisch beäugt wurde – ja trotz dieser offenen Feindschaft zu allem, was als intellektuell, meinungsstark und links galt – ja trotzdem wurde diese Zielgruppe quasi über Nacht nicht nur zum Staatsfeind Nummer eins, sondern zu Gefangenen, Verfolgten, Ermordeten. Erich Mühsam, bereits 1934 von KZ-Wächtern erschlagen, war eines der ersten Todesopfer, die in Wittstocks Buch ihren Platz finden.

Er bezeichnet es im Untertitel als den „Winter der Literatur“: In den wenigen kalten Wochen ab dem 30. Januar 1933 wurden die Straßen tatsächlich buchstäblich leergefegt von allem, was zuvor die lebendige, laute und intellektuell herausragende Weimarer Zeit ausgemacht hatte. Wittstock schreibt in seinem Vorwort: „(…) über Schriftsteller und Künstler im Februar 1933 wissen wir unvergleichlich mehr Persönliches als über jede andere Gruppe. Ihre Tagebücher und Briefe wurden gesammelt, ihre Notizen archiviert, ihre Erinnerungen gedruckt und von Biografen mit detektivischem Ehrgeiz durchleuchtet.“

Der Autor, davon zeugt auch die umfangreiche Liste an „benutzter“ Literatur, die Wittstock benennt, hält sich eng an diese Fakten, gibt im Nachwort auch einen Werkstatteinblick, in dem er erläutert, wie er mit diesen Quellen umging. Das ist wohltuend: Gab es in den vergangenen Jahren doch auch eine gehäufte Anzahl an Büchern aus dem Bereich literarischer Dokumentation und fiktionalisierter Biographien, die diese Einblicke nicht erlaubten – und die Lesenden ratlos im Bereich zwischen Dichtung und Wahrheit zurückließen. Doch die große Stärke des Buches ist, dass Wittstock, anstatt anekdotenhaft ein ganzes Kaleidoskop an Schicksalen und Figuren aufzufächern, um diese Zeit zu bebildern, sich auf ein gutes Dutzend (oder etwas mehr) Protagonisten beschränkt und die Fäden der einzelnen Schicksale und ihre Verknüpfungen immer wieder aufgreift. So am Beispiel von Thomas Mann, Bert Brecht und Hanns Johst, der 1935 Präsident der Reichsschrifttumskammer wird und bereits 1933 die Gleichschaltung der Sektion Dichtung an der Preußischen Akademie der Künste betreibt.

„Eine faszinierende Konstellation: drei Schriftsteller, die sich nach dem Ersten Weltkrieg in München über den Weg laufen und deren Entwicklung unterschiedlicher nicht sein könnte.“

Gerade am Schicksal der Akademie macht Wittstock eindrücklich deutlich, wie vehement und gut organisiert sich die Nationalsozialisten die Meinungshoheit eroberten und Andersdenkende ausschalteten, wie schnell Mitläufer bereit waren, sich anzupassen oder narzisstische Naturen wie Gottfried Benn versuchten, die Zeitenwende für sich zu nutzen. In der Akademie, den Gesprächszirkeln, den Stammkneipen und den Cafés, in die Wittstock die Leser mitnimmt, war eine Frage, ein Zwiespalt der beherrschende: Gehen oder bleiben? Widerstand aus dem Innern oder aus dem Exil? Und wenn Flucht, was konnte einen dort erwarten? Über Oskar Maria Graf meint Wittstock:

„München und Bayern sind für Graf mehr als nur die Heimat. Sie sind für ihn als Schriftsteller das wichtigste Thema, das unentbehrliche Material, von dem er lebt. Worüber wird er schreiben, wenn er jetzt ins Ausland geht?“

Aber Graf weiß auch: „Unter den Nazis würden seine Geschichten niemals gedruckt und verkauft werden dürfen.“

Wie Thomas Mann von seinen Kindern geradezu gedrängt werden muss, nach einer Lesereise nicht in dieses Deutschland zurückzukehren, das über Nacht ein anderes geworden ist, wie Carl von Ossietzky, sein Schicksal erahnend, beschließt, zu bleiben, wie Brecht, Döblin und andere auf gepackten Koffern sitzen, dies alles verbindet Uwe Wittstock sehr gekonnt mit den parallel verlaufenden Entwicklungen auf der politischen Ebene. Vom Presseball, wo der letzte Tanz der Republik stattfindet, rüber in die Reichskanzlei, wo in der Wohnung des Franz von Papen die Machtübernahme eingefädelt wird, bis gegen Ende des Buches hinein in die Folterkammern der SA: Das liest sich streckenweise atemlos und – wäre es nicht bittere deutsche Vergangenheit – auch wie ein Krimi.

Seit „1913: Der Sommer des Jahrhunderts“ ist diese Technik der zeitgeschichtlichen Collage geradezu en vogue. Und wie es halt so geht: Da kommen dann auch etliche Schnellschüsse auf den Markt, die nicht allzu sehr überzeugen. Wie gut, dass sich Wittstock für dieses Buch, das einen elementaren Einschnitt in die deutsche Geistesgeschichte beschreibt, offenbar Zeit zum Recherchieren und Schreiben gelassen hat. Ein gelungenes Buch, das nochmals deutlich macht, welchen geistigen Verlust die deutsche Literatur und Kunst in diesen wenigen Wochen erlitten hat.

Gabriele Tergit: Effingers

„(…) Ben ist Engländer. Er hat sich naturalisieren lassen.“
„Das finde ich aber merkwürdig. Ich war doch schließlich ein politischer Emigrant und habe meinen Weg in Frankreich gemacht, aber ich bin nie auf die Idee gekommen, ich könnte mich naturalisieren lassen, trotzdem ich die herrlichen Jahre des zweiten Kaiserreichs dort verlebte.“
„Wir fanden das auch merkwürdig von Ben, aber Ben hat in Bezug auf Deutschland und besonders auf den Antisemitismus so seine Ansichten.“
„Ach, man soll doch das nicht so überschätzen. In Berlin, wissen Sie, kommen alle möglichen Bewegungen hoch und verschwinden wieder. Es geht uns doch nichts an, wenn eine minderwertige kleine Partei uns nicht zu den Deutschen rechnen will. Die Hauptsache ist, daß wir uns als Deutsche fühlen.“

Gabriele Tergit, „Effingers“, Schöffling & Co.

Emmanuel Oppner, einer der Grandseigneure dieses Romans, wird es glücklicherweise nicht mehr erleben, wie sehr er sich täuscht. Er verstirbt 1908, noch in seinem Bett. Seinen Nachfahren, man weiß es aus der Geschichte, wird ein anderes Schicksal zuteil.

Thea Dorn schwärmte im „Literarischen Quartett“ von diesem Buch und Nicole Henneberg schreibt in ihrem Nachwort zu längst fälligen Wiederausgabe: „Was für ein großartiger Roman!“. Dem kam man mit keiner Silbe widersprechen: „Effingers“, das ist ein gewaltiger Familienroman, ein deutsches Epos, ein Generationenbuch, ein Berlinroman, lebendige Geschichtsschreibung am Beispiel zweier fiktiver Familien. Viel hat Gabriele Tergit (1894 – 1982), die wendige und intelligente Gerichtsreporterin und Autorin, dem Schicksal ihrer Familie entliehen, vieles, was sie beschreibt, kennt sie aus ihrem Erleben und ihrem Milieu: Und das macht dieses Buch so groß- und einzigartig.

Opulenter Generationenroman

Erzählt wird die Geschichte zweier Familien über mehrere Generationen hinweg, vom Kaiserreich über die Kriegsjahre und die kurze Zeit der Weimarer Republik bis hin zur Machtergreifung durch die Nationalsozialisten. Beide, sowohl die Effingers, die ursprünglich aus einem kleinen Handwerkerbetrieb in Süddeutschland kommen, als auch die Oppners, eine alteingesessene Bankiersfamilie, sind jüdischer Herkunft. Doch Religion und Zugehörigkeit spielen in ihrem Alltag meist eine nachrangige Rolle – in erster Linie sind sie deutsche Bürger.

Der vielfach angeführte Vergleich mit den Buddenbrooks kommt nicht von ungefähr: Tergit erzählt auf diesen rund 900 Seiten vom Aufstieg und Fall einer Familie. Doch ihr Blick, ihr Tonfall ist ein ganz anderer als der Mann`sche: Weniger prätentiös, lebendiger, dialogreich, voller Verve, voller Wärme und Witz. Sie mag ihre Figuren, selbst mit deren Schattenseiten. Und davon gibt es viele genug: Denn mit dem Wandel der Zeiten, mit dem zunehmenden Reichtum und dem nachfolgenden Absturz kommen nicht alle gleichermaßen zurecht. Zudem wird die Orientierungslosigkeit, die Sinnentleerung, das Suchen nach Werten und einem Halt gerade der jungen Zwischenkriegsgeneration greifbar: Die alten Traditionen zählen nicht mehr, was kommen wird ist ungewiss.

Jens Bisky schreibt in seiner Besprechung in der Süddeutschen Zeitung:
„Dieser große Roman des zwanzigsten Jahrhunderts ist in vielem außergewöhnlich. Historisch glänzend informiert, aber nie belehrend vergegenwärtigt Gabriele Tergit ein Panorama der Berliner Geschichte zwischen Reichsgründung und Zerstörung der Stadt. Ihre Bankiers und Unternehmer sind, was selten ist in der deutschen Literatur, keine Karikaturen, vielmehr ehrliche, irrende, mehr oder weniger gescheite Geschäftsleute.“

Jüdische Lebenswelt detailliert geschildert

Diese Wahrhaftigkeit, diese realitätsgetreue Schilderung ist es, die mich an diesem Roman so zu begeistern mochte: Die Figuren des Romans werden beim Lesen zu Menschen, die man sich beinahe bildhaft vergegenwärtigen kann, man lebt mit ihnen, man lacht und leidet mit ihnen. Am Ende ist man erleichtert, dass es dem lebenslustigen Paar Lotte und Erwin gelingt, in das Exil zu flüchten, am Ende ist man traurig und wütend, weil der hochbetagte Waldemar – ein liberal gesinnter Jurist, lebensklug und weise, wenig anfällig für die Ideologien seiner Zeit – von den Nazischergen verschleppt wird.

In keinem anderen Roman habe ich so viel nicht nur über die Lebenswelt deutscher Juden, die von den Nationalsozialisten zerstört wurde, sondern überhaupt über die Mentalität und Gedankenwelt dieser Zeit erfahren. Denn noch eines unterscheidet die „Effingers“ von den „Buddenbrooks“: Der Roman ist noch viel weitgehender in das gesellschaftliche und politische Geschehen verankert.

Herauszuheben ist auch, dass das Buch im Grunde ein Buch der Frauen ist: Es zeigt, wie sich deren Rolle ändert – es reicht von der Welt der in Konventionen erstarrten Bankiersgattinnen Selma und Eugenie bis hin zu den jungen Frauen, die zwischen Anpassung an das Alte und Selbstbestimmung hin- und hergerissen sind.

Dass Gabriele Tergit so realitätsgenau schrieb, dass sie ihre Menschen als Menschen beschrieb, mit ihren Stärken und Charakterfehlern, dies war für die Veröffentlichung ihres Roman, den sie bereits in Berlin begann und an dem sie dann im Exil noch Jahre schrieb, in den 1950er-Jahren ein Hindernisgrund: Im Nachkriegsdeutschland wollte man solche Bücher nicht. Das Buch erschien zunächst nur in gekürzter Fassung und dann erst in den späten 1970er-Jahren im Zuge einer späten Wiederentdeckung der Autorin.

Dass der Schöffling Verlag es nun wieder herausgebracht hat, ist eine literarische Wohltat. Und einmal mehr kann ich mich nur der Aussage von Thea Dorn anschließen: „Dass dieses Buch nicht längst ein fester Bestandteil des deutschen literarischen Kanons ist, halte ich für einen Skandal.“

Bibliographische Angaben:

Gabriele Tergit
Effingers
Schöffling & Co., 2019
28, 00 Euro, 904 Seiten, gebunden, Lesebändchen
ISBN 978-3-89561-493-4


Weitere Informationen:

Autorinnenportrait
Rezension in der Süddeutschen Zeitung
Käsebier erobert den Kurfürstendamm

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Gabriele Tergit: Käsebier erobert den Kurfürstendamm

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Bild von Michael Kauer auf Pixabay

„Ich kannte diese Stadt noch“, dachte er, „als sie noch aussah fast wie eine Stadt, als man noch nicht Haus bei Haus abgerissen hatte, als noch das Wollager im Hohen Hause war und die Planwagen in der Klosterstraße standen, am Hackeschen Markt noch die Hollmannsche Schule war und alles dort voll Gärten. Es ist kein Platz mehr für den Menschen und seine Sehnsucht.“ Er wanderte weiter, kam an den Schloßplatz und ging die Französische Straße lang. Niemand begegnete ihm. Er war zurückgekehrt nach 1000 Jahren in die verfallene Stadt. Unbewohnt waren die Häuser, nur manchmal stand ein alter Gott davor in bortenbesetzter Uniform, der Schlüssel hielt. Nie mehr würden hier Menschen atmen. Das Lachen starb, als die Menschen zugrunde gingen. Er nur allein war aufgeweckt. Er war müde, die Sohlen brannten ihm. „Müde Füße“, dachte er, „das mildeste Tun ist, die Füße zu waschen. Wir haben aufgehört zu wandern, wir haben keine müden Füße mehr, wir haben niemanden, der sie uns wäscht, verratenes Herz, getäuschtes Vertrauen in den großen Städten.“

Gabriele Tergit, „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“, Erstausgabe 1931, Schöffling & Co., 2016.

Ein wenig lässt der melancholische Gedankengang des Redakteurs Miermann an Georg Heyms „Gott der Stadt“ denken – der expressionistische Furor, mit dem Heym bereits 1910 die menschenfressende Metropole beschrieb, klingt in diesen Zeilen ebenfalls durch. Und macht deutlich, wer in diesem Roman aus der Weimarer Republik tatsächlich die Hauptrolle spielt: Nicht der titelgebende Volksliedsänger Käsebier, nicht der gescheiterte Schriftsteller Miermann, nicht das ganze Panoptikum an Bauspekulanten, vom Konkurs bedrohten Bankern, windigen Medienleuten und halbseidenen Damen. Sondern sie steht im Mittelpunkt, die Stadt, DIE Stadt der Weimarer Republik an sich, Berlin.

Der 1931 beim Ernst Rowohlt Verlag erschienene Roman hat alles, was eine gute Satire braucht: Witz, Tempo, messerscharfe Dialoge, eine turbulente Handlung, starke Typen. Erzählt wird vordergründig von Aufstieg und Fall des nur mittelmäßig begabten Alleinunterhalters Käsebier. Eine über ihn verfasste Story dämmert bei der Berliner Rundschau vor sich hin, rutscht als Platzhalter eher zufällig in die Zeitung, wird aber von einem aufstiegsgierigen freien Journalisten hochgeputscht – die Maschine kommt ins Rollen, es gibt kein Halten mehr: Käsebier wird von der Halbwelt und der feinen Welt entdeckt, bekommt Auftrittsverträge, eine Welttournee, Grundstücksspekulanten planen ein Käsebier-Varieté am Kurfürstendamm, Käsebier-Biographien werden verfasst, Käsebier-Puppen finden reißenden Absatz, das Käsebier-Merchandising läuft auf Hochtouren. Doch die Blase platzt so schnell, wie sie sich entwickelt hat – das Publikum findet einen neuen Liebling, am Ende ist eine Zeitung plattgemacht, eine Bank geht Konkurs und Käsebier verschwindet in der Provinz.

Alle, die in diesem Zirkus auftreten, sind „Menschen der Zeit“, wie ein altgedienter Journalist anmerkt:

„Der Erfolg ist eine Sache der Suggestion und nicht der Leistung.“
Miermann würde sagen: „Dieser einzige Satz erklärt den ganzen Faschismus, ihr seid feige Sklaven, ihr braucht Autorität.“

Man schluckt ein wenig bei diesem fein eingestreuten Bosheiten, den locker formulierten Zwischentönen, die ihre eigene Wahrheit in sich bergen: Denn der ganze Käsebier-Rummel erinnert an die It-Girls und Boys von heute, der Bauwahn an die Gentrifizierung der Städte der 2000er-Jahre, die Krise der Berliner Rundschau an die Verlagskrisen unserer Zeit. So merkt denn auch Nicole Henneberg in ihrem Nachwort „Die sieben fetten Jahre im Leben einer Generation“ an:

„Heute ist diese Geschichte wieder brennend aktuell: Es ist haargenau dieselbe Krise, unter der jetzt die Printmedien ächzen, und die vermeintlichen Problemlösungen gleichen sich bis ins Detail, bis zur Neueinführung wöchentlicher Mode-, Kosmetik- und Klatsch-Seiten in bis dahin ernsthaften Blättern.“

Gabriele Tergit (1894 – 1982) hatte mit ihrem Roman durchaus ein Stück Realsatire verfasst, aus eigenem Erleben als Journalistin, die den Untergang ihrer Zeitungsredaktion zusehen musste, geschöpft. Tergit war neben „Sling“ (Paul Schlesinger), die Gerichtsreporterin der Weimarer Zeit, ungewöhnlich in jenen Jahren, war der Gerichtssaal doch noch eine reine Männerdomäne. Die freie Autorin und Literaturkritikerin Nicole Henneberg schreibt über diese interessante Autorin, die neben zahlreichen Feuilletonberichten, Reportagen, auch drei Romane und ihre Erinnerungen verfasst hatte:

„So wird sie die erste deutsche Gerichtsreporterin, und erst durch ihre nachdenklichen, klugen Schilderungen, die stets das gesellschaftliche Umfeld eines Falles und vor allem den erstarkenden rechten Nationalismus von Richtern und Staatsanwälten im Blick behalten, wird die Gerichtsreportage zu einer literarischen Gattung.“

Ihre genaue Beobachtungsgabe, die „Straßenweisheit“, die sie auch im Gerichtssaal lernt, aber vor allem ihr rascher Geist und ihr Witz prägen auch den Käsebier-Roman und machen ihn auf eine besondere Art und Weise auch höchst unterhaltsam. Dies zeigt ein Blick ins Wohnzimmer des Ehepaares Käsebier:

„Sie hatte hochblondes Haar, trug Stöckelschuh und sehr grelle Kleider. Sie war Feuer und Flamme für den Kurfürstendamm: „Denn ne große herrschaftliche Wohnung, weißt du, wo wir`n schönes Büfett stellen können, und ne neue Küche möchte ich dann auch haben, nich? (…)
Aber Männe, ich versteh dich nich? Was willste denn. Sie machen`n Tonfilm für dich. Du bist berühmt. Du warst im Wintergarten. Was klebste denn hier an de Hasenheide? Kannst doch Caruso werden, ladet dich Hindenburg ein, singste vorm König von England, bei uns is et ja nischt Rechtes mehr so ohne gekröntes Haupt.“

So locker der Roman daherkommt – er spricht eine deutliche Sprache, ist kritisch und hochpolitisch. Für ihre deutliche antifaschistische Haltung zahlte Gabriele Tergit einen hohen Preis, zumal sie auch noch aus einer jüdischen Familie stammte: Schon am 4. März 1933 versucht ein SA-Kommando ihre Wohnung zu stürmen, am nächsten Tag gelingt der Journalistin und Schriftstellerin die Flucht nach Prag. Ab 1935 lebt sie mit ihrem Mann und ihrem Sohn in Palästina, später siedelt die Familie nach London um. Sie teilt das Schicksal vieler Künstler, die von den Nationalsozialisten vertrieben wurden: Sie wird in Deutschland vergessen, erst spät beginnt man sich wieder für ihr Werk zu interessieren.

Bei Schöffling & Co. erschienen 2014 „Der alte Garten“ und 2015 „Der glückliche Gärtner“, 2016 folgte „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“, das inzwischen auch als btb-Taschenbuch zu erhalten ist. Weitere Werke sind laut Verlagsangaben in Vorbereitung.

Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.schoeffling.de/buecher/gabriele-tergit/käsebier-erobert-den-kurfürstendamm

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