MICHAEL KLEINHERNE: Absinth

„Ich sehe dir eine Weile zu, bis ich nach meiner Urlaubslektüre greife und versuche, in den Text einzutauchen. Merkwürdigerweise habe ich Murakamis Aufziehvogel mitgenommen, die Geschichte einer Trennung. In dem Roman zeigen sich die Risse zwischen beiden Partnern Schritt für Schritt, bei uns beiden kommt es mir vor, als fiele mir ein Schleier vom Gesicht, der die Risse zwischen uns bisher verborgen hat, und nun scheint es bereits eine
Kluft zu sein. Du liegst da auf dem Rücken, die Hände hinter dem Nacken verschränkt, und hörst System of a Down oder ähnlichen Lärm, mit geschlossenen Augen, und ich vernehme nur das rhythmische, aus den Kopfhörern herausdrängende Hämmern des Nu Metal.“

Michael Kleinherne, „Absinth“, Roman, Kulturmaschinen Verlag, 2022.

In einem fast lakonischen Ton erzählt Michael Kleinherne in seinem neuen Roman die Geschichte einer Beziehung, die nach dem Rausch der ersten Verliebtheit von Schatten umwölkt ist. Marius und Maria sind schon länger ein Paar. Doch während einer Reise in die Toskana bemerkt Marius, dass Maria sich ihm zunehmend entfremdet. Dennoch vermag er die Signale nicht richtig zu deuten und so ist er fast überrascht, dass sich ihre Beziehung, kaum zurück aus diesem letzten gemeinsamen Urlaub, für immer verändert.
„Absinth“ ist ein zugleich tiefgründiger und kurzweiliger Roman über die große Liebe und ihr Scheitern. Kleinherne schildert mit wenigen, aber treffenden Worten die familiären Verstrickungen und Fesseln, die Maria und Marius gefangen halten und entspinnt so das Psychogramm einer komplizierten Beziehung. Lähmende Eifersucht, selbstmörderische Trauer sowie die unglaublichen Momente des Glücks – all diese Emotionen nehmen beim Lesen gefangen. Und so ist „Absinth“ auch eine fesselnde Geschichte, die man kaum aus der Hand legen möchte.

Zum Autor:
Michael Kleinherne, 1964 in Westfalen geboren, lebt in Bayern. Er arbeitet dort nach Studium und Promotion als freier Autor und Journalist sowie als Dozent für Kreatives Schreiben und Englisch. 2002 erhielt er den Reportagepreis der Akademie der Bayerischen Presse in München. An der Universität Eichstätt-Ingolstadt leitet er seit 2012 das von ihm ins Leben gerufene jährliche Festival LiteraPur. 2015 war er auf Einladung der University of Dallas Gastautor am Dallas Goethe Center. Er ist Mitglied im Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller.
2012 erschien sein Kurzgeschichtenband Drehpause im jos fritz.verlag, Freiburg. 2014 kam die Novelle Daniel, 2016 der Roman Die Aktion und 2020 der Roman Der Mann auf dem Foto im Bayerischen Poeten- & Belletristik-Verlag heraus. Verschiedene Kurzgeschichten sind in unterschiedlichen Anthologien veröffentlicht worden.

Informationen zum Buch:
Michael Kleinherne
Absinth
Kulturmaschinen Verlag
geb. 154 S., Lesebändchen, Schutzumschlag, ISBN 978-3-96763-227-9, 21 €
kart. 154 S., ISBN 978-3-96763-226-2, 13 €
Erscheinungstermin: 19.9.2022
Rezensionsexemplare, Interviewanfragen, Fotos gibt es direkt bei:
Kulturmaschinen Verlag
Sven j. Olsson
sven.j.olsson@kulturmaschinen.com
+49(0)1773135938
https://kulturmaschinen.com/

Hier findet sich eine Leseprobe:

Ein Beitrag im Rahmen meiner Pressearbeit für Michael Kleinherne.

EDITION FAUST: Zum E.T.A.Hoffmann-Jubiläum – Der goldene Topf, illustriert von Alexander Pavlenko

In Frankreich wurde er früh zum Klassiker, im deutschsprachigen Raum hingegen blieb E.T.A. Hoffmann (1776-1822) der Rum lange verwehrt. Heute gilt Hoffmann als einer der wichtigsten deutschen Schriftsteller der Romantik. Der studierte Jurist war Musiker und Zeichner, Bekanntheit erlangte er jedoch als Verfasser ungeheuerlicher Geschichten wie „Der Sandmann“, die „Serapionsbrüder“ oder „Kater Murr“.
Passend zum 200. Todesjahr von E.T.A. Hoffmann erscheint dessen Novelle „Der goldene Topf“ in der Edition Faust in einer visuell herausragenden Neuausgabe. Ihre Bildwelt erfährt in den Illustrationen von Alexander Pavlenko eine zeitgemäße Interpretation. Pavlenko zitiert die im 19. Jahrhundert verbreitete Scherenschnitttechnik und ermöglicht einen neuen Blick auf Hoffmanns Klassiker mit all seinen Doppeldeutigkeiten.
E.T.A. Hoffmanns Novelle „Der goldene Topf“ entstand während seines Zwischenspiels in Dresden, wo Hoffmann zwischen 1813 und 1814 als Kappellmeister wirkte. Die Novelle war eine seiner ersten schriftstellerischen Erfolge und gilt als ein Höhepunkt der romantischen Literatur. Der Autor selbst bezeichnete das 1814 erschienene Werk als „Märchen aus der neuen Zeit“.
Sie handelt vom jungen Studenten Anselmus, der am Himmelfahrtstag in Dresden durch das Schwarze Tor rennt und in den Korb eines Apfelweibs hineinstolpert. Daraufhin lässt er sich an den Elbwiesen unter einem Holunderbusch nieder, als er plötzlich Stimmen zu hören glaubt. Anselmus blickt in die Augen der Schlange Serpentina und verliebt sich in sie. Kurz darauf wird ihm eine Stelle als Kopierer beim Archivarius Lindhorst angeboten, der in Wahrheit ein Salamanderfürst aus Atlantis und Serpentinas Vater ist…
E.T.A. Hoffmann erzählt Anselmus‘ Weg von Dresden nach Atlantis in einem stetigen Pendeln zwischen bürgerlich-rationaler Realität und der phantastischen Welt der Poesie.

Ebenfalls in diesem Bücherjahr ist in Zusammenarbeit mit Alexander Pavlenko die Graphic Novel FAUST bei der Edition Faust erschienen. Auch hier gelingt es dem international erfolgreichen Künstler Alexander Pavlenko es mit meisterlich gezeichneten Szenen wie aus einem kühnen Historienfilm, Goethes zentrales und exemplarisches Drama mit seinen verschiedenen Sphären, Milieus und Zeiten sinnfällig in entsprechenden Stilen zu visualisieren.

Stimmen zum Buch:

Im Podcast von Irmtraud Gutschke für Neues Deutschland

„Das großartige Zusammenspiel zwischen Illustration und Text haucht dem Buch neues Leben ein – ein guter Grund, diese besondere Geschichte wieder einmal zu lesen.“ – Esthers Bücher

„Die wunderschönen Illustrationen von Alexander Pavlenko sind eine wundervolle Ergänzung zur geschriebenen Geschichte.“ – Lesenswertes aus dem Bücherhaus

„Die in der Novelle heraufbeschworene Bildwelt erfährt in den Illustrationen von Alexander Pavlenko eine zeitgemäße Interpretation. Pavlenko zitiert dabei die im 19. Jahrhundert verbreitete Scherenschnitttechnik und ermöglicht einen neuen Blick auf E.T.A. Hoffmanns Klassiker.“ – Lesering.de

„Einzigartig durch Alexander Pavlenko illustriert: Romantisches Geplänkel in wohl geformten Schnitten, die organischen Formen ähneln. Beängstigende Szenarien mit bizarren Mustern. (…) Hoffmanns Erzählweise fordert den Leser und zieht ihn gleichzeitig in eine Welt voller Poesie. Die Abbildungen sind das optische Highlight dieser besonderen Ausgabe.“ – Karsten Koblo, aus-erlesen.de

Informationen zum Buch:
E.T.A. Hoffmann
Der goldene Topf
Illustriert von Alexander Pavlenko
Edition Faust, Frankfurt am Main, 2022
168 Seiten, Hardcover, 20,00 €
ISBN 978-3-945400-48-7
https://editionfaust.de/produkt/der-goldene-topf/

Ein Beitrag im Rahmen meiner Pressearbeit für die Edition Faust.


Andreas Föhr: Tote Hand

Bild: Florian Pittroff

Gastautor Florian Pittroff bringt heute wieder einmal etwas für die Freundinnen und Freunde der Spannungsliteratur. Obacht!

„Tote Hand“ ist bereits der achte Teil der genialen oberbayerischen Krimi-Reihe mit dem sachlichen Kommissar Wallner und dem etwas unbeständigen Polizisten Kreuthner. Wie alle andern Teile auch spannend, reizvoll und wunderbar amüsant geschrieben. Dabei bleiben witzige Dialoge niemals auf der Strecke.

(…) Und in dem Moment spannt der Fuchs, dass mir hinschauen, und haut ab.« Kreuthner hob die Hände, und die Geste besagte in etwa: Was es nicht alles gibt. »Schöne Geschichte. Und was ist wirklich passiert?« »Ja, glaubst am Polizeikollegen vielleicht net? Jetzt wird’s aber hint höher wie vorn.« (…)

Mich überzeugt der Schreibstil von Andreas Föhr. Ich bin ein Fan der kurzen Kapitel, die immer wieder zum Weiterlesen animieren, so dass man fast versucht ist, das Buch bis zum Ende nicht mehr aus der Hand zu legen.

Darum geht’s:

„Kommissar Clemens Wallner von der Kripo Miesbach und Polizeiobermeister Leonhardt Kreuthner, liebevoll „Leichen-Leo“ genannt, bekommen alle Hände voll zu tun, als ausgerechnet der Schafkopf-Held Johann Lintinger durch eine Schrottschere seiner rechten Hand beraubt wird. Ein würdiges Begräbnis muss her für diese legendäre Rechte, beschließt Polizeiobermeister Leonhardt Kreuthner, und so wird gleich neben einer alten Kapelle, die hinter dem Garten der Mangfall-Mühle steht, ein Grab ausgehoben. Dabei macht »Leichen-Leo« seinem Spitznamen mal wieder alle Ehre, denn der Ruheplatz ist bereits belegt: von einer männlichen Leiche“…

Die „Tote Hand“ ist auf den ersten Blick sehr komplex und vielschichtig. Aufbau, Entwicklungen und Verknüpfungen an den verschiedensten Orten – ausgehend von Berlin, über Miesbach, Waakirchen, Rottach-Egern und zurück nach Berlin – sind vortrefflich. Der gelernte Jurist Föhr schreibt seine Story mit Handlungen in der Gegenwart und in der Vergangenheit blitzgescheit und zum Schluss wird logisch aufgelöst.

Nicht zu vergessen die Geschichte in der Geschichte über die schrulligen und sonderbaren Zusammenhänge im Privatleben von Wallner mit Großvater Manfred.

(…) Wallners Großvater hatte sich verändert. (…) Zum Beispiel rasierte er sich jeden Tag. Bis vor einem halben Jahr hatte einmal die Woche genügt. Und er setzte sich in die Sonne. Der letzte Sommer hatte viel Sonne gebracht, und Manfreds faltiges Gesicht hatte eine sportliche Bräune bekommen. (…)

Andreas Föhr braucht keine blutigen Gewaltszenarien, Kommissar Wallner und der Polizist Kreuthner müssen keine coolen Cops mit aalglatter Uniform und überheblichem Gehabe sein, um beim Leser zu punkten. Die beiden leben durch ihren herrlich ehrlichen Charakter, den Andreas Föhr ihnen angeschrieben hat und das nun schon zum achten Mal.

Ich bin ein wahrer Hardcore-Fan von Andreas Föhr und seinen Wallner und Kreuthner Krimis!

Florian Pittroff

Homepage: https://flo-job.de/

Informationen zum Buch:

Andreas Föhr
Tote Hand
Verlag Droemer Knaur, 2019
Paperback, 384 Seiten, 14,99 €,
ISBN: 978-3-426-65447-7

Deniz Ohde: Streulicht

Bild: Bild von Ralf Vetterle auf Pixabay

„Niemand hatte sich je die Zeit genommen, den Scheffel ausfindig zu machen, unter dem mein Licht stand; der Scheffel war der Satz selbst, der Scheffel waren die Wände, gegen die nachts die Aschenbecher flogen, der Scheffel war »Sei still« und »Sprich lauter«, zwei Forderungen, die ich gleichzeitig erfüllen sollte. Paradox oder nicht, schlussendlich war es meine eigene Schuld, dass ich Ihnen nicht Folge leisten konnte.“

Deniz Ohde, „Streulicht“

Es ist kein Roman der lauten Töne, dieses einprägsame Debütwerk von Deniz Ohde, es ist tatsächlich ein „leise schreiendes“ Buch, wie es Stefan vom Blog „Poesierausch“ bezeichnete. Und ein Debüt, das einen so sehr einnimmt beim Lesen, dass es zu Recht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises gelandet ist. Und das einen in der Konsequenz gerade dazu zwingt, genauer hinzuschauen, sensibler zu werden für das, was Ausgrenzung und Alltagsrassismus tatsächlich bedeuten.

Die Ich-Erzählerin in diesem Entwicklungs- und Bildungsroman trägt von Beginn an ein Stigma: Der Vater Alkoholiker, die Mutter der Armut und der Enge der Türkei entflohen, das Elternhaus ein Messiehaushalt, vom Vater und dem langsam dahinsiechendem Großvater vollgemüllt. Obwohl das Mädchen, das im Streulicht einer Industrieanlage im Ruhrgebiet aufwächst, Freunde aus der Mittelschicht hat, obwohl sie sich unbewusst anzupassen versucht, leise bleibt, zurückgenommen, instinktiv nicht auffallen will, trägt sie das Stigma an sich: Das Aussehen, die ärmliche Kleidung, die mit den Modetrends nicht mithalten kann und nach Zigarettenrauch stinkt, allein schon der Vorname, der genügt, um zu zeigen, dass sie anders ist. Als im Schulhof das erste Mal das „K“-Wort fällt, wird von allen Seiten beschwichtigt: Die Lehrerin bezeichnet die Rangelei unter Schülern, die Aggression als „Unfall“, die Mutter meint, das sei ein Schimpfwort, mit dem die Tochter nicht gemeint sein könnte: „Du bist Deutsche“.

Ganz behutsam, in immer dichteren Kreisen, steuert Deniz Ohde auf den Kern ihrer Erzählung zu: Was es bedeutet, qua Herkunft festgelegt, etikettiert zu sein, immer wieder auf unsichtbare Grenzen zu stoßen. So begreift die Ich-Erzählerin nicht, was ihr und anderen die Lehrer bei der Aufnahme auf das Gymnasium sagen wollen, als sie ihren Schülerinnen und Schülern immer wieder predigen, sie gehörten nun zur „zukünftigen Elite“.

„Es handelte sich dabei um eine implizite Aufforderung, so viel ahnte ich damals schon, aber welches Verhalten genau von mir verlangt wurde, was genau damit zusammenhing, dass ich zur Elite gehören sollte, verstand ich nicht, und es war auch keine Frage, die ich mir bewusst stellte, sondern vielmehr eine allgemeine Ratlosigkeit, die sich daraus ergab.“

Verstärkt wird diese Ratlosigkeit durch unachtsame Äußerungen der besten Freundin, für die Reitunterricht und Ballett Selbstverständlichkeiten sind, von kleinen Bemerkungen, die auf ihr Äußeres abzielen, von der Scham und den Zuständen zuhause, die verhindern, dass jemand von außen in dieses Haus kommen kann.

„Es hatte etwas mit meinem geheimen Namen zu tun und damit, dass ich wenig Gemüse aß, dass mein Vater mir alle paar Wochen etwas Obst schnitt und der Meinung war, so bliebe ich gesund, dass ich zum Mittagessen Tiefkühlpizza bekam und niemand in unserer Wohnung an irgendeinem Tisch aß, weil diese voller Zeitungen und leerer Döschen waren.“

Und doch, trotz all der Hindernisse, die zwischenzeitlich zum Schulversagen und Arbeitslosigkeit führen, bringt die Protagonistin einen ungeheuren Bildungswillen und charakterliche Stärke mit. Auf dem zweiten Bildungsweg holt sie den Schulabschluss nach, kommt an die Universität, lässt das Streulicht hinter sich – um natürlich auch an dem neuen Ort an die alten Muster und Grenzen zu stoßen. Das Kind, das früh weiß, dass es „mindestens dreihundert Kilometer Distanz zwischen mir und dem Ort schaffen würde“, wird zur Erwachsenen, die befürchtet, dass ihr nichts anderes übrigbleibt, „als mich an den Ort zu gewöhnen.“ Und doch liegt, als sie ihren Vater besucht, auch etwas Tröstliches in dem Satz, den er ihr beim Weggehen mitgibt: »Wenn`s nichts wird, kommst wieder heim.«

Der bereits mit dem Literaturpreis 2020 der Jürgen-Ponto-Stiftung ausgezeichnete Roman ist ein Buch der leisen Töne, der langsamen Entwicklung, der dennoch mit beeindruckender Klarheit von einer Gesellschaft erzählt, die auf der Illusion basiert, es bestünden Chancengleichheit und Bildungsmöglichkeiten für alle. Ruhig, fast schon bedächtig, und mit ganz feinen, beinahe schon poetischen Alltags- und Umgebungsbeschreibungen, die auch die Industriebrache in ein weicheres, ein Streulicht tauchen, widerlegt Deniz Ohde mit diesem beeindruckenden Roman diese Grundannahme. „Streulicht“ beeindruckt mit der Klarheit, mit der einem vor Augen geführt wird, wie unterschwellig Klassifizierung geschieht und wirkt.

Birgit Böllinger

Informationen zum Buch:

Deniz Ohde
Streulicht
Suhrkamp Verlag, 2020
Hardcover mit Schutzumschlag, 284 Seiten, 22,00 Euro
ISBN 978-3-518-42963-1

Christoph Peters: Dorfroman

By © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons), CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11498055

„Obwohl nichts mehr so ist wie zu der Zeit, als ich hier aufgewachsen bin, habe ich oft darüber nachgedacht, zurückzukehren. Weniger, weil ich noch immer unter Heimwehattacken leide oder mir andernorts etwas Bestimmtes fehlt. Wahrscheinlich würde mir in Hülkendonck nach wenigen Wochen weit mehr fehlen als überall, wo ich nach meinem Weggang länger gelebt habe. Trotzdem: Nirgends sonst hat sich je wieder dieselbe Vertrautheit mit Landschaft, Wetterverhältnissen, Sprachmelodie eingestellt. Am Rheinufer zu sitzen, mit unserem Haus im Rücken aufs Wasser zu schauen, erscheint mir zumindest für Momente wie ein Ausweg aus jeglicher Lage.“

Christoph Peters, „Dorfroman“

Der Heimatbegriff, häufig missbraucht, irgendwie abgenutzt, zwiespältige Gefühle hervorrufend. Und dennoch einer dieser wirkmächtigen Wörter, mit so viel Emotionen aufgeladen. Heimat, das ist für viele zugleich auch die Provinz, aus der man flieht, Zuflucht sucht und scheinbare Freiheit in den Städten. Provinzroman und Heimatdichter: In der zeitgenössischen Literatur ist man damit durch. Umso mehr erscheint es fast wie ein tollkühnes Wagnis, was Christoph Peters hier mit seinem jüngsten Roman unternommen hat: Er schrieb einen „Dorfroman“ und nannte ihn auch ganz keck so.

Doch dieses starke, ruhige Werk zeigt, was Christoph Schröder bereits in einer „Polemik“ 2011 in der „Zeit“ schrieb:

„Von ländlichen Gefilden in der gegenwärtigen deutschsprachigen Literatur geht eine weitaus größere Sprengkraft aus als von den urbanen Selbstverhätschelungen; ein weitaus größerer Realitätsgewinn als von all diesen Erzählungen von Leuten, die mit Flugzeugen über die Kontinente fliegen, um irgendwelche Gender-Abenteuer zu erleben.“

Für Sprengkraft sorgt in dieser Entwicklungsgeschichte ein Bauwerk, das von Beginn an höchst umstritten war: Der „Schnelle Brüter“ in Kalkar am Niederrhein, der 1985 fertiggestellt wurde, jedoch nie in Betrieb ging und später Teil eines Freizeitparks wurde. Der Atomreaktor sorgt auch für einen bodentiefen Riss durch das ganze Dorf Hülkendonck, in dem der Erzähler gut behütet aufwächst: Die Eltern, längst dem Bauernstand entwachsen, sind der neuen Technik gegenüber aufgeschlossen, die Landwirte hingegen wehren sich gegen Enteignung, Landwegnahme, Veränderung.

Peters erzählt die autofiktionale Geschichte „seines Dorfes“ und seines Protagonisten auf drei Zeitebenen, die einander abwechseln: Aus der Perspektive des Kindes, das gutgläubig und blauäugig die Glaubenssätze der Eltern und zahllosen Tanten nachbetet, das sich vor der Roten Armee Fraktion mehr fürchtet als vor einer unkalkulierbaren Technik. Der Jugendliche verliebt sich in Juliane, die auf der „anderen“ Seite steht, eine junge Frau, vom autoritären Vater gebrochen, die in einer Kommune ein anderes Leben, das Glück sucht und doch nicht findet. Und dann, Jahrzehnte später, führt der erwachsene Sohn die Leser zurück zu den alt gewordenen Eltern, erinnert sich an die Jahre des Aufbruchs und der Zerrissenheit.

Das alles ist ganz gelassen und ohne falsche Sentimentalität erzählt, selbst das große Trauma – der Suizid Julianes, die sich, nachdem die Polizei Kommune und Träume weggeknüppelt hat, ins Wasser begibt – wird beinahe nüchtern verhandelt. In dieser Ruhe liegt jedoch die Kraft dieser Art des Erzählens: Sie lässt Platz für subtile Ironie, insbesondere dort, wo das Kind aus Kinderaugen über die Erwachsenen berichtet, die Krieg und Hitler verdrängen wollen, angetrieben vom Wunsch, „dass die Kinder es einmal besser haben“. Sie lässt Platz für diese Zwischentöne, Zwischengefühle, die wohl jeder kennt, der in „der Provinz“ aufwuchs: Man möchte nichts als weg von dort, der Enge entfliehen und hängt dennoch an einem unsichtbaren Faden, der einen mit einem Teil seines Daseins an die Provinz, die Heimat, das Elternhaus bindet.

Und nicht zuletzt besticht dieser Roman durch seine Realitätsnähe: Selten findet man in literarischen Werken den normalen Familienalltag, das Denken der Mittelschicht, die Gefühlslage und Gedankenwelt der Nachkriegsgeneration und ihrer Nachkommen so exakt beschrieben wie in diesem „Dorfroman“. Peters ist Jahrgang 1966, ebenso wie ich – und an so vielen Stellen musste ich nicken, schmunzeln und mich wundern: Ob in Hülkendonck oder in Burgrieden oder in einem anderen Dorf der BRD: Die Verhältnisse ähnelten sich, die Glaubenssätze glichen sich, die Uhren tickten gleichartig. Insofern ist der „Dorfroman“ auch großartiges Abbild unserer Zeit.

Das Buch ist auch psychologisch stimmig bis hin zum letzten Absatz, der die Zerrissenheit des Erwachsenen aufzeigt, der ein langes Pfingstwochenende bei den Eltern kaum aushalten kann, fluchtartig zurückfährt nach Berlin und doch vom Gedanken geplagt wird, die Alten dort allein zu lassen:

„Ich werde trotzdem ins Auto steigen, zurück nach Berlin fahren, wo ich auch nicht zu Hause bin.
Es ist falsch.“

Birgit Böllinger

Zum vertieften Nachlesen: Die Rezension von Christoph Schröder in der Zeit.

Christoph Peters ist auch bildender Künstler. Auch davon gibt es auf der Homepage etwas zu sehen:
https://www.christoph-peters.net/

Informationen zum Buch:

Christoph Peters
Dorfroman
Luchterhand Verlag, 2020
Hardcover mit Schutzumschlag, 416 Seiten, 22,00 Euro
ISBN 978-3-630-87596-5


Christine Wunnicke: Die Dame mit der bemalten Hand

Wunnicke

Bild von Free-Photos auf Pixabay

Niebuhr blickte die Sterne an. Er spreizte die Finger der Rechten und blickte auch diese an und dann Meister Musa. Seine Gereiztheit schien verflogen. Etwas wie Kummer schlich sich in seine Miene. Er ballte die Hände zu Fäusten und öffnete sie wieder. Dann formulierte er mit Sorgfalt: »Wir glotzen alle in denselben Himmel und sehen verschiedene Bilder.«

Christine Wunnicke, »Die Dame mit der bemalten Hand«

Es muss wohl schon eine gehörige Portion norddeutscher Hartnäckig- und Dickköpfigkeit dazu gehören, um als einziger Teilnehmer eine lange, gefährliche Expedition zu überstehen. 1761 begibt sich der Mathematiker Carsten Niebuhr mit fünf weiteren Forschern im Auftrag des dänischen Königs auf eine Arabienreise, er wird sechs Jahre später als Einziger zurückkehren, das Gepäck voller Karten und Aufzeichnungen, den Kopf voll mit Eindrücken und einem anderen, respektvolleren Blick auf den Orient, als es zu jener Zeit üblich war.

Doch erzählt die Münchner Schriftstellerin mit Hang zu historischen Stoffen keine Heldengeschichte: Der Leser lernt Niebuhr als schüchternen, bäuerischen Studenten in Göttingen kennen und als sterbenskranken Forschungsreisenden, der auf einer Insel gestrandet ist:

»Carsten Niebuhr wollte nicht auf Elephanta sterben. Der Irrwitz seines Lebens sollte nicht mit einem Sterbeort gekrönt sein, der noch irrwitziger war als alles zuvor. Er wollte nicht, dass eine Insel namens Elephanta, worauf noch nie ein Elefant seinen Fuß gesetzt hatte, bei dem Kreuz hinter seinem Namen verzeichnet würde, nicht in den dänischen Akten und nicht in den Göttingischen Anzeigen von gelehrten Sachen.«

Soweit kommt es nicht, dank der Anwesenheit eines anderen Mathematikers und Astronomen, der ebenfalls auf dieser seltsamen Insel gelandet ist: Ustad Musa ibn Zayn ad-Din Qasim ibn Qasin ibn Lutfullah al-Munaggim al-Lahuri, kurz Musa genannt. Der Perser, der eigentlich nach Mekka wollte, pflegt den jüngeren Mann, der an Sumpffieber leidet, hält ihn mit Nahrung und wie in Tausendundeiner Nacht mit Geschichten am Leben.  Der Leser bleibt dabei wie Carsten Niebuhr im Ungewissen: Was ist Dichtung, was ist Wahrheit, wann lügt Musa »wie gestempelt«?

Musa, der temperamentvollere Ältere, weiß um die Kraft von Geschichten, weiß um die Macht der Phantasie, die erklären kann, was nicht erklärbar ist – und ein wenig von dieser Offenheit nimmt der spröde Niebuhr, der jede Erzählung seines Gegenübers zunächst nach ihrem Wahrheitsgehalt abklopft, am Ende vielleicht von der Insel mit und der „fusselige, hellbraune“ Europäer wirkt in Musas und unseren Augen etwas weniger streng. Die beiden Männer werden am Ende von einigen britischen Seeleuten aus ihrer misslichen Lage befreit. Hier entfaltet Christine Wunnicke ihren leisen, trockenen Humor noch vollends, beispielsweise darin, wie sie die scheinbare koloniale Überlegenheit, die die Briten gegenüber dem weitaus gebildeteren Musa zeigen, entblättert und in ihr Gegenteil verkehrt.

»Die Forscher, der junge Deutsche und der alte Inder, werden durch ihre Begeisterung für Sternenbilder, für Mathematik, für das Messen und Rechnen, durch ihren Entdeckergeist miteinander verbunden und entwickeln sich zu geistig ebenbürtigen Partnern. Erst der Blick der Engländer, die auf die Insel kommen, lässt die unterschiedlichen Verhaltensweisen und Zugehörigkeiten der beiden Männer transparent werden. In dem Moment wird der Leser mit dem kolonialen Blick auf die Fremde konfrontiert und merkt, wie eingeschränkt und wenig ergiebig dieser ist. Im Medium der Literatur werden der Gesellschaft am Beispiel von Erzählungen differente Deutungen des Vergangenen zur Diskussion gestellt. Die Geschichte westlicher Dominanz dekonstruiert sich in diesem Blick selbst, so benötigt die Autorin keine Anklage oder Buße mehr«, bemerkt dazu Monika Wolting in ihrer Besprechung bei literaturkritik.de.

„Die Dame mit der bemalten Hand“ ist ein wunderbar feinsinniges Buch über die Begegnung zweier Menschen, zweier Kulturen und über die Kraft des Erzählens. Und bei einem bin ich mir sicher: Würde Haddschi Musa al-Lahuri »Die Dame mit der bemalten Hand« lesen, wäre sein Urteil sicher nicht: »Und dies ist das dümmste Buch von allen«.

Birgit Böllinger


Informationen zum Buch:

Christine Wunnicke
Die Dame mit der bemalten Hand
Berenberg Verlag, 2020
168 Seiten, Halbleinen, fadengeheftet, auch als E-Book erhältlich, 22,00 Euro
ISBN 978-3-946334-76-7

Weitere Blogbesprechungen bei Hauke Harder vom Leseschatz und Marius Müller von der Buch-Haltung.


Spende? Gerne!

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€5,00

 

Hilmar Klute: Oberkampf

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Bild von Walkerssk auf Pixabay

„Jonas bekam wieder richtig Lust, sich mit Steins egomanischer Literatur zu befassen. Hatte der Alte denn nicht recht? Galt es nicht, sein eigener Roman zu werden, losgelöst von den Zumutungen der Geschichte und der Wirklichkeit?“

Hilmar Klute, Oberkampf, 2020.

Was anfangen mit einem Leben, wenn man mit Anfang 40 schon alles hat und einen im Grunde nichts mehr interessiert? Leidenschaften und Träume mit dem „modernen Erfolgsmenschenalltag“ nicht kompatibel sind? Hilmar Klute, Chef der Streiflicht-Redaktion der Süddeutschen Zeitung, begeisterte mit seinem federleicht geschriebenen Romandebüt „Was dann nachher so schön fliegt“ Kritik und Leser gleichermaßen. Dort stand dem Protagonisten noch die ganze Welt offen, waren Träume – unter anderem vom Dasein als Schriftsteller – noch möglich. In seinem zweiten Roman, „Oberkampf“, sendet der Schriftsteller nun einen rund 20 Jahre älteren Protagonisten auf Sinnsuche, einen, der seinem selbstgeschaffenen „Museum der Ereignislosigkeit“ entkommen und ebenfalls als Schriftsteller leben möchte.

Jonas Becker, ein typischer Vertreter der „Agenturen-Generation“, lässt Frau, Job, Wohnung, sein ganzes bisheriges Leben in Berlin zurück, um in Paris neu anzufangen. Der Zufall will es, dass er in der Nacht vor dem Attentat auf die französische Satirezeitung „Charlie Hebdo“ in der französischen Metropole ankommt und sein kleines Appartement in der Rue Oberkampf nahe der Redaktion liegt. Der Anschlag ist ein Ereignis, das die jungen Franzosen, die Jonas in dieser Nacht kennenlernt, bis auf den Kern erschüttert. Insbesondere Christine, die später seine Geliebte wird, will wissen, woher der Hass und der Zorn aus den Banlieues stammen. Jonas dagegen verfolgt die Vorgänge, die Welle der Gewalt, beinahe kalt und analytisch: „Er konnte nichts mehr für dieses Land tun – dieser Gedanke, der aberwitzig und anmaßend war, begann sich in seinem Kopf festzusetzen.“  Für Jonas scheint es klar, dass der Terror, der in jenen Tagen in die europäischen Städte einzieht, sich nicht auf eine Weise erklären ließ, „die über das bloße soziologische Ereignis hinausging“.

Ebenso distanziert und beinahe gleichgültig geht Klutes Protagonist jedoch nicht nur mit den politischen Ereignissen um, sondern auch mit den kleineren und größeren menschlichen Katastrophen, die sich in seinem Leben ereignen. Angetreten in Paris, um die Biographie eines egomanischen Schriftstellers zu schreiben, verliert Jonas bald das Interesse an dem Job und dem von ihm bewunderten Richard Stein. Zwar begleitet er diesen auf dessen Suche nach dem drogenabhängigen Sohn in die USA, doch auch dort bleibt er auf Abstand, betrachtet er die Welt distanziert: „Es gab kaum etwas Falscheres auf der Welt als diese Landschaft“.

Bei einem schlechteren Erzähler als Hilmar Klute könnte sich die Beschreibung eines gelangweilten Mannes in vorgezogener Midlife-Crisis schnell auf das Gemüt des Lesers schlagen und Langeweile bei der Lektüre verursachen. Doch Klute hat seinen Stoff gut im Griff, bis hin zur bitteren Pointe ganz am Schluss: Jonas, endlich bereit, sich wirklich von allen Lebensfesseln zu befreien, betritt den Pariser Club Bataclan, um ein Konzert der Band „Eagles of Death Metal“ zu besuchen …

Klute lässt seinen neuen Protagonisten nicht mehr so hoch und leicht und unbeschwert fliegen, vielmehr ist nun eine leise, untergründige Melancholie in sein Schreiben eingezogen. Dieses Psychogramm eines überdrüssigen, am Leben eigentlich unbeteiligten Mannes stellt ganz leise und behutsam entscheidende Fragen: Unter anderem die, wie man sein eigenes Leben mit Sinn und Gehalt erfüllen will, wenn der Tod in Form des Terrors hinter jeder Clubtür lauern kann.

Aber wie der Vorgänger, an dem jeder Roman eines Schriftstellers gemessen wird, ist auch dies ein Buch, das durch seine wunderbare Sprachkraft glänzt. Ganz wenige missglückte Bilder (was ist ein „entzündlich glänzender Mann“ oder warum muss die Metro als „immer bereit gestellter Fahrdienst“ bezeichnet werden?) durchbrechen diese ausgefeilte Sprache, in die man gut und gerne abtauchen kann. Hilmar Klute verbeugt sich mit seinem zweiten Roman auch vor Leonard Cohen, dem im Buch eine wunderbare Referenz erwiesen wird. Da gibt es Parallelen: Beide Künstler sind Suchende, Zweifelnde, Hinterfragende, die mit dem wunderbaren, einzigartigem Talent gesegnet sind, der Melancholie ihre Schönheit zu belassen.

Bibliographische Angaben:
Hilmar Klute
„Oberkampf“
Verlag Galiani Berlin, 2020
Gebunden, Lesebändchen, 320 Seiten, 22,00 Euro
E-Book 18,99 Euro
ISBN 978-3-86971-215-4


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Kristof Magnusson: Ein Mann der Kunst

the-guggenheim

Am Ende ist alles gut und KD Pratz im Guggenheim. Bild von Anders Toft auf Pixabay

„Die Hansens waren also intensiv damit beschäftigt, sich vorzubereiten. Sich einzulesen, was eines ihrer Lieblingsworte war, wobei Martha Hansen eine noch größere, protestantisch-textbegeisterte Ernsthaftigkeit an den Tag legte als ihr Mann. Das Wichtigste war dabei für Martha Hansen stets: ein kritisches Bewusstsein!
Und Martha Hansens kritisches Bewusstsein vertrug sich eben nicht mit dem kritischen Bewusstsein, das KD Pratz auf seinen Bildern so deutlich zur Schau stellte. Immer wieder, gerade wenn sie nun in dem Heft die älteren Bilder von KD Pratz betrachtete, sagte sie: »Das Bild spricht nicht zu mir.«

Kristof Magnusson, »Ein Mann der Kunst«

Wer sich ab und an auf Vernissagen, kulturellen Veranstaltungen oder aber im Gehege eines Kunstvereins tümmelt, der wird an diesem Roman ein besonderes Vergnügen haben. Mit milder Ironie und sehr scharfsichtig nimmt Kristof Magnusson, der zunächst vor allem durch seine Theaterkomödien bekannt wurde, in seinem inzwischen dritten Roman die Kunstszene aufs Korn. Das ist herrlich zu lesen, nah an der Realität und äußerst unterhaltsam.
Der Plot: Ein Frankfurter Kunstverein, der sich für das kleine, aber ambitionierte Museum Wendevogel einsetzt, bekommt ein Grundstück vererbt. Landes- und Bundesmittel werden in Aussicht gestellt, wenn dort ein eigener Anbau für die Werke des Malerfürsten KD Pratz entsteht. Der als schwierig geltende Künstler, der seit Jahren zurückgezogen auf einer Burg im Rheingau lebt, ist unter den Mäzenaten jedoch nicht unumstritten. Also geht es auf zu einer Busfahrt für Kulturbeflissene, eine Butterfahrt für Geld- und Kunstleute gewissermaßen, um den Künstler vor Ort in seinem Atelier zu begutachten. Ein Vorhaben, das im kreativen Chaos endet …

Ich-Erzähler „Consti“, seines Zeichens Architekt und Sohn der kunstbegeisterten, alleinerziehenden, feministisch-grün angehauchten Psychotherapeutin Ingeborg, begleitet die Mutter, eine frustrierte Museumsassistentin, einen ehrgeizigen Museumsleiter, ein „Einstecktuch“ (sprich Geldsack) sowie einige weitere prägnante Typen auf dieser Wochenendreise. Das ist plastisch beschrieben, mit viel Gespür für die einzelnen Figuren – man sieht sie förmlich vor sich, die Damen in lockeren Leinen- und bunten Seidengewändern, bestückt mit auffälligem Holzhalsschmuck und Designerbrillen, die Herren im Rollkragenpullover oder legerem Freizeitlook.

Als die Gruppe mit dem ewig grantigen Maler zusammentrifft, stoßen zwei Welten aufeinander und Erzähler Constantin wird mehr und mehr zum Vermittler zwischen den beiden Parteien.

»KD Pratz tat mir leid. Es war eine Gemeinheit von uns, ihn mit der Aussicht auf sein eigenes Museum aus seiner Isolation zu locken. Seinen Ruhm, seine Produktivität, seine besten Bilder verdankte er dieser Isolation, nun sollte er sie aufgeben, uns nett empfangen und gleichzeitig weiterhin den entrückten, genialischen Einsiedler geben.«

Was Constantin hier wohl unterschätzt: Die Entrücktheit ist Teil der Show, der Imagebildung. Und angetrieben ist der Künstler von seinem ihm eigenen Narzissmus – ein eigenes Museum, da macht selbst ein KD Pratz Kompromisse. Mit seinem KD Pratz hat Magnusson einen Künstler erschaffen, der durchaus an lebende Vorbilder erinnert, mich zu allererst übrigens an Markus Lüpertz. Magnusson selbst stellt andere Bezüge her:

»Provokant könnte man sagen, dass KD Pratz detailverliebter als Gerhard Richter ist, archaischer als Anselm Kiefer und expressiver als Georg Baselitz.«
Durch eine kurzfristige Beziehung mit Marina Abramović, die der Autor seinem Künstler gönnt, gewinnt die Kunstfigur KD Pratz zudem noch mehr an Realitätsnähe. Sein Liebesleben, sein Umgang mit Frauen und die Art, sie darzustellen, führt jedoch zum Eklat zwischen der kritischen Ingeborg und dem egomanischen Künstler – und so scheint am Ende der Traum von einem KD Pratz-Museum ebenso ins Wasser zu fallen wie die Kunstwerke, die er in den vergangenen Jahren schuf: Eine spontane „life performance“, bei der die Kunstvereinsmitglieder angeführt von KD Pratz dessen Bilder im Rhein versenken, gehört zu den amüsanten Höhepunkten dieses Romans.
Ob es doch noch zu einem KD-Pratz-Museum kommt? Das sei hier nicht verraten. Nur so viel: Es gibt einen herrlich übertriebenen Showdown im Guggenheim in New York – und alle sind zufrieden.

„Ein Mann der Kunst“ ist eine schwungvoll geschriebene Satire, die das Kunstleben und die Mechanismen des Kunstmarkts mit liebevollem Spott beschreibt. Prädikat: Unterhaltsam!

Zur Homepage von Kristof Magnusson:
https://www.kristofmagnusson.de/

Informationen zum Buch:
Kristof Magnusson
Ein Mann der Kunst
Verlag Antje Kunstmann, 2020
Hardcover, 240 Seiten, 22,00 Euro
ISBN: 978-3-95614-382-3


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MIRABILIS VERLAG: Martina Altschäfer – Andrin

Susanne ist Schriftstellerin und Ghostwriterin. Als sie für einen zahlungskräftigen »Premium«-Kunden eine geschönte Autobiografie verfassen soll und dessen Änderungswünsche ins Utopische abgleiten, ist sie nahe am Verzweifeln. Ihr Verleger stellt Susanne kurzerhand seine Ferienwohnung in Italien zur Verfügung, um sie zu motivieren. Doch auf der Reise in den Süden verhindert mitten in den Schweizer Alpen ein Steinschlag die Weiterfahrt. Sie macht sich zu Fuß auf den vermeintlich leichten Weg zum Gebirgspass, bis sie von einem Unwetter überrascht wird. Andrin, ein hagerer, schweigsamer Mann undefinierbaren Alters, nimmt sie mit nach Voglweh, eine kleine verfallene Siedlung mit lediglich zwei Bewohnern, die kaum eine Verbindung zur Außenwelt haben und sich selbst versorgen. Aus ursprünglich einer Notübernachtung werden Tage, Wochen, Monate … ohne Telefon- und Internetverbindung, ohne Auftraggeber und Zwänge.

Statt zu schreiben, erkundet Susanne die Umgebung und hilft Andrin bei der Sanierung eines Hauses. Dabei wird sie Zeugin merkwürdiger Vorgänge im Hochtal, die offenbar einzig Andrin verstehen und deuten kann. Alles scheint mit der besonderen Gesteinsformation und einer verlassenen Militäranlage in Verbindung zu stehen, und Susanne erlebt die unmittelbare Kraft der Natur, die ebenso zerstörerisch wie helfend wirken kann. –

Und es wird tagtäglich gekocht – nach ungewöhnlichen Rezepten eines exzellenten Kochs, der vor Susanne Gast in Voglweh war und ihr beim Lesen seiner Aufzeichnungen zunehmend vertrauter wird. Als sie sich vor Einbruch des Winters unfreiwillig auf den Heimweg begeben muss, nimmt sie nicht nur wertvolle Geschenke mit, sondern auch einen Auftrag und die Gewissheit, dass sich Vieles für sie ändern wird.

Martina Altschäfer hat Bildende Kunst und Germanistik an der Johannes Gutenberg Universität in Mainz und Freie Malerei an der Kunstakademie Düsseldorf bei Professor Konrad Klapheck studiert. Ihre künstlerische Arbeit ist unter anderem mit dem Burgund-Stipendium des Landes Rheinland-Pfalz sowie dem Preis des Landes Rheinland-Pfalz für Graphik ausgezeichnet worden. Trotz ihrer großen Vorliebe für das Gebirge lebt und arbeitet Martina Altschäfer in Rüsselsheim am Main.

„Andrin“ ist Martina Altschäfers Romandebüt, nachdem 2017 bereits ihr Erzählband „Brandmeldungen“ mit zahlreichen farbigen Zeichnungen und Textcollagen im Mirabilis Verlag erschienen ist.

Informationen zum Buch beim Mirabilis Verlag: https://mirabilis-verlag.de/produkt/martina-altschaefer-andrin-roman/

Homepage von Martina Altschäfer: http://www.altschaefer.de/

STIMMEN ZUM BUCH:

„Die Autorin Martina Altschäfer ist (auch) bildende Künstlerin, was in ihren Landschaftsbeschreibungen durchdringt. Manchmal wirkt es beim Lesen so, als würde man ein Gemälde betrachten.“
Riccarda Gleichauf bei Faust Kultur
„Dieser Roman ist, als lege Martina Altschäfer einen Sprachteppich über ihre Gemälde.“ – Charlotte Martin in der Main-Spitze
„Martina Altschäfer überlässt das Wort der Ich-Erzählerin Susanne, die weit abseits vom Mainstream aus ihrer subjektiven Perspektive anschaulich und fantasievoll, mitreißend und unterhaltsam vom Leben in der Natur „berichtet“.
Dieter Wunderlich
„Unterhaltsam, gut geschrieben, lesenswert.“ – Stefan Härtel von Bookster HRO
„Ein Buch, das trotz wenig äußerer Handlung eine Spannung entwickelt, die mich bis zum Ende nicht losgelassen hat. Lesenswert!“ – Susanne Martin bei Schillerbuch
„Andrin ist ein faszinierender Roman, der wie ein Vexierbild mit der Realität und dem Alltag, wie wir sie kennen, spielt.“ – Dr. Yvonne Schauch
„Wo endet die Realität und wo beginnt der Traum? Sprachlich stelle ich mir bei Martina Altschäfer diese Frage nicht. Sie formuliert mit einer traumwandlerischen Sicherheit, und so schön!“ – Petras Bücher Apotheke
„Die Autorin Martina Altschäfer scheint ein Genussmensch zu sein, denn selten sind Speisen und deren Herstellung mit soviel Fantasie und Poesie geschildert worden.“ – Renies Lesetagebuch
„Die Geschichte lebt von ihren Geheimnissen und einige bleiben auch nach Abschluss der Lektüre als solche im Raum stehen.“ – Dagmar Eger-Offel bei Literatur im Fenster
„Ich genoss die wunderschöne Sprache, die anschaulichen Metaphern, ausdrucksvollen Formulierungen und bildhaften und eindrücklichen Landschaftsbeschreibungen.“ – Susanne Probst bei Lieslos!

Verlagsabend und Buchpremiere in Neu-Ulm – Bericht von Veronika Lintner in der Augsburger Allgemeinen: https://www.augsburger-allgemeine.de/neu-ulm/Neu-Ulm-Literatur-unter-Baeumen-in-Neu-Ulm-Mirabilis-ein-Verlag-fuer-kleine-Wunder-id58034261.html

Leseprobe in der nd (neues deutschland):
https://www.nd-aktuell.de/amp/artikel/1141026.die-zeit-steht-still-in-voglweh.amp.html

Ein Beitrag im Rahmen meiner Pressearbeit für den Mirabilis Verlag.

 

THERES ESSMANN: Bernhard Ulbrich über Konflikt, Krise, Kehrtwende und Katharsis

Es freut mich sehr, hier einen Gastbeitrag von Bernhard Ulbrich in Form der Lesekreis-Analysen veröffentlichen zu dürfen. Er beschäftigte sich mit der Novelle „Federico Temperini“ von Theres Essmann, erschienen bei „Klöpfer, Narr“.


GASTBEITRAG

Jürgen Krause ist Taxifahrer in Köln, lebt alleine, hat Probleme. Er ist schon länger geschieden. Sein geliebter Sohn Leon lebt bei seiner ex-Frau Irene, die vor Jahren mit Ulrich eine neue Beziehung eingegangen. Er kämpft um die Gunst seines postpubertären Sohnes. Beide planten, eine Tour durch Kanada zu machen, was nun der Stiefvater mit Leon realisiert. Jürgen fühlt sich abgehängt.

Der Anruf eines Kunden mit Namen Federico Temperini bringt Änderung in Gang. Er ist ein Mann alter Schule, der ihn als Chauffeur für die Fahrten zu den Konzerten in der Philharmonie bucht. Die Gespräche während der Fahrten sind zunächst reserviert. Es entspinnt sich aber bald eine wundersame, die Leben von Fahrer wie Fahrgast durchleuchtende Geschichte. Wir werden neugierig gemacht.

Als ich ihn so am Arm hatte, kam mir zum ersten Mal der Gedanke, dass der alte Herr etwas von mir wollte. Und dass ich keinen blassen Schimmer hatte, was. Nur dass es mehr war als Taxifahren. (39)

Man wird förmlich in die Entwicklung hinein gezogen. Jürgens Freund Wolfgang meint:

Der Typ hat dich ganz schön am Wickel.“ Und Jürgen selber denkt sich: Und zieht mich in etwas hinein, … (56)

Wir merken wieder auf: Da muss noch etwas Unerwartetes kommen. Und die Neugier lässt uns weiterlesen. Nebenbei erfahren wir etwas über Paganini und sein enormes, musikalisches Talent, denn:

Am Ende führten alle Wege zu Paganini. (38)

Microsoft PowerPoint - lbRez_Essmann-Plot-200524-brmuEs erhellen sich die Hintergründe, weil der Alte peu-à-peu Informationen über sein Leben mitteilt. Das bringt Jürgen des Nachts ins Träumen:

Ein Taxi hält am Wiesenrand, als ob er ein Bürgersteig wäre, die Fond-Tür geht auf und Paganini steigt aus, seine Geige in der Hand. Er sieht aus wie Temperini, trägt seinen Hut, seinen Mantel. (59)

Noch ein Fingerzeig. Aber wofür?

Jürgen beginnt, in Paganinis Biographie zu lesen. So kann er sich auch einbringen:

Ich glaube, Paganini hat seine ganze verdammte Seele in das Geigenspiel gepackt. (98)

Das drückt er zwar burschikos aus, trifft aber den Kern der Sache. Genie als die vollkommene Einheit von Wollen, Können und Tun.

Wir erfahren auch, dass der kauzige Alte, der sich wie Paganini in Schwarz kleidet, ebenfalls ein begnadeter Geiger war. Er nennt es:

Kongenial. Die Kritiker nannten mein Paganini-Spiel immer wieder kongenial. (109).

Und ebenso wie Paganini musste er seine Karriere wegen einer unheilvollen Erkrankung der linken Hand aufgeben. Die Ähnlichkeiten mehren sich, bis Jürgen sein Heureka-Erlebnis hat. Er liest alte Rezensionen.

Und dann las ich: „Federico Temperini, Solist.“ Ich schaute in die schwarze Leere vor meinem Fenster, …, und ich dachte: Natürlich. Natürlich, du Depp. (101)

An dieser Stelle legt man das Buch zur Seite und denkt verwundert: wieso Depp? Und der Blick fällt auf das Cover mit der offenen Hand und auf den Begriff „Novelle“. Ist sie nicht charakterisiert durch die vier „K“: Konflikt, Krise, Kehrtwende, Katharsis? Und plötzlich winken Parallelen. Bezogen auf unsere Hauptfigur Jürgen stellt sich der Konflikt mit seiner Frau Irene dar als das Gerangel um die Zeit, die Jürgen mit seinem Sohn Leon verbringen darf. Dieser Konflikt steigert sich über die Jahre bis zur Krise, denn Leon wird mit seinem Stiefvater statt mit Jürgen die Kanadareise unternehmen. Jürgen fürchtet, auch noch die Liebe seines Sohnes zu verlieren. Und dann der innere Wendepunkt, ausgelöst durch Temperini, der Jürgen den Horizont erweitert und ihn von den persönlichen Problemen ablenkt, wie ein Katalysator. Dank seiner hat Jürgen eine Erkenntnis: Natürlich, Natürlich, du Depp.

Dieser Katalysator namens Federico Temperini wird in der Novelle derart gleichartig zu Niccolò Paganini im äußeren Erscheinungsbild wie im musikalischen Talent gezeichnet, dass man stutzt: Das ist gewollt! Könnte es sein, dass uns die Autorin im Realismus des heutigen Stadtlebens einen magischen Aspekt untergeschoben hat? Eine Inkarnation des Paganini? Die Beziehungsprobleme werden dadurch relativiert, der Protagonist wird „ver“-führt, sich mit der Genialität von Paganini zu befassen. Für ihn eine unerwartete Horizonterweiterung. Neuer Blick auf das eigene Leben, auf das Verhältnis zu seinem verstorbenen Vater wie auch das zu seinem Sohn.

Es stellt sich eine Entspannung ein, eine Katharsis. Sein ach so klein geratener Vater hatte nämlich auch dem großen, noch genial geigenden Herrn Temperini als Chauffeur gedient. Jürgen ist verwundert:

Was wissen Söhne schon über ihre Väter. (121)

Diese Erkenntnis gilt auch für das Verhältnis zu seinem Sohn Leon.

Auch wenn es wehtat. Was immer passiert war oder noch passieren würde, es war nur ein Ausdruck dessen, was war, wie es war: Leo hatte zwei Väter. Ich war einer von beiden. (134)

Auf dieser Basis müsste man sich zusammenraufen können.

Wenn Sie nun wissen wollen, wie alles ausgeht, nehmen Sie die Novelle in die Hand und lesen selbst. Es lohnt sich!

© 31.5.2020  Bernhard R. M. Ulbrich / litbiss.de