IM LYRIKRAUM: Norbert Hummelt

Lessmannes ist geschehen u. war kein traum du in
dem immer dunkleren raum wie du für

mich die tarot-karten legst … da ist der mann
wieder mit den drei stäben u. du findest

den gehängten nicht u. es kann gar keine
zukunft geben aber die amsel singt abends (…)

Norbert Hummelt, Auszug „dämmerung“ aus „Sonnengesang“

Es ist Juni, als sie sich begegnen, sie wie ein flüchtiger Kohlweißling, der später allenfalls noch eine Windschutzscheibe streifen wird. Und bereits in der Juni-Dämmerung zeichnet sich die Nicht-Zukunft der beiden ab, die kurze, intensive Liebe eines Sommers. In diesem „Sonnengesang“ sind Herbst und Winter bereits eingeflochten, neigt sich alles einem melancholischen Ende zu, ein kurzes Aufbäumen, Bemühen noch – „meine wunde war noch einmal zugegangen“ – und doch über allem das Bewußtsein von Endlichkeit:

im beinhaus zu hallstatt den 3ten august
faßte ich mir an den eigenen Schädel

so seltsam war er mit haut überzogen … oben
wuchsen haare u. selbst augen standen noch

heißt es im sechsten und letzten Zyklus in dem Gedicht „vanitas“.

„Sonnengesang“ – das ist auch das erste Zeugnis der italienischen Literatur, das gleichnamige Gebet des Franz von Assisi, in dem er Gott und die Schöpfung preist. Und so verwebt auch Norbert Hummelt Elemente der Liebes- und Naturlyrik, singt gewissermaßen mit einem melancholischen Unterton freilich, die Sonne an.

Carsten Otte betont in seiner Besprechung beim SWR:

„Mögen sich Rhythmus und Binnenreim in den ersten Zeilen noch nicht aufdrängen, auch weil der Zeilensprung den semantischen Zusammenhang aufbricht, lässt sich aber schon im Eröffnungsgedicht eine Art poetisches Programm erkennen. Hier stellt sich ein lyrisches Ich vor, das von der Natur gerufen wird, um Flora und Fauna zu preisen, und zwar in einer Formensprache, die dem historischen Rondo näher ist als der lyrischen Moderne.“

Und doch sind es die modernen Elemente, die dem Reigen aus Begegnung und Abschied, Blühen und Vergehen ein Quäntchen Hoffnung eingeben:

(…) mein engel hatte mich verlassen.

aber das licht kam von der raumstation, die sich am himmel
über mir bewegte, rascher als der mond u. heller als ein stern.

Informationen zum Buch:
Norbert Hummelt
Sonnengesang
Luchterhand Verlag, 2020
Hardcover mit Schutzumschlag, 96 Seiten, 20,00 €
ISBN: 978-3-630-87630-6


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Dagrun Hintze: Einvernehmlicher Sex

„Auf der Mitte des Lebens kann Liebe
verdammt beunruhigend sein
aber auf der Mitte des Lebens
gelang es mir jetzt
mit Hilfe des Stadtplans zurückzukehren
an den Platz auf dem ich sitzen wollte
allein“

Dagrun Hintze, Auszug aus „Pfirsiche kaufen“.

In und auf der Mitte des Lebens hat eine Frau idealerweise schon einige Variationen der Liebe hinter sich, Erfahrungen gesammelt, Dramen erlebt, Enttäuschungen überstanden, Hoffnung geschöpft, den Zauber des Anfangs und die Magie des Bleibens erfahren – von all dem erzählt die 1971 in Lübeck geborene Schriftstellerin Dagrun Hintze in ihrem neuesten Gedichtband „Einvernehmlicher Sex“.  Einigen Lesern des Blogs dürfte sie noch durch ihre Fußballgeschichten unter dem Titel „Ballbesitz“ in Erinnerung sein – und wer so unterhaltsam und treffend über Fußball schreiben kann, der kann das auch über weitere wichtige Nebensächlichkeiten des Lebens: Liebe, Sex, Erotik.

„Ich hatte in meinem ganzen Leben
noch nie einen One-Night-Stand hinbekommen
auch wenn jede zweite Frauenzeitschrift
behauptet dass man das vor Dreißig
geschafft haben muss“

… heißt es im titelgebenden Gedicht „Einvernehmlicher Sex“. Ob es der Erzählerin mit 40 gelingt (oder eben auch nicht), sei an dieser Stelle nicht verraten. Aber schon die wenigen Zeilen machen deutlich: Mit der Autorin könnte man einen herrlichen Frauenabend verbringen, bei ein paar Glas Wein kichernd und lachend die eigenen Liebespleiten austauschen. Es sind Geschichten vom ersten Petting, damals, mit fünfzehn, mit dem Sohn eines Müslifabrikanten über die Begegnung mit einem Tschechen, den frau gerne 20 Jahre früher kennengelernt hätte bis hin zum veritablen Liebeskummer, der unvermittelt über einen hereinbricht, weil sieben Jahre nach der misslungenen Liebesgeschichte plötzlich Brian Ferry im Taxi erklingt. Love is the Drug.

In 38 Prosagedichten erzählt Dagrun Hintze vom Liebesleben einer modernen Frau: Mal heiter, mal lakonisch, mal wehmütig, mal überschwänglich. In Szenen, die man selber kennt, von Gefühlen, die man nachvollziehen kann. Und hier trifft es der Text des Verlags, der behauptet: „Man begleitet die Erzählerin durch Höhen und Tiefen und merkt irgendwann, dass man sich zwischen den Zeilen befreundet hat.“

Mein Lieblingsgedicht in diesem Band ist jedoch eines geworden, das vergleichsweise verklausuliert wirkt:

Zwischenstand

Bis hier
Ein Fell auf nackter Haut
die auch nicht mehr schneeweiß ist
und Leberflecke an pikanten Stellen
Nicht aus der Zeit gefallen
auch nicht verrückt geworden
Pfefferminztee
und ein halbes Leben

Die Autorin Simone Buchholz äußert sich begeistert über die Gedichte der „open mike“-Preisträgerin 2005:

„Dagrun Hintze haut einem die Poesie um die Ohren, dass die Welt aus dem Takt gerät, mitten hinein in die schönste Schieflage, in eine zarte Schlagseite, ins heftigste Wetter, in bunte Himmel, und man möchte mit ihr und ihren Piratenfreunden durch diese Nächte und Tage tanzen, von denen sie schreibt.“

„Einvernehmlicher Sex“ ist erschienen bei Minimal Trash Art (MTA), einem Verlag für Musik, Texte und Bilder, der heuer sein 20-jähriges Bestehen feiert. Reinschauen lohnt sich: https://www.minimaltrashart.de/

Dagrun Hintze
Einvernehmlicher Sex
38 Gedichte

80 Seiten
Taschenbuch
12,00 Euro

ISBN 978-3-9814175-3-1-
Minimal Trash Art (MTA)
2018

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Dinçer Güçyeter: Aus Glut geschnitzt

P1010831

Bild: (c) Michael Flötotto

Liebste!
werden wir es wagen
barfuß zu laufen
über dieses Feuer

Schon der Titel dieses Buches lässt die Leidenschaft erahnen, aus denen diese Verse geschmiedet sind. Es sprühen die Funken in diesen Zeilen: „Aus Glut geschnitzt“ hat Dinçer Güçyeter seinen inzwischen dritten Gedichtband genannt. Sie sind ganz offenbar einem Herzen und Hirn entsprungen, das glüht, das brennt, das sich manchmal auch verbrennt:

Auf einem trockenen Kastanienzweig
hat mich der Morgenwind vergessen
mein aufgebraustes Dichterherz
bleibt die Brücke über alle Flüssen

Nicht mehr/weniger als diese Gedichte – das stellt Dinçer Güçyeter als denkbar knappste Selbstvorstellung auf dem Buchumschlag seinem Portraitfoto zur Seite. Was auch sagen will: Hier, in diesen Zeilen, steckt mein ganzes Ich, mit Herzblut geschrieben, aus Glut geschnitzt.

Es ist keine sachlich-nüchterne Lyrik, sondern Poesie – manchmal zart, manchmal brachial, manchmal verletzlich und gewalttätig zugleich. Und natürlich drehen sich viele der Verse um eine der elementarsten, wenn nicht gar die elementarste menschliche Leidenschaft: Die Liebe.

welche Erinnerung ich auch aufschlage
deine zitternde Handschrift flickt die Gegenwart
die Sonne küsst meine Brust
mit aufgerissenen Lippen

Mag sein, dass diese Zeilen an eine Geliebte gerichtet sind. Es mag aber auch sein, sie sind eine Widmung an die Mutter, den Vater. Denn Güçyeter wechselt immer wieder die Sichtweise, die Perspektive, den Adressaten in diesem Gedichtband, der vor allem auch eine Reminiszenz an das verlorene Paradies der Kindheit ist. Beeindruckend der Tonfall im Gedichtreigen „Konzert für Kinder und Nächte“, anrührend die Erinnerungen „an den Jungen, den Jungen mit der grünen Strickjacke“ – der Junge, in Deutschland geboren, der hier selbst zum Vater wird, in diese Kultur hineinwächst und dennoch den Samen der anderen Kultur mit den Eltern eingepflanzt bekam. Diese doppelte Prägung machen auch die Faszination der Gedichte aus: Da hat einer keine Scheu, fast schon ornamentale Sprachgewinde zu knüpfen, da pocht das Erbe der Märchenerzähler an die Tür, das dann wiederum durchbrochen wird durch alltägliche Szenerien, durch ein ganz und gar prosaisches Bild.

der verirrte Pfau klopft in der Morgendämmerung ans Fenster
jeder weiß: eine Brotdose kostet hier 3 Überstunden
aber dafür …

Dinçer Güçyeter, der 1979 in Nettetal zur Welt kam, hat anatolische Wurzeln: Seine Eltern kamen als Arbeitsmigranten nach Deutschland. Ihnen hat der Dichter mit diesem Band ein Denkmal gesetzt – voller Liebe für die Mutter, voller Respekt, wie sie ihr hartes Arbeitsleben bewältigte. Im Ringen und in der Abgrenzung, aber auch mit Hingabe an den Vater, der in manchen Bildern fremd und distanziert erscheint.

keiner will es glauben, aber…
der Tod eines Vaters ist die zweite Geburt des Sohnes

Und so rührt es auch sehr an, wenn der Schreibende seinem eigenen Sohn etwas auf den Weg mitgibt:

höre auf deinen Papa: sei ein Schmetterling, finde die Blütenlichter
nimm nicht den gleichen Weg, aber höre auf den verlorenen Dichter
(…)
warte nicht auf bessere Zeiten, nie auf das milde Wetter
springe auf den Schlitten, spalte den Schneesturm
ruhe nie im süßen Apfel, die Messer sind scharf

„Sei Schnitt, sei Schlitz, sei Wunde“: Die Verse von Dinçer Güçyeter sind dies. Viel Anerkennung bekam dieser auch optisch augenfällige und außergewöhnliche Gedichtband von Gerrit Wurstmann bei Signaturen:

„Hör zu“, fordert uns der Dichter auf, und was er zu erzählen hat, ist oft erschütternd. Seine Verse sind ein Brennglas auf die Untiefen der Realität; das Schöne findet sich nur als Wunsch, Fantasie, Erinnerung, hier und da blitzt oder glüht es auf zwischen all den Schrecken von Flucht, Ausbeutung und Gewalt, denen als Kontrapunkt die unschuldige Naivität des kindlichen Blicks entgegengesetzt wird.

Es wäre schön, wenn der Dichter noch viele Zuhörer fände: Denn auch wenn man die Lyrik von Dinçer Güçyeter nicht auf diesen einen Kern reduzieren kann, so ist sie doch auch ein Zeugnis jener Ausdrucksform, jener Sprache, die erst zwischen dem Zusammenkommen zweier Kulturen wächst und uns bereichern kann. Immer wieder fühlte ich mich beim Lesen an den berühmten Satz von Max Frisch erinnert: „Wir riefen Arbeitskräfte und es kamen Menschen.“

Menschen, die ein großes Stück ihrer alten Heimat, ihrer Kultur, ihrer Tradition mitbringen und wie in einem Granatapfelkern verschlossen ihren Kindern einpflanzen – und daraus entsteht eine wunderbare Sprache, die beide Welten in sich vereint.

Nicht unerwähnt darf bleiben, dass das Buch auch optisch ein Schmuckstück ist. So wird auf dem „Rosinante Literaturblog“ geschwärmt:

„Überhaupt hat man das Gefühl in einem Märchenbuch zu blättern. Das ist auch der phantastischen Bebilderung dieses farbenprächtigen Bandes geschuldet. Kunstvolle Collagen, Fotos von Yavuz Arslan und Ornamente auf türkisem Grund inszenieren das Zusammenfließen der Magie geträumter Möglichkeiten und den Gesichtern des Alltags in ganz herausragender Weise. Aber sie hüten sich davor zu erschrecken.“

D`accord!

„Aus Glut geschnitzt“ ist im Elif Verlag erschienen – Dinçer Güçyeters eigener Verlag, der einige bemerkenswerte Gedichtbände in seinem Programm hat.

http://elifverlag.de/produkt/aus-glut-geschnitzt/

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F. Scott Fitzgerald: Der große Gatsby

F. Scott Fitzgerald – Der große Gatsby (1925)

Originaltitel: The Great Gatsby
Übersetzt von Lutz-W. Wolff

Die Liebe in der Literatur ist ja oft eine Sache von großem Edelmut und hochstilisierter Reinheit. Unter welcher Verkommenheit eine solche Liebe begraben werden kann, zeigt uns F. Scott Fitzgerald in Der große Gatsby, jenem so raffiniert komponierten Roman, der uns unter einer dicken Schicht farbenprächtiger Glasur die Türen zu den abgründigen Kloaken öffnet, zu denen solch ursprünglich unbefleckte Empfindungen mutieren, wenn sie nach und nach von niederen Verführungen verseucht werden.
Die schöne Daisy steht praktisch mitten im Auge des Abflusses, um den das Schmutzwasser der männlichen Charaktere kreist. Am Ende ist die ganze Dreckbrühe abgelaufen, und nichts bleibt mehr übrig als eine besudelte Daisy, die nicht mehr heraus kann aus ihrer Rollenschablone und natürlich einfach so weitermachen wird wie bisher und den letzten Rest Gefühle an ihr immer weiter verhärtendes Herz verlieren wird.
Was sich jetzt vielleicht noch nicht wirklich einladend darstellt, ist jedoch – und das ist ein entscheidender Teil der Kunst Fitzgeralds – ein wunderbar geschriebenes Stück Literatur. Wenn der unanständig reiche Jay Gatsby regelmäßig seine Villa zu seinen legendären Partys erstrahlen lässt, um wie ein prachtvoller Vogel die auf der anderen Seite der Bucht wohnende Daisy mit seinem Fanal der Liebe anzulocken, hat das eine ungeheure Suggestionskraft. Man hört als Leser förmlich die Jazzmusik der frühen 1920er Jahre, das Gelächter, das Klirren der Champagnerflaschen und sieht diese Menschen einer längst vergessenen Ära glasklar vor Augen: die Damen mit ihren Bubikopf-Frisuren, Perlenketten und eng anliegenden weißen Kleidern; die Männer in ihren schwarzen oder weißen Anzügen; allesamt tanzend, angeschickert Konversation treibend, später komplett besoffen laut lachend.
Doch bei all den finanziellen Mitteln, die hier aufgeboten werden, ist das alles leider nur Glimmer. Modeschmuck. Gatsby, der wahrscheinlich einzige Protagonist im Roman, dessen Herz grundsätzlich noch von echten Gefühlen geleitet wird, ist bei all seinem Reichtum immer der junge Soldat geblieben, der sich in die standeshöhere Daisy verliebt und den Weg der Rechtschaffenheit verlassen hat, um ihr gesellschaftlich ebenbürtig zu werden. Seine Kontur verschwimmt fortan im Nebel der Kriminalität. Es soll ihm nicht gelingen, sich jemals der besseren Gesellschaft wirklich verbunden zu fühlen. Daisy gegenüber kann er seine unsichere und scheue Grundhaltung nicht verbergen. Er wurde eben nicht reich geboren.
Ach, und wie sehr könnte man Daisy doch mögen, hätten die Umstände sie nicht zu dem gemacht, was sie geworden ist. Als der junge, noch mittellose Gatsby ihr Herz erobert, ist sie trotz ihres hohen Gesellschaftsstandes noch nicht restlos versaut. Aber schon einige Jahre später, während derer ihr Geliebter weit weg im Krieg ist, haben die Standeszwänge sie so sehr im Würgegriff, dass sie den dumpfen, aus reicher Familie stammenden Tom heiratet anstatt Gatsby. Diese Entscheidung gegen die wahre Liebe ist dann auch der Kristallisationsknoten, um den die zunehmend falsch laufenden Ereignisse wuchern, die schließlich in eine Tragödie klassischen Ausmaßes münden.
Und so ist Der große Gatsby letztlich ein Roman über die Anfälligkeit des menschlichen Geschlechts, sich für materiellen Überfluss verderben zu lassen. Unter Hinzunahme eines nicht so ganz vertrauenswürdigen Ich-Erzählers gießt F. Scott Fitzgerald mit traumwandlerischer Geschicktheit all dies in eine trickreiche Handlungsform, die sich dank der Neuübersetzung von Lutz.-W. Wolff endlich so modern liest wie ihr Original immer geblieben ist.

Frank Duwald schreibt seit 1987 über Literatur. Auf seiner Seite dandelion | abseitige Literatur bespricht er vorwiegend Romane und Erzählungen jenseits des Mainstream.

Bild zum Download: https://pixabay.com/de/photos/dekoration-mauer-altstadt-augsburg-4198625/

Richard Lorenz: Frost, Erna Piaf und der Heilige

Richard Lorenz – Frost, Erna Piaf und der Heilige (2016)

Dass auch Penner in den Himmel kommen, ist eine der vielen Erkenntnisse, die man aus Richard Lorenz‘ melancholischen Roman Frost, Erna Piaf und der Heilige ziehen kann. Denn für Richard Lorenz sind es die Gestrauchelten, für die sein Herz schlägt, die Obdachlosen, die für die Gesellschaft ihr Menschsein eingebüßt haben, nur noch als Kreaturen wahrgenommen werden, an denen man zügig vorbei geht. Lorenz macht sie zu Königinnen und Königen, nimmt ihnen das Geisterhafte und gibt ihnen einen Charakter und damit auch ihre Würde zurück. Was ein harter realistischer Enthüllungsroman hätte werden können, entblättert sich aber nach völlig eigenen literarischen Gesetzen. Hart und realistisch ist der Roman durchaus, aber seine etwas versponnene und humorvolle Sprache lenkt den Text frontal in unser Gewissen, ohne freilich moralisierend zu sein, und dorthin, wo die Gefühle herkommen. Kaum eine Seite geht vorüber, ohne dass man entweder über verblüffende Sätze oder aber kluge Anekdoten staunt. Diese Fülle an Lebensweisheit und Staunenswertem sowie die Tatsache, dass man einen Großteil davon recht schnell wieder vergisst, bewirken eine beinahe traumähnliche Leseerfahrung.

Anderes Thema: Liebesgeschichten laufen ja meist nach demselben Schema ab: Rauschhafter Beginn …, großes Liebesglück …, die Tragödie! Jedoch schreiben auch einige wenige ernstzunehmende Autoren von Liebesromanen diese ewige Geschichte rückwärts. So etwa Nathaniel Hawthorne in Das Haus der sieben Giebel und jetzt Richard Lorenz in Frost, Erna Piaf und der Heilige.

Lorenz‘ Roman beginnt kuriositätenreich in der Kindheit des Protagonisten Frost, einem einsamen, verträumten Jungen, dessen Gedichte Sterbenden helfen, leichter ihre Welt der Qualen zu verlassen. Als Erwachsener arbeitet er in einem nicht ganz alltäglichen Hospiz, einem Sterbehaus für die Armen, ganz ohne Zimmerpalmen und Fahrstuhlmusik. Hier erhalten die Verlorenen die Schmerzmittel, die ihnen den letzten Gang erleichtern sollen, aber auch den Respekt, der ihnen auf der Straße verwehrt bleibt. Es ist eine finstere Kulisse, die Richard Lorenz, dieser Poet der gefallenen Engel, da entwirft. Leiden und Tod sind allgegenwärtig zwischen diesen Wänden. Und Frost hat die Fähigkeit, lindernde Gedichte zu erschaffen, als Erwachsener längst verloren.

Und dann kommt Amelie. Wir finden sie nicht im namenreichen Titel des Romans, aber sie ist der geheime Motor der Geschichte. In ihrem eigenen Leben völlig orientierungslos, ist sie aber immer zum richtigen Zeitpunkt dort, wo man gar nicht wusste, dass man sie braucht.

Die Liebesgeschichte zwischen Frost und Amelie beginnt zaghaft und erfüllt sich erst während jener grotesken Pilgerreise, die die beiden zusammen mit den beiden Obdachlosen Erna Piaf (der heimlichen Tochter von Edith) und dem Heiligen (der seit Jahren behauptet, so krank zu sein, dass er jeden Moment sterbe) nach Paris führt, dem Shangri-La der Heimatlosen. Glück und Zuversicht strömen in die eisige Dunkelheit und beschließen ein Buch der Menschlichkeit.

Frank Duwald

Frank Duwald schreibt seit 1987 über Literatur. Auf seiner Seite dandelion | abseitige Literatur bespricht er vorwiegend Romane und Erzählungen jenseits des Mainstream.

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Constance de Salm: 24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau

Der Brief, den du geschrieben

Der Brief, den du geschrieben,
Er macht mich gar nicht bang:
Du willst mich nicht mehr lieben,
Aber dein Brief ist lang.

Zwölf Seiten, eng und zierlich!
Ein kleines Manuskript!
Man schreibt nicht so ausführlich,
Wenn man den Abschied gibt.

Heinrich Heine

Recht hat er, der gute Heine, wie meist, wenn es um Frauenherzen geht. Solange sie noch Briefe schreibt, ist unter die Liebe kein Schlußstrich gezogen. Das gilt auch für die aufgewühlte Heldin des kleinen Briefromans der Constance de Salm: „24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau“. In Frankreich wird das Buch 1824 veröffentlicht, sofort zum Erfolg und wird auch in Deutschland mehrfach aufgelegt.

Später gerät Constance de Salm in Vergessenheit. Seit einigen Jahren jedoch ist das Interesse an ihr, sowohl in Frankreich als auch in Deutschland, wieder erwacht. So bemüht sich das Deutsche Historische Institut Paris um die Erschließung ihrer umfangreichen Korrespondenz. Mehr dazu findet sich auf dieser Homepage:
http://www.constance-de-salm.de/edition

Im Zuge dieser neu entfachten Aufmerksamkeit an Constance de Salm erschien auch ihr Roman mit fiktiven Briefen, der Bestseller in ihrem Oeuvre, wieder. Bei Hoffmann und Campe wurde er aktuell in einer eleganten Ausgabe erneut aufgelegt, übersetzt von Claudia Steinitz, ergänzt durch ein informatives Nachwort von Karl-Heinz Ott.

Der schmale Roman, nur knappe 100 Seiten umfassend, stammt von einer hochgebildeten Frau, die sich der Aufklärung und der Vernunft verschrieben hatte: Constance de Salm (1767 bis 1845) verfasste Gedichte und philosophische Essays, sie wurde als erste Frau in das Lycée des arts aufgenommen, sie ließ sich scheiden und heiratete einen jüngeren Mann, sie setzte sich für die Gleichberechtigung der Frauen ein, führte einen Literarischen Salon und verkehrte mit einigen geistigen Größen ihrer Zeit auf Augenhöhe. Alles in allem also eine emanzipierte Frau – und dennoch bleiben im allgemeinen literarischen Gedächtnis vor allem ihre „empfindsamen Briefe“ in Erinnerung.

Die schrieb sie gleichsam als ein Experiment, als eine Studie. In einem später entstandenen Vorwort meint sie über die Vorwürfe, die man ihr „ob des ernsten und philosophischen Tons meiner Werke machte.“

„Ich wollte also mit diesen Briefen einen erneuten Tribut an die Üblichkeit leisten und beweisen, dass die Neigung zu ernstem Werk Empfindsamkeit keineswegs ausschließt.“

Ausgelöst durch einen vermuteten Flirt ihres Geliebten mit einer Madame de* lässt eine empfindsame Frau 46 – in Worten: sechsundvierzig – Briefe aus ihrer Feder fließen. Die Eifersucht steigert sich zum leichten Wahn, als die Verfasserin während des Tages, den der Briefroman umfasst, erfährt, der vergötterte Mann habe die Nacht auf dem Lande verbracht – mit ihr, der vermeintlichen Rivalin. Am Ende löst sich zwar alles in Wohlgefallen auf und (fast) alle leben fortan glücklich und zufrieden.

Man mag den Briefroman in Zeiten von Emails, SMS, WhatsApp, etc. sowieso als hinfällig betrachten, und den Liebesbrief als altmodisches Relikt – aber dennoch bleiben die Liebe an sich und ihre Begleiterscheinungen wie Sehn- und Eifersucht, Verlangen, Irrungen und Wirrungen bestimmende Lebensantriebe und daher auch zentrale Motive in der Literatur.

In ihrem Briefroman konzentrierte sich die Adelige au eine negativen Affekt, der im Liebesreigen verheerende Auswirkungen haben kann. Schon Jago warnte Othello vergeblich vor der Vernichtungskraft dieses Gefühls: „O, beware, my lord, of jealousy; It is the green-eyed monster which doth mock the meat it feeds on;“

Constance de Salms Briefeschreiberin ist dem Auf und Ab, das sie in den 24 Stunden ihrer Unsicherheit beutelt, beinahe hilflos ausgeliefert – der Leser kann an den Briefen nachvollziehen, wie sich die Gefühlsaufwallungen steigern, von der ersten Erregung über Wut und Zorn (natürlich dennoch in wohltemperierte damenhafte Worte gegossen) bis hin zu Selbstaufgabe und Todeswunsch. So wird der schmale Roman zu einer kleinen psychologischen Studie, die sich auf einen Affekt konzentriert.

Karl-Heinz Ott merkt in seinem Nachwort an, de Salm sei einer aufklärerischen Moral, die psychologisch zu verstehen sei, verpflichtet gewesen. Auch im Sinne der Selbsterkundung: Nur, wer auch von seine dunklen Gefühlen wisse, wisse auch damit umzugehen.

„Was heißt, dass die Vernunft sich unserer Unvernunft nur ausgiebig genug widmen muss, um das Irrationale ein bisschen rationaler zu machen“, erläutert Karl-Heinz Ott. Dessen kluges, mit vielen Bezügen gespicktes Nachwort ist beinahe schon eine eigene kurze philosophische Abhandlung über den Umgang mit Affekten: „Das aber bedeutet wiederum, dass derjenige, welcher über seinen Gefühlen zu stehen meint, sich gegenüber demjenigen, der gezielt in den Abgrund blickt, als der viel Unvernünftigere erweist.“

Der Briefroman, so Ott, nicht nur als eine Form der Kultur, sondern als eine Kultur der Form: Constance de Salm nutzte ihn, um ein wildes, überbordendes Gefühl zu fassen, beinahe idealtypisch den Verlauf eines Eifersuchtsanfalls zu schildern und ihm anhand der Studie einer empfindsamen Frau eine Struktur zu geben. Dies macht das Buch auch heute noch interessant – wenn auch die Formen des Ausdrucks und der Kommunikation sich wandeln, die menschlichen Affekte bleiben sich doch gleich.

Mehr Informationen zum Buch beim Verlag:
http://www.hoffmann-und-campe.de/buch-info/24-stunden-im-leben-einer-empfindsamen-frau-buch-8156/

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Kazuo Ishiguro: Was vom Tage übrigblieb

Kazuo Ishiguro – Was vom Tage übrigblieb (1989)

Originaltitel: The Remains of the Day

Es gibt literarische Bilder, die man nie mehr vergisst. Eines davon ist für mich die weinende Haushälterin Miss Kenton in Kombination mit dem sich außen vor der Tür herumdrückenden Butler Mr. Stevens in Was vom Tage übrigblieb von Kazuo Ishiguro.
Man möchte ihn schütteln, diesen schrägen Vogel, Mr. Stevens, damit er endlich begreift, was er da tut. Beziehungsweise nicht tut. Genauso gern würde ich Miss Kenton, die Mr. Stevens liebt und immer wieder auf ihre herrlich launische Art seinen starren Emotionsapparat attackiert, einfach in den Arm nehmen – weil es niemand im Roman tut, obwohl diese Frau ihr Leben lang still leidet. Leider geht das in einem Roman nicht, selbst wenn man eine erfundene Person so sehr mag als existiere sie wirklich. Miss Kenton ist so eine Protagonistin. Eine, die förmlich aus dem Roman tritt und unsere Herzen erbeutet.
Es gibt ja diesen Roman Die allertraurigste Geschichte von Ford Madox Ford. Was vom Tage übrigblieb könnte diesen Titel auch tragen. Macht es einen doch schon traurig, wenn von außen eine glückliche Liebe sabotiert wird, ist es bei weitem noch schlimmer, tatenlos einem Menschen dabei zusehen zu müssen, wie er aus eigenem Antrieb sein Lebensglück weg tritt, so wie Mr. Stevens es tut.
Mr. Stevens hat nie gelernt, was Humor ist. Damit er die spaßig-provokanten Fragen seines neuen amerikanischen Dienstherrn schlagfertig mit angemessen witzigen Antworten parieren kann, hört sich der Durch-und-Durch-Brite als Lehrmaterial humorige Radiosendungen an. Wenn er ahnen würde, wie viele Lacher sein stocksteifer, an Umständlichkeit kaum zu überbietender Erzählton uns gibt …
Genauso hat er auch nie gelernt, was Liebe ist.
Mit großer Meisterschaft balanciert Ishigoru mit den Gewichtungen der verschiedenen Themen des Romans. Der größte Textanteil widmet sich den unsortierten, Tagebuch ähnlichen Erinnerungen Mr. Stevens‘ an seine berufliche Vergangenheit als Butler mit Leib und Seele. Auf Anordnung seines neuen Dienstherren macht Mr. Stevens zum ersten Mal in seinem Leben eine Woche Urlaub. Ausgestattet mit dem feudalen Auto seines Arbeitgebers macht er sich auf zu einer Reise durch das verträumte ländliche Westengland, dessen Schönheiten er beeindruckend einfühlsam und wortgewandt darzustellen weiß. Damit die Reise ein Ziel hat und einer gewissen beruflichen Grundlage nicht entbehrt (sonst hätte er ein schlechtes Gewissen) ist als letzte Station ein Besuch bei Miss Kenton geplant, jener Haushälterin, mit der er vor Jahrzehnten zusammenarbeitete, und die er jetzt gern zurückholen würde, da aktueller Bedarf an guter Arbeitskraft besteht. Die viele Freizeit, über die er plötzlich verfügt, lässt seine Gedanken in die Vergangenheit schweifen, hauptsächlich an die Jahre zwischen den Weltkriegen, während derer er eigenen Angaben zufolge als Butler einer hochrangigen Persönlichkeit Zeitzeuge weltpolitisch zukunftsweisender Zusammenkünfte wurde, an deren Erfolgen auch seine professionelle Dienstbereitschaft nicht ganz unbeteiligt war.
Nur eine Handvoll Worte gewährt Ishiguro im Laufe des Romans der Liebe, und diese auch nur andeutungsweise. Aber wie grundlegend reißen diese emotionalen Nuancen den Roman immer wieder von seinem Wege herunter. Am Ende ist all das Gerede von Mr. Stevens bedeutungslos. Ein, nein zwei, Leben, verschenkt an eine Illusion. Den größten Teil seines Lebens hat Mr. Stevens Miss Kentons Zeichen übersehen. Ishiguros Kunst ist es hier, all dies so einnehmend und humorvoll zu erzählen, dass man es einfach gern liest, voller Bewunderung und Amüsement.
Die andere Seite von dem, was Kazuo Ishiguro uns da so charmant als ein Konvolut der unstrukturierten Erinnerungen an das Berufsleben eines Butlers unterjubelt, ist die Geschichte einer lebenslangen Liebe, der keine Chance gewährt wird. Die Tränen Miss Kentons werden niemals trocknen.

Frank Duwald

Bild zum Download: https://pixabay.com/de/photos/dekoration-mauer-altstadt-augsburg-4198625/

Johann Wolfgang von Goethe – Freudvoll und leidvoll

Goethe

Goethe-Graffiti in Weimar. Bild: Birgit Böllinger

Freudvoll
und leidvoll,
gedankenvoll sein,
Langen
und bangen
in schwebender Pein,
Himmelhoch jauchzend,
zum Tode betrübt,
Glücklich allein
ist die Seele, die liebt.

Johann Wolfgang von Goethe

„Clärchens Lied“ ist Bestandteil des Trauerspiels „Egmont“, das Goethe 1787 vollendete. Für Marcel Reich-Ranicki, der es in der „Frankfurter Anthologie“ besprach, ist es gar das „vollkommenste erotische Gedicht“ deutscher Sprache:

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/frankfurter-anthologie/marcel-reich-ranicki-in-der-frankfurter-anthologie-johann-wolfgang-von-goethe-freudvoll-und-leidvoll-12708059.html

Johann Wolfgang von Goethe – Gingo biloba

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Bild von Ulrike Leone auf Pixabay

Dieses Baums Blatt, der von Osten
Meinem Garten anvertraut,
Giebt geheimen Sinn zu kosten,
Wies den Wissenden erbaut,

Ist es Ein lebendig Wesen?
Das sich in sich selbst getrennt,
Sind es zwey? die sich erlesen,
Dass man sie als eines kennt?

Solche Frage zu erwiedern
Fand ich wohl den rechten Sinn;
Fühlst du nicht an meinen Liedern
Dass ich eins und doppelt bin?

Johann Wolfgang von Goethe

Gegenüber der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar steht jener als Naturdenkmal geschützte Gingko-Baum, der vielfach mit Goethes Gedicht aus dem Jahre 1815 in Zusammenhang gebracht wird. Und auch wenn das zweigeteilte Blatt zu einem weiteren Wahrzeichen der Stadt geworden ist (ein privat geführtes Museum in der Altstadt über die Mythen und Erzählungen, die sich um diesen aus China stammenden Baum ranken, angeschlossen ist ein etwas touristisch überladener Gingko-Shop) – die Inspiration holte Goethe sich andernorts.

Jetzt, im Frühjahr, macht der Gingko noch nicht soviel her – im Herbst dagegen wird die Verfärbung der Blätter spektakulär. In Weimar sind sowohl das Goethe- als auch das Schillerhaus im Gingko-Herbst-Gelb gestrichen – goldene Zeiten.

Der Gingko (den Goethe des besseren Lautfalls wegen kurzerhand zum „Gingo“ umbenannte) war in jener Zeit an Fürstenhöfen und in den Gärten der besseren Gesellschaft „en vogue“. Goethe verfasste diese Zeilen als Handschrift am 15. September 1815, beigefügt waren zwei Gingko-Blätter. Diese stammten sicher nicht aus Weimar, auch nicht, wie lange angenommen, von einem Baum in Heidelberg, sondern vermutlich aus einem Garten in Frankfurt am Main. Welcher Gingko ausschlaggebend war für diese wunderbaren Zeilen, die von Liebe und Freundschaft sprechen, ist im Grunde nur ganz, ganz wichtig für wahre Goethe-Forscher. Viel interessanter ist doch, an wen sie gerichtet waren: Denn Goethe war einmal mehr verliebt.

goethe_ginkgo_biloba

1814 und 1815 begegnete er mehrfach der Schauspielerin und Sängerin Marianne von Willemer, diese zunächst die langjährige Geliebte, dann die Gattin eines Frankfurter Bankiers, mit dem Goethe befreundet war. Es besteht die Fama, Willemer habe seine Marianne flugs geheiratet, als Goethe ihr nach der ersten Begegnung begann, offensiv den Hof zu machen – es muss ihn (einmal mehr) blitzartig erwischt haben. Erst nach ihrem Tod 1860 wurde bekannt, dass etliche Zeilen der „Suleika-Lieder“ im „West-Östlichen Divan“ (in dem auch das Gingko-Gedicht zu finden ist), aus ihrer Feder stammten – damit ist Marianne von Willemer unter den vielen Musen Goethes die einzig (bekannte) Mitautorin.

Vom regen Gedankenaustausch, der geistigen Verwandtschaft, aber auch der gegenseitigen Anziehungskraft zwischen den Beiden zeugen jene Zeilen:

Goethe alias Hatem:
Nicht Gelegenheit macht Diebe,
Sie ist selbst der größte Dieb,
Denn sie stahl den Rest der Liebe
Die mir noch im Herzen blieb.

Dir hat sie ihn übergeben
Meines Lebens Vollgewinn,
Dass ich nun, verarmt, mein Leben,
Nur von dir gewärtig bin.

Doch ich fühle schon Erbarmen
Im Karfunkel deines Blicks
Und erfreu in deinen Armen
Mich erneuerten Geschicks.

Marianne von Willemer alias Suleika:
Hochbeglückt in deiner Liebe
Schelt ich nicht die Gelegenheit,
Ward sie auch an dir zum Diebe
Wie mich solch ein Raub erfreut!

Und wozu denn auch berauben?
Gib dich mir aus freier Wahl,
Gar zu gerne möchte ich glauben –
Ja! Ich bin`s die dich bestahl.

Was so willig du gegeben
Bringt dir herrlichen Gewinn,
Meine Ruh, mein reiches Leben
Geb ich freudig, nimm es hin.

Scherze nicht! Nichts von Verarmen!
Macht uns nicht die Liebe reich?
Halt ich dich in meinen Armen,
Jedem Glück ist meines gleich.

Marianne von Willemer schrieb dies als „Suleika“ an ihren Hatem (JWG) – ein Liebesdialog, ein sinnliches Zwiegespräch, aber auch Sublimation nicht ausgelebter körperlicher Liebe. Der Hatem nahm die Zeilen unter seinen Namen in den „Divan“ auf – Marianne wusste davon. Sie wollte selbst aber das Geheimnis der wahren Identität der „Suleika“ gewahrt wissen und nahm es mit ins Grab.

 

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Johann Wolfgang von Goethe – Mayfest

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Das Goethe-Gartenhaus im Park an der Ilm. Bild von Jochen Schaft auf Pixabay

Wie herrlich leuchtet
Mir die Natur!
Wie glänzt die Sonne!
Wie lacht die Flur!

Es dringen Blüten
Aus iedem Zweig,
Und tausend Stimmen
Aus dem Gesträuch,

Und Freud und Wonne
Aus ieder Brust.
O Erd o Sonne
O Glück o Lust!

O Lieb’ o Liebe,
So golden schön,
Wie Morgenwolken
Auf ienen Höhn;

Du segnest herrlich
Das frische Feld,
Im Blütendampfe
Die volle Welt.

O Mädchen Mädchen,
Wie lieb’ ich dich!
Wie blinkt dein Auge!
Wie liebst du mich!

So liebt die Lerche
Gesang und Luft,
Und Morgenblumen
Den Himmels Duft,

Wie ich dich liebe
Mit warmen Blut,
Die du mir Jugend
Und Freud und Muth

Zu neuen Liedern,
Und Tänzen giebst!
Sey ewig glücklich
Wie du mich liebst!

Hier jubiliert der junge Goethe: Vermutlich 1771 entstanden, gehört das „Mayfest“ oder auch „Mailied“ zu den Sesenheimer Liedern und war einer seiner Jugendlieben, der Friederike Brion, zugeeignet. Nicht der letzte Mai, nicht die letzte Liebe, die das warme Blut des Dichterfürsten in Wallung brachten. Es sind Zeilen, die könnten auch seiner sinnlichsten, körperlichsten Liebe gewidmet gewesen sein – jener Frau, die ihm wirklich Jugend gab und schenkte, trotz aller äußerlichen Erschwernisse.

Allerdings war es nicht im wunderschönen Monat Mai, als alle Knospen sprangen (ein kleiner Abstecher zu Heine), sondern am 12. Juli 1788, als Goethe im Park an der Ilm in Weimar „so für sich hin spazierte“, als ihm eine junge Brünette in den Weg trat: Johanna Christiana Vulpius bittet ihn um Protektion für ihren Bruder Christian August, einen arbeitslosen Sekretär und Schriftsteller. In Goethes Gartenhaus wird die Begegnung offenbar in jedweder Beziehung sofort vertieft – und mündet in eine 28jährige Beziehung. Diese ist jedoch auch von Auf und Ab`s geprägt, von heißer Liebe und kommender Entfremdung – und doch trotzt sie den moralischen Anwürfen jener Zeit.

Von einer innigen Liebe zumindest in den ersten Jahren und einer anhaltenden Verbundenheit über die Jahrzehnte hinweg zeugen auch die Briefe, die das Paar sich schrieb. Christiane erzählt darin meist von ihren täglichen Angelegenheiten, viel von ihrem Garten, den sie selbst pflegte und in dem sie und der Dichter gerne „schlampampten“. Vor allem in den späteren Jahren muss sie oft auf seine Anwesenheit verzichten – er ist in Geschäften oder in Kurangelegenheiten absent und genießt dort vielleicht auch die vielen „Äugelchen“, die ihm von den diversen Literaturgroupies gemacht werden.

So spricht aus den Briefen Christianes oftmals auch eine unstillbare Sehnsucht:

Weimar, 8. oder 9. Mai 1802 

Ich befinde mich wieder etwas besser, aber ganz recht ist mir doch nicht, und ich kann auch nicht recht sagen, was mir fehlt. Auch schlafen kann ich fast gar nicht. Sobald der Schatz aber wiederkommt, so wird es schon wieder besser werden. Ich will mich diese Woche noch ganz mit meinem Garten beschäftigen, daß, wenn Du wiederkommst, es Dir recht bei mir gefällt. Der August läßt Dich vielmals grüßen und entschuldigt sich, daß er nicht geschrieben hat; er hat gar viel zu thun. Ich freu mich aber sehr, daß es Dir mit Deinen Arbeiten so gut geht, und noch mehr freue ich mich, Dich bald wiederzusehen. Leb wohl und behalte mich nur so lieb, wie ich Dich liebe.

Christiane

Sachlicher und ichbezogener lautet die Antwort auf diesen Brief: Goethe spricht von Fortschritten an seiner „Iphigenie“, die er in Jena schreibt. Zwar lädt er Christiane ein, bald zu ihm zu kommen, doch das geht dann so:

„Ich freue mich sehr, Dich und das Kind wiederzusehen, und bin guten Humors, weil ich verhältnismäßig viel gethan habe.“

Quelle: „Behalte mich ja lieb! – Christiane und Goethes Ehebriefe“, Auswahl und Nachwort von Sigrid Damm, Insel-Bücherei Nr. 1190, 1998

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