IM LYRIKRAUM: Agnieszka Lessmann

LessmannMutter Sprache

Jetzt, nach ihrem Tod schreiben:
Schritte barfuß auf rissigem Boden
an den Rändern der Schollen
bröckelt der Staub
Es erscheint ein einziges Wort:
DURST

Agnieszka Lessmann, „Fluchtzustand“.

Jedes einzelne Gedicht in diesem ganz aktuell erschienenen Band ist ein Stolperstein, ein Denkanstoß. „Fluchtzustand“: Ein Zustand, so wird es an einzelnen Poemen deutlich, den die Autorin aus eigenem Erleben kennt, das dringt aus Gedichten wie „Zimmer hier“ und „Erinnerung an Wien, 11. November 1968“ hervor, die sich mit Vergangenheit und Herkunft auseinandersetzen.

Aber im „Fluchtzustand“ zu sein, das ist auch die Situation der Menschen, mit denen die Kulturjournalistin und Hörbuchautorin Agnieszka Lessmann in ihrer Arbeit als Dozentin bei Integrationskursen zu tun hat.

Für die vielen Facetten dessen, was Heimatverlust bedeutet, was die Unsicherheit des Ankommens in einer fremden Welt heißt, wie der Bruch zwischen Vergangenheit und ungewisser Zukunft vonstatten geht, für diese Facetten findet und nutzt Lessmann in ihrem ersten Gedichtband verschiedene Formen: Mal in kürzester Verdichtung wie in „Mutter Sprache“, mal in fast balladenhafter Langform, mal lautmalerisch, mal direkt und mitten ins Mark.

Und mit Bildern, die sich einprägen. So ein Auszug aus dem anrührenden Gedicht „Wie man sein Haus verlässt“, das Fluchtzustände aus drei Ländern und drei Generationen zusammenführt:

ragen die Skelette der
Häuser von Aleppo
in grauen Himmel
wo der Alp und die Zitronen
fallen aschen in
den Sand.

Agnieszka Lessmann wurde in Polen geboren und wuchs in Israel und Deutschland auf. Mehr Informationen zur Autorin finden sich unter www.agnieszkalessmann.de

Die Autorin liest zudem aus ihrem Band bei den Kölner Literaturclips.

Informationen zum Buch:
Agnieszka Lessmann
Fluchtzustand
Elif Verlag 2020
Klappenbroschur mit Fadenheftung, 100 Seiten, 18,00 Euro
ISBN 978-3-946989-28-8

Ein Interview mit der Autorin findet sich auf dem Blog Bücheratlas.

 

 

 

Stefan Zweig: Ein Europäer von heute

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Stefan Zweig, portraitiert von Michael Hahn. Foto: Birgit Böllinger

„Die geistige Einheit unserer Welt?? Welch ein absurdes Thema! Spreche ich da nicht über ein Phantom? Existiert sie wirklich? Hat sie je existiert? Wird sie je realisierbar sein?

Leider, ich gestehe es, ist sie nicht sehr sichtbar im gegenwärtigen Augenblick, diese moralische Einheit unserer Welt – im Gegenteil, selten war die Atmosphäre der Welt (insbesondere unseres alten Europas) so vergiftet von Misstrauen, Uneinigkeit und Angst. Mit Unruhe nimmt man jeden Morgen die Zeitung zur Hand, mit einem Seufzer der Erleichterung legt man sie nieder, wenn nichts besonders Gefährliches sich ereignet hat, nur manchmal glaubt man die schwarzen Schwingen des drohenden Kriegs über seinem Schlafe rauschen zu hören.“

Stefan Zweig aus: „Die geistige Einheit Europas“.

Wenn man diesen Vortrag von Zweig, 1936 in Rio de Janeiro gehalten, heute liest, muss man sich die Augen reiben: Wort für Wort beschreibt der große österreichische Autor unsere gegenwärtige Situation. Mag man heutzutage auch keine Zeitung mehr lesen, sondern Nachrichten im Internet, mag es die wunderbare Sprache Zweigs sein, die manchem etwas antiquiert erscheinen mag: die Worte verlieren dennoch nicht ihre Gültigkeit und Aktualität.

Zweigs „Welt von gestern“ erscheint wie die „Welt von heute“:

„Woche für Woche, Monat für Monat kamen immer mehr Flüchtlinge, und immer waren sie noch ärmer und verstörter von Woche zu Woche als die vor ihnen gekommenen.“

Zwar spricht Zweig hier, in seinen „Erinnerungen eines Europäers“, von der jüdischen Bevölkerung, die versucht, aus dem nationalistischen Deutschland zu fliehen – doch an dem Kapitel „Sie standen an den Grenzen“ wird deutlich, was Flucht und Heimatverlust bedeuten, damals wie heute.

Der Verlag „Topalian & Milani“, der schon einmal mit „Die unsichtbare Sammlung“ einen wunderbaren bibliophilen Band mit zwei Erzählungen Zweigs herausgab, begeistert nun erneut mit einem absolut schön gestalteten Buch, einem Buchkunstwerk, das zwei Novellen des Autors beinhaltet.

Ergänzt durch die beiden oben zitierten Aufsätze zeigt dieser Band die politische und moralische Aktualität des Österreichers, der sich, verzweifelt über das Leben im erzwungenen Exil, 1942 das Leben nahm, an zwei Erzählungen. Auch die beiden ausgewählten Novellen für das stimmig illustrierte Buch, „Der Amokläufer“ und „Episode am Genfer See“, zeigen, warum Stefan Zweig ein Autor der Moderne ist: Er taucht förmlich in die Psyche seiner Figuren ein, er geht bis an ihren Seelengrund und die gewählten Thematiken, Machtmissbrauch eines Mannes über eine Frau und die Lage eines Flüchtlings, sind nach wie vor aktuell.

Mag „Der Amokläufer“, der allein von der Länge der Erzählung aus schon mehr Raum einnimmt, die spannendere Geschichte sein, an der Zweigs ganze Kunst des erzählerischen Gestaltens deutlich wird, so ist die „Episode am Genfer See“ die deutlich anrührendere Erzählung. Am schweizerischen Ufer des Sees strandet ein nackter, unbekannter Mann, ein Russe, als Soldat in den Krieg gezwungen, der nur noch nach Hause zu seiner Familie möchte. Mit welchen Vorbehalten die Bevölkerung reagiert, wie wenig Bereitschaft da ist, dem Mann über das Notwendigste – Kleidung und Essen – hinaus zu helfen, wie sehr dieser aber wiederum unter seiner „Sprachlosigkeit“, seinem Heimweh und seiner Isolation leidet, dies alles schildert Zweig in wenigen, einprägsamen Szenen. Eine Geschichte, die auch heute noch dazu beizutragen vermag, sich in die Ausnahmesituation eines Flüchtlings hineinzudenken. Dass beide Erzählungen tragisch enden, dies sei an dieser Stelle noch vermerkt.

Es ist also auch heute immer noch ein großer Gewinn, Stefan Zweig zu lesen. Und mit diesem vorliegenden Buch liegt auch eine der schönsten Neuausgaben vor, die es von Zweigs Erzählungen gibt: Handwerklich und optisch von der Auswahl der Schriften bis hin zum Papier aufwendig und wunderschön gemacht, wie man es von dem 2015 gegründeten Verlag inzwischen schon erwartet.

Die Illustrationen von Michael Hahn sind überwältigend – sie greifen die jeweilige Atmosphäre der Geschichten auf, arbeiten beispielsweise beim „Amokläufer“ mit Motiven der indonesischen Bilderwelt, aber ebenso bei den Portraits der Kolonialherrschaften mit Elementen des Jugendstils und Art déco. Über die Arbeit Hahns mache man sich am besten selbst ein Bild, direkt hier: www.hahn-illustration.de

Informationen zum Buch:

Stefan Zweig
Der Amokläufer/Episode am Genfer See
Topalian & Milani, 2019
Hardcover, Großformat, 176 Seiten,
durchgehend illustriert von Michael Hahn, 28,00 Euro
ISBN: 978-3-946423-07-2


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Florian L. Arnold: Pirina

„Später erinnert er sich nicht mehr daran, wie alles an diesem Morgen aussah, wie bald seine Kindheit versinken sollte in den Scherben des Kommenden, doch an die Hand der Mutter, diese herbe, harte, warme Hand, die sich noch einmal in seinen Nacken legte, als wolle sie ihm einen kleinen Trost spenden, an diese Hand erinnerte er sich immer, selbst dann noch, als dieser Tag schon zurückgesunken ist in die ferne und fremde, entfärbte und zauberische Welt, die man Kindheit nennt, wenn ihre Geborgenheiten und Gefährdungen verschwunden sind hinter den Wüsten, die ein langes Leben schafft.“

Florian L. Arnold, „Pirina“, Mirabilis Verlag, 2019

Wir sehen sie jeden Tag in unseren Städten und Dörfern: Junge Männer meist, die ziellos durch die Straßen treiben, auf der Suche nach sich selbst, auf der Suche nach Verlorenem, auf der Suche nach einer Zukunft. „UmA`s“ nennt man sie im nackten Behördendeutsch, „Unbegleitete minderjährige Ausländer“, junge Leute, kaum der Kindheit entwachsen, ohne Familie, ohne eine Hand, die hält, in ein fremdes Land gespült. In seinem neuesten Roman vermag der Schriftsteller und Zeichner einem dieser Suchenden eine ganz besondere Stimme zu geben.

„Pirina“ erschien wenige Tage vor der Leipziger Buchmesse und lag dort, praktisch druckfrisch am Stand des kleinen, aber feinen „Mirabilis Verlag“, dem Hausverlag des Ulmer Autors, bereit – vielleicht ist der Roman heute noch nicht in vielen Buchhandlungen zu bekommen, dennoch aber ist er meine große Empfehlung zum diesjährigen Indiebookday.

Florian L. Arnold erzählt – übrigens wie in seinem Vorgängerroman „Die Ferne“ – von Menschen, die in die Welt geworfen werden, von einer Odyssee durch namenslose Länder und Städte. Vom Suchen und Ankommen: Erst als der junge Mann neben einer Unbekannten eine Wohnstatt findet, erst als eine Annäherung zwischen diesen beiden jungen Menschen stattfindet, erst dann wagt er es, seinen Namen auszusprechen, die Bedeutung seines Nachnamens zu erklären: SCHWARZES LAND UNTER WEISSER WOLKE.

Geschichte einer Liebe auf Zeit

Er und Pirina, so heißt die Nachbarin, tauschen ihre Geschichten aus, erzählen einander vom frühen Verlust und der allzu frühen Begegnung mit Gewalt und Grausamkeit.

„Er war ohne Namen und ohne Sprache in dieses Land gekommen. Wenn er Familien zusammen sah, wenn die Eltern ihren Kindern über die Köpfe strichen, trösteten oder tadelten, sah er sich, sah sich in diesen Eltern, er sah sich in den Kindern. Er schlüpfte hinein in Fremdes und Niegewesenes, träumte sich durch die Tage. Was er vermisste, konnte er nicht sagen. Manchmal glaubte er, den Gedanken an alles Verlorene nicht ertragen zu können, erfühlte sich krank und schwach, wenn er an die eigene Familie dachte.“

Wie die beiden Menschen sich annähern, sich für eine abgemessene Zeit Trost und Halt zu geben vermögen, wie in diese Liebesgeschichte aber auch schon ein Ende eingeschrieben ist, das beschreibt Florian L. Arnold ein einer wundersamen poetischen Sprache, die Orte und Zeit der Handlung in etwas Mystisches einwebt. So aktuell das Thema ist, so zeitlos, ja beinahe auch überzeitlich wird es geschildert: Die Länder haben keine Namen, die Namen der Menschen dagegen wirken archaisch, geheimnisvoll, Figuren, wie aus fernen Vergangenheiten kommend. Aber auch das ist stimmig: Den Krieg, Gewalt, Flucht sind überzeitliche Themen, prägen die Welt, seit es Menschen gibt.

Doch nicht nur in die ganz individuelle, eigentümliche Sprache des Autoren kann man sich beim Lesen förmlich einspinnen – bereichert wird das Buch durch die Bilderwelt Arnolds, Illustrationen, die die Magie der Sprache wiedergeben und spiegeln.

Meine große Empfehlung zum #indiebookday: „Pirina“!

Bibliographische Angaben:

Florian L. Arnold
Pirina
Mirabilis Verlag 2019
18, 00 Euro, 192 Seiten, Klappenbroschur, mit zahlreichen Illustrationen
ISBN 978-3-947857-00-5


Mehr Informationen:

https://www.indiebookday.de/
https://mirabilis-verlag.de/

Homepage des Autoren:
http://www.florianarnold.de/

Bild zum Download: Efeu


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Lina Atfah: Das Buch von der fehlenden Ankunft

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Ein Buchladen in Syrien, 2006. Ob der Inhaber noch lebt, fragt sich auch die Fotografin: Bild von Lauren Mulcahy auf Pixabay

… kein Horizont der wie ein Zelt Gedichte auf dem Sprachsand
aufschlägt
der Tod allein
der Tod er prüft die Wahrheit
und prüft alles Geschriebene
nicht leicht ist es, an ihn zu glauben …

Lina Atfah, „Das Buch von der fehlenden Ankunft“, Zitat aus dem Gedicht: „Der Tod stimmt mich nicht traurig“.

Seit 2011 tobt in Syrien dieser verheerende Krieg, dem hunderttausende Menschen zum Opfer fielen und der Millionen in die Flucht zwang. Darunter auch die junge syrische Dichterin Lina Atfah: 1989 in Salamiyah geboren, kam sie 2014 über den Libanon nach Deutschland. Sie hatte schon früh Repressalien erfahren müssen: Bereits  die Texte und Gedichte der 17-jährigen waren dem Assad-Regime aufgestoßen. 2006 wurde sie beschuldigt, Gotteslästerung und Staatsbeleidigung begangen zu haben. Erst nach einer langen Zeit des Wartens erhielt sie 2014 die Erlaubnis zur Ausreise.

Wie es ist, seine Heimat unfreiwillig verlassen zu müssen, wie es ist „Am Rande der Rettung“ zu stehen, einer Rettung, die Leib und Leben meint, aber die Seele zerreißt, das thematisiert Lina Atfah in dem Gedicht „Am Rande der Rettung“:

„…Ich nahm Abschied von allen Lieben
und umarmte zum letzten Mal die Seele des Ortes…“

Zugleich mit der Bilanz der Dinge, die sie zurücklässt, offenbart sich ihr, der Dichterin und Studentin der arabischen Literatur, die zeitweilige Ohnmacht der Sprache:

„… ich ordnete die Dinge meines Herzens
das Schreiben gehorchte mir nicht
meine Sprache umarmte meinen Wunsch nicht
meine fernen Erinnerungen beugten sich über meine Gegenwart…“

Es ist die Ohnmacht der Sprache und die spürbare Heimatlosigkeit, die eine Dichterin, die mit und in ihrer Sprache lebt, doppelt trifft. Nino Haratischwili, die zu diesem ersten in Deutschland erschienen Lyrikband von Lina Atfah ein Vorwort beigetragen hat, schreibt darin:

„Die Erfahrung, aus der Heimat fliehen zu müssen, ist, so denke ich, in jeder menschlichen Biografie ein harter Schnitt, eine Zäsur, ein Teilen in Davor und Danach, aber für einen Autor ist es eine doppelte Entwurzelung, ein Verlust der Sprache und somit ein Sprung in die Unerträglichkeit des Ungewissen.“

Auch davon erzählt „Das Buch von der fehlenden Ankunft“, von jenen, die wie in dem gleichnamigen Langgedicht „nach einem verlorenen Paradies“ suchen, die die „Narben des Abschieds tragen“, die schlicht und einfach Opfer sind:

„Wir flohen vor dem Krieg, doch dieser Krieg ist nicht
Täuschung oder List
er ist die Geschichte brutaler Gewalt in Zeiten der Blindheit
als bräuchte der Tod eine List!“

Mehr noch als die andauernden Fernsehbilder aus Syrien von zerstörten Städten schreiben sich einem diese Gedichte ins Herz, machen begreif- und erfassbar, was dies alles für die Betroffenen und für die Menschheit bedeutet. Lina Atfah klagt an, benennt zornig den Irrsinn des Krieges, beweint in ihren Zeilen die Kinder, die ihm zum Opfer fallen:

„Regen löscht das Feuer in den Leichnamen der Kinder
der uns entfachende Regen, Regen, der jetzt schreibt
für jede Stirn gibt es Patronen
zwei Mädchen die sich schwesterlich die Landeswunden teilen
und unser Unglück teilen“

(Auszug aus: „Lin und Leila und Der Wolf“)

Dass „Das Buch von der fehlenden Ankunft“ nun im Pendragon Verlag erscheinen konnte und somit Lina Atfah ein wenig auch im deutschen Literaturbetrieb ankommen konnte, das ist auf ihr Talent zurückzuführen, aber auch dem Projekt „weiter schreiben“ zu verdanken: Dort finden Autorinnen und Autoren aus Krisengebieten eine Plattform. Denn:

„Weiter schreiben zu können heißt aber auch weiter gelesen zu werden. Denn das Schreiben und das Gelesenwerden gehören zusammen. Man schreibt nicht für sich, man schreibt aus sich heraus. Für Autor*innen ist es elementar, dass der Prozess des Schreibens nicht abbricht. Schreiben ist nicht nur eine Kunst, es ist auch eine Lebensform, eine Art, die Welt wahrzunehmen, sich auf sie einen Reim zu machen und sich darüber in Beziehung zu setzen mit ihr. Das gilt für Autor*innen aus Krisengebieten in besonderem Maße. Für sie ist der Schreibprozess durch die politische Situation nicht nur unterbrochen, sondern manchmal sogar lebensgefährlich. Mussten die Künstler*innen ihr Land oder ihre Region verlassen, bricht ihnen zudem der eigene Sprachraum weg.“

In dem schön gestalteten Band des Bielefelder Pendragon Verlages finden sich die Gedichte von Lina Atfah auch in arabischer Schrift, manche zudem in zweifacher Übertragung in die deutsche Sprache, was den Zugang zu ihrer Lyrik besonders interessant macht. So ist es spannend zu lesen, wie unterschiedlich beispielsweise Joachim Sartorius und Dorothea Grünzweig ihre Akzente bei einen Gedicht über den Umgang mit Tod und Gewalt setzen. Insgesamt zwölf Übersetzer und Autorinnen und Autoren, die die Gedichte übertragen und nachgedichtet haben, werden aufgeführt, darunter auch Jan Wagner und Julia Trompeter, Suleman Taufiq und Osman Yousufi.

Dadurch kann sich auch die ganze Spannbreite von Lina Atfahs Schreiben in der deutschen Sprache entfalten: Denn neben den Gedichten, die eine zornige, bittere Anklage gegen den Krieg und von politischer Wucht und Klarheit sind, beherrscht die Dichterin auch die Kunst der sinnlichen, orientalischen Dichtung, lebensprall, poetisch und voller Schönheit:

„ich berausche mich an mir
ich beobachte wie die Finger des Schattengottes mich zweimal gestalten
hier im Schatten des Stoffes
und hier im Text, wenn er zur unschuldigen Falle wird,
um das listige Gemälde zu verführen!“

Informationen zum Buch:

Lina Atfah
Das Buch von der fehlenden Ankunft
Pendragon Verlag
Gebunden, Lesebändchen, 152 Seiten
22,00 Euro
ISBN: 978-3-86532-641-6

Zum Projekt Weiter Schreiben:
https://weiterschreiben.jetzt/weiter-schreiben/ueber-uns/

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Anna Seghers: Transit

„All diese alten, schönen Städte wimmelten von verwilderten Menschen. Doch es war eine andere Art von Verwilderung, als ich geträumt hatte. Eine Art Stadtbann beherrschte diese Städte, eine Art mittelalterliches Stadtrecht, jede ein anderes. Eine unermüdliche Schar von Beamten war Tag und Nacht unterwegs wie Hundefänger, um verdächtige Menschen aus den durchziehenden Haufen herauszufangen, sie in Stadtgefängnisse einzusperren, woraus sie dann in ein Lager verschleppt wurden, sofern das Lösegeld nicht zur Stelle war oder ein fuchsschlauer Rechtsgelehrter, der bisweilen seinen unmäßigen Lohn für die Befreiung mit dem Hundefänger selbst teilte. Daher gebärdeten sich die Menschen, zumal die ausländischen, um ihre Pässe und ihre Papiere wie um ihr Seelenheil.“

Anna Seghers, „Transit“, 1944

Ich könnte aus diesem Roman so vieles zitieren – und alles wäre hochaktuell. Jedes Zitat weckt Assoziationen zur Jetzt-Zeit. Schiffe voller Flüchtlinge, die sinken. Das Warten in den Städten am Meer auf die nächste Möglichkeit zur Reise. Das Ringen um Papiere, Visen, Aufenthaltsgenehmigungen, die Erlaubnis zur Weiterreise. Flüchtlingsgespräche:

„Welchen Zweck soll das haben, Menschen zurückzuhalten, die doch nichts sehnlicher wünschen, als ein Land zu verlassen, in dem man sie einsperrt, wenn sie bleiben?“

„Mein Sohn, weil sich alle Länder fürchten, daß wir statt durchzuziehen, bleiben wollen. Ein Transit – das ist die Erlaubnis, ein Land zu durchfahren, wenn es feststeht, daß man nicht bleiben will.“

Aber vor allem immer auch: Die Ungewissheit, wohin es einen verschlägt. Was werden wird, wenn man überlebt. Was übrigbleibt vom alten Leben. Was mit denen ist, die man verlassen musste.

„Dreimal bin ich geschlagen worden, dreimal gesteinigt, dreimal hab ich Schiffbruch erlitten, Tag und Nacht zugebracht in der Tiefe des Meeres, in Gefahr gewesen durch Flüsse, Gefahr in den Städten, Gefahr in der Wüste, Gefahr auf dem Meere.“

„Alles war auf der Flucht, alles war nur vorübergehend, aber wir wußten noch nicht, ob dieser Zustand bis morgen dauern würde oder noch ein paar Wochen oder Jahre oder unser ganzes Leben.“

„Und wenn mein Leben vorerst nichts sein sollte als ein Herumgeschleudertwerden, so wollte ich wenigstens in die schönsten Städte geschleudert werden, in unbekannte Gegenden.“

Anna Seghers hat den Roman in den Winter 1940/41 angesiedelt: Nach der Invasion der Deutschen im Sommer 1940 flüchtet sie mit ihren Kindern aus Paris nach Marseille. Es gelingt ihr, Einreisegenehmigungen für Mexiko zu erhalten: 1941 besteigt sie mit ihrer Familie ein Schiff, dass sie in das rettende Land bringt. 1947 kehrt sie nach Berlin zurück. Ihr Roman „Transit“ ist da bereits in verschiedenen Sprachen erschienen, erstmals 1944 in englischer Sprache. Erst 1948 kommt er auch in deutscher Sprache heraus: Eine bewegende Darstellungen dessen, was Exil und Flucht für den Einzelnen bedeutend kann.

Allerdings ging es der Schriftstellerin „um mehr und anderes als um ein dokumentarisches Abbild der Realität jener Zeit“, betont Sonja Hilzinger 1993 in einem Nachwort in einer Ausgabe des Romans im Aufbau Verlag. „In diesem Roman stehen (…) das Schreiben, das Erzählen, die Aufgabe und die Verantwortung des Schriftstellers zur Diskussion.“ An Georg Lukács schreibt Seghers: „Diese Realität der Krisenzeit, der Krieg usw. muß (…) erstens ertragen, es muß ihr ins Auge gesehen und zweitens muß sie gestaltet werden.“

So ist „Transit“ zugleich ein Zeitdokument, das heute wieder an Aktualität gewinnt und eine literarisch anspruchsvolle und bewegende Erzählung. Anna Seghers stellt einen Ich-Erzähler in den Mittelpunkt, um den eine Vielzahl von anderen Figuren gruppiert ist: Alles Menschen auf der Flucht, Dutzende von Einzelschicksalen, für die das Exil vor allem eines bedeutet – Verlust. Verlust nicht nur in emotionaler und materieller Hinsicht, sondern auch an Würde und Solidarität. Die Flüchtlinge werden zur Nummer, deren Wert sich an ihren Papieren misst. Sie werden zu Opfern von „Fluchthelfern“, deren Geschäft die Not der anderen ist. Und aus den Opfern werden ebenfalls Täter: Sie lassen, um eines Stempels, einer Möglichkeit willen, andere im Stich, verkaufen und verraten Freunde und Angehörige.

Seghers nutzt wie in das „Das siebte Kreuz“ die Episodentechnik: So gelingt es ihr anhand der einzelnen Protagonisten ein umfassendes Bild der Existenzbedingungen im Exil zu zeichnen, aufzuzeigen, was das bedeuten kann, der Weg in die Emigration. Der immer auch ein Weg der Ent-Menschlichung ist. Wo der Wert eines Menschen an seinen Papieren gemessen wird, wie es Brecht in seinen „Flüchtlingsgesprächen“ zum Ausdruck bringt:

„Der Paß ist der edelste Teil von einem Menschen. Er kommt auch nicht auf so einfache Weise zustand wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustandkommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Paß niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird.“

Der Identitätsverlust kann noch weiter reichen – wie es Seidler, dem Ich-Erzähler, beinahe geschieht, bis hin zur Auflösung des eigenen Ichs. Seidler, ein antifaschistischer Arbeiter, gelangt in Paris durch Zufall an die Papiere eines toten Schriftstellers, dessen Identität er in Marseille (fast ebenso zufällig) annimmt. In der Hafenstadt verliebt er sich jedoch in Marie – die Frau jenes Schriftstellers, die mit einem anderen Mann auf Papiere und eine Schiffspassage wartet, zugleich jedoch auch auf den verstorbenen ehemaligen Geliebten. Seidler kann letztlich Marie zur Ausreise bewegen – er selbst bleibt zurück, um wenig später zu erfahren, dass das Schiff, auf dem Marie sich befand, im Atlantik versenkt wurde.

Doch, so Sonja Hilziger, der Erzähler lernt, die Transit-Welt und seine Rolle zu durchschauen: „So gelingt es ihm, seine Identität zu bewahren. Transit ist das Zeichen dieser Zeit im umfassenden Sinn; gemeint ist nicht nur das Papier, das Visum, sondern das Transitäre dieser Welt, in der jeder jeden im Stich läßt. Der Erzähler lernt, solidarisch zu handeln; die Grundform dieses sozial-kommunikativen Verhaltens ist das Zuhören.“

Ich wünschte mir, viele Menschen würden dieser Tage Erzählern der Emigration vergangener Tage zuhören.

Allen voran Anna Seghers.

„Ich aber, ganz elend von dem Transitgeflüster, ich staunte sehr, wenn ich derer gedachte, die in den Flammen der Bombardements und in den rasenden Einschlägen des Blitzkriegs zugrunde gegangen waren, zu Tausenden, zu Hunderttausenden, und viele waren daselbst auch zur Welt gekommen, ganz ohne Kenntnisname der Konsuln. Die waren keine Transitäre gewesen, keine Visenantragsteller. Die waren hier nicht zuständig. Und selbst wenn von diesen Unzuständigen einige sich bis hierher gerettet hatten, an Leib und Seele noch blutend, sich in dieses Haus hier doch noch geflüchtet hatten, was konnte es einem Riesenvolk schaden, wenn einige dieser geretteten Seelen zu ihm stießen, würdig, halbwürdig, unwürdig, was konnte es einem großen Volk schaden?“


Weitere Bücher von Anna Seghers:

„Aufstand der Fischer von St. Barbara“ (1928).

 „Über den Tisch weg sahen die Frauen in den Augen ihrer Männer ganz unten etwas Neues, Festes, Dunkles, wie den Bodensatz in Ausgeleerten Gefäßen.“

Als einer von außen, ein geübter Revolutionär, nach St. Barbara kommt, kommt  kurz Hoffnung auf – Hoffnung auf ein besseres Leben. Doch der Widerstand der Fischer und ihrer Familien, die für eine Reederei mit Monopolstellung für einen Hungerlohn arbeiten, wird gebrochen. Alles bleibt, wie es ist. Und dennoch: Trotz des Scheiterns hinterlässt diese schmale Erzählung den Eindruck einer Kraft, die nicht so schnell gebrochen werden kann.

Die Erzählung ist das erste Buch, mit dem Anna Seghers in die Öffentlichkeit trat. Wenig später erhielt sie für diese in nüchterner, spröder Sprache erzählten Geschichte eines gescheiterten Aufstandes den Kleist-Preis. Von den reaktionären Medien wurden Seghers und Hans Henny Jahn, 1928 Vertrauensmann der Kleist-Stiftung, heftig angegriffen, bei anderen traf sie auf großen Beifall: Mit ihrer Erzählung, die örtlich und historisch unbestimmt bleibt, erfasste sie eine Stimmung, die in der von Krisen geschüttelten Weimarer Republik spürbar war.

Hans Henny Jahn in seiner „Rechenschaft über den Kleistpreis“:
„Ein gutes Buch mit knapper und sehr deutlicher Sprache, in dem auch die geringste Figur Leben gewinnt. In dem die Tendenz schwächer ist als die Kraft des Menschlichen. Es ist ein Daseinsvorgang in fast metaphysischer Verklärung. Das nenne ich Kunst.“

Weiterführende Informationen:
http://www.seghers-werke.germanistik.uni-mainz.de/aufstand.shtml#


„Das siebte Kreuz“ in der Reihe #MeinKlassiker:
https://saetzeundschaetze.com/2016/11/29/meinklassiker-10-anna-seghers/

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