Hans Sahl: Memoiren eines Moralisten

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Unser Schicksal steht unter Denkmalschutz.
Unser bester Kunde
ist das schlechte Gewissen der Nachwelt.
Greift zu, bedient euch.
Wir sind die Letzten.
Fragt uns aus.
Wir sind zuständig.

Aus: „Die Letzten“ von Hans Sahl.

In den „Memoiren eines Moralisten“ und dem Erinnerungsband „Exil im Exil“ (beide zum Auftakt der Werkausgabe vom Luchterhand Verlag 2008 wiederaufgelegt) schildert der deutsche Schriftsteller und Journalist Hans Sahl, wie es ist, einer der Letzten zu sein. Einer jener, die von einer bedeutsamen Epoche der Geschichte berichten konnten, die sogar mittendrin standen in den kulturellen Umbrüchen und politischen Wirrnissen, die man dann im Nachkriegsdeutschland zwar als Gast (auch bei der Gruppe 47) duldete, aber eigentlich nicht mehr hören wollte.

„Wie kann ich über die zwanziger Jahre sprechen, ohne an ihr Ende zu denken, wie über jene Epoche, ohne das Bewußtsein, einer der Letzten zu sein, der noch über sie berichten kann. Diese Epoche hatte einen eigenen Zungenschlag, einen Verständigungs-Volapük, der zur Voraussetzung hatte, daß man das letzte Stück von Brecht, die letzte Inszenierung von Piscator, Jessner, Reinhardt gesehen, die letzte Kritik von Kerr oder Ihering gelesen hatte, daß man auf dem laufenden war über die Konzerte von Furtwängler, Toscanini, Klemperer, Kleiber, Bruno Walter, über Tairows „Entfesseltes Theater“, den „Dybbuk“ der Habima und Meyerholds letztes Gastspiel in Deutschland, über die Negertänzerin Josephine Baker und den flüsternden Bariton Jack Smith, über Eisensteins „Potemkin“ und Chaplins „Goldrausch“, über Gershwins „Rhapsody in Blue“ und den „Zauberberg“ von Thomas Mann und Hermann Hesses „Steppenwolf“ (…)“

Allein dieser kurze Ausschnitt lässt erahnen, wie sehr Sahl selbst Teil dieser Kultur war. Und wie unermesslich groß die kulturelle Lücke war und ist, die die braunen Diktatoren schließlich schlugen. Berlin in der Weimarer Republik: Es waren ideell reiche, manchmal überreiche Zeiten, in denen alles möglich schien. Hans Sahl sieht den Menschen jener Zeit prototypisch in Tucholskys Herrn Wendriner verkörpert:

„Diese Neugier auf das Neueste eines überraschend schnell zum Weltbürger gewordenen Berliners, dem es nur um eins ging: dabeizusein. Und als das Neueste vom Neuen kam, nämlich Hitler, mußte er auf die grausamste Weise mit dabeisein, entweder als Opfer oder als Opfernder.“

Es lohnt sich, diese Erinnerungen zu lesen. Nicht nur, weil Hans Sahl sie alle kannte und ebenso klug und lebendig über sie zu berichten weiß: Bert Brecht, Joseph Roth, Alfred Döblin, Kästner, Kisch und Konsorten, alle die berühmten Literaten der Weimarer Jahre, später auch Thornton Wilder, Arthur Miller und Tennessee Williams, deren Werke er ins Deutsche übersetzte.

Es lohnt sich diese Memoiren zu lesen. Und dies nicht nur, weil viele der Geschehnisse der Weimarer Republik, die schließlich in den Nationalsozialismus mündeten, gerade heute als aktuelle Warnung dienen könnten. Nicht deshalb, weil uns als Leser „das schlechte Gewissen der Nachwelt“ schlägt – sondern weil wir Hilfestellung suchen für die Welt von morgen. Wo es rechts außerhalb gewisser Parteien nichts mehr geben darf, wo alles, was nicht links ist, sich als rechts verdächtig macht, kurzum, wo politisches Kastendenken und Populismus um sich greifen, da tut so eine Ermahnung aus der Vergangenheit not.

Es lohnt sich vor allem, diese Bücher zu lesen, weil dieser Hans Sahl einfach ein ganz großartiger Mensch gewesen sein muss, der klug von vergangenen Zeiten berichtet, liberal, weltoffen, witzig, nachdenklich, gut reflektierend.

Selbst in eine gutbürgerliche, deutschnational angepasste jüdische Familie hineingeboren, sucht Sahl (1902 – 1933) einen Gegenpol zum Bürgertum der Eltern, indem er sich politisch links engagiert.

„An dem Tage, da der deutsche Außenminister Walther Rathenau in der Königsallee von politischen Fanatikern ermordet wurde, begann der Religionsphilosoph Ernst Troeltsch, bei dem ich hörte, seine Vorlesung: „Der Feind steht rechts!“ Nichts ging mehr zusammen. Rechts war a priori schlecht, und links a priori gut. Dazwischen gab es ein bürgerliches Niemandsland, in dem Kellner mit serviler Geschäftigkeit eine Gans über die Teller verteilten und die Geige zum Maronenpüree spielte. Die Bürgertugenden unserer Eltern sagten uns nichts mehr, wir waren gegen das Eigentum und für eine freie Verteilung der Güter, was uns jedoch nicht daran hinderte, von den Vorteilen, die uns die „Profitwirtschaft“ bot, entsprechend Gebrauch zu machen. Der Riß ging mitten durch das Elternhaus und führte zu öffentlichen Konfrontationen, da in den Straßen Berlins die Parteien demonstrierten. Ich marschierte mit den Kommunisten, mein Vater mit den Demokraten.“

Später, nach dem Hitler-Stalin-Pakt, als Sahl auch gute Freunde, wie beispielsweise die Schauspielerin Carola Neher, bei den Moskauer Schauprozessen und in den Untiefen der Gulags verliert, rückt er immer weiter von den Kommunisten ab. Und gerät dadurch – ähnlich wie der im vorhergehenden Beitrag portraitierte Gustav Regler – im Exil ins Exil: 1933 noch mit knapper Not vor den Nationalsozialisten über Prag und Zürich nach Paris geflüchtet, kommt Sahl in die USA, wird dort aber vom linksgerichteten Kreis anderer europäischer Exilanten aufgrund seiner kritischen Stalin-Haltung geächtet. Er lebt im Exil im Exil – so erklärt sich der Titel seines zweiten Erinnerungsbandes.

Sahl sieht die Zwischentöne, während viele andere in diesen erhitzten Zeiten nur noch schwarz oder weiß gelten lassen. Doch nicht von ungefähr betitelt der Autor seinen ersten  Erinnerungsband auch als „Memoiren eines Moralisten“: Da schreibt ein Mann, der vieles durchlebt hat. Und alles durchdacht. Auch das eigene Tun und Wirken:

„Warum begann ich zu schreiben? Sicher nicht aus Eitelkeit, auch nicht nur aus Geltungsbedürfnis oder dem Wunsch, mich mitteilen zu können, auch nicht nur aus der Freude am Wort und der Sprache als Selbstgenuß, ich schrieb, weil ich beschlossen hatte, ein Schriftsteller zu werden. Schriftsteller waren bessere Menschen, ich wollte ein besserer Mensch werden, wie alle die anderen besseren Menschen, die Söhne aus gutem Hause; die jetzt auf den Tribünen, in Büchern und Zeitschriften, für eine neue Gesellschaft eintraten, für Freiheit und Gerechtigkeit hienieden.“

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erwägt Sahl vorübergehend, aus den USA nach Deutschland zurückzukehren. Nach einem längeren Aufenthalt zieht er eine nüchterne Bilanz:

„Ich blieb fünf Jahre in Deutschland, schrieb für Zeitungen, sprach im Rundfunk und suchte nach einem Ansatzpunkt, um die politische Entfremdung von dem Land meiner Geburt zu überwinden. Ich war ein exterritorialer Mensch geworden, ein „Gast in fremden Kulturen“, wie ich es für Hermann Kestens Sammelband „Ich lebe nicht in der Bundesrepublik“ formuliert habe. Ich versuchte, der Alternative zwischen zwei Provisorien ein Ende zu machen, indem ich mich für das entschied, was mir vertrauter geworden war. Ich ging also nach Amerika zurück, nicht mehr als Flüchtling, sondern als Berichterstatter deutscher Zeitungen. Erst als ich mich entschlossen hatte, nicht mehr von Amerika zu leben, schloß ich Frieden mit Amerika.“

Zumal man in der „alten Heimat“ noch nicht allzu viel von den Emigranten wissen will. 1991 sagt Hans Sahl anlässlich der Verleihung des Internationalen Exil-Preises:

„Ich war zum ersten Mal 1949 mit einem Haufen von Manuskripten, mit Gedrucktem und Ungedrucktem, mit Gedichten, Essays, Erzählungen und Einaktern aus dem Exil gekommen sowie mit einem Roman „Die Wenigen und die Vielen“, der jedoch von fast allen Verlegern abgelehnt wurde, bis er schließlich doch noch bei S. Fischer erscheinen konnte. Die einen sagten, es sei zu früh, die anderen, es sei zu spät, und die dritten sagten, es sei zu früh oder zu spät …“

Aber er sagt auch:

„…als Antwort auf Ludwig Marcuse, der von der Exilliteratur nichts anderes verlangte, als zu überleben, schrieb ich unter anderem den Satz: „Exil ist nicht nur ein von Hitler aufgezwungener Verlagswechsel, Exil ist eine Verpflichtung.“

Erst spät, „zu spät“ nach seinem Empfinden, wird Hans Sahl in der Bundesrepublik wahrgenommen und gehört. 1989 kehrt er zurück, um hier seine letzten Jahre zu verbringen. Zum 90. Geburtstag des Autoren schreibt Michael Rohrwasser im „Tagesspiegel“ von einer „späten verlegerischen Wiedereinbürgerung“, als auf Initiative der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung Sahls Texte wiederaufgelegt werden.

Besser jedoch spät als nie, denn:

„Das gefährliche Wort von der Wiedergutmachung an einem Autor sollte man, auf Sahls Werk bezogen, tunlichst vermeiden. Welcher Leser möchte schon aus Pflichtschuldigkeit lesen? Es gibt freilich einen legitimen Grund, zu Hans Sahls Büchern zu greifen: Der liegt in ihrer Qualität.“

Und damit hat Rohrwasser einfach recht: Die Erinnerungsbände von Hans Sahl sind mit das Beste, was man an autobiografischer Exilliteratur zu jener Epoche lesen kann.

Weiterführende Quellen:
Zum 25. Todestag erschien im Deutschlanfunk dieses Portrait:
http://www.deutschlandfunk.de/25-todestag-der-exilschriftsteller-hans-sahl.871.de.html?dram:article_id=416497
Eine umfassende Einordnung in der Trans:
http://www.inst.at/trans/15Nr/05_02/reiter15.htm
Informationen beim Verlag:
https://www.randomhouse.de/Autor/Hans-Sahl/p74339.rhd#publication

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Curt Moreck: Ein Führer durch das lasterhafte Berlin

Berlin

Da fährt die Hochbahn in ein Haus hinein
Und auf der andern Seite wieder raus.
Und blind und düster stemmt sich Haus an Haus.
Einmal – nicht lange – müßtest du hier sein.
Wo das aufregend gefährlich flutet und wimmelt
Und tutet und bimmelt
Am Kurfürstendamm und am Zoo.
Das Leben in Pelzen und Leder.
Es drängt einen so oder so
Leicht unter die Räder.
Sonst habe ich gut hier gefallen.
Man hat mir hohe Gagen angeboten.
Aber weißt du: jeder verkehrt hier mit allen,
Nur nicht mit stillen Menschen oder mit toten.
Ich bin so stolz darauf, dir einen Scheck zu überweisen.
Ja, ja, hier heißt es sich durchbeißen.
Das gibt mir mancherlei Lehre.
Heute ging mir beim Kofferflicken die Nagelschere
Entzwei. Not bricht Eisen. –

Joachim Ringelnatz, aus: „103 Gedichte“, 1933

Wo es aufregend flutet und wimmelt, da kommt man auch leicht unter die Räder: Der Mythos der Stadt Berlin in der Weimarer Republik ist bis heute von der Vorstellung geprägt, dass es zwar damals schon arm, aber auch ziemlich sexy war. Berlin, Berlin: Hier soll es freier und wilder zugegangen sein als in manch anderer europäischen Metropole. Paris mochte Romantik und Lebensstil bieten, Berlin dagegen war lasterhaft.

„Dabei ist Berlin sicher nicht lasterhafter als Paris oder London oder eine andere Stadt der Welt, nur ist man hier teils weniger verschämt, teils weniger heuchlerisch.“

Dies attestierte Konrad Haemmerling alias Curt Moreck der damaligen „Reichshauptstadt“ bei seinen Ausflügen in das Berliner Nachtleben. Haemmerling (1888 – 1957), der sich zahlreicher Pseudonyme bediente, war ein Bestsellerautor der Weimarer Republik. Insbesondere unter seinem Alias Curt Moreck knallte er ab Mitte der 1920er-Jahre eine „kulturgeschichtliche“ Veröffentlichung nach der anderen heraus, gerne aus dem anzüglicheren Genre: „Das Weib in der Kunst der neueren Zeit“, eine „Sittengeschichte des Bettes“, „Die käufliche Liebe bei den Kulturvölkern“, um nur einige zu nennen.

Das verkaufte sich zwar gut, aber fiel ab 1933 der scheinheiligen Prüderie der Nationalsozialisten zum Opfer: Haemmerlings Bücher wurden verbrannt und durften nicht mehr veröffentlicht werden. Darunter auch der 1931 erschienene Bestseller „Ein Führer durch das lasterhafte Berlin“ über „das deutsche Babylon“ (so der Untertitel), der nun in einer ansehlichen Neuauflage beim „be.bra verlag“ erschien.

Auch wenn das Buch heute inhaltlich überholt ist, weil die beschriebenen Lasterhaftigkeiten schon keine mehr sind, die vorgestellten Lokalitäten und Etablissements längst schon der Geschichte angehören und vor allem Morecks teilweise äußerst exaltierte Sprache ungewollt amüsiert – der „Fremdenverkehrs“-Führer hat noch immer seinen Reiz: Insbesondere wer sich für Literatur und Gesellschaft in der Weimarer Republik interessiert, findet hier einen zeitgenössischen Blick auf zahlreiche Örtlichkeiten, die man aus den Werken eben jener Zeit kennt.

„Die Attraktion der Gegen ist das Frühlokal Alt-Mexiko. Das Dorado berlinischer Konquistadoren. Schon ein bißchen eine literarische Angelegenheit geworden, seit Döblin seinen Roman „Alexanderplatz“ veröffentlicht hat. Und doch nicht Literatur. (…) Keine Menschenopfer gibt es in diesem Alt-Mexiko, keine blutigen Schlächtereien. Und doch fallen auch in dieser Welt Menschen als Opfer auf der Schlachtbank des Lebens in Unzahl. Der Moloch frisst noch immer, noch immer…“

Ein Indiz dafür, dass Morecks Führer durch das Berliner Nachtleben bis heute eine begehrte Quelle ist, mögen auch die Preise sein, die laut „Berliner Zeitung“ für Wiederauflagen in den vergangenen Jahren erzielt wurden:

„Curt Moreck, bürgerlich Konrad Haemmerling, in Köln geboren, lange in München ansässig, schrieb als Nichtberliner, doch mit der Attitüde des Total-Auskenners, über das Innenleben der Stadt. Rechnen wir also mit einer Prise Etikettenschwindel.Das war zur Zeit des Erscheinens den meisten Lesern egal, und das muss auch heute nicht stören. Wer das Werk haben wollte, musste trotz zweier Reprints in den 1980er- bzw. 1990er-Jahren zuletzt antiquarisch um die 150 Euro zahlen.“

Quelle: https://www.berliner-zeitung.de/berlin/-hinter-sittsamer-kulisse–das-war-das-lasterhafte-berlin-der-30er-jahre-29851304

Der nun vorletzte Reprint, 1996 erschienen, ergänzte den Text um Bilder von Zille, Christian Schad und anderen Berliner Malern jener Zeit – und handelte sich einen harschen Verriss in der Frankfurter Allgemeinen ein:

„Im Übrigen folgt das Buch im Stil der Zeit dem damals als bekannt geltenden Stadtbild. Darüber gibt es Hunderte von Büchern, gute von Walter Benjamin, Joseph Roth, Siegfried Krakauer und Hans Fallada, nachgeplapperte wie dieses von Moreck. Ein Berlin-Klischee reiht sich an das andere. Armut und Elend durch die Arbeitslosigkeit wird dabei geschildert, als handle es sich um ein tolles Vergnügen.“

Quelle: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/reise/rezension-sachbuch-deutschland-11305226.html

Das wirkt heute noch, 20 Jahre später, reichlich moralinsauer und intellektuell überheblich: Dass Haemmerling alias Moreck ein Gebrauchsschriftsteller war, ist offensichtlich. Den Anspruch, mit den literarisch-philosophischen Werken von Benjamin und Krakauer zu konkurrieren, stellte er nie. Auch kündigte er keine sozialkritische Untersuchung an. Vielmehr macht er in seinem Vorwort deutlich klar, was er zu bieten hat: Einen Führer für die zahllosen Touristen aus der Provinz, die in der Metropole ein wenig am Gemisch von Verruchtheit und Exotik schnüffeln wollten.

„Jede Stadt hat eine offizielle Seite und eine inoffizielle, und es erübrigt sich, zu sagen, dass die letztere die interessantere und für das Verständnis eines Stadtwesens aufschlussreichere ist (…) Wer Erlebnisse sucht, Abenteuer verlangt, Sensationen sich erhofft, der wird im Schatten gehen müssen.“

Und so nimmt Moreck den Leser an die Hand und führt ihn hinein ins Schattenleben jener Jahre, stellt die angesagten Cafés rund um den Kurfürstendamm und die Friedrichstraße vor, bittet zum Tanztee und in die Mokka-Dielen jener Zeit, bevor es ernst wird in den Nachtlokalen namens „Delphi“, „Barberina“ oder bei der etwas irrsinnigen Unterhaltung im „Haus Vaterland“ (in das zu jener Zeit jedoch nur unbedarfte „Touris“ gingen, die sich neppen ließen). Glaubt man Moreck, so spielte sich in jenen Jahren ein immerwährender Tanz auf dem Vulkan ab:

„Der Tanz ist die Quelle eines Lustgefühls (…) Und dass die Nachfrage nach diesem Vergnügen sehr, aber sehr stark sein muss, das beweisen die unzähligen Tanzstätten, die es in Berlin gibt. Es gibt Tanzflächen von einem Quadratmeter bis zu einem Quadratkilometer und was sich darum herum aufbaut, das stuft sich von der Kaschemme bis zum Palast.“

Das liest sich leicht und beschwingt, wie es sich für einen Führer durch das Nachtleben gebührt. Je tiefer man dann von Stunde zu Stunde bei der Lektüre vordringt, desto tiefer dringt man mit Moreck auch in die Halb- und Unterwelt ein: Während es im Westen glitzert und glimmert, findet man rund um den Alex und im Berliner Osten eine weitaus düstere Szenerie vor. Der in der FAZ erhobene Vorwurf, der Autor habe Armut und Elend geschildert, als sei es ein tolles Vergnügen, trifft hier nicht ganz – zwar kommt Moreck von seinem aufs Amüsement getrimmten Plauderton nie ganz weg, ab und an finden sich jedoch auch ernsthaftere Zwischentöne:

„Diese Kategorie (Anmerkung: gemeint sind Gelegenheitsverbrecher) zählt in der Gegend zwischen Alexander- und Rosenthaler Platz zu Tausenden. Ihre Zahl steigt und fällt im Verhältnis zur Arbeitslosigkeit. Der jüngere und meist unverheiratete Arbeitslose verfällt dem Verbrechen am leichtesten. Er entwurzelt schneller, er ist anspruchsvoller, er ist in seiner Isolierung leichter der Verführung zugänglich, und er ist gleichgültiger gegen eine Freiheitsstrafe, die ihn ja keiner Familie entreißt.“

Vielleicht typisch Berliner Ironie: Zu jener Zeit gab es auch Kneipen die „Gummiknüppel“ und „Sing-Sing“ hießen, die man mit Herrn Moreck ebenfalls frequentieren kann. Wenn man wissen will, wie es dort und in diesen Palästen und Kaschemmen aussah, für den bietet die  Neuausgabe zahlreiche historische Fotografien. Die Illustrationen sowie ein umfangreiches Glossar und ein alphabetischer Überblick über alle genannten Etablissements machen den „Führer durch das lasterhafte Berlin“ zu einer runden Angelegenheit und nützlichen Quelle. Dass das Buch schon seinerzeit der Unterhaltung und dem Gebrauch dienen sollte, ist offensichtlich – das bietet es, nicht mehr und nicht weniger.

Verlagsinformationen zum Buch:
http://www.bebraverlag.de/verzeichnis/titel/804-ein-fuehrer-durch-das-lasterhafte-berlin.html

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Kurt Tucholsky – Augen der Großstadt

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Bild von Caro Sodar auf Pixabay

Wenn du zur Arbeit gehst
am frühen Morgen,
wenn du am Bahnhof stehst
mit deinen Sorgen:
da zeigt die Stadt
dir asphaltglatt
im Menschentrichter
Millionen Gesichter:
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider –
Was war das? vielleicht dein Lebensglück…
vorbei, verweht, nie wieder.

Du gehst dein Leben lang
auf tausend Straßen;
du siehst auf deinem Gang, die
dich vergaßen.
Ein Auge winkt,
die Seele klingt;
du hast’s gefunden,
nur für Sekunden…
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider –
Was war das? Kein Mensch dreht die Zeit zurück…
Vorbei, verweht, nie wieder.

Du mußt auf deinem Gang
durch Städte wandern;
siehst einen Pulsschlag lang
den fremden Andern.
Es kann ein Feind sein,
es kann ein Freund sein,
es kann im Kampfe dein
Genosse sein.
Er sieht hinüber
und zieht vorüber …
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider –
Was war das?
Von der großen Menschheit ein Stück!
Vorbei, verweht, nie wieder.

Kurt Tucholsky

Es war eine Art Hassliebe, die Kurt Tucholsky mit seiner Geburtsstadt verband. Immer wieder ist Berlin Thema seines Schreibens, immer wieder nimmt er den Berliner und dessen Alltag satirisch-kritisch unter die Lupe:

„Der Berliner schnurrt seinen Tag herunter, und wenn`s fertig ist, dann ist`s Mühe und Arbeit gewesen. Weiter nichts. Man kann siebzig Jahre in dieser Stadt leben, ohne den geringsten Vorteil für seine unsterbliche Seele.“

(Ignaz Wrobel, Berlin! Berlin!, 1919)

Die Stadt und ihre Lichter, die Stadt und ihre dunklen Ecken, die Hektik, der Trubel, die Anonymität: Häufig machte er dies zum Thema seiner Gedichte. Im Falle der Großstadt-Augen könnte man auch schreiben: Seiner Lieder. Dieses Liedgedicht, das mit seinem wiederkehrenden Refrain einen ganz eigenen Rhythmus hat, singt eine bittersüße Melodie vom Großstadtleben, von der Flüchtigkeit der Begegnungen.

Es entstand 1930 – in dem Jahr, als Tucholsky sich entschloss, dauerhaft nach Schweden zu ziehen. So könnte man das Lied auch als herbsüßen Abschied von einer eigenartigen, flatterhaften Geliebten interpretieren: Augen-Blicke in einer hektischen, pulsierenden Metropole, flüchtige Begegnungen, Verheißungen, das sich Finden und Vergehen. Die Großstadt als unbeständige, unnahbare Gefährtin.

„Kurt Tucholsky, obwohl ein geborenes Großstadtkind, suchte zeitlebens die Stille, Orte der Abgeschiedenheit, die ihm ein Gleichmaß des Arbeitens versprachen (…). Den Berlinern und ihrer übernervösen hektischen Lebensart konnte Tucholsky nie ausweichen, er selbst war ja vom Lebensstil der Moderne infiziert und musste sich dem Rhythmus der Stadt beugen, wenn er nicht gerade auf Reisen war.“

Sunhild Pflug ist für die „Frankfurter Buntbücher“ den Spuren Tucholskys durch Berlin nachgefolgt: Von Geburt an bis 1924 wohnt der Schriftsteller und Journalist in verschiedenen Stadtteilen der Metropole, Moabit, Schöneberg, Wilmersdorf und Friedenau, bis es ihn zunächst nach Paris zieht, ab 1930 ist dann sein offizieller Wohnsitz in Schweden. Immer wieder jedoch kehrt er an die Spree zurück, wird hier wie da nicht heimisch, ein Ruheloser. Mal schreibt er: „Berlin ist gräßlich“. Mal bekennt er: „Aber eines kann unsereiner nicht entbehren: die große Stadt, die abends die Lichter anzündet, die Stadt, wo man sich anonym in seine Bestandteile auflösen kann; wo so viele da sind, daß keiner mehr da ist (…)“.

Wo ein Blick alles verspricht und doch nichts halten kann…
Mit den „Augen der Großstadt“ steht Tucholsky ganz in der Tradition der Expressionisten und der Literaten, die die Stadt zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum Thema machten – exemplarisch dafür der 1929 veröffentlichte Roman „Berlin Alexanderplatz“ von Alfred Döblin.

Wie eine cineastische Untermalung dazu wirkt „Die Sinfonie der Großstadt“ – dieses großartige, experimentelle Filmportrait Berlins von Walther Ruttmann, das 1927 uraufgeführt wurde. Unbedingt sehenswert:

Im Gegensatz zu Tucholsky und Döblin, der 1933 ins Exil ging, passte sich Ruttmann den Zeitläuften an – er drehte ab 1933 für die Ufa Propagandafilme wie „Blut und Boden“.

Noch ein Wort zu den Frankfurter Buntbüchern: Die Hefte sind eigentlich viel zu schön, um sie als literarische Reisebegleiter in einen Koffer oder Rucksack zu stopfen. Das erste „Buntbuch“ erschien 1991, seither gibt es in loser Folge immer wieder ansprechend aufgemachte Ausgaben, die das Verhältnis von Schriftstellern und Orten zum Inhalt haben. „Da stehn die Häuser, und lassen in sich hausen… – Kurt Tucholskys Wohnorte in Berlin“ ist die Nummer 56 in dieser Reihe. Neben dem kurzen, aber inhaltsreichen und treffenden Text von Sunhild Pflug überzeugt der Band durch die gelungene Kombination von Fotografien aus dem heutigen Berlin, historischen Aufnahmen, Kartenmaterial und Abbildungen von Dokumenten Tucholskys.

Der Name der Reihe leitet sich von den Buntpapieren ab, die seit Jahrhunderten als Vorsatzpapier oder zum Beziehen eines Bucheinbandes verwendet werden. Für das Tucholsky-Heft wurde ein Marmorpapier-Umschlag gewählt, das nach Mustern aus dem 19. Jahrhundert hergestellt wurde.

Zu den Frankfurter Buntbüchern:
http://www.heinrich-von-kleist.org/kleist-museum/museumsshop/frankfurter-buntbuecher/

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Arthur Rundt: Marylin

„Marylin hatte in Chicago eine Fünfundzwanzig-Dollar-Stellung.
Sie fuhr jeden Morgen mit dem gleichen Hochbahnzug in ihr Office, vom Nordwesten der Stadt bis zur Station an der Ecke der Wabash und Madison Street.
Aber was half es Philip, daß er täglich diese selbe Linie benutzte, daß er täglich sechs Stationen vor Madison Street gerade diesen bestimmten Zug erwartete und ihn zugleich mit Marylin verließ?“

Arthur Rundt, „Marylin“, 1928, 2017 erstmals in Buchform erschienen bei „edition atelier“

Ich muss gestehen, ich habe mich in dieses Buch schon auf den ersten Blick verliebt: Manchmal ist es eben doch richtig, ein Buch nach seinem Cover zu beurteilen! Mit der Titelgestaltung durch Jorghi Poll traf der sehr, sehr feine Wiener Verlag „edition atelier“ voll meinen Geschmack. Neben der Gegenwartsliteratur widmet sich der Verlag vor allem auch Wiederentdeckungen der österreichischen Literatur – so  erschienen in seinem Programm die Texte der wunderbaren Lina Loos und der lange verschollene Roman von Bohuslav Kokoschka. Und auch „Marylin“ von Arthur Rundt ist eine Perle – der Inhalt dieses schön gestalteten Buches hält also, was das Cover verspricht.

Was zunächst jedoch wirkt wie eine zarte Liebesgeschichte, die ein wenig mit den Turbulenzen des Jazz Age gespickt ist, nimmt eine unerwartete Wendung – und wird gerade dadurch einerseits tragisch, andererseits aber auch hochaktuell und hochpolitisch.

Die Liebesgeschichte von Philip und Marylin beginnt ein weniger holprig. Der junge Architekt begegnet der selbständig erscheinenden Büroangestellten auf dem Arbeitsweg und weiß sofort: Das ist sie. Doch Marylin, die offenbar ganz für sich, ohne Familie und Freunde lebt, entzieht sich den behutsamen Annäherungsversuchen immer wieder, flüchtet sogar in neue Stellungen und Städte. Philip reist ihr durch halb Amerika hinterher – fast möchte man schon meinen, da habe einer in den 1920er Jahren einen ersten „Stalking“-Roman veröffentlicht. Doch Arthur Rundt lässt das Paar in New York endlich zusammenkommen:

„Die beiden redeten nicht. Jetzt standen sie auf, hielten einander wie Kinder bei der Hand und gingen den gekrümmten Parkweg stadtwärts, ziellos immer weiter, am kleinen See vorbei, sahen, auf einer Anhöhe angelangt, am Ende des Parks ein Stück von der gezackten Wolkenkratzerlinie gegen den blauen Himmel, blieben eine Weile stehen und liefen dann, Hand in Hand, die Anhöhe hinunter.“

Tatsächlich ist von diesem Moment an der Weg der beiden, vor allem ihre Fallhöhe, vorgezeichnet: Denn so harmonisch die Ehe scheint, Marylin birgt ein Geheimnis, hält etwas zurück, auch Philip verspürt ab und an „das Fremde“ in ihr. Lange verwehrt sie sich Philips Kinderwunsch. Als dann doch eine Tochter geboren wird, ist die Tragödie da. Das Kind ist schwarz. Philip vermutet einen Seitensprung Marylins, zumal das Paar Bekanntschaft mit einem schwarzen Boxer und einem Musiker geschlossen hatte. Es kommt zu einem Scheidungsverfahren, das mehr einer Aburteilung der jungen Frau gleicht, in dem der ganze Rassismus auch der amerikanischen Gerichtsbarkeit offenbar wird. Marylin flüchtet noch einmal: Zurück in die Karibik, zu ihren Verwandten. Dass sie selbst gemischtrassig ist, das wagt sie bis zuletzt ihrem Mann nicht einzugestehen. Als Philip vom familiären Hintergrund seiner Frau erfährt, wächst der bis dahin eher brav-bürgerliche junge Mann über sich hinaus – er reist ihr hinterher, wohlwissend, dass eine Ehe mit ihr in den USA Isolation und sozialen Abstieg mit sich bringen würde. Während der Schiffreise begegnet er dem Musiker, den er zunächst verdächtigte, der Vater des Kindes zu sein, wieder. Dieser gibt ihm zu bedenken:

„Wahrscheinlich begreifen Sie noch nicht, Mr. Garrett, was Sie da tun. Sie gehen einen schweren Weg. Früher haben Sie die Wahrheit nicht gewußt, nun wissen Sie alles. Das wird Ihnen schwer angerechnet werden. Leute, die bis jetzt mit Ihnen verkehrt haben, werden Ihren Gruß nicht erwidern; Sie werden Türen verschlossen finden, die Ihnen bisher offen standen. Sie haben dadurch, was Sie jetzt tun – es klingt wie eine Übertreibung, aber es ist so: Sie haben jetzt plötzlich hundert Millionen Menschen zu Feinden. Sie haben Ihr ganzes weißes Amerika gegen sich. Sie gehen einen schweren Weg, Mr. Garrett.“

Doch Philips Entschluss, gegen alle Rassenschranken zu Marylin und dem Kind zu halten, steht fest. Jedoch: Er kommt zu spät…

So schmal dieser gerade 158 Seiten umfassende Roman auch ist – er hinterlässt nach der Lektüre einen großen, wirkmächtigen Eindruck. Arthur Rundt, der zu seiner Zeit als Feuilletonist, Autor und Theatermann eine österreichische Größe war (so gehörte er zur „Mokka-Runde“ im Café Central), galt als einer der Amerika-Kenner seiner Zeit. Er hatte die Vereinigten Staaten in den 1920er-Jahren als Korrespondent bereist und intensiv kennengelernt, sein 1926 erschienenes Buch „Amerika ist anders“ bietet immer noch einen erfrischenden, klaren Blick auf die USA und das europäische Verhältnis zu den Vereinigten Staaten. Diese Kenntnisse bilden auch den geeigneten Hintergrund zu seinem Ausflug in die Belletristik: „Marylin“ ist auch ein Großstadtroman, der ähnlich wie „Manhattan Transfer“ oder „Berlin Alexanderplatz“ den Sound der Metropolen aufgreift, er ist ein Wirtschaftsroman, der einen Blick auf die industriellen Abläufe und Arbeitsmechanismen der großen Konzerne wirft, er ist zudem ein Roman, der das „Jazz Age“ und die Anfänge der Entwicklung schwarzen Selbstbewusstseins (Stichwort Harlem-Renaissance) abbildet. Vor allem aber ist er eine sachliche – und darum umso eindrucksvollere – Abrechnung mit dem Rassismus in den USA.

Der Roman, der 1928 als Fortsetzungsroman in der Neuen Freien Presse erschien, wird der Neuen Sachlichkeit zugeordnet: Tatsächlich gelingt es Rundt auch, diese unglückliche Liebesgeschichte ohne falsche sentimentale Zwischentöne darzustellen, von der Unmöglichkeit der Liebe zwischen den Rassen zu schreiben, ohne Kitsch und Gefühlsduselei. Zudem wird das Geschehen immer wieder unaufdringlich, beispielsweise in der Gerichtsszene oder im Dialog mit einem Arzt, der für die Gleichberechtigung kämpft, auf eine gesellschaftspolitische Ebene gezogen.

Ein sehr empfehlenswerter Roman, der auch einen Blick auf die heutige amerikanische Gesellschaft öffnet – eher zufällig habe ich dieser Tage auch „Americanah“ von Chimamanda Ngozi Adichie gelesen, der das Thema Rassismus in den USA aus heutiger Sicht widerspiegelt: So viel, wie man es sich manchmal wünscht, hat sich durchaus noch nicht verändert und unter Trump ist zu befürchten, dass sich vieles wieder rückwärts entwickelt.

Zurück zu Arthur Rundt: Der 1881 in Schlesien geborene Autor erreichte mit seinen Amerika-Büchern einen letzten Höhepunkt seiner Bekanntheit. Auch für ihn wurden, wie für viele andere Autoren, Schauspieler, Künstler, ab 1933 die Veröffentlichungsmöglichkeiten und damit auch die materielle Absicherung immer schwieriger. Rundt gelang quasi in letzter Minute die Emigration in die USA – dort aber verstarb er kurz nach seiner Ankunft in New York.

Herausgeber Primus-Heinz Kucher würdigt in seinem Nachwort den Roman „Marylin“:

„Nicht nur thematisch nimmt dieser Roman eine singuläre Stellung ein: Die Überblendung von Race und Gender, europäischen Projektionen und amerikanischen Realitäten, urbaner Modernität und provinzieller Fesseln hat zwar schon Hugo Bettauer in seinem Roman Das blaue Mal (1922) zum Gegenstand eines kulturzivilisatorischen, Widersprüche und Utopien thematisierenden Südstaaten-Narrativs gemacht, doch blieb seine Sicht auf die Vorkriegsrealität begrenzt. Darüber hinausgehend verknüpft Rundt seine Gestaltung des Diskurs- und Themenfeldes von ›Race‹, ›Gender‹ und ›Kultur‹ mit hochaktuellen Debatten über den zeitgenössischen techno-habituellen Wandel. Und er unterlegt sie mit einer sprachlichen Signatur, die in neusachlicher Diktion diesen Wandel kongenial begleitet, ja wesentlich mitträgt, – eine Signatur, die im Ansatz jener von Mela Hartwig und Hermann Kesten verwandt erscheint, aber in ihrem Metropolen-Soundtrack wie in ihrer desillusionierenden Perspektive fast einzigartig aus der zeitgenössischen deutschsprachigen Romanproduktion herausragt.“

Verlagsangaben zum Buch:
http://www.editionatelier.at/marylin.html

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Vicki Baum: Menschen im Hotel

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„Es ist eine dumme Fabel, daß Hotelstubenmädchen durch die Schlüssellöcher schauen. Hotelstubenmädchen haben gar kein Interesse an den Leuten, die hinter Schlüssellöchern wohnen. Hotelstubenmädchen haben viel zu tun und sind angestrengt und müde und alle ein wenig resigniert, und sie sind vollauf beschäftigt mit ihren eigenen Angelegenheiten. Kein Mensch kümmert sich um den anderen Menschen im großen Hotel, jeder ist mit sich allein in diesem großen Kaff, das Doktor Otternschlag nicht so übel mit dem Leben im allgemeinen in Vergleich stellte. Jeder wohnt hinter Doppeltüren und hat nur sein Spiegelbild im Ankleidespiegel zum Gefährten oder seinen Schatten an der Wand. In den Gängen streifen sie aneinander, in der Halle grüßt man sich, manchmal kommt ein kurzes Gespräch zustande, aus den leeren Worten dieser Zeit kümmerlich zusammengebraut. Ein Blick, der auffliegt, gelangt nicht bis zu den Augen, er bleibt an den Kleidern hängen. Vielleicht kommt es vor, daß ein Tanz im gelben Pavillon zwei Körper nähert. Vielleicht schleicht nachts jemand aus seinem Zimmer in ein anderes. Das ist alles. Dahinter liegt eine abgrundtiefe Einsamkeit.“

Vicki Baum, „Menschen im Hotel“, 1929

Vicki Baum musste es wissen, was Hotelstubenmädchen tun: Die Autorin, zeitlebens für ihre Diszipliniertheit bekannt, arbeitete selbst wochenlang in einem Hotel, um für ihren Roman zu recherchieren. Die Mühe machte sich bezahlt: Mit „Menschen im Hotel“ (der Untertitel „Ein Kolportageroman mit Hintergründen“ wurde in den Nachkriegsauflagen unterschlagen) erreichte die gebürtige Österreicherin endgültig ihren literarischen Zenit.

Der Erfolg kam mit Ansage: Baum, die damals beim größten europäischen Verlag, Ullstein, als Redakteurin für mehrere Zeitungen schrieb, hatte bereits im Jahr zuvor mit dem Roman „stud. Chem. Helene Willfüer“ einen Bestseller gelandet. Das Buch im Stil der neuen Sachlichkeit stieß vor allem beim weiblichen Lesepublikum auf Interesse: Erzählt wird von einer jungen Studentin, die ungewollt schwanger wird und sich vergeblich um eine Abtreibung bemüht. Alleinerziehend macht sie dann dennoch beruflich ihren Weg und findet zudem ihr privates Glück. Die Mischung aus Melodram, Unterhaltung und leiser Gesellschaftskritik traf voll auf das Zeitgefühl der Weimarer Republik, vor allem die jungen, modernen Frauen fanden sich in den Büchern Baums wieder. Nach dem ersten Erfolg puschte der Ullstein Verlag die 1888 in Wien geborene Autorin – zu „Menschen im Hotel“ gab es eine richtiggehende Marketingkampagne, in der auch die Schriftstellerin selbst in den Vordergrund gerückt wurde. „Home stories“ und Anzeigen mit dem Gesicht einer Autorin: Das war noch relativ neu.

Endgültig trat das Buch seinen Siegeszug an, als es nicht nur als Theaterstück auf die Berliner Bühnen kam, sondern auch nach London und an den Broadway – Vicki Baum reiste 1931 zur Theaterpremiere nach New York und blieb für volle sieben Monate, auch, um die Filmrechte unter Dach und Fach zu bringen und ein Drehbuch für Hollywood zu verfassen. Durch die Verfilmung von „Grand Hotel“ mit Greta Garbo in der Hauptrolle wurde der Roman endgültig unsterblich. Ein Ruhm, von dem Vicki Baum, die aufgrund ihrer jüdischen Wurzeln 1932 endgültig in die USA übergesiedelt war, ein Leben lang zehren sollte: Denn obwohl weiterhin ungeheuer kreativ und produktiv, konnte sie diesen „Coup“ nicht wiederholen.

Doch an Publicity und Verfilmung allein liegt es nicht, dass „Menschen im Hotel“ auch heute noch lesenswert und ein durchaus bemerkenswertes Buch ist. In ihren 1962 postum erschienenen Memoiren (Vicki Baum verstarb 1960 in Los Angeles) Es war alles ganz anders“ schreibt sie über sich leicht selbstironisch und nicht ohne Bitterkeit als “erstklassige Schriftstellerin zweiter Güte”. Denn obwohl ungeheuer populär und durchaus auch von Kollegen wie Alfred Döblin und den Geschwistern Erika und Klaus Mann anerkannt, blieb Vicki Baum mit einem Stigma behaftet, das es insbesondere in der deutschen Literatur gibt: Dem der „Trivialität“. Anders als in den englischsprachigen Ländern wird hierzulande nach wie vor streng unterschieden – und Unterhaltungsliteratur kann per se nicht literarisch qualitätsvoll sein, vice versa ist „richtige“ Literatur alles, aber bloß nicht unterhaltend!

Dabei traf „Menschen im Hotel“ nicht nur den Nerv der Zeit, sondern kann auch – neben „Berlin Alexanderplatz“ , das im selben Jahr erschien – als einer der großen Berlin-Romane und als ein Dokument des Zeitgefühls der Weimarer Republik bezeichnet werden. Manche Szene zwischen Lebensgier und Niedergang: Sie könnte auch heute spielen, ist zeitlos modern.

Da pulsiert die Großstadt, die Hektik, die Jagd nach Vergnügen und Geld, das Chaos, die Turbulenz, dies alles hat Vicki Baum mit raschen Szenenwechseln, Beschreibungen im Stakkato und atemlosen, schwindelerregenden Passagen – so eine Fahrt über die Avus – perfekt eingefangen:

„Gaigern hatte die Finger voller Ungeduld, sie prickelte wie Kohlensäure zwischen seinen Händen und dem Steuer. An den Straßenkreuzungen hingen rote, grüne, gelbe Lampen, standen Schupoleute und drohten ihm halb lachend mit dem Arm. Menschenscharen bei Straßenecken, vorbei an Obstwagen, Plakatwänden und ängstlichen alten Damen, die zur falschen Zeit über den Fahrdamm trippelten, schwarz und langröckig mitten im März. Die Sonne war feucht und gelb auf dem Asphalt. Wenn ein schwerfälliges Autobustier den Weg verlegte, dann schrie der kleine Viersitzer mit zwei Hupen: wie ein Gebell von gereizten Hunden klang es. (…)

Kringelein starrte Berlin an, das zu Streifen gezerrt an dem Wagen vorüberrannte.“

Während es in Döblins „Berlin Alexanderplatz“ jedoch keine Hoffnung für den Franz Biberkopf und seine Mitstreiter gibt, wo Massenarbeitslosigkeit, Inflation, Verelendung in expressionistisches Grau münden, erzählt Baum eher konventionell, wenn auch durchaus neusachlich, aber eben mit einem Hang zum Melodram. Dennoch: Später wurden lediglich die sentimentalen Töne des Romans hervorgehoben, der ironisch-distanzierte Blick, den Baum wirft auf die Zeitläufte, auf die Politik, aber auch auf ihre Figuren, die bestimmte „Typen“ vertreten, wurden von der Kritik nicht mehr wahrgenommen.

Da ist die alternde Primaballerina, die verzweifelt versucht, ihre Jugendlichkeit zu bewahren (eine durchaus moderne Figur), der Gentlemandieb Freiherr von Gaigern (ein Vorläufer des Felix Krull), der Spießer Preysing, der über seine eigene Gier und Unfähigkeit stolpert, der gutherzige, aber von den Verhältnissen geknechtete Hilfsbuchhalter Kringelein und schließlich „Flämmchen“, eine typische Frauenfigur der neuen Sachlichkeit, wie sie auch im kunstseidenen Mädchen von Irmgard Keun oder bei Lili Grün beschrieben wird: Die Stenotypistin, das Ladenmädchen, das sein Glück machen will, gutherzig, aber von einem erotischen Pragmatismus geleitet:

„Sie hatte eine umfangreiche Bilanz zu machen. Der Verzicht auf das angefangene Abenteuer mit dem hübschen Baron stand darin, Preysings schwerfällige fünfzig Jahre, sein Fett, seine Kurzatmigkeit. Kleine Schulden da und dort. Bedarf an neuer Wäsche, hübsche Schuhe – die blauen gingen nicht mehr lange. Das kleine Kapital, das notwendig war, um eine Karriere zu beginnen, beim Film, bei der Revue, irgendwo. Flämmchen überschlug sauber und ohne Sentimentalität die Chancen des Geschäftes, das ihr geboten wurde.“

Der Roman konzentriert die Handlung auf vier Tage und vier Nächte – und schon bald sind Glanz und Glamour, die die Oberfläche im luxuriösen Hotel prägen, durchschaut, kommen die materiellen und die psychischen Nöte zum Vorschein. Insbesondere repräsentiert durch Doktor Otternschlag, dem gezeichneten Kriegsteilnehmer, der einsam Tag für Tag in der Lobby auf Post und menschliche Zuwendung wartet:

Gaigern empfand verwundert, daß dieser blödsinnige Doktor Otternschlag eine Art von Haß gegen ihn zu haben schien. „Das mag Geschmackssache sein“, sagte er leichthin. „Ich habe es nicht so eilig. Mir gefällt das Leben nun einmal. Ich finde es großartig.“

„So. Großartig finden Sie es? Sie waren doch auch im Krieg. Und dann sind Sie heimgekommen, und dann finden Sie es großartig? Ja, Mensch, wie existiert ihr denn alle? Habt ihr denn alle vergessen? Gut, gut, wir wollen nicht davon sprechen, wie es draußen war, wir wissen es ja alle. Aber wie denn? Wie könnt ihr denn zurückkommen von dort und noch sagen: Das Leben gefällt mir? Wo ist es denn, euer Leben? Ich habe es gesucht, ich habe es nicht gefunden. Manchmal denke ich mir: Ich bin schon tot, eine Granate hat mir den Kopf weggerissen, und ich sitze als Leiche, verschüttet die ganze Zeit im Unterstand von Rouge-Croix. Da habense den Eindruck, wahr und wahrhaftig, den mir das Leben macht, seit ich von draußen zurückgekommen bin.“

Ein literarischer Verdienst von Vicki Baum ist es zudem, dass sie die sogenannte „group novel“ gesellschaftsfähig machte: „Menschen im Hotel“ ist einer der ersten „Gruppenromane“ der Unterhaltungsliteratur, in dem eben nicht eine oder zwei Hauptfiguren im Vordergrund stehen, sondern Menschen wie Schauspieler auf einer Drehbühne aufeinandertreffen, deren Wege sich kreuzen, deren Schicksal miteinander zunächst lose verknüpft und dann enger verwebt werden. So wurde „Menschen im Hotel“ auch zu einer Vorlage, die bis heute im TV gerne aufgegriffen wird – seien es Arztserien oder ähnliche „soaps“, sie haben ihre literarische Wurzel hier.

Die Figuren in „Menschen im Hotel“ sind Prototypen, das Privatschicksal, so schrieb der Literaturkritiker Werner Fuld, wird zum Massenartikel, zum Klischee, zur Kolportage. Dass der Kolportageroman jedoch auch Hintergründe (nochmals ein Hinweis auf den ursprünglichen Untertitel) zu bieten hat, das liegt an der eigentlichen „Hauptfigur“ des Roman: Das Hotel, das ähnlich wie bei Joseph Roths „Hotel Savoy“ die Rolle des Katalysators spielt, das der Schauplatz ist, an dem sich aus den Figurenschemen langsam Menschen mit ihren Nöten und Ängsten herausschälen. Diese Nöte hängen eng mit den Verhältnissen einer Gesellschaft am Abgrund zusammen. Ein Hotel, in dem Getriebene und Herrenmenschen aufeinander treffen:

„Was hier in diesem Hotelzimmer aus ihm hervorbrach, war alles in allem die Klage des zarten und erfolglosen Menschen gegen den andern, der einfach und mit etwas Brutalität seinen Weg macht, eine wahre, aber ungerechte und höchst lächerliche Klage…“

Nicht zuletzt führte neben ihrer jüdischen Herkunft auch dieser kritische Blick auf die Zeit, der von den „Trivialitäts-Kritikern“ oftmals unterschlagen wird, mit dazu, dass die Bücher von Vicki Baum von den Nazis auf den Index gesetzt, die Schriftstellerin selbst als „Asphaltliteratin“ bezeichnet wurde und sie schließlich mit ihrer Familie den Weg in das Exil nahm.


Weitere Bücher von Vicki Baum:

„Rendezvous in Paris“, 1935:

Kitsch? Nein! Auch wenn Kitschverdacht naheliegt: „Rendezvous in Paris“ ist eine kurzweilige Lektüre, Herz-Schmerz-Melodram und hellsichtige Zeitdiagnose zugleich. Vicki Baum war, als sie diesen Roman um eine fatale Affäre begann, bereits ein literarischer Star – international anerkannt, in Deutschland verbannt. „Rendezvous in Paris“ erschien daher 1935 zunächst im Exilverlag „Querido“, zum 125. Geburtstag der Autorin 2013 gab die „edition ebersbach“ den Roman neu heraus.
Vicki Baum erzählt die Geschichte einer biederen Berliner Richtergattin, die für einen kurzen Liebesnachmittag nach Paris ausbricht, aus drei Perspektiven – und spielt, handwerklich perfekt, auch mit drei unterschiedlichen Stimmen: Frank, der leichtlebige amerikanische Liebhaber, für den das Ganze nur eine bittersüße Zwischenstation ist, Kurt Droste aus Wilmersdorf, der Richter, der mehr mit seinem Beruf verheiratet ist und die zarte, untüchtige Richtersgattin Evelyn, die sich von einer kurzen Leidenschaft hinreißen lässt. Dem „Frauchen“ Evelyn stellt Vicki Baum eine emanzipierte, berufstätige und lebenstüchtige Freundin zur Seite – so packt die Autorin in diesen auch heute noch lesenswerten Roman verschiedene Schauplätze, Typen und Milieus von den exklusiven Berliner Clubs über den Mittelstand bis hin zu den vollgepackten Wohnungen der Arbeitersiedlungen in Berlin. Hier, in den „soziologischen Studien“, die Richter Droste im Laufe einer Verhandlung in Moabit betreibt, zeigt sich auch, warum die Nazis die Autorin als „jüdische Asphaltliteratin“ verunglimpften: Sie vereinbarte geschickt Unterhaltungsstoff mit Sozialkritik in ihren Büchern.
Im „Tagesspiegel“ wurde die Neuauflage des Romans positiv besprochen: Baum war keine Avantgardistin, dabei wirkt ihre Prosa oft ungeheuer modern und elegant, etwa bei einer Stakkato-Beschreibung des Alexanderplatzes: „Hier schlug eines der vielen Herzen von Berlin, Licht, Lärm, Verkehr, Menschen, Gedränge, Gesichter, Stimmen, Hupen, Zeitungen, Reklame.“

 

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Florian Illies: 1913 – Der Sommer des Jahrhunderts

November

„Adolf Loos sagt, dass das Ornament ein Verbrechen sei, und baut Häuser und Schneidersalons voll Klarheit. Alles ist aus zwischen Else Lasker-Schüler und Dr. Gottfried Benn – sie ist verzweifelt, woraufhin ihr Dr. Alfred Döblin, der gerade Ernst Ludwig Kirchner Modell sitzt, Morphium spritzt. Prousts „In Swanns Welt“, der erste Band von „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, erscheint, den Rilke sofort liest. Kafka geht ins Kino und weint. Prada eröffnet in Mailand seine erste Boutique. Ernst Jünger, 18 Jahre alt, packt seine Sachen und geht zur Fremdenlegion nach Afrika. Das Wetter in Deutschland ist ungemütlich, aber Bertolt Brecht findet: Schnupfen kann jeder haben.“

Florian Illies, „1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“, S. Fischer Verlag.

Das Jahr 2013 neigt sich bald seinem Ende zu. Und ich habe noch rechtzeitig die Kurve zu „1913“  genommen. Glücklicherweise. Denn selten hat mich ein Sachbuch (oder wie auch immer man dieses Buch einordnen mag – ein langes Essay über ein Jahr? Ein literarisches Biopic? Ein „gewaltiger Teaser“, wie Gustav Seibt es in der Süddeutschen Zeitung nannte?)…jedenfalls hat mich selten ein „Sachbuch“ so oft laut auflachen lassen.

Der Kunsthistoriker und Journalist Florian Illies lässt dieses eine, dieses besondere Jahr Revue passieren – ein Jahr schwankend zwischen Hypernervosität und Lethargie. Ein wenig erinnert dies an die Jahresrückblicke, mit denen die Nation jeweils in den ersten Januartagen von sämtlichen Fernsehsendern beglück wird. ALLERDINGS: Weitaus klüger und amüsanter verfasst.

Monat für Monat rollt Illies das auf, was vor 100 Jahren vor allem die Intellektuellen, die Künstler und die Bohème umtrieb: Ein Reigen (ja, Schnitzler kommt auch vor), gegen den das öffentliche Beziehungstreiben unserer Stars und Sternchen heute geradezu verblasst. Das Buch spricht durchaus auch etwas Voyeuristisches im Leser an – wer mit wem und warum nicht mehr, das liest sich unterhaltsam und streckenweise auch verwirrend, weil, vor allem wenn Rilke ins Spiel kommt, eigentlich alle mit allen…

Es griffe natürlich zu kurz, würde man die knapp 320 Seiten nun als eine Art feuilletonistischen Tratsches interpretieren – andererseits ist „1913“ aber auch keine geschichtswissenschaftliche Analyse. Kluge Unterhaltung bietet es – und das sehr gut gemacht. Warum 1913? Alles scheint da auf dem Siedepunk in der Kultur: Brücke, Blauer Reiter, Secession, Expressionismus, Kubismus – das Neue löst das Alte ab, die Richtungen konkurrieren. Marcel Duchamp hat die Nase voll vom Malen und erfindet nebenbei das erste Ready Made. Auch in der Literatur werden die Väter abgemurkst, die Romantik begraben. Freud wird von Jung geschnitten, nicht das einzige Trauma und Beziehungsdrama, das in diesem Jahr über die Bühne geht. Die „Alten“ (Schnitzler, Hofmannsthal) und Mittelalten (Kraus, T. Mann) hadern mit privaten Angelegenheiten oder sind irgendwie beleidigt und geplagt von Zipperlein und Allüren, die Jungen (Brecht, Jünger, Tucholsky) scharren mit den Füßen.

Alles spitzt sich in der Kunst in hektischer Hypernervosität zusammen, als ob in komprimiertester Zeit  das Rad neu erfunden werden müsste. Wie es Duchamp dann ja auch tut. Demgegenüber erstarren Machthaber und Politiker in seltsamer Lethargie, selbst angesichts der Unruhen auf dem Balkan. Kaiser Wilhelm schießt zunächst lieber täglich auf Tausende von Fasanen, kann aber nur einen abends speisen. Eines dieser kleinen, feinen Beispiele für die Dekadenz einer untergehenden Klasse, die Illies bringt. Er muss nicht mit dickem Pinsel streichen – feine Striche genügen ihm, um das Bild dieses Jahres zu zeichnen.

Ein Meisterstück, forderte die Mahler, und sie würde ganz die Seine. Oskar Kokoschka malte die Windsbraut und bekam die Alma trotzdem nicht. Das war 1913.

Das ist die Stärke dieses Buches: Die ungeheure Menge an Daten & Fakten sind so fein ausgesucht, gesponnen und verknüpft, dass sich allein aus dem geschickten Mosaik das Bild einer untergehenden Gesellschaft herausschält. Und doch ist alles so lebendig erzählt, dass man beim Lesen das eigene Wissen davon, dass es ja ein böses Ende nehmen wird, zunächst hintanstellt. Man begibt sich mitten hinein in diesen Tanz auf den Vulkan – man weiß zwar inzwischen, dass der Kokoschka seine Windsbraut für die Mahler vergeblich malte, aber währenddessen hat der vor Eifersucht Wahnsinnige unser ganzes Mitgefühl. Zwei ausgesprochene „Lieblinge“ begleitet Illies mit feiner Ironie über das ganze Jahr hinweg: Den ewig zaudernden Kafka bei den Versuchen eines Heiratsantrages sowie den ewig kränkelnden Rilke, der dennoch Briefe schreibend eine Anzahl von Frauen, mit der er locker eine Fußballnationalmannschaft stellen könnte, vorzugsweise platonisch, aber auch leibhaftig lenkt.

Die heran dräuende Katastrophe wird in diesem Treiben bewusst kaum wahrgenommen. Wie geisterhafte Schatten huschen jedoch schon die Vorboten der zweiten, noch grausameren Katastrophen durch die Seiten – der Postkartenmaler Hitler und Stalin auf der Flucht in Frauenkleidern. Doch noch herrscht auf der Achse Wien-Berlin-Paris das Leben.

In manchen Feuilletons wurden Bezüge dieses Panoramas zum Jahr 2013 gestellt, Parallelen gezogen, Botschaften und Ermahnungen destilliert. Ich meine, damit wäre dieses Buch überfrachtet und überinterpretiert. Es zeigt das Bild eines besonderen Jahres – klug geschrieben, unterhaltsam zu lesen, fein gemacht. Das allein ist auch einmal ausreichend.


Bild zum Download: Strandhütte bei Travemünde


Alfred Döblin: Berlin Alexanderplatz

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Bild von Thomas Wolter auf Pixabay

Von Osten her, Weißensee, Lichtenberg, Friedrichshain, Frankfurter Allee, türmen die gelben Elektrischen auf den Platz durch die Landsberger Straße. Die 65 kommt vom Zentralviehhof, der Große Ring Weddingplatz, Luisenplatz, die 76 Hundekehle über Hubertusallee. An der Ecke Landsberger Straße haben sie Friedrich Hahn, ehemals Kaufhaus, ausverkauft, leergemacht und werden es zu den Vätern versammeln. Da halten die Elektrischen und der Autobus 19 Turmstraße. Wo Jürgens war, das Papiergeschäft, haben sie das Haus abgerissen und dafür einen Bauzaun hingesetzt. Da sitzt ein alter Mann mit einer Papierwaage: Kontrollieren Sie Ihr Gewicht, 5 Pfennig. O liebe Brüder und Schwestern, die ihr über den Alex wimmelt, gönnt euch diesen Augenblick, seht durch die Lücke neben der Arztwaage auf diesen Schuttplatz, wo einmal Jürgens florierte, und da steht noch das Kaufhaus Hahn, leergemacht, ausgeräumt und ausgeweidet, dass nur die roten Fetzen noch an den Schaufenstern kleben. Ein Müllhaufen liegt vor uns. Von Erde bist Du gekommen, zu Erde sollst Du wieder werden, wir haben gebauet ein herrliches Haus, nun geht hier kein Mensch weder rein noch raus. Ninive, Hannibal, Cäsar, alles kaputt, oh, denkt daran. Erstens habe ich dazu zu bemerken, dass man diese Städte jetzt wieder ausgräbt, wie die Abbildungen in der letzten Sonntagsausgabe zeigen, und zweitens haben diese Städte ihren Zweck erfüllt, und man kann nun immer wieder neue Städte bauen. Du jammerst doch nicht über deine alten Hosen, wenn sie morsch und kaputt sind, du kaufst neue, davon lebt die Welt.“

Atemlos und dabei sprachmächtig, Bilder, Szenen, Eindrücke, die im Cinemascope-Format vorüberrauschen, Gesprächsfetzen, die man im Vorübergehen aufschnappt, Gedanken, die in den Kopf schießen – das ist der Wort- und Bewußtseinsstrom, mit dem Alfred Döblin (1878-1957) den deutschen Roman revolutionierte.

Auch vor Alfred Döblin gab es ein Berlin in der Literatur. Da meist als Fassade, Studiohintergrund, Potemkinsches Dorf, Schauplatz, Verortungspunkt. Aber in „Berlin Alexanderplatz“ ist die Großstadt mehr als das – sie ist nicht nur der Ort, sie ist die Hauptfigur, die Handelnde, der lebendige, aktive und agierende Mittelpunkt, der städtische Mahlstrom, um den das Romangeschehen kreist.

„Berlin Alexanderplatz“, 1929 erschienen, markiert einen Einschnitt in der deutschen Literatur. Expressionismus und literarische Moderne: Sie hatten nun endlich auch im epischen Erzählen ihren Platz gefunden. Abrupte Brüche im Satzbau, stakkatoartiger Rhythmus, ständige Wechsel der Erzählperspektiven, aber vor allem die Technik der Montage – Zeitungsschlagzeilen, Statistiken, Fahrpläne (siehe oben) in den Text gestreut – dies alles macht „Berlin Alexanderplatz“ auch heute noch zu einem Leseabenteuer. Oder auch Leseungeheuer, je nach Perspektive.

Spürbar ist in Döblins Roman der Einfluss des Films, der sich als Kunstform langsam etablierte.

„In den Rayon der Literatur ist das Kino eingedrungen, die Zeitungen sind groß geworden, sind das wichtigste, verbreitetste Schrifterzeugnis, sind das tägliche Brot aller Menschen. Zum Erlebnisbild der heutigen Menschen gehören ferner die Straßen, die sekündlich wechselnden Szenen auf der Straße, die Firmenschilder, der Wagenverkehr. Das Heroische, überhaupt die Wichtigkeit des Isolierten und der Einzelpersonen ist stark zurückgetreten, überschattet von den Faktoren des Staates, der Parteien, der ökonomischen Gebilde. Manches davon war schon früher, aber jetzt ist wirklich ein Mann nicht größer als die Welle, die ihn trägt. In das Bild von heute gehört die Zusammenhanglosigkeit seines Tuns, des Daseins überhaupt, das Flatternde; Rastlose. Der Fabuliersinn und seine Konstruktionen wirken hier naiv. Dies ist der Kernpunkt der Krisis des heutigen Romans. Die Mentalität der Autoren hat sich noch nicht an die Zeit angeschlossen.

Der Schriftsteller nimmt mehrfach Bezug, auch in einer Besprechung zu James Joyces „Ulysees“ im Jahr 1928 („Ulysees“, 1922 und „Manhattan Transfer“, John Dos Passos, 1925 – die beiden weiteren literarischen Großstadtmonumente, die mit „Berlin Alexanderplatz“ genannt werden müssen):

„Damit und soweit ist das Buch charakterisiert im Kern als ein biologisches, wissenschaftliches und exaktes. Der Mensch von heute ist kenntnisreich, wissenschaftlich, exakt; darum gibt der heutige Autor ein Buch, das sich neben die Wissenschaft setzt. Es unterscheidet sich nur dadurch von dem wissenschaftlichen, daß es ja ohne tatsächliches Subjekt ist. Immerhin, der Bloom und seine Frau sind typische Gestalten wie ein Pferd, eine Tanne, und darum ist auch ihre Beschreibung von exaktem Wert. Darum verläuft der ganze Vorgang real, selbst indem er nur »als ob« verläuft. In den sichersten Partien hat dieses literarische Werk völlig wissenschaftliche Haltung. Und dies nicht als Maske.“

Eine der kenntnisreichsten Besprechungen zu „Berlin Alexanderplatz“ erschien schon kurz nach der Veröffentlichung des Romans – 1930 durch Walter Benjamin. Besser kann dieses literarische Experiment kaum beschrieben werden:
http://www.textlog.de/benjamin-kritik-krisis-romans-doeblins-berlin-alexanderplatz.html

Zweifelhaft und kryptisch ist für mich allein das Ende des Romans. Franz Biberkopf, der einarmige Bandit mit dem goldenen Herzen, der Überangepasste, der Naive, der sich Mitziehen lässt, als skeptischer, aber dennoch sozial integrierter kleiner Angestellter, der beobachtet, wie draußen marschiert wird, die Trommeln schlagen – „weiter ist hier von seinem Leben nichts zu berichten“, schreibt Döblin einen Absatz zuvor. Aber man ahnt es schon: Götterdämmerung über Babylon Berlin, es wird für den Biberkopf wieder kein gutes Ende nehmen.

Heute ist der Alexanderplatz längst schon mehrfach von der Geschichte überrollt, plattgemacht, auf Touristengaudi hochgebürstet, wieder ab- und hochgekommen. Es ist ein anderes Berlin als 1929. Aber immer noch ein Moloch, ein anderer Hexenkessel. 2012 wurde Jonny K. am Alex totgeschlagen. Mag der Alexanderplatz sich verändern. Der Mensch bleibt Mensch, im Guten wie im Schlechten.

Drehen wir noch eine Runde – ein letzter Streifzug um den Alex mit Günter Lamprecht, der den Franz Biberkopf in der Filmserie von Rainer Werner Fassbinder verkörperte:
http://www.deutschlandfunkkultur.de/berlin-alexanderplatz.1076.de.html?dram:article_id=175820