Andrin: Ein modernes Märchen – Rezension bei Faust-Kultur

Wie ein Leben jenseits von Alltagsstress und Leistungsdruck aussehen kann, beschreibt die bildende Künstlerin Martina Altschäfer in ihrem Romandebüt „Andrin“, der in der Abgeschiedenheit der Schweizer Alpen spielt. Sie hat ein modernes Märchen verfasst, dessen Entspannungsqualität auch als Urlaubsersatz dienen kann, meint Riccarda Gleichauf.

Über diese Besprechung bei Faust Kultur freuen wir uns sehr!
https://faustkultur.de/4430-0-Buchkritik-Martina-Altschaefer-Andrin.html#.X4vjyO1CS00

Martina Altschäfer: Andrin, Mirabilis Verlag

Mirabilis Verlag

Susanne ist Schriftstellerin und Ghostwriterin. Als sie für einen zahlungskräftigen »Premium«-Kunden eine geschönte Autobiografie verfassen soll, ist sie nahe am Verzweifeln. Ihr Verleger stellt Susanne kurzerhand seine Ferienwohnung in Italien zur Verfügung, um sie zu motivieren. Doch auf der Reise in den Süden verhindert mitten in den Schweizer Alpen ein Steinschlag die Weiterfahrt. Unversehens gerät sie nach Voglweh, eine kleine verfallene Siedlung mit lediglich zwei Bewohnern, die kaum eine Verbindung zur Außenwelt haben und sich selbst versorgen. Aus ursprünglich einer Notübernachtung werden Tage, Wochen, Monate. Susanne taucht immer intensiver hinein in die geheimnisvolle Welt ihrer Gastgeber…
»Andrin« ist ein Roman, der von der Kraft der Natur erzählt, die ebenso so zerstörerisch wie heilend wirken kann. Und von der Selbstfindung einer Frau, die lernt, sich den Geheimnissen des Lebens zu überlassen.

Martina Altschäfer hat Bildende Kunst und Germanistik an der Johannes Gutenberg Universität in Mainz und Freie Malerei an der Kunstakademie Düsseldorf studiert. Ihre künstlerische Arbeit ist unter anderem mit dem Burgund-Stipendium des Landes Rheinland-Pfalz sowie dem Preis des Landes Rheinland-Pfalz für Graphik ausgezeichnet worden. Trotz ihrer großen Vorliebe für das Gebirge lebt und arbeitet sie in Rüsselsheim am Main.

»Andrin« ist Martina Altschäfers Romandebüt, nachdem 2017 bereits ihr Erzählband »Brandmeldungen« mit zahlreichen farbigen Zeichnungen und Textcollagen im Mirabilis Verlag erschienen ist.

Der Roman liegt ab dem 25. August vor, die Buchpremiere findet am 29. August in Ulm statt. Verlagsinformationen zum Buch: Andrin

Besprechungen:

„Das ist das Schöne an diesem Buch: eine einfache, gar nicht komplizierte Paralellwelt fächert sich auf in einer Facettenhaftigkeit, die ihren Glanz aus der dieser Welt zugeneigten Sprache der Erzählerin bezieht.
Vielleicht, weil die Schriftstellerin auch bildende Künstlerin ist, haftet diesem Debütroman eine Liebe in der Gestaltung an, die beim Lesen spürbar ist.“ –
Dagmar Eger-Offel von Literatur im Fenster

„Der Schreibstil war es, der mich sofort in die Geschichte gezogen hat. Martina Altschäfer schreibt sehr detailliert, sehr stimmungsvoll, deutet Dinge an, ohne sie jedoch aufzulösen. Sie lässt die Unsicherheiten im Raum stehen, lässt ihre Protagonistin und uns ins Ungewisse treten und dort verharren. Und immer ist da die kraftvolle Natur, die niemanden schont, aber dennoch Halt bietet.“Buchweiser

„In ihrem märchenhaften Roman „Andrin“ versetzt uns Martina Altschäfer in eine um Haaresbreite verrückte Parallelwelt, die sie aus der Perspektive ihrer Ich-Erzählerin fantasievoll, mitreißend und unterhaltsam veranschaulicht.“Dieter Wunderlich

„Ich habe diese Sätze gelesen und dachte nur: „WOW“! Diese Autorin kann schreiben!“Monika Abbas

„Absolut positiv ist der hochwertig gestaltete Auftritt des Buches! Das begeistert.“Sabine Krass

„Die Geschichte ist originell, weckt Sehnsüchte und ließ mich vom Alltagsstress in Tagträume hinabgleiten. Ich wurde also in einen literarischen Kurzurlaub geschickt und habe mich dabei prächtig erholt. Nur schade, dass auch der schönste Urlaub irgendwann vorbei ist.“ – Claudia Kowalski bei Renie`s Lesetagebuch

„Martina Altschäfer spielt mit dem Leser, denn sie verrät nie so viel, dass es langweilig wird. Im Gegenteil. Sie verrät immer so viel, dass die Neugierde angefacht wird. Diese Kamera-Schwenks finde ich extrem schlau, abwechslungsreich und interessant.“ – Susanne Probst auf ihrem Blog Lieslos!

 

 

Annette Stroux und Fred Reber im Gespräch: Das Gewicht von Nähe

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Bild von Free-Photos auf Pixabay

Chris schluckt. Damals, als sie aus dem Krankenhaus zurück in Bens Wohnung kamen und die Ereignisse sie am Schlafen hinderten, hatte er zu ihm gesagt:
„Dad, das musst du aufschreiben. Das ist ja wie ein Krimi.“
„Wo denkst du hin. Das geht nicht.“
„Wieso?“
„Weil ich der Auslöser war für die ganze Geschichte.“

Fred Reber, „Das Gewicht von Nähe“

Die ganze Geschichte zwischen Ben und Nina endet drei Jahre zuvor: Am Beginn des Romans sehen wir einen Mann, der blutend an einer Bushaltestelle steht. Geflüchtet aus der Wohnung einer Frau, die ihn zunächst faszinierte und dann immer mehr durch ihr obsessives Verhalten irritiert. Fred Reber beschreibt in seinem zweiten Roman feinfühlig und mit viel Gespür für die Psychologie seiner Figuren die Entwicklung einer gestörten Beziehung.

Ben, der sich als Buchhalter durchs Leben schlägt, aber eigentlich von einem Leben als Schriftsteller träumt, lernt eines Abends in einer Hotelbar die attraktive Nina kennen. Erst später wird ihm bewusst, dass diese faszinierende Frau eine schwedische Schlagersängerin ist, für die er als Jugendlicher schwärmte. Ihr Ruhm ist jedoch schon längst verblasst, die Tage des großen Erfolgs lange schon vorbei.

Zu Beginn der Beziehung erscheint Ben alles im schönen Schein. Doch nach und nach stellt er fest, dass Nina in ihrer Vergangenheit gefangen ist. Ihre Idee, Ben solle eine Biographie über sie verfassen, wird schließlich zur Belastungsprobe, als Ben sich zurückziehen will, eskaliert die Situation. Fred Reber erzählt dies mit Gespür für die Psychologie seiner Figuren, insbesondere Nina gewinnt mehr und mehr an Kontur. Als wäre man an Bens Seite, erlebt man den einstigen Star zunächst als souveräne Frau, die im Laufe der Geschichte immer mehr Schattenseiten bis hin zu psychotischen Zügen zeigt. Das ist auch spannend zu lesen und gute Unterhaltungsliteratur mit Tiefgang.

Am Ende des Buches treffen wir Ben wieder: Er liest, drei Jahre nach den Vorkommnissen, an der Musikhochschule München aus seinem Roman, der ihm endlich den ersehnten Erfolg als Schriftsteller bescherte. Doch zu welchem Preis: Schließlich ist der Roman auch die Verarbeitung seiner dramatischen Liebesgeschichte.

Und hier schließt sich auch der Kreis zum Verlag, in dem Fred Rebers Roman „Das Gewicht von Nähe“ erschien: Denn in dem kleinen, aber feinen Programm der „STROUX edition“ (ein Verlagsportrait in der Süddeutschen Zeitung findet sich hier), erscheinen Bücher, die um das Phänomen der Erinnerung kreisen – seien es fiktionalisierte Geschichten wie das „Gewicht von Nähe“, seien es Familienportraits wie im beim „Bücherhamstern“ vorgestellten „Findelkind“.

Die Literaturagentur „Ehrlich & Anders“ hat dieser Tage die Aktion #25tage25büchergestartet,  um Bücher in dieser schwierigen Zeit für den Buchmarkt sichtbar zu machen. Für #25tage25bücher sprach ich mit Verlegerin Annette Stroux und Autor Fred Reber über den Verlag und den Roman.

Frau Stroux, Ihr Verlag widmet sich dem Thema „Erinnerung“ – es geht also um Autobiografisches, biografisches Erzählen? Wie und wann entstand die Verlagsidee? 

Annette Stroux: Die Auseinandersetzung mit dem Phänomen „Erinnerung“ begleitet mich schon seit der Kindheit. In meiner Familie gab es immer wieder heftige Auseinandersetzungen über bestimmte Erlebnisse und die völlig unterschiedliche Bereitschaft und Fähigkeit, sich daran zu erinnern. Bei den einen wurde alles ausgeschmückt und fast als eine Art Waffe gegen jedes entspannte Beisammensein benutzt, die anderen rasteten aus, sobald an ihre Erinnerungen gerührt wurde. Irgendwann merkte ich, dass Erzählen und Schreiben aus der Quelle des Autobiographischen eine besondere Qualität haben kann – und daraus entwickelte sich mein Verlagsschwerpunkt.

Es gibt ja zunehmend mehr Menschen, die ihre Lebenserinnerungen festhalten und auch veröffentlicht haben wollen. Was zeichnet die Qualität eines Manuskriptes aus, was muss eine fiktionalisierte Lebensgeschichte mitbringen, damit Sie sich für eine Veröffentlichung entscheiden? 

Annette Stroux: Das Thema muss von allgemeinem Interesse sein. Eine meiner ersten Publikationen war ein (auto-)biographischer Roman über den Algerienkrieg (La grande Bleue). Das Buch finde ich fast exemplarisch. Aber es müssen nicht unbedingt historische Ereignisse sein – auch persönliche Extremsituationen und der Umgang damit interessieren mich sehr.

Herr Reber, in „Das Gewicht von Nähe“ geht es auch um das lose Projekt einer Biografie, eine Frau will die eigenen Erinnerung festhalten. Beim Lesen wurde mir deutlich, wie sehr man selbst auch dazu neigt, die eigene Vergangenheit zu verklären. War das mit ein Hintergedanke? 

Fred Reber: Vor Jahren war Nina ein großer Star. Sie hat ihre Karriere aus freien Stücken aufgegeben. Mich hat interessiert, wie sie reagiert, wenn ihr jemand wie Ben anbietet, ihre Biografie zu schreiben.Ich wollte zeigen, wie sie sich selbst wahrnimmt. Und ich fand es spannend, was es mit ihr macht, wenn ihre Wünsche und unerfüllten Sehnsüchte erneut geweckt werden.

Im Grunde weiß sie, was in ihrem Leben falsch gelaufen ist, und dass sie ihren Teil dazu beigetragen hat. Sie will es sich nur nicht eingestehen und so fängt sie an, ihr früheres Leben zu verklären.

Steckt in der Erzählung auch ein autobiografisches Element?

Fred Reber: Ich war vor Jahren mit einer Frau befreundet, deren Leben ähnlich verlief, wenn auch in einem anderen Umfeld. Das war der Ausgangspunkt für den Text, der sich dann immer mehr verselbstständigt hat.

Wie kam der Kontakt zwischen Autor und Verlag in diesem Fall zustande, was hat Sie, Frau Stroux, an dem Manuskript fasziniert? 

Annette Stroux: Mit Fred Reber kam ich über eine Lesung in Kontakt. Mich hat einerseits interessiert, dass Fred Reber schon einmal einen Roman im Selfpublishing erfolgreich veröffentlicht hatte – und dann kam die Story dazu. Am Anfang und am Ende seines Romans stehen persönliche Grenzerfahrungen – und seine Erzählweise lässt erkennen, dass ihn die Frage nach dem „Was war da eigentlich?“ nie wirklich losgelassen hat. Man sagt ja, dass das autobiographische Gedächtnis das aktuelle Selbst immer besser bewertet als das Selbst der Vergangenheit und – dass Erinnern ein kreativer Prozess ist. Auch darüber erzählt „Das Gewicht von Nähe“ sehr anschaulich.

Informationen zum Buch:

Fred Reber
Das Gewicht von Nähe
STROUX edition, 2019
Gebunden, 268 Seiten, auch als E-Book erhältlich
ISBN 978-3-948065-04-1


 

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Hansjörg Schneider: Hunkeler in der Wildnis

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Hunkeler blickt hinter die schönen Basler Fassaden. Bild von Birgit Böllinger auf Pixabay

„Dies war die schönste Zeit des Tages, wenn er aus tiefer Nacht erwachte und erkannte, dass alles in Ordnung war. Die Welt der Träume, der er dann manchmal entstieg, war ganz und gar nicht in Ordnung. Er wusste das, obwohl er sich beim Erwachen kaum je an einen genau umrissenen, erzählbaren Traum erinnern konnte. Bloß an beängstigende Unordnung, in der alles Vernünftige aus den Fugen geraten war.“

Hansjörg Schneider, „Hunkeler in der Wildnis“.

Es hat etwas Beruhigendes, den Hunkeler zu lesen.

Beruhigungsfaktor Nummer eins: In seiner Bärbeißigkeit, seiner Misanthropie ist der Hunkeler eine Konstante. In seinem zehnten Fall nun zwar im Ruhestand, bleibt er immer noch genervt von den Kollegen, den Mitmenschen, den Umständen des Lebens überhaupt. Das Granteln und Grummeln deutet jedoch auf eine besondere Feinfühligkeit hin, die nur ausgeglichen werden kann durch weitläufiges Spazierengehen, stundenlanges Sitzen bei einem Wein vor dem Haus, durch Steingeschosse in die Fenster der laut feiernden Nachbarn (dass das Geschoss versehentlich das Fenster eines verschreckten alten Ehepaares zertrümmert, bringt die seelische Konstruktion wieder gefährlich ins Wanken).

Beruhigungsfaktor Nummer zwei: Manchmal schielt man neidvoll auf die eidgenössischen Nachbarn, bei denen so manches anders, aber nach außen hin immer so proper erscheint. Der Hunkeler mit seinem großen Verständnis für die Abgehängten, Abseitigen, Verwirrten, er nimmt einen mit hinter die Fassaden. Beispielsweise ins Basler „Milchhüsli“, eine Kneipe, wo schon einmal ein Betrunkener auf dem Boden pennt. Man lernt mit dem Alt-68er Hunkeler: Die Schweiz hat ihren Reiz, aber eben nicht für jeden. Jede Gesellschaftsordnung, die auf Konsum und Kapital basiert, produziert auch ihre Opfer. Um die sich der Hunkeler dann, Ruhestand hin oder her, kümmert.

Pressebild_hunkeler-in-der-wildnisDiogenes-Verlag_72dpiBeruhigungsfaktor Nummer drei: Hunkeler-Krimis zu lesen, das ist immer mehr, als „nur“ einen Krimi zu lesen. Das „literarische Gewissen“ darf sich beruhigend einlassen – das ist mehr als bloße Spannungsliteratur (das ist es im Grunde sogar am wenigsten), sondern immer auch Gesellschaftskritik, Philosophie, Lebenskunst. Meist rutscht der Kriminalfall nach hinten, in diesem, dem zehnten Fall sogar ein bisschen zu sehr: Der Tod eines Kritikers (das löst bei Walser-Lesern zunächst einen Schreckmoment aus) wird beinahe linker Hand aufgelöst, ist im Grunde nur der Rahmen. Hansjörg Schneider lässt seinen brummigen Ermittler diesmal mäandern durch Stadt (Basel), Land (Elsass) und Fluss (eine Runde im Rhein zu schwimmen, gehört da einfach dazu) und führt seine Leser somit in ganz verschiedene Lebenswelten, die von obdachlosen Ex-Kommunisten, streunenden Stadt-Indianerinnen, von Alkoholikerinnen und ätherisch scheinenden Künstlerinnen bewohnt werden. Geschickt verknüpft Schneider Gegenwart und Vergangenheit, zeigt auf, wie die Verstrickungen der Menschen während des Nationalsozialismus auch heute noch im Drei-Länder-Eck nachwirken.

Hunkeler zu lesen, das ist auch eine Übung in Entschleunigung. So unzulänglich einem die Welt da draußen auch erscheint, nach einigen Stunden mit dem philosophierenden Ex-Kommissar kommt man wieder in seine Mitte. Ohm. Ein Fazit, das auch Sylvia Staude von der Frankfurter Rundschau zieht:

„Allemal geht es bei Hansjörg Schneider mehr um Lebensphilosophie in schweizerischer Gelassenheit und leiser Melancholie, als um einen Whodunnit. Die Sache mit dem toten Kritiker ist bald nur ein Nebenbei. Und es stimmt schon, dass Hunkeler auch aufbrausend sein kann. Aber als Leserin kommt man mit ihm zur Ruhe, wird trotzdem nicht im Seichten unterhalten.“

Weitere Besprechungen gibt es bei:

Krimi-Couch
arcimboldis world

Informationen zum Buch:

Hansjörg Schneider
Hunkeler in der Wildnis
Diogenes Verlag, 2020
Hardcover, Leinen, 224 Seiten, € (D) 22.00 / sFr 30.00* / € (A) 22.70
ISBN: 978-3-257-07097-2


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Hildegard Keller & Christof Burkard: Frisch auf den Tisch

„Diese in allen Wassern gewaschenen Nudeln müssen 20 Minuten über leichtem innerem Feuer des Lesers aufgesetzt werden. Die Mahlzeit ist nahrhaft wie ein Märchen.“

Walter Benjamin

Essen und Lesen gehen nicht nur phonetisch gut zusammen. Beides hat im besten Falle mit Genuss zu tun, beides schafft Pausen vom Alltag, bringt Zeiten der Muse. Ein gutes Buch macht meist Appetit auf mehr. Nicht umsonst spricht man von Lesefutter. Und die Gerüche und Gewürze eines leckeren Essens können einen für kurze Zeit in andere Länder und Welten entführen – etwas, das auch beim Kopfreisen mit guter Literatur passiert.

Dass Literatur auch durch den Magen geht, das beweisen die Maulhelden: Hildegard Keller, die Literaturwissenschaftlerin und Autorin, die Lesenden unter anderem durch den Literaturclub im Schweizer Fernsehen und vom Bachmannpreis bekannt sein wird, bildet mit ihrem Ehemann, dem Juristen Christof Burkard, in der Küche und auf der Bühne ein kongeniales Gespann.

Hinter die Kulissen, sprich auf den heimischen Herd des Paares, durfte das „Tagblatt“ blicken und berichtete:

„Ihre Aufgabenteilung: «Hildegard ist das literarische Gewissen», sagt Christof Burkard, «Christof ist der Menü- und Geschichtenerfinder», ergänzt Hildegard Keller. Gekocht wird aber nicht einfach, was in den Romanen gegessen wird, die beiden übersetzen Werke und Autoren in kulinarisch-literarische Performances.“

Etliche der kurzen Streifzüge durch die Literatur und die leckeren Rezepte, die davon inspiriert sind, veröffentlichten Keller & Burkard als Kolumne im „Literarischen Monat“. Sie gründeten zusammen 2019 auch die „Edition Maulhelden“, deren zweiter Titel „Frisch auf den Tisch“ eben nun jene „Weltliteratur in Leckerbissen“ serviert, ergänzt durch drei neue, weitere Gänge mit Max Frisch, Rosa Luxemburg und Walter Benjamin sowie einem ausführlichen Küchengeplauder der beiden Herausgeber.

Die Kolumnen drehen sich also um die großen Hechte der Weltliteratur und Kultur: Um den oben zitierten Walter Benjamin, viele Schweizer Autoren wie Friedrich Glauser, Gottfried Keller und Max Frisch sind vertreten, aber auch Ingeborg Bachmann, Hannah Arendt und Hildegard von Bingen haben ihren Auftritt an der literarisch-kulinarischen Tafel.

Ein abwechslungsreiches Menü, das den Leserinnen und Lesern da serviert wird, die einzelnen Gänge ganz unterschiedlich gewürzt: Mal mit einer dezenten Prise Ironie wie bei Max Frisch, mal mit Gewürzen und Gerüchen aus Nordafrika angereichert wie bei Glausers Taboulé oder einem Dessert, das wie ein Gedicht ist, für Ingeborg Bachmann. Allerdings eines, das sowohl Könnerschaft als auch Mut erfordert:

„Und wehe, wenn der Ofen während des Backens geöffnet wird, scheint Ingeborg Bachmann zu flüstern. Profiteroles sind Poesie pur und werden nicht ganz angstfrei hergestellt. Man kann an ihnen scheitern.“

In den locker-luftig geschriebenen Essays erfährt man auch allerlei Neues zu Leib- und Magendichtern. Von Robert Walsers Liebe zur Wurst ahnte ich bislang nichts. Wie man dagegen Kartoffelstock zu essen hat, das weiß man vielleicht bereits aus Kellers „Seldwyla“. Meine Lieblingsstelle in diesem Buch jedoch ist die, mit der Max Frisch ganz vortrefflich charakterisiert wird:

„Wie bringen wir diesen Frisch auf den Teller? Das Ringen mit der Form und der Kantigkeit des Lebensbei gleichzeitigem Hoffen auf die wahre Essenz lässt nur ein Gericht zu: Die gefüllten Teigtaschen à la Max – im Volksmund Ravioli – sind nichts anderes als Architektur auf dem Teller. Sie bilden ab, wie Faber sein Leben durch diese ziemlich schiefe Liebe erneuern will. Wilder Inhalt ist gebändigt im bürgerlichen Rechteck und schwimmt schließlich doch in einer schönen Brühe.“

Guten Appetit!

Übrigens: Das Buch im handlichen Format ist sehr schön gestaltet und ist mit seinen vielen liebevollen Details – freigestellten Zitaten, Illustrationen von Hildegard Keller und den Rezepten von Christof Burkard – etwas für literarische Feinschmecker.

Informationen zum Buch:

Hildegard Keller & Christof Burkard
Frisch auf den Tisch. Weltliteratur in Leckerbissen
Edition Maulhelden, Zürich, 2020
14×21,5 cm, gebunden, zweifarbiger Druck, Rezeptseiten in Farbe, mit bedrucktem Vorsatz, 13 Zeichnungen in Farbe, mit Lesebändchen, 144 Seiten
24,80 CHF, 21,— € (D), 21,50 € (A)
ISBN: 978-3-907248-01-0


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Tom Zürcher: Mobbing Dick

„Nachts sitzt Dick im Büro und schreibt die Notizen fürs Archiv um. Er hofft jedes Mal, das letzte Tram zu erwischen, aber er schafft es selten. Zuhause kann er nicht einschlafen, obwohl er todmüde ist. Die Bank kocht in seinem Kopf weiter und die Fantastischen diktieren Müll und Mist. Ich muss hier raus, sagt er sich, die Kammer macht mich fertig.“

Tom Zürcher, „Mobbing Dick“, 2019.

Was für ein grandioser Spaß! Ein Roman, so irrwitzig im ursprünglichen Sinne dieses Wortes, irre und witzig, irre witzig, so überdreht jedenfalls ist mir seit „Die Verschwörung der Idioten“ kaum mehr etwas untergekommen. Ein abgefahrenes Spektakel, ausgerechnet angesiedelt hinter der biederen Fassade eines Kleinfamilienhauses in Witikon und den soliden Mauern einer Züricher Bank.

Dick – allein schon sein Vorname ein schweres Erbe, ist er doch der Heldenverehrung seiner Eltern für den ehemaligen US-Vizepräsidenten Dick Cheney zu verdanken – will vor allem nur eines: Geld verdienen, raus aus dem engen Elternhaus, rein in eine eigene Wohnung, dem kontrollsüchtigen, geizigen Vater und der überfürsorglichen Mutter entrinnen. Er bricht sein Jurastudium ab, bewirbt sich bei einer Bank, wird ohne große Qualifikation sofort genommen und ist erst einmal glücklich. Was sich bei Dick – der im Verlauf des Romans jedoch immer dünner wird – in einer Fressattacke manifestiert. Als „Banker“ dürfen es da zum Einstand auch mal die teuren Cremeschnitten aus der Konditorei „Sprüngli“ sein, die er im Wesentlichen jedoch selber futtert.

Seltsam verschrobene Ideen

Doch aus der großen Freiheit und den Träumen vom Aufstieg auf der Karriereleiter wird absolut nichts: Die Bank entpuppt sich als kafkaesker Käfig, eine Anstalt der Sinnlosigkeit, in der das Produktivste, was die einzelnen Angestellten zu unternehmen scheinen, das Spinnen der nächsten Intrige ist. Viel Gewese gibt es um das Bankgeheimnis. Ein eigens erfundener „Vreneli“-Code dient dazu, die Kundengespräche per Hand zu protokollieren. Wem das im Zeitalter der Digitalisierung verschroben vorkommt: Das ist es. Das Abfassen hunderter handschriftlicher Adressumschläge, das Schreiben von Protokollen, das Training von Schönschrift: Dick muss mehr Papier produzieren, als er Staub fressen kann. Aber auch das gehört zur satirischen Überspitzung, mit der Tom Zürcher in seinem dritten Roman das Tun und Treiben in dieser seltsamen Geldanstalt zeichnet.

Banner Buchpreisblogger 2019Klaustrophobisch eng wird es für Dick auch an seiner neuen Wirkungsstätte: Die „Fantastischen Fünf“, herrlich überspitzt dargestellte Finanzhyänen mit dem entsprechenden Jargon, lassen den jungen Mann gerne in der fensterlosen Kammer, in der er den Verhandlungen mit Kunden zuhören muss, schwitzen. Als das längst schon marode Bankhaus von Amerikanern übernommen wird, nimmt der Konkurrenzkampf unter den „Fanta 5“ existentielle Züge an, Dick selbst gerät mitten in das Gefecht und macht sich zudem durch Fehlspekulationen quasi zum Sklaven der Bank. Erneut will er wieder nur eines: Raus. Selbst der Rückzug zu den Eltern, Studium und finanzielle Abhängigkeit vom Vater erschiene ihm die bessere Alternative.

Doch es gibt kein Entkommen: Mit Versprechen auf mehr Gehalt und Aufstieg wird Dick, der in der Personalakte als „naiv“ und „gutgläubig“ bezeichnet wird, geködert, einem Esel gleich, dem man die Mohrrübe vorhält, durch die Arena gezogen. Mehr und mehr durch den Wind gedreht, verliert Dick, zunehmend auf Wodka statt auf Cremeschnitten, die Kontrolle über sich. Sein Alter Ego „Mobbing Dick“ gewinnt die Oberhand, zieht als aufgespeedeter Racheengel durch das nächtliche Zürich und terrorisiert Kollegen wie Familie zunächst nur mit relativ harmlosen Stalking-Telefonaten. Doch Wahn und Wirklichkeit verwischen zusehends, aus dem Spaß wird Ernst: Das Ganze endet in einem Fiasko, das mit einer erotisch ansprechenden Vorgesetzten, einem Zahnarztstuhl, einem Teppichklopfer und einem unvermutet aufgetauchten Familienkonto mit 5 Millionen Franken zu tun hat. Mehr sei dazu an dieser Stelle nicht verraten.

Aufstieg und Fall eines Naivlings

Wie Tom Zürcher diesen Aufstieg und Fall seines jungen Helden zeichnet, ist von einem unwahrscheinlichem Tempo, viel Wortwitz und absurden Dialogen geprägt. Was wie ein harmloses Coming-of-Age-Buch beginnt, wird zum aberwitzigen Roman und einer absurden Tragikomödie, die im Grunde vor allem eines aufzeigt: Verlass dich nicht auf Loyalität und Solidarität unter Kollegen. Offengelegt werden die Mechanismen, die in hierarchisch strukturierten und auf Leistung ausgelegten Unternehmen im menschlichen Umgang wirksam werden. Und das sind eben nicht die besten Charaktereigenschaften, die da zu Tage treten. Zürcher erzählt dies trocken, fast nüchtern, in rasantem Präsenz, stilistisch unverschnörkelt.

Vielleicht mag gerade dies dem Roman, der auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis steht, bei der Auswahl der Jury für den Gewinnertitel nicht zum Vorteil gereichen. Vielleicht ist er dafür auch eine Spur zu absurd. Man weiß es nie. Für mich ist das Buch auf jeden Fall ein Gewinnertitel, denn es war für mich nach anfänglicher Skepsis eine große, positive und unterhaltsame Überraschung.

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat in diesem Jahr 20 Buchbloggerinnen und Blogger gebeten, eine Art „Patenschaft“ für einen der 20 Titel auf der Longlist zu übernehmen. Die Titelauswahl fand per Los statt. „Mobbing Dick“ war für mich daher tatsächlich ein Überraschungsei, beinahe wie eine Cremeschnitte aus dem „Sprüngli“.

Über die weiteren Titel sowie die Rezensionen dazu, Autoreninterviews und andere Infos ist alles auf dem Blog zum Buchpreis zu finden: https://www.deutscher-buchpreis-blog.de/

Bibliographische Angaben:
Tom Zürcher
„Mobbing Dick“
Salis Verlag, 2019
24,00 Euro, Hardcover, 288 Seiten
ISBN 978-3-906195-83-4


Bild zum Download:
Aktenberge


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Franck Maubert: Caroline – Alberto Giacomettis letztes Modell

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Bild von StockSnap auf Pixabay

„Das Portrait ist unvollendet, ihr Oberkörper starr aufgerichtet. Alberto hat den kleinen Glanz ihrer Augen noch nicht erfasst, die ersten drei Sitzungen haben nicht ausgereicht. Ihr Oberkörper nimmt die ganze Höhe der Leinwand ein, und der Kopf zieht sich vielleicht mehr als gewöhnlich in den Hintergrund zurück. Den Kopf bezeichnete Alberto als einen «Kern von Gewalt». Ihre Augen bestehen aus einer bestimmten Anzahl von Überlappungen, kleinen harten senkrechten Strichen. Die Augen bleiben das zentrale Element, im Übrigen ist der Körper ätherisch, beinahe farblos. Aber was heißt bei Giacometti vollendet oder unvollendet?“

Franck Maubert, „Caroline – Alberto Giacomettis letztes Modell“, Piet Meyer Verlag, 2012.

Auch in ihrer Liebe lag ein Kern von Gewalt: 1959 lernt der Schweizer Künstler Alberto Giacometti (1901 – 1966), der seit 1922 überwiegend in Paris lebt, bei einem seiner nächtlichen Streifzüge durch die Kneipen im Quartier de Montparnasse die wesentlich jüngere Caroline kennen. Die Prostituierte, die versucht, in der Stadt an der Seine dem Elend der Provinz zu entfliehen, wird Giacomettis letzte Geliebte und sein letztes wichtigstes Modell: Es entstehen rund 20 Portraits, zahlreiche Zeichnungen und Grafiken, auch eine Bronzebüste.

Eines dieser Bilder zieht den Schriftsteller und Kunsthistoriker Franck Maubert bei einem Besuch im Musée d`Art Moderne in seinen Bann:

„Dort rief mich ein Lichtschein, und diese sitzende Frau sah mich an, sah nur mich an und wurde stärker als alles andere.“

Jahrzehnte später sitzt Maubert dieser Frau tatsächlich gegenüber: In Nizza trifft er Caroline Tamagno, alt, glücklos, verarmt. Aber immer noch einen Rest des Charmes ausstrahlen, der wohl auch Giacometti in seinen Bann zog – ein Charme, gepaart mit traurigen Augen. Verschwunden scheinen jedoch die unbändige Lebenslust und der Freiheitswille, mit dem sie ihren Liebhaber in Atem hielt – Maubert erzählt in seinem schmalen Buch, in Frankreich mit dem „Prix Renaudot Essai“ ausgezeichnet, eine melancholische  Geschichte. Die Geschichte einer Liebe, die nur noch wehmütige Erinnerungen hervorruft. Caroline sagt dem Zuhörer, für sie sei es das Glück mit großem G gewesen, auch wenn niemand sonst diese Liebe verstanden hätte. Maubert ist ein guter, zurückhaltender Beobachter. Er studiert die Frau gründlich und auch ein wenig distanziert, als betrachte er ein Kunstwerk, zugleich aber fühlt er sich in ihren Charakter ein, spürt die Widersprüchlichkeiten, auch ihre dunklen Seiten.

„Wolken, kleine Dunstflocken, zerfasern den Himmel. Caroline sackt in sich zusammen, und ihr Kopf scheint zu schrumpfen wie der einer Skulptur von Alberto. Ein Glanz in ihren Augen, eine kleine Sekunde lang, und die Hoffnung nimmt ab, das Leuchten schwindet.“

Von 1961 bis 1965 besucht Caroline Giacometti beinahe täglich in dessen Atelier, eine „amour fou“, deren Bande auch gegen den Widerstand von Annette, Giacomettis Frau, und dessen Bruder Diego immer enger werden: Der wesentlich ältere Liebhaber versorgt Caroline mit Geld, lässt sich von ihren Halbwelt-Freunden ab und an ausnehmen, schenkt ihr ein Auto, hilft ihr manches Mal aus der Bredouille. Er nimmt sie mit in den Louvre, den das Mädchen aus prekären Verhältnissen erstmals besucht, und auf Reisen, unter anderem nach London, durch ihn lernt sie die Kunst und Künstler, beispielsweise Francis Bacon kennen.

Es scheint jedoch mehr als die bekannte Geschichte vom wohlhabenden älteren Mann und der jungen Frau zu sein – als Giacometti, vom Krebs gezeichnet, in einer Klinik in Chur im Sterben liegt, kommt Caroline, ist in seiner letzten Stunde bei ihm, und ist – wenn auch hinter der Gattin, den Verwandten, den Kollegen – bei seiner Beerdigung. Was ihr bleibt? Ein einziger zerknüllter Zettel, ein handschriftlicher Gruß Giacomettis. Kein Bild, keine Skizze, nicht einmal eines ihrer Portraits. Und auch keine Aufmerksamkeit: An die Musen der berühmten Künstler erinnert sich die Geschichte meistens nicht. Sie wäre vergessen, hätte Maubert nicht diesen Text leisen, intimen Text geschrieben, der die Gesprächssituation mit all ihren Wendungen, mit den Zweifeln und Fragen, die bleiben, lebendig werden lässt. Was verband die beiden, Alberto und Caroline? Wann war es bei ihr Berechnung, wann Gefühl? Und was fand er in ihr, der Künstler?

Für Caroline jedenfalls war dies gewiss: „Ich war seine Maßlosigkeit“.

„Caroline“ erschien nun als jüngster Band in der Reihe der „Nicht so kleinen Bibliothek“ im Piet Meyer Verlag. Der Reihentitel ist ein feines, ein wenig ironisches Understatement für eine ziemlich großartige Bibliothek – hier finden sich literarische Texte über große Künstler, die einen ganz eigenen Blick auf deren Schaffen eröffnen. Literarische Preziosen, liebevoll aufgemacht und schön gearbeitet, mit zahlreichen Abbildungen, biographischen Angaben, mit erläuternden Nachworten und weiteren Informationen.

So kann ich aus der Reihe auch das Buch „Paul Klee – Frühe Begegnung“, eine temperamentvolle, lebhafte Verbeugung von Walter Mehring vor seinem Zeitgenossen, wärmstens empfehlen sowie die erste Monographie, die 1917 über Ernst Ludwig Kirchner erschien. Was die drei Bücher vereint: Alle bieten sie einen Blick auf Künstler, der – sei es wegen des persönlichen Zugangs, sei es wegen der Zeitgenossenschaft der Autoren – noch nicht verstellt ist von kunsthistorischer Überhöhung oder späterer Musealisierung.

Informationen zur nicht so kleinen Bibliothek und „Caroline“:
http://www.pietmeyer.ch/nichtsokleinebib.php

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Daniel de Roulet: Zehn unbekümmerte Anarchistinnen

Uns alle beeindruckte der Feuereifer eines jungen, italienischen Anarchisten, den sie Benjamin nannten. Er war erst 18 Jahre alt und hing an den Lippen von Bakunin, der achtundfünfzig Jahre alt war, von denen er zehn im Gefängnis verbracht hatte. Eines Abends erzählte der russische Prinz im Café de la Place von seiner Flucht aus Sibirien, wohin er deportiert worden war. Er war über Japan, Kalifornien, New York geflohen, bevor er nach London zurückgekehrt war, um mit Karl Marx zu streiten, dessen Bücher er ins Russische übersetzt hatte. Benjamin spendierte die Runde, sagte, es sei ganz natürlich, für eine Idee um die Welt zu reisen.“

Daniel de Roulet, „Zehn unbekümmerte Anarchistinnen“, Limmat Verlag Zürch, 2017.

Sie träumen von der Freiheit und der Liebe, lassen sich von „Julie oder Die neue Heloïse“ zu Tränen rühren und spüren vor allem, dass das Leben, das sie in ihrem Tal im Berner Jura fristen, so weder in Ordnung noch gerecht ist. Zehn junge Frauen, die sich zu zehn „unbekümmerten Anarchistinnen“ entwickeln. Sie wollen der Enge und Armut ihrer Heimat entfliehen, der Ausbeutung durch die Uhrmacherindustrie, der politischen Unterdrückung und der Kontrolle durch die Kirchenvertreter. Am anderen Ende der Welt wollen sie ihr Glück suchen und dort – zunächst in Patagonien, dann auf einer Pazifikinsel und am Ende in Buenos Aires – ihren Traum von einem freien Leben ohne Autoritäten und ohne Ungleichheit leben.

Am Ende bleibt nur eine übrig, um vom großen Experiment zu berichten: Die spröde, skeptische Valentine, die als Erzählerin in chronologischer Reihenfolge von den einzelnen Stationen der Gruppe berichtet. Überall dort, wo die Frauen ankommen, versuchen sie ihre Utopie vom Zusammenleben in Freiheit zu leben. Sie, die in der Uhrenindustrie in Saint-Imier als billige Arbeiterinnen ausgebeutet wurden, gründen in Südamerika eine Bäckerei, eine Uhrmacherwerkstatt, schlagen sich mit wechselnden Jobs durch – aber sie stehen auf eigenen Füßen. Manche von ihnen lieben Frauen, manche wechseln ihre Liebhaber ständig, andere, wie Valentine, trauern einem Phantom hinterher. Doch all dies ist erlaubt, wird akzeptiert: Platz ist für jeden in dieser Gruppe.

Nur eine Frau bleibt übrig

Doch analog zum Kinderlied von den „ten little Injuns“ geht bei jedem Kapitel eine der unbekümmerten Anarchistinnen verloren. Die meisten der Frauen sterben, werden ermordet, überleben Schwangerschaften, Krankheiten, Epidemien und Revolutionsmärsche nicht. Kann man da von einem gelungenen Experiment sprechen? Die 64jährige Valentine, die Übriggebliebene, schreibt Jahre später darüber, will davon erzählen, „was es kostet, die Welt neu zu erfinden.“ Sie, die sich als Berichterstatterin versteht, will ein Zeugnis ablegen:

„Uns liegt weder an Spott noch an Glorifizierung. Einfach unsere Portraits, unsere Liebesgeschichten, unsere Überzeugungen, keine Urteile, keine Übertreibungen. Eher eine Art politisches Testament, also eine ernste Sache. Wie Sie sehen werden, hatten wir alle ein ausgefülltes Leben.“

Die nüchterne Erzählerin weiß:

„Wir hatten eine zufriedenstellende Lebensform gefunden oder fast. Denn man weiß ja, dass ein befreiter Raum nur etwas Vorübergehendes sein kann. Solange Anarchie nur in einer kleinen Gemeinschaft gelebt wird, bleibt die Welt ringsum bedrohlich.“

Insofern ist das Experiment für die Frauen, zwischen 17 und 31 Jahre alt, als sie aus der Schweiz aufbrechen, gescheitert – immer wieder stoßen sie auf ihren Stationen an Grenzen stoßen, von staatlicher und männlicher Autorität errichtet, immer wieder müssen sie von vorne beginnen. Halt gibt ihnen die Solidarität unter Frauen:

Mehrere von uns Frauen taten sich zusammen, um zu schreiben. Wir wollten zeigen, dass wir auch etwas im Schädel und nicht nur im Bauch hatten. Mathilde formulierte ein paar Dinge sehr deutlich: „Nur die soziale Revolution vermag den Klerus, die Regierung, die Herrschaft, den Kapitalismus, die Gesetzbücher, die Richter und Staatsanwälte und das ganze Faulenzerpack zu beseitigen, das nichts produziert und auf unsere Kosten von allen profitiert.“

Der Schriftsteller Daniel de Roulet erzählt diesen kleinen Roman auf der Basis historischer Begebenheiten: Tatsächlich war das Zentrum der Schweizer Uhrenindustrie zeitweilig auch das Zentrum der internationalen anarchistischen Bewegung, tatsächlich trugen viele Schweizer Emigranten die anarchistische Utopien in die Welt hinaus.

Reale Ereignisse als Hintergrund

Die Ausgangshandlung basiert auf wirklichen Geschehnissen: 1872 kamen auf Einladung der Arbeiterorganisation „Juraföderation“ in St-Imier im Berner Jura die Delegierten der antiautoritären Gruppierungen zusammen, dabei wurde die „Antiautoritäre Internationale“ gegründet. Dies war eine Reaktion auf den Kongress der Ersten Internationalen, bei dem es Karl Marx gelungen war, Anarchisten wie Bakunin auszuschliessen. Bis heute ist Saint-Imier übrigens die einzige Gemeinde in der Schweiz mit einer anarchistisch-kommunalistischen Gemeindeführung und war 2012 Schauplatz einer erneuten antiautoritären Internationalen. Marianne Enckell, Archivarin und Bibliothekarin des Lausanner „Centre International de Recherches sur l’Anarchisme“, erinnerte in diesem Zusammenhang an die Anfänge:

„1869 kommt Bakunin nach Le Locle, im Neuenburger Jura, wo er Vorträge hält und Uhrenarbeiter trifft, die mit der Bildung der ersten autonomen Widerstandsverbände begonnen haben. Die Arbeiter wollen sich allein organisieren, ausbilden und bessere Arbeitsbedingungen erkämpfen.

Es ist eine Begegnung zwischen einem Revolutionstheoretiker und Leuten, die beginnen, konkrete Organisationserfahrungen zu machen. Es ist eine gegenseitige Verführung. Nach und nach übernehmen die Jurassier anarchistische Positionen, und Bakunin beginnt, sich hauptsächlich den praktischen Fragen der Arbeiterbewegung zu widmen.“

Quelle: https://www.swissinfo.ch/ger/libertaere-geschichten_bakunin-und-die-uhrmacher/33391750

 Nur wenige Frauen haben jedoch – wie auch das Interview verdeutlicht – damals in der anarchistischen Bewegung tatsächlich eine entscheidende Rolle gespielt. Eine der wenigen, Louise Michel, platziert der Autor geschickt in seinem Roman: Die Schweizerinnen lernen sie auf der Überfahrt nach Patagonien kennen, sie wird deportiert. Die skeptische Valentine zählt Louise Michel zu den „ganz Eisernen“, die in der Ehe, in der Familie die „größte Geißel der Menschheit sehen“. Im Roman formulieren die Frauen schließlich ihre eigenen Prinzipien:

„Auf dem Gebiet von Sexualität und Liebe wird absolute Freiheit herrschen, und Paare, die schon vor ihrem Aufenthalt auf dem Territorium des Experiments bestanden, dürfen ihr Leben weiterführen wie bisher. Mit einem Wort, jede Frau kann frei über sich selbst bestimmen, niemand darf jemals ihre Freiheit beschränken.“

Dieses Prinzip leben die Frauen bis zum Ende, diese Freiheit haben sie sich erobert: Und damit ist das Experiment denn doch für jede einzelne von ihnen gelungen.

Daniel de Roulet legt seiner Erzählerin eine spröde, fast karge Sprache in den Mund. Mehr Jura-Gestein denn patagonische Lava. Diese Schmucklosigkeit und die längeren Zitate anarchistischer Texte machen den Roman, der von Maria Hoffmann-Dartevelle aus dem Französischen übersetzt wurde, schränken den Lesegenuss gelegentlich ein. Stilistisch konnte mich der Roman nicht überwältigen.

Und dennoch empfand ich die Lektüre als bereichernd: In einer Zeit, in der so vieles im Umbruch ist und im Argen liegt, tut es gut und not sich an politische Ideal, meinetwegen Utopien, zu erinnern, die andere Formen menschlichen Zusammenlebens zum Ziel haben.

Denn die Frage, die sich durch diesen schmalen Roman zieht, lautet: Wie frei wollen wir leben?


Verlagsinformationen zum Buch:
http://www.limmatverlag.ch/programm/titel/816-zehn-unbekuemmerte-anarchistinnen.html

Bild zum Download: Skulptur Frau


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Victoria Wolff: Die Welt ist blau

„Es ist auch schön, hier zu sein in diesem beglückenden Nest, die Blumen zu sehen, die leuchtender scheinen im Regen, und die Düfte zu schmecken, die würziger geworden sind durch ihn. Hier ist ein verwittertes altes Haus und dort ein umwachsener Bogen mit Ausblick auf den See; da ein Malerwinkel und hier ein Zaubergarten. Und alles ergänzt und überschneidet sich auf eine leichte und beglückende Weise.
Peter, der schwere Mann, wird selbst leichter und schneller dadurch. Er sinnt, ob nicht das Künstlerische, das seinem Wesen fehlt, hier zu finden wäre.
Unten im Obstgeschäft auf der Dorfstraße hängt die Ananas, die er sich wünscht. Er betrachtet diese vollkommene Frucht, die, ehe sie ihm übergeben wird, in eine sorgsame Hülle gepackt wird.
Sie ist wie Ursula, denkt er, Stacheln verdecken von außen die innere Süße.“

Victoria Wolff, „Die Welt ist blau“, AvivA Verlag, Berlin, 2017

Geradezu spiegelverkehrt verhält sich dieser „Sommer-Roman aus Ascona“ zu Ursula und zur Ananas: So luftig-federleicht kommt er daher, so spielerisch-elegant die Sprache mit ihren Dialogen (die an die Tradition der Screwball-Komödie erinnern), dass man Gefahr läuft, in Blau zu schwelgen – und die dunkleren Pinselstriche, die Victoria Wolff ihrem Sommergemälde gab, zu überlesen.

Friederike Albat fühlte sich in ihrer Rezension in der „Madame“ nicht von ungefähr an Tucholskys Schloss Gripsholm erinnert: Ein charmantes Buch voller Witz und Leben. Doch die blaue Welt entfaltet sich vor düsterem Hintergrund: Der Roman spielt 1933 – im Jahr von Hitlers Machtergreifung, im selben Jahr, in dem die deutsch-jüdische Schriftstellerin Victoria Wolff den Weg in die Emigration wählt.

„Angewidert von den politischen und gesellschaftlichen Veränderungen, welche die Machtübernahme der Nationalsozialisten begleiteten, hatte sie ihre Geburts- und Heimatstadt Heilbronn am 1. April 1933 verlassen und war gemeinsam mit ihren Kindern, der sechsjährigen Ursula und dem vierjährigen Frank, nach Ascona im schweizerischen Tessin emigriert“, erläutert Anke Heimberg, Herausgeberin der Werke von Victoria Wolff und Lili Grün beim AvivA Verlag, in ihrem Nachwort.

Klug und unterhaltsam

Auch wenn die Schweiz noch nahe der Heimat war und sich die materielle Lage der Wolffs (zunächst) wohl nicht so belastend gestaltet hatte wie die anderer Flüchtlinge: Erstaunlich ist es dennoch, wie schwungvoll-leicht dieser im Exil entstandene Roman wirkt, wie (scheinbar) unbelastet von den aktuellen Geschehnissen dieser Zeit, wie klug und unterhaltsam es Victoria Wolff vermochte, alle Farbschattierungen in ihrer charmanten Sommererzählung zu verweben.

Peter, der strebsame, ehrgeizige und zuweilen etwas zu konservative Anwalt und die freigeistig-temperamentvolle Ursula – dazu erzogen, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen und Konventionen nicht der Konvention willen anzuerkennen – dies durchaus also sehr unterschiedlich getaktete Pärchen schenkt sich Ferien, fährt ins Blaue.

Es herrscht beschwingte Urlaubsstimmung, eine Ahnung von grenzenloser Freiheit liegt in der Luft – eine „kleine“ Flucht aus dem Alltag, Rückkehr vorgesehen. Nur zwischen den Zeilen lässt Victoria Wolff anklingen, dass die Verhältnisse dort, im „Tiefland“, „Primitivland“, wie Ursula Deutschland bezeichnet, keine angenehmen mehr sind.

Irrungen und Wirrungen zweier Verliebter

Im Vordergrund des Buches steht die Paarbeziehung der beiden. Die sind über die erste Verliebtheit hinaus, sich aber dennoch noch fremd und daher unsicher, ob sich da wirklich der passende Topf und Deckel gefunden haben. Urlaub ist schon seit jeher ein geeigneter Beziehungstest und so lassen die Wirrungen und Irrungen nicht lange auf sich warten: Peter wird von einer forschen Berlinerin becirct, die ihm jedoch insgeheim eher Angst macht. Ursula, die Skeptikerin, lässt sich eher aus Trotz und Neugier kurz von einem fadenscheinigen Magier bezaubern. Die erste Krise lässt nicht lange auf sich warten:

„Du weißt, daß ich dich gerne habe, Peter, und du mußt dieses Wissen so in dir verankern, daß du mir meine kleinen Scherze ganz ohne Bitterkeit gönnst. Ich brauche diese Freude am Spiel; ich werde sie immer brauchen.
Peter säubert schweigend seine Brille mit einem Taschentuch.
„Man kann den Problemen am besten aus dem Wege gehen, Peter, indem man schweigt, aber gelöst werden sie auf diese Weise noch lange nicht.“
„Das nenne ich kein Problem, Ursula, das nenne ich schlechtes Benehmen.“
„Glücklicherweise ist die deutsche Sprache so reich, daß sie für alle Vorkommnisse des täglichen Lebens zwei Begriffe hat.“
„Man kann mit dir heute nicht reden, Ursula.“
„Ich glaube eher, man kann heute mit dir nicht reden, Peter.“
„Gute Nacht also, Ursula, schlaf gut.“
„Gute Nacht also, Peter. Natürlich schlafe ich gut, erst recht schlafe ich gut.“
Zu ist die Türe, die Stiefel fliegen in die Ecke, die Kleider wohin sie wollen.

So viel sei verraten: Selbstverständlich gibt es ein Happy End, findet das Paar wieder – und besser – zusammen.

„Die Erde gleicht einer liebenswürdig grün und blau gekleideten Prinzessin, und das hoffnungsreiche Leben, von heiteren Aussichten sprudelnd und schäumend, schwebt wie ein ungebundener, schöner Tänzer, der weder Kummer und Sorgen kennt, frei daher.“

Für Victoria Wolff und die Schweiz jedoch gab es dieses glückliche Ende nicht: Dort, wo Peter und Ursula Urlaub machen und sie selbst ab 1933 eine neue Heimat gefunden hatte, durfte sie nicht bleiben. 1939 wurde sie mit ihren Kindern ausgewiesen, weil sie gegen die Auflage verstoßen hatte, die ihr journalistisches Arbeiten verbot.

Anke Heimberg im Nachwort:

„Trotzdem dachte Victoria Wolff im US-amerikanischen Exil, wohin sie und ihre Familie sich 1941 mit Hilfe von FreundInnen und Verwandten hatten flüchten können, stets gern und voller Sehnsucht an die Jahre in Ascona zurück. Das sture, hartherzige Verhalten der Schweizer Behörden vermochte ihre Erinnerung an die von ihr als überaus reich und beglückend erlebte „himmelblaue“ Zeit im Tessin nicht zu trüben. So oft es später ihre regelmäßigen Europa-Reisen erlaubten, suchte sie Ascona auf, um dort noch einmal etwas von diesem Traum, dem von ihr immer wieder beschworenen „seelischen Zustand“ von damals wiederzufinden. Victoria Wolff starb 1992 im Alter von 88 Jahren in Los Angeles.“

Mag kann, ja man muss sich einfach in diese charmante Sommer-Romanze verlieben. Man kann die Beziehung jedoch auch noch vertiefen, der Leichtigkeit neue Dimensionen abgewinnen – durch das umfassende und informative Nachwort von Herausgeberin Anke Heimberg, die die Romanze in den politischen Kontext einordnet, aufzeigt, wo Victoria Wolff Bezug nimmt auf das Regime, das in Deutschland wütete. Zudem lässt  Heimberg das sommerliche Ascona und den legendären Monte Verità beinahe wieder lebendig werden, beschreibt, wie der Ort vom Fischerdorf zu einem Anziehungspunkt für die Lebensreformer und Lebenskünstler wurde und welche Faszination er insbesondere auf die Berliner Bohème ausübte.

Ebenso werden Bezüge zwischen den Figuren des Romans und Menschen aus Victoria Wolffs Umfeld deutlich – sie hatte sich in Ascona unter anderem mit Erich Maria Remarque, Ignazio Silone und Tilla Durieux angefreundet. Die extravagante Schauspielerin mit dem großen Herzen ist unverkennbar die Vorlage für die Berliner Sirene, die den braven Peter in kurze Verwirrung stürzt.

Victoria Wolff schrieb bereits 1931 in der Heilbronner „Neckar-Zeitung“ über Ascona:
„Aber Ascona ist und bleibt Insel in Europa, Insel der Glücklichen (…), der Geistigen (…) und der Weltlichen (…) über allem lacht ohne Ermüdung eine milde Sonne, in der sich die Palmen und Kastanien, Menschen und Gedanken, Wellen und Intrigen sachte bewegen.“

Ach … Ascona! Heute natürlich auch nicht mehr das … möchte man phrasengleich anschließen. Und dennoch: Wen nach diesem Roman nicht die Lust packt auf ein paar „blaue“ Tage, vielleicht auch auf einen kleinen Urlaubsflirt, wer weiß, jedenfalls auf Fahrten ins Blaue, blauen Himmel und eine blaue Welt, dem ist einfach nicht zu helfen.


Victoria Wolff bei FemBio:
http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/victoria-wolff/

Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.aviva-verlag.de/programm/die-welt-ist-blau/

Bild zum Download: Landschaft


#MeinKlassiker (23): Erikas Klassiker trägt den Namen Gantenbein

Erika Mager betreibt den Blog der Bücherei in Alfter-Oedekoven: „litblogkoeb“. Ich hatte ehrlich gesagt keine Ahnung, wo das liegt (geschweige denn davon, dass es das überhaupt gibt) – aber schon der Name klingt so schön, das musste ich einfach nachschauen. Jedenfalls: Sollte ich jemals nach Alfter-Oedekoven kommen, wird mich mein Weg direkt in die Bücherei führen. Denn die hat, so denke ich mir beim Lesen von Erikas Blog, mit Sicherheit eine tolle Buchauswahl. Mit ihrem Klassiker sorgt sie für eine Premiere – es findet sich der erste Schweizer Autor in der Reihe.

„Die dabei gewesen sind, die letzten, die ihn noch gesehen haben, Bekannte durch Zufall, sagen, daß er an dem Abend nicht anders war als sonst, munter, nicht übermütig.“ Erster Satz von Max Frisch, „Mein Name sei Gantenbein“, Suhrkamp, 1974 (meine Ausgabe).

img_20161116_085803Mein Klassiker also. Wer käme bei der Frage nach seinem Klassiker schon auf den Gantenbein? Sicher – auch ich hätte viele im Gepäck, von denen ich glaubhaft schreiben könnte. Thomas Mann hat in mir die Faszination von Sprache geweckt („Das Gesetz“), Doris Lessing meine Haltung zum Feminismus herausgefordert („Das goldene Notizbuch“), Virginia Woolf fragte mich nach meinem eigentlichen Geschlecht („Orlando“), Hermann Hesse hat mich zutiefst verwirrt („Der Steppenwolf“). Das könnte ich noch fortführen.

Aber der Gantenbein ist und bleibt „mein Klassiker“.

Ich habe ihn mit 17 getroffen – äh, gelesen. Schullektüre – na klar. Was dieses Buch bei anderen deswegen per se disqualifizierte, hat mich nicht abgeschreckt. Es schien zu mir zu sprechen, mich zu kennen.

Dabei ist es ein Männerbuch! Ein männlicher Autor schreibt über einen Mann, der sich die mögliche Geschichte eines anderen Mannes zusammenfabuliert. „Ein Mann hat eine Erfahrung gemacht, jetzt sucht er eine Geschichte dazu…“

Was hat das mit mir zu tun? Einem 17jährigen Mädchen? Der Begriff „Frau“ passte damals noch nicht zu mir.

Zuerst einmal gefiel mir die Sprache. Ich las bei einem berühmten Autor, wie man assoziierend aus Wörtern Bilder formt, schreiben kann, ohne einen Gedanken zu Ende führen zu müssen. Das konnte ich sicher auch. Mein Leben schreibend formen. Ich war nicht ein Mann mit Erfahrung, zu der er sich eine passende Geschichte konstruieren muss, sondern ein Mädchen am Beginn eines Lebens, das sich aus Geschichten eine mögliche Identität zusammenreimen könnte. Darum ging es mir. Ich verfolgte Gantenbein mit offenem Mund und stellte mir vor, dass ich meine Geschichte auch schon vorweg ausdenken könnte. Eine erstaunliche Erlösung in einer pubertären Hilflosigkeit – nicht Fisch, nicht Fleisch – noch nicht entschieden. Wer bin ich denn? Wer könnte ich sein? Mein Name sei Gantenbein? War es so einfach?

„Es ist wie ein Sturz … wie durch alle Spiegel, und nachher … setzt die Welt sich wieder zusammen, als wäre nichts geschehen. Es ist auch nichts geschehen.“

Wenn ich das Buch jetzt nach mehr als 30 Jahren wieder hervornehme und darin einzelne Passagen lese, kann ich einerseits die Faszination der 17jährigen verstehen, andererseits den Kopf schütteln über die verschwurbelten Altmännerfantasien des Icherzählers. So ein Text dürfte heute nicht mehr so geschrieben werden.

Und dann die Liebe! Frisch erzählt von Liebe in vielerlei Facetten. Das wird mich genauso begeistert haben, ich weiß es nicht mehr genau.

Wichtig, damals und auch heute noch, ist mir geblieben, dass man Geschichten erzählen, fabulieren, alle Möglichkeiten zu Ende denken kann – und dann auch einfach wieder abbrechen darf, wenn man mit einer Geschichte nicht weiterkommt. Alles erlaubt in der Literatur – und im Leben. Max Frisch hat mir durch diesen Text eine unerhörte Freiheit geschenkt.

Deshalb ist es #MeinKlassiker.

Erika Mager
https://litblogkoeb.wordpress.com/