MICHAEL KLEINHERNE: Der Mann auf dem Foto

Als der deutsche Journalist Harry in die USA aufbricht, um etwas über seine Familie zu erfahren, ahnt er nicht, dass er sich schon bald auf die Suche nach seinem ihm unbekannten Vater machen wird. Harry begegnet Rassismus, Armut, Hippies und lebensfrohen Künstlern auf seinem Weg durch die Staaten von Michigan bis nach Kalifornien. Die Fahrt von „Motown“ Detroit, eine Stadt geprägt von Armut und Kriminalität, bis zum sonnigen Unicampus Berkeley, wo Reagan einst als Gouverneur die Studenten niederknüppeln ließ, wird zu einem ganz besonderen Roadtrip. Harry lernt nicht nur viel über seine früh verstorbenen Eltern kennen, von deren politischen Engagement in den USA er nichts geahnt hatte, sondern kommt durch ein altes Foto auch auf die Spur eines Mannes, der eine besondere Bedeutung für ihn erlangen wird. Auf der Reise begegnen ihm wurzellose Jugendliche aus prekären Verhältnissen, ein mexikanischer Junge ohne Aufenthaltsgenehmigung, linke Professoren und handfeste Landärzte, die einfach nur helfen wollen.

Pressestimmen:

„In schnörkellosem und präzisem Stil spannt Kleinherne einen Bogen von 1969 über die 80er Jahre bis in die Gegenwart. Elegant verschränkt er Stimmungen und Fakten mit den individuellen Geschichten der Figuren.“ – Barbara Fröhlich, Donaukurier
„Der Autor schafft es, … den Leser in das Buch ´hineinzusaugen´ und mit auf die Reise durch Amerika zu nehmen. Er hält spielend die Spannungsbögen und lässt keinerlei Leerlauf entstehen.“ – Beate Trautner, Westfälische Nachrichten

Zum Autor:
Michael Kleinherne, 1964 in Westfalen geboren, lebt in Bayern. Er arbeitet dort – nach Promotion und Auslandsaufenthalten – als freier Autor und Journalist sowie als Dozent für Kreatives Schreiben und Englisch. 2002 erhielt er den Reportagepreis der Akademie der Bayerischen Presse in München. An der Universität Eichstätt-Ingolstadt leitet er das jährliche Festival LiteraPur. 2012 erschien sein Kurzgeschichtenband Drehpause, 2014 die Novelle Daniel, 2016 der Roman Die Aktion. Verschiedene Kurzgeschichten sind in unterschiedlichen Anthologien veröffentlicht worden. 2015 war er auf Einladung der University of Dallas Gastautor am Dallas Goethe Center.

Stimmen zum Buch:

„Der Mann auf dem Foto erzählt eindrücklich von der Macht der Erinnerung, den Fängen der Vergangenheit und der Hoffnung auf die Zukunft.“ – Christopher Bertusch, Literaturportal Bayern

Informationen zum Buch:
Michael Kleinherne
Der Mann auf dem Foto
Bayerischer Poeten- & Belletristik-Verlag, Reichertshofen, 2020
Taschenbuch | 18,6×11,8cm | 356 Seiten | 10,00 EURO
ISBN 978-3-944000-31-2
Hier geht es zum Verlagsprogramm

Presseanfragen und Rezensionsexemplare: Birgit Böllinger, Telefon 0821 4509-133, kontakt@birgitboellinger

KRÖNER VERLAG: Michael Basse – Yank Zone

Wie wird man, was macht einen zum Mann? In Yank Zone beginnt die Geschichte der beiden Jugendfreunde Mani und Jack mit einem Kräftemessen in einer Kneipe in einem Dorf in Süddeutschland. Jack entscheidet das erste Duell zu seinen Gunsten – mit einem klassischen knock-out. Die Auseinandersetzung mit amerikanischer Lebensart, die seit Ende des Zweiten Weltkriegs ganze Generationen in Deutschland prägt, bildet mit ihren Spielarten zwischen freier Liebe, Militärdienst und Neokolonisation den Hintergrund dieser Coming-of-age story.

Die Protagonisten könnten unterschiedlicher nicht sein. Der eine, Mani, ist ein arroganter Klugscheißer und Verbalbulldozer aus einem streng-protestantischen Pfarrershaushalt. Auf der anderen Seite steht Jack, wortkarger Billard- & Eishockey-Narr, Sohn eines pensionierten Lt. Colonel der US-Army und einer deutschen Mutter, die früh an einem Hirntumor verstarb. Gegensätze ziehen sich an. Und so entwickelt sich zwischen Mani und Jack in der Folge eine eigenartige Blutsbrüderschaft, die mehr als 20 Jahre hält, bis es zum Bruch zwischen den beiden kommt und Jack auf tragische Weise stirbt.

Was sie über den langen Zeitraum verbindet, ist Jacks Vater, Lt. Colonel Ross Raymond Hartman, Fixstern und unumschränkte Autorität, an dem man sich abarbeiten muss. Old Chop, wie sie ihn liebevoll nennen, ist ein Mann, ein richtiger hard man, ja ein Kriegsheld, der bei Kämpfen im Südpazifik zwar den Glauben an Gott verlor, sonst aber immer genau weiß, was zu tun ist, was einen Mann ausmacht und wie er seinen Job zu erledigen hat. In den Dunstkreis seines fidelen schweiß- und alkoholgesättigten ‚guesthouse‘ taucht nicht nur Mani tief ein, sondern ein Großteil der Jugend am Ort. Sie alle fühlen sich magisch angezogen von diesem Männerhaushalt mit eigenen Regeln, dessen Verandatür immer offensteht, Old Chops höchstpersönliche amerikanische Zone, sein Little America.

Auch Jacks bulgarische Freundin Lydia betritt hard mans guesthouse, sieht sich dort allerdings einer harten Prüfung unterzogen. Allein bei ihr scheint der Charme des Alten nicht so recht zu fruchten. Ihrer beider Verhältnis bleibt frostig. Ganz anders als bei Maggie, einer alten Freundin seiner verstorbenen Frau Susan. Sie ist hingerissen vom ‚besterhaltenen Mannsbild seiner Generation‘ und avanciert bald zur letzten Lebensgefährtin des Colonels.  

Lange Zeit kreisen die Leben der vier Protagonisten dieses Buches – Mani und Jack, Lydia und Maggie – wie Planeten um die Sonne Ross Raymond Hartman. Der Colonel selbst spricht nicht, sondern taucht stets nur als Erinnerung und Projektionsfläche im Bewusstsein der jeweils Erzählenden auf. Dann zerbricht das System. Zuerst kommt es zum Zerwürfnis mit Mani. Old Chop kann es nicht verwinden, dass dieser den Militärdienst verweigert. Ein klarer Fall von Fahnenflucht. Mani wird verstoßen. Als nächster verlässt Jack das Haus, nachdem Maggie als neue Mrs. Hartman in hard mans guesthouse das Regime übernimmt. Als der Alte Ende der 90er stirbt, sind nahezu alle Verbindungen gekappt. Auch Lydia trennt sich von Jack. Und die Freunde von einst sehen sich kaum noch. Dann stirbt Jack ganz unerwartet bei einem mysteriösen Auto-Crash. 30 Jahre zuvor war er an der gleichen Stelle schon einmal aus der Kurve geflogen, konnte aber schwer verletzt geborgen werden. Diesmal endet es tödlich. War es ein Unfall? War es Selbstmord? Und wenn ja, war er geplant oder geschah er im Affekt?

Mani, mit dessen Erinnerungen an die Anfänge in den 70er Jahren das Buch beginnt, zermartert sich das Hirn darüber auf seiner Fahrt zum Grab des Freundes in Maulbronn, 30 Jahre, nachdem er den Ort zum ersten Mal betreten hat. Dort trifft er auch auf Lydia, die genauso ratlos und erschüttert ist. Beide hadern mit sich, fühlen sich mitschuldig am Tod des Freundes. Hätten sie Jacks jähes Ende womöglich verhindern können?

Nach der Lektüre des Manuskripts notierte der Schriftsteller Sten Nadolny: „Der Amerikaner und die Welt –was für ein Thema! Amerika, seine Botschaft und seine Spuren auf dem ganzen Planeten, und zwar vom Planeten her gesehen –was für ein Stoff! Michael Basses Roman umfasst mehrere Jahrzehnte und Länder wie Deutschland und Bulgarien. Es ist eine kluge, vorzüglich recherchierte Innenansicht des Phänomens „Vorherrschaft“. Man lernt eine Menge über die Psychologie des amerikanisch-deutschen Verhältnisses. Die Figurenfamilie, die sich um einen pensionierten, im Schwäbischen lebenden US-Stabsoffizier schart, von ihm fasziniert, aber auch unter ihm leidend, wie etwa sein Sohn und dessen Freund, ist gut ausgewählt und scharf beobachtet. Was mich als Leser ferner freute, waren viele gute Einfälle, um das Verhältnis auf den Punkt zu bringen. So drückt sich etwa das amerikanische Sendungsbewusstsein in den Worten aus: „In jedem steckt ein Amerikaner, der herauswill“. Man muss nicht alle Filme mit Gary Cooper oder James Stewart gesehen haben (John Wayne nicht zu vergessen!), um dem selbstironisch schmunzelnd zuzustimmen. Um dann aber gleich ernst zu werden und für die eigene Person heftig zu widersprechen. Das Buch, behaupte ich, wird Diskussionen auslösen. Es fordert seine Leser –Anspruch tut das immer -, aber es belohnt sie mit einer verlässlichen Bestandsaufnahme der Epoche jener nordamerikanischen Hegemonie, die heute an Kraft zu verlieren scheint. Ob das gut ist oder schlecht? Michael Basse verliert sich nicht in Bewertungen ex cathedra, er liefert einfach ein genaues Sittenbild, in dem wir uns selbst erkennen, ob es uns passt oder nicht.“

Zum Autor:
Michael Basse, 1957 in Bad Salzuflen geboren, besuchte das Evangelisch theologische Seminar in Maulbronn und Blaubeuren und studierte Jura und Philosophie in Regensburg und München. Er arbeitete fürs Feuilleton der Süddeutschen Zeitung, als fester freier Kultur- und Literaturkritiker des Bayerischen Rundfunks und lebt nun als freier Schriftsteller in München. Bislang erschienen von ihm zahlreiche Essays, Übersetzungen und fünf eigene Gedichtbände sowie der Roman Karriere. Er war Mitbegründer und Vorstandsmitglied des Münchner Literaturbüros und stellte über viele Jahre Autorinnen und Autoren im Münchner Lyrikkabinett vor.
http://michaelbasse.de/

Stimmen zum Buch:

„Yank Zone“ ist ein eindrucksvolles Porträt einer westdeutschen Epoche, die von der amerikanischen Lebensweise stark geprägt wurde. Kulturgeschichte verpackt in Literatur. Klare Leseempfehlung.“ – Ralf Nestmeyer, Nürnberger Nachrichten/Nürnberger Zeitung

„Yank Zone heißt der Roman von Michael Basse, der „tief eintaucht in eine widersprüchliche Zeit.“ – Guido Glaner, Dresdner Morgenpost

„Ein fulminantes Buch, geschichtsträchtig, geistreich und spannend, unbedingt lesenswert.“ – Nicole Schweizer, Landshuter Zeitung

„Basse versucht, sein Thema aus vielen Erzählperspektiven und viele Jahre hinweg zu beleuchten; das erfordert eine sehr konzentrierte Lektüre. Im Gegenzug liefert er einen Roman, der beispielhaft Persönliches mit Kulturgeschichte verbindet. Sein Buch ist ein wenig so wie Hartmans Wohnung in Maulbronn: hart, aber gastfreundlich.“ – Tim Schleider, Stuttgarter Zeitung

„Yank Zone“ ist daher auch nicht so sehr ein erzählender Roman, dafür jedoch sorgfältig recherchiertes Zeitzeugnis und Versuchsanordnung, in der Michael Basse „das Wesen des Amerikaners“ gekonnt auf die bundesrepublikanische Nachkriegsgesellschaft treffen lässt. Eine scharfsinnige, provokante Beobachtung der Kollision zweier Welten und Zeugnis einer Transformation. Ein Thema von großer Aktualität. – Jörg Liesegang von Horatio-Bücher

Yank Zone ist auf 320 Seiten ein bewegender, persönlicher Kommentar und eine wahre Meisterleistung.“ – Christopher Bertusch beim Literaturportal Bayern

„Michael Basse hat mit seinem neuen Buch „Yank Zone“ einen Roman vorgelegt, der sich mit einem ungeahnt spannungsgeladenen Thema beschäftigt: Zentrales Thema ist das Erwachsenwerden in der amerikanischen Besatzungszone in Westdeutschland.“ – Sina-Christin Wilk bei Kulturabdruck

Informationen zum Buch:
Michael Basse
Yank Zone
Alfred Kröner Verlag, 20. März 2022
320 Seiten, Halbleinen mit Lesebändchen, 25,00 €
ISBN: 978 3 520 76201 6
https://www.kroener-verlag.de/details/product/yank-zone/

Ein Beitrag im Rahmen meiner Pressearbeit für den Alfred Kröner Verlag.

Henry James: „Die Europäer“ und „Die Gesandten“

james

Bild: (c) Michael Flötotto

Es mag ein Zufall gewesen sein, aber zum 100. Todestag von Henry James veröffentlichten zwei Verlage zwei Romane in neuer Übersetzung, die am Anfang und Ende seines Schaffens stehen – und einen thematischen Kreis schließen. Zu Beginn seiner Karriere lässt Henry James die Europäer in die Vereinigten Staaten kommen – gegen Ende suchen die Amerikaner in Europa ihr Glück und verlieren dabei die Orientierung.

„Die Europäer“, beim Manesse Verlag erschienen, ist ein luftig-leichtes Frühwerk. Eher ein Appetithäppchen, das die Neugier erweckt auf die späteren Bücher des Amerikaners, der ein Lebensthema hatte: Das Aufeinanderprallen der „alten“ und der „neuen“ Welt. Das amüsante Wechselspiel um einige Amouren und Aufeinanderprallen der Kulturen zeigt den Stil von Henry James bereits in den Grundzügen: Er forscht in den Regungen der Seele – auch wenn sein gestrenger Bruder William, berühmter Psychologe seiner Zeit, den Roman als „leer“ verurteilte. „Die Europäer“ erinnert – insbesondere durch den eloquenten Einsatz von Dialogen – an ein Stück von Oscar Wilde: Locker, luftig, leicht und amüsant.

„Die Gesandten“ dagegen, sein vorletzter Roman und in neuer Übersetzung durch Michael Walter beim Hanser Verlag erschienen, ist von ganz anderem Gewicht: Ein Amerikaner kommt nach Paris, um dort die Mesalliance eines jungen Mannes aus seiner Heimat mit einer Dame von zumindest angekratztem Ruf zu verhindern – der Herr in den besten Jahren verliert jedoch in der Alten Welt bald auch sein inneres Gleichgewicht: Paris, das ist so ganz anders, als Lambert Strether es sich in seiner amerikanisch-puritanischen Haltung vorstellen konnte. Strether beginnt sich selbst zu fragen, ob sein eigenes Leben nach den richtigen Prinzipien ausgerichtet ist.

Die „Europäer“ erschien zuerst 1878 in The Atlantic Monthly, im Herbst 2015 beim Manesse Verlag in neuer Übersetzung durch Andrea Ott. Mit seinem locker-leichten Ton, mit den ironischen Seitenhieben auf die neureiche Neue Welt und den abgewirtschafteten Adel der Alten Welt, mit seinen Dialogen wie Ping-Pong-Spielen und den amourösen Verwicklungen ist es ein leichtes Lesevergnügen und wartet mit reichlich viel Happy-Endings auf: Vier Hochzeiten und eine Abreise. Ausgerechnet Eugenia, die „Edelgeborene“, die sich einen wohlhabenden Amerikaner angeln wollte, geht leer aus.

James konstruiert in diesem Roman einen „clash der Kulturen“ – im eigentlichsten Sinne. Denn Eugenia und ihr malender Bruder Felix, mittellos und auf gute Partien hoffend, sind ganz der Kunst, auch der Kunst des Salongesprächs, zugeneigt – vor allem bei Eugenia weiß selbst der Leser nie ganz genau, worauf sie bei ihren Geplänkeln hinaus will. Am Ende verstrickt sie sich in ihren eigenen verbalen Fäden. Hier die überfeinerten Europäer – dort die puritanischen, grundehrlichen Amerikaner, die jedoch eines nicht können: Über ihre eigenen Gefühle und Stimmungen reflektieren, Innenschau halten. Auf diesem Gegensatz beruht dieser amüsante Roman.

Gustav Seibt schreibt in seinem Nachwort zur Manesse-Ausgabe:

„Der ästhetisch-kulturelle Gegensatz zwischen Europa und Amerika bleibt als historisches Thema bedeutend genug – die Frage nach dem Verhältnis von Vorgänger- und Nachfolgerkulturen wird die globalisierte Welt auch in Zukunft begleiten. Und wie wenig James, bei aller Liebe zu den Künstlern Europas, den amerikanischen Standpunkt verleugnet, zeigt sich etwas in dem stolzen Satz von Mr. Wentworth, der, auf den fürstlichen Stand seiner Cousine Eugenia angesprochen, knapp erklärt: „Hierzulande sind wir alle Fürsten.“ 

Thematisch ähnlich, doch deutlich komplexer ist das von Michael Walter für den Hanser Verlag neu übersetzte Werk „Die Gesandten“, das 1903, ebenfalls zunächst als Vorabdruck in einer Zeitschrift, erschien. Das Buch ist eine Herausforderung an die Leser: Ein echter Henry James. Es lebt von präzis-minutiöser Erforschung des Innenlebens seiner Protagonisten und doch bleibt manches unausgesprochen, verharrt in Andeutungen, vieles erklärt sich nur vage an kleinen Handlungen, Äußerungen, in Nuancen.

Der biedere Herausgeber einer Zeitschrift, Lewis Lambert Strether, aus dem Städtchen Woollett (Massachusetts) soll den Sohn der ebenfalls sehr biederen Witwe Mrs. Newsome nach Hause holen: Jung-Newsome lebt in Paris, ist in eine amouröse Geschichte mit einer klugen, charmanten Französin namens Madame de Vionnet verstrickt und denkt gar nicht daran, sich wieder in die Eintönigkeiten amerikanischen Kleinstadt- und Geschäftslebens zu fügen. In den Augen der gestrengen Mrs. Newsome (und zunächst auch in Strethers Auffassung) hat Madame de Vionnet ein ganzes Bündel an Fehlern: Sie ist um einige Jahre älter, verheiratet und zudem mit einer hübschen Tochter gesegnet. Obwohl zutiefst unglücklich, ist die Ehe mit einem Adeligen, die nur noch auf dem Papier besteht, nicht auflösbar. Überkommener Adelcodex trifft auf amerikanischen Puritanismus.

Strether, der selbst an eine Verbindung mit Mrs. Newsome denkt, ist zunächst guter Dinge, seinen Auftrag bewältigen zu können – und scheitert. Denn seine „Pariser Erfahrungen“ führen ihn zu ganz zentralen Fragen an sich selbst, zu einer Auseinandersetzung mit seinem Leben. Bei einer Unterhaltung mit einem jungen, unsicheren Mann, den er in der Hauptstadt der Liebe kennenlernt, bricht es plötzlich aus dem rechtschaffenen Amerikaner heraus:

„Leben Sie, so intensiv Sie können; alles andere ist ein Fehler. Was Sie tun, spielt eigentlich keine große Rolle, solange Sie ihr eigenes Leben leben. Wenn Sie das nicht gelebt haben, was haben Sie dann überhaupt gehabt?“ 

Verbunden mit dem temperamentvollen Appell an den jüngeren Mann ist jedoch die melancholische Einsicht, dass für ihn selbst, den 55jährigen, der Zug wohl schon abgefahren ist – und dennoch kehrt Strether am Ende des Romans nach Hause zurück. Allerdings ist er nicht mehr derselbe, wie der Abschied von einer amerikanischen Freundin in Paris am Ende des Romans verdeutlicht.

„Es brachte sie zurück auf ihre unbeantwortet gebliebene Frage. „Was erwartet Sie denn zu Hause?“
„Ich weiß es nicht. Irgendetwas gibt es immer.“
„Eine große Veränderung“, sagte sie, während sie seine Hand festhielt.
„Eine große Veränderung – ganz ohne Zweifel. Trotzdem werde ich sehen, was sich daraus machen lässt.“

Maike Albath, eine ausgezeichnete Kennerin von Henry James` Werk, schreibt über „Die Gesandten“:

„Hier klingt ein weiteres zentrales Motiv von Henry James an, das er in vielen Romanen variiert: das des verpassten Lebens. Gründe dafür können Zaghaftigkeit, emotionale Taubheit, aber auch wirtschaftliches Kalkül sein, wie in seinem groß angelegten Fresko „Die Flügel der Taube“, in dem Berechnung schließlich jede tiefere Gefühlsregung verfälscht und Verstellung eine fatale Dynamik entwickelt. In seinem ausführlichen Nachwort, das in dieser Ausgabe zum ersten Mal auf Deutsch erscheint, erzählt der Autor, wie er 1895 über einen Freund von einem älteren Gentleman hörte, der einen jungen Mann vor der Gefahr des Verzichts warnte.“ 

Ihr Artikel verknüpft Kenntnis des Werks und der Biographie des Autors geschickt. Wer sich Henry James annähern will, findet hier eine gute Quelle: http://www.deutschlandfunk.de/buch-der-woche-henry-james-die-gesandten.700.de.html?dram:article_id=346874 

Auch heute noch, in einer globalisierten Welt, in der durch die digitalen Medien scheinbare Nähe aufgebaut wird, wirken die Romane Henry James in ihrem Kernthema – Alte Welt versus Neue Welt – eigenartig modern. Die jüngsten Präsidentschaftswahlen haben dies vielleicht einmal mehr gezeigt, wie wenig wir von den Vorgängen in den USA und der amerikanischen „Seele“ wissen. James, der sich selbst zeitlebens in Europa wohler fühlte, hätte das Erstaunen der Europäer über Trumps` Wahl vielleicht mit einem Schulterzucken und einem wissenden, müden Lächeln quittiert. Immer wieder hat er in seinen Büchern versucht, die Masken zu lüften – und immer wieder doch auch aufgezeigt, wie vieles die alte von der neuen Welt trennt.

Verlagsinformationen zu „Die Europäer“:
https://www.randomhouse.de/Buch/Die-Europaeer/Henry-James/Manesse/e483140.rhd

Verlagsinformationen zu „Die Gesandten“:
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/die-gesandten/978-3-446-24917-2/


„Es war allerdings ein Leichtes, nicht zu sprechen, wo die eigentliche Schwierigkeit doch darin lag, Worte zu finden.“

Henry James, „Die Kostbarkeiten von Poynton“, Manesse Verlag, 2017.

Henry James ist einer dieser Schriftsteller, die nie ganz weg, aber auch nie ganz da sind – wohl jeder, der sich mit englischsprachiger Literatur befasst, wird eines seiner bekanntesten Werke, sei es „Die Drehung der Schraube“, „Portrait of a Lady“ oder „Washington Square“ gelesen haben. Doch die gesamte Fülle seines Werks harrt immer noch einer angemessenen Übertragung ins Deutsche.
Umso mehr muss man anerkennen, dass beim Manesse Verlag seit einiger Zeit nach und nach einiger seiner Werke in hervorragender neuer Übersetzung erscheinen – und darunter, so wie nun mit „Die Kostbarkeiten von Poynton“, durchaus nicht nur die oben genannten, bereits berühmten Titel, sondern auch ein Roman, der zu den weniger bekannten Stücken aus James` Gesamtwerk zählt.

Wie Alexander Cammann in seinem Nachwort herausarbeitet, bildet dieses Buch eine Art Zäsur im Schaffen des amerikanischen Schriftstellers. Mit dem Krebstod seiner Schwester Alice, dem Tod seines Brieffreundes Robert Louis Stevenson und dem Suizid seiner Seelenverwandten Constance Fenimore Cooper hatte Henry James innerhalb kürzester Zeit seine engsten Vertrauten verloren, dazu kam sein öffentliches Scheitern als Bühnenautor. Seine Reaktion: Er setzt sich mit seinem eigenen Schaffen auseinander, beginnt wieder an einem Roman zu schreiben: „Ich gedenke, weit bessere Arbeit zu leisten als je zuvor.“

An dem 1896 erstmals veröffentlichten Poyntoner Kostbarkeiten werden sich die Geister scheiden: Wer sich mit dem Stil von Henry James, der zugegebenermaßen wenig „actionreich“ ist, sowieso nicht anfreunden kann, der wird das Buch entnervt zur Seite legen. Andere finden darin jedoch ihren vollen Genuss.

Im Grunde ist die Geschichte etwas Schall, sehr viel Rauch – Rauch, in dem das vermeintliche Objekt der Begierde, ein mit Devotionalien vollgestopftes Haus, am Ende in Flammen aufgeht. Eine unerwartete Pointe für eine Erzählung, die jedoch um einen ganz anderen Kern kreist: Die Unfähigkeit der beteiligten Personen, die (selbstauferlegten) Grenzen der Konvention, der öffentlichen und der gefühlten Moral abzulegen und ihrem eigentlichen Bedürfnissen und Gefühlen nachzugeben. Am Ende liegt alles buchstäblich in Schutt und Asche – auch das Lebensglück eines verliebten Paares, das nicht fähig ist zu können, wie es wollen sollte.

Nikolaus Stingl hat in seiner Übersetzung die leisesten Schwingungen und Untertöne, die Henry James seinen Figuren bei diesem dialoghaltigen Roman in den Mund legt, hervorragend aufgenommen. James, der souveräne „Menschenautor“, lässt einem jede feinziselierte Seelenregung seines Personals nachvollziehen, obwohl niemals direkt das ausgesprochen wird, was eigentlich gemeint ist – auch das macht die Lektüre insbesondere seines Spätwerks, das durch „Die Kostbarkeiten von Poynton“ eingeläutet wurde, zu einem herausfordernden Genuss.

Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.randomhouse.de/Buch/Die-Kostbarkeiten-von-Poynton/Henry-James/Manesse/e450014.rhd

Spende? Gerne!

Wer das Engagement dieses Blogs unterstützen möchte, kann dies gerne mit einem Beitrag via Paypal tun. Oder ganz klassisch mit einer Überweisung, die Daten dafür finden sich im Impressum.

€5,00

Wanda Coleman: strände. warum sie mich kaltlassen

„… aber sie wollen
mir ständig weismachen, dass man der sprachlichen ghettoisierung am
besten entkommt, indem man die
lebenswirklichkeit der schwarzen einfach ausblendet bla bla bla …“

Wanda Coleman, Auszug aus: „Ein Essay über Sprache“

Wer die Gedichte von Wanda Coleman (1946 – 2013) liest, der wird ganz unmittelbar mit der Lebenswirklichkeit der schwarzen Bevölkerung in den USA konfrontiert: Das sind Zeilen, die brennen vor Zorn und Frustration, Gedichte, die aufrütteln. Und man spürt: Diese Frau hat all dies erlebt, die Armut, der Existenzkampf als alleinerziehende Mutter, die Vorurteile, die dazu führen, „angespornt durch meine schwarze haut zu versuchen, die allerbeste zu sein.“

Bild von Bruce Emmerling auf Pixabay

Coleman, die 1999 als erste afroamerikanische Frau mit dem Lenore Marshall Poetry Prize der American Academy of Poets ausgezeichnet wurde und in späteren Jahren zahlreiche Preise und Stipendien für ihr Schreiben bekam, wurde, wenn nicht schon durch ihre Herkunft, spätestens durch die Watts Riots politisiert – die junge Frau, aufgewachsen in Watts, dem Schwarzen-Ghetto in Los Angeles, erlebte die Aufstände 1965 hautnah. „Aber“, so schreibt auch der Schriftsteller Frank Schäfer in seinem taz-Artikel über Wanda Coleman, „Straßenschlachten mit der Nationalgarde sind nicht mehr nötig, um sie zu politisieren.“ Ihr Vater hatte noch den Lynchmord an einem jungen Mann in Little Rock miterlebt, eine geistige Last, die auch Wanda mit durch ihr Leben trug.

„in seiner würde war er schweigsam und in seiner schweigsamkeit wandte er
sich an gott. mein vater nahm seinen mord mit würde. sie schlugen
ihm von 1914 bis 1991 jahrzehntelang auf den schädel. sie schlugen ihn
bis aus der wunde ein tumor entsprang, der seine augen zerfraß“,

schreibt Coleman in ihrem „Amerikanischen Sonett 70“, einem von zahlreichen Sonetten, die das Bild eines anderen als des weißen Amerikas zeigen. Wie sehr die Erfahrungen ihrer Eltern und ihrer eigenen Zugehörigkeit die Dichterin prägten, das wird in den letzten Zeilen dieses Sonetts nur allzu deutlich:

„sie erheben ihre killerfäuste und schlagen auf mich ein, erheben ihre killerfäuste und schlagen und schlagen, bis sie sicher sind
dass von der anderen seite des grabsteins keiner zurückschlägt
gott, ich rufe dich an in meinem nebel.“

Verzweiflung, Wut, Zorn: Wanda Colemans Sprache ist zornig, sie ist direkt. Terrance Hayes, der eine Auswahl ihrer Gedichte in den USA wieder herausgab, fand in seinem antiquarischen Exemplar von „Mad Dog Black Lady“, dem ersten umfassenden Gedichtband von Wanda Coleman, der bei Black Sparrow Press erschien, eine treffende Randnotiz: „Ihre Welt ist Geschrei.“ Ihre Gedichte, so Hayes, „sind eine Mischung aus Manifest und Bekenntnissen, Fremd- und Selbstbezichtigungen voller Gewalt und Zärtlichkeit, satirischen Anklängen und Aufrichtigkeit.“

Und – angesichts der Aufmerksamkeit, die schwarze Literatur derzeit erfährt und dem vielbesprochenen „berühmtesten Gedicht der Welt“ – kann ich mir diese Bemerkung nicht verkneifen: Colemans variantenreiche Poesie, die voller Anspielungen zu politischen Ereignissen, zum schwarzen Widerstand ist, die Elemente des Jazz, der Popkultur, der Untergrund- und Gegenkultur in sich birgt, sie ist zugleich frei von Pathos, sie ist authentisch. Ein versöhnliches Element trägt diese Lyrik nicht in sich, da ist kein Hügel zu erklimmen, er soll erstürmt werden:

Ich bin die sense des schnitters. Meine klinge ist unerbittlich.“

„Wanda Coleman“, schreibt Terrance Hayes, „war eine große Poetin, eine leibhaftige, fleischfressende Poetin und zugleich eine echte, schwarze Frau (…) Nur wenige Lyrikerinnen jeglicher Couleur schreiben mit einer solchen Vehemenz über Armut, literarische Ambitionen, Depressionen und unsere gewalttätigen und fragilen Leidenschaften.“ Wer es kennenlernen möchte, dieses andere, verletzte, unterdrückte Amerika, wer erahnen will, welche Berge es noch zu ersteigen gilt, der wird bei der Lektüre Wanda Colemans eine Ahnung davon erhalten. Die von Terrance Hayes getroffene Auswahl von 120 Gedichten aus acht Lyrikbänden, die zu Lebzeiten der Dichterin erschienen, wurden von Esther Ghionda-Breger übersetzt und erschienen nun beim MaroVerlag: „strände. warum sie mich kaltlassen.“

Verlagsinformation zum Buch: Wanda Coleman

William Saroyan: Wo ich herkomme, sind die Leute freundlich

Es ist immer wieder erstaunlich, welch eine Fülle an großartigen Erzählerinnen und Erzählern das Land über dem großen Teich zu bieten hat. Thomas Zirnbauer von dtv machte mich mit einem Post auf diesen Mann aufmerksam, schon der Buchtitel sprang mich an: „Wo ich herkomme, sind die Leute freundlich“. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich zuvor von dem Pulitzer-Preisträger William Saroyan noch nie etwas gelesen hatte: Ein Versäumnis, wie sich zeigte.

Der Titel dieses 2017 bei dtv erschienenen Erzählbandes verspricht nicht zu viel: In der Tat ist William Saroyan (1908 – 1981), im Gegensatz zu Hemingway, an dem er sich auch in seinen Texten immer wieder ironisch reibt, ein freundlicher, ein menschenfreundlicher Autor. Er erzählt von Ausreißern, Trinkern, Arbeitslosen und Underdogs, tummelt sich in Bars, Billardhallen und auf der Straße. Nicht gerade von der Sonnenseite des Lebens also. Und doch vermag Saroyan seinen Figuren hellen, warmen Glanz zu geben, ohne in das Klischee des „glücklichen Armen“ abzurutschen.

Es ist der Humor, der ganz besondere Witz und eine gute Portion Gelassenheit, die diese Stories prägen. Unendlich köstlich ist beispielsweise die Geschichte vom Pechvogel zu lesen, der beim Glücksspiel 2400 Dollar gewinnt, aus Freundlichkeit einer alten Lady Geld zustecken möchte, deswegen jedoch als Dieb bezeichnet wird und die ganze Aktion beinahe mit dem Leben bezahlt. In „Zweitausendvierhundert Dollar und ein paar Zerquetschte für Freundlichkeit“ fängt der ganze Ärger eben mit dieser Saroyan eingeschriebenen Menschenfreundlichkeit an:

„Er sagte, ganz egal, was man versucht, zum Beispiel freundlich sein, es hätte sowieso keinen Sinn, also könnte man genauso gut spielen. Er sagte: »Es gibt keinen einzigen Menschen auf der Welt, der das Spiel austricksen kann.« Er meinte nicht das Glücksspiel, er meinte das Leben.“

William Saroyan scheint das Tricksen besser gelungen zu sein, bis auf den letzten großen Coup. Kurz vor seinem Tod sagte er zu Journalisten: „Jeder muss sterben, aber ich habe immer geglaubt, in meinem Fall würde eine Ausnahme gemacht. Und was nun?“ Bis dahin führte der Schriftsteller armenischer Abstammung ein erfülltes, auch wildes Leben, einerseits geprägt von Eheskandalen und zu viel Alkohol, andererseits durch unermüdlichen Fleiß, wie Richard Kämmerlings von der Welt in seinem Nachwort zu dem Erzählband schreibt. Kämmerlings betont, wie sehr Sayoran auch literarisch seine Wurzeln als Kind eines armenischen Emigranten pflegt:

„An das Erbe seines Volkes hat Saroyan nicht nur aus Sentimentalität angeknüpft, sondern sicher auch, weil die armenischen Charaktere mit ihrem hintersinnigen, dem jüdischen verwandten Humor, ihrer Erzählfreude und ihrer sophistischen Lebensphilosophie das ideale Medium für sein künstlerisches Projekt waren: Die Zumutungen des Alltags und die Schläge des Schicksals durch ihre Verwandlung in Literatur erträglich zu machen und sogar zu einer quasireligiösen Rechtfertigung des Daseins zu veredeln.“

Das alles kann man auch auf eine einfache Formel bringen: „Wo ich herkomme, sind die Leute freundlich.“

Verlagsinformationen zum Buch: https://www.dtv.de/buch/william-saroyan-wo-ich-herkomme-sind-die-leute-freundlich-14705/

Emma Flint: In der Hitze eines Sommers

Bild New York: Bild von laurapuig4 auf Pixabay

Sie war ekelerregend.
Sie war ein Monster:
Sie zog die Knie zu sich heran und ließ sich zur Seite fallen. Vermutlich hörten die Cops inzwischen ihr Telefon ab, und vielleicht hatten sie auch Wanzen in der Wohnung versteckt, deshalb gab sie keinen Ton von sich, denn sie dachte gar nicht daran, ihnen die Genugtuung zu verschaffen, sie weinen zu hören.
Ihr blieb nichts anderes übrig, als still zu halten, in Deckung zu gehen und zu hoffen, dass eines Tages der beste Sex seines Lebens dazu bewegen würde, bei ihr zu bleiben. Weil sie es einfach nicht ertrug, allein zu sein. Weil das ihr ganzes Kapital war.

Emma Flint, „In der Hitze eines Sommers“.

Als in einer heißen New Yorker Julinacht ihre beiden Kinder aus der Wohnung verschwinden und später tot aufgefunden werden, dauert es nicht lange, und die Kellnerin Ruth Malone steht selbst als Hauptverdächtige im Mittelpunkt der Ermittlungen. Die Vorurteils-Maschinerie läuft perfekt: In den Augen der tratschsüchtigen Nachbarinnen, der nach Sensationen heischenden Presse, des moralisch-verklemmten Ermittlers kann nur sie die Täterin gewesen sein. Zu freizügig ihr Sexualleben, zu häufig wechselt sie ihre Bettgenossen. Auch Ehemann Frank, von dem sie längst getrennt lebt, streut auf seine scheinbar unbedachte Art und Weise Zweifel.

In ihrem Debütroman, der unter dem Titel „Little Deaths“ 2017 im Original in London erschien, entwickelt Emma Flint das Psychogramm einer Frau, um die sich die Kreise der gesellschaftlichen Missachtung und persönlichen Rachlust durch Menschen, die sich allein von Ruths Art vor den Kopf gestoßen fühlen, immer enger drehen. Susanne Keller gelingt es in ihrer Übersetzung, die Mischung aus Tempo und Subtilität, die dieses Buch zu einem Pageturner macht, gekonnt umzusetzen.

Emma Flint, Absolventin des Schreibprogramms der Faber Academy in London, weiß als solche, einen Spannungsbogen zu setzen – das liest sich für ein Debüt fast schon routiniert, was aber bei dieser Story keineswegs von Nachteil ist. Bis zuletzt dürfen die Lesenden selbst an Ruths Schuld oder Unschuld zweifeln.

Für „In der Hitze eines Sommers“ nahm sich die Autorin den Fall der Amerikanerin Alice Grimmins als Inspirationsquelle, die 1965 wegen des Mordes an ihren beiden Kindern verurteilt wurde – bis zuletzt ab es Zweifel an ihrer Täterschaft, es konnten keinerlei Beweise gefunden werden, die sie oder jemand anderen in Zusammenhang mit der Entführung und dem Tod der beiden Kleinen in Zusammenhang brachten.

Flint nutzt diese Vorlage, um in ihrem Roman deutlich zu machen, dass in den Augen der Öffentlichkeit die vermeintliche Täterin sich in anderer Beziehung schuldig gemacht hat. Eine Freundin, ihre einzige Freundin, bringt dies im Gespräch mit einem Reporter auf den Punkt:

Gina lächelte. »Allerdings. Wissen Sie, was sie gesagt hat? Sie hat gesagt: Ich wollte das nie – heiraten und Kinder und all das. Ich wollte immer anders sein als die anderen.«

Wer anders sein will als die anderen wird in einer puritanischen Gesellschaft wie den USA der 1960er (und auch bis heute noch) misstrauisch beäugt, vorverurteilt, bestraft. Zumal sich Ruth auch in der größten Krise noch weigert, sich den Konventionen anzupassen: Selbst als sie trauert, achtet sie auf ihr Äußeres, zeigt keine Tränen, verweigert angepasstes Verhalten. „In der Hitze eines Sommers“ ist weniger die Geschichte eines Kriminalfalls, vielmehr eine Erzählung über den Druck gesellschaftlicher Konventionen, dem außergewöhnliche Frauen ausgesetzt sind. Bis hin zu ihrer Anhörung im Gefängnis:

„Stattdessen nimmt sie ein Papiertuch aus dem Spender, den sie zur ihr hinschieben, und drückt es an ihr tränennasses Gesicht. Sie presst es ganz fest auf den Mund, damit die Wahrheit nicht herauskommt.
Die anderen sehen und hören nur ihre Tränen, und sie nicken zufrieden, weil sie nun endlich ein gebrochener Mensch ist.“

Für einen gebrochenen Menschen, für eine Mutter, die beide Kinder verloren hat, kann es kein Happy End geben. Aber Emma Flint überrascht mit einer ungewöhnlichen Lösung, die an dieser Stelle nicht verraten werden soll. Und so endet das Buch für die Protagonistin nach ihrer Haftentlassung zumindest etwas versöhnlich, nicht ganz hoffnungslos und zeigt zudem, dass die Autorin auch ein Händchen für atmosphärische Dichte hat:

„Sie streckt den Rücken noch ein wenig mehr durch. Atmet den Geruch von Benzin und Juicy Fruit ein, von warmen Donuts, der von einem Stand an der Straße hereinweht, den wohltuenden, leicht süßen Geruch der Lederjacke des Fahrers. Die Straße vor ihnen steigt an, und der Wagen fährt hinauf in das unendliche Blau des Sommerhimmels.“

Informationen zum Buch:

Emma Flint
In der Hitze eines Sommers
Piper Verlag, 2020
Klappenbroschur, 416 Seiten, 16,99 €
EAN 978-3-492-06160-5

Weitere Besprechungen: Auch Petra Pluwatsch beim „Bücheratlas“ mochte das Buch – https://buecheratlas.com/2020/08/31/eine-frau-wie-rusty-in-der-hitze-eines-sommers-ist-das-fabelhafte-krimidebut-von-emma-flint/

 

 

Nellie Bly: Around the World in 72 Days

P1010207-1024x768

Bild: (c) Michael Flötotto

„Monsieur Verne fragte mich, wie meine Reiseroute verlaufen sollte, und ich, glücklich, dass ich etwas sagen konnte, das er verstand, zählte für ihn auf: „ Meine Route führt von New York nach London, dann Calais, Brindisi, Port Said, Ismailia, Suez, Aden, Colombo, Penang, Singapur, Hongkong, Yokohama, San Francisco, New York.“
„Waum fahren Sie nicht über Bombay, so wie mein Held Phileas Fogg?“, fragte Monsieur Verne.
„Weil ich lieber Zeit spare, als eine junge Witwe zu retten“, antwortete ich.
„Vielleicht retten Sie ja unterwegs einen jungen Witwer“, entgegnete Monsieur Verne lächelnd.“

Nellie Bly, „Around the World in 72 Days“, 1890.

Einen jungen Witwer rettet sie tatsächlich nicht, diese rasende Reporterin, aber bei ihrem hektischen Trip um die Welt becirct sie Kapitäne, beschwatzt Botschaftsangestellte und spannt so ziemlich jeden, der ihr auf ihrer Reise begegnet, ein, um ein Ziel zu erreichen: Schneller als der Held aus Jules Vernes Roman den Globus zu umrunden. Anders, als man annehmen möchte, war dies 1890 allerdings nicht mehr ganz so das abenteuerliche Unternehmen wie Jahrzehnte zuvor.

„Von Seekrankheit unterbrochene Diners mit dem Kapitän auf der Atlantiküberfahrt, dysfunktionale Fußwärmer in europäischen Zügen und schlecht geschulte Schlangenbeschwörer in Ceylon (heute: Sri Lanka) bilden die letzten Ärgernisse in einer Welt, in der das Berliner Reisebüro von Carl Stangen bereits seit über zehn Jahren Weltreisen zum Pauschalpreis anbot.“

In seinem Vorwort zur ersten deutschsprachigen Ausgabe dieser Reisereportage (übersetzt von Josefine Haubold, erschienen im AvivA Verlag) verdeutlicht Herausgeber Martin Wagner:

„Der Tourist bewegt sich Ende des 19. Jahrhunderts bereits auf ausgetretenen Pfaden.“

So war das eigentlich Sensationelle an diesem Unternehmen, dass es eine junge, 25 Jahre alte, alleinstehende Frau war, die diese Reise antrat: Nur mit einem eigens für den Zweck erworbenen maßgeschneiderten Reisekostüm und einer handlichen Tasche, aber ausgestattet mit den Tantiemen der New Yorker Tageszeitung „The World“. Für die Journalistin, die drei Jahre zuvor mit ihrer Undercover-Reportage „Zehn Tage im Irrenhaus“ bereits für Aufsehen gesorgt hatte, wurde die Weltumrundung zum Coup, bei ihrer Rückkehr nach New York wurde sie gefeiert wie ein Star, mit der Artikelserie, die zur Reise erschien, schnellte die Auflage der Zeitung in die Höhe (wovon Nellie Bly aber nicht unmittelbar profitierte) und das darauffolgende Buch wurde ein Bestseller.

Diese Reisereportage kann man auch heute durch den „flotten“ journalistischen Stil der Autorin mit großem Vergnügen lesen – man rast mit ihr durch die Kontinente, sich durchaus bewusst machend, dass alle Eindrücke oberflächliche, im Vorbeigehen mitgenommene sind, eine Art des Reisens, die durchaus an den modernen Tourismus erinnert. Ich musste beim Lesen immer wieder an die japanische Reisegruppe denken, der ich einst in einer Pension in Avignon begegnet war – sie saßen an meinem Frühstückstisch und hakten gemeinschaftlich alle Ziele ab, die sie in ihrem Wälzer „Europe in 10 Days“ schon bewältigt hatten: Vorgestern Neuschwanstein „and the Fuckerei“ (die Fuggerei in Augsburg), gestern Paris, heute Avignon, morgen Barcelona. „Europe is wonderful, so nice, but Tokyo is more modern.“

So bringt auch Nellie Bly bei ihrer Reise ihre eigene Landkarte und ihre amerikanischen Maßstäbe mit, an der sie – auch mangels Zeit – das bemisst, was sie an der Oberfläche sieht. Und so gut man sich bei der Lektüre unterhalten kann, so sehr fallen auch zwei Dinge störend ins Gewicht, die die Autorin in ein unsympathischeres Licht stellen: Eine Form von Patriotismus und von Rassismus, die durchaus aufstößt. Erstaunlich, schrieb sie doch zuvor mit so viel Engagement über den unmenschlichen Umgang mit psychisch Kranken – doch einige Jahre später entdeckt man in ihrem Berichten von der anderen Seite der Welt wenig Empathie mit Menschen anderer Rasse. Leprakranke beschreibt sie als ekelerregend, die chinesische Bevölkerung als schmutzig, faul und hinterlistig, die Bewegungen einiger Matrosen erinnern sie an den Affen, den sie währender Reise kauft.

Martin Wagner geht auf diesen Aspekt in seinem Vorwort ausführlich ein:

„Dabei bringen erst die bedauerlich rassistischen Passagen die volle Bedeutung sowohl von Nellie Blys Rekordreise als auch vom Reisen am Ende des 19. Jahrhunderts insgesamt zu Tage. Die Geschichte des globalisierten Tourismus ist ohne seine kolonialistischen Voraussetzungen und Implikationen nicht verständlich. Der auf Weltreise befindliche Tourist bietet das schwache Abbild des einmarschierenden Imperialisten. In dem Wunsch, die Welt zu bereisen, ist der Anspruch, die Welt zu beherrschen, immer schon mit enthalten.“

Nun, Nellie Bly wollte vor allem die Zeit beherrschen, zumal zur gleichen Zeit die Reporterin Elizabeth Bisland für den „Cosmopolitan“ auf Weltreise gegangen war, eine Konkurrenz, die dem Unternehmen noch mehr Aufmerksamkeit bescherte. Bly gewann das Rennen und den Ruhm. Und hierin, in der Forschheit, dem Wagemut und der Selbstsicherheit, mit der sie ihr Unternehmen durchsetzte und durchzog, liegt auch ihr großer Verdienst. Als erste der sogenannten „girl stunt reporter“, Frauen, die undercover über die Missstände in Fabriken, Gefängnissen, Armenhäusern und anderen Institutionen berichteten, ist Nellie Bly eine weibliche Wegbereiterin des kritischen, aufklärenden Journalismus. Und ihre Reise um die Welt auch ein Akt weiblicher Selbstbestimmung.

Die unprätentiöse, selbstironische Art und Weise, wie sie sich im Kontext der Mitreisenden und Menschen, denen sie begegnet, bewegt und beschreibt, gleicht ein wenig die unsympathischeren Züge aus. Dank des Vorworts von Martin Wagner kann man das Buch in seinen geschichtlichen Kontext setzen, die kritischen Passagen entsprechend bewerten und es dennoch als amüsantes, unterhaltsames Zeugnis seiner Zeit lesen. Und bei der ironischen Betrachtung ihrer Reisegenossen fühlt man sich durchaus an eigene Erlebnisse, die man beim Reisen hatte, erinnert:

„Ich kenne mich mit Eseln aus, weil ich einige Zeit in Mexiko gelebt habe, aber viele der Passagiere fanden die Esel durchaus neuartig und wollten unbedingt auf ihnen reiten, bevor sie zum Schiff zurückkehrten. Also saßen alle auf, die ein Reittier finden konnten, und jagten durch das malerische, verschlafene Städtchen. Dabei schrien sie vor Lachen und sprangen wie Gummibälle in ihren Sätteln auf und ab (…).“

Ein Reisebegleiter von mir beliebte einstmals bei einer solchen Szene, deren wir ansichtig wurden, zu sagen: „Da weiß man wirklich nicht, wo der Esel nun aufhört oder anfängt.“

Informationen zum Buch: „Around the World in 72 Days“


Spende? Gerne!

Wer das Engagement dieses Blogs unterstützen möchte, kann dies gerne mit einem Beitrag via Paypal tun. Oder ganz klassisch mit einer Überweisung, die Daten dafür finden sich im Impressum.

€5,00

Benjamin Alire Sáenz: Alles beginnt und endet im Kentucky Club

refugee-3782262_1920

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Einst war er, als in den USA die Prohibition und später die Prüderie herrschte, die erste Anlaufstelle nach der Grenze: Der berühmte Kentucky Club in Juárez. Es heißt, Marilyn Monroe habe hier eine Lokalrunde geschmissen, um ihre Scheidung von Arthur Miller zu feiern. Andere sprechen von Elizabeth Taylor gegen Eddie Fisher. Wie auch immer. Verbürgt ist, dass Liz Taylor mit Ehemann und Saufkumpan Richard Burton hier abhängte, Bob Dylan auf der Suche nach Inspiration war und Ronald Reagan nach Abkühlung von der mexikanischen Hitze. Angeblich wurde auch die Margaritha in dieser Lokalität erfunden. Kurzum: Der Kentucky Club war ein Ort, an dem man gerne war. Bis die Drogenkartelle kamen. Und Juárez zu einer der tödlichsten Städte Mexikos wurde. In Sichtweite: das texanische El Paso, Ort der Ruhe und – Bigotterie.

2012 wurde in der „Welt“ über die groteske Verschiedenheit der Nachbarorte, die nur durch eine Grenzbrücke getrennt sind, geschrieben:

„Der Krieg diverser Gangs und Drogenkartelle hat aus Juárez eine der gefährlichsten Städte der Welt gemacht. In El Paso herrscht Ruhe und ein fast gespenstischer Wohlstand. Es ist eine der sichersten Städte der USA.“

Die Grenze: sie ist auch in sieben Erzählungen, die der amerikanische Schriftsteller Benjamin Alire Sáenz unter dem Titel „Everything Begins and Ends at the Kentucky Club“ zusammenstellte, immer präsent. Das Buch erschien 2012 in einem kleinen Verlag in El Paso, blieb zunächst kaum beachtet, bis der Erzählband 2013 den renommierten Pen/Faulkner Book Award erhielt. Seit 2014 liegt er in deutscher Übersetzung vor.

Die Geschichten vom Leben an der amerikanischen-mexikanischen Grenze, das Gefälle von Reichtum und Armut, die Spirale aus Drogenkriminalität, Gewalt und dem Auswanderungswunsch jener, die sich befreien wollen aus den Krakenarmen der Kartelle, diese Geschichten treffen in das amerikanische Herz und in den mexikanischen Geist. Denn die Kehrseite der Medaille ist die Gewalt an Immigranten – so „markieren“ einige US-Boy einen jungen Mexikaner mit dem Messer -, der aggressive Versuch, sich abzuschotten, der Flucht in die Sucht, die Bigotterie auf der einen Seite der Grenze. Alire Sáenz erzählt von Paaren, die damit rechnen müssen, dass der, der auf der „falschen“ Seite lebt, eines Tages spurlos verschwindet.

Er erzählt von Menschen, die sich lieben, obwohl einer für die Kartelle arbeitet – und damit in ständiger Lebensgefahr schwebt.

Er erzählt von Jungen, die ihren Vätern nachtrauern – Dealern, die selbst in die Abhängigkeit verschwinden, Rednecks voller Homophobie, Männern, die eines Tages einfach nicht mehr da sind.

Die Gewalt beschreibt Alire Sáenz dabei nicht explizit. Vielmehr sind dies beinahe zurückgenommene, stille Erzählungen. Einzelschicksale, die den Zustand einer zerrissenen Gesellschaft widerspiegeln. Grenzgänger, verloren zwischen zwei Welten, ohne große Perspektiven, ohne Hoffnung. Wenn, dann tritt die Gewalt als Reflektion über die Gewalt in das Buch:

„Dann lösten sich meine Gedanken von der Unterhaltung und ich fragte mich, wie es wäre, jemanden eine Knarre an den Kopf zu halten, jemanden zu entführen, einen Menschen zu foltern. Wie es wäre, jemanden die Hände abzuhacken? Ich wusste, dass es eine Mailingliste für die Zählung der Toten gab, weil ich diese Mailingliste abonniert hatte. Das Problem war, dass die Toten keine Namen hatten. Manchmal dachte ich mir Namen für sie aus.
Ich hatte eine ganze Liste mit diesen Namen.
Das alles, dachte ich, das alles kam durch Männer wie meinen Vater.“

Es sind leise, beinahe schon melancholische Geschichten, geprägt von einer stillen Trauer. Und über diese sowie über die Einsamkeit tröstet sich mancher im Kentucky Club hinweg – die Bar spielt keine Hauptrolle, ist aber Anlaufpunkt in jeder der einzelnen Geschichten.

Inzwischen, im Jahr 2015, hat sich die Lage in Juárez wieder etwas beruhigt – die Gefahr ist nicht mehr so hoch, zufällig Opfer von Querschlägern inmitten eines Bandenkrieges zu werden.

Die Menschen kommen zurück in den Kentucky Club.

Das Leben ist wieder da – was Alire Sáenz, der auch gegen den Niedergang seiner Region anschrieb, sichtlich freut:

We’re people who feel and breathe and die and suffer and hope for salvation and yearn for love,“ he says. „We’re not just a newspaper headline.“

Das Buch wurde von Sabine Hedinger übersetzt und erschien 2014 beim Ripperger & Kremers Verlag unter dem Titel „Alles beginnt und endet im Kentucky Club“. Eine Leseempfehlung für Fans amerikanischer Literatur!


Spende? Gerne!

Wer das Engagement dieses Blogs unterstützen möchte, kann dies gerne mit einem Beitrag via Paypal tun. Oder ganz klassisch mit einer Überweisung, die Daten dafür finden sich im Impressum.

€5,00

Joshua Cohen: Auftrag für Moving Kings

cartons-4240821_1280

Bild von Ulrike Leone auf Pixabay

„Es war unerklärlich, dass er zustimmte – und was er bei der Ankündigung von Yoavs Kommen empfand. Seine gierige Bereitschaft zwischen den erholsamen Dämmerphasen, dem Morphiumschlaf, der faden Diät, kein Nikotin, kein Alkohol. Es war eine Schwäche des Herzens. Während der Behandlung hatte er sich mit Sentiment angesteckt, mit Nostalgie, ein schlimmer Fall von Krankenhausinfektion. Aus dem Nichts hatte David plötzlich ein Sehnen verspürt, aber nicht nach Naheliegendem, sondern nach fernen Dingen.“

Joshua Cohen, „Auftrag für Moving Kings“.

David King, ein älterer Transportunternehmer in New York, ein Selfmademan, einer, der den amerikanischen Traum lebte, vom Tellerwäscher zum Großunternehmer. Trinkt zu viel, raucht zu viel, isst die falschen Sachen, ist aber zu eingefahren, seinen Lebensstil zu ändern, selbst zu bequem, sein emotionales Leben in Ordnung zu bringen. Seine Exfrau hat ihn vor die Tür gesetzt, seine Geliebte, zugleich auch seine wichtigste Mitarbeiterin, die den Laden zusammenhält, hofft endlich auf etwas Verbindliches und seine Tochter ist nach Drogenabstürzen und Entzug ein emotionales Wrack. Da erscheint zum rechten Augenblick Yoav, der Neffe aus Israel, der sich nach seinem Militärdienst auf Orientierungssuche begibt. Er könnte für King, dessen Pumpe aufgrund seines Lebensstils in Streik geht, der Anlass für einen Neubeginn sein – doch hier nimmt das Buch eine neuerliche Wendung und rückt weitere Personen in den Vordergrund. Erzähltechnisch bedingt bricht die Geschichte Kings ab, baut sich zwischen den zwei Männern keine eigene Beziehung auf. Schade eigentlich.

Joshua Cohen steht einerseits in der Erzähltradition großer amerikanischer Romanciers wie Saul Bellow, Philip Roth, John Updike. Darüber hinaus jedoch gilt er auch als das Pendant zu David Forster Wallace, schreibt moderner, avantgardistischer als die Granden des amerikanischen Romans. Doch mit ihnen gemein hat er, dass er das Urbane in den Fokus nimmt, Männer mit Brüchen in den Lebensläufen und den Seelen in diese Welt stellt, meist jüngere beziehungsweise modernere Rabbitts. Cohen kombiniert einen messerscharfen Blick für das Alltägliche mit den gesellschaftlichen Megathemen – so eignet sich sein jüngster Roman, der in der deutschen Übersetzung von Ingo Herzke beim Schöffling Verlag erschien, natürlich dafür, um insbesondere den Folgen der amerikanischen Immobilienkrise, der Gentrifizierung und zunehmenden Obdachlosigkeit ihren Raum zu geben.

Doch daran kränkelt dieses Buch auch ein wenig: Es sind so viele Bücher in einem, zu viel wird angerissen, zu wenig auserzählt. Ähnliches bemerkte Ulrich Rüdenauer im WDR, den die Erzählkunst Cohens begeisterte, der aber an der Komposition des Buches als „einerseits zu ambitioniert, andererseits als zu sprunghaft“ seine Kritik hatte:

„Die Beschreibung der Wohnungsräumungen korrespondiert mit Yoavs Erinnerungen an die Militäreinsätze in den besetzten Gebieten, das äußerst robuste Vorgehen gegen die Palästinenser. Die eine Arbeit unterscheide sich kaum von der anderen, denkt Yoav. Man würde diesem inneren Konflikt gerne weiter folgen. Die Ängste, die Tragik, die Traumata Yoavs werden angerissen, aber nicht auserzählt. Am blassesten bleibt Avery Luter, die zuletzt eingeführte Hauptfigur. Cohen scheint zu sehr darum bemüht, verschiedenste gesellschaftliche Themenfelder in seinem Buch unterzubringen – Israel, Juden in der Diaspora, Gentrifizierung, Rassismus, das Auseinanderbrechen gesellschaftlicher Zusammenhänge. Jedes für sich genommen kommt dabei zu kurz.“

Vielleicht hätte Cohen, sonst auch eher ein Mann voluminöser Romane, schaut man auf das „Buch der Zahlen“ oder „Solo für Schneidermann“, einfach mehr Raum gebraucht. Gefolgt wäre ich ihm gerne: Denn Cohen ist ein starker und intelligenter Erzähler, hat eine Hand für Figuren, zeichnet plastisch, humorvoll, ironisch, zuweilen auch sarkastisch und ist bei allem Anspruch, den er an seine Leser stellt, immer auch wahnsinnig unterhaltsam.

Mehr Informationen zum Buch:
Joshua Cohen
„Auftrag für Moving Kings“
Aus dem Amerikanischen von Ingo Herzke
Schöffling Verlag 2019 (Link zum Buch mit Leseprobe)
Gebunden, 288 Seiten, 24 Euro
ISBN 9783895616280


Spende? Gerne!

Wer das Engagement dieses Blogs unterstützen möchte, kann dies gerne mit einem Beitrag via Paypal tun. Oder ganz klassisch mit einer Überweisung, die Daten dafür finden sich im Impressum.

€5,00

William Melvin Kelley: Ein anderer Takt

„Hör zu, Harold“, sagte er und suchte nach Worten, die sogar ihm selbst eigenartig vorkamen. Er wusste nicht genau, warum er sich fühlte, wie er sich fühlte, spürte aber, dass es irgendwie richtig war, diese Gefühle zu haben und seinem Sohn davon zu erzählen. „Eines Tages, wenn du so alt bist wie ich jetzt, ist das Leben vielleicht nicht mehr so, wie es jetzt ist, und darauf musst du vorbereitet sein, verstehst du? Wenn du dann so bist wie einige meiner Freunde, wirst du mit allen möglichen Leuten nicht auskommen können. Verstehst du?“

William Melvin Kelley, „Ein anderer Takt“, Originalausgabe 1962.

Was der gutmütige Farmer Harry seinem Sohn da im Jahr 1957 etwas verklausuliert mitteilen will, ist seine Ahnung davon, dass die von Weißen errichteten Rassenschranken in den Südstaaten der USA nicht in alle Ewigkeit Bestand haben werden. Dass sie, auch das denkt sich Harry, verschweigt es jedoch wohlweislich vor Freunden und Nachbarn, widernatürlich sind. Und es eines Tages selbstverständlich sein wird, dass Freundschaft, Solidarität, auch Liebe keine Rassengrenzen mehr kennt.

Dass die Nachfahren der afrikanischen Sklaven jedoch Menschen zweiter Klasse sind, ohne Rechte und Ansprüche, unter sich lebend, lediglich geduldet ihrer Arbeitskraft wegen, das ist in diesen Tagen in den Südstaaten einfach Gesetz. Da geschieht in einem fiktiven Bundesstaat irgendwo im Süden der USA, den William Melvin Kelley für seinen Debütroman erfand, etwas Ungeheuerliches. Es beginnt mit der scheinbaren Wahnsinnstat des bis dahin unscheinbaren Tucker Caliban. Tucker, Nachfahre eines sagenumwobenen Sklaven (der spektakulär im Widerstand gegen seine Gefangennahme starb), probt den Aufstand auf seine Art: Er versalzt seine Felder, tötet sein Vieh, fackelt seine Hütte ab, packt seine Frau und geht. Geht ganz einfach. Und seinem Beispiel folgt, ruhig, leise, geordnet, die komplette schwarze Bevölkerung des fiktiven Staates. Einem Exodus gleich ziehen sie mit ihren Familien und dem wenigen Hab und Gut innerhalb weniger Tage fort, Richtung Norden.

Aus der Perspektive weißer Männer

In seinem raffiniert konstruierten Roman lässt William Melvin Kelley diese ungeheurere Begebenheit aus den Augen mehrerer Weißer betrachten. Nicht aus den Augen überzeugter Rassisten, diese Falle vermeidet er. Es sind die von Natur aus gutherzigen Menschen wie Harry und sein kleiner Sohn und die Aufgeklärten, wie der kommunistisch angehauchte, im Leben gescheiterte Gutsherrensohn Dewey, die aus ihrer Perspektive erzählen. Gerade durch diesen Kniff, jene zu Erzählern zu erheben, die zwischen den beiden Welten stehen, wird die alltägliche Grausamkeit des systematischen Rassismus umso deutlicher.

Dewey, der Mann mit den gescheiterten Träumen, glaubt in Tucker Caliban gar jemanden gefunden zu haben, der auch ihn befreit und kann in seinen Worten doch nicht verbergen, dass er sich insgeheim überlegen fühlt:

„Sein gestriger Akt der Entsagung war der erste Schlag gegen meine verschwendeten zwanzig Jahre – zwanzig Jahre, die ich mit Selbstmitleid vertan habe. Wer hätte gedacht, dass eine derart schlichte, primitive Tat einen so gebildeten Menschen wie mich etwas lehren kann?
Jeder, jeder kann seine Ketten abstreifen. Der nötige Mut, ganz gleich, wie tief er begraben ist, wartet nur darauf, gerufen zu werden. Es braucht nur die rechte Ermunterung, die richtige ermunternde Stimme, dann springt er hervor, brüllend wie ein Tiger.“

Dass das so einfach nicht ist, das wird Dewey am eigenen Leib erfahren: Als dem weißen Mob des Städtchens bewusst wird, was es bedeutet, wenn von einem Tag auf den anderen da niemand mehr ist, der ihre Äcker pflügt, die Häuser sauber hält, die öffentlichen Gebäude pflegt, kurzum, wenn da niemand mehr ist, der das tägliche Leben in Gang hält, da schlägt die Verblüffung in rasende Wut um. Wut, die sich entladen muss – der Roman schließt mit einer grausamen Tat.

Vielleicht ist dieses Ende auch prophetisch zu interpretieren, vielleicht wollte William Melvin Kelley damit deutlich machen, dass es so einfach mit Gleichberechtigung und Emanzipation der schwarzen Bevölkerung nicht gehen wird. Dass „der weiße Mann“ immer wieder zurückschlagen wird – gerade dies macht das Buch in Zeiten der Trump-Ära bemerkenswert aktuell. Über diesen politischen Aspekt hinaus ist „Ein anderer Takt“ auch in vielerlei anderer Hinsicht eine große Empfehlung: Das Debüt eines Autoren, der es erreicht, in einem ruhigen, beinahe lakonischen Ton (wunderbar übersetzt von Dirk van Gunsteren) von einem eigentlich fantastischem Ereignis zu erzählen und dabei ganz lässig den alltäglichen, in Fleisch und Blut übergegangenen Rassismus seiner Protagonisten zu entblößen.

Ein in Vergessenheit geratener Autor

Einen eigenen Roman wert wäre das Leben und die Wiederentdeckung des Schriftstellers William Melvin Kelly (1937 – 2017). Im Grunde wollte Kelley als junger Mann Anwalt für Bürgerrechte werden, doch eine Leseschwäche, die er nie ablegen konnte, machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Im Nachwort zur deutschsprachigen Erstausgabe seines Debütromans schreibt Jessica Kelley über ihren Vater:

„Kelley, schon damals ein begabter Geschichtenerzähler, ein Talent, das er auf seine Großmutter Jessie Marin Garcia zurückführte, wechselte das Studienfach, belegte Englisch und besuchte Seminare von John Hawkes und Archibald MacLeish (…) Kelley merkte bald, dass ihm das Schreiben wichtiger als alles andere war und brach sein Studium in Harvard sechs Monate vor dem Abschluss ab. Zwei Jahre darauf, 1962, erschien sein erster Roman, A Different Drummer.“

Nach dem Mord an Malcom X. beschließt Kelley, mit seiner jungen Familie die USA zu verlassen. Erst nach Jahren wird er wieder in sein Heimatland zurückkehren. 1970 erscheint sein letzter Roman, danach veröffentlicht er zwar noch Essays und Kurzgeschichten, unterrichtet als Dozent für Kreatives Schreiben, gerät jedoch mehr und mehr in Vergessenheit im manchmal sehr kurzlebigen Literaturbetrieb.

Einem Zufall ist es zu verdanken, dass sein Debütroman zunächst nach einer Neuauflage in den USA zu einer literarischen Sensation wurde und seine Romane nun wiederentdeckt werden: Die Journalistin Kathryn Schulz, deren Vorwort auch in der deutschsprachigen Ausgabe zu finden ist, stößt bei einem Trödler auf eine vergilbte Ausgabe des Buchs. Und ist sofort fasziniert von der Originalität der Geschichte und Kelleys Stil.

„Das Ende von „Ein anderer Takt“ ist pessimistisch, nicht so sehr in Bezug auf das Schicksal der Afroamerikaner als vielmehr auf das moralische Potenzial der Weißen. Und doch verdankte Kelley diesem Umstand den mächtig optimistischen Start seiner Karriere. Dies war einer der seltenen Erstlingsromane, denen zwangsläufig weitere vielversprechende Bücher folgen – und tatsächlich veröffentlichte Kelley in weniger als zehn Jahren vier weitere Romane. Doch war ich nicht die Einzige, die noch nie von ihnen gehört hatte. Nach dem furiosen Start seiner Karriere geriet Kelley schon zu Lebzeiten fast in Vergessenheit. Kein seltenes Schicksal für einen Autor. Merkwürdig an dem Kelleys ist aber, dass er heute nicht wegen der Schwächen seiner Bücher, sondern wegen ihrer unheimlichen Stärken kaum noch gelesen wird.“

Mehr Informationen zum Buch:

William Melvin Kelley
 „Ein anderer Takt“
Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren
Hoffmann und Campe, Hamburg 2019
300 Seiten, 22 Euro
ISBN: 978-3-455-00626-1

Eine weitere Besprechung findet sich bei: Anna von der Buchpost


 

Spende? Gerne!

Wer das Engagement dieses Blogs unterstützen möchte, kann dies gerne mit einem Beitrag via Paypal tun. Oder ganz klassisch mit einer Überweisung, die Daten dafür finden sich im Impressum.

€5,00