Emma Flint: In der Hitze eines Sommers

Bild New York: Bild von laurapuig4 auf Pixabay

Sie war ekelerregend.
Sie war ein Monster:
Sie zog die Knie zu sich heran und ließ sich zur Seite fallen. Vermutlich hörten die Cops inzwischen ihr Telefon ab, und vielleicht hatten sie auch Wanzen in der Wohnung versteckt, deshalb gab sie keinen Ton von sich, denn sie dachte gar nicht daran, ihnen die Genugtuung zu verschaffen, sie weinen zu hören.
Ihr blieb nichts anderes übrig, als still zu halten, in Deckung zu gehen und zu hoffen, dass eines Tages der beste Sex seines Lebens dazu bewegen würde, bei ihr zu bleiben. Weil sie es einfach nicht ertrug, allein zu sein. Weil das ihr ganzes Kapital war.

Emma Flint, „In der Hitze eines Sommers“.

Als in einer heißen New Yorker Julinacht ihre beiden Kinder aus der Wohnung verschwinden und später tot aufgefunden werden, dauert es nicht lange, und die Kellnerin Ruth Malone steht selbst als Hauptverdächtige im Mittelpunkt der Ermittlungen. Die Vorurteils-Maschinerie läuft perfekt: In den Augen der tratschsüchtigen Nachbarinnen, der nach Sensationen heischenden Presse, des moralisch-verklemmten Ermittlers kann nur sie die Täterin gewesen sein. Zu freizügig ihr Sexualleben, zu häufig wechselt sie ihre Bettgenossen. Auch Ehemann Frank, von dem sie längst getrennt lebt, streut auf seine scheinbar unbedachte Art und Weise Zweifel.

In ihrem Debütroman, der unter dem Titel „Little Deaths“ 2017 im Original in London erschien, entwickelt Emma Flint das Psychogramm einer Frau, um die sich die Kreise der gesellschaftlichen Missachtung und persönlichen Rachlust durch Menschen, die sich allein von Ruths Art vor den Kopf gestoßen fühlen, immer enger drehen. Susanne Keller gelingt es in ihrer Übersetzung, die Mischung aus Tempo und Subtilität, die dieses Buch zu einem Pageturner macht, gekonnt umzusetzen.

Emma Flint, Absolventin des Schreibprogramms der Faber Academy in London, weiß als solche, einen Spannungsbogen zu setzen – das liest sich für ein Debüt fast schon routiniert, was aber bei dieser Story keineswegs von Nachteil ist. Bis zuletzt dürfen die Lesenden selbst an Ruths Schuld oder Unschuld zweifeln.

Für „In der Hitze eines Sommers“ nahm sich die Autorin den Fall der Amerikanerin Alice Grimmins als Inspirationsquelle, die 1965 wegen des Mordes an ihren beiden Kindern verurteilt wurde – bis zuletzt ab es Zweifel an ihrer Täterschaft, es konnten keinerlei Beweise gefunden werden, die sie oder jemand anderen in Zusammenhang mit der Entführung und dem Tod der beiden Kleinen in Zusammenhang brachten.

Flint nutzt diese Vorlage, um in ihrem Roman deutlich zu machen, dass in den Augen der Öffentlichkeit die vermeintliche Täterin sich in anderer Beziehung schuldig gemacht hat. Eine Freundin, ihre einzige Freundin, bringt dies im Gespräch mit einem Reporter auf den Punkt:

Gina lächelte. »Allerdings. Wissen Sie, was sie gesagt hat? Sie hat gesagt: Ich wollte das nie – heiraten und Kinder und all das. Ich wollte immer anders sein als die anderen.«

Wer anders sein will als die anderen wird in einer puritanischen Gesellschaft wie den USA der 1960er (und auch bis heute noch) misstrauisch beäugt, vorverurteilt, bestraft. Zumal sich Ruth auch in der größten Krise noch weigert, sich den Konventionen anzupassen: Selbst als sie trauert, achtet sie auf ihr Äußeres, zeigt keine Tränen, verweigert angepasstes Verhalten. „In der Hitze eines Sommers“ ist weniger die Geschichte eines Kriminalfalls, vielmehr eine Erzählung über den Druck gesellschaftlicher Konventionen, dem außergewöhnliche Frauen ausgesetzt sind. Bis hin zu ihrer Anhörung im Gefängnis:

„Stattdessen nimmt sie ein Papiertuch aus dem Spender, den sie zur ihr hinschieben, und drückt es an ihr tränennasses Gesicht. Sie presst es ganz fest auf den Mund, damit die Wahrheit nicht herauskommt.
Die anderen sehen und hören nur ihre Tränen, und sie nicken zufrieden, weil sie nun endlich ein gebrochener Mensch ist.“

Für einen gebrochenen Menschen, für eine Mutter, die beide Kinder verloren hat, kann es kein Happy End geben. Aber Emma Flint überrascht mit einer ungewöhnlichen Lösung, die an dieser Stelle nicht verraten werden soll. Und so endet das Buch für die Protagonistin nach ihrer Haftentlassung zumindest etwas versöhnlich, nicht ganz hoffnungslos und zeigt zudem, dass die Autorin auch ein Händchen für atmosphärische Dichte hat:

„Sie streckt den Rücken noch ein wenig mehr durch. Atmet den Geruch von Benzin und Juicy Fruit ein, von warmen Donuts, der von einem Stand an der Straße hereinweht, den wohltuenden, leicht süßen Geruch der Lederjacke des Fahrers. Die Straße vor ihnen steigt an, und der Wagen fährt hinauf in das unendliche Blau des Sommerhimmels.“

Informationen zum Buch:

Emma Flint
In der Hitze eines Sommers
Piper Verlag, 2020
Klappenbroschur, 416 Seiten, 16,99 €
EAN 978-3-492-06160-5

Weitere Besprechungen: Auch Petra Pluwatsch beim „Bücheratlas“ mochte das Buch – https://buecheratlas.com/2020/08/31/eine-frau-wie-rusty-in-der-hitze-eines-sommers-ist-das-fabelhafte-krimidebut-von-emma-flint/

 

 

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Nellie Bly: Around the World in 72 Days

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Monsieur Verne fragte mich, wie meine Reiseroute verlaufen sollte, und ich, glücklich, dass ich etwas sagen konnte, das er verstand, zählte für ihn auf: „ Meine Route führt von New York nach London, dann Calais, Brindisi, Port Said, Ismailia, Suez, Aden, Colombo, Penang, Singapur, Hongkong, Yokohama, San Francisco, New York.“
„Waum fahren Sie nicht über Bombay, so wie mein Held Phileas Fogg?“, fragte Monsieur Verne.
„Weil ich lieber Zeit spare, als eine junge Witwe zu retten“, antwortete ich.
„Vielleicht retten Sie ja unterwegs einen jungen Witwer“, entgegnete Monsieur Verne lächelnd.“

Nellie Bly, „Around the World in 72 Days“, 1890.

Einen jungen Witwer rettet sie tatsächlich nicht, diese rasende Reporterin, aber bei ihrem hektischen Trip um die Welt becirct sie Kapitäne, beschwatzt Botschaftsangestellte und spannt so ziemlich jeden, der ihr auf ihrer Reise begegnet, ein, um ein Ziel zu erreichen: Schneller als der Held aus Jules Vernes Roman den Globus zu umrunden. Anders, als man annehmen möchte, war dies 1890 allerdings nicht mehr ganz so das abenteuerliche Unternehmen wie Jahrzehnte zuvor.

„Von Seekrankheit unterbrochene Diners mit dem Kapitän auf der Atlantiküberfahrt, dysfunktionale Fußwärmer in europäischen Zügen und schlecht geschulte Schlangenbeschwörer in Ceylon (heute: Sri Lanka) bilden die letzten Ärgernisse in einer Welt, in der das Berliner Reisebüro von Carl Stangen bereits seit über zehn Jahren Weltreisen zum Pauschalpreis anbot.“

In seinem Vorwort zur ersten deutschsprachigen Ausgabe dieser Reisereportage (übersetzt von Josefine Haubold, erschienen im AvivA Verlag) verdeutlicht Herausgeber Martin Wagner:

„Der Tourist bewegt sich Ende des 19. Jahrhunderts bereits auf ausgetretenen Pfaden.“

So war das eigentlich Sensationelle an diesem Unternehmen, dass es eine junge, 25 Jahre alte, alleinstehende Frau war, die diese Reise antrat: Nur mit einem eigens für den Zweck erworbenen maßgeschneiderten Reisekostüm und einer handlichen Tasche, aber ausgestattet mit den Tantiemen der New Yorker Tageszeitung „The World“. Für die Journalistin, die drei Jahre zuvor mit ihrer Undercover-Reportage „Zehn Tage im Irrenhaus“ bereits für Aufsehen gesorgt hatte, wurde die Weltumrundung zum Coup, bei ihrer Rückkehr nach New York wurde sie gefeiert wie ein Star, mit der Artikelserie, die zur Reise erschien, schnellte die Auflage der Zeitung in die Höhe (wovon Nellie Bly aber nicht unmittelbar profitierte) und das darauffolgende Buch wurde ein Bestseller.

Diese Reisereportage kann man auch heute durch den „flotten“ journalistischen Stil der Autorin mit großem Vergnügen lesen – man rast mit ihr durch die Kontinente, sich durchaus bewusst machend, dass alle Eindrücke oberflächliche, im Vorbeigehen mitgenommene sind, eine Art des Reisens, die durchaus an den modernen Tourismus erinnert. Ich musste beim Lesen immer wieder an die japanische Reisegruppe denken, der ich einst in einer Pension in Avignon begegnet war – sie saßen an meinem Frühstückstisch und hakten gemeinschaftlich alle Ziele ab, die sie in ihrem Wälzer „Europe in 10 Days“ schon bewältigt hatten: Vorgestern Neuschwanstein „and the Fuckerei“ (die Fuggerei in Augsburg), gestern Paris, heute Avignon, morgen Barcelona. „Europe is wonderful, so nice, but Tokyo is more modern.“

So bringt auch Nellie Bly bei ihrer Reise ihre eigene Landkarte und ihre amerikanischen Maßstäbe mit, an der sie – auch mangels Zeit – das bemisst, was sie an der Oberfläche sieht. Und so gut man sich bei der Lektüre unterhalten kann, so sehr fallen auch zwei Dinge störend ins Gewicht, die die Autorin in ein unsympathischeres Licht stellen: Eine Form von Patriotismus und von Rassismus, die durchaus aufstößt. Erstaunlich, schrieb sie doch zuvor mit so viel Engagement über den unmenschlichen Umgang mit psychisch Kranken – doch einige Jahre später entdeckt man in ihrem Berichten von der anderen Seite der Welt wenig Empathie mit Menschen anderer Rasse. Leprakranke beschreibt sie als ekelerregend, die chinesische Bevölkerung als schmutzig, faul und hinterlistig, die Bewegungen einiger Matrosen erinnern sie an den Affen, den sie währender Reise kauft.

Martin Wagner geht auf diesen Aspekt in seinem Vorwort ausführlich ein:

„Dabei bringen erst die bedauerlich rassistischen Passagen die volle Bedeutung sowohl von Nellie Blys Rekordreise als auch vom Reisen am Ende des 19. Jahrhunderts insgesamt zu Tage. Die Geschichte des globalisierten Tourismus ist ohne seine kolonialistischen Voraussetzungen und Implikationen nicht verständlich. Der auf Weltreise befindliche Tourist bietet das schwache Abbild des einmarschierenden Imperialisten. In dem Wunsch, die Welt zu bereisen, ist der Anspruch, die Welt zu beherrschen, immer schon mit enthalten.“

Nun, Nellie Bly wollte vor allem die Zeit beherrschen, zumal zur gleichen Zeit die Reporterin Elizabeth Bisland für den „Cosmopolitan“ auf Weltreise gegangen war, eine Konkurrenz, die dem Unternehmen noch mehr Aufmerksamkeit bescherte. Bly gewann das Rennen und den Ruhm. Und hierin, in der Forschheit, dem Wagemut und der Selbstsicherheit, mit der sie ihr Unternehmen durchsetzte und durchzog, liegt auch ihr großer Verdienst. Als erste der sogenannten „girl stunt reporter“, Frauen, die undercover über die Missstände in Fabriken, Gefängnissen, Armenhäusern und anderen Institutionen berichteten, ist Nellie Bly eine weibliche Wegbereiterin des kritischen, aufklärenden Journalismus. Und ihre Reise um die Welt auch ein Akt weiblicher Selbstbestimmung.

Die unprätentiöse, selbstironische Art und Weise, wie sie sich im Kontext der Mitreisenden und Menschen, denen sie begegnet, bewegt und beschreibt, gleicht ein wenig die unsympathischeren Züge aus. Dank des Vorworts von Martin Wagner kann man das Buch in seinen geschichtlichen Kontext setzen, die kritischen Passagen entsprechend bewerten und es dennoch als amüsantes, unterhaltsames Zeugnis seiner Zeit lesen. Und bei der ironischen Betrachtung ihrer Reisegenossen fühlt man sich durchaus an eigene Erlebnisse, die man beim Reisen hatte, erinnert:

„Ich kenne mich mit Eseln aus, weil ich einige Zeit in Mexiko gelebt habe, aber viele der Passagiere fanden die Esel durchaus neuartig und wollten unbedingt auf ihnen reiten, bevor sie zum Schiff zurückkehrten. Also saßen alle auf, die ein Reittier finden konnten, und jagten durch das malerische, verschlafene Städtchen. Dabei schrien sie vor Lachen und sprangen wie Gummibälle in ihren Sätteln auf und ab (…).“

Ein Reisebegleiter von mir beliebte einstmals bei einer solchen Szene, deren wir ansichtig wurden, zu sagen: „Da weiß man wirklich nicht, wo der Esel nun aufhört oder anfängt.“

Informationen zum Buch: „Around the World in 72 Days“


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Benjamin Alire Sáenz: Alles beginnt und endet im Kentucky Club

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Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Einst war er, als in den USA die Prohibition und später die Prüderie herrschte, die erste Anlaufstelle nach der Grenze: Der berühmte Kentucky Club in Juárez. Es heißt, Marilyn Monroe habe hier eine Lokalrunde geschmissen, um ihre Scheidung von Arthur Miller zu feiern. Andere sprechen von Elizabeth Taylor gegen Eddie Fisher. Wie auch immer. Verbürgt ist, dass Liz Taylor mit Ehemann und Saufkumpan Richard Burton hier abhängte, Bob Dylan auf der Suche nach Inspiration war und Ronald Reagan nach Abkühlung von der mexikanischen Hitze. Angeblich wurde auch die Margaritha in dieser Lokalität erfunden. Kurzum: Der Kentucky Club war ein Ort, an dem man gerne war. Bis die Drogenkartelle kamen. Und Juárez zu einer der tödlichsten Städte Mexikos wurde. In Sichtweite: das texanische El Paso, Ort der Ruhe und – Bigotterie.

2012 wurde in der „Welt“ über die groteske Verschiedenheit der Nachbarorte, die nur durch eine Grenzbrücke getrennt sind, geschrieben:

„Der Krieg diverser Gangs und Drogenkartelle hat aus Juárez eine der gefährlichsten Städte der Welt gemacht. In El Paso herrscht Ruhe und ein fast gespenstischer Wohlstand. Es ist eine der sichersten Städte der USA.“

Die Grenze: sie ist auch in sieben Erzählungen, die der amerikanische Schriftsteller Benjamin Alire Sáenz unter dem Titel „Everything Begins and Ends at the Kentucky Club“ zusammenstellte, immer präsent. Das Buch erschien 2012 in einem kleinen Verlag in El Paso, blieb zunächst kaum beachtet, bis der Erzählband 2013 den renommierten Pen/Faulkner Book Award erhielt. Seit 2014 liegt er in deutscher Übersetzung vor.

Die Geschichten vom Leben an der amerikanischen-mexikanischen Grenze, das Gefälle von Reichtum und Armut, die Spirale aus Drogenkriminalität, Gewalt und dem Auswanderungswunsch jener, die sich befreien wollen aus den Krakenarmen der Kartelle, diese Geschichten treffen in das amerikanische Herz und in den mexikanischen Geist. Denn die Kehrseite der Medaille ist die Gewalt an Immigranten – so „markieren“ einige US-Boy einen jungen Mexikaner mit dem Messer -, der aggressive Versuch, sich abzuschotten, der Flucht in die Sucht, die Bigotterie auf der einen Seite der Grenze. Alire Sáenz erzählt von Paaren, die damit rechnen müssen, dass der, der auf der „falschen“ Seite lebt, eines Tages spurlos verschwindet.

Er erzählt von Menschen, die sich lieben, obwohl einer für die Kartelle arbeitet – und damit in ständiger Lebensgefahr schwebt.

Er erzählt von Jungen, die ihren Vätern nachtrauern – Dealern, die selbst in die Abhängigkeit verschwinden, Rednecks voller Homophobie, Männern, die eines Tages einfach nicht mehr da sind.

Die Gewalt beschreibt Alire Sáenz dabei nicht explizit. Vielmehr sind dies beinahe zurückgenommene, stille Erzählungen. Einzelschicksale, die den Zustand einer zerrissenen Gesellschaft widerspiegeln. Grenzgänger, verloren zwischen zwei Welten, ohne große Perspektiven, ohne Hoffnung. Wenn, dann tritt die Gewalt als Reflektion über die Gewalt in das Buch:

„Dann lösten sich meine Gedanken von der Unterhaltung und ich fragte mich, wie es wäre, jemanden eine Knarre an den Kopf zu halten, jemanden zu entführen, einen Menschen zu foltern. Wie es wäre, jemanden die Hände abzuhacken? Ich wusste, dass es eine Mailingliste für die Zählung der Toten gab, weil ich diese Mailingliste abonniert hatte. Das Problem war, dass die Toten keine Namen hatten. Manchmal dachte ich mir Namen für sie aus.
Ich hatte eine ganze Liste mit diesen Namen.
Das alles, dachte ich, das alles kam durch Männer wie meinen Vater.“

Es sind leise, beinahe schon melancholische Geschichten, geprägt von einer stillen Trauer. Und über diese sowie über die Einsamkeit tröstet sich mancher im Kentucky Club hinweg – die Bar spielt keine Hauptrolle, ist aber Anlaufpunkt in jeder der einzelnen Geschichten.

Inzwischen, im Jahr 2015, hat sich die Lage in Juárez wieder etwas beruhigt – die Gefahr ist nicht mehr so hoch, zufällig Opfer von Querschlägern inmitten eines Bandenkrieges zu werden.

Die Menschen kommen zurück in den Kentucky Club.

Das Leben ist wieder da – was Alire Sáenz, der auch gegen den Niedergang seiner Region anschrieb, sichtlich freut:

We’re people who feel and breathe and die and suffer and hope for salvation and yearn for love,“ he says. „We’re not just a newspaper headline.“

Das Buch wurde von Sabine Hedinger übersetzt und erschien 2014 beim Ripperger & Kremers Verlag unter dem Titel „Alles beginnt und endet im Kentucky Club“. Eine Leseempfehlung für Fans amerikanischer Literatur!


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Joshua Cohen: Auftrag für Moving Kings

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Bild von Ulrike Leone auf Pixabay

„Es war unerklärlich, dass er zustimmte – und was er bei der Ankündigung von Yoavs Kommen empfand. Seine gierige Bereitschaft zwischen den erholsamen Dämmerphasen, dem Morphiumschlaf, der faden Diät, kein Nikotin, kein Alkohol. Es war eine Schwäche des Herzens. Während der Behandlung hatte er sich mit Sentiment angesteckt, mit Nostalgie, ein schlimmer Fall von Krankenhausinfektion. Aus dem Nichts hatte David plötzlich ein Sehnen verspürt, aber nicht nach Naheliegendem, sondern nach fernen Dingen.“

Joshua Cohen, „Auftrag für Moving Kings“.

David King, ein älterer Transportunternehmer in New York, ein Selfmademan, einer, der den amerikanischen Traum lebte, vom Tellerwäscher zum Großunternehmer. Trinkt zu viel, raucht zu viel, isst die falschen Sachen, ist aber zu eingefahren, seinen Lebensstil zu ändern, selbst zu bequem, sein emotionales Leben in Ordnung zu bringen. Seine Exfrau hat ihn vor die Tür gesetzt, seine Geliebte, zugleich auch seine wichtigste Mitarbeiterin, die den Laden zusammenhält, hofft endlich auf etwas Verbindliches und seine Tochter ist nach Drogenabstürzen und Entzug ein emotionales Wrack. Da erscheint zum rechten Augenblick Yoav, der Neffe aus Israel, der sich nach seinem Militärdienst auf Orientierungssuche begibt. Er könnte für King, dessen Pumpe aufgrund seines Lebensstils in Streik geht, der Anlass für einen Neubeginn sein – doch hier nimmt das Buch eine neuerliche Wendung und rückt weitere Personen in den Vordergrund. Erzähltechnisch bedingt bricht die Geschichte Kings ab, baut sich zwischen den zwei Männern keine eigene Beziehung auf. Schade eigentlich.

Joshua Cohen steht einerseits in der Erzähltradition großer amerikanischer Romanciers wie Saul Bellow, Philip Roth, John Updike. Darüber hinaus jedoch gilt er auch als das Pendant zu David Forster Wallace, schreibt moderner, avantgardistischer als die Granden des amerikanischen Romans. Doch mit ihnen gemein hat er, dass er das Urbane in den Fokus nimmt, Männer mit Brüchen in den Lebensläufen und den Seelen in diese Welt stellt, meist jüngere beziehungsweise modernere Rabbitts. Cohen kombiniert einen messerscharfen Blick für das Alltägliche mit den gesellschaftlichen Megathemen – so eignet sich sein jüngster Roman, der in der deutschen Übersetzung von Ingo Herzke beim Schöffling Verlag erschien, natürlich dafür, um insbesondere den Folgen der amerikanischen Immobilienkrise, der Gentrifizierung und zunehmenden Obdachlosigkeit ihren Raum zu geben.

Doch daran kränkelt dieses Buch auch ein wenig: Es sind so viele Bücher in einem, zu viel wird angerissen, zu wenig auserzählt. Ähnliches bemerkte Ulrich Rüdenauer im WDR, den die Erzählkunst Cohens begeisterte, der aber an der Komposition des Buches als „einerseits zu ambitioniert, andererseits als zu sprunghaft“ seine Kritik hatte:

„Die Beschreibung der Wohnungsräumungen korrespondiert mit Yoavs Erinnerungen an die Militäreinsätze in den besetzten Gebieten, das äußerst robuste Vorgehen gegen die Palästinenser. Die eine Arbeit unterscheide sich kaum von der anderen, denkt Yoav. Man würde diesem inneren Konflikt gerne weiter folgen. Die Ängste, die Tragik, die Traumata Yoavs werden angerissen, aber nicht auserzählt. Am blassesten bleibt Avery Luter, die zuletzt eingeführte Hauptfigur. Cohen scheint zu sehr darum bemüht, verschiedenste gesellschaftliche Themenfelder in seinem Buch unterzubringen – Israel, Juden in der Diaspora, Gentrifizierung, Rassismus, das Auseinanderbrechen gesellschaftlicher Zusammenhänge. Jedes für sich genommen kommt dabei zu kurz.“

Vielleicht hätte Cohen, sonst auch eher ein Mann voluminöser Romane, schaut man auf das „Buch der Zahlen“ oder „Solo für Schneidermann“, einfach mehr Raum gebraucht. Gefolgt wäre ich ihm gerne: Denn Cohen ist ein starker und intelligenter Erzähler, hat eine Hand für Figuren, zeichnet plastisch, humorvoll, ironisch, zuweilen auch sarkastisch und ist bei allem Anspruch, den er an seine Leser stellt, immer auch wahnsinnig unterhaltsam.

Mehr Informationen zum Buch:
Joshua Cohen
„Auftrag für Moving Kings“
Aus dem Amerikanischen von Ingo Herzke
Schöffling Verlag 2019 (Link zum Buch mit Leseprobe)
Gebunden, 288 Seiten, 24 Euro
ISBN 9783895616280


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William Melvin Kelley: Ein anderer Takt

„Hör zu, Harold“, sagte er und suchte nach Worten, die sogar ihm selbst eigenartig vorkamen. Er wusste nicht genau, warum er sich fühlte, wie er sich fühlte, spürte aber, dass es irgendwie richtig war, diese Gefühle zu haben und seinem Sohn davon zu erzählen. „Eines Tages, wenn du so alt bist wie ich jetzt, ist das Leben vielleicht nicht mehr so, wie es jetzt ist, und darauf musst du vorbereitet sein, verstehst du? Wenn du dann so bist wie einige meiner Freunde, wirst du mit allen möglichen Leuten nicht auskommen können. Verstehst du?“

William Melvin Kelley, „Ein anderer Takt“, Originalausgabe 1962.

Was der gutmütige Farmer Harry seinem Sohn da im Jahr 1957 etwas verklausuliert mitteilen will, ist seine Ahnung davon, dass die von Weißen errichteten Rassenschranken in den Südstaaten der USA nicht in alle Ewigkeit Bestand haben werden. Dass sie, auch das denkt sich Harry, verschweigt es jedoch wohlweislich vor Freunden und Nachbarn, widernatürlich sind. Und es eines Tages selbstverständlich sein wird, dass Freundschaft, Solidarität, auch Liebe keine Rassengrenzen mehr kennt.

Dass die Nachfahren der afrikanischen Sklaven jedoch Menschen zweiter Klasse sind, ohne Rechte und Ansprüche, unter sich lebend, lediglich geduldet ihrer Arbeitskraft wegen, das ist in diesen Tagen in den Südstaaten einfach Gesetz. Da geschieht in einem fiktiven Bundesstaat irgendwo im Süden der USA, den William Melvin Kelley für seinen Debütroman erfand, etwas Ungeheuerliches. Es beginnt mit der scheinbaren Wahnsinnstat des bis dahin unscheinbaren Tucker Caliban. Tucker, Nachfahre eines sagenumwobenen Sklaven (der spektakulär im Widerstand gegen seine Gefangennahme starb), probt den Aufstand auf seine Art: Er versalzt seine Felder, tötet sein Vieh, fackelt seine Hütte ab, packt seine Frau und geht. Geht ganz einfach. Und seinem Beispiel folgt, ruhig, leise, geordnet, die komplette schwarze Bevölkerung des fiktiven Staates. Einem Exodus gleich ziehen sie mit ihren Familien und dem wenigen Hab und Gut innerhalb weniger Tage fort, Richtung Norden.

Aus der Perspektive weißer Männer

In seinem raffiniert konstruierten Roman lässt William Melvin Kelley diese ungeheurere Begebenheit aus den Augen mehrerer Weißer betrachten. Nicht aus den Augen überzeugter Rassisten, diese Falle vermeidet er. Es sind die von Natur aus gutherzigen Menschen wie Harry und sein kleiner Sohn und die Aufgeklärten, wie der kommunistisch angehauchte, im Leben gescheiterte Gutsherrensohn Dewey, die aus ihrer Perspektive erzählen. Gerade durch diesen Kniff, jene zu Erzählern zu erheben, die zwischen den beiden Welten stehen, wird die alltägliche Grausamkeit des systematischen Rassismus umso deutlicher.

Dewey, der Mann mit den gescheiterten Träumen, glaubt in Tucker Caliban gar jemanden gefunden zu haben, der auch ihn befreit und kann in seinen Worten doch nicht verbergen, dass er sich insgeheim überlegen fühlt:

„Sein gestriger Akt der Entsagung war der erste Schlag gegen meine verschwendeten zwanzig Jahre – zwanzig Jahre, die ich mit Selbstmitleid vertan habe. Wer hätte gedacht, dass eine derart schlichte, primitive Tat einen so gebildeten Menschen wie mich etwas lehren kann?
Jeder, jeder kann seine Ketten abstreifen. Der nötige Mut, ganz gleich, wie tief er begraben ist, wartet nur darauf, gerufen zu werden. Es braucht nur die rechte Ermunterung, die richtige ermunternde Stimme, dann springt er hervor, brüllend wie ein Tiger.“

Dass das so einfach nicht ist, das wird Dewey am eigenen Leib erfahren: Als dem weißen Mob des Städtchens bewusst wird, was es bedeutet, wenn von einem Tag auf den anderen da niemand mehr ist, der ihre Äcker pflügt, die Häuser sauber hält, die öffentlichen Gebäude pflegt, kurzum, wenn da niemand mehr ist, der das tägliche Leben in Gang hält, da schlägt die Verblüffung in rasende Wut um. Wut, die sich entladen muss – der Roman schließt mit einer grausamen Tat.

Vielleicht ist dieses Ende auch prophetisch zu interpretieren, vielleicht wollte William Melvin Kelley damit deutlich machen, dass es so einfach mit Gleichberechtigung und Emanzipation der schwarzen Bevölkerung nicht gehen wird. Dass „der weiße Mann“ immer wieder zurückschlagen wird – gerade dies macht das Buch in Zeiten der Trump-Ära bemerkenswert aktuell. Über diesen politischen Aspekt hinaus ist „Ein anderer Takt“ auch in vielerlei anderer Hinsicht eine große Empfehlung: Das Debüt eines Autoren, der es erreicht, in einem ruhigen, beinahe lakonischen Ton (wunderbar übersetzt von Dirk van Gunsteren) von einem eigentlich fantastischem Ereignis zu erzählen und dabei ganz lässig den alltäglichen, in Fleisch und Blut übergegangenen Rassismus seiner Protagonisten zu entblößen.

Ein in Vergessenheit geratener Autor

Einen eigenen Roman wert wäre das Leben und die Wiederentdeckung des Schriftstellers William Melvin Kelly (1937 – 2017). Im Grunde wollte Kelley als junger Mann Anwalt für Bürgerrechte werden, doch eine Leseschwäche, die er nie ablegen konnte, machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Im Nachwort zur deutschsprachigen Erstausgabe seines Debütromans schreibt Jessica Kelley über ihren Vater:

„Kelley, schon damals ein begabter Geschichtenerzähler, ein Talent, das er auf seine Großmutter Jessie Marin Garcia zurückführte, wechselte das Studienfach, belegte Englisch und besuchte Seminare von John Hawkes und Archibald MacLeish (…) Kelley merkte bald, dass ihm das Schreiben wichtiger als alles andere war und brach sein Studium in Harvard sechs Monate vor dem Abschluss ab. Zwei Jahre darauf, 1962, erschien sein erster Roman, A Different Drummer.“

Nach dem Mord an Malcom X. beschließt Kelley, mit seiner jungen Familie die USA zu verlassen. Erst nach Jahren wird er wieder in sein Heimatland zurückkehren. 1970 erscheint sein letzter Roman, danach veröffentlicht er zwar noch Essays und Kurzgeschichten, unterrichtet als Dozent für Kreatives Schreiben, gerät jedoch mehr und mehr in Vergessenheit im manchmal sehr kurzlebigen Literaturbetrieb.

Einem Zufall ist es zu verdanken, dass sein Debütroman zunächst nach einer Neuauflage in den USA zu einer literarischen Sensation wurde und seine Romane nun wiederentdeckt werden: Die Journalistin Kathryn Schulz, deren Vorwort auch in der deutschsprachigen Ausgabe zu finden ist, stößt bei einem Trödler auf eine vergilbte Ausgabe des Buchs. Und ist sofort fasziniert von der Originalität der Geschichte und Kelleys Stil.

„Das Ende von „Ein anderer Takt“ ist pessimistisch, nicht so sehr in Bezug auf das Schicksal der Afroamerikaner als vielmehr auf das moralische Potenzial der Weißen. Und doch verdankte Kelley diesem Umstand den mächtig optimistischen Start seiner Karriere. Dies war einer der seltenen Erstlingsromane, denen zwangsläufig weitere vielversprechende Bücher folgen – und tatsächlich veröffentlichte Kelley in weniger als zehn Jahren vier weitere Romane. Doch war ich nicht die Einzige, die noch nie von ihnen gehört hatte. Nach dem furiosen Start seiner Karriere geriet Kelley schon zu Lebzeiten fast in Vergessenheit. Kein seltenes Schicksal für einen Autor. Merkwürdig an dem Kelleys ist aber, dass er heute nicht wegen der Schwächen seiner Bücher, sondern wegen ihrer unheimlichen Stärken kaum noch gelesen wird.“

Mehr Informationen zum Buch:

William Melvin Kelley
 „Ein anderer Takt“
Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren
Hoffmann und Campe, Hamburg 2019
300 Seiten, 22 Euro
ISBN: 978-3-455-00626-1

Eine weitere Besprechung findet sich bei: Anna von der Buchpost


 

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Bill Clegg: Neunzig Tage

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Bild von Markus Spiske auf Pixabay

„Neunzig Tage ist haarsträubend ehrlich, ein Drahtseilakt auf Messers Schneide, eine Balance zwischen dem Wunsch nach Sucht und dem nach einem neuen Leben, doch das eigentliche ist die tiefe Emotionalität, die den Leser so berührt, mitreißt, die einen so nah ran kommen lässt, mitten ins Geschehen. (…)
Bill Clegg erzählt brutal ehrlich, voll literarischer Sensibilität und erschütternd authentisch eine wahre Geschichte. Seine Geschichte.“

Bill Clegg, „Neunzig Tage. Eine Rückkehr ins Leben“, S. Fischer Verlag.
Link zur Verlagsseite:
http://www.fischerverlage.de/buch/neunzig_tage_eine_rueckkehr_ins_leben/9783100109491

Ausnahmsweise zu Beginn einmal kein Zitat aus dem Buch, sondern aus dem dazugehörigen Klappentext. Weil das Mitreißendste an diesem Buch für mich diesmal der Klappentext war. Brutal ehrlich übertrieben. Da hat sich jemand wirklich ins Zeug gelegt.

Gut, Klappentexte sind Reklame, müssen werberisch und marktschreiend daherkommen. Keiner wird ein Buch anpreisen mit den Worten: „Dies ist die wahre Geschichte eines Mannes, der nach Crack und Alkohol süchtig war, alles verloren hat – Beziehung, Freunde, Job, Wohnung – sich berrappeln muss, eine neue Existenz aufbauen muss, zunächst ein mitreißendes Buch über seinen Weg in die Sucht schreibt, als Literaturagent weiß, wie sich das verkaufen lässt, und dann offenbar – vielleicht auch als Therapie – ein zweites Buch über den harten Weg des Entzugs nachlegt, das nun aber eher flüchtig geschrieben erscheint, in dem wenig reflektiert wird, das eher eine Aneinanderreihung von Begegnungen und Ereignissen ist, das letztendlich eine Beschreibung einer Lebensphase, wenn auch einer sehr harten, von einigen Monaten ist, das aber auf den Leser eben weder erschütternd, noch emotional, literarisch sensibel oder gar tief berührend wirkt, außer er hat vorher noch nichts zum Thema gelesen.“ Das wäre freilich kontraproduktiv. Dennoch – zwischen dem Erstling „Portrait eines Süchtigen als junger Mann“ und dem Nachfolger „Neunzig Tage“ sowie dem dazugehörigen Klappentext klaffen Welten. Finde ich.

Das ist so ein wenig die Crux mit Bekenntnis- und Aufarbeitungsliteratur. Es gibt eine Flut davon. Beim überwiegenden Anteil denkt man sich: Wenn es der Autorin, dem Autoren gut tat, das Buch zu schreiben, dann hat es einen Zweck erfüllt. Aber nicht alles davon – oder besser: wenig davon – ist wirklich großartige Literatur. Aus der Masse der bekennenden autobiographischen Aufzeichnungen ragen selten wirklich auch literarisch anspruchsvolle Bücher heraus. Noch seltener sehr gute.

„Neunzig Tage“ gehört nicht dazu. Freilich: Es ist lesbar. Routiniert geschrieben. Man merkt Bill Clegg an, dass er die Literaturszene kennt, dass das Schreiben und die Literatur zu seinem Alltag gehörte – vor dem Absturz und inzwischen wieder. Doch die knapp 200 Seiten, die er mit dem anstrengenden Weg nach der Entzugsklinik füllt, indem er beschreibt, wie er sich so etwas wie einen Alltag wieder erkämpft, ließen mich eigenartig unberührt zurück. Mein erster Gedanke nach der Lektüre: Irgendetwas fehlt.

Clegg schildert, wie er nach der Klinik zunächst im Arbeitsstudio eines Freundes unterkommt, sich eine eigene Wohnung besorgt, einen „Paten“ zugesprochen erhält, zu Selbsthilfegruppen geht, dort Leute kennenlernt, die – wie er – jeweils gegen den nächsten Rückfall kämpfen, wie er selbst mehrfach von der Sucht wieder eingeholt wird und dann wieder aufsteht, bis er letztlich sagen kann: „Neunzig Tage“. Diese neunzig Tage sind die magische Zahl, die es ohne Drogen und Alkohol zu überstehen gilt, um aus „dem Gröbsten“ heraus zu kommen. Wie er sich letztlich zu diesen neunzig Tagen durchkämpft, ist jedoch mehr eine Aneinanderreihung von äußerlichen Erlebnissen – er erzählt von Begegnungen mit Freunden, die ihm das Vertrauen nicht entzogen, vom Vermeiden von „Triggerzonen“, von Verkauf des Familiensilbers, um seine Miete bezahlen zu können – und wie ein Teil des Geldes prompt in der Crackpfeife aufgeht, ein brutaler Rückfall erfolgt. Er erzählt vom Fallen und Wiederaufstehen, von der Freundschaft zu einer Abhängigen, die fast zu Tode kommt, von Freunden, die vom Tod gezeichnet sind und anderen, die es, wie er, schließlich schaffen. Man könnte auch sagen: Er berichtet von dramatischen Ereignissen beinahe so distanziert, als würde er in der Rückschau die Person betrachten, die er einmal war – und dabei gleichzeitig auf Abstand halten, weil diese Person ihn zu sehr verletzte. Statt tiefer Emotionalität – wie im Klappentext beschrieben – eher eine distanzierte Außenschau, der Leser dabei selbst beinah wie ein Voyeur.

Bei all den äußerlichen Beschreibungen bleibt die innere Reflexion zurück. Aber vielleicht ist dies so, wenn man gegen den Dämon Sucht ankämpfen muss: Dass man anfangs zunächst nur zusehen kann, dass man überhaupt über-lebt. Dass da wenig Raum bleibt, um zu reflektieren – sondern nur Raum, um Tag für Tag zu schaffen. Neunzig Tage.

Was letzten Endes für Bill Clegg der Schlüssel war, um seinen Weg zurück ins Leben zu finden, auch das bleibt im Ungefähren. Hier jedoch mit einer Begründung an seine Leser:

„Für einen Monat war ich auf einer Insel, wo es keinen Treffpunkt für heilungswillige Alkoholiker und Süchtige gab. Wenn man aus dem Schmerz lernt, dann war die schmerzliche Lektion des Inselaufenthalts, dass ich auf diese Treffen, auf die Süchtigen und Alkoholiker angewiesen bin. Ich brauche sie wie Sauerstoff. Ganz gleich, wie wohl, wie clean, wie obenauf ich mich fühle. Es gibt viele Heilungsprogramme. Kostenpflichtig, unentgeltlich, anonym und nicht anonym. Ich sage hier nicht, an welchem ich teilnehme, weil ich nicht möchte, dass das Programm für irgendetwas, was ich sage, tue oder schreibe, verantwortlich gemacht wird. Nichts soll Sie daran hindern, es zu finden, wenn es Ihnen helfen kann. Alkoholiker und Süchtige legen sich schon genug Steine in den Weg zu ihrer Besserung, da möchte ich keine hinzufügen.“

Insofern ist „Neunzig Tage“ keine Empfehlung, die ich Lesern weitergeben würde, die hoffen, auf ein sensationell geschriebenes Buch zu stoßen. Wer Literatur zur Thematik sucht, die zudem sprachlich herausragend ist, dem sei dagegen noch einmal Schluckspecht ans Herz gelegt.

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Joey Goebel im Gespräch: „Die Welt bräuchte dringend mehr schüchterne Menschen“

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Bild von Free-Photos auf Pixabay

EIN GASTBEITRAG VON VERONIKA ECKL

Nein, der Mann, der in seinem Anzug und mit den gepunkteten Socken in der Lobby des Hotels Bayerischer Hof in Freising sitzt, ist sich nicht zu schade für eine Lesung in einer kleinen Stadt. Ein paar Tage vorher war Joey Goebel, dessen Romane Vincent, Freaks, Heartland und Ich gegen Osborne inzwischen in 14 Sprachen übersetzt werden, in Berlin zu Gast – an diesem Abend wird er in der örtlichen Buchhandlung aus seinem soeben erschienenen Kurzgeschichtenband Irgendwann wird es gut lesen und danach mit den Gastgebern im Hinterhof grillen. Er freut sich drauf und findet es cool, „dass sich hier alle für meine Bücher interessieren.“

Veronika Eckl traf den Schriftsteller vor der Lesung für ein Interview für Sätze&Schätze.

Joey, Sie waren gerade eine Woche lang in Deutschland unterwegs. Finden Sie, dass Kleinstädte hier und in den USA etwas gemeinsam haben, oder sind das ganz andere Welten? 

Goebel: Oh ja, ich glaube, sie haben etwas gemeinsam. Die Leute, die dort leben, denken oft, dass sie aus ihrem Kleinstadtschicksal nicht rauskommen. Sie sind überzeugt, dass das Leben anderswo stattfindet.

„Irgendwann wird es gut“ beschreibt das Leben ganz unterschiedlicher Menschen in Moberly, einer fiktiven Kleinstadt, die große Ähnlichkeit zu Ihrer Heimatstadt Henderson in Kentucky aufweist. Warum haben Sie diesen Schauplatz gewählt, warum nicht eine Großstadt wie New York oder Los Angeles?

Goebel: Ganz einfach, ich habe mein ganzes Leben in einer kleinen Stadt gelebt. Und die amerikanischen Verlage produzieren ständig irgendwelche Bücher, die in den Großstädten der USA spielen. Davon gibt es wirklich genug. Ich wollte eine modernere Version von Sherwood Andersons Winesburg, Ohio schreiben, einem Klassiker der amerikanischen Literatur. Das ist ein Band von Erzählungen über die Bewohner eines kleinen Orts im Mittleren Westen um 1890.

Auch Sie erzählen von kleinen Leben, klein wie die Form der Kurzgeschichte, die Sie gewählt haben. Das Leben Ihrer Protagonisten in Moberly erscheint langweilig und einsam, ja bedrückend. „In Winstons Leben gab es keinen Platz für Hoffnung“, heißt es in der short story über einen Messie, der sein Haus nicht mehr verlässt. Ist es härter, in einer kleinen Stadt zu leben als in einer großen?

Goebel: In der Kleinstadt gibt es weniger Anregungen, weniger Zerstreuung. In meiner Stadt, Henderson, existieren wenige Orte, wo man hingehen kann. Man wird alleingelassen mit sich selbst und seinen eigenen Gedanken, und das macht das Leben natürlich nicht einfacher. Man empfindet das Leiden am Alltag intensiver.

Ihre Geschichten spielen im Hotel, in einem Antikmarkt, im Secondhand-Laden der Heilsarmee. Wie wählen Sie Ihre Schauplätze aus?

Goebel: Es gibt in solchen kleinen Städten eben nicht viele aufregende Orte. Hotels liebe ich, weil sie für Möglichkeiten stehen, vielleicht auch für ein Liebesabenteuer, oder für Traurigkeit und Einsamkeit. Einen Antikmarkt haben meine Eltern gekauft, als sie in Rente gingen. Und in meiner Heimatstadt spielt der Laden der Heilsarmee tatsächlich eine Rolle, weil viele Leute arm sind. Übrigens haben wir wirklich einen eigenen Fernsehsender, so wie den, bei dem die Moderatorin Olivia arbeitet, die von gleich zwei Männern gestalkt wird. Ich interessiere mich sehr für diese Moderatoren von Lokalsendern, die nur für ein kleines Publikum interessant sind, für dieses aber umso mehr.

Sonderbarerweise denkt keiner ihrer Protagonisten darüber nach, aus Moberly zu fliehen, die Kleinstadt hinter sich zu lassen. Warum?

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Joey Goebel. Foto: Regine Mosimann/Diogenes Verlag

Goebel: Die Figuren haben den Gedanken an Flucht schon im Hinterkopf, aber dazu kommt es nicht. Zum einen haben sie alle Geldprobleme. Und dann gibt es wohl oft etwas, was sie zurückhält. So war es auch bei mir: Mein Vater wurde sehr krank, als ich elf war, und er starb, als ich 16 war. Ich hatte das Gefühl, dass meine Mutter und meine Schwester mich brauchten. So kommt es, dass ich jetzt 38 Jahre alt und nie weggegangen bin.

Das erinnert an die Kurzgeschichte „Es wird alles schlecht werden“, in der eine Mutter und ihr erwachsener Sohn sich nach dem Unfalltod des Vaters gemeinsam in ein Schicksal ergeben, das von der Einnahme von Psychopharmaka bestimmt wird.

Goebel: Ja, diese Story ist ein totaler Magenschwinger. Da gibt es wirklich keine Hoffnung. Für mich selbst kann ich sagen: Ich wäre ohne den frühen Tod meines Vaters wahrscheinlich nicht Schriftsteller geworden.

Ihre Eltern waren Sozialarbeiter und auch Sie wirken wie ein Sozialarbeiter, wenn Sie mit einfühlsamer Sympathie, mit lakonischem Humor über ihre unglücklichen Helden schreiben. Existieren die wirklich, oder kommen sie aus Ihrem Inneren?

Goebel: Schreiben ist tatsächlich Sozialarbeit, man muss mit den Figuren sympathisieren. Ich bin übrigens der einzige in meiner Familie, der diesen Job nicht macht; auch meine Schwester ist Sozialarbeiterin. Ein paar dieser Figuren gibt es wirklich; etwa Mr. Baynham, einen älteren Herrn, der in Hollywood beim Film gearbeitet und mit James Dean befreundet war. Aber die meisten kommen aus mir, sie sind Teile meiner Persönlichkeit. Ich habe so viele Neurosen, dass ich aus jeder einzelnen eine Figur machen kann.

Gibt es einen Helden, den Sie besonders gerne mögen, dem sie eine Chance geben, später vielleicht einmal ein glückliches Leben zu führen?

Goebel: Ich mag natürlich den 16 Jahre alten Luke, diesen einsamen Teenager aus “Skanky Baby“, der für seine Punkband lebt und davon träumt, die Kleinstadt hinter sich zu lassen. Das bin ich selbst in dem Alter. Ich hatte keine Freundin, war nicht sportlich, hatte aber die Platten seltsamer Bands zuhause, die sonst niemand besaß.

Und mir liegt Carly am Herzen, die Protagonistin aus „Antikmarktmädchen“, die mit den Gleichaltrigen in der Schule nicht zurechtkommt und ältere Dinge, ältere Menschen bevorzugt, sich mit einem älteren Mann anfreundet. Sie ist meiner Schwester nachempfunden, deren Schüchternheit ich sehr schätze. Die Welt ist nicht für die Schüchternen gemacht, aber sie bräuchte dringend mehr schüchterne, ruhige Menschen, denn diese Menschen denken mehr nach als andere.

Alle ihre Protagonisten sind schrecklich einsam. Warum?

Goebel: Sie alle sehnen sich danach, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten, und scheitern. Bücher über Leute, die sich kriegen und Sex haben und glücklich sind, gibt es genug. Ich wollte zeigen, wie sich der ganze Rest von uns fühlt. Dazu habe ich mir die Regel gegeben: Keinen Sex! Die intensivste körperliche Annäherung, die es im ganzen Buch gibt, ist ein Handkuss. Alle sind und bleiben einsam, bis auf Winston, den Helden der letzten Geschichte „Der Mann, der sich selbst genügte“. Er hatte sich eigentlich für immer in seinem Haus verschanzt, geht aber eines Tages doch raus auf die Straße, weil er fasziniert ist von einer Frau, die jeden Tag an seinem Fenster vorbeikommt. Er ist der einzige, der es schafft, aus sich herauszutreten. Und findet Moberly plötzlich zauberhaft.

Einsamkeit gilt inzwischen als eine der Volkskrankheiten unserer Zeit. Stimmt das?

Goebel: Ich glaube schon, dass die neuen Technologien, die sozialen Medien die Einsamkeit vergrößert haben, auch wenn man meinen könnte, das Gegenteil sei der Fall. Facebook, Twitter und Co. vermitteln den Leuten den Eindruck, dass das Leben eine große Party ist, zu der sie nie eingeladen sein werden.

In der Kurzgeschichte über die Fernsehmoderatorin Olivia, die nach einem Selbstmordversuch in einer Klinik landet, wird die Frage in den Raum geworfen: „War diese Trostlosigkeit etwa die ganze Zeit nur in einem selbst gewesen?“ Was meinen Sie, beeinflusst uns der Ort, an dem wir leben, oder beeinflussen wir den Ort, an dem wir leben?

Goebel: Genau darum geht es in dem Buch. Ich denke, das Leben ist das, was wir daraus machen. Wo auch immer du lebst, deine Einstellung ist entscheidend. Wenn du in Kentucky deprimiert bist, wirst du auch in L.A. deprimiert sein.

Und Sie bleiben Henderson, Kentucky treu?

Goebel: Wissen Sie, eigentlich würde ich gerne nach Deutschland ziehen. Haben Sie ein Gästezimmer? Hier werde ich als Schriftsteller geschätzt, in den USA nicht. Und ich bin stolz darauf, dass ich in Europa bekannter bin als in Trump-Land! Ich unterrichte ja Englisch an einer Highschool, und meinen Schülern sage ich manchmal im Spaß: ‚Hey, seid mal ruhig, wisst ihr eigentlich, dass auf der anderen Seite des Ozeans Leute dafür bezahlen, dass sie mir zuhören dürfen?‘

Ich mag das deutsche Essen, das Bier, das Interesse für Literatur. Meine Eltern hatten beide deutsche Vorfahren. Mein Blut wurde wohl nie richtig amerikanisiert. Aber in Henderson lebt mein kleiner Sohn, und was würde meine Ex-Frau sagen, wenn ich fortgehen würde? Anyway, wie es so schön heißt: „The grass is always greener on the other side.“

Veronika Eckl


Informationen zum Buch:

Joey Goebel
„Irgendwann wird es gut“
Diogenes Verlag 2019
22,00 Euro, Hardcover, Leinen, 320 Seiten
ISBN: 978-3-257-07059-0

Vivian Gornick: Ich und meine Mutter

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Bild von miawicks9 auf Pixabay

„Sie war überall, immer hinter mir her, innerlich wie äußerlich. Ihr Einfluss klebte wie eine Membran in meinen Nasenlöchern, auf meinen Lidern, in meinem offenen Mund. Ich nahm sie mit jedem Atemzug in mich auf. Ich dämmerte in ihrer betäubenden Atmosphäre vor mich hin, konnte dem schweren, klaustrophobischen Wesen ihrer Gegenwart, ihrem Sein, ihrer erstickenden, leidenden Weiblichkeit nicht entkommen.
Ich hatte keine Ahnung.“

Vivian Gornick, „Ich und meine Mutter“, Penguin Verlag, 2019.

Mütter und Töchter: Selten ein unkompliziertes Verhältnis. Meist ein lebenslanges Ringen zwischen Zuneigung und dem Wunsch nach Autonomie. Das Gefühl, sich am Vorbild Mutter messen zu müssen und sich zugleich davon befreien zu wollen, es endet im Grunde nie. Selbst wenn man beruflich erfolgreich ist, wie die Schriftstellerin Vivian Gornick, die ein unabhängiges, selbständiges Leben führt:

„Das waren die Jahre, in denen Frauen wie ich als »neu«, »emanzipiert« oder »exzentrisch« bezeichnet wurden, und tatsächlich war ich tagsüber neu, emanzipiert und exzentrisch (ich selbst habe bis heute exzentrisch bevorzugt), solange ich am Schreibtisch saß, doch wenn ich abends auf der Couch lag und ins Leere starrte, materialisierte sich dort meine Mutter, als wollte sie sagen: »Nicht so schnell, mein Kind. Wir sind noch nicht fertig miteinander.«

Die 1935 in der Bronx geborene Essayistin und Journalistin Vivian Gornick ist in den USA in Intellektuellenkreisen seit Jahrzehnten eine Größe. Von 1969 bis 1977 war sie Reporterin bei der „The Village Voice“, ihre Arbeiten erschienen aber auch in zahlreichen weiteren namhaften amerikanischen Magazinen und Zeitungen. Darüber veröffentlichte sie eine stattliche Anzahl von Büchern zu Sachthemen und autobiographischer Natur. Im deutschsprachigen Raum ist sie dagegen nahezu unbekannt: „Ich und meine Mutter“, seit seinem Erscheinen 1987 ein moderner Klassiker der amerikanischen Frauenbewegung, ist ihr erstes Werk, das in deutscher Sprache (übersetzt von pociao) herausgegeben wird.

Bodenständig und intellektuell

Zeit dafür wurde es: Nicht nur, weil Vivian Gornicks brillanter Stil bodenständig und intellektuell zugleich ist, nicht nur, weil ihr Roman ein intelligentes Lesevergnügen bietet, sondern auch deshalb, weil er Aspekte anspricht, die der kämpferische neue Feminismus (so er denn nicht nur reine Modeattitüde ist) bisweilen vernachlässigt. Denn maßgeblich prägend für Frauen ist eine zentrale Figur – die eigene Mutter.

Gornick zeigt ihre schonungslos offen ihre verletzliche Seite, die „Mutterwunde“, wie dies von der amerikanischen Psychologin Susan Forward bezeichnet wird:

„Die Mutter ist das Rollenvorbild der Tochter, wohingegen die Söhne irgendwann die Mutter wegschubsen, weil sie nicht mehr Mamas Liebling sein wollen. Söhne wollen nicht verweiblicht werden, aber Mädchen werden ermutigt, es ihren Müttern gleichzutun. Die Verschmelzung mit der Mutter ist für eine Tochter etwas Besonderes, und sie muss sich keine Sorgen machen, dass sie deshalb als Memme angesehen wird. Eine alte Maxime lautet: Ein Sohn ist ein Sohn, bis er eine Frau findet, aber eine Tochter bleibt ihr Leben lang Tochter. Das sagt doch schon alles. Ich habe viele männliche Klienten, deren Mütter grässlich waren, aber sie litten mehr unter schlechten Vätern. Söhne und Väter werden oft zu Rivalen. Für Töchter ist die Rivalität mit der Mutter ein doppeltes Dilemma, weil ihnen die Gesellschaft spiegelt, dass sie ihre Mutter als Rollenvorbild nachahmen sollen.“

(Quelle: Interview Süddeutsche Zeitung Magazin)

Ein Haus der Frauen

Vivian Gornick erzählt von ihrer Kindheit in einer jüdisch geprägten Ecke der Bronx, bildhaft, malerisch, lebendig: Das Mietshaus ist ein Haus der Frauen, die sich gegenseitig helfen, belauern, beneiden, bewundern, über einander tratschen und in einem Kreis von Sympathie und Antipathie miteinander verbunden sind. Ihre eigene Mutter, schlagfertig, tatkräftig und selbstbewusst, zimmert sich ihre eigene Fama – die im Kern verborgene Lebensenttäuschung darüber, dass sie als Mutter zweier Kinder und liebende Gattin ihre eigene Berufstätigkeit aufgab, mündet sie in den Satz um: »Wäre da nicht die Liebe eures Vaters gewesen«. Als dieser jedoch viel zu früh stirbt und die Frau mit zwei Teenagerkindern zurücklässt, fällt sie in eine langandauernde Depression. Dass ihre Tochter einen anderen Weg wählt – den einer beruflich erfolgreichen Frau, unabhängig, unverheiratet – wird zwischen den beiden Frauen zum andauernden Konfliktpotential.

„Tatsache aber war, dass für sie die Trauer um eine verlorene Liebe das höchste Niveau des Lebens war, das sie erreicht hatte. Wir alle gaben unseren Wünschen nach. Nettie wollte verführen, Mama wollte leiden, ich wollte lesen. Keine von uns wusste, wie sie es schaffen sollte, erfolgreich das ideale, normale Leben einer Frau zu führen. Und tatsächlich hat auch keine von uns es je geschafft.“

Auf die Frage, was denn das ist, das „normale Leben einer Frau“, finden Mutter und Tochter auch nach Jahrzehnten keine Antwort. Doch sie ringen darum, beinahe täglich auf ihren langen Spaziergängen durch New York. Und so ist „Ich und meine Mutter“ nicht nur ein lesenswerter Roman über Frauenbilder und Rollenverständnisse, nicht nur ein Buch der Frauen also, sondern auch ein Buch der Megacity, deren lebendiges Straßenleben so greifbar gut beschrieben wird wie beispielsweise in den Essays der „langatmigen Lady“.

Bibliographische Angaben:

Vivian Gornick
„Ich und meine Mutter“
Penguin Verlag, 2019
Aus dem Englischen von pociao
20,00 Euro, gebunden mit Schutzumschlag, 224 Seiten
ISBN 978-3-328-60030-5


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Kristen Roupenian: Cat Person

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Bild von Pexels auf Pixabay

„Und dann ist es Abend, und sie sitzen auf der Terrasse des Hotels, um sie herum leuchten die Lichterketten. Neben ihnen ergießt sich ein Infinity Pool in den Horizont und erzeugt die Illusion, man könne direkt über einen Wasserfall in die glitzernde Nacht von L.A. gleiten. Die Hochzeitsparty-Freundinnen haben jetzt acht Stunden miteinander verbracht, was, wie sich herausstellt – super gemacht, Partyplaner! – einfach viel zu lang ist. Die Gesichter sind angespannt und wund vom vielen Lächeln, und weil sie viel zu früh angefangen haben, müssen sie, auch wenn sie sich zunehmend schlechter fühlen, weiter Drinks in sich hineinschütten, um die sich heranschleichende Katerstimmung abzuwehren. Diejenigen, die sich nicht so gut kennen, wissen nicht mehr, worüber sie noch plaudern sollen, diejenigen, die sich ständig und immer sehen, haben sich nichts mehr zu sagen. Irgendwann fängt Taylor an, Ryan Nachrichten zu schreiben, und Kath kann an der Art, wie sie nach ihrem Telefon greift und es wieder wegpfeffert, ablesen, dass sie streiten.“

Kristen Roupenian, „Cat Person“, 2019, Zitat aus „Der Junge im Pool“.

Das ist sie, die Liebe in den Zeiten der digitalen Cholera: Brautleute streiten sich am Handy, ungeliebte Jungs starren auf ihr Smartphone, das Beziehungs-Aus wird per SMS gemanagt und eine Tinder-Verabredung läuft aus dem Ruder. Währenddessen erweist sich das reale Leben als zunehmend verstörend. Sei es, weil die Protagonisten dieser Stories kaum mehr wissen, wie man analog kommuniziert, sei es, weil das Leben an sich eben eine ziemlich verstörende Angelegenheit ist.

2017 machte die bis dahin noch unbekannte Schriftstellerin Kristen Roupenian mit ihrer Kurzgeschichte „Cat Person“, die im „New Yorker“ veröffentlicht wurde, Furore: Roupenian, die da gerade nur wenige Monate ihren Creative-Writing-Abschluss in der Tasche hatte, traf im Zusammenhang mit der #metoo- Debatte einen Nerv. Die Story einer 20-jährigen, die sich widerwillig, aber aus einem irrationalen Gefühl der Verpflichtung heraus mit einem wesentlich älteren Mann auf Sex einlässt, wurde zu einer der meistdiskutierten Online-Artikel des New Yorker. Da brach sich in der digitalen Welt eine Menge Bahn, was mehr mit dem Inhalt denn dem Stil der Story zu tun hatte: Die Verunsicherung junger Frauen (ein uraltes Thema), die Empfindlichkeit der Männer, die Missverständnisse zwischen den Geschlechtern, die Verknüpfung von Sex und Macht über eine andere Person.

Für Roupenian wurde die Story zum Sprungbrett: Einen Vertrag für eine Kurzgeschichten-Anthologie und einen Roman mit einem Honorar von über einer Million Dollar folgte. Der erste Teil ist nun erfüllt und liegt, fast zeitgleich mit der amerikanischen Veröffentlichung, nun auch in deutscher Übersetzung durch Nella Beljan und Friederike Schilbach vor. Zwölf Kurzgeschichten, versammelt unter dem Titel „Cat Person“.

Sind sie ihr Geld wert? Würde man Literatur nur als Konsummittel werten, dann wohl ja: Das Buch ist unterhaltsam, der Stil liest sich gut und flüssig, die Stories bieten eine schöne Mischung aus Schauder und Humor. Roupenian stellt vor allem Protagonisten der Orientierungslosigkeit in den Mittelpunkt ihrer Geschichten: Die frisch geschiedene Alleinerziehende, die sich in einem Rudel von Helikoptermüttern behaupten muss, der gutwillige Friedensarbeiter, der in Kenia mit einem alten Kult konfrontiert wird, das gelangweilte Pärchen, das einen Freund in seltsame Sexspiele verstrickt. Immer ist dabei – mal offensichtlich wie in der als Märchen angelegten Story „Der Spiegel, der Eimer und der alte Knochen“, mal untergründig wie in „Der Junge im Pool“ – ein Unterton der Gefahr zu spüren, immer stellt man sich beim Lesen darauf ein, dass sich der Horror Bahn bricht.

Martin Halter schreibt in einer Besprechung:

„So erkundet Roupenian mit diabolischem Behagen Abgründe jenseits von Gesetz, Moral und politischer Korrektheit, ohne deren Geheimnisse je ganz aufzulösen. „Nachtläufer“ erzählt von Voodoo-Ritualen in Kenia (wo Roupenian drei Jahre lang für das Peace Corps im Busch arbeitete), die unser aufgeklärtes Weltbild überfordern und untergraben. Fremder und befremdlicher als alle Dämonen Afrikas aber ist der Alltagshorror, den fiese kleine College-Biester und besorgte Helikoptermütter mit ihren heimlichen Ängsten und unheimlichen Herzenswünschen verbreiten.“

Tatsächlich könnte sich Roupenian zu einem feministischen Stephen King der Literatur entwickeln – wenn man ihr denn auch Zeit zur Entwicklung gibt. Denn das dem viralen Hype schnell nachgeschobene Buch weiß nicht durchgängig zu überzeugen: Zu glatt und zu belanglos sind einige der Stories, unter anderem das oben erwähnte Knochen-Märchen. Ihre Stärke liegt in der Analyse moderner Beziehungen, die geprägt sind von ewigen Fragen in einer neuen, digitalen Zeit: Was heißt Liebe, Sex, Vertrauen, wie bricht man aus alten Geschlechterrollen aus und dies alles in einer Zeit, in der der vielleicht der nächstbeste passende Partner wie eine Supermarktauslage auf Tinder wartet. Hier erzählt Roupenian ganz unaufgeregt und lakonisch. Dort, wo die Autorin menschliche Abgründe offen legt und auch dort, wo sie Erwartungshaltungen und politische Korrektheit satirisch unterläuft, ist sie ganz stark.

Wer sich einen Eindruck machen möchte: Die Story „Beißerin“ kann hier online gelesen werden.

Informationen zum Buch:

Cat Person
Kristen Roupenian
Blumenbar Verlag, 2019
20,00 Euro
288 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-351-05057-3


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Rachel Kushner: Telex aus Kuba

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Bild von Juan Cuba auf Pixabay

„Auch wenn eine Liebe, die sich auf Besitzergreifung gründete, eine Form von tiefer Ignoranz war – es berührte ihn dennoch. Die Amerikaner hatten die Vegetation, die Daiquiris, die kubanische Musik eindeutig geliebt. Er spürte es in ihrer leeren Stadt, das Gespenst ihrer naiven und imperialistischen Liebe.“ 

Rachel Kushner, „Telex aus Kuba“, 2017, Rowohlt Verlag. 

Revolution, Baby! Diese Frau brennt. Zumindest brennt sie eine Menge nieder: „Flammenwerfer“ hieß der 2013 in den USA erschienene Roman, mit dem Rachel Kushner Furore machte. Nach dessen Erfolg im deutschsprachigen Raum wurde nun auch ihr Debüt übersetzt. Und „Telex aus Kuba“ beginnt sogleich mit einem veritablen Flächenbrand. Man schreibt 1958. Eine Handvoll Revolutionäre fackelt die Zuckerrohrfelder der United Fruit Company in Preston ab. Der örtliche Company-Manager rotiert, den amerikanischen Botschafter in Havanna interessiert es dagegen einen Scheiß: Man nimmt die paar bärtigen Jungs in Khakianzügen, die gegen Batista, den Handlanger der Vereinigten Staaten zu Felde ziehen, nicht allzu ernst. Schwerer Denkfehler: Gegen Ende des Romans verbreitet Fidel Castro revolutionäres Pathos:

„So oft ist unsere Revolution schon verraten worden“, sagte er. „1898, als die Amerikaner sich hier einluden, um unser Kuba wie eine Hafenhure zu vergewaltigen. Frei verfügbar, syphilitisch und nur der Verachtung wert. 1952, als Batista das Volk verriet. Wieder und wieder entpuppten sich jene, die reinen Herzens zu sein behaupteten, als Diebe und Gesindel. Zum ersten Mal seit vier Jahrhunderten wird diese Republik frei sein. Zum ersten Mal überhaupt wird sie ihrer Revolution treu bleiben. Vaterland oder Tod: Es liegt an uns.“ 

In „Flammenwerfer“ verknüpfte Rachel Kushner die amerikanische Avantgarde- und Underground-Szene der 1970er-Jahre mit der radikalen Linken in Italien. Aber auch in ihrem Debüt war also schon Aufstand und Revolution der Gegenstand: Vor den „Roten Brigaden“ widmete sie sich der „Bewegung des 26. Juli“, von Kuba der Sprung nach Italien. Man darf auf den nächsten Roman gespannt sein, zumal sich an „Telex aus Kuba“ und „Flammenwerfer“ auch eine deutliche literarische Entwicklung festmachen lässt, die Autorin von Mal zu Mal sicherer in der Beherrschung ihres Plots zu werden scheint. Dass die Amerikanerin (auch) eine politische Schriftstellerin ist, lässt sich anhand ihrer Sujets schon vermuten, ihre Interviews und öffentlichen Aussagen untermauern dies. Und machen deutlich, wo ihre Sympathien liegen.

In den Vereinigten Staaten, zu dessen großen kollektiven Traumata immer noch die gescheiterte Schweinebucht-Invasion anno 1961 zählt, macht man sich mit einem Roman über Kuba – zumal mit deutlichen Sympathien für die Befreiungsbewegung – wahrscheinlich nicht nur Freunde. Wurde doch auf der karibischen Insel der amerikanische Traum mit Karacho zertrümmert – das passt als Thema wenig zum gegenwärtigen politischen Slogan „Make America great again“. Doch das Buch wurde vom Feuilleton und von zahlreichen Lesern begeistert aufgenommen, eine Verfilmung ist geplant. Das verwundert nicht: „Telex aus Kuba“ gibt mit seiner überwiegend rasanten Erzählweise, mit seinen verschiedenen Perspektiven, seinen Nebensträngen und dem ganzen Konglomerat aus gebrochenen, sinistren und halbseidenen Figuren großartigen cineastischen Stoff her.

Rachel Kushner kann schreiben, richtig gut schreiben, wenn auch der „Erstling“ noch hier und da etwas vermissen lässt. Zunächst bedient sie sich eines ziemlich cleveren Kunstgriffes: Der Roman wird überwiegend aus der Sicht zweier amerikanischer Teenager erzählt, die mit ihren Familien in der amerikanischen „Kolonie“ leben. Das ist schlau – denn so simuliert sie einen jugendlichen, unvoreingenommenen, ja auch naiven Blick auf die Zustände. K.T., der Sohn eines United Fruit-Managers, erzählt eher im Plauderton von Partys, Badeausflügen, Sommerhäusern und Yachten, vom Umgang mit den einheimischen Dienstboten und den feinen Klassenunterschieden, die auch die Amerikaner unter sich pflegen. Sein weiblicher Gegenpart Everly hat einen feineren, schärfen Blick für die Ungereimtheiten ihrer Welt: Die Dominanz der weißen Männer, gesellschaftlich, politisch, familiär. Die Frustration der Ehefrauen, die Langeweile und Lieblosigkeit in Geschwätz und Alkohol ertränken. Die Ausbeutung der Arbeiter, die Ausbeutung der Natur.

Kushner fährt eine Vielzahl von Figuren auf – Manager, Geschäftsleute, dubiose Gestalten, Waffenhändler, vernachlässigte Ehefrauen, Prostituierte, moderne Sklavenhändler, weiße Kriminelle, die in den Staaten mit Haftbefehl gesucht werden, auf Kuba jedoch gut leben können. Sie zeigt die Strukturen auf, die zwangsläufig zu einem Aufstand führen mussten: Obwohl Amerika nie offiziell Kolonien hatte, hatte es Kuba zu seiner Kolonie gemacht. Die Statthalter sind die großen amerikanischen Unternehmen – sie pflanzen im Grunde mit ihrem rücksichtslosen Vorgehen die Saat, aus der die Revolution wächst. Das Leben und gesellschaftliche Treiben der Amerikaner während ihrer letzten Tage auf Kuba, das Rachel Kushner aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet: Dies allein hätte im Grunde genügt, um ein gutes Mosaik zusammenzusetzen, um die Botschaft des Romans zu transportieren.

Doch mit einem französischen Waffenhändler mit SS-Erfahrung und dem Hang zu einer Nachtclub-Tänzerin, die wiederum jedoch mit den Revolutionären paktiert, führt Kushner eine weitere Ebene ein, macht Ausflüge in das Spionage-Thriller-Genre. Und hier liegt die große Schwäche des Romans: Er driftet auseinander, wird dabei auch streckenweise langatmig und diffus. Selbst kleinere Slapstickszenen mit einem betrunkenen Hemingway und der Auftritt weiterer prominent-dekadenter Figuren retten diese Seite des Romans nicht. Und wo der Franzose erotisch wird, geht auch die ansonsten vielgepriesene Sinnlichkeit von Kushners Erzählstil flöten. Solcherart spricht er zu seiner Geliebten:

„Eine verfeinerte Essenz ihrer selbst, deren Gesellschaft er nach der groben Materialität der Zwiesprache ihrer Körper bewusst wähle und in Ehren halte. Einer schönen Zwiesprache, wie er hinzufügte. Er genieße die Zwiesprache mit ihrem Körper sogar ungeheuer. Doch sie beide als ineinander verschlungenes Fleisch seien nur ein Aspekt der Sache, und die ätherische Verbindung, die sich in ihrer Abwesenheit ereigne, ein anderer.“ 

Während der Waffenhändler darüber sinniert, ihren Körper in seiner Phantasie „marinieren“ zu lassen, wünscht man sich als Leserin, was sich auch das Mädchen wünscht: Er möge sich doch ausnahmsweise klar ausdrücken.

Kurzum: Ohne diesen Nebenplot wäre „Telex aus Kuba“ ein richtig guter Roman, so ist er ein anständiges Debüt. Und lässt auf weitere revolutionäre Geschichten von Rachel Kushner hoffen.

Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.rowohlt.de/hardcover/rachel-kushner-telex-aus-kuba.html

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