Ulrike Draesner: Schwitters

„Der Rest fiel in seine Verantwortung. Er ging auf seine Gastgeber zu. An seiner Liebe zu Tee mit Milch arbeitete er, doch er schätzte quasi auf natürliche Art alle Arten von Pie, jeden Pudding, womit man in England jegliche Art von Dessert meinte, den Wolkenhimmel, den Dauerwind, sogar die dauerhaft winterlichen Raumtemperaturen.“

Ulrike Draesner, „Schwitters“, 2020

Kurt Schwitters, Public domain, via Wikimedia Commons SCHWITTERS, Kurt_Merz 1925, 1. Relieve en cuadrado azul, 1925_748 (1980.74)

Doch obwohl der Emigrant, der Exilant sich bemüht, in seiner neuen Heimat Fuß zu fassen, er bleibt ein Außenseiter. Vielleicht auch, weil er das von Natur aus ist: So ging es ihm in Hannover, so ging es ihm, dem Schöpfer der „Ursonate“ und der „Anna Blume“ mit seinen Beiträgen zur DADA-Bewegung, wo er immer ein Solitär blieb, ein Fremdkörper, so ergeht es ihm, dem „entarteten Künstler“ bei seinen Stationen im Exil, in Norwegen und schließlich England, wo er 1948 stirbt. „Schwitters“, der hochgelobte Künstlerroman von Ulrike Draesner, zeigt aber auch exemplarisch auf, was ein Exilantenschicksal bedeutet: Entwurzelung, Identitätsverlust, Vereinsamung. Wer wie Schwitters mit Sprache, mit einer besonderen Bildsprache arbeitet, ist doppelt geschlagen, dem sind auch die Grundlagen der beruflichen und künstlerischen Existenz entrissen.

Die Jahre des Exils, vor allem aber die Jahre, in denen Kurt Schwitters dann mit seinem Lebensmenschen, Edith Thomas, kurz „Wantee“ (der ewige Hang zum Tee zärtlich verballhornt) einen neuen Dreh-, Angel- und Haltepunkt findet, rückt Ulrike Draesner in dieser stilistisch wie ästhetisch herausragenden und herausfordernden Annäherung an den MERZ-Schöpfer in den Mittelpunkt. Dabei gelingt ihr nicht nur eine sensible Charakterisierung des Künstlers, der auch zerrissen ist zwischen alten Familienbanden und neuer Liebe, sondern gewissermaßen auch eine Einführung in ein Stück Kunstgeschichte: Was DADA ausmacht, was MERZ ausmacht, das wird durch diesen Roman greifbar. Und dies immer auch in einer liebevoll-kritischen Distanz zum Künstler, der wie viele seiner Art durchaus den Hang zur Egomanie hatte. Michael Braun schreibt im „Tagesspiegel“:

„Ein Roman über eine Figur der Zeitgeschichte läuft immer Gefahr, die biografischen Fakten mittels Legendenbildung und hagiografischer Aufladung zu einem großen Erzählkino auszupinseln. Ulrike Draesner ist es dank ihrer feinen Sprachempfindlichkeit gelungen, diese Geschichte eines deutschen Exilanten und seiner Sprach- und Weltenwechsel von jedweder Schwärmerei freizuhalten und das späte Leben von Kurt Schwitters in all seinen Brüchen und markanten Selbstwidersprüchen freizulegen.“

Zuweilen kreist Ulrike Draesner diese Selbstwidersprüche für meinen Geschmack zu zögerlich ein, umrundet sie, lässt der Lust an Wortspielereien und Sprachkunst dann vollends freien Lauf – an der einen oder anderen Stelle läuft der Text dann etwas davon, wünschte man sich, näher an Schwitters denn an Draesner zu sein. Aber im Grunde ist dies wiederum auch fast schon symbolhaft: Sprache, so wuchernd und ständig wachsend wie der 1943 zerstörte MERZbau.

Verlagsinformationen zum Buch finden sich hier.
Der Beitrag ist eine unabhängige Buchrezension, dem Penguin Verlag danke ich für das zur Verfügung gestellte Besprechungsexemplar.

Ferdinand von Schirach: GOTT

Bild: Florian Pittroff

Wem gehört unser Leben? Und wer entscheidet über unseren Tod? In dem Buch „GOTT“ von Ferdinand von Schirach“ wird in einem fiktionalen Ethikrat über diese Fragen diskutiert. Florian Pittroff hat sich das Buch genau angesehen.

Der 78-jährigen Richard Gärtner will nach dem Tod seiner Frau nicht mehr weiterleben: „(…) das Leben bedeutet mir nichts. Nichts mehr. Und ich will nicht irgendwann an Schläuchen hängen, ich will nicht aus dem Mund sabbern und ich will nicht dement werden. Ich will als ordentlicher Mensch sterben, so, wie ich gelebt habe“.

Richard Gärtner will sein Leben durch ein Medikament und mit Hilfe seiner Ärztin beenden. Rechtlich ist das nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts seit Februar dieses Jahres möglich, die ethische Debatte darüber ist aber natürlich noch nicht beendet.

„Gott“ ist nach „Terror“ Schirachs zweites Theaterstück. Wieder heißt die alles überdeckende Frage, was „Richtig“ und was „Falsch“ ist.

In „Gott“ werden so viele Fragen aufgeworfen, so viele Lösungen angeboten und so viel wieder verworfen, dass es manchmal scheint, man verliert den Durchblick. Kostprobe: Was hat das für Folgen, wenn ein Arzt beim Suizid hilft? Geht das überhaupt? Soll der Arzt nicht den Menschen helfen? Ist der Arzt dann noch ein Arzt, wenn er beim Suizid hilft? Oder hat der Arzt dann sogar dem Menschen geholfen? Alles scheint richtig und alles ist auch irgendwie falsch.

Rechtssachverständige Litten sagt: „Der Suizid selbst ist in unserem Recht keine Straftat. Ein Tötungsdelikt setzte immer den Tod eines anderen Menschen voraus. Bei einem Suizid (…) stellt sich also nur die Frage ob und wie sich ein Helfer strafbar machen kann“. Über dieses Strafbarmachen wird in der Sitzung des Ethikrates intensiv diskutiert. Wenn der Patienten wünscht, dass seine Behandlung abgebrochen wird, der Arzt tut das, dann ist das eine „Unterlassung“. Das Gegenstück zur „Unterlassung“ ist das aktive „Tun“, also wenn der Arzt dem Patienten aktiv das Mittel verabreicht. „(…) bei einer Beihilfe zum Suizid will ich den Tod herbeiführen. Bei einem Behandlungsabbruch nehme ich ihn nur in Kauf“.

Es ist überaus spannend, die verschiedenen Positionen der unterschiedlichen Protagonisten zu verfolgen, wie man sich automatisch auf die eine Seite schlägt, diese dann wieder wechselt und doch letztlich eine Meinung dann für besser hält. Die Essays von Wissenschaftlern am Ende des Buches geben noch einmal interessante Einblicke und Informationen.

Rechtsanwalt Biegler ergreift gegen Ende noch einmal das Wort: „Nein, es geht nicht um Beihilfe, nicht um unterlassene Hilfeleistung, nicht um Tötung auf Verlangen. (…) Es geht um eine einzige, sehr einfache und sehr klare Frage. Vielleicht ist es sogar die wichtigste Frage überhaupt. Diese Frage lautet: Wem gehört unser Leben?

Gehört es einem Gott, gehört es dem Staat, der Gesellschaft, der Familie, den Freunden. Oder gehört es nur uns selbst?“

Das Buch, das eigentlich ein Theaterstück ist, hat mich sehr ergriffen und nachdenklich gemacht. Es wirft viele Fragen auf und ist wie immer bei Schirach absolut lesenswert.

Florian Pittroff

Homepage: https://flo-job.de/

Wer neugierig ist auf das Buch: Am 23. November kommt das Theaterstück als Verfilmung in der ARD.

Informationen zum Buch:

Ferdinand von Schirach
Gott. Ein Theaterstück.
Luchterhand Verlag, 2020
Hardcover mit Schutzumschlag, 160 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-630-87629-0

 

„Andrin“ im Doppelpack

Über zwei sehr positive Besprechungen an einem Tag konnten sich Autorin Martina Altschäfer und der Mirabilis Verlag freuen:

„Unterhaltsam, gut geschrieben, lesenswert.“ – so ordnet Stefan Härtl auf Bookster HRO den Roman „Andrin“ ein. Die Besprechung in ganzer Länge: https://booksterhro.wordpress.com/2020/11/05/martina-altschafer-andrin/

Und die Autorin und Lektorin Dr. Yvonne C. Schauch sagt: „Ich habe diesen Roman ausgesprochen gern gelesen und empfehle ihn ebenso ausgesprochen gerne weiter.“
Ihre Rezension findet sich hier: https://www.schauch.com/2020/11/06/martina-altsch%C3%A4fer-andrin/

Zum Verlag: https://mirabilis-verlag.de/

„Die Chamäleondamen“ von Yvonne Hergane: Wie die Mutter, so die Tochter

Bild: Frauen in Rumänien von Eugen Visan auf Pixabay

Sie wussten stets, was sie wollten, mussten nehmen, was sie bekamen und gingen dafür ihren Sonderweg, auch wenn er aus dem rumänischen Banat nach Deutschland führte. Gastautor Ortwin-Rainer Bonfert kennt den zeitgeschichtlichen Hintergrund und hat einen „Beipackzettel“ für das Buch verfasst, der zum Lesen in Zeiten der Pandemie passt.

Man stelle sich vor: Man studiert Germanistik, man studiert Anglistik, man studiert Buchwissenschaft, dann schreibt man Kinderbücher, dann schreibt man Jugendliteratur, übersetzt englische Literatur – und dann schreibt man endlich einen Roman. Yvonne Hergane tat es. Sie schrieb diesen Debütroman mit leichter Feder, mit authentisch wirkenden Charakteren. Ihre Chamäleondamen wussten stets, was sie wollten, mussten aber nehmen, was sie bekamen. Sie ergaben sich trotzdem keineswegs ihrem Schicksal, sondern gingen ihren Sonderweg, machen dabei ihre Fehler, an denen sie wiederum nicht verzagen. Denn für sie ist klar: Lebe mit i geschrieben ist mehr Leben.

Yvonne Hergane verlegt den Romanbeginn ins Frühjahr 1919 des Banats in Rumänien und schafft es vom ersten Satz an, so subtil die Umstände zu schildern, in der die Braut in der Hochzeitsnacht zu ihrem Liebhaber durchbrennt, dass sogar der gehörnte Bräutigam darüber schmunzeln müsste.

„Die Chamäleondamen“ – Der Titel ist Programm! Es geht um Powerladies mit Herz, die durchhalten, sich anpassen, sich nie verbiegen: „Einen Morgen später (Anm.: nach der schmerzvollen Geburt) steht Marita wie immer im Geschäft ihre Frau, (…) eine Dame, als Verkäuferin getarnt.“ Es ist der Roman vierer Frauen aus vier Generationen und dennoch ist es genau so wenig ein klassischer Familienroman wie es eben auch kein klassischer Frauenroman ist: Die Erlebnisse der Chamäleondamen vor zeitgeschichtlichem Hintergrund betreffen und berühren eigentlich uns alle.

Der Vier-Generationen-Roman konzentriert sich im Wesentlichen auf die letzten beiden Frauen in dieser Familie. Die ersten beiden definieren den ausschlaggebenden und damit wichtigen Ausgangspunkt. Oder, mit den Worten von Yvonne Hergane formuliert: „Was Elli von ihrer Mutter als eines der wenigen Dinge bei der Geburt mitbekommt, gibt sie später, um das Gewicht der Vorangegangenen angereichert, an ihr Kind und Kindeskind weiter.“

Das Buch ist in knappe, wenige Seiten lange Kapitel gegliedert, zwischen denen in der Chronologie der Handlung mehrere Jahre oder auch Zeitsprünge liegen. Es sind Episoden aus dem Leben der Protagonistinnen, Spotlights, die signifikante Ereignisse vor dem jeweiligen historischen Hintergrund beinhalten. Beispielsweise wird eine Familientragödie während der Nazi-Zeit geschildert. Aber auch eigenständige, aus dem Familienleben geschnittene Vorkommnisse werden eindrucksvoll erzählt. Bei der Beschreibung des Ausrutschers eines Mädchens bei der Wochenendhütte, der nahezu zum Ertrinken im Bergbach geführt hätte, kommt die hervorragende narrative Kompetenz der Autorin ganz besonders zum Tragen. Gekonnt erfolgt dabei die sensible Gradwanderung zwischen Schilderung der Wahrnehmung des Kindes und dem eigentlichen Vorgang, der sich dem Leser nur allmählich erschließt (S.36/37): „…und Hanne ahnt auch, wo die Luft geblieben ist. Nein, die Zeit steht nicht still, sie saugt sich nur voll, die Sekunden blähen sich auf mit Hannes Luft, immer fetter und runder schmatzen sie sich daran.“

Mit wohl dosierten Regionalismen der Banater Schwaben wirken die Charaktere noch authentischer und sorgen bei Kennern für Amüsement. Leser können sich rasch in die Protagonistinnen hineinversetzen, mitfühlen, umgarnt eine Welt erleben, wie sie der Autorin vorschwebte, als sie den Roman schrieb. Es ist der Alltag der Chamäleondamen, die sich familiärer Verantwortung sowie der Liebe – mit allen Höhen und Tiefen – äußerlich anpassen, sich innerlich stets treu bleibend. In knappen Episoden werden geschildert: Familienfreuden wie auch Familienzwist,  Menschliches, allzu Menschliches, aber auch Abenteuerliches im Umfeld des kommunistischen Rumänien wie auch die Zerrissenheit zwischen dort bleiben, nach Deutschland auswandern und dort wiederum ankommen. Sicherlich spielt dabei die Biographie der kenntnisreichen Autorin eine wichtige Rolle, doch der Roman eignet sich als Lektüre für jeden, auch ohne Wissen um die deutsche Minderheit in Rumänien, den Banater Schwaben.

„… Latte-machiato-Mütter, die ihren mumiendick eingeplünnten Sprösslinge im Kinderwagen angeschnallt brüllen lassen, während sie sich im Kreis unterhalten, den Rücken zu den Kindern, über Windeln und Schuhe und Windeln und Männern und Windeln und dass man dem Kind nie genug Aufmerksamkeit schenken kann.“

Die Schilderungen amüsieren, sind aber keineswegs trivial. Die Autorin versteht es, dem durchaus ernsten Plott immer wieder eine ironische Note zu verleihen. Sie versetzt damit den Leser in einen Flow, der sich vom ersten Satz an mitgenommen und von der Lektüre sanft umhüllt getragen fühlt. Das Buch, im handlichen C4-Format, kartoniert gebunden, mutet mit seinem Cover edel an. Lob an Eva Wünsch, die in Anlehnung an Dadaismusformate eine ansprechende Cover-Collage kreiert hat.

In Zeiten der Pandemie kommt Literatur eine erweiterte Bedeutung zu. Wem ist dieses Buch nahezulegen? Der „Beipackzettel“ des Rezensenten zu diesem Buch:

Leser, die Tag täglich über ihr Schicksal seufzen, ist dieses Buch dringend empfohlen. Damen sollten es nicht zu hastig lesen – wegen möglichem Schluckauf beim Grinsen. Und Herren sollen sich nicht so anstellen – das Buch tut ihnen bestimmt auch gut. Die knappen Kapitel eignen sich sogar für die Lektüre zwischendurch, beispielsweise in der U-Bahn.

Leser, denen Corona-Einschränkungen auf den Magen schlagen, mögen sich in eine Decke gehüllt auf den Balkon setzen, bedächtig Glühwein, Gin oder Whiskey schlürfen, und das Buch genießen. Kamillentee hilft nun mal nicht immer und überall.

Indiependent-Verlagen wie MARO sind solche Bücher und Autor*innen dringend zu wünschen, um besser über die Runden zu kommen und um ihr Geschick für Newcomer zu beweisen.

Online-Versandhändler mit Wild-West-Manier mögen dieses Buch getrost ignorieren, schlägt ihr Herz doch eher für das Förderband der Bücher, als für die Bücher selbst.

Buchhändler sind gut beraten, für solche Debütromane aus Indie-Verlagen mehr Platz in ihren Auslagen und Büchertischen einzuräumen.

„Die Chamäleondamen“ – gut zu jeder Tageszeit.

Ein Beitrag von Ortwin-Rainer Bonfert

Informationen zum Buch:

Yvonne Hergane
Die Chamäleondamen
MaroVerlag, Augsburg, 2020
240 Seiten 20,00 €
ISBN 978-3-87512-493-4

Andrin: Ein modernes Märchen – Rezension bei Faust-Kultur

Wie ein Leben jenseits von Alltagsstress und Leistungsdruck aussehen kann, beschreibt die bildende Künstlerin Martina Altschäfer in ihrem Romandebüt „Andrin“, der in der Abgeschiedenheit der Schweizer Alpen spielt. Sie hat ein modernes Märchen verfasst, dessen Entspannungsqualität auch als Urlaubsersatz dienen kann, meint Riccarda Gleichauf.

Über diese Besprechung bei Faust Kultur freuen wir uns sehr!
https://faustkultur.de/4430-0-Buchkritik-Martina-Altschaefer-Andrin.html#.X4vjyO1CS00

Andrin, ein literarischer Kurzurlaub

Eine unbedingte Leseempfehlung spricht Renie von Renie`s Lesetagebuch für „Andrin“ aus:

„Mein Fazit zu diesem Roman:Die Geschichte ist originell, weckt Sehnsüchte und ließ mich vom Alltagsstress in Tagträume hinabgleiten. Ich wurde also in einen literarischen Kurzurlaub geschickt und habe mich dabei prächtig erholt. Nur schade, dass auch der schönste Urlaub irgendwann vorbei ist.“

Die Rezension in voller Länge gibt es hier: https://renies-lesetagebuch.blogspot.com/2020/09/martina-altschafer-andrin.html

Und wer dann Appetit bekommen hat: Der Roman von Martina Altschäfer erschien im Mirabilis Verlag.

 

Mut zur Unschärfe mit Iris Wolff

„Wie eine Ader schlängelte sich die Marosch durchs flache Land.“ Bild: Ortwin-R. Bonfert

In der „Unschärfe der Welt“ verknüpft Iris Wolff die Lebenswege einer Familie und deren Freunde über mehrere Generationen hinweg und schafft ganz nebenbei ein Hommage für die Menschen einer Kulturlandschaft in Rumänien. Ortwin-Rainer Bonfert, ein Kenner von Land und Leuten, zeigt die Besonderheiten dieses Romanes auf. Vielen Dank für diesen Gastbeitrag!

Eigentlich trivial: Junges Paar verschlägt’s aus der Stadt ins dörfliche Flachland, es kommt ein Kind, Freunde, Dorftratsch, Flucht, Tod und Glück liegen nah bei beieinander. Aber Iris Wolff erzählt nicht trivial. Was zeichnet diesen, ihren vierten biographisch geprägten Roman aus, der es zu mehreren Nominierungen etablierter Buchpreise geschafft hat?

Da wäre die Landschaft der Banater Tiefebene im Westen Rumäniens, mit der das Schicksal der Menschen eng verbunden ist. „Der Grad des Glücks wurde hier festgelegt“, in dieser Landschaft, die sich spürbar macht. „Es gab das Grau des Himmels. Den Fluss und die Weiden. Die weite Ebene und die Einsamkeit. Es gab den Rand und die Mitte. Das Ja und das Nein. Die Ungewissheit.“

Da wäre auch der Mikrokosmos einer multiethnischen Dorfgemeinschaft, vereint in ihrer Vielfalt. Da fragt eine Protagonistin: „Was meinst Du mit einheimisch? Schwäbisch, slowakisch, ungarisch, rumänisch, tschechisch, jüdisch oder vielleicht serbisch?“

„Die Weizenfelder waren abgeerntet, der Mais stand hoch. Die Ebene reichte so weit man sehen konnte. Der Himmel beanspruchte den größten Raum, ohne den Widerspruch von Bergen…“ Bild: Ortwin-R. Bonfert

Die Bezeichnung Familienroman würde diesem Werk nicht ganz gerecht werden. Es gibt miteinander verwandte und bekannte Charaktere. Sie fallen durch ihr Handeln auf, aber noch prägnanter durch ihre Sichtweise. Iris Wolff gestaltet jedes Buchkapitel aus der Perspektive eines anderen Protagonisten. „Die Leute erzählten ihre Geschichten auf seltsam feststehende Weise. Als wären sie genau so passiert. Dabei war (…) jede Geschichte auf hundert mögliche Weisen passiert, und alle waren gleich wahr und nicht war.“

Doch der wesentliche Protagonist dieses Werkes ist der Leser selbst, mit eigener Perspektive und Lesart. „Die Erinnerung ist ein Raum mit wandernden Türen.“ Da hält man beim Lesen unwillkürlich inne, um sich das selber ausmalen zu können. Iris Wolff gibt ihren Leser*innen Raum, die Erzählungen ins Detail weiter zu denken und vermittelt bei aller Unschärfe ein überraschend deutliches Gefühl für den multiethnischen Mikrokosmos eines Grenzdorfes im Wandel der Zeit.

Und jene Zeit hatte es in sich. Die Welt war gespalten und dazwischen verlief der Eiserne Vorhang. Die Autorin läuft zur Höchstform auf, wenn sie den rumänischen Diktator und sein menschenverachtendes System mit einer gehörigen Portion Galgenhumor beschreibt: „Er war (…) ein Familienmensch. Was lag da näher, als alle wichtigen Ämter an Familienmitglieder zu verteilen?“

Worte werden zu Sätzen gereiht, die gelegentlich wie der Fluss Marosch von Seite zu Seite voller poetischer Leihgaben dahinströmen und nie langatmig wirken: „… die Karpaten. Ihre Gegenwart veränderte das Licht. Zu Mittag war es grünlich-violett (im Winter silbrig-blau), am Nachmittag ein Goldgelb, das am Abend ins Kupferfarbene überging.“ Treffsicher in der Wortwahl reichen Iris Wolff wenige Sätze, um in der Phantasie des Lesers ein Bild der Örtlichkeiten entstehen zu lassen.

Gönnen wir uns doch im Infomationszeitalter mehr Unschärfe. Gewähren wir neben dem Wissen der Phantasie mehr Platz. Ziehen wir doch mehrere mögliche Blickwinkel zum Geschehen in Betracht. Nehmen wir als rational denkende Wesen die Wirkung der umgebenden Landschaft auf uns hin. Leben wir gelassener unser Leben im Strom der Zeit. um politisch-sozialen Unwegbarkeiten mal ausweichend, mal trotzend zu begegnen, auch wenn das nicht unserem genauen Lebensplan entspricht. Akzeptieren wir den anders sprechenden Nachbar, selbst wenn wir ihn nicht so gut verstehen. Gönnen wir uns Toleranz und Unschärfe. Das Buch „Die Unschärfe der Welt“ von Iris Wolff ist jeden falls ein Lesevergnügen.

Preisnominierungen: Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2020, den Bayerischen Buchpreis in der Kategorie Belletristik 2020 sowie den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis 2020.

Ein Gastbeitrag von Ortwin-R. Bonfert

Informationen zum Buch:
Iris Wolff
Die Unschärfe der Welt
Klett-Cotta Verlag, 2020
216 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 20,00 €
ISBN: 978-3-608-98326-5

 

Dagmar Eger-Offel über „Andrin“

„Das ist das Schöne an diesem Buch: eine einfache, gar nicht komplizierte Paralellwelt fächert sich auf in einer Facettenhaftigkeit, die ihren Glanz aus der dieser Welt zugeneigten Sprache der Erzählerin bezieht.
Vielleicht, weil die Schriftstellerin auch bildende Künstlerin ist, haftet diesem Debütroman eine Liebe in der Gestaltung an, die beim Lesen spürbar ist.“

So eine Besprechung ist wie ein Fest! Der Beitrag von Dagmar Eger-Offel erschien auf dem Blog „Literatur im Fenster“.
„Andrin“ ist der Debütroman von Martina Altschäfer aus dem Mirabilis Verlag.

Christoph Peters: Dorfroman

By © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons), CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11498055

„Obwohl nichts mehr so ist wie zu der Zeit, als ich hier aufgewachsen bin, habe ich oft darüber nachgedacht, zurückzukehren. Weniger, weil ich noch immer unter Heimwehattacken leide oder mir andernorts etwas Bestimmtes fehlt. Wahrscheinlich würde mir in Hülkendonck nach wenigen Wochen weit mehr fehlen als überall, wo ich nach meinem Weggang länger gelebt habe. Trotzdem: Nirgends sonst hat sich je wieder dieselbe Vertrautheit mit Landschaft, Wetterverhältnissen, Sprachmelodie eingestellt. Am Rheinufer zu sitzen, mit unserem Haus im Rücken aufs Wasser zu schauen, erscheint mir zumindest für Momente wie ein Ausweg aus jeglicher Lage.“

Christoph Peters, „Dorfroman“

Der Heimatbegriff, häufig missbraucht, irgendwie abgenutzt, zwiespältige Gefühle hervorrufend. Und dennoch einer dieser wirkmächtigen Wörter, mit so viel Emotionen aufgeladen. Heimat, das ist für viele zugleich auch die Provinz, aus der man flieht, Zuflucht sucht und scheinbare Freiheit in den Städten. Provinzroman und Heimatdichter: In der zeitgenössischen Literatur ist man damit durch. Umso mehr erscheint es fast wie ein tollkühnes Wagnis, was Christoph Peters hier mit seinem jüngsten Roman unternommen hat: Er schrieb einen „Dorfroman“ und nannte ihn auch ganz keck so.

Doch dieses starke, ruhige Werk zeigt, was Christoph Schröder bereits in einer „Polemik“ 2011 in der „Zeit“ schrieb:

„Von ländlichen Gefilden in der gegenwärtigen deutschsprachigen Literatur geht eine weitaus größere Sprengkraft aus als von den urbanen Selbstverhätschelungen; ein weitaus größerer Realitätsgewinn als von all diesen Erzählungen von Leuten, die mit Flugzeugen über die Kontinente fliegen, um irgendwelche Gender-Abenteuer zu erleben.“

Für Sprengkraft sorgt in dieser Entwicklungsgeschichte ein Bauwerk, das von Beginn an höchst umstritten war: Der „Schnelle Brüter“ in Kalkar am Niederrhein, der 1985 fertiggestellt wurde, jedoch nie in Betrieb ging und später Teil eines Freizeitparks wurde. Der Atomreaktor sorgt auch für einen bodentiefen Riss durch das ganze Dorf Hülkendonck, in dem der Erzähler gut behütet aufwächst: Die Eltern, längst dem Bauernstand entwachsen, sind der neuen Technik gegenüber aufgeschlossen, die Landwirte hingegen wehren sich gegen Enteignung, Landwegnahme, Veränderung.
Peters erzählt die autofiktionale Geschichte „seines Dorfes“ und seines Protagonisten auf drei Zeitebenen, die einander abwechseln: Aus der Perspektive des Kindes, das gutgläubig und blauäugig die Glaubenssätze der Eltern und zahllosen Tanten nachbetet, das sich vor der Roten Armee Fraktion mehr fürchtet als vor einer unkalkulierbaren Technik. Der Jugendliche verliebt sich in Juliane, die auf der „anderen“ Seite steht, eine junge Frau, vom autoritären Vater gebrochen, die in einer Kommune ein anderes Leben, das Glück sucht und doch nicht findet. Und dann, Jahrzehnte später, führt der erwachsene Sohn die Leser zurück zu den alt gewordenen Eltern, erinnert sich an die Jahre des Aufbruchs und der Zerrissenheit.

Das alles ist ganz gelassen und ohne falsche Sentimentalität erzählt, selbst das große Trauma – der Suizid Julianes, die sich, nachdem die Polizei Kommune und Träume weggeknüppelt hat, ins Wasser begibt – wird beinahe nüchtern verhandelt. In dieser Ruhe liegt jedoch die Kraft dieser Art des Erzählens: Sie lässt Platz für subtile Ironie, insbesondere dort, wo das Kind aus Kinderaugen über die Erwachsenen berichtet, die Krieg und Hitler verdrängen wollen, angetrieben vom Wunsch, „dass die Kinder es einmal besser haben“. Sie lässt Platz für diese Zwischentöne, Zwischengefühle, die wohl jeder kennt, der in „der Provinz“ aufwuchs: Man möchte nichts als weg von dort, der Enge entfliehen und hängt dennoch an einem unsichtbaren Faden, der einen mit einem Teil seines Daseins an die Provinz, die Heimat, das Elternhaus bindet.

Und nicht zuletzt besticht dieser Roman durch seine Realitätsnähe: Selten findet man in literarischen Werken den normalen Familienalltag, das Denken der Mittelschicht, die Gefühlslage und Gedankenwelt der Nachkriegsgeneration und ihrer Nachkommen so exakt beschrieben wie in diesem „Dorfroman“. Peters ist Jahrgang 1966, ebenso wie ich – und an so vielen Stellen musste ich nicken, schmunzeln und mich wundern: Ob in Hülkendonck oder in Burgrieden oder in einem anderen Dorf der BRD: Die Verhältnisse ähnelten sich, die Glaubenssätze glichen sich, die Uhren tickten gleichartig. Insofern ist der „Dorfroman“ auch großartiges Abbild unserer Zeit.

Das Buch ist auch psychologisch stimmig bis hin zum letzten Absatz, der die Zerrissenheit des Erwachsenen aufzeigt, der ein langes Pfingstwochenende bei den Eltern kaum aushalten kann, fluchtartig zurückfährt nach Berlin und doch vom Gedanken geplagt wird, die Alten dort allein zu lassen:

„Ich werde trotzdem ins Auto steigen, zurück nach Berlin fahren, wo ich auch nicht zu Hause bin.
Es ist falsch.“

Birgit Böllinger

Zum vertieften Nachlesen: Die Rezension von Christoph Schröder in der Zeit.

Christoph Peters ist auch bildender Künstler. Auch davon gibt es auf der Homepage etwas zu sehen:
https://www.christoph-peters.net/

Informationen zum Buch:

Christoph Peters
Dorfroman
Luchterhand Verlag, 2020
Hardcover mit Schutzumschlag, 416 Seiten, 22,00 Euro
ISBN 978-3-630-87596-5


 

Buchhändler Hauke Harder stellt „Die Asche des Tages“ vor

Kröner Verlag

„Man leidet mit N., auch wenn man ihn gerne an den Schultern schütteln möchte. Man glaubt ihm seine Gedanken und denkt, er wird alles irgendwann eventuell doch meistern. Der, der es meistert, ist der Autor. Ein typisch schräger, irischer Roman. Máirtín Ó Cadhain reiht sich mit dieser feinen Wiederentdeckung und Übersetzung von Gabriele Haefs in die Kultwerke (z.B. Flann O’Brien in der Übersetzung von Harry Rowohlt) der irischen Literatur ein. Also, gerne alles aufschieben und Máirtín Ó Cadhain lesen!“

Große Freude über diese Leseempfehlung von Hauke Harder von der Buchhandlung Almut Schmidt auf seinem Blog „Leseschatz“

Die Rezension gibt es in voller Länge hier: https://leseschatz.com/2020/08/28/mairtin-o-cadhain-die-asche-des-tages/.