Bennads Buchtipps: Die Akte Klabautermann von Oliver Teutsch

Der allseits bekannte Literaturbetrieb puscht gewöhnlich per Bestsel­lerlisten aller Arten das Aktuelle auf die Tische der Leserschaft. Das kennt man. Wer jedoch abseits dieser Listentrends literarische Ent­deckungen machen will, schaue sich um und blättere zum Beispiel in Programmen kleiner, unabhängiger Verlage. Da findet man Neues zu Altem wie bei dem vorliegenden Roman von Oliver Teutsch mit dem Titel „Die Akte Klabautermann“ im Axel Dielmann Verlag. Ganz sicher kein Märchenbuch, sondern eine Erzählung über die Ent­stehung eines Bestsellers aus dem Jahre 1946/47, den Anfängen der Nachkriegsliteratur in Deutschland.

Ein Gastbeitrag von B. R. M. Ulbrich

Oliver Teutsch (*1969) ist Journalist und neuer Roman-Schriftsteller. Sein 315-Seiten-Debüt „Die Akte Klabautermann“ nimmt die Entstehung des doppelt umfangreichen, letzten Romans von Fallada unter die Lupe.

Rudolf Wilhelm Friedrich Ditzen alias Hans Fallada (1893-1947) gehört zu jenen deutschen Schriftstellern, die in der Nazi-Zeit nicht nur nicht emigriert sind, sondern auch nicht in der sogenannten „Inneren Emigration“ landeten und sich somit pauschal als systemstützend verdächtigt gemacht haben. Das hat die Nachkriegsrezeption seiner Werke nachteilig beeinflusst. Hinzukommt noch, dass sein Leben langstreckenweise durch harte Süchte gezeichnet war: Alkohol, Morphium und das Schreiben. Fallada also eher ein Bild der Vermeidung. Das Thema seines letzten Romans „Jeder stirbt für sich allein“ behandelt die individuelle und damit aussichtslose und letztlich tödliche Rebellion eines Ehepaars gegen das Nazi-Regime ihrer Zeit.

Oliver Teutsch nun behandelt in seinem Roman die W-Fragen zu dem letzten Werk Falladas: Wer hat wann was warum wie und wo zur Entstehung des Manuskriptes beigetragen? Dieser Ansatz erschöpft sich aber nicht in einer faktischen, literaturhistorischen Beschreibung, sondern bietet gut lesbare, fiktionale Anteile. Insbesondere spiegelt sich das in den ausführlichen Gesprächsrunden der Protagonisten des Kulturbundes, der von Johannes R. Becher am 4.7.1945 in der SBZ (Sowjetisch Besetzte Zone) gegründet wurde. Und in den persönlichen Gesprächen zwischen Becher und Ditzen und zwischen ihm und seiner Frau Ulla. Durchgängig wird Fallada in dem Debüt bei seinem bürgerlichen Namen genannt, nur in wenigen Fällen blitzt das Schriftsteller-Pseudonym heraus.

Der Inhalt des Romans liefert eine erhellende Analyse des förderlichen und hemmenden Beziehungsgeflechtes, in dem sich Rudolf Ditzen bewegt, vor und während seiner letzten Schreibphase 1946.

Die Struktur des Romans ist nachvollziehbar aufgebaut, hauptsächlich das Zeitfenster 1945-46 umfassend. Perso­nenbezogen ergeben sich verträgliche Sprünge in der Zeit. Die LeserInnen werden nicht mit literarischen Tricks überfordert. Sie können sich auf den Inhalt konzentrieren, um sich wesentliche Fragen zu beantworten. Wer war Fallada? Wie war sein soziales Umfeld? Sind die Urteile über ihn gerechtfertigt? Kann uns sein letztes Werk, das erst 2011 ungekürzt erschien, heute noch etwas mitteilen?

Die Erzählperspektive ist dem Thema und damit dem journalistischen Ansatz entsprechend auktorial, zum Ver­ständnis der LeserInnen hilfreiches Wissen befördernd. Aber es ist ein Roman und kein Essay! Die vielen Personen, die tatsächlich existiert haben, kommen in den fiktionalen Gesprächen lebendig rüber. Man denkt stets: Ja, so könnte es gelaufen sein. Das ist die eigentliche Kunst der Romanciers. Es ist nicht vorstellbar, dass die Dialoge in Teutsch‘ Roman aus Tonbandaufnahmen transkribiert wurden.

Die Handlungen sind eher unspektakulär, sie spielen auf den Beziehungsebenenrund um Rudolf Ditzen. Auf der einen Seite die vielen befremdlichen Affekte, verursacht durch die Sucht-Querelen des Ehepaars, und auf der anderen Seite die Fluchtversuche Ditzens in seine Welt am Schreibtisch. Bei den mühevollen Beschaffungsanstrengungen von Morphin auf dem Schwarzen Markt taucht auch als Quelle der Arzt Gottfried Benn auf. Man staunt nicht schlecht.

Der Roman „Die Akte Klabautermann“ hat einen zunächst rätselhaften Titel. Der Klabautermann ist ein, seinen Schabernack auf Schiffen treibender Geist, der aber auch konstruktiv sein kann und manchmal den Kapitän auf Gefahren hinweist. Dieser Begriff als Tarnname auf der Akte des vom Nazi-Regime verfolgten Ehepaares Hampel landet nun auf dem Cover des Debüts von Teutsch und will in Zusammenhang mit Fallada entschlüsselt werden.

Welchen Schabernack Fallada auch immer mit seinen Romanen betrieben hat, sie haben immer die Position der Leute von unten beschrieben. Die des kleinen Mannes und seiner eher schlichten Weltsicht und wie er sich darin zurechtfindet. Ist das so weit weg von unserer heutigen Zeit?

Oliver Teutsch hat in seiner Doppelbegabung als Journalist und Romancier mit seinem Debüt die Reflexion über Entstehung und Wert von Literatur befeuert. Der schwache Fallada hat einen starken Roman hinterlassen. Geht Roland Barthes (Der Tod des Autors, 1968) davon aus, der Biografismus sei obsolet, so offeriert uns Teutsch erfreulich ungermanistisch biografische Kenntnisse über Fallada, die zum neugierigen Lesen animieren. –

Und das Lesen ist doch das Wesen von Literatur!

brmu / 2022-01-22

Oliver Teutsch
Die Akte Klabautermann – Die Entstehung eines Weltbestsellers
Roman
axel dielmann – verlag Frankfurt a. M., 2022
ISBN 978-3-86638-343-2

Henry James: „Die Europäer“ und „Die Gesandten“

james

Bild: (c) Michael Flötotto

Es mag ein Zufall gewesen sein, aber zum 100. Todestag von Henry James veröffentlichten zwei Verlage zwei Romane in neuer Übersetzung, die am Anfang und Ende seines Schaffens stehen – und einen thematischen Kreis schließen. Zu Beginn seiner Karriere lässt Henry James die Europäer in die Vereinigten Staaten kommen – gegen Ende suchen die Amerikaner in Europa ihr Glück und verlieren dabei die Orientierung.

„Die Europäer“, beim Manesse Verlag erschienen, ist ein luftig-leichtes Frühwerk. Eher ein Appetithäppchen, das die Neugier erweckt auf die späteren Bücher des Amerikaners, der ein Lebensthema hatte: Das Aufeinanderprallen der „alten“ und der „neuen“ Welt. Das amüsante Wechselspiel um einige Amouren und Aufeinanderprallen der Kulturen zeigt den Stil von Henry James bereits in den Grundzügen: Er forscht in den Regungen der Seele – auch wenn sein gestrenger Bruder William, berühmter Psychologe seiner Zeit, den Roman als „leer“ verurteilte. „Die Europäer“ erinnert – insbesondere durch den eloquenten Einsatz von Dialogen – an ein Stück von Oscar Wilde: Locker, luftig, leicht und amüsant.

„Die Gesandten“ dagegen, sein vorletzter Roman und in neuer Übersetzung durch Michael Walter beim Hanser Verlag erschienen, ist von ganz anderem Gewicht: Ein Amerikaner kommt nach Paris, um dort die Mesalliance eines jungen Mannes aus seiner Heimat mit einer Dame von zumindest angekratztem Ruf zu verhindern – der Herr in den besten Jahren verliert jedoch in der Alten Welt bald auch sein inneres Gleichgewicht: Paris, das ist so ganz anders, als Lambert Strether es sich in seiner amerikanisch-puritanischen Haltung vorstellen konnte. Strether beginnt sich selbst zu fragen, ob sein eigenes Leben nach den richtigen Prinzipien ausgerichtet ist.

Die „Europäer“ erschien zuerst 1878 in The Atlantic Monthly, im Herbst 2015 beim Manesse Verlag in neuer Übersetzung durch Andrea Ott. Mit seinem locker-leichten Ton, mit den ironischen Seitenhieben auf die neureiche Neue Welt und den abgewirtschafteten Adel der Alten Welt, mit seinen Dialogen wie Ping-Pong-Spielen und den amourösen Verwicklungen ist es ein leichtes Lesevergnügen und wartet mit reichlich viel Happy-Endings auf: Vier Hochzeiten und eine Abreise. Ausgerechnet Eugenia, die „Edelgeborene“, die sich einen wohlhabenden Amerikaner angeln wollte, geht leer aus.

James konstruiert in diesem Roman einen „clash der Kulturen“ – im eigentlichsten Sinne. Denn Eugenia und ihr malender Bruder Felix, mittellos und auf gute Partien hoffend, sind ganz der Kunst, auch der Kunst des Salongesprächs, zugeneigt – vor allem bei Eugenia weiß selbst der Leser nie ganz genau, worauf sie bei ihren Geplänkeln hinaus will. Am Ende verstrickt sie sich in ihren eigenen verbalen Fäden. Hier die überfeinerten Europäer – dort die puritanischen, grundehrlichen Amerikaner, die jedoch eines nicht können: Über ihre eigenen Gefühle und Stimmungen reflektieren, Innenschau halten. Auf diesem Gegensatz beruht dieser amüsante Roman.

Gustav Seibt schreibt in seinem Nachwort zur Manesse-Ausgabe:

„Der ästhetisch-kulturelle Gegensatz zwischen Europa und Amerika bleibt als historisches Thema bedeutend genug – die Frage nach dem Verhältnis von Vorgänger- und Nachfolgerkulturen wird die globalisierte Welt auch in Zukunft begleiten. Und wie wenig James, bei aller Liebe zu den Künstlern Europas, den amerikanischen Standpunkt verleugnet, zeigt sich etwas in dem stolzen Satz von Mr. Wentworth, der, auf den fürstlichen Stand seiner Cousine Eugenia angesprochen, knapp erklärt: „Hierzulande sind wir alle Fürsten.“ 

Thematisch ähnlich, doch deutlich komplexer ist das von Michael Walter für den Hanser Verlag neu übersetzte Werk „Die Gesandten“, das 1903, ebenfalls zunächst als Vorabdruck in einer Zeitschrift, erschien. Das Buch ist eine Herausforderung an die Leser: Ein echter Henry James. Es lebt von präzis-minutiöser Erforschung des Innenlebens seiner Protagonisten und doch bleibt manches unausgesprochen, verharrt in Andeutungen, vieles erklärt sich nur vage an kleinen Handlungen, Äußerungen, in Nuancen.

Der biedere Herausgeber einer Zeitschrift, Lewis Lambert Strether, aus dem Städtchen Woollett (Massachusetts) soll den Sohn der ebenfalls sehr biederen Witwe Mrs. Newsome nach Hause holen: Jung-Newsome lebt in Paris, ist in eine amouröse Geschichte mit einer klugen, charmanten Französin namens Madame de Vionnet verstrickt und denkt gar nicht daran, sich wieder in die Eintönigkeiten amerikanischen Kleinstadt- und Geschäftslebens zu fügen. In den Augen der gestrengen Mrs. Newsome (und zunächst auch in Strethers Auffassung) hat Madame de Vionnet ein ganzes Bündel an Fehlern: Sie ist um einige Jahre älter, verheiratet und zudem mit einer hübschen Tochter gesegnet. Obwohl zutiefst unglücklich, ist die Ehe mit einem Adeligen, die nur noch auf dem Papier besteht, nicht auflösbar. Überkommener Adelcodex trifft auf amerikanischen Puritanismus.

Strether, der selbst an eine Verbindung mit Mrs. Newsome denkt, ist zunächst guter Dinge, seinen Auftrag bewältigen zu können – und scheitert. Denn seine „Pariser Erfahrungen“ führen ihn zu ganz zentralen Fragen an sich selbst, zu einer Auseinandersetzung mit seinem Leben. Bei einer Unterhaltung mit einem jungen, unsicheren Mann, den er in der Hauptstadt der Liebe kennenlernt, bricht es plötzlich aus dem rechtschaffenen Amerikaner heraus:

„Leben Sie, so intensiv Sie können; alles andere ist ein Fehler. Was Sie tun, spielt eigentlich keine große Rolle, solange Sie ihr eigenes Leben leben. Wenn Sie das nicht gelebt haben, was haben Sie dann überhaupt gehabt?“ 

Verbunden mit dem temperamentvollen Appell an den jüngeren Mann ist jedoch die melancholische Einsicht, dass für ihn selbst, den 55jährigen, der Zug wohl schon abgefahren ist – und dennoch kehrt Strether am Ende des Romans nach Hause zurück. Allerdings ist er nicht mehr derselbe, wie der Abschied von einer amerikanischen Freundin in Paris am Ende des Romans verdeutlicht.

„Es brachte sie zurück auf ihre unbeantwortet gebliebene Frage. „Was erwartet Sie denn zu Hause?“
„Ich weiß es nicht. Irgendetwas gibt es immer.“
„Eine große Veränderung“, sagte sie, während sie seine Hand festhielt.
„Eine große Veränderung – ganz ohne Zweifel. Trotzdem werde ich sehen, was sich daraus machen lässt.“

Maike Albath, eine ausgezeichnete Kennerin von Henry James` Werk, schreibt über „Die Gesandten“:

„Hier klingt ein weiteres zentrales Motiv von Henry James an, das er in vielen Romanen variiert: das des verpassten Lebens. Gründe dafür können Zaghaftigkeit, emotionale Taubheit, aber auch wirtschaftliches Kalkül sein, wie in seinem groß angelegten Fresko „Die Flügel der Taube“, in dem Berechnung schließlich jede tiefere Gefühlsregung verfälscht und Verstellung eine fatale Dynamik entwickelt. In seinem ausführlichen Nachwort, das in dieser Ausgabe zum ersten Mal auf Deutsch erscheint, erzählt der Autor, wie er 1895 über einen Freund von einem älteren Gentleman hörte, der einen jungen Mann vor der Gefahr des Verzichts warnte.“ 

Ihr Artikel verknüpft Kenntnis des Werks und der Biographie des Autors geschickt. Wer sich Henry James annähern will, findet hier eine gute Quelle: http://www.deutschlandfunk.de/buch-der-woche-henry-james-die-gesandten.700.de.html?dram:article_id=346874 

Auch heute noch, in einer globalisierten Welt, in der durch die digitalen Medien scheinbare Nähe aufgebaut wird, wirken die Romane Henry James in ihrem Kernthema – Alte Welt versus Neue Welt – eigenartig modern. Die jüngsten Präsidentschaftswahlen haben dies vielleicht einmal mehr gezeigt, wie wenig wir von den Vorgängen in den USA und der amerikanischen „Seele“ wissen. James, der sich selbst zeitlebens in Europa wohler fühlte, hätte das Erstaunen der Europäer über Trumps` Wahl vielleicht mit einem Schulterzucken und einem wissenden, müden Lächeln quittiert. Immer wieder hat er in seinen Büchern versucht, die Masken zu lüften – und immer wieder doch auch aufgezeigt, wie vieles die alte von der neuen Welt trennt.

Verlagsinformationen zu „Die Europäer“:
https://www.randomhouse.de/Buch/Die-Europaeer/Henry-James/Manesse/e483140.rhd

Verlagsinformationen zu „Die Gesandten“:
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/die-gesandten/978-3-446-24917-2/


„Es war allerdings ein Leichtes, nicht zu sprechen, wo die eigentliche Schwierigkeit doch darin lag, Worte zu finden.“

Henry James, „Die Kostbarkeiten von Poynton“, Manesse Verlag, 2017.

Henry James ist einer dieser Schriftsteller, die nie ganz weg, aber auch nie ganz da sind – wohl jeder, der sich mit englischsprachiger Literatur befasst, wird eines seiner bekanntesten Werke, sei es „Die Drehung der Schraube“, „Portrait of a Lady“ oder „Washington Square“ gelesen haben. Doch die gesamte Fülle seines Werks harrt immer noch einer angemessenen Übertragung ins Deutsche.
Umso mehr muss man anerkennen, dass beim Manesse Verlag seit einiger Zeit nach und nach einiger seiner Werke in hervorragender neuer Übersetzung erscheinen – und darunter, so wie nun mit „Die Kostbarkeiten von Poynton“, durchaus nicht nur die oben genannten, bereits berühmten Titel, sondern auch ein Roman, der zu den weniger bekannten Stücken aus James` Gesamtwerk zählt.

Wie Alexander Cammann in seinem Nachwort herausarbeitet, bildet dieses Buch eine Art Zäsur im Schaffen des amerikanischen Schriftstellers. Mit dem Krebstod seiner Schwester Alice, dem Tod seines Brieffreundes Robert Louis Stevenson und dem Suizid seiner Seelenverwandten Constance Fenimore Cooper hatte Henry James innerhalb kürzester Zeit seine engsten Vertrauten verloren, dazu kam sein öffentliches Scheitern als Bühnenautor. Seine Reaktion: Er setzt sich mit seinem eigenen Schaffen auseinander, beginnt wieder an einem Roman zu schreiben: „Ich gedenke, weit bessere Arbeit zu leisten als je zuvor.“

An dem 1896 erstmals veröffentlichten Poyntoner Kostbarkeiten werden sich die Geister scheiden: Wer sich mit dem Stil von Henry James, der zugegebenermaßen wenig „actionreich“ ist, sowieso nicht anfreunden kann, der wird das Buch entnervt zur Seite legen. Andere finden darin jedoch ihren vollen Genuss.

Im Grunde ist die Geschichte etwas Schall, sehr viel Rauch – Rauch, in dem das vermeintliche Objekt der Begierde, ein mit Devotionalien vollgestopftes Haus, am Ende in Flammen aufgeht. Eine unerwartete Pointe für eine Erzählung, die jedoch um einen ganz anderen Kern kreist: Die Unfähigkeit der beteiligten Personen, die (selbstauferlegten) Grenzen der Konvention, der öffentlichen und der gefühlten Moral abzulegen und ihrem eigentlichen Bedürfnissen und Gefühlen nachzugeben. Am Ende liegt alles buchstäblich in Schutt und Asche – auch das Lebensglück eines verliebten Paares, das nicht fähig ist zu können, wie es wollen sollte.

Nikolaus Stingl hat in seiner Übersetzung die leisesten Schwingungen und Untertöne, die Henry James seinen Figuren bei diesem dialoghaltigen Roman in den Mund legt, hervorragend aufgenommen. James, der souveräne „Menschenautor“, lässt einem jede feinziselierte Seelenregung seines Personals nachvollziehen, obwohl niemals direkt das ausgesprochen wird, was eigentlich gemeint ist – auch das macht die Lektüre insbesondere seines Spätwerks, das durch „Die Kostbarkeiten von Poynton“ eingeläutet wurde, zu einem herausfordernden Genuss.

Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.randomhouse.de/Buch/Die-Kostbarkeiten-von-Poynton/Henry-James/Manesse/e450014.rhd

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Ulrike Draesner: Schwitters

„Der Rest fiel in seine Verantwortung. Er ging auf seine Gastgeber zu. An seiner Liebe zu Tee mit Milch arbeitete er, doch er schätzte quasi auf natürliche Art alle Arten von Pie, jeden Pudding, womit man in England jegliche Art von Dessert meinte, den Wolkenhimmel, den Dauerwind, sogar die dauerhaft winterlichen Raumtemperaturen.“

Ulrike Draesner, „Schwitters“, 2020

Kurt Schwitters, Public domain, via Wikimedia Commons SCHWITTERS, Kurt_Merz 1925, 1. Relieve en cuadrado azul, 1925_748 (1980.74)

Doch obwohl der Emigrant, der Exilant sich bemüht, in seiner neuen Heimat Fuß zu fassen, er bleibt ein Außenseiter. Vielleicht auch, weil er das von Natur aus ist: So ging es ihm in Hannover, so ging es ihm, dem Schöpfer der „Ursonate“ und der „Anna Blume“ mit seinen Beiträgen zur DADA-Bewegung, wo er immer ein Solitär blieb, ein Fremdkörper, so ergeht es ihm, dem „entarteten Künstler“ bei seinen Stationen im Exil, in Norwegen und schließlich England, wo er 1948 stirbt. „Schwitters“, der hochgelobte Künstlerroman von Ulrike Draesner, zeigt aber auch exemplarisch auf, was ein Exilantenschicksal bedeutet: Entwurzelung, Identitätsverlust, Vereinsamung. Wer wie Schwitters mit Sprache, mit einer besonderen Bildsprache arbeitet, ist doppelt geschlagen, dem sind auch die Grundlagen der beruflichen und künstlerischen Existenz entrissen.

Die Jahre des Exils, vor allem aber die Jahre, in denen Kurt Schwitters dann mit seinem Lebensmenschen, Edith Thomas, kurz „Wantee“ (der ewige Hang zum Tee zärtlich verballhornt) einen neuen Dreh-, Angel- und Haltepunkt findet, rückt Ulrike Draesner in dieser stilistisch wie ästhetisch herausragenden und herausfordernden Annäherung an den MERZ-Schöpfer in den Mittelpunkt. Dabei gelingt ihr nicht nur eine sensible Charakterisierung des Künstlers, der auch zerrissen ist zwischen alten Familienbanden und neuer Liebe, sondern gewissermaßen auch eine Einführung in ein Stück Kunstgeschichte: Was DADA ausmacht, was MERZ ausmacht, das wird durch diesen Roman greifbar. Und dies immer auch in einer liebevoll-kritischen Distanz zum Künstler, der wie viele seiner Art durchaus den Hang zur Egomanie hatte. Michael Braun schreibt im „Tagesspiegel“:

„Ein Roman über eine Figur der Zeitgeschichte läuft immer Gefahr, die biografischen Fakten mittels Legendenbildung und hagiografischer Aufladung zu einem großen Erzählkino auszupinseln. Ulrike Draesner ist es dank ihrer feinen Sprachempfindlichkeit gelungen, diese Geschichte eines deutschen Exilanten und seiner Sprach- und Weltenwechsel von jedweder Schwärmerei freizuhalten und das späte Leben von Kurt Schwitters in all seinen Brüchen und markanten Selbstwidersprüchen freizulegen.“

Zuweilen kreist Ulrike Draesner diese Selbstwidersprüche für meinen Geschmack zu zögerlich ein, umrundet sie, lässt der Lust an Wortspielereien und Sprachkunst dann vollends freien Lauf – an der einen oder anderen Stelle läuft der Text dann etwas davon, wünschte man sich, näher an Schwitters denn an Draesner zu sein. Aber im Grunde ist dies wiederum auch fast schon symbolhaft: Sprache, so wuchernd und ständig wachsend wie der 1943 zerstörte MERZbau.

Verlagsinformationen zum Buch finden sich hier.
Der Beitrag ist eine unabhängige Buchrezension, dem Penguin Verlag danke ich für das zur Verfügung gestellte Besprechungsexemplar.

Ferdinand von Schirach: GOTT

Bild: Florian Pittroff

Wem gehört unser Leben? Und wer entscheidet über unseren Tod? In dem Buch „GOTT“ von Ferdinand von Schirach“ wird in einem fiktionalen Ethikrat über diese Fragen diskutiert. Florian Pittroff hat sich das Buch genau angesehen.

Der 78-jährigen Richard Gärtner will nach dem Tod seiner Frau nicht mehr weiterleben: „(…) das Leben bedeutet mir nichts. Nichts mehr. Und ich will nicht irgendwann an Schläuchen hängen, ich will nicht aus dem Mund sabbern und ich will nicht dement werden. Ich will als ordentlicher Mensch sterben, so, wie ich gelebt habe“.

Richard Gärtner will sein Leben durch ein Medikament und mit Hilfe seiner Ärztin beenden. Rechtlich ist das nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts seit Februar dieses Jahres möglich, die ethische Debatte darüber ist aber natürlich noch nicht beendet.

„Gott“ ist nach „Terror“ Schirachs zweites Theaterstück. Wieder heißt die alles überdeckende Frage, was „Richtig“ und was „Falsch“ ist.

In „Gott“ werden so viele Fragen aufgeworfen, so viele Lösungen angeboten und so viel wieder verworfen, dass es manchmal scheint, man verliert den Durchblick. Kostprobe: Was hat das für Folgen, wenn ein Arzt beim Suizid hilft? Geht das überhaupt? Soll der Arzt nicht den Menschen helfen? Ist der Arzt dann noch ein Arzt, wenn er beim Suizid hilft? Oder hat der Arzt dann sogar dem Menschen geholfen? Alles scheint richtig und alles ist auch irgendwie falsch.

Rechtssachverständige Litten sagt: „Der Suizid selbst ist in unserem Recht keine Straftat. Ein Tötungsdelikt setzte immer den Tod eines anderen Menschen voraus. Bei einem Suizid (…) stellt sich also nur die Frage ob und wie sich ein Helfer strafbar machen kann“. Über dieses Strafbarmachen wird in der Sitzung des Ethikrates intensiv diskutiert. Wenn der Patienten wünscht, dass seine Behandlung abgebrochen wird, der Arzt tut das, dann ist das eine „Unterlassung“. Das Gegenstück zur „Unterlassung“ ist das aktive „Tun“, also wenn der Arzt dem Patienten aktiv das Mittel verabreicht. „(…) bei einer Beihilfe zum Suizid will ich den Tod herbeiführen. Bei einem Behandlungsabbruch nehme ich ihn nur in Kauf“.

Es ist überaus spannend, die verschiedenen Positionen der unterschiedlichen Protagonisten zu verfolgen, wie man sich automatisch auf die eine Seite schlägt, diese dann wieder wechselt und doch letztlich eine Meinung dann für besser hält. Die Essays von Wissenschaftlern am Ende des Buches geben noch einmal interessante Einblicke und Informationen.

Rechtsanwalt Biegler ergreift gegen Ende noch einmal das Wort: „Nein, es geht nicht um Beihilfe, nicht um unterlassene Hilfeleistung, nicht um Tötung auf Verlangen. (…) Es geht um eine einzige, sehr einfache und sehr klare Frage. Vielleicht ist es sogar die wichtigste Frage überhaupt. Diese Frage lautet: Wem gehört unser Leben?

Gehört es einem Gott, gehört es dem Staat, der Gesellschaft, der Familie, den Freunden. Oder gehört es nur uns selbst?“

Das Buch, das eigentlich ein Theaterstück ist, hat mich sehr ergriffen und nachdenklich gemacht. Es wirft viele Fragen auf und ist wie immer bei Schirach absolut lesenswert.

Florian Pittroff

Homepage: https://flo-job.de/

Wer neugierig ist auf das Buch: Am 23. November kommt das Theaterstück als Verfilmung in der ARD.

Informationen zum Buch:

Ferdinand von Schirach
Gott. Ein Theaterstück.
Luchterhand Verlag, 2020
Hardcover mit Schutzumschlag, 160 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-630-87629-0

 

Christoph Peters: Dorfroman

By © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons), CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11498055

„Obwohl nichts mehr so ist wie zu der Zeit, als ich hier aufgewachsen bin, habe ich oft darüber nachgedacht, zurückzukehren. Weniger, weil ich noch immer unter Heimwehattacken leide oder mir andernorts etwas Bestimmtes fehlt. Wahrscheinlich würde mir in Hülkendonck nach wenigen Wochen weit mehr fehlen als überall, wo ich nach meinem Weggang länger gelebt habe. Trotzdem: Nirgends sonst hat sich je wieder dieselbe Vertrautheit mit Landschaft, Wetterverhältnissen, Sprachmelodie eingestellt. Am Rheinufer zu sitzen, mit unserem Haus im Rücken aufs Wasser zu schauen, erscheint mir zumindest für Momente wie ein Ausweg aus jeglicher Lage.“

Christoph Peters, „Dorfroman“

Der Heimatbegriff, häufig missbraucht, irgendwie abgenutzt, zwiespältige Gefühle hervorrufend. Und dennoch einer dieser wirkmächtigen Wörter, mit so viel Emotionen aufgeladen. Heimat, das ist für viele zugleich auch die Provinz, aus der man flieht, Zuflucht sucht und scheinbare Freiheit in den Städten. Provinzroman und Heimatdichter: In der zeitgenössischen Literatur ist man damit durch. Umso mehr erscheint es fast wie ein tollkühnes Wagnis, was Christoph Peters hier mit seinem jüngsten Roman unternommen hat: Er schrieb einen „Dorfroman“ und nannte ihn auch ganz keck so.

Doch dieses starke, ruhige Werk zeigt, was Christoph Schröder bereits in einer „Polemik“ 2011 in der „Zeit“ schrieb:

„Von ländlichen Gefilden in der gegenwärtigen deutschsprachigen Literatur geht eine weitaus größere Sprengkraft aus als von den urbanen Selbstverhätschelungen; ein weitaus größerer Realitätsgewinn als von all diesen Erzählungen von Leuten, die mit Flugzeugen über die Kontinente fliegen, um irgendwelche Gender-Abenteuer zu erleben.“

Für Sprengkraft sorgt in dieser Entwicklungsgeschichte ein Bauwerk, das von Beginn an höchst umstritten war: Der „Schnelle Brüter“ in Kalkar am Niederrhein, der 1985 fertiggestellt wurde, jedoch nie in Betrieb ging und später Teil eines Freizeitparks wurde. Der Atomreaktor sorgt auch für einen bodentiefen Riss durch das ganze Dorf Hülkendonck, in dem der Erzähler gut behütet aufwächst: Die Eltern, längst dem Bauernstand entwachsen, sind der neuen Technik gegenüber aufgeschlossen, die Landwirte hingegen wehren sich gegen Enteignung, Landwegnahme, Veränderung.

Peters erzählt die autofiktionale Geschichte „seines Dorfes“ und seines Protagonisten auf drei Zeitebenen, die einander abwechseln: Aus der Perspektive des Kindes, das gutgläubig und blauäugig die Glaubenssätze der Eltern und zahllosen Tanten nachbetet, das sich vor der Roten Armee Fraktion mehr fürchtet als vor einer unkalkulierbaren Technik. Der Jugendliche verliebt sich in Juliane, die auf der „anderen“ Seite steht, eine junge Frau, vom autoritären Vater gebrochen, die in einer Kommune ein anderes Leben, das Glück sucht und doch nicht findet. Und dann, Jahrzehnte später, führt der erwachsene Sohn die Leser zurück zu den alt gewordenen Eltern, erinnert sich an die Jahre des Aufbruchs und der Zerrissenheit.

Das alles ist ganz gelassen und ohne falsche Sentimentalität erzählt, selbst das große Trauma – der Suizid Julianes, die sich, nachdem die Polizei Kommune und Träume weggeknüppelt hat, ins Wasser begibt – wird beinahe nüchtern verhandelt. In dieser Ruhe liegt jedoch die Kraft dieser Art des Erzählens: Sie lässt Platz für subtile Ironie, insbesondere dort, wo das Kind aus Kinderaugen über die Erwachsenen berichtet, die Krieg und Hitler verdrängen wollen, angetrieben vom Wunsch, „dass die Kinder es einmal besser haben“. Sie lässt Platz für diese Zwischentöne, Zwischengefühle, die wohl jeder kennt, der in „der Provinz“ aufwuchs: Man möchte nichts als weg von dort, der Enge entfliehen und hängt dennoch an einem unsichtbaren Faden, der einen mit einem Teil seines Daseins an die Provinz, die Heimat, das Elternhaus bindet.

Und nicht zuletzt besticht dieser Roman durch seine Realitätsnähe: Selten findet man in literarischen Werken den normalen Familienalltag, das Denken der Mittelschicht, die Gefühlslage und Gedankenwelt der Nachkriegsgeneration und ihrer Nachkommen so exakt beschrieben wie in diesem „Dorfroman“. Peters ist Jahrgang 1966, ebenso wie ich – und an so vielen Stellen musste ich nicken, schmunzeln und mich wundern: Ob in Hülkendonck oder in Burgrieden oder in einem anderen Dorf der BRD: Die Verhältnisse ähnelten sich, die Glaubenssätze glichen sich, die Uhren tickten gleichartig. Insofern ist der „Dorfroman“ auch großartiges Abbild unserer Zeit.

Das Buch ist auch psychologisch stimmig bis hin zum letzten Absatz, der die Zerrissenheit des Erwachsenen aufzeigt, der ein langes Pfingstwochenende bei den Eltern kaum aushalten kann, fluchtartig zurückfährt nach Berlin und doch vom Gedanken geplagt wird, die Alten dort allein zu lassen:

„Ich werde trotzdem ins Auto steigen, zurück nach Berlin fahren, wo ich auch nicht zu Hause bin.
Es ist falsch.“

Birgit Böllinger

Zum vertieften Nachlesen: Die Rezension von Christoph Schröder in der Zeit.

Christoph Peters ist auch bildender Künstler. Auch davon gibt es auf der Homepage etwas zu sehen:
https://www.christoph-peters.net/

Informationen zum Buch:

Christoph Peters
Dorfroman
Luchterhand Verlag, 2020
Hardcover mit Schutzumschlag, 416 Seiten, 22,00 Euro
ISBN 978-3-630-87596-5


Hilmar Klute: Oberkampf

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Bild von Walkerssk auf Pixabay

„Jonas bekam wieder richtig Lust, sich mit Steins egomanischer Literatur zu befassen. Hatte der Alte denn nicht recht? Galt es nicht, sein eigener Roman zu werden, losgelöst von den Zumutungen der Geschichte und der Wirklichkeit?“

Hilmar Klute, Oberkampf, 2020.

Was anfangen mit einem Leben, wenn man mit Anfang 40 schon alles hat und einen im Grunde nichts mehr interessiert? Leidenschaften und Träume mit dem „modernen Erfolgsmenschenalltag“ nicht kompatibel sind? Hilmar Klute, Chef der Streiflicht-Redaktion der Süddeutschen Zeitung, begeisterte mit seinem federleicht geschriebenen Romandebüt „Was dann nachher so schön fliegt“ Kritik und Leser gleichermaßen. Dort stand dem Protagonisten noch die ganze Welt offen, waren Träume – unter anderem vom Dasein als Schriftsteller – noch möglich. In seinem zweiten Roman, „Oberkampf“, sendet der Schriftsteller nun einen rund 20 Jahre älteren Protagonisten auf Sinnsuche, einen, der seinem selbstgeschaffenen „Museum der Ereignislosigkeit“ entkommen und ebenfalls als Schriftsteller leben möchte.

Jonas Becker, ein typischer Vertreter der „Agenturen-Generation“, lässt Frau, Job, Wohnung, sein ganzes bisheriges Leben in Berlin zurück, um in Paris neu anzufangen. Der Zufall will es, dass er in der Nacht vor dem Attentat auf die französische Satirezeitung „Charlie Hebdo“ in der französischen Metropole ankommt und sein kleines Appartement in der Rue Oberkampf nahe der Redaktion liegt. Der Anschlag ist ein Ereignis, das die jungen Franzosen, die Jonas in dieser Nacht kennenlernt, bis auf den Kern erschüttert. Insbesondere Christine, die später seine Geliebte wird, will wissen, woher der Hass und der Zorn aus den Banlieues stammen. Jonas dagegen verfolgt die Vorgänge, die Welle der Gewalt, beinahe kalt und analytisch: „Er konnte nichts mehr für dieses Land tun – dieser Gedanke, der aberwitzig und anmaßend war, begann sich in seinem Kopf festzusetzen.“  Für Jonas scheint es klar, dass der Terror, der in jenen Tagen in die europäischen Städte einzieht, sich nicht auf eine Weise erklären ließ, „die über das bloße soziologische Ereignis hinausging“.

Ebenso distanziert und beinahe gleichgültig geht Klutes Protagonist jedoch nicht nur mit den politischen Ereignissen um, sondern auch mit den kleineren und größeren menschlichen Katastrophen, die sich in seinem Leben ereignen. Angetreten in Paris, um die Biographie eines egomanischen Schriftstellers zu schreiben, verliert Jonas bald das Interesse an dem Job und dem von ihm bewunderten Richard Stein. Zwar begleitet er diesen auf dessen Suche nach dem drogenabhängigen Sohn in die USA, doch auch dort bleibt er auf Abstand, betrachtet er die Welt distanziert: „Es gab kaum etwas Falscheres auf der Welt als diese Landschaft“.

Bei einem schlechteren Erzähler als Hilmar Klute könnte sich die Beschreibung eines gelangweilten Mannes in vorgezogener Midlife-Crisis schnell auf das Gemüt des Lesers schlagen und Langeweile bei der Lektüre verursachen. Doch Klute hat seinen Stoff gut im Griff, bis hin zur bitteren Pointe ganz am Schluss: Jonas, endlich bereit, sich wirklich von allen Lebensfesseln zu befreien, betritt den Pariser Club Bataclan, um ein Konzert der Band „Eagles of Death Metal“ zu besuchen …

Klute lässt seinen neuen Protagonisten nicht mehr so hoch und leicht und unbeschwert fliegen, vielmehr ist nun eine leise, untergründige Melancholie in sein Schreiben eingezogen. Dieses Psychogramm eines überdrüssigen, am Leben eigentlich unbeteiligten Mannes stellt ganz leise und behutsam entscheidende Fragen: Unter anderem die, wie man sein eigenes Leben mit Sinn und Gehalt erfüllen will, wenn der Tod in Form des Terrors hinter jeder Clubtür lauern kann.

Aber wie der Vorgänger, an dem jeder Roman eines Schriftstellers gemessen wird, ist auch dies ein Buch, das durch seine wunderbare Sprachkraft glänzt. Ganz wenige missglückte Bilder (was ist ein „entzündlich glänzender Mann“ oder warum muss die Metro als „immer bereit gestellter Fahrdienst“ bezeichnet werden?) durchbrechen diese ausgefeilte Sprache, in die man gut und gerne abtauchen kann. Hilmar Klute verbeugt sich mit seinem zweiten Roman auch vor Leonard Cohen, dem im Buch eine wunderbare Referenz erwiesen wird. Da gibt es Parallelen: Beide Künstler sind Suchende, Zweifelnde, Hinterfragende, die mit dem wunderbaren, einzigartigem Talent gesegnet sind, der Melancholie ihre Schönheit zu belassen.

Bibliographische Angaben:
Hilmar Klute
„Oberkampf“
Verlag Galiani Berlin, 2020
Gebunden, Lesebändchen, 320 Seiten, 22,00 Euro
E-Book 18,99 Euro
ISBN 978-3-86971-215-4


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Christof Weigold: Der Mann, der nicht mitspielt

„Als ich an einem Sonntagnachmittag Anfang September nach Hause kam, stolperte ich auf der Treppe über eine scharfe Rothaarige. Ich hatte am Freitag ein misslungenes Casting bei Hal Roach gehabt, danach auf dem Nachhauseweg einen oder drei auf das Labor-Day-Wochenende getrunken und dachte zuerst, ich würde sie nur träumen.
Aber sie saß da wirklich, auf der Treppe vor meinem Zimmer im ersten Stock im Halbdunkel, und rauchte eine Zigarette. Nachdem ich das Gaslicht im Flur aufgedreht hatte – obwohl das laut meiner Vermieterin Mrs. Balzheimer tagsüber strikt verboten war – vergaß ich zunächst sogar, mich zu entschuldigen und meinen Hut zu lüften.
Sie war Anfang Zwanzig, und über ihren Körper war ein knappes Kleid gespannt, so eng wie eine zweite, nachtblaue Haut.“

Christof Weigold, „Der Mann, der nicht mitspielt“, Kiepenheuer & Witsch Verlag Köln, 2018.

Das eigentlich Schlimme am Skandal um Harvey Weinstein fand ich: Es war ja nichts Neues. Da die Filmindustrie ein System ist, in dem es um sehr viel Geld, Karrieren und Schönheit geht, konnte man sich an allen Fingern ausrechnen, dass dort systematisch das geschieht, was geschieht, wenn korrumpierte Männer Macht ausüben. Das eigentlich Schlimme an diesem Skandal ist es, dass es mehr als ein Jahrhundert dauerte, dass mit #MeToo eine Protestbewegung begann, die es vielleicht erreicht, die Strukturen von „Hollywood Babylon“ wirklich zu ändern.

1965 brachte der avantgardistische Filmregisseur Kenneth Anger unter dem Titel „Hollywood Babylon“ einen voluminösen Schinken heraus, der all die Skandale der Traumfabrik seit ihrem Start in den sonnigen Hügeln Kaliforniens auflistete. Das Buch: Eine knallige und dramatische Abfolge von Drogenexzessen, Sexorgien, Suiziden und Mordfällen. Ein Schmökerstoff auch für Voyeure, ist das Buch zwar auf Krawall angelegt und nicht unbedingt sorgfältig recherchiert, aber es zeigt eines – in Hollywood ging es hinter den Kulissen immer schon weitaus heftiger zu als auf der Leinwand. Das Buch wurde selbst zum Skandal, war jahrelang verboten und durfte erst 1975 wieder veröffentlicht werden. Wenn es darum geht, den schönen Schein zu wahren, ist den Mächtigen von Hollywood jedes Mittel recht.

So auch im Fall des Stummfilm-Komikers Fatty Arbuckle, dem Anger ebenfalls ein großes Kapitel widmete: War es doch das erste Mal, dass einer der Schauspiel-Götter vor Gericht landete. 1921 wird der Filmstar wegen der Vergewaltigung mit tödlicher Folge an einer jungen Schauspielerin, Virginia Rappe, angeklagt.

Die Suche nach den wirklichen Hintergründen – Fatty Arbuckle wurde übrigens freigesprochen, aber seine Karriere war zerstört –  dies ist der erste Fall von Hardy Engel, einem Deutschen, der der durch den Weltkrieg zerstörten Heimat gen Hollywood entfloh, hoffte, dort als Schauspieler Fuß zu fassen versucht und sich schließlich als Privatdetektiv durchschlägt. Ein Kriminalroman, der in der Stadt der gefallenen Engel spielt, das hat Potential – leider kann es „Der Mann, der nicht mitspielt“ nicht ganz erfüllen.

Der Kriminalroman war der Auftakt zu einer neuen Reihe bei Kiepenheuer & Witsch und der erste Roman des Theater- und Drehbuchautors Christof Weigold. Die Filmerfahrung des Autoren macht sich bei diesem Roman, der immerhin rund 630 Seiten braucht, um sich zu entfalten, positiv bemerkbar: Verfolgungsjagden in finsteren Vierteln, Recherchen in Opiumhöllen, erotische Zwischenspiele mit seiner schönen Auftraggeberin Pepper – der Krimi bietet eine Menge an filmreifer Szenen. Durchaus originell und intelligent ist zudem die Lösung des Falls: Virginia Rappe starb tatsächlich an einer Bauchfellentzündung, Weigold konstruiert daraus ein finsteres Geflecht aus Promiskuität, Schwangerschaftsabbrüchen und Vergewaltigung. Und zeigt die Filmmogule – im Mittelpunkt dabei der in meiner Heimatstadt geborene Carl Laemmle – als zynische Geldmacher, die sich eine Moralinstanz kaufen, um Hollywoods Glanz wieder aufzupolieren. Tatsächlich wurde nach Virginia Rappes Tod 1922 die „Motion Picture Association of America“ gegründet, die das Image der Filmindustrie reinwaschen und eine Art freiwilliger Selbstzensur einführen sollte. Schöner Schein.

Dass Weigold sich ganz offensichtlich in die Geschichte der Filmindustrie reingekniet hat und eine ganze Menge dieses Wissens in seinen Roman packt, das ist zugleich auch dessen Manko: Der Arbuckle-Fall wäre die perfekte Vorlage für einen hard-boiled-Thriller im Stile James Ellroys, er könnte ähnlich konstruiert sein wie „Die schwarze Dahlie“ oder „Stadt der Teufel“. Dazu aber ist das Buch stellenweise zu langatmig, die Geschichte zu konstruiert, zu vollgepackt mit Playern und Namedropping – fast ein Lexikon der Stummfilmzeit.

„Der Mann, der nicht mitspielt“ ist solide Unterhaltung, glänzt durch gute Recherche und durch hollywoodreife Szenen. Inzwischen ist bereits der zweite Fall, „Der blutrote Teppich“, erschienen, in dem sich Weigold einer Tat widmet, die bis heute ungeklärt ist: Dem Mord an Regisseur William Desmond Taylor. Fall 3 ist für den Herbst 2020 angekündigt – Stoff für den Privatermittler Hardy Engel bietet „Hollywood Babylon“ also zur Genüge.

Informationen zum Buch:

Christof Weigold
Der Mann, der nicht mitspielt
Kiepenheuer & Witsch, 2018
Hardcover, 640 Seiten, 22,00 Euro (Taschenbuch 10,00 Euro)
ISBN: 978-3-462-05103-2


Weitere Meinungen:

Bei Literatuschock: https://literaturschock.de/literatur/belletristik/krimis-und-thriller/christof-weigold-der-mann-der-nicht-mitspielt

Bei Lesejury: https://www.lesejury.de/christof-weigold/buecher/der-mann-der-nicht-mitspielt/9783462051032


Zur Autorenseite:

https://www.christofweigold.com/


 

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Ilsa Barea-Kulcsar: Telefónica

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Bild von Stefan Kuhn auf Pixabay

„Anita zog langsam den Mantel an, langsam, weil sie nicht zittern wollte und ihre kalten Hände ungeschickt waren, und schob die Aktentasche fest unter die Achsel. Sie löschte die kleine, blauverhüllte Tischlampe und schob den schwarzen Vorhang vom Fenster. Die Straße brannte: Brandbomben. Von hier oben aus sah sie, daß es nur Laufflammen waren, sie sagte sich, daß das Straßenpflaster nicht brennen könnte, aber sie schüttelte das lähmende Schreckgefühl nicht ab. Es war wie der Kindertraum vom Feuer, das näher und näher kommt, während man sich nicht rühren kann.“

Ilsa Barea-Kulcsar, „Telefónica“.

Heute ist das Edificio Telefónica eines von mehreren Prachtgebäuden an der Gran Vía in Madrid. Bei seiner Errichtung in den 1920er-Jahren war es als erstes Hochhaus in Europa ein Symbol der kapitalistischen Macht: Sitz der Telefongesellschaft, die jedoch komplett in amerikanischer Hand war. Knapp 20 Jahre später errang die „Telefónica“ eine neue Bedeutung – im von Kämpfen umtobten Madrid wurde es zur Kommunikationszentrale für die Verteidiger der Republik, zum Sitz der ausländischen Kriegsberichterstatter, zum Hort für Flüchtlinge und Kriegsopfer.

Die Telefónica überstand den Spanischen Bürgerkrieg, ebenso wie jene Frau, aus deren Feder dieser außergewöhnliche Roman stammt: Ilsa Barea-Kulcsar (1902 – 1973) war selbst als Journalistin im Spanischen Bürgerkrieg in der Zensurbehörde im Einsatz. So spannend und eindrücklich wie ihr einziger Roman, der 1949 in Fortsetzungen in der „Arbeiter-Zeitung“ erschien und nun erstmals vom Verlag „edition atelier“ als Buch herausgegeben wird, so spannend war auch das Leben dieser beeindruckenden Frau.

Ilse Wilhelmine Elfriede Pollak Kulcsar de Barea, so ihr voller Name, engagierte sich schon in ihrer Jugend in sozialdemokratischen und sozialistischen Vereinigungen, mit ihrem ersten Ehemann Leopold Kulcsar trat sie dann in die Kommunistische Partei ein. Bei einem Auftrag, den sie für die Sowjets ausführte, wurde sie in Ungarn verhaftet – nachdem die Kommunisten ihr jedoch weder finanziellen noch juristischen Beistand lieferten, kehrte sie 1926 zur Sozialdemokratischen Arbeiterpartei zurück. Wegen ihrer klaren Haltung gegen Dollfuß und den Austrofaschismus musste das Paar ins Exil fliehen: In der Tschechoslowakei trennen sich dann auch die Wege von Leopold und Ilse, die 1936 nach Spanien geht, um dort am Kampf gegen die Faschisten, die versuchen, die junge Republik zu stürzen, teilzunehmen. Die österreichische Journalistin wird Leiterin der Pressezensurstelle – ihre Aufgabe ist es, die Artikel der Journalisten zu prüfen und damit zu verhindern, dass die Falange entscheidende Erkenntnisse über den Zustand der republikanischen Mächte erlangt. In der Zensurbehörde lernt sie einen für sie wichtigen Menschen kennen: Den spanischen Schriftsteller Arturo Barea, der später ihr zweiter Mann wird und mit dem sie nach der Niederlage der spanischen Republik über Frankreich schließlich nach England emigriert. Erst nach Arturos Tod kehrt Ilsa Barea-Kulcsar nach Österreich zurück, wo sie sich erneut für die Sozialdemokraten engagiert.

Der Lebenslauf der Autorin, Journalistin und Übersetzerin wird im Nachwort des Germanisten Georg Pichler, der an der Universidad de Alcalá in Madrid lehrt und ein ausgewiesener Kenner der literarischen Verarbeitung des Spanischen Bürgerkriegs ist, ausführlich geschildert – das ist notwendig, denn Leben und Roman gehen bei „Telefónica“ ineinander über, sind nicht zu trennen. In ihrer fiktiven Verarbeitung ihrer Monate in der Zentrale des Widerstands erzählt Barea-Kulcsar von all den politischen und persönlichen Verwicklungen, von denen diese Monate geprägt waren.

Denn unter den Verteidigern der Republik toben eigene Machtkämpfe: Kommunisten und Anarchisten beäugen sich misstrauisch, den militärischen Vertretern im Kampf gegen die Falange wird allgemein der Willen zum Verrat unterstellt. In diese Atmosphäre kommt die Deutsche Anita, die aufgrund ihrer Haltung zur Zensur – sie möchte die Journalisten dazu bewegen, eindrücklicher über die Nöte der Zivilbevölkerung, die unter dem Dauerbombardement auf Madrid leidet, zu berichten und die bequeme Haltung der Neutralität zu verlassen – bald ebenfalls auf Argwohn stößt. Die Arbeiter in der Telefónica diskutieren über sie:

„Ich weiß nicht, was der Pressechef für ein Mann ist. Er ist Ministerialbeamter. Diener des Sklavenstaates, das ist genug (…) Ich bin ein grober Kerl, nicht so gebildet wie du, ich spreche nichts als Spanisch, aber ich spreche die Sprache der revolutionären Massen. Ich kann keine Reden halten und bin nichts als ein einfacher Arbeiter, aber was du mir vorgelesen hast, verstehe ich: wenn die Frau keine Spionin ist, so ist sie eine Saboteurin der Revolution.“

Das käme einem Todesurteil gleich, wäre da nicht der militärische Kommandant in der Telefonzentrale Spaniens, der seine schützende Hand über die Journalistin hält. Zwischen den beiden entspinnt sich, trotz ihrer Unterschiede, eine zarte Liebesgeschichte – auch daran zeigt sich, wie sehr Ilsa Barea-Kulcsar eigenes Erleben in diesen Roman einfließen ließ. Ob auch die Frauen des Kommandanten – Ehefrau und Geliebte – der Realität entstammen, weiß ich nicht. Doch hier zeigt sich das große Manko des Romans: Obwohl von einer Frau geschrieben, wirken viele der Frauengestalten in diesem Buch schablonenhaft, gefangen in ihren konventionellen Rollenbildern – die hüftschwingende Geliebte, die keifende, selbstsüchtige Ehefrau. Zwar treten dem auch Frauengestalten entgegen, die mit aller Leidenschaft und unter vielen Opfern für Freiheit, Gleichheit und die Republik eintreten – doch die weibliche Konkurrenz um den Mann im Mittelpunkt ist arg klischeehaft beschrieben.

Abgesehen davon ist „Telefónica“ ein Roman, der, nachdem man sich etwas über den Spanischen Bürgerkrieg eingelesen hat, eine eigene Dynamik entfaltet: Die ganze Dramatik –hier die untereinander verstrittenen Parteien im republikanischen Lager, dort die faschistischen Angreifer, gestärkt durch Deutschland und Italien – entfaltet sich wie in einem Kammerspiel in den Stockwerken des Madrilener Hochhauses. Letzteres ist die eigentliche Hauptfigur des Romans: Man fühlt beim Lesen fast die klaustrophobische Enge in den verdunkelten Treppengängen, die ständige Gefahr, von Bomben getroffen zu werden, die Angst der Frauen und Kinder, die in den Kellern untergebracht sind.

Weit weniger melodramatisch als Hemingways (der übrigens auch wie Gustav Regler und John Dos Passos aus der Telefónica berichtete) „Wem die Stunde schlägt“ ist Ilsa Barea-Kulcsars Roman ein beeindruckendes Zeugnis über den Spanischen Bürgerkrieg. Dass es nun erst so spät als Buch veröffentlicht wird, mag an mehreren Faktoren liegen. Einen davon deutet Georg Pichler in seinem Nachwort an:

„Ilse Wilhelmine Elfriede Pollak Kulcsar de Barea – eine Aneinanderreihung von Nachnamen, die das Leben der Autorin treffend widerspiegeln. Und die auch als Beleg dafür stehen kann, dass Ilsa Barea-Kulcsar – wie viele andere Schriftstellerinnen und Intellektuelle ihrer Zeit – meist im Schatten der Namen ihrer zwei Ehemänner stand, obwohl sie ihnen an Intelligenz und Talent zumindest ebenbürtig war.“

Mehr Informationen zum Buch:
Ilsa Barea-Kulcsar
„Telefónica“
Edition Atelier 2019
Gebunden, Halbleinen, Lesebändchen, 354 Seiten, 25 Euro
ISBN 978-3-99065-017-2

Besprechungen:
Katharina Adler in der Süddeutschen Zeitung: „Wiederentdeckt“


 

 

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Benjamin Alire Sáenz: Alles beginnt und endet im Kentucky Club

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Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Einst war er, als in den USA die Prohibition und später die Prüderie herrschte, die erste Anlaufstelle nach der Grenze: Der berühmte Kentucky Club in Juárez. Es heißt, Marilyn Monroe habe hier eine Lokalrunde geschmissen, um ihre Scheidung von Arthur Miller zu feiern. Andere sprechen von Elizabeth Taylor gegen Eddie Fisher. Wie auch immer. Verbürgt ist, dass Liz Taylor mit Ehemann und Saufkumpan Richard Burton hier abhängte, Bob Dylan auf der Suche nach Inspiration war und Ronald Reagan nach Abkühlung von der mexikanischen Hitze. Angeblich wurde auch die Margaritha in dieser Lokalität erfunden. Kurzum: Der Kentucky Club war ein Ort, an dem man gerne war. Bis die Drogenkartelle kamen. Und Juárez zu einer der tödlichsten Städte Mexikos wurde. In Sichtweite: das texanische El Paso, Ort der Ruhe und – Bigotterie.

2012 wurde in der „Welt“ über die groteske Verschiedenheit der Nachbarorte, die nur durch eine Grenzbrücke getrennt sind, geschrieben:

„Der Krieg diverser Gangs und Drogenkartelle hat aus Juárez eine der gefährlichsten Städte der Welt gemacht. In El Paso herrscht Ruhe und ein fast gespenstischer Wohlstand. Es ist eine der sichersten Städte der USA.“

Die Grenze: sie ist auch in sieben Erzählungen, die der amerikanische Schriftsteller Benjamin Alire Sáenz unter dem Titel „Everything Begins and Ends at the Kentucky Club“ zusammenstellte, immer präsent. Das Buch erschien 2012 in einem kleinen Verlag in El Paso, blieb zunächst kaum beachtet, bis der Erzählband 2013 den renommierten Pen/Faulkner Book Award erhielt. Seit 2014 liegt er in deutscher Übersetzung vor.

Die Geschichten vom Leben an der amerikanischen-mexikanischen Grenze, das Gefälle von Reichtum und Armut, die Spirale aus Drogenkriminalität, Gewalt und dem Auswanderungswunsch jener, die sich befreien wollen aus den Krakenarmen der Kartelle, diese Geschichten treffen in das amerikanische Herz und in den mexikanischen Geist. Denn die Kehrseite der Medaille ist die Gewalt an Immigranten – so „markieren“ einige US-Boy einen jungen Mexikaner mit dem Messer -, der aggressive Versuch, sich abzuschotten, der Flucht in die Sucht, die Bigotterie auf der einen Seite der Grenze. Alire Sáenz erzählt von Paaren, die damit rechnen müssen, dass der, der auf der „falschen“ Seite lebt, eines Tages spurlos verschwindet.

Er erzählt von Menschen, die sich lieben, obwohl einer für die Kartelle arbeitet – und damit in ständiger Lebensgefahr schwebt.

Er erzählt von Jungen, die ihren Vätern nachtrauern – Dealern, die selbst in die Abhängigkeit verschwinden, Rednecks voller Homophobie, Männern, die eines Tages einfach nicht mehr da sind.

Die Gewalt beschreibt Alire Sáenz dabei nicht explizit. Vielmehr sind dies beinahe zurückgenommene, stille Erzählungen. Einzelschicksale, die den Zustand einer zerrissenen Gesellschaft widerspiegeln. Grenzgänger, verloren zwischen zwei Welten, ohne große Perspektiven, ohne Hoffnung. Wenn, dann tritt die Gewalt als Reflektion über die Gewalt in das Buch:

„Dann lösten sich meine Gedanken von der Unterhaltung und ich fragte mich, wie es wäre, jemanden eine Knarre an den Kopf zu halten, jemanden zu entführen, einen Menschen zu foltern. Wie es wäre, jemanden die Hände abzuhacken? Ich wusste, dass es eine Mailingliste für die Zählung der Toten gab, weil ich diese Mailingliste abonniert hatte. Das Problem war, dass die Toten keine Namen hatten. Manchmal dachte ich mir Namen für sie aus.
Ich hatte eine ganze Liste mit diesen Namen.
Das alles, dachte ich, das alles kam durch Männer wie meinen Vater.“

Es sind leise, beinahe schon melancholische Geschichten, geprägt von einer stillen Trauer. Und über diese sowie über die Einsamkeit tröstet sich mancher im Kentucky Club hinweg – die Bar spielt keine Hauptrolle, ist aber Anlaufpunkt in jeder der einzelnen Geschichten.

Inzwischen, im Jahr 2015, hat sich die Lage in Juárez wieder etwas beruhigt – die Gefahr ist nicht mehr so hoch, zufällig Opfer von Querschlägern inmitten eines Bandenkrieges zu werden.

Die Menschen kommen zurück in den Kentucky Club.

Das Leben ist wieder da – was Alire Sáenz, der auch gegen den Niedergang seiner Region anschrieb, sichtlich freut:

We’re people who feel and breathe and die and suffer and hope for salvation and yearn for love,“ he says. „We’re not just a newspaper headline.“

Das Buch wurde von Sabine Hedinger übersetzt und erschien 2014 beim Ripperger & Kremers Verlag unter dem Titel „Alles beginnt und endet im Kentucky Club“. Eine Leseempfehlung für Fans amerikanischer Literatur!


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Karen Köhler: Miroloi

EIN GASTBEITRAG VON VERONIKA ECKL

Neugierig erwartet wurde der Debütroman von Karen Köhler. Doch als er dann da war, brach in der Literaturkritik Ratlosigkeit aus. Jan Drees fand im Deutschlandfunk zum Phänomen der gehypten Romane deutliche Worte.

Immerhin: „Miroloi“ schaffte es auf die Longlist beim Deutschen Buchpreis, unter den sechs Finalisten ist er jedoch nicht mehr zu finden. Warum, das lässt der Gastbeitrag von Veronika Eckl erahnen:

Also. Da war diese Entdeckung im Herbst vor fünf Jahren, Karen Köhler, eine noch jung zu nennende Autorin aus Hamburg. Sie hatte einen Band mit Erzählungen geschrieben, Wir haben Raketen geangelt, die mit raketenartigem Temperament und einem ganz besonderen Sound daherkommen und im Gedächtnis haften bleiben, weil sie ungewöhnlich sind und häufig auch witzig konstruiert, immer mit einer unerwarteten Wendung. Es geht darin um junge Ich-Erzählerinnen in Ausnahmesituationen, die stets einen harten Cut machen: Die eine versucht eine Trennung dadurch zu überwinden, dass sie auf einem Kreuzfahrtschiff als Qualle im Bordmusical jobbt – und kurzentschlossen auf den Lofoten aussteigt. Eine andere setzt alles daran, herauszufinden, wer die junge Frau ist, die das Herz ihres verstorbenen Freundes bei einer Transplantation eingepflanzt bekommen hat. Wieder eine andere schreibt ihrem Freund Postkarten aus Italien, neben den Ansichten von Neapel, Ischia und Stromboli entfaltet sich so ein ganzes Seelenpanorama weiblicher Verlorenheit. Das muss man nicht immer alles ganz groß finden, aber gut zu lesen sind die neun Stories, temporeich, mit einer sensiblen Wucht verfasst. Alle weiblichen lesenden Freundinnen waren von dem Buch angetan, alle männlichen lesenden Freunde schnauften und sagten, es sei wohl mehr was für Frauen. Nur eine Erzählung fanden alle gleichermaßen ein wenig befremdlich: Die, in der sich eine junge Frau auf einem Hochsitz im Wald 27 Tage lang zu Tode hungert. Naja, eine Geschichte von neun, extrem, etwas übers Ziel hinausgeschossen vielleicht, aber das ist natürlich Geschmackssache.

Miroloi bedeutet Totenklage

Und jetzt: Herbst 2019, der erste Roman von Karen Köhler, Miroloi lautet der Titel, was in der Tradition der griechisch-orthodoxen Kirche eine Totenklage bedeutet. Und leider, es geht befremdlich weiter in Köhlers Schreiben. Erneut ist die Protagonistin eine junge Frau, die auf einer vage griechisch wirkenden Insel in einer unbestimmten Zeit ihr Dasein fristet, und zwar als Findelkind ohne Namen in einer archaischen Gesellschaft. Sie wächst beim religiösen Oberhaupt des Dorfes auf, der das Mädchen gut behandelt und es gegen die Anfeindungen einer gehässigen Gemeinschaft verteidigt, ihm sogar das Lesen beibringt, was streng verboten ist: Auf der Insel, auf der man ohne elektrischen Strom auskommt, dürfen Frauen nicht lesen und schreiben, Männer nicht singen und kochen, obwohl sie alle immerhin in einer Zeit leben, in der es bereits Klimaanlagen gibt und Plastikflaschen, die von „drüben“ angespült werden. Auf Regelverstöße stehen brutale Sanktionen, was auch die Heldin schon zu spüren bekam, der als Kind ein Bein zerschlagen wurde. Fast überflüssig zu sagen, dass sexueller Missbrauch, arg klischeehaft natürlich vom Lehrer des Dorfes betrieben, aber auch von anderen Männern, an der Tagesordnung ist. Es ist eine Insel, auf der die Frauen unglücklich sind und die Männer auch; interessant daran ist, wie  allmählich deutlich wird, dass das männliche Unglück das weibliche bedingt. Die Männer immerhin dürfen in einer Art religiösem Ritual Wunschzettel schreiben, die dann vom Ziehvater der Protagonistin heimlich gelesen und verbrannt werden.

Banner Buchpreisblogger 2019Als die junge Außenseiterin sich in einen Betschüler verliebt, mit dem sie sich immer bei Vollmond (hm) in den Bergen trifft, als ihr väterlicher Beschützer stirbt und neue Machthaber beschließen, dass Frauen sich verhüllen und nach Einbruch der Dunkelheit das Haus nicht mehr verlassen dürfen – da keimt die Rebellion in der jungen Frau; und als sie schwanger wird, kommt es zur recht vorhersehbaren Katastrophe. Eine Emanzipationsgeschichte also, die Beschreibung eines Aufbegehrens in einer von Männern dominierten Welt, und dass diese Emanzipation über die Entdeckung des eigenen Körpers und über die Sprache geschieht, ist nachvollziehbar, aber so richtig ans Herz greift es einem nicht. Was will uns Karen Köhler da präsentieren? Eine politische Parabel in Zeiten, in denen Millionen Menschen auf der Flucht sind? Ein Plädoyer für Frauenrechte? Eine Reflexion über totalitäre Gesellschaften? Eine Dystopie à la Margaret Atwoods Der Report der Magd? Da wird viel Unklarheit verbreitet von einer, die eigentlich Klarheit kann. Man merkt, dass Köhler am Theater gearbeitet hat und Theaterstücke schreibt, denn immer wieder ist ihre Sprache sehr präzise, schafft sie in wenigen Worten eine Atmosphäre, einen markanten Dialog, etwa wenn der Bethaus-Vater seinem Zögling tröstend beibringt, was ein Konjunktiv ist: „Eine Distanz in der Sprache, wenn sie nötig ist. Jemand hat gesagt, ich sei eine Missgeburt. Verstehst du? Nicht ich bin. Das rückt das Gesagte von dir weg.“ Dann aber wieder wirkt die Sprechweise der Figuren manieriert – “Ich ziehe mich jetzt zurück“ – und gewollt stilisierte Wortkonstrukte wie „Tausendaugen“ kollidieren mit einem banalen „Arschloch“.

Wie schade, dass die Autorin hier nicht zeigt, was sie an Sprache und Witz und Tempo eigentlich draufhat. Hätte sie statt dieses bemühten feministischen Gesangs einfach Geschlechterbeziehungen in unserer heutigen Zeit, in einem gegenwärtigen Deutschland, aufs Korn genommen – wir wären ihr gern gefolgt, anstatt nach mehr als 400 Seiten leicht verstimmt eine überzogen konstruierte Geschichte und ihre ebenso konstruierte Heldin hinter uns zu lassen.

Veronika Eckl


Weitere Informationen:

Karen Köhler, Miroloi. Hanser Verlag, 464 Seiten, 24 Euro.

Wir haben Raketen geangelt. Hanser Verlag, 237 Seiten, 19,90 Euro.