Max Mohr: Frau ohne Reue

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„Keine Tränen. Nicht einmal an Golo oder an Else Schlittenmeister ein Brief, eine Mitteilung. Nichts. Wenn sie an Fenn dachte, fühlte sie, daß nicht durch seinen Tod ihre Seele leer geworden war. Ihre Seele war schon vorher leer gewesen. Und sie war leer, weil sie leer war, mehr ließ sich darüber nicht sagen (…)
Aber die Menschen, gerieten sie nicht in Raserei, wenn sie spürten, daß ihre Seelen leer waren? Wüteten sie nicht gegeneinander, zerfleischten sie sich nicht gegenseitig, tobten sie nicht gegen sich selber mit diesen leeren Seelen? Anders war`s bei ihr, anders bei ihrer leeren Seele. Wenn die Zeit gekommen war, daß die Seele leer war, dann war diese Zeit eben gekommen.“

Max Mohr, „Frau ohne Reue“.

Was für ein eigenartiger, traumhaft schöner, traumwandlerischer Roman! Was mit dem Esprit und der Leichtigkeit einer Keun, eines Kästners beginnt, was man den Berlin-Romanen der 1920-er und -30er-Jahre und der Neuen Sachlichkeit zuordnen könnte, das wandelt sich mit dem Wechsel des Schauplatzes und innerhalb weniger Kapitel fundamental. Und wird zu einer Geschichte, die zunächst mit der Hoffnung verlockt, da mögen welche mit dem Rückzug in die Natur und in der Einsamkeit der Berge ihren Frieden und ein kleines Glück finden – und die dann doch wieder eine ganz andere Wendung nimmt, die zeigt, wie schwer es ist, abseits zu stehen. Was aber, wenn eine Gesellschaft sich so entwickelt, dass ein einzelner Mensch sich weder dort noch außerhalb ihrer behaust fühlen kann?

Lina, die Hauptfigur dieses Romans ist so eine, eine Wanderin zwischen den Welten, die sich, vor allem zu Ende dieses melancholisch-schönen Romans geradezu somnambul durch die Tage und Nächte bewegt. Eine Entwurzelte, die von ihrem Geburtsort, einem Bergdorf, in Berlin an der Seite eines dominant-dynamischen Geschäftemachers landet. Als Fenn, ein mittelloser Journalist, eines Tages in der Villa des Ehepaars Gade eintrifft, ist es eine Sache von wenigen Minuten: Lina flieht förmlich aus ihrem goldenen Käfig, lässt Mann und Kind zurück.

Den witzigen Kneipendialogen mit dem Freundespaar Golo und Else, dem Bohème-Leben in Berlin folgen Wochen des Reisens, bis es Lina zurück zu ihrem Kind zieht. Ein wagemutiger Plan, das Mädchen Jane aus der väterlichen Villa zu entführen, wird in die Tat umgesetzt, ein abgelegener Berghof wird zum Zufluchtsort für das Trio. Doch wo Lina zurück zu ihren Ursprüngen findet, kommt Fenn an seine Grenzen: Er ist und bleibt ein Mensch der Stadt, der auch den Trubel, das Treiben um sich herum spüren muss. Seine letzte Bergtour endet tragisch, Lina und Jane bleiben allein zurück. Die Mutter weiß, sie kann mit dem Kind nicht alleine in der Einöde bleiben und bringt es aus Vernunftgründen nach Berlin zurück. Monate später kommt Lina wieder ins Gebirge. Und sie, die Traumwandlerin, verliert ihr Leben an den Mond.

„Sie hatte Tränen in den Augen. Durch das offene Tor konnte auch sie den Mond sehn, den vollen Lichtball über den Gipfeln (…) Es war jene nachmitternächtliche Schönheit der Welt, die einem die dritten Tränen entlockte, jenseits von Freunde und Schmerz.“

Auch wenn die Protagonisten dieses sprachlich und atmosphärisch so dichten Romans am Ende keinen Platz für sich finden, auch wenn Lina, die Einzelgängerin, zerrissen bleibt zwischen dem Wunsch nach Selbstentfaltung, einem authentischen Leben und gleichzeitig den Verpflichtungen als Mutter, so ist der Titel „Frau ohne Reue“ dennoch treffend. Lina handelt instinktiv, aus innerer Überzeugung, traumwandlerisch richtig. Sie ist eine starke Frau, eine Frau ohne Reue. Selbst ihr früher Tod ist folgerichtig.

Denn, so Verleger Stefan Weidle in seinem Nachwort:

„Alle Wege haben sich als Sackgasse erwiesen, und die Natur hält nur noch den Tod bereit, symbolisiert durch den Enzian, den Lina Gade in den Mund nimmt: Diese Pflanze war D. H. Lawrences  Todesblume in einem seiner letzten Gedichte, »Bavarian Gentians« (»Bayerische Enziane«). Lawrence schrieb das Gedicht in Rottach Ende September 1929, als er seinen Freund Max Mohr besuchte.“

Schön ist es, dass das Gedicht in der deutschen Übertragung durch Stefan Weidle dem Band ebenso beigefügt ist wie „Mondvogel“, ein Gedicht Mohrs, das seinem Freund gewidmet ist, sowie eine biographische Skizze des lange vergessenen Schriftstellers Max Mohr (1891 – 1937) von Roland Flade. Denn auch Max Mohr gehört zu den lange zu Unrecht vergessener Autorinnen und Autoren, für die der Nationalsozialismus das Ende ihrer schriftstellerischen Karriere bedeutete.

Der aus einer jüdischen Würzburger Fabrikantenfamilie stammende Mohr war Mediziner, er pendelte zwischen seinem Einödhof am Tegernsee, wo er mit seiner Frau lebte, und der Berliner Literatur- und Theaterszene hin und her. Vor allem seine Dramen wurden viel gespielt, dennoch blieb er – wie seine Hauptfigur Lina in „Frau ohne Reue“ – zerrissen, unbehaust. 1934 flüchtete Max Mohr aus Deutschland und ließ sich als praktischer Arzt in Shanghai nieder, wo er 1937 an Herzversagen starb. Ein Portrait von Max Mohr findet sich im Literaturportal Bayern.

Seit einiger Zeit wird der Autor wiederentdeckt – und seine „Frau ohne Reue“ ist in diesem Jahr erfreulicherweise auch das Buch für „Würzburg liest“.

Informationen zum Buch:
Max Mohr
Frau ohne Reue
Weidle Verlag, 2019
Fadengeheftete Broschur, 224 Seiten, 14,00 Euro
ISBN: 978-3-938803-95-0


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Hans Sahl: Memoiren eines Moralisten

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Unser Schicksal steht unter Denkmalschutz.
Unser bester Kunde
ist das schlechte Gewissen der Nachwelt.
Greift zu, bedient euch.
Wir sind die Letzten.
Fragt uns aus.
Wir sind zuständig.

Aus: „Die Letzten“ von Hans Sahl.

In den „Memoiren eines Moralisten“ und dem Erinnerungsband „Exil im Exil“ (beide zum Auftakt der Werkausgabe vom Luchterhand Verlag 2008 wiederaufgelegt) schildert der deutsche Schriftsteller und Journalist Hans Sahl, wie es ist, einer der Letzten zu sein. Einer jener, die von einer bedeutsamen Epoche der Geschichte berichten konnten, die sogar mittendrin standen in den kulturellen Umbrüchen und politischen Wirrnissen, die man dann im Nachkriegsdeutschland zwar als Gast (auch bei der Gruppe 47) duldete, aber eigentlich nicht mehr hören wollte.

„Wie kann ich über die zwanziger Jahre sprechen, ohne an ihr Ende zu denken, wie über jene Epoche, ohne das Bewußtsein, einer der Letzten zu sein, der noch über sie berichten kann. Diese Epoche hatte einen eigenen Zungenschlag, einen Verständigungs-Volapük, der zur Voraussetzung hatte, daß man das letzte Stück von Brecht, die letzte Inszenierung von Piscator, Jessner, Reinhardt gesehen, die letzte Kritik von Kerr oder Ihering gelesen hatte, daß man auf dem laufenden war über die Konzerte von Furtwängler, Toscanini, Klemperer, Kleiber, Bruno Walter, über Tairows „Entfesseltes Theater“, den „Dybbuk“ der Habima und Meyerholds letztes Gastspiel in Deutschland, über die Negertänzerin Josephine Baker und den flüsternden Bariton Jack Smith, über Eisensteins „Potemkin“ und Chaplins „Goldrausch“, über Gershwins „Rhapsody in Blue“ und den „Zauberberg“ von Thomas Mann und Hermann Hesses „Steppenwolf“ (…)“

Allein dieser kurze Ausschnitt lässt erahnen, wie sehr Sahl selbst Teil dieser Kultur war. Und wie unermesslich groß die kulturelle Lücke war und ist, die die braunen Diktatoren schließlich schlugen. Berlin in der Weimarer Republik: Es waren ideell reiche, manchmal überreiche Zeiten, in denen alles möglich schien. Hans Sahl sieht den Menschen jener Zeit prototypisch in Tucholskys Herrn Wendriner verkörpert:

„Diese Neugier auf das Neueste eines überraschend schnell zum Weltbürger gewordenen Berliners, dem es nur um eins ging: dabeizusein. Und als das Neueste vom Neuen kam, nämlich Hitler, mußte er auf die grausamste Weise mit dabeisein, entweder als Opfer oder als Opfernder.“

Es lohnt sich, diese Erinnerungen zu lesen. Nicht nur, weil Hans Sahl sie alle kannte und ebenso klug und lebendig über sie zu berichten weiß: Bert Brecht, Joseph Roth, Alfred Döblin, Kästner, Kisch und Konsorten, alle die berühmten Literaten der Weimarer Jahre, später auch Thornton Wilder, Arthur Miller und Tennessee Williams, deren Werke er ins Deutsche übersetzte.

Es lohnt sich diese Memoiren zu lesen. Und dies nicht nur, weil viele der Geschehnisse der Weimarer Republik, die schließlich in den Nationalsozialismus mündeten, gerade heute als aktuelle Warnung dienen könnten. Nicht deshalb, weil uns als Leser „das schlechte Gewissen der Nachwelt“ schlägt – sondern weil wir Hilfestellung suchen für die Welt von morgen. Wo es rechts außerhalb gewisser Parteien nichts mehr geben darf, wo alles, was nicht links ist, sich als rechts verdächtig macht, kurzum, wo politisches Kastendenken und Populismus um sich greifen, da tut so eine Ermahnung aus der Vergangenheit not.

Es lohnt sich vor allem, diese Bücher zu lesen, weil dieser Hans Sahl einfach ein ganz großartiger Mensch gewesen sein muss, der klug von vergangenen Zeiten berichtet, liberal, weltoffen, witzig, nachdenklich, gut reflektierend.

Selbst in eine gutbürgerliche, deutschnational angepasste jüdische Familie hineingeboren, sucht Sahl (1902 – 1933) einen Gegenpol zum Bürgertum der Eltern, indem er sich politisch links engagiert.

„An dem Tage, da der deutsche Außenminister Walther Rathenau in der Königsallee von politischen Fanatikern ermordet wurde, begann der Religionsphilosoph Ernst Troeltsch, bei dem ich hörte, seine Vorlesung: „Der Feind steht rechts!“ Nichts ging mehr zusammen. Rechts war a priori schlecht, und links a priori gut. Dazwischen gab es ein bürgerliches Niemandsland, in dem Kellner mit serviler Geschäftigkeit eine Gans über die Teller verteilten und die Geige zum Maronenpüree spielte. Die Bürgertugenden unserer Eltern sagten uns nichts mehr, wir waren gegen das Eigentum und für eine freie Verteilung der Güter, was uns jedoch nicht daran hinderte, von den Vorteilen, die uns die „Profitwirtschaft“ bot, entsprechend Gebrauch zu machen. Der Riß ging mitten durch das Elternhaus und führte zu öffentlichen Konfrontationen, da in den Straßen Berlins die Parteien demonstrierten. Ich marschierte mit den Kommunisten, mein Vater mit den Demokraten.“

Später, nach dem Hitler-Stalin-Pakt, als Sahl auch gute Freunde, wie beispielsweise die Schauspielerin Carola Neher, bei den Moskauer Schauprozessen und in den Untiefen der Gulags verliert, rückt er immer weiter von den Kommunisten ab. Und gerät dadurch – ähnlich wie der im vorhergehenden Beitrag portraitierte Gustav Regler – im Exil ins Exil: 1933 noch mit knapper Not vor den Nationalsozialisten über Prag und Zürich nach Paris geflüchtet, kommt Sahl in die USA, wird dort aber vom linksgerichteten Kreis anderer europäischer Exilanten aufgrund seiner kritischen Stalin-Haltung geächtet. Er lebt im Exil im Exil – so erklärt sich der Titel seines zweiten Erinnerungsbandes.

Sahl sieht die Zwischentöne, während viele andere in diesen erhitzten Zeiten nur noch schwarz oder weiß gelten lassen. Doch nicht von ungefähr betitelt der Autor seinen ersten  Erinnerungsband auch als „Memoiren eines Moralisten“: Da schreibt ein Mann, der vieles durchlebt hat. Und alles durchdacht. Auch das eigene Tun und Wirken:

„Warum begann ich zu schreiben? Sicher nicht aus Eitelkeit, auch nicht nur aus Geltungsbedürfnis oder dem Wunsch, mich mitteilen zu können, auch nicht nur aus der Freude am Wort und der Sprache als Selbstgenuß, ich schrieb, weil ich beschlossen hatte, ein Schriftsteller zu werden. Schriftsteller waren bessere Menschen, ich wollte ein besserer Mensch werden, wie alle die anderen besseren Menschen, die Söhne aus gutem Hause; die jetzt auf den Tribünen, in Büchern und Zeitschriften, für eine neue Gesellschaft eintraten, für Freiheit und Gerechtigkeit hienieden.“

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erwägt Sahl vorübergehend, aus den USA nach Deutschland zurückzukehren. Nach einem längeren Aufenthalt zieht er eine nüchterne Bilanz:

„Ich blieb fünf Jahre in Deutschland, schrieb für Zeitungen, sprach im Rundfunk und suchte nach einem Ansatzpunkt, um die politische Entfremdung von dem Land meiner Geburt zu überwinden. Ich war ein exterritorialer Mensch geworden, ein „Gast in fremden Kulturen“, wie ich es für Hermann Kestens Sammelband „Ich lebe nicht in der Bundesrepublik“ formuliert habe. Ich versuchte, der Alternative zwischen zwei Provisorien ein Ende zu machen, indem ich mich für das entschied, was mir vertrauter geworden war. Ich ging also nach Amerika zurück, nicht mehr als Flüchtling, sondern als Berichterstatter deutscher Zeitungen. Erst als ich mich entschlossen hatte, nicht mehr von Amerika zu leben, schloß ich Frieden mit Amerika.“

Zumal man in der „alten Heimat“ noch nicht allzu viel von den Emigranten wissen will. 1991 sagt Hans Sahl anlässlich der Verleihung des Internationalen Exil-Preises:

„Ich war zum ersten Mal 1949 mit einem Haufen von Manuskripten, mit Gedrucktem und Ungedrucktem, mit Gedichten, Essays, Erzählungen und Einaktern aus dem Exil gekommen sowie mit einem Roman „Die Wenigen und die Vielen“, der jedoch von fast allen Verlegern abgelehnt wurde, bis er schließlich doch noch bei S. Fischer erscheinen konnte. Die einen sagten, es sei zu früh, die anderen, es sei zu spät, und die dritten sagten, es sei zu früh oder zu spät …“

Aber er sagt auch:

„…als Antwort auf Ludwig Marcuse, der von der Exilliteratur nichts anderes verlangte, als zu überleben, schrieb ich unter anderem den Satz: „Exil ist nicht nur ein von Hitler aufgezwungener Verlagswechsel, Exil ist eine Verpflichtung.“

Erst spät, „zu spät“ nach seinem Empfinden, wird Hans Sahl in der Bundesrepublik wahrgenommen und gehört. 1989 kehrt er zurück, um hier seine letzten Jahre zu verbringen. Zum 90. Geburtstag des Autoren schreibt Michael Rohrwasser im „Tagesspiegel“ von einer „späten verlegerischen Wiedereinbürgerung“, als auf Initiative der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung Sahls Texte wiederaufgelegt werden.

Besser jedoch spät als nie, denn:

„Das gefährliche Wort von der Wiedergutmachung an einem Autor sollte man, auf Sahls Werk bezogen, tunlichst vermeiden. Welcher Leser möchte schon aus Pflichtschuldigkeit lesen? Es gibt freilich einen legitimen Grund, zu Hans Sahls Büchern zu greifen: Der liegt in ihrer Qualität.“

Und damit hat Rohrwasser einfach recht: Die Erinnerungsbände von Hans Sahl sind mit das Beste, was man an autobiografischer Exilliteratur zu jener Epoche lesen kann.

Weiterführende Quellen:
Zum 25. Todestag erschien im Deutschlanfunk dieses Portrait:
http://www.deutschlandfunk.de/25-todestag-der-exilschriftsteller-hans-sahl.871.de.html?dram:article_id=416497
Eine umfassende Einordnung in der Trans:
http://www.inst.at/trans/15Nr/05_02/reiter15.htm
Informationen beim Verlag:
https://www.randomhouse.de/Autor/Hans-Sahl/p74339.rhd#publication

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Vicki Baum: Makkaroni in der Dämmerung

„Ihr Männer – sagen die Frauen – lebt überhaupt noch in einem anderen Jahrhundert wie wir. Ihr seid altmodisch, verlogen und nicht ganz auf der Höhe der Zeit. Ihr wollt Fransen und Draperien der Achtzigerjahre um die Liebe. Ihr wollt blauen Dunst machen und blauen Dunst vorgemacht bekommen. Ihr liebt gar nicht uns Frauen von Fleisch und Blut, ihr liebt nur euren Traum von uns. Gut, wir haben Geduld. Wir wollen gerne noch fünfzig Jahre warten, bis ihr kapiert hat, daß wir auch ohne Schwindel miteinander auskommen können.“

Aus „Variationen der Liebe“, ursprünglich erschienen 1928 in „Die Dame“, aus dem Band mit Feuilletons von Vicki Baum, „Makkaroni in der Dämmerung“, edition atelier, 2018.

Zugegeben: Manches wirkt inzwischen etwas aus der Zeit gefallen an diesen Feuilletons. Dies eben nicht nur, wenn Vicki Baum von aktuellen Kulturereignissen erzählt oder von den angesagten Modetrends der Zwischenkriegszeit, sondern insbesondere dann, wenn die gutbürgerliche Bildung aus ihr herausbricht, sie von der Disziplin kleiner Ballettelevinnen schwärmt oder über das Kleid einer Schauspielerin und dessen Schicksal sinniert. Da schmiegt sich einmal zu oft ein Stoff „zärtlich“ an die Trägerin, da weht eine Brise zu viel Parfüm durch die Zeilen.

Aber dennoch: Der Stempel der bloßen Unterhaltungsschriftstellerin, der hängt der 1888 in Wien geborenen Hedwig Baum zu Unrecht an. Denn aus ihren Texten spricht ebenfalls die Stimme einer unabhängigen, willensstarken Frau, die ihre Umgebung mit milde-kritischen Augen betrachtet. Und die, wenn sie in ihren Augen obsolet und hinderlich sind, bereit ist, über Konventionen hinwegzugehen. Das macht insbesondere manche ihrer Feuilletonbeiträge alters- und zeitlos – wer beispielsweise ihren journalistischen Selbstversuch liest, bei dem sie sich einer Hormonbehandlung als Jungbrunnen-Wunderkur unterzieht, der wird den ironischen Unterton genießen. Und an den Botox-Wahn unserer Tage denken.

Dass sie mehr war als eine unterhaltsame Schriftstellerin, die hohe Auflagen erzielte – allein das macht Autoren ja bis heute noch in gestrengen Kritikerkreisen „verdächtig“ – wird besonders an einer Textart deutlich, mit der man ihren Namen heute nicht mehr unmittelbar verbindet. Bekannt sind nach wie vor einige der rund 30 Romane – allen voran natürlich „Menschen im Hotel“ -, die sie neben zahlreichen Drehbüchern und Theaterstücken in Europa und den USA verfasste und die immer wieder aufgelegt werden. Wie bei allen „Vielschreibern“ ist da manches stärker, manches schwächer in der Form. Wie sehr sie jedoch die Klaviatur des Schreibens beherrschte, zeigen die Essays und Artikel, die Vicki Baum für Zeitschriften und Magazine verfasste. Sie war eine sehr gute Handwerkerin, die bei aller Produktivität Form und Sprache nicht vernachlässigte, an ihnen feilte, bis ihren Artikeln dieser spezifische Hauch von Leichtigkeit anhing – und man weiß ja: Schwer ist oft das Leichte.

Nach dem Roman, der ihr den Durchbruch brachte, „Stud. chem. Helene Willfüer“, 1928 beim Ullstein Verlag erschienen, wurde Vicki Baum von Ullstein als Vertreterin der neuen Frau aufgebaut. Unter anderem wurde sie Leiterin der literarischen Beilage der Frauenzeitschrift „Die Dame“ und wurde damit zum Zugpferd für eine neue Generation von Leserinnen. Und vor allem hier, in der „Dame“, aber auch in anderen Publikationen der Weimarer Republik konnte Vicki Baum sich der „kleinen Form“ widmen, jener essayistisch-literarischen Form, die hohe Könnerschaft und Beherrschung des Handwerks voraussetzt: Denn die Kürze zwingt zur Konzentration, jeder Satz, jeder Punkt muss sitzen, für langatmige Abschweifungen ist kein Raum.

Dass man diese Leichtigkeit nun an einem Stück genießen kann, ist der Literaturwissenschaftlerin Veronika Hofeneder zu verdanken, die die Feuilletons aus den drei großen Stationen von Vicki Baum – Wien, Berlin und Hollywood – als Herausgeberin für den Band „Makkaroni in der Dämmerung“ zusammenstellte und mit einem klugen Vorwort versah. Sie ordnet die Rolle der Autorin, die für viele Zeitgenossinnen imagebildend wurde – Ehefrau und Mutter mit eigener beruflicher Karriere und Selbständigkeit – in den gesellschaftlichen Kontext ein:

„Baums Artikel über Mode, Kosmetik und Schönheit sind mehr als bloße Lifestyle-Kolumnen, sie nutzt diese geschickt, um den zeitgenössischen Diskurs über ein neues Geschlechterrollenverständnis kritisch zu beleuchten. So anerkennt sie zwar die vielfältigen Errungenschaften und Freiheiten, die durch die neue Frauenrolle etabliert werden konnten, sieht aber auch gleichzeitig die erneute Vereinnahmung dieses Potenzials durch männliche Denkweisen, die die Neue Frau wieder als Konstrukt einer patriarchalischen Gesellschaftsordnung missbrauchen.“

Oder, wie Vicki Baum sagen würde: Die Männer behängen auch die Neue Frau mit ihren Fransen und Draperien.

Fransen und Draperien: Alltäglichster Ausdruck für geschlechtsspezifische Rollenfestlegungen ist die jeweils aktuelle Mode, die gar das Zeug zum „Diktat“ hat. In ihrem lebhaften „Protest gegen die Mode“, 1929 in der „Vossischen Zeitung“ veröffentlicht, entfaltet Vicki Baum ihr ganzes essayistisches Temperament. Und zeichnet dabei ein plastisches Bild vom Leben einer berufstätigen Frau der Weimarer Republik:

„Büro, Geschäft, Laboratorium, Amt, Sprechstunde oder was sonst es ist, wo die Majorität der Frauen ihre Zeit zubringt, wenn sie nicht Hausfrau ist und in Marktgängen, Küche, Kinderzimmer und Flickwinkel ganz bestimmt kein kostspielig konstruiertes Zipfelkleid verwenden kann. Man hat nicht nur am Vormittag zu tun, sondern auch am Nachmittag und oft auch noch abends. Man rennt Autobussen nach, fährt Untergrundbahn, trifft sich für eine halbe Stunde im Kaffeehaus, wenn es hochkommt, man jagt vom Büro in Vorträge, mal auch ins Theater – wie soll man das machen, mit dem langen Schlurz untenrum, den die Mode für den Abend diktiert?“ (…)

Man kann auf die Frau von 1930 nicht die Mode von 1900 propfen; ebenso gut könnte man hingehen und auf unsere Autos gußeiserne Ornamente löten oder Gipsfassaden auf die neuen, glatten Häuserfronten kleben. Ich mache da nicht mit – wer noch?“

In diesem kurzen Textauszug sind auch weitere Themen zu finden, die die Literatur der Weimarer Republik prägten, das Pulsieren der Großstadt, der Rhythmus der Zeit – und diesen hielt Vicki Baum in vielen ihrer Feuilletonbeiträge fest, die inhaltlich weit breiter aufgestellt sind, als zu ahnen ist.

Dennoch hing ihr zeitlebens und hängt ihr bis heute der Ruf an, „eine erstklassige Schriftstellerin zweiter Güte“ (ihre Selbstcharakterisierung) zu sein. Wie sehr sie das wohl beschäftigte, ist auch ihrem 1931 im „Uhu“ erschienenen Beitrag „Angst vor Kitsch“ abzulesen: Ein beinahe trotziges Bekenntnis der Autorin, ein Plädoyer, Mut zum Gefühl zu zeigen (auch in der Literatur). Herrlich zu lesen für jeden, der ebenfalls ab und an von Sentimentalitäten geplagt ist – leicht, ironisch und herzerwärmend:

„Was den Geschmack betrifft, da kann man sich immer blamieren, so oder so. Aber was das Gefühl angeht: Wohl dem, der hat, und das ist meistens richtig.
Und dann, ihr Lieben: Macht euch nicht so wichtig. Kompliziert euch das Dasein nicht unnütz. Habt nur Courage. Spürt nur. Lebt nur.
Auf alles andere kommt es so gar nicht an.“

Vicki Baum hatte sie wohl, diese Courage – und brauchte sie auch. Denn in ihrem eigenen Leben kostete das Jonglieren – einerseits disziplinierte Familienfrau, andererseits die erfolgreiche, reiselustige und berufstätige Autorin – einen hohen Preis. Die Fassade der perfekten Frau erhielt sie lange Jahre ihres Lebens trotz ihrer Alkohol- und Tablettenabhängigkeit aufrecht – oder vermochte dies vielleicht nur mit diesen Hilfsmitteln aufrecht zu erhalten. Sie wollte um jeden Preis funktionieren: Auch darin, über die individuelle Lebensgeschichte hinaus, ist sie eine typische Vertreterin vieler Frauen ihrer Generation. Depressionen, Zusammenbrüche und eine 1950 diagnostizierte Leukämie prägen ihre letzten Lebensjahre. Und dennoch charakterisieren sie die Geschwister Erika und Klaus Mann als eine Frau, deren hervorstechende Eigenschaft Furchtlosigkeit war.

Und deshalb ein Appell an furchtlose Leser(innen): Lest Vicki Baum, lest sie genau und ohne Vorbehalte im Kopf – ein Gewinn kann dann die Erkenntnis sein, wie zeitlos gut auch leichte Unterhaltung sein kann.

Verlagsinformationen zum Buch: http://www.editionatelier.at/makkaroni-in-der-daemmerung.html

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Mala Laaser: Karl und Manci

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Bild: (c) Michael Flötotto

Eine Ergänzung aus aktuellem Anlass: Als ich von Jörg Mielczarek gebeten wurde, für seine Veröffentlichung von „Karl und Manci“ ein Nachwort zu schreiben, freute ich mich natürlich sehr. Zugleich aber zeigte es mir auch meine Grenzen auf: Nebenberufliches Bloggen über Literatur ermöglicht es häufig nicht, auch in die Tiefe zu gehen. So war ich bei meinen Recherchen zu Mala Laaser auf das Internet angewiesen – und hier sind Angaben zu dieser Autorin ziemlich rar gesät.

ABER: Mein Beitrag bewegte Anke Heimberg, Herausgeberin der Werke von Lili Grün und Victoria Wolff beim AvivA Verlag dazu, in die Tiefe zu gehen, mehr über Mala Laaser herauszufinden. Und so, durch einen Anstoß von Jörg Mielczarek, wird eine Autorin vielleicht doch wieder dem Vergessen entrissen.

Hier geht es zum aktuellen Beitrag über Mala Laaser von Anke Heimberg:
http://www.aviva-berlin.de/aviva/content_Literatur_Juedisches%20Leben.php?id=1419926

„Wir wissen es: Die Zeit setzte ihren Spaten an und grub gewaltig den Boden um. Aus der Fülle der Geschicke, die sich dabei bildeten, herausgegriffen, soll euch jetzt hier die Geschichte von Karl und Manci, das Schicksal zweier Liebender in unseren Tagen, dargelegt werden.“

Mala Laaser, „Karl und Manci“, Verlag interna Bonn

Wenn man sich für die Literatur der Weimarer Republik interessiert, stößt man in der Fachliteratur, in Quellen und Zeitdokumenten immer wieder auf Namen, die auftauchen wie aus dem Nichts – und wieder im Nichts verschwinden. Oft sind es nur Fußnoten, beiläufige Bemerkungen, in denen Autoren erwähnt wird und ihre Talente gewürdigt werden. Menschen, die bereits erste Arbeiten veröffentlicht hatten, die vielleicht am Beginn einer guten Entwicklung standen, die auch von bekannteren Kollegen gefördert wurden. Und dann? Ihre Namen verschwinden ab 1933 aus der Öffentlichkeit und dem Bewusstsein, sie werden vergessen, ihre Träger meist in den Konzentrationslagern ermordet, auf der Flucht getötet, im Exil verschwunden, verloren gegangen.

Einer, der sich seit Jahren mit dieser Literaturepoche beschäftigt und durch seine Arbeit die Erinnerung an Schriftstellerinnen und Schriftsteller dieser „verschollenen“ Generation wach hält, ist Jörg Mielczarek. Der gelernte Buchhändler, Geschäftsführer eines Verlages in Bonn, veröffentlichte bereits 2011 das Buch „Von Untertanen, Zauberbergen, Menschen ohne Eigenschaften“, in dem er 50 Autoren der Weimarer Republik und deren Werke vorstellt. Nun setzt er diese Arbeit mit einer eigenen Buchreihe fort: Unter dem Reihentitel „Fünf.Zwei.Vier.Neun“ – die 5249 Tage der Weimarer Republik – kommen Schriftsteller jener Literaturepoche zu Wort, deren Stimmen allzu früh verklungen sind, die heute allenfalls noch Fachleuten ein Begriff sein dürften. Jörg Mielczarek will diese Stimmen wieder zum Klingen bringen und einem breiteren Publikum zugänglich machen.

Jörg Mielczarek zu seiner Reihe und dem Band zur Auftakt: 

„Seit einigen Jahren beschäftige ich mich intensiv mit der Literatur der Weimarer Republik. Viel Freude macht mir vor allen Dingen die Lektüre der Zeitschriften und Tageszeitungen, die in dieser Zeit erschienen sind. In fast jeder Ausgabe stößt man auf Lyrik, Erzählungen, Novellen und Romane (die in Fortsetzungen erschienen) – und das in einer unglaublichen Qualität.
„Karl und Manci“ fand ich in der CV-Zeitung, der Zeitung des Central Verbands deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Gerade das Schlichte der Novelle zog mich an. Sie erschien niemals in einem Buch – jetzt wird das geändert,“ 

Dass ich dazu ein Nachwort schreiben durfte, freut mich sehr (und macht mich auch stolz). „Karl und Manci“ von Mala Laaser wirkt auf den ersten Blick wie eine „sachliche Romanze“, eine gefällige kleine Liebesgeschichte im Ton der Zeit. Sie ist eine jener Erzählungen, die mit jedem Wiederlesen mehr und mehr gewinnt. Keine Liebesgeschichte mit großen Auftritten, Emotionen und Dramatik – sondern im Stil der Neuen Sachlichkeit, beinahe nüchtern, wird von einer unstandesgemäßen Beziehung zwischen zwei jungen Leuten erzählt. Neben der unterschiedlichen Herkunft erschweren auch die gesellschaftlichen Umstände – die Nöte der Wirtschaftskrise sowie die zunehmende Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung – diese Verbindung.

Die besondere Begabung von Mala Laaser zeigt sich in der gelungenen Darstellung vom „kleinen privaten Glück“ unter schwierigen gesellschaftlichen Bedingungen: Da werden die Nöte der Zeit offengelegt, ohne dass dadurch das literarische Niveau verlassen wird: Mala Laaser beherrschte bereits in dieser Erzählung einen unsentimentalen Ton, der dieser Erzählung einen besonderen Reiz gibt – eine schlechtere Schriftstellerin hätte dieses Thema „verkitscht“.

Über Mala Laaser selbst konnte ich wenig herausfinden – man müsste die Zeit haben, auf Spurensuche zu gehen und intensiv in den einschlägigen Archiven zu forschen, vielleicht ließen sich dann ihre Lebensdaten rekonstruieren. Sie schrieb zunächst Reportagen, später veröffentlichte sie auch Erzählungen und Gedichte, überwiegend in jüdischen Zeitschriften. In Berlin verkehrte sie unter anderem mit Gertrud Kolmar und Jakob Picard. Mit dem wesentlich älteren Schriftsteller war sie kurzzeitig verlobt. 1939 emigrierte sie nach England – und scheint dort, abgeschnitten von Heimat und Sprache, literarisch verstummt zu sein. Umso erfreulicher ist es, dass Verleger Jörg Mielczarek mit dieser Veröffentlichung ihre Stimme, ihr Talent dem Vergessen entreißt. Es ist wie ein Anruf aus der Vergangenheit, ein Brief aus der Geschichte – in der Hoffnung, dass er nun irgendwo angenommen wird, endlich ankommen wird.

Und nun hoffe ich, dass das Buch, das ab 12. Mai erhältlich ist, viele interessierten Leserinnen und Leser findet – es wäre eine späte Anerkennung einer Schriftstellerin, die ihr offensichtliches Talent niemals ausleben durfte. Alle notwendigen Angaben finden sich auf der Seite des Verlages: Mala Laaser, „Karl und Manci“, 2017, Verlag interna, Bonn.

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Franz Hessel: Heimliches Berlin

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Bild von Lenalensen auf Pixabay

„Ich habe keine Zeit, das zu verstehen. Meine Erfahrung ist: Mangel im Alltäglichen, schäbige Kleider, unwürdige Trambahnfahrten, minderwertige Menüs, überhaupt die billigen Qualitäten schädigen meine unsterbliche Seele. Ich will möglichst mühelos von dem heiß servierten Reichtum von heute meinen Tribut haben. Und das will ich auch für Wendelin. In welcher Weise es geschieht, ist ganz gleichgültig, wie es heute gleichgültig ist, womit man handelt. Ein Junge wie Wendelin muss sein Reitpferd haben, ein hübsches pied-à-tierre, den besten Schneider. Und das alles so bequem wie möglich.“

Franz Hessel, „Heimliches Berlin“, OA 1927, Lilienfeld Verlag, 2017.

Es ist ein ganz ungewöhnliches Stück Literatur für die Weimarer Republik, dieses „heimliche Berlin“: Inmitten all der expressionistischen Großstadt-Literatur, der Weltkriegs-Verarbeitungen und politisch-literarischen Auseinandersetzungen mit Inflation, Weltwirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit, inmitten all der großartigen sozialrealistischen, pazifistischen oder auch experimentellen Romane wirkt dieses Buch wie ein Solitär, beinahe wie ein Gruß aus einer fernen Zeit, ein Herüberwinken vom Fin de Siècle.

Franz Hessel veröffentlichte den kurzen Roman „Heimliches Berlin“ 1927. Natürlich spielt auch dieser kleine Liebesreigen vor dem ernsten Hintergrund der prekären wirtschaftlichen Situation in jener Zeit: Im Mittelpunkt ein Freundeskreis, die sich in Festivitäten und kleine Fluchten vor ihrer eigenen Halt- und Orientierungslosigkeit retten. Die Erzählung umfasst einen Zeitrahmen von 24 Stunden – zwei Nächte, ein Tag, die durch ärmlich kleine Pensionszimmer, verwohnte Wohnungen, verrauchte Bars und schummrige Salons führen. Wendelin, der verarmte Adelige, ein hübscher, wenn auch etwas oberflächlicher Jüngling, lässt sich kurz den Kopf von der Ehefrau eines älteren Freundes verdrehen – und am Ende stehen die beiden Männer da, nachts in Berlin, bei der Potsdamer Brücke und wissen:

„…wir beide, du und ich, spielen darin einigermaßen lächerliche Rollen.“

Eine kleine Geschichte, aber so anmutig und charmant, leicht und schwebend erzählt, mit einer Mischung aus Berliner Schnauze und französischem Quivive, dass sie sich allein schon aufgrund dieses besonderen Tons ins Lesegedächtnis gräbt. Kaum erschienen, lobte bereits 1927 Leo Greiner im Berliner Börsen-Courier diese kleine literarische Preziose:

„In Heimliches Berlin ragt ein Stück berlinischen neunzehnten Jahrhunderts in die mit ihrem Lärm und tausend gehäuften Primitivitäten erfüllte Gegenwart herein und verschmilzt mit ihr. Hessels schöne, wissende Menschendichtung ist in Romanform ein Stück heimlicher Geschichtsschreibung dieser Stadt. Ein nicht unwichtiger Teil ihres unbekannten Lebens ist bezaubernd darin aufbewahrt.“

Als eine „duftende Köstlichkeit aus appetitlichen Wörtern“ bezeichnet der Autor Manfred Flügge, ein Kenner des Werks von Vater und Sohn Hessel, diesen zauberhaften Roman. Ein wenig erinnerte mich dieses heimliche Berlin an den Wiener Reigen – wenn auch weniger aufgeladen, weniger dunkel denn Schnitzlers seinerzeit skandalträchtiges Drama.

Flügge zieht – wie er selbst gesteht, aus Lust an diesem schwebenden Text – Rückschlüsse auf die Biographie des Autors: Eine faszinierende Persönlichkeit, ein Flaneur und Wanderer zwischen den Welten, Übersetzer von Proust und anderen französischen Schriftstellern, ein Flaneur und Bohemien, reales Vorbild für Jules, jenen Protagonisten der Dreiecksgeschichte aus dem gleichnamigen Roman und der Truffaut-Verfilmung und nicht zuletzt auch Vater von Stéphane Hessel. 1880 in Stettin geboren, in Berlin aufgewachsen, zog es ihn immer wieder nach Frankreich – endgültig dann 1938. Wie viele andere deutsche Exilanten auch, wurde er jedoch 1940 interniert und starb 1941 in Sanary-sur-Mer.

„Heimliches Berlin“: Eine wahre Trouvaille für mich, erschienen im Lilienfeld Verlag und wie alle Bücher aus der Reihe „Lilienfeldiana“ wunderschön aufgemacht.

Verlagsinformationen zum Buch:
„Heimliches Berlin“

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Oskar Maria Graf: Unruhe um einen Friedfertigen

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Bild von MaxxMcgee auf Pixabay

„Und dieses Etwas, schwer schleimig und blutbesudelt, das hatte er – so ist die in panische Angst und in Jammer gestoßene Kreatur! – mit letzter Kraft und Hast weggedrückt, vom Fleck geschoben, weil darunter die kleine Bodenlucke mit dem ängstlich versteckten Schmuck und dem wichtigen Schriftschaften lag. Besinnungslos hatte er den Schatz an sich gerissen, unter dem Mantel verborgen, und war davongelaufen, aus dem Haus, weg aus dem Viertel, aus der Stadt; nach Monaten kam er in Winniki bei der Tante Sarah an, blieb eine Zeitlang und ging wieder weiter, weiter, immer weiter, landete schließlich nach vielen Elends- und Irrfahrten in Wien, kam ins Bayerische und war inzwischen verloschen als Juljewitsch Krasnitzki, heiratete seine Kathi in Fürth, holte seinen Buben von der Tante Sarah, hieß schließlich Julius Kraus, und nichts verriet mehr, was er einst gewesen war…“

Oskar Maria Graf, „Unruhe um einen Friedfertigen“, 1947

Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben … nein, fromm im eigentlichen Sinne ist der Julius Kraus zwar nicht, aber einer, der sich zurückhält, ein Ruhiger, freundlich, aber doch unverbindlich zu den Nachbarn, einer der das „A-bopa“ scheut. Mit diesem wohl selbsterfundenen Wort bezeichnet der alte Schuster das Gift, das entsteht, wenn die Zeiten unruhig sind, wenn am Stammtisch im Wirtshaus politisiert und hernach geschlägert wird. Wenn die Leute im Dorf sich verfeinden, wenn polemisiert, gehasst und gespitzelt wird, wenn der Zwiespalt selbst Familien auseinanderbringt.

Was das „A-bopa“ mit Minderheiten anstellt, das hat der Kraus bereits als junger Mann miterleben müssen: Die Familie wird bei einem Pogrom in Odessa hingemetzelt, nur ihm gelingt – nachdem er den Familienschmuck unter dem toten Leib der Mutter hervorzieht – die Flucht. Im oberbayerischen Dorf Auffing scheint der Exodus endlich zu einem Ende zu kommen: Julius, seine Frau und der Sohn aus erster Ehe finden hier ein neues Zuhause, finden sich in die Dorfgemeinschaft ein.

Bis das „A-bopa“ wieder sein übles Gift verbreitet: Der von Oskar Maria Graf bereits in seinem amerikanischen Exil geschriebene Roman umfasst die Zeitspanne vom Ersten Weltkrieg bis zu Hitlers Machtergreifung. Auch der dörfliche Kosmos bleibt – obwohl die Bauern andere Sorgen drücken als die hungernde Arbeiterschaft in den Städten – von den politischen Unruhen nicht verschont. Wie unter einem Brennglas wird am überschaubaren dörflichen Kosmos deutlich, wohin existentielle Not, finanzielle Sorgen sowie die Perspektivlosigkeit und Traumatisierung der von den Schlachtfeldern zurückgekehrten jungen Männer führen. Und wozu falsche Versprechungen und Propaganda verführen, wenn die Saat – die Gier oder auch nur der schlichte Wunsch nach einem besseren Leben – gelegt ist.

„In der deutschen Literatur der letzten fünfzig Jahre gibt es viele Zeugnisse über die spezifisch deutsche Variante des heute weltweit anzutreffenden Phänomens eines blinden Nationalismus und tödlichen Faschismus. In der Regel berichten alle diese Zeugnisse aber über die Anfänge der braunen Marodeure in den Städten, wo ihre Marschkolonnen mit viel propagandistischem Getöse zuerst die Machtübernahme probten. Nur in wenigen Zeugnissen werden die Erscheinungsformen dieser verhängnisvollen Entwicklung draußen in der Provinz dargestellt. Oskar Maria Graf hat dies in seinen Büchern mehrmals aus dem Raum der Dörfer im Hinterland der späteren „Hauptstadt der Bewegung“ getan, in der der „Bluthund“ zuerst auftauchte“, so der Schriftsteller Hans Dollinger, der den 1967 verstorbenen Graf noch persönlich kannte, im Nachwort meiner Taschenbuch-Ausgabe.

Dieses Verorten im ländlichen Raum macht insbesondere die „Unruhe um einen Friedfertigen“ zu einem ganz besonderen Zeugnis dieser unsäglichen Zeit. In den Beschreibungen der Bauersfamilien, der Dorfgemeinschaft, in der der altersmilde Pfarrer und die benachbarten Jesuiten zu den moralischen Instanzen gehören, der Krämerladen zum Umschlagplatz für die Neuigkeiten aus „der Stadt“ wird und man trotz der „Schande“ das Kind einer Bauerntochter und des russischen Kriegsgefangenen integriert, wird ein Stück altes Bayern lebendig – Landleben, das Graf, selbst in New York stets in der Lederhose auftretend, im Exil im Herzen mit sich trug.

Sozialist, ohne in einer sozialistischen Partei zu sein, gläubig, ohne dem Katholizismus zu huldigen, heimatverbunden, aber ohne patriotisches Hurra-Geschrei, gepaart mit einem nüchternen Blick auf das Leben und die Menschen: Dies prägte das Schaffen und Schreiben dieses Ur-Bayern. In „Unruhe um einen Friedfertigen“ zeichnet er ein Bild dieser Landbevölkerung, die, als das Geheimnis von Julius Frank, seine Herkunft, sein Judentum, zu Tage tritt, ihn zwar weiterhin als einen der ihren betrachtet – den Unruhestiftern und dem Hass, den der Nationalsozialismus verstreut, jedoch nichts weiter entgegenzusetzen hat denn Gottergebenheit.

„Dunkel hob sich seitwärts die immergrüne Fichtenwand der Waldung ab. Träg und farblos hing der Himmel darüber. Fast wie dieses Land waren all die Leute. Nichts rührte sie als die Jahreszeiten. (…) Der Staat, die Regierung, kurz „das A-bopa“, lag gewissermaßen weit weg von ihnen. Sie trauten ihm nichts Gutes zu, sie liebten und sie haßten es nicht. Es ging sie nichts an, aber sie fügten sich ihm stumpf und murrend. Nicht einmal jetzt, da sie alle schon einige ganze lange Zeit das Treiben der Nazis aus nächster Nähe erlebt hatten und begreifen mußten, was die über sie und ihre Heimat  brachten, stellten sie sich dagegen. Offenbar war ihnen sogar daran nichts gelegen, wenigstens diese ihre Heimat frei zu halten. Jeder von ihnen dachte nur an sich und das, was unmittelbar damit zusammenhing. Darum blieben sie Millionen einzelne, mit denen jeder, der sie zielbewußt beherrschte, leichtes Spiel hatte.“

Man wünschte sich in Zeiten wiedererstarkenden Nationalismus, die Menschen erinnerten sich an die Geschichte, an vergangenes Übel und wären befähigt, gemeinsam gegen das „A-bopa“ einzustehen. Doch täglich sprechen die Nachrichten eine andere Sprache. Die Macht der Literatur ist begrenzt – und dennoch: Wenn ich Oskar Maria Graf lese, dann hoffe ich, dass auch andere ihn lesen und dass seine leib- und lebhaftigen Schilderungen dazu beitragen, die Unruhen um Friedfertige einzudämmen…

Dem Schriftsteller war eine Ausstellung im Literaturhaus München gewidmet: „Rebell, Weltbürger, Erzähler“. Sie beschäftigte sich vor allem mit den langen Jahren des Exils – er verließ Deutschland 1933 und kehrte nur noch zu Besuchen zurück – und gab eindrucksvoll Einblicke in Denken und Werk Oskar Maria Grafs. Heimat, so wurde dabei deutlich, hing für ihn nicht am Konstrukt einer Nation, sondern war „in der Erinnerung an die Landschaft, in der Sprache und unter Freunden zu finden.“

„Ich glaube immer, daß die wahre Heimat die Sprache ist.“

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Victoria Wolff: Die Welt ist blau

„Es ist auch schön, hier zu sein in diesem beglückenden Nest, die Blumen zu sehen, die leuchtender scheinen im Regen, und die Düfte zu schmecken, die würziger geworden sind durch ihn. Hier ist ein verwittertes altes Haus und dort ein umwachsener Bogen mit Ausblick auf den See; da ein Malerwinkel und hier ein Zaubergarten. Und alles ergänzt und überschneidet sich auf eine leichte und beglückende Weise.
Peter, der schwere Mann, wird selbst leichter und schneller dadurch. Er sinnt, ob nicht das Künstlerische, das seinem Wesen fehlt, hier zu finden wäre.
Unten im Obstgeschäft auf der Dorfstraße hängt die Ananas, die er sich wünscht. Er betrachtet diese vollkommene Frucht, die, ehe sie ihm übergeben wird, in eine sorgsame Hülle gepackt wird.
Sie ist wie Ursula, denkt er, Stacheln verdecken von außen die innere Süße.“

Victoria Wolff, „Die Welt ist blau“, AvivA Verlag, Berlin, 2017

Geradezu spiegelverkehrt verhält sich dieser „Sommer-Roman aus Ascona“ zu Ursula und zur Ananas: So luftig-federleicht kommt er daher, so spielerisch-elegant die Sprache mit ihren Dialogen (die an die Tradition der Screwball-Komödie erinnern), dass man Gefahr läuft, in Blau zu schwelgen – und die dunkleren Pinselstriche, die Victoria Wolff ihrem Sommergemälde gab, zu überlesen.

Friederike Albat fühlte sich in ihrer Rezension in der „Madame“ nicht von ungefähr an Tucholskys Schloss Gripsholm erinnert: Ein charmantes Buch voller Witz und Leben. Doch die blaue Welt entfaltet sich vor düsterem Hintergrund: Der Roman spielt 1933 – im Jahr von Hitlers Machtergreifung, im selben Jahr, in dem die deutsch-jüdische Schriftstellerin Victoria Wolff den Weg in die Emigration wählt.

„Angewidert von den politischen und gesellschaftlichen Veränderungen, welche die Machtübernahme der Nationalsozialisten begleiteten, hatte sie ihre Geburts- und Heimatstadt Heilbronn am 1. April 1933 verlassen und war gemeinsam mit ihren Kindern, der sechsjährigen Ursula und dem vierjährigen Frank, nach Ascona im schweizerischen Tessin emigriert“, erläutert Anke Heimberg, Herausgeberin der Werke von Victoria Wolff und Lili Grün beim AvivA Verlag, in ihrem Nachwort.

Klug und unterhaltsam

Auch wenn die Schweiz noch nahe der Heimat war und sich die materielle Lage der Wolffs (zunächst) wohl nicht so belastend gestaltet hatte wie die anderer Flüchtlinge: Erstaunlich ist es dennoch, wie schwungvoll-leicht dieser im Exil entstandene Roman wirkt, wie (scheinbar) unbelastet von den aktuellen Geschehnissen dieser Zeit, wie klug und unterhaltsam es Victoria Wolff vermochte, alle Farbschattierungen in ihrer charmanten Sommererzählung zu verweben.

Peter, der strebsame, ehrgeizige und zuweilen etwas zu konservative Anwalt und die freigeistig-temperamentvolle Ursula – dazu erzogen, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen und Konventionen nicht der Konvention willen anzuerkennen – dies durchaus also sehr unterschiedlich getaktete Pärchen schenkt sich Ferien, fährt ins Blaue.

Es herrscht beschwingte Urlaubsstimmung, eine Ahnung von grenzenloser Freiheit liegt in der Luft – eine „kleine“ Flucht aus dem Alltag, Rückkehr vorgesehen. Nur zwischen den Zeilen lässt Victoria Wolff anklingen, dass die Verhältnisse dort, im „Tiefland“, „Primitivland“, wie Ursula Deutschland bezeichnet, keine angenehmen mehr sind.

Irrungen und Wirrungen zweier Verliebter

Im Vordergrund des Buches steht die Paarbeziehung der beiden. Die sind über die erste Verliebtheit hinaus, sich aber dennoch noch fremd und daher unsicher, ob sich da wirklich der passende Topf und Deckel gefunden haben. Urlaub ist schon seit jeher ein geeigneter Beziehungstest und so lassen die Wirrungen und Irrungen nicht lange auf sich warten: Peter wird von einer forschen Berlinerin becirct, die ihm jedoch insgeheim eher Angst macht. Ursula, die Skeptikerin, lässt sich eher aus Trotz und Neugier kurz von einem fadenscheinigen Magier bezaubern. Die erste Krise lässt nicht lange auf sich warten:

„Du weißt, daß ich dich gerne habe, Peter, und du mußt dieses Wissen so in dir verankern, daß du mir meine kleinen Scherze ganz ohne Bitterkeit gönnst. Ich brauche diese Freude am Spiel; ich werde sie immer brauchen.
Peter säubert schweigend seine Brille mit einem Taschentuch.
„Man kann den Problemen am besten aus dem Wege gehen, Peter, indem man schweigt, aber gelöst werden sie auf diese Weise noch lange nicht.“
„Das nenne ich kein Problem, Ursula, das nenne ich schlechtes Benehmen.“
„Glücklicherweise ist die deutsche Sprache so reich, daß sie für alle Vorkommnisse des täglichen Lebens zwei Begriffe hat.“
„Man kann mit dir heute nicht reden, Ursula.“
„Ich glaube eher, man kann heute mit dir nicht reden, Peter.“
„Gute Nacht also, Ursula, schlaf gut.“
„Gute Nacht also, Peter. Natürlich schlafe ich gut, erst recht schlafe ich gut.“
Zu ist die Türe, die Stiefel fliegen in die Ecke, die Kleider wohin sie wollen.

So viel sei verraten: Selbstverständlich gibt es ein Happy End, findet das Paar wieder – und besser – zusammen.

„Die Erde gleicht einer liebenswürdig grün und blau gekleideten Prinzessin, und das hoffnungsreiche Leben, von heiteren Aussichten sprudelnd und schäumend, schwebt wie ein ungebundener, schöner Tänzer, der weder Kummer und Sorgen kennt, frei daher.“

Für Victoria Wolff und die Schweiz jedoch gab es dieses glückliche Ende nicht: Dort, wo Peter und Ursula Urlaub machen und sie selbst ab 1933 eine neue Heimat gefunden hatte, durfte sie nicht bleiben. 1939 wurde sie mit ihren Kindern ausgewiesen, weil sie gegen die Auflage verstoßen hatte, die ihr journalistisches Arbeiten verbot.

Anke Heimberg im Nachwort:

„Trotzdem dachte Victoria Wolff im US-amerikanischen Exil, wohin sie und ihre Familie sich 1941 mit Hilfe von FreundInnen und Verwandten hatten flüchten können, stets gern und voller Sehnsucht an die Jahre in Ascona zurück. Das sture, hartherzige Verhalten der Schweizer Behörden vermochte ihre Erinnerung an die von ihr als überaus reich und beglückend erlebte „himmelblaue“ Zeit im Tessin nicht zu trüben. So oft es später ihre regelmäßigen Europa-Reisen erlaubten, suchte sie Ascona auf, um dort noch einmal etwas von diesem Traum, dem von ihr immer wieder beschworenen „seelischen Zustand“ von damals wiederzufinden. Victoria Wolff starb 1992 im Alter von 88 Jahren in Los Angeles.“

Mag kann, ja man muss sich einfach in diese charmante Sommer-Romanze verlieben. Man kann die Beziehung jedoch auch noch vertiefen, der Leichtigkeit neue Dimensionen abgewinnen – durch das umfassende und informative Nachwort von Herausgeberin Anke Heimberg, die die Romanze in den politischen Kontext einordnet, aufzeigt, wo Victoria Wolff Bezug nimmt auf das Regime, das in Deutschland wütete. Zudem lässt  Heimberg das sommerliche Ascona und den legendären Monte Verità beinahe wieder lebendig werden, beschreibt, wie der Ort vom Fischerdorf zu einem Anziehungspunkt für die Lebensreformer und Lebenskünstler wurde und welche Faszination er insbesondere auf die Berliner Bohème ausübte.

Ebenso werden Bezüge zwischen den Figuren des Romans und Menschen aus Victoria Wolffs Umfeld deutlich – sie hatte sich in Ascona unter anderem mit Erich Maria Remarque, Ignazio Silone und Tilla Durieux angefreundet. Die extravagante Schauspielerin mit dem großen Herzen ist unverkennbar die Vorlage für die Berliner Sirene, die den braven Peter in kurze Verwirrung stürzt.

Victoria Wolff schrieb bereits 1931 in der Heilbronner „Neckar-Zeitung“ über Ascona:
„Aber Ascona ist und bleibt Insel in Europa, Insel der Glücklichen (…), der Geistigen (…) und der Weltlichen (…) über allem lacht ohne Ermüdung eine milde Sonne, in der sich die Palmen und Kastanien, Menschen und Gedanken, Wellen und Intrigen sachte bewegen.“

Ach … Ascona! Heute natürlich auch nicht mehr das … möchte man phrasengleich anschließen. Und dennoch: Wen nach diesem Roman nicht die Lust packt auf ein paar „blaue“ Tage, vielleicht auch auf einen kleinen Urlaubsflirt, wer weiß, jedenfalls auf Fahrten ins Blaue, blauen Himmel und eine blaue Welt, dem ist einfach nicht zu helfen.


Victoria Wolff bei FemBio:
http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/victoria-wolff/

Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.aviva-verlag.de/programm/die-welt-ist-blau/

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Kurt Tucholsky: Herr Wendriner und das Lottchen

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Dieser Herr sieht irgendwie aus wie ein Wendriner. Bild von Birgit Böllinger auf Pixabay

„Man kommt zu gar nichts mehr. Ich denk jetzt so oft an den Tod. Quatsch. Doch, ich denk oft an den Tod. Das kommt von der Verdauung. Nein, das kommt nicht von der Verdauung. Man wird älter. Wie lange sind wir jetzt schon verheiratet…Nu, für sie ist ja ausgesorgt, so weit bin ich schon, Gottseidank. Wenn ich tot bin, wern sie erst erkennen, was sie an mir gehabt haben. Man wird viel zu wenig anerkannt, im Leben. Hinterher ist zu spät. Hinterher wern sie weinen. Damals, beim alten Leppschitzer warn ja enorm viele Leute. So viel kommen bei mir mindestens auch…“

Kurt Tucholsky, „Herr Wendriner kann nicht einschlafen“, 30. März 1926, „Die Weltbühne“

Der Herr, der hier nicht einschlafen kann, ist der Herr Wendriner. Ein Geschäftsmann und Familienvater im besten Alter, der Spießbürger par excellence. Und wenn Herr Wendriner uff Jedanken kommt, dann wird es ein wenig schräg. So führt Schlaflosigkeit zu solchenen Lebens- resp. Todesweisheiten.

„Schrecklich, wenn man nicht einschlafen kann. Wenn man nicht einschlafen kann, ist man ganz allein. Ich bin nicht gern allein. Ich muss Leute um mich haben, Bewegung, Familie, Arbeit…Wenn ich mit mir allein bin, dann ist da keiner. Und dann bin ich ganz allein. Hinten juckts mich. Ich kenn das. Jetzt wer ich gleich einschlafen. Schlafen…Na, denn gut`n –„

Zwischen 1922 und 1930 erscheinen die Wendriner-Texte aus der Feder Kurt Tucholskys in der „Weltbühne“. Gesellschaftskritische Kurzgeschichten, Monologe, in denen einer vor sich hinschwadroniert und dabei unbewusst in seine kleine Seele blicken lässt. Nach außen hin braver Familienvater, versucht sich auch der Wendriner mal an einer Geliebten und guckt selbst im klassischen Theater den Schauspielerinnen lieber auf die Beine als ins Textbuch. Zumeist schwadroniert er übers Geschäft und – wenig fachkundig – über Politik: Politik ist letztlich das, was das Geschäft nicht stört. So sind ihm die Sozis ein Gräuel, die Bewegungen am rechten Rand notiert er in einer Mischung zwischen Furcht und Bewunderung – Bewunderung für deren „Ordnungssinn“.

Abscheu vor den Spießern

Der Wendriner kam schon bei Erscheinen nicht durchwegs gut an. Zu spitz, zu satirisch und Tucholskys Wort – „Wenn einer bei uns einen guten politischen Witz macht, dann sitzt halb Deutschland auf dem Sofa und nimmt übel“ – bewies sich einmal mehr. Aber auch nach Tucholskys Tod und nach dem Ende des Nationalsozialismus war lange Zeit eine unvoreingenommene Rezeption der Geschichten schwierig: Denn Herrn Wendriner ist ein deutscher Jude. Tucholsky wurde der Vorwurf des Antisemitismus gemacht. Dabei, so arbeitete auch sein Biograf Rolf Hosfeld heraus (nur zu empfehlen: „Tucholsky – Ein deutsches Leben“, Rolf Hosfeld), war es vor allem die Abscheu vor dem Spießertum, die den Schriftsteller und Satiriker antrieb. Aus einem Interview der Jüdischen Allgemeinen mit Rolf Hosfeld:

Zu denen, die versagt hatten, zählte für Tucholsky auch die deutsche Judenheit. Kurz vor seinem Tod 1935 hat er einen Brief an Arnold Zweig geschrieben. Da liest man: »Der Jude ist feige. Er duckt sich.« Tucholsky hatte offenbar einen ziemlichen Abscheu vor den deutschen Juden.

Nicht unbedingt vor den deutschen Juden. Aber vor einem bestimmten Typus des jüdischen Spießers, ja. Herr Wendriner zum Beispiel, ja. Tucholsky hatte eine enorme Abneigung gegen den damals verbreiteten Typus des deutschnationalen Juden. Etwa, wenn Herr Wendriner den SA-Mann vor seinem Geschäft hofiert. Bei Wendriner spielen aber noch andere Aspekte hinein. In seinem ungeordneten Weltbild hat er auch sympathische Züge. Die Wendriner-Geschichten sollten übrigens als Buch erscheinen. Tucholsky unterhielt sich mit Edith Jacobson darüber, wer sie illustrieren könnte. George Grosz wollte Tucholsky nicht, der war ihm zu karikaturenhaft; andere vorgeschlagene Zeichner waren ihm zu antisemitisch.

Das Interview in voller Länge, in dem es um Tucholskys Haltung zum Judentum geht, findet sich hier: http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/12535.

Hellsichtige Skizzen

Bereits Edith Jacobsohn, die Frau des Weltbühnen-Herausgebers Siegfried Jacobsohn, plante in ihrem Verlag eine Wendriner-Ausgabe. Zustande kam sie schließlich nicht, selbst ihr waren manche Texte zu scharf. 1927 erschienen dann die bis dahin in der Weltbühne gedruckten Texte bei Rowohlt, in dem Sammelband „Mit 5 PS“. Nicht darunter ist selbstverständlich der interessanteste der Wendriner-Texte, weil erst 1930 entstanden: „Herr Wendriner steht unter Diktatur“. Geradezu hellsichtig skizziert Tucholsky das Heraufziehen einer neuen Gesellschaftsordnung mit Herrenmenschen und lässt seinen literarischen Wendehals bei einem Kinobesuch den Salto zur Unterordnung machen – auch Wendriner ist einer jener, die zu jener Zeit noch glauben, als „Schutzbürger“ und mit der rechten Gesinnung geschähe ihnen nichts.

Der Verlag vbb – verlag für berlin-brandenburg hat nun in einem schmalen Bändchen die Wendriner-Texte neu herausgegeben. Ergänzt durch eine weibliche Stimme: Mit den „Lottchen“-Geschichten lässt Tucholsky eine für diese Zeit typische freche Frauenstimme, emanzipiert, witzig und schlagfertig, zu Wort kommen. „Lottchen“ war im eigentlichen Leben Lisa Matthias, eine alleinerziehende Journalistin, die Tucholsky 1927 kennenlernte. Ihr widmete er „Schloß Gripsholm“.

Abgerundet wird das Buch durch den Briefwechsel Tucholskys mit Edith Jacobsohn zu ihrem geplanten Buchprojekt, der in dem Bändchen erstmals veröffentlicht wird. Allein schon diese briefschriftliche Auseinandersetzung zwischen den Beiden ist von hohem Amüsemang und macht das Buch zu einer kleinen Petitesse:

„Lieber dicker Tucho, was is mit Wendrinern, nuuh?“, fleht die Verlegerin namens Franziska Damenbart, und der Tucho antwortet dem „geliebten Weib“, der Wendriner werde schon mit besonderer Sorgfalt verarztet werden.

„Herr Wendriner und das Lottchen“, Kurt Tucholsky, vbb, 2014, 96 Seiten, Halbleinen, Format: 12,5 x 20,5 cm, ISBN: 978-3-945256-01-5.


Bild zum Download: Ein Herr Wendriner?


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Kurt Tucholsky: Traktat über den Hund

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Bild von Donald Clark auf Pixabay

„Es muss wohl Katzenmenschen und Hundemenschen geben. Magst du den Hund? Ich auch nicht. Er brüllt den ganzen Tag, zerstört mit seinem unnützen Lärm die schönsten Stillen und wird in seiner Rücksichtslosigkeit nur noch von der seiner Besitzer übertroffen. (Protest des Reichbundes Deutscher Hundefreunde. Kusch).“

Peter Panter, Brief an einen Kater, Vossische Zeitung, 25.11.1927

Kurt Tucholsky liebte das freie Wort, die Frauen und Katzen. Hunde liebte er nicht. Oder präziser: Er liebte nicht, was der Hundehalter, insbesondere der „teutsche“ Hundehalter, aus dem Wesen Hund machte. Und: Der extrem lärmempfindliche Autor, der wegen seiner chronischen Nebenhöhlenentzündungen oft unter höllischen Kopfschmerzen litt, ging an und unter die Decke, wenn in seiner Nachbarschaft Dauergebell zu hören war.

Dieses Kranken am deutschen Wesen Hund und an dem von ihm produzierten Lärm ist hier und da in den Texten Tucholskys zu finden. Er dichtete über „Führerhunde“ (1921), über liebestolle Hunde in „Der Lenz ist da“ (1914) und schrieb in „Zwei Lärme“ (1925) über die Quälereien, die am Klavier dilettierende Nachbarfräuleins und bellende Hunde auszuüben vermögen:

„Allmorgendlich versammeln sich zwei singende Klavierspielerinnen und sechs Hunde in meinem Zimmer, treffen dort zusammen, die Hunde heulen Symphonien, die Klaviere bellen, die Sängerinnen jaulen. Sie zerstören das Beste: Die Ruhe.“

Aber in keinem anderen Texte wurde er so deutlich in seiner Abneigung gegen den „besten Freund des Menschen“ (und dessen Halter) wie im 1927 in der Weltbühne veröffentlichtem „Traktat über den Hund“.

„Hundebesitzer sind die rücksichtslosesten Menschen auf der Welt“, beginnt er seine Überlegungen zum „Tierhalter“ und endet mit dem Schluss:

„So ist der treue Hund so recht ein Ausdruck für die menschliche Seele. Allerseits geschätzt; nur selten in der Jugend ersäuft; gehalten, weil sich der Nachbar einen hält, von feineren Herrschaften auch als Schimpfwort benutzt – so bellt er sich durchs Leben. (…) Eine fortgeschrittene Zivilisation wird ihn als barbarisch abschaffen.“

Boah! Was gab das für einen Aufruhr: Tucholsky wurde mit erbosten Leserbriefen überschwemmt, treue Leser kündigten ihre Abonnements der „Weltbühne“ und ließen wahre Schimpftiraden und Verwünschungen über den Autoren los. Der aber bellte und biss gekonnt zurück und ergänzte sein „Traktat“ 1929 um weitere Kapitel:

„Da habe ich über den Hund traktiert, eigentlich mehr über das nervabtötende Gebell dieser Tiere, und man muß schon das Vaterland, das teure, und was an Generalen, Zeitungen und deutschen Männern drum und dran hängt, beleidigen, um einen solchen Lerm zu erleben.“

(Lerm mit „e“ nach Schopenhauer).

Natürlich hatte Tucholsky als begnadeter Satiriker mit seinen Anti-Hund-Tiraden nicht nur das Hundeherz getroffen, sondern vor allem menschliche Eigenschaften bloßgelegt, die er Hund und Halter zuschrieb: „Duckmäusertum, Kadavergehorsam und Anpassung“ (Claus Lorenzen).
Und so hatte sein „Traktat“ wie andere seiner Texte eben auch eine gesellschaftspolitische Komponente. „Ein großer Teil dieser (…) Menschen hat an dem Hund nur einen Untertan“, schrieb Tucholsky 1922 in „Der Hund als Untergebener“.

Dieser Text, das Traktat sowie etliche weitere Beispiele, in denen „Tucho“ auf den Hund kam, gab Claus Lorenzen in einem wunderbar von Klaus Ensikat illustrierten Band 2013 heraus, erschienen bei der Officina Ludi. Das Buch wurde 2016 nochmals als Sonderausgabe nachgedruckt – ein wirkliches Schmuckstück, das nicht nur Tucholsky-Anhängern, Ensikat-Liebhabern, Katzenfreunden, sondern vielleicht auch dem einen oder anderen Hundehalter gefallen könnte.

„Ich denke mir die Hölle so, daß ich unter Aufsicht eines preußischen Landgerichtsdirektors, der nachts von einem Reichswehrhauptmann abgelöst wird, in einem Kessel koche – vor dem sitzt einer und liest mir alte Leitartikel vor. Neben dieser Vorrichtung aber steht ein Hundezwinger, darin stehen, liegen, jaulen, brüllen, bellen und heulen zweiundvierzig Hunde. Ab und zu kommt Besuch aus dem Himmel und sieht mitleidig nach, ob ich noch da bin – das stärkt des frommen Besuchers Verdauung. Und die Hunde bellen…!
Lieber Gott, gib mir den Himmel der Geräuschlosigkeit. Unruhe produziere ich allein. Gib mir die Ruhe, die Lautlosigkeit und die Stille. Amen.“

Zu den bibliophilen Schmuckstücken der Officina Ludi: http://www.officinaludi.de/

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Ernst Glaeser: Jahrgang 1902

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Bild von Michael Gaida auf Pixabay

„Pfeiffer sammelte weder Granatsplitter, noch klebte er auf die Flaschen die Photos der Generäle. Pfeiffer hatte auch keine Landkarte, auf der er die Front absteckte, nicht einmal ein schwarz-weiß-rotes Abzeichen oder einen Stempel: „Gott strafe England!“ Statt dessen machte er Botengänge, kehrte manchen Bürgern Samstags die Straße und verdiente damit monatlich 3,50 Mark, die er seiner Mutter genau ablieferte. Der zwölfjährige Junge war Zivilist, wir spürten das, ohne es formulieren zu können – deshalb verprügelten wir ihn. Er überwand diese Prügel, indem er sie aushielt.“

Ernst Glaeser, „Jahrgang 1902“, 1928, wiederaufgelegt und herausgegeben von Christian Klein im Wallstein Verlag, 2014.

Heranwachsende zwischen den Fronten, Kinder, die andere Kinder als Zivilisten bezeichnen, deren kindliche Spiele Krieg statt Frieden simulieren, die sich zunächst in den Ferien mit französischen Gleichaltrigen wortlos verstehen können und dann ebenso wortlos anfeinden müssen, deren erste Liebe von Bombensplittern zerfetzt wird: Mit diesem Psychogramm einer Jugend in Deutschland wurde Ernst Glaeser in der Weimarer Republik, der Zwischenkriegszeit, zum literarischen Star. Anders als bei den ebenfalls in diesen Jahren erschienenen Romane von Erich Maria Remarque und Arnold Zweig steht nicht der Frontsoldat im Mittelpunkt, beschrieben wird, ähnlich wie in Georg Finks „Mich Hungert“ die Generation, die mit dem Krieg aufwuchs, zu jung für die Front, doch bereits auch zu alt, um wegzusehen – eine „lost generation“, der „Jahrgang 1902“.

Auch der Autor selbst gehört zu dieser verlorenen Generation, zu den Orientierungslosen, im Geiste Wurzellosen – dazu jedoch später mehr. Als „Jahrgang 1902“ erscheint, ist Glaeser (1902-1963) gerade mal 26 Jahre alt und trat zuvor nur mit einigen wenigen Dramen hervor. Der Debütroman wird jedoch aus dem Stand zum Sensationserfolg – bis Ende 1929 erreicht er eine Gesamtauflage von 200.000 Stück und wird in über 20 Sprachen übersetzt. Ein Bestseller, ähnlich wie „Im Westen nichts Neues“, der offenbar den Nerv ganzer Massen trifft.

Der Glaube an Gott und Kaiser

Erzählt wird die Geschichte eines Jungen, der in behüteten Verhältnissen in der Wilhelminischen Zeit aufwächst. Christian Klein, Akademischer Rat im Fach Neuere deutsche Literaturgeschichte an der Bergischen Universität Wuppertal, der nun für den Wallstein Verlag die Neuherausgabe des Buches besorgt hat, vermutet in seinem kenntnisreichen Nachwort wohl nicht von ungefähr, dass „Glaeser in ähnlichen Verhältnissen wie der Protagonist in seinem Roman Jahrgang 1902 aufwächst: Bürgerlich-konservativer Wohlstand und der Glaube an die Autorität von Kaiser und Vaterland dürften den jungen Glaeser zuhause umgeben haben.“ Und Glaeser selbst schreibt über sein Buch:

„Meine Beobachtungen sind lückenhaft. Es wäre mir leicht gewesen, einen ‚Roman‘ zu schreiben. Ich habe mit diesem Buch nicht die Absicht zu ‚dichten‘. Ich will die Wahrheit, selbst wenn sie fragmentarisch ist wie dieser Bericht.“

Scheinbar also in der hessischen Provinz nichts Neues, die konservativ-autoritäre Vaterfigur, die Mutter, weltflüchtend in die Lektüre von Hugo von Hofmannsthal. Doch die bürgerliche Ordnung birgt ihr dunklen Seiten und zeigt Risse: Das Buch beginnt mit der Schikane eines jüdischen Schulkameraden durch einen schmissigen Lehrer, aufgezeigt werden ebenso die Nöte und die Armut der Arbeiterfamilien, der Weltekel eines weltoffenen Adeligen, der am Provinzialismus und Militarismus seiner Klasse erstickt, die Obrigkeitshörigkeit und Dumpfheit der Konservativen ebenso wie die Verfolgung von Menschen, die sich für die Rechte der Arbeiter einsetzen. Glaeser streift die Grundzüge der Gesellschaftsordnung: Antisemitismus, Sozialismus und die Furcht davor, die konservativ-kaisertreue Klasse, die – bereits am Ende – ihr Heil auch im Krieg sieht und sucht. Dazwischen die Jugendlichen, die in dieser Welt ihre Orientierung suchen. Der Protagonist ist das beste Beispiel für einen sensiblen Jungen auf der Suche nach einem Vorbild, einem Halt. Berührungspunkte gibt es zu den verschiedensten Welten – zu Leo, dem jüdischen Freund, der bald verstirbt, zu Ferd, dem Adelsspross, zu August, dem Arbeitersohn. Gaston, ein Franzose, den er bei einem Kuraufenthalt in der Schweiz kennenlernt, äußert schließlich den entscheidenden Satz, der dem Buch auch als Zitat vorangestellt ist:La guerre, ce sont nos parents.

„Jene schon zu Friedenszeiten innerlich längst in Auflösung begriffenen, nach außen aber umso lauter propagierten Werte und Ideale, auf die man gerade im Ernstfall hätte bauen können sollen, verloren angesichts der Herausforderungen des Krieges gänzlich ihre Tragfähigkeit. Die Welt der Eltern erschien als Welt der leeren Versprechungen und verlogenen Phrasen“, schreibt Christian Klein in seinem Nachwort.

Vielmehr jedoch wird die Welt der Eltern zur Welt der Verheerungen:

„Es war Abend, als ich nach Hause kam. Ich war sehr erregt und konnte nichts essen. Mutter war auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung für „unsere Feldgrauen im Osten“, ich saß allein und wußte nicht, wie ich meine Mathematikaufgaben für den nächsten Tag fertigbringen sollte. Die Begegnung mit dem toten Soldaten hatte mir jede Sicherheit geraubt. Ich sah sein Gesicht, den verkrampften Mund und mußte plötzlich an Pfeiffer denken. Ich beschloß, zu ihm zu gehen und ihm die Geschichte mit den Pferden und dem Sergeanten zu erzählen. Dauernd hörte ich die Stimme des Urlaubers: „Der sieht aus, als sei er in der vordersten Linie gefallen…“ Sahen die alle so aus, die dort fielen? Sah so der Heldentod aus? Ich hatte ich ihn mir bisher als etwas Schönes vorgestellt.“

Der Wallstein Verlag zitiert auf seiner Homepage Erich Maria Remarque zu „Jahrgang 1902“:
„Die Schärfe des Blicks in diesem Buch ist außerordentlich, aber noch überraschender ist, daß eine so hart und klar gesehene Arbeit dennoch Wärme und Zartheit hat, daß sie wunderbar lebendig ist, und daß nie, trotz aller Unerbittlichkeit, das Knochengerüst der Gedanken sich durchscheuert. Die Fülle ist hier nicht eine Angelegenheit der Phantasie, sondern des Auges. Das Buch Glaesers ist nicht nur literarisch wertvoll, sondern bedeutend mehr: es ist zeitgeschichtlich wichtig.“

Zeitdokument einer verlorenen Jugend

So ist dieses Buch auch heute noch zu lesen: Als Zeitdokument, als Dokument einer verlorenen Jugend. Und – wer die historischen Umstände zu abstrahieren vermag – kann in dieser Adoleszenz-Geschichte durchaus auch Fingerzeige für die Gegenwart entnehmen, herauslesen, wie aus jugendlicher Zerrissen- und Verlorenheit Mitläufertum oder gar Radikalismus entstehen können. Denn Ernst, obwohl voller Empathie für die Schwächeren, kann sich auch der Anziehung der braungefärbten Dumpfen nicht entziehen, der Protagonist bleibt ein Fähnchen im Wind. Unsentimental – so durchaus auch ein zeitgeschichtliches Prädikat, das dem Roman zugeordnet wurde – ist das Buch nicht. Dazu sind Autor und Protagonist zu sehr auch in der eigenen Welt gefangen, durchaus auch selbstbemitleidend im Ton, durchaus zu indifferent in der Haltung – kritiklos kann der Roman auch heute nicht gelesen werden.

Letztendlich ist dieses Schwanken auch ein Hinweis auf die spätere, wechselvolle Biographie des Autoren:

„Sich selbst und seine Generation, die im Jahr 1902 Geborenen, hatte er als orientierungslose, verlorene Zwischengeneration beschrieben, ohne Halt und Haltung, zu Kriegsbeginn zwölf Jahre alt, am Ende sechzehn“, so Volker Weidermann in „Das Buch der verbrannten Bücher“. „Das Meisterliche an Glaesers Buch ist diese radikale Position, das jämmerliche Leiden und Selbstbemitleiden eines Einzelnen glaubhaft als Generationenphänomen darzustellen. (…) Als Buch war das groß. Im Leben war es lächerlich und armselig, in der einmal konstatierten Falle der Standort- und Überzeugungslosigkeit zu verharren.“

Sowohl bei Weidermann als auch im Nachwort von Christian Klein zu „Jahrgang 1902“ wird dieses Verharren respektive Schwanken Glaesers gut umrissen – vom etablierten Literaten über den revolutionären kommunistischen Schriftsteller, dessen Bücher verbrannt werden, zum wurzellosen Emigranten bis hin zum Rückkehrer, der sich den Nationalsozialisten anbiedert und schließlich Schriftleiter einer Frontzeitung der Luftwaffe wird. Eine ausführliche Biographie, geschrieben von Carsten Tergast, ist online hier zu finden: Ernst Glaeser.

Vor allem Ernst Glaeser gelten die Worte von Erika und Klaus Mann in ihrem Buch über die deutsche Kultur im Exil, „Escape to life“:
„Denn die Emigration ist kein Club, dessen Mitglied zu sein am Ende nicht viel bedeutet. Sie ist Verpflichtung und Schicksal; sie ist eine Aufgabe, und keine leichte. Diese Emigranten sind seltsame Leute. Sie wollen keinen in ihrer Mitte haben, der, kokett und verschlagen, sentimental und geschäftstüchtig, auch „nach der anderen Seite“ blinzelt. Einen solchen stoßen sie aus ihrer Mitte. Wohl ihm, wenn er nun noch einen Platz findet, wo er sein Haupt betten kann, das wir nicht einmal mehr mit den Spitzen unserer Finger berühren möchten.“

Glaeser bettete sich erneut ein im Nationalsozialismus. Doch ob er gut geruht hat, ist eine andere Frage.

Zur Seite des Wallstein Verlags zum Roman: http://www.wallstein-verlag.de/9783835313361-ernst-glaeser-jahrgang-1902.html
Eine weitere Besprechung gibt es bei den Literaturen: http://literatourismus.net/2014/01/ernst-glaeser-jahrgang-1902/
In der Zeit wurden die Romane Ernst Glaesers und Georg Finks zusammen rezensiert: http://www.zeit.de/kultur/literatur/2014-02/jugend-erster-weltkrieg

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