Pablo Neruda: Die Verse des Kapitäns

Neruda

Bild: (c) Michael Flötotto

REBELLION

Ausgepeitscht vom Regen und vom Wind
richten die Pappeln sich auf und klagen wild,
stehen am schwarzen Firmament und sind
mit zottiger Mähne aus grünem Astwerk ein Schild.

Doch bald sind sie müde, das Unerreichbare zu wollen,
nur einmal noch zeigt Rebellion ihre Statur …

Das Jahr 1973 hat für Chile eine tragische Bedeutung:
Am 11. September wurde Präsident Salvador Allende mit einem brutalen Militärputsch entmachtet, Diktatur und Unterdrückung unter dem Pinochet-Regime stürzten das Land in einen Abgrund.

Am 23. September verstummte zudem die lyrische Stimme Chiles für immer – Pablo Neruda (geboren 1904) starb in Santiago de Chile angeblich an seinem Krebsleiden, wie es hieß.

 Doppeltes Trauma

Für das Land war dies ein doppeltes Trauma, an dem es bis heute noch trägt – noch Jahrzehnte danach beschäftigt die Menschen die wahre Ursache von Nerudas Tod. Im April 2013 wurde seine Leiche exhumiert. Zunächst wurde fortgeschrittener Prostatakrebs diagnostiziert, zwei Jahre später, nach einer vom chilenischen Innenministerium beauftragten Untersuchung, scheint festzustehen, dass der Dichter vergiftet wurde. Ein Mord durch die Schergen des brutalen Pinochet-Regime ist nicht unwahrscheinlich: Noch ist die Untersuchung nicht offiziell abgeschlossen, doch die Spekulationen um den Tod und eine wahrscheinliche Ermordung des Nationaldichters halten sich bis heute.

Für mich war Pablo Neruda zunächst vor allem als politischer Dichter und Denker ein Begriff, als Vertreter politisch engagierter Schriftsteller, wie es sie vor allem in Südamerika gab und gibt – Schriftsteller und Politiker in einer Person wie Alejo Carpentier, Ernesto Cardenal, Miguel Asturias, meist dem Sozialismus oder Kommunismus zuzuordnen. Und natürlich Vargas Llosa, der sich als „liberalen Demokraten“ bezeichnet, sich als Präsidentschaftskandidat in Peru aufstellen ließ und sich mit Gabriel García Márquez wegen dessen Freundschaft zu Fidel Castor und dessen Eintreten für Kuba entzweite. In dieser Zweieinigkeit von Schriftsteller und Politiker ist Neruda in Südamerika keine Einzelerscheinung. Mit Asturias (Guatemala) verbindet Neruda zudem nicht nur die politische Aktivität, der Kampf gegen Diktatur und Faschismus, die Exilerfahrung, sondern auch der Literaturnobelpreis: 1971 war Neruda erst der dritte Südamerikaner, der diese Auszeichnung erhielt, nach Asturias (1967) und Gabriela Mistral (1945) – letztere war übrigens die erste Lehrerin Nerudas am Gymnasium von Temuco.

Der 1904 geborene Neruda wurde schon früh lyrisch und politisch aktiv: ab 1923 veröffentlichte er regelmäßig Gedichte, ab 1927 war er als chilenischer Honorarkonsul im Fernen Osten, ab 1935 als Konsul in Madrid und später als mexikanischer Generalkonsul tätig. Die Zeit der konservativen Videla-Regierung in Chile, die vom Militär mitgeprägt wurden, verbrachte der überzeugte Kommunist zeitweise im Exil. 1970 wurde er von der Kommunistischen Partei als Präsidentschaftskandidat aufgestellt, er verzichtete jedoch zugunsten seines Freundes, dem Sozialisten Salvador Allende, der die linken Parteien in einem Bündnis vereinigen konnte.

Neruda soll einmal gesagt haben, sein wichtigstes Buch sei jenes, „das wir Chile nennen“. Und so wurde der Dichter und Kommunist vom Volk auch gebraucht und geliebt – sein Tod löste nicht nur Bestürzung aus, sondern stürzte das vom Putsch geschockte Land noch zusätzlich in Trauer. Sein Begräbnis wurde zu einem Protest gegen die Diktatur. Im Ausland war man entsetzt und bestürzt: Hatte die Diktatur es wagen können, Neruda zu ermorden? Isabel Allende, eine Nichte des entmachteten Präsidenten (der den Pinochet-Schergen durch Selbstmord entkommen war) schrieb in ihrem Roman „Das Geisterhaus“ über Nerudas Beerdigung, sie war das „symbolische Begräbnis der Freiheit“.

Sinnlich, zärtlich und politisch radikal

Weltweit bekannt wurde Pablo Neruda vor allem durch seine Liebeslyrik: Zärtlich, sinnlich, erotisch, schwelgend. Doch auch wenn Zyklen wie „Die Verse des Kapitäns“ oder „Der rasende Schleuderer“ die Liebe feiern – ganz ist sie nie vom politischen Kampf zu trennen, beide gehen Hand in Hand, bedingen einander zuweilen:

„Und weil Liebe kämpft nicht nur
auf eignem heißem Feld,
sondern im Mund auch von Männern und Frauen,
darum will ich denen entgegentreten,
die zwischen meine Brust und deinen Duft
ihre finstre Fußsohle setzen wollen.“
(Aus: „Ode und frisches Keimen“, in „Die Verse des Kapitäns“, 1952, in der Übersetzung von Fritz Vogelgsang, Sammlung Luchterhand, 2002).

Nerudas Literatur sprach die elementaren Bedürfnisse, Wünsche und Träume der Menschen an, ohne durchgängig in den Duktus polit-agierender Aufklärer zu verfallen, seine Lyrik blieb von sprachlicher Schönheit geprägt. Neruda brachte die Stimme des einfachen Volkes zum Erklingen: Die der armen Landbevölkerung, der Indios in den chilenischen Anden, dem ausgebeuteten Proletariat in den Städten. Seine Sprache gebraucht Metaphern und Symbolik, die, so das Nobelpreis-Komitee in seiner Begründung, „eine Dichtung ist, die mit der Macht natürlicher Kraft Schicksal und Träume eines Kontinents zum Leben erweckt“.

Der große Gesang

Als Nerudas wichtigstes Werk gilt der „Canto General“, ein Gedichtzyklus über Südamerika, insbesondere über die Folgen und die notwendige Befreiung vom Kolonialismus. Es wurde auf Anregung von Salvador Allende von Mikis Theodorakis vertont. Anbei ein Interview mit dem Musiker: „Über Pablo Neruda und den Canto General“.

In seiner Autobiografie „Ich bekenne, ich habe gelebt” beschreibt Neruda seinen “Großen Gesang” als die „Idee eines zentralen Poems, das die geschichtlichen Ereignisse, die geografischen Bedingungen, das Leben und die Kämpfe unserer Völker umschließt.“

Mit prachtvollen Bildern werden die Schönheiten des Kontinents nachgezeichnet:
“Es war die Morgenhelle der Leguanechse … die Affen flochten einen unendlich erotischen Faden, indem sie Wände von Blütenstaub niederrissen… die Nacht der Kaimane, die unberührte Nacht”.

Die Anaconda-Schlange, gigantisch, gefräßig, mörderisch, symbolisiert den Kapitalismus in Folge des Kolonialismus, den destruktiven Eingriff in die unberührte Natur. Anaconda ist auch der Name einer chilenischen Kupfermine. Die Schlange verschlingt das Beste des Paradieses, der Ausverkauf beginnt „an die Coca-Cola Inc., die Anaconda, die Ford-Motors und andere Wesenheiten”.

Mein persönliches Schlüsselerlebnis, mein Einstieg zu Neruda: 1991 oder 1992 bekam ich auf der Frankfurter Buchmesse am Stand eines kleinen Verlages „Maremoto – Beben des Meeres“, Neruda-Übersetzungen von „tia“, in die Hand gedrückt. Herr „tia“ war so erfreut, dass jemand an seinem Stand stehen blieb, dass er mir auf jede dritte Seite mit fettem Kohlenstift eine Widmung schrieb. Ich hab das Büchlein lange als eine Art „Souvenir“ an eine unterhaltsame Begegnung behandelt – bis ich im Kino Philippe Noiret als Neruda (siehe unten) erlebte. Der Film, obschon ein wenig gefühlsselig, brachte die Erinnerung an das Buch und war mein Einstieg, um Neruda nicht nur als Kämpfer für die Freiheit im Gedächtnis zu haben, sondern um ihn endlich auch zu lesen. Daher nun, als verspätetes Dankeschön an Herrn „tia“ für eine seiner Übersetzungen:

MUSCHELN

Leere Muscheln im Sand
Verlassen vom Meer, als es ging,
als es ging, das Meer auf die Reise,
auf die Reise zu anderen Meeren.
Es verließ seine Muscheln,
perfekt von ihm poliert,
bleich von den nie endenden Küssen
des Meeres, das ging auf die Reise.

Die Werke des Dichter-Diplomaten und lyrischen Kämpfers erscheinen beim Luchterhand Verlag, auf dessen Internetseite noch zahlreiche weitere Informationen über Neruda zu finden sind: Neruda bei Luchterhand.

Und auch diese Homepage lohnt sich für alle, die den Dichter kennen lernen wollen: http://www.el-poeta.de/

Eine liebenswerte Hommage an Pablo Neruda ist der Roman „Mit brennender Geduld“ von Antonio Skármeta, erschienen beim Piper Verlag. Skármeta, wie Neruda Chilene, ist im Übrigen auch einer jener dichtenden Politiker – ab 1973 im Exil in Berlin lebend, kehrte er 1989 wieder in sein Heimatland zurück und wurde später, im Jahr 2000, für die demokratische Regierung chilenischer Botschafter in Berlin. Poet und Diplomat – in Südamerika nichts Ungewöhnliches. „Mit brennender Geduld“ wurde 1994 verfilmt und unter dem Titel „Der Postmann“ ein Kassenerfolg – Philippe Noiret als charmanter Dichter, der einem schwärmerischen Briefträger zur großen Liebe verhilft.

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Ignazio Silone: Vino e pane

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Bild von Mandy Fontana auf Pixabay

Cristina, schrieb er, es ist richtig, dass man besitzt, was man hingibt, aber wem und wie soll man geben? Unsere Liebe, unsere Bereitschaft zum Opfer und zur Selbstverleugnung trägt nur Frucht, wenn sie in die menschlichen Beziehungen hineingetragen wird. Die moralischen Kräfte wachsen und gedeihen nur im praktischen Leben. Wir sind nicht nur für uns selbst verantwortlich, sondern auch für die anderen.
Wenn wir empfinden, dass um uns her das Böse herrscht, können wir nicht untätig bleiben und uns mit der Aussicht auf eine überirdische Welt trösten. Das Böse, das bekämpft werden muss, ist nicht das abstrakte Wesen, das man den Teufel nennt; das Böse ist all das, was Millionen von Menschen hindert, im wahrsten Sinne menschlich zu sein. Und dafür sind wir mit verantwortlich…

Ignazio Silone, „Wein und Brot“.

1936 schrieb Silone dieses Buch im Schweizer Exil, das zunächst unter dem Titel „Brot und Wein“ erschien und seither als eines der wichtigsten Bücher der italienischen Resistenza-Literatur gilt.
Silone überarbeitete seinen Roman nochmals 1955. Und trotz bleibender stilistischer Mängel – manches wirkt unausgereift, manches Mal bricht die politische Botschaft zu unmittelbar in die Prosa ein – ist und bleibt „Wein und Brot“ oder eben „Vino e pane“ ein berührendes, packendes Werk.

Der kommunistische Widerstandskämpfer Pietro Spina ist aus dem Exil zurück nach Italien gekommen. Doch kaum betritt er heimischen Boden, sind die faschistischen Häscher hinter ihm her. Er muss sich, ausgerechnet im Gewand eines Priesters, in einem ärmlichen Bergdorf in den Abruzzen verstecken. Hier trifft er auf besitzlose Landarbeiter und Tagelöhner, für die die Ankunft eines neuen Priesters beinahe einem Wunder gleicht. Zerrissen zwischen politischen Idealen, den Zweifeln an den Doktrinen seiner Partei, der Ohnmacht angesichts der Verhältnisse und seiner erzwungenen Untätigkeit ringt Spina ständig mit seinem Gewissen und seiner Gesundheit. Zudem lernt er die junge Cristina kennen, die eigentlich dazu bestimmt ist, Nonne zu werden. Er verliebt sich in sie, kann jedoch kaum im Gewand eines Geistlichen Avancen machen.

„Wein und Brot“ ist ein Abenteuerroman, ein Heimatroman und ein Liebesroman mit neorealistischen Elementen. Silone zeichnet die Notlage der Kleinbauern und Landarbeiten mit viel anteilnehmender Sympathie. Diese kämpfen täglich ums Überleben – da bleibt nur politische Apathie oder der Hang zu Extremen, sei es der Glaube wahlweise an den Kirchenmann oder die Kräuterhexe, sei es die Hoffnung auf einen befreienden Sozialismus oder einen siegreichen „Duce“.

Etwas aufgesetzt wirkt zuweilen die Verbindung von Politik und Religiosität. Silone selbst war ein sozialistischer Christ, der sich, vor allem, als der Stalinismus die kommunistischen Ideale pervertierte, von der kommunistischen Partei abwandte.

„Das ist das traurige Schicksal aller Bewegungen, die sich das Heil der Menschheit zum Ziel gesetzt haben: Sie werden zu Fallen, in denen der Mensch sich selbst verliert.“

Sozialistische Predigten und christliche Symbolik – bis hin zum bitteren Ende, da Cristina, die Unschuld, der Naturgewalt zum Opfer fällt, niederkniend und das Kreuz schlagend ihr Ende erwartend – das könnte mühsamer Lesestoff sein. Doch Silone vermochte es dennoch, seine „Botschaft“ in einen Roman zu packen, der einen, auch aufgrund seiner schlichten Erzählweise, nicht unberührt lässt. Zudem sind die Fragen, wie denn die beste aller Welten zu erreichen sei, zeitlos und dürfen, auch in ruhigen Zeiten, immer wieder gestellt werden.
Auflockernd wirkt zudem der Humor des Schriftstellers. So sieht die Wirtin des falschen Priesters in ihm beinahe den Messias wieder herabgekommen auf Erden:

„Was muss man den tun, fragte Matalena, wenn er wirklich Jesus ist? Muss ich Don Cipriano benachrichtigen? Oder die Carabinieri?
An der Tür des Wirtshauses hing eine Tafel mit polizeilichen Bestimmungen, aber die Ankunft Jesu war darin nicht vorgesehen.“

Silone (1900-1978) stammte selbst von Kleinbauern aus den Abruzzen ab. Bereits 15jährig wurde er Vollwaise, seine Mutter und fünf seiner Geschwister kamen bei einem Erdbeben ums Leben. Schon als junger Mann setzte er sich als Gewerkschafter und Journalist für eine Verbesserung der Verhältnisse für die Landarbeiter ein. Als Mitglied der kommunistischen Partei musste er nach der Machtergreifung Mussolinis abtauchen und ins Exil. Dort wurde er jedoch wegen seiner Kritik am Stalinismus 1931 aus der KP ausgeschlossen. Ab 1944 wieder in Italien, gründete er eine eigene Splitterpartei im Sinne eines humanen christlichen Sozialismus, wendete sich dann später ganz von der Politik ab und konzentrierte sich auf das Schreiben.

Ein ausführlicher Lebenslauf findet sich beim Kiepenheuer&Witsch-Verlag, bei dem Silones Bücher als Taschenbuch erschienen sind sowie eine gute Monographie über den italienischen Schriftsteller:
http://www.kiwi-verlag.de/buch/wein-und-brot/978-3-462-01633-8/

Eine lesenswerte Besprechung findet sich beim Blog Bücherrezension:
https://buecherrezension.com/2016/11/01/aufruf-zum-widerstand-ignazio-silone-wein-und-brot-19361955/

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