Christoph Heubner: Ich sehe Hunde, die an der Leine reißen

'Triumph_des_Todes_(Die_Gerippe_spielen_zum_Tanz)',_1944_by_Felix_Nussbaum

Das Gemälde „Triumph des Todes“(Die Gerippe spielen zumTanz) von Felix Nussbaum entstand 1944. Reproduktion von Wikimedia, das Original ist im Felix Nussbaum Haus in Osnabrück zu sehen.

„Als Kind habe ich geträumt, dass ich erwachsen bin und fliegen kann. Ich habe geträumt, dass mich Räuber in einen dunklen Wald schleppen, und ich habe geschrien. Der Junge hat zuviel Phantasie, du musst ihn schärfer herannehmen, hat mein Vater zu meiner Mutter gesagt. Also habe ich beschlossen, keinen Unsinn mehr zu machen und nicht mehr zu träumen.“

Christoph Heubner, „Ich sehe Hunde, die an der Leine reißen“.

Aus dem Jungen wird ein Mann, der Mann wird zum Großvater. Er führt ein angepasstes, arbeitsames Leben in seinem ungarischen Heimatort Kaposvár. Erst durch seine Enkelin, die er über alles liebt, wird der alte Mann wieder zum Jungen, der träumen kann. Doch sie, die kleine Giliki, ist eine der ersten, die aus dem Waggon mit 87 Menschen gezerrt wird, die der Mordmaschine vorgeworfen wird. Während für den Alten sein schlimmster Alptraum wahr wird: In einen Wald verschleppt, ein Waldstück nahe des Vernichtungslagers, wartet er gemeinsam mit einer letzten Übriggebliebenen aus seinem Dorf darauf, was ihm geschehen wird. Die Zeichen, er hat sie schon in früheren Jahren gesehen, geahnt, dass da etwas ist:

„Den Hass und die Verachtung uns gegenüber haben sie sich für zu Hause und die Straße aufgespart. Ich wusste immer, dass sie ein Tier in sich eingesperrt hielten, das endlich raus wollte. (…) Blanker Hass. Und wenn die Meinen auf den Holzplatz kamen, habe ich den Hass hinter ihren Augen gesehen, wenn sie mich angeschaut haben. Sie haben gewartet, dass sie von der Kette kommen.“

Jetzt, 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz, verstummen die letzten Zeitzeugen mehr und mehr. Und dennoch erscheint es in diesen Tagen umso wichtiger, die Stimmen, die vom eigentlich Unsagbaren erzählen und von den unmenschlichen Taten Zeugnis ablegen, weiterhin hörbar zu machen.

Einen besonderen literarischen Weg hat dazu der Schriftsteller Christoph Heubner, Exekutiv-Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees, eingeschlagen. In seinem Band „Ich sehe Hunde, die an der Leine reißen“ gibt er den Opfern eine Stimme: Einfühlsam, nah an der Realität trotz der fiktionalen Bearbeitung, nachhallend.

Für die drei in diesem Band versammelten Geschichten wählte Heubner drei Stimmen, drei Formen. „Nach Auschwitz – drei Geschichten“, wie der Untertitel sagt, und jeder der drei Geschichten hallt lange nach. „Das leere Haus“, die Erzählung einer Überlebenden, reicht bis in unsere Gegenwart. Sie erzählt vom Überlebenskampf der allein gebliebenen und auf sich gestellten Kinder nach dem Krieg und nach dem Lager, von der Heimatlosigkeit, der Entwurzelung, dem Schuldgefühl der Überlebenden. Wie man sich wieder ein Leben zurechtzimmern kann, wie man weitermachen kann:

„Wir waren für uns. Das war jetzt unser Maulwurfhügel. Weit weg von den alten Gespenstern, die Angst lag in unserer Wohnung wie ein alter Hund, der nur noch leise vor sich hin schnarcht.“

Doch der Kettenhund – ein Symbol in allen drei Geschichten – er schläft nicht, er ist noch lebendig: Die Erzählung endet mit dem Anschlag auf die Synagoge in Pittsburgh 2018, bei dem elf Menschen getötet und andere schwer verletzt wurden.

„Vier Minuten. Es waren vier Minuten. Und mir war, als hätte ich am anderen Ende des Parkplatzes meine Mutter gesehen. Sie war so jung wie damals, als sie uns abgeholt haben und schrie: Vier Minuten, ist es nie zu Ende?“

In „Ein Stück Wiese, ein Wald“ stehen sich zwei Menschen gegenüber, ein Mann und eine Frau, stellvertretend für die über 440 000 ungarischen Juden, die 1944 in wenigen Monaten in Birkenau ermordet wurden. Menschen, so Christoph Heubner, die sich in den Jahren davor niemals hätten vorstellen können, dass sie in Lager abtransportiert, verschleppt und getötet werden könnten, weil sie Juden waren.

In der dritten, titelgebenden Erzählung „Ich sehe Hunde, die an der Leine reißen“, setzt Heubner eine Idee fort, die 2007 nach einem Gespräch mit Stéphane Hessel entstand, ein fiktives Tagebuch der beiden Künstler Felka Platek und Felix Nussbaum, die 1944 in ihrem Versteck bei Brüssel aufgegriffen und verhaftet wurden und in Auschwitz starben. Heubner veröffentlichte das fiktive Tagebuch zunächst auf dem Internetportal des Auschwitz Komitees und trug es bei mehreren Lesungen vor – im Nachwort weist er ebenfalls auf den Roman von Hans Joachim Schädlich, „Felix und Felka“, hin.

Bemerkenswert ist es, wie Christoph Heubner es auch in diesem kurzen Text gelingt, innerhalb weniger Seiten die ganze Dramatik des Geschehens deutlich zu machen: Zwei junge Menschen, die jeder für sich aufbrechen, um sich selbst zu verwirklichen, ihren eigenen künstlerischen Weg einzuschlagen, voller kreativer Kraft und Hoffnung. Und wie schnell aus den wenigen Zeilen dann die Verzweiflung spricht, weil ihnen alles geraubt wird – Arbeits- und Lebensmöglichkeiten, wie sich die Klaustrophobie und Unsicherheit in den engen Verstecken auf den Leser überträgt, wie mehr und mehr die Hoffnungslosigkeit zunimmt. Christoph Heubner sagt dazu in seinem Nachwort:

„Die Bilder von Felka Platek und Felix Nussbaum jedoch, gegen die materielle Not, die alltägliche Angst und das Grauen entstanden: auch sie halten stand und erinnern an die Empörung und die Menschlichkeit, die die Résistance gegen die deutschen Nationalsozialisten in Europa getragen hat und zu der auch Felka Platek und Felix Nussbaum für alle Zeiten gehören. Das wollte ich unbedingt erzählen.“

Und dieses Weiter-Erzählen ist so wichtig in unserer Zeit. „Ich sehe Hunde, die an der Leine reißen“ ist ein schmaler Band, aber von großem Gewicht.

Informationen zum Buch:
Christoph Heubner
Ich sehe Hunde, die an der Leine reißen
Steidl Verlag 2019
Leineneinband, gebundes Buch, 104 Seiten, 14,80 Euro
ISBN 978-3-95829-717-3

Weitere Informationen:
Christoph Heubner im Interview im Deutschlandfunk
Auf der Seite des Auschwitz Komitees


Spende? Gerne!

Wer das Engagement dieses Blogs unterstützen möchte, kann dies gerne mit einem Beitrag via Paypal tun. Oder ganz klassisch mit einer Überweisung, die Daten dafür finden sich im Impressum.

€5,00

Ite Liebenthal: Gedichte

liebenthal

Bild: (c) Michael Flötotto

Mein Vaterland, du bist vor mir gestorben,
doch wirst du auferstehn und ich mit dir.
Die dich vernichteten und mich verdorben,
sie sind verflucht, und leben werden wir!

Ite Liebenthal (1886 – 1941)

Dass diese ausdrucksstarke Lyrikerin, die von Rilke gefördert wurde, nicht ganz ins Vergessen geriet, ist einigen wenigen zu verdanken: So vor allem dem Literaturprojekt „Poesie schmeckt gut“. Die beiden Herausgeber widmeten ihr einen Band ihrer Lyrikreihe „Versensporn“. Enthalten sind darin nicht nur die frühen Gedichte, die Ite Liebenthal zu Lebzeiten veröffentlichen konnte, sondern auch Texte aus dem Nachlass. Sie stammen von Abschriften, die sich bei den Nachkommen ihrer Ite Liebenthals erhalten hatten: Während ihre Schwester und ihr Bruder nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten emigrierten, entschied sich Ite Liebenthal, in ihrem Geburtsort Berlin zu bleiben, allein, vereinsamt und in ständiger Furcht vor der Verfolgung. Eine fatale Entscheidung: 1941 wurde sie von Berlin nach Riga deportiert, schon wenige Tage später wurde sie – wie alle 1052 Insassen dieses Massentransportes – im Wald von Rumbula ermordet.

Das Vaterland, es dankte ihr die Treue schlecht. Mit ihr starb eine weitere kluge, starke Stimme, eine Vertreterin der weiblichen jüdischen Intelligenz. Die junge Ite Liebenthal ist eine begabte Schülerin, ein kreativer Geist: Bereits als 20-jährige veröffentlichte sie ihren ersten Gedichtband „Aus der Dämmerung“, der 1906 erscheint.

Ihre frühen Gedichte sprechen vor allem von der Sehnsucht nach einem Gegenüber, nach einer geistigen und seelischen Verwandtschaft oder gar Verbrüderung:

Nachts gehen alle Uhren lauter,
und jede Stunde schlägt mit Doppelklang.
Doch auch dein Herzschlag ist mir dann vertrauter.
Laß gehn die Zeit. Mir ist nicht bang.

In deiner Seele Brudernähe
beruhigt sich die Angst der Mitternacht.
Und wenn mir morgen bitter Leid geschähe, –
du bist bei mir! du hast mit mir gewacht.

Manches Mal auch etwas pathetisch, elegisch im Ton:

Wüßt ich, daß ich nur zu sterben brauchte
und mein Herz, in Silber dann gefaßt,
einen Talisman für dich bedeute:
Ach, ich tötete mich heute! (…)

Sie schreibt von Hingabe, von der Suche, aber auch von Trennungsschmerz und dem Wissen darum, dass alles endlich ist:

Nur zu Gruß und Lebewohl berührten
wir einander scheu mit kalten Händen.
Und es war, als ob in Feuerbränden
wir mit ölgetränkten Zweigen schürten.

Und wir sehen, wie die Flammen stiegen,
doch verrieten nicht, daß wir es sahen.
Und so fühlten wir das Ende nahen,
lächelten, verließen uns und schwiegen.

Von 1909 bis 1916 studierte sie Philosophie an der Königlichen Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin und an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Sie hört unter anderem Vorlesungen zu Literatur und Philosophie bei Emile Haguenin, Adolf Lasson, Heinrich Rickert und Karl Jaspers. Die Auseinandersetzung mit philosophischen Fragen schlägt sich auch in ihrer Lyrik nieder, der Ton wird mit der Zeit reifer, das Suchen weniger drängend, in die Gedichte tritt mehr und mehr Ruhe und ein wenig Gelassenheit ein – doch Schwermut bleibt der Grundton.

Still kehr ich heim von langen Wanderfahrten.
Noch decken Nebel meine liebe Küste,
als ob ein Freund mir langsam erst mit zarten
Trosthänden diese Welt enthüllen müsste.

Nimm fort das Tuch! Ich weiß: in weiter Fläche
dehnt sich das Land zur Ferne. Seine Wunder
sind dunkle Wälder, stille, breite Bäche
und Gärten unter Birken und Holunder.

Rilke ist von ihren Werken beeindruckt. Am 18. Januar 1922 schreibt er in einem Brief an Ite Liebenthal:

„Noch diesen Morgen, als ich die ›Gedichte‹ wieder vornahm, fiel mir eine köstliche alte Apotheke ein, die ich vor Jahren einmal in der einstigen Bischofstadt Carpentras, um ihres künstlerischen Werthes willen, zum Kauf angeboten bekam. Ihre Verse, heute, brachtens mit sich, daß ich auf einmal im Dunkel des schönen, offenen, die Wände auffüllenden Geschränkes, die geschlossenen Vasen vor mir sich hinreihen sehe: jede anders im blaublumigen, ausdrucksvollen Ornament, und doch wieder alle gleich; jede ein Gift, eine Gluth oder eine Kühlung einschließend, mit dem vollen großen, ja geschwungenen Namen dieses Inhalts, ihn so offen ansagend ― und doch wieder ihn völlig verhaltend, jede einzelne, in ihrer, die Verschließung so unübertrefflich aussprechenden Gestaltung…“

Sein Bemühen, ihre Gedichte beim Insel Verlag unterzubringen, bleibt jedoch vergeblich. Zwar erscheint 1921 noch ein weiterer Lyrikband zu ihren Lebzeiten, „Gedichte“ im Verlag Erich Lichtenstein in Jena, doch danach wird es leiser um sie, die trotz ihres Studiums ihren Lebensunterhalt als Sekretärin fristen muss. In der Folge erscheinen nur noch einige Gedichtveröffentlichungen in verschiedenen Zeitschriften, was ihr Leben darüber hinaus ausmachte, was ihren Alltag prägte, was ihre Wünsche und Träume waren, davon ist wenig mehr bekannt.

Erhalten blieben ihre Gedichte, die von einer tiefen Sehnsucht sprechen:

Ich hab meine Füße wund gegangen,
weißt du, um wen?
Und konnte doch nicht bis zu dir gelangen.
Ich hab dich nicht einmal von fern gesehn.

Ich hab meine Hände müd gerungen,
weißt du, warum?
Nicht Rufes Hauch ist bis zu dir gedrungen.
Die Welt ist allzuweit, und du bliebst stumm.

Ich hab meine Augen blind geweint,
frage nicht, wann.
Ich weiß schon lang nicht mehr, ob Sonne scheint,
der Tag sich wendete und Nacht begann.

Isaac B. Singer: „Max, der Schlawiner“ und „Meschugge“

„Die Bibel und der Talmud sind voll von Sex-Stories. Wenn diese Heiligen sich nicht dessen schämen, warum soll ich es tun, ich bin doch kein Heiliger? Wenn es einen Gott gibt, so stelle ich ihn mir als einen Liebhaber vor. Gemäß der Kabbala lieben alle Seelen im Himmel.“

Isaac B. Singer

Hadern mit Gott, ringen mit Wörtern, schwelgen in und leiden an der Liebe, und unterworfen dem Sex – das sind die Leitmotive des Isaac Bashevis Singer (1904 – 1991). Und das Festhalten an einer Sprache, der der Untergang prophezeit wurde und wird. Singer erhielt 1978 den Literaturnobelpreis, als erster und bisher noch immer einziger Schriftsteller, der Jiddisch schreibt. „Sie enthält Vitamine, die es in anderen Sprachen gar nicht gibt“, sagte er. Sie sei die wortreichste Sprache, die es gibt. Bis auf wenige Ausnahmen: So hätten die meisten anderen Sprachen beispielsweise zahllose Wörter für „verrückt“ – wahnsinnig, umnachtet, irre, geistesgestört, durchgeknallt, tollwütig – aber im Jiddischen käme man mit einem einzigen Wort aus: „Meschugge“.

„Meschugge“ ist nicht nur der Titel eines Alterswerkes, sondern ein wenig auch eine Grundcharakterisierung seiner Helden. Vor allem wenn es um die Leidenschaften der Leidenschaften geht. Der Sex, die Hormone machen sie alle verrückt – sei es nun der wankelmütige Hermann Broder, der in „Feinde, die Geschichte einer Liebe“ (1973) zwischen mehreren Frauen hin- und hergerissen wird, sei es „Max, der Schlawiner“, der sich – zurückgekehrt in das Warschau seiner Kindheit – dort in eine ganze Reihe von Affären stürzt, um den Tod seines Sohnes zu vergessen und seine Impotenz zu überwinden, oder sei es der Schriftsteller Aaron Greidinger, der religiös und politisch zwischen allen Stühlen sitzt und dann auch noch der Geliebten eines älteren Mentors verfällt – einfach „Meschugge“. Die letzteren beiden Romane stammen aus dem Nachlass des Autors und erschienen erst Mitte der 90erJahre. Literarisch reichen sie an „Feinde, die Geschichte einer Liebe“ nicht heran – aber als Alterswerk greifen sie nochmals die Themen auf, die Isaac B. Singer zeitlebens umtrieben.

„Der Pessimismus einer schöpferischen Gestalt ist nicht Dekadenz, sondern das mächtige Verlangen nach Erlösung des Menschen. Indem der Dichter unterhält, fährt er fort, nach ewigen Wahrheiten zu suchen, nach dem Wesen des Seins. Er versucht auf seine ureigene Weise, das Rätsel von Zeit und Wandel zu lösen, eine Antwort auf das Leiden zu finden, in den Abgründen von Grausamkeit und Ungerechtigkeit die Liebe wiederzuentdecken.“

(Link zur Rede von Isaac B. Singer am 8. Dezember 1978 in Stockholm: http://www.nobelprize.org/nobel_prizes/literature/laureates/1978/singer-lecture.html)

Dieses literarische Programm formulierte er bei seiner Nobelpreisrede in Stockholm. Letztendlich sind die Singer-Helden immer Gefangene zweier Höllen: Der ihres Verlangens, der ihrer Identität – als Jude, als Holocaust-Überlebende, als Entflohene, oftmals als Exilanten und als Suchende. Suchend sowohl in der Liebe als auch im Glauben: Sowohl die bedingungslose Treue zu einer Frau als auch die bedingungslose „Unterwerfung“ unter einen Gott sind ihre Sache nicht. Sie sind die ewigen Zweifler – meist auch geographisch zwischen mehreren Orten verhaftet, geflohen aus der Welt des ostjüdischen „Schtetls“ in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Weder beheimatet im orthodoxen Judentum noch in der zionistischen Bewegung, pendeln diese Helden – eigentlich Antihelden – spirituell, mental, psychisch hin und her. Und auch die Liebe bietet keine Erlösung, sondern mündet meist, so wie in den genannten Romanen, in eine mittlere bis große Katastrophe. Nur „Meschugge“ bildet hier eine Ausnahme – ausgerechnet. Dazu aber später mehr.

Dass er die Geschichten seiner Romane aus der eigenen Erfahrungswelt schöpft, daraus machte Isaac Bashevis Singer nie ein Geheimnis:

„Wenn auch nicht alles, was in meinen Büchern steht, wirklich genau so geschehen ist – es hätte halt so geschehen können.“

Als Icek Hersz Zynger in Leoncin als Sohn eines Rabbiners geboren, wuchs Singer ab 1908 in der damals größten jüdischen Ansiedlung der Welt, in Warschau auf. Aus wirtschaftlicher Not zog die Mutter Batsheva mit ihm und einem Bruder 1917 nach Bilgorai zu ihren Brüdern, ebenfalls Rabbiner. Hier lernte Singer die traditionellen Lebensformen der polnischen Juden kennen. Das „Schtetl“ und seine Geschichten – auch sie prägen sein späteres Schreiben. Singer, der selbst eine Ausbildung zum Rabbiner abgebrochen hat, kann 1935 seinem älteren Bruder nach New York folgen, muss sich jedoch von seiner ersten Frau trennen. Nach Anfangsschwierigkeiten beginnt er, wie sein Bruder, für jiddische Zeitungen zu schreiben, eigene Erzählungen und Romane (oft als Fortsetzungsgeschichten) zu veröffentlichen, immer mit dabei: Die Schreibmaschine mit jiddischen Buchstaben.

1940 heiratet er die aus Deutschland geflohene Alma Wassermann (1907-1996): Eine lebenslange Liebe und Ehe, aber treu blieb er ihr nie. Auch das eines seiner literarischen Motive.

Drei Beispiele für spätere Singer`sche Dreiecks- (bzw. Mehrecks-) Geschichten:

„Feinde, die Geschichte einer Liebe“ (1973) wurde bereits auf dem Blog vorgestellt:

„Herman neckte sie oft, nannte sie albern, aber das Opfer, das sie ihm gebracht hatte, konnte er nie vergessen. So wie sie offen und ehrlich war, war er unaufrichtig und in Lügen verstrickt. Trotzdem, Tag und Nacht hielt er es nicht aus bei ihr.“

„Max, der Schlawiner“ (1994/1995, aus dem Nachlass).

„Zirele neigte den Kopf zur Seite und musterte Max argwöhnisch und zugleich neugierig. Plötzlich sagte sie: „Dann haben Sie diese Reise gemacht, um Ihre Verzweiflung zu vergessen.“ Es war schon lange her, seit Max das deutsch-jüdische Wort Verzweiflung gehört hatte, aber er verstand, was es bedeutete, und es gab ihm einen Stich.“

Tatsächlich ist Max ein Verzweifelter und ein Zweifelnder. Ausgewandert von Warschau nach Argentinien schlägt er sich, obwohl aus einer orthodoxen, strenggläubigen Familie stammend, als Kleingauner im halbseidenen Milieu durch, fängt sich zunächst, wird „seriös“, gründet eine Familie. Der Tod seines Sohnes Arturo, die Entfremdung von seiner Frau, eine eintretende Impotenz – all dies bringt die brüchige Fassade ins Wanken. Max reist zurück in den Ort seiner Kindheit – auf Spurensuche, auf der Suche nach den Wurzeln, nach Heilung. Die Reise endet in einem Desaster: Fast begeht er Bigamie, ausgerechnet mit der Tochter eines Rabbiners, verfängt sich in den Schlingen einer femme fatale, wird verhaftet. Offen bleibt, was mit ihm geschieht, ein gutes Ende wird er nicht nehmen.

„Wozu habe ich das nötig? In was für ein teuflisches Spiel bin ich hineingeraten? Ihm fielen die Worte seiner Mutter ein: Der schlimmste Feind des Menschen ist er selbst…Zehn Feinde können ihm nicht so viel antun, wie er sich selbst antut.“

 „Meschugge“ (1994, aus dem Nachlass).

„Das ganze Gerede von Monogamie ist eine einzige Lüge. Es ist von Weibsbildern und puritanischen Christen erfunden worden. Bei den Juden hat es so etwas nie gegeben.“

So großspurig redet in diesem schmalen Roman der Ostjude Max daher – am Ende wird ihn der Schlag treffen. Zuvor aber bringt er noch das Leben seines rund 20 Jahre jüngeren Freundes Aaron durcheinander. Aaron fristet ein Dasein als Schriftsteller, im Gegensatz zum lebenslustigen Lebemann Max eine traurige Figur:

„Gott der Gerechte – Ende Vierzig war ich noch genauso wie mit zwanzig Jahren: faul, konfus, zutiefst melancholisch. Kein Erfolg, den ich verbuchen konnte (auch wenn es nur geringe Erfolge waren) schien meine Depression vertreiben zu können. Ich lebte von einem Tag zum anderen, von einer Stunde, einer Minute zur anderen.“

Die beiden, die sich noch aus Polen kennen, treffen sich in New York wieder – und prompt erwacht Aaron aus seinem Dämmerzustand. Ursächlich dafür ist auch Maxens Geliebte Miriam:

„Als wir an diesem Abend die Cafeteria verließen und den Broadway entlang gingen, empfand ich zum ersten Mal die innere Ruhe, die uns wahre Liebe schenken kann.“

Lang währt die Ruhe jedoch nicht – für Turbulenzen sorgen weitere Frauen und amouröse Verwicklungen, fehlgeschlagene Finanzspekulationen, ein Schlaganfall, eine Reise nach „Erez Israel“, aber vor allem Miriams Vergangenheit. Sie, so stellt sich heraus, konnte dem Holocaust nur entgehen, indem sie Geliebte und Handlangerin eines Nazis wurde. Ein Tabu. Doch letzten Endes entscheidet sich Aaron (wie auch Max ein Alter Ego des Autoren) für Miriam – anders als in „Feinde, die Geschichte einer Liebe“ und „Max, der Schlawiner“ ein Ende für die Liebe. Wenn auch mit Fragezeichen. Und als Ergebnis eines Aktes sowohl der Leidenschaft als auch des Willens:

„Ich war nach wie vor Pantheist, nicht im Sinne Spinozas, eher im Sinne der Kabbala. Ich setzte Liebe mit Freiheit gleich. Wenn ein Mann eine Frau liebt, so lautete meine Theorie, dann ist das ein Akt der Freiheit. Die Liebe zu Gott kann nicht durch Gebote, sondern nur durch einen Akt der Willensfreiheit bewirkt werden. Die Tatsache, dass fast alle Lebewesen der Vereinigung eines männlichen und eines weiblichen Partners entspringen, war für mich ein Beweis, dass das Leben ein Experiment in Gottes Freiheitslaboratorium ist. Die Freiheit will nicht passiv bleiben, sie will schöpferisch sein. Sie will unzählige Varianten, Möglichkeiten, Kombinationen. Sie will Liebe.“

Vom Zweifler Herman Broder über Max den Schlawiner bis hin zu Aaron: Liest man die drei Romane in Abfolge, so lässt sich eine Entwicklung erkennen. Herman, der sich nicht entscheiden kann, entflieht der Situation. Max, der sucht und flieht, ohne zu wissen, was und vor wem, scheitert. Nur Aaron gelingt – durch einen bewussten Akt der Entscheidung – letztendlich (und zumindest vorübergehend) das Experiment „Leben/Lieben“.

Spende? Gerne!

Wer das Engagement dieses Blogs unterstützen möchte, kann dies gerne mit einem Beitrag via Paypal tun. Oder ganz klassisch mit einer Überweisung, die Daten dafür finden sich im Impressum.

€5,00

Isaac B. Singer: Feinde, die Geschichte einer Liebe

crosswalk-3610704_1920

Bild von alanbatt auf Pixabay

„Ich schäme mich nicht zu gestehen, daß ich zu jenen zähle, die sich einbilden, Literatur könne neue Horizonte und Perspektiven erschließen – philosophische, religiöse, ästhetische und auch soziale. Die Geschichte der alten jüdischen Literatur kannte keinen Unterschied zwischen Dichter und Propheten. Nicht selten wurde unsere alte Dichtung zum Gesetz, zum Leben selbst.“

Dies sagte Isaac Bashevis Singer (1904-1991) in seiner Rede in Stockholm, als er 1978 den Nobelpreis für Literatur erhielt. Wie die Literatur ins Leben eingreifen kann – davon später mehr. Vorab nur dieses: Unter all den Büchern Singers, die ich gelesen habe – „Max, der Schlawiner“, „Die Familie Moschkat“, „Jakob, der Knecht“ – und seinen Erzählungen ist mir der Roman „Feinde, die Geschichte einer Liebe“ das liebste. Und dies nicht aus rein literarischen Gründen, aber auch.

„Feinde, die Geschichte einer Liebe“, das ist eigentlich die Geschichte dreier Lieben und im Mittelpunkt ein entscheidungsschwacher, wankelmütiger, aber dennoch liebenswerter Held, den man gerne an die Hand nehmen würde, um ihm bei seinen Irrungen und Wirrungen zu begleiten. New York, 1949: Herman Broder, ein polnischer Jude, hat den Holocaust überlebt, weil ihn Yadwiga, das christliche Dienstmädchen seiner Familie auf dem Dachboden eines Bauernhauses versteckte. Nach Ende des Krieges erfährt er, dass seine Ehefrau Tamara erschossen wurde, auch die beiden Kinder wurden ermordet, kein Mitglied seiner Familie überlebte. Mit Yadwiga emigriert er in die USA, er heiratet sie aus Dankbarkeit und Pflichtgefühl. Das Drama dieser Ehe: Sie liebt ihn, immer schon, er sie nicht. Zuviel trennt das analphabetische polnische Mädchen und den gebildeten Mann, der sich jetzt als Ghostwriter für einen Rabbi durchschlägt – um dem engen Heim zu entkommen, gibt er sich Yadwiga gegenüber als Büchervertreter aus.

„Jedesmal, wenn er fortging, verabschiedete sie sich von ihm, als regierten die Nazis in Amerika und sein Leben wäre in Gefahr. Sie legte ihre heiße Backe an die seine und bat ihn, sich vor den Autos in acht zu nehmen, seine Mahlzeiten nicht zu vergessen und daran zu denken, sie anzurufen. Sie hing an ihm mit der Ergebenheit eines Hundes. Herman neckte sie oft, nannte sie albern, aber das Opfer, das sie ihm gebracht hatte, konnte er nie vergessen. So wie sie offen und ehrlich war, war er unaufrichtig und in Lügen verstrickt. Trotzdem, Tag und Nacht hielt er es nicht aus bei ihr.“

Denn da ist Mascha, die komplizierte, nervöse Geliebte, eine Überlebende wie er, eine Sheherazade, der er von Kopf bis Fuß, vom Scheitel bis zur Sohle ergeben ist.

„In Schifrah Puahs Zimmer war es jetzt dunkel, und immer noch saß Mascha auf dem Stuhl in Hermans Zimmer und rauchte eine Zigarette nach der anderen. Herman wußte, daß sie irgendeine ungewöhnliche Geschichte für ihr Liebesspiel vorbereitete. Mascha verglich sich mit Sheherazade. Das Küssen, das Liebkosen, das leidenschaftliche Liebemachen war immer begleitet von Geschichten aus den Ghettos, den Lagern, ihrem eigenen Wandern durch die Ruinen Polens.“

Mit Mascha und ihrer Mutter in der Bronx führt Herman ein Doppelleben, von dem Yadwiga langsam ahnt. Doch vollends verwirrend und unhaltbar wird die Situation, als die totgeglaubte Ehefrau Tamara in New York erscheint – fast einer Gespenstererscheinung gleich, ein Dybbuk. Sie möchte Herman nicht zurück – doch diesen stürzt Tamaras Auftauchen in weitere, noch tiefere Gewissensbisse. Zusätzlich katalysierend wirkt auf Herman, dass sowohl die momentane Ehefrau als auch die Geliebte schwanger werden – nichts fürchtet der Vater, der seine Kinder verlor, mehr, als ein neues Kind in diese chaotische Welt zu setzen, in dieses fragile Leben, das stets vom Zusammenbruch bedroht ist. Tamara, die sich selbst für geisteskrank hält, erweist sich am Ende als die Lebenstüchtigste. Sie baut sich eine neue Existenz auf, nimmt Yadwiga und deren Kind zu sich. Mascha nimmt sich das Leben. Und Herman verschwindet – irgendwo, spurlos.

„Mehrere Male hatte Tamara Hermans Namen in die Vermißtenspalten der jiddischen Presse setzen lassen, aber ohne Erfolg. Tamara glaubte, daß Herman sich entweder umgebracht hatte oder sich einer amerikanischen Version seines polnischen Heubodens versteckte. Eines Tages machte der Rabbi Tamara die Mitteilung, das Rabbinat habe wegen der Massenvernichtung die Beschränkungen gelockert, so daß verlassene Frauen ein zweites Mal getraut werden könnten.
Tamara hatte erwidert: „Vielleicht in der nächsten Welt – mit Herman.“

So endet das Buch.

Weit mehr als eine tragisch-komische Erzählung von einer Menage zu viert, weit mehr als eine Geschichte vom Vergehen, von den Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Liebe. Es ist ein Roman, der vor allem auch die Feinde der Liebe zwischen den Zeilen benennt – eine grausame, chaotische Welt, ein unerbittlicher Gott, die Begrenztheit der Menschen.
Dazu: Die Schuld der Überlebenden. Während Hermans Situation zwischen den Frauen immer unhaltbarer wird, wendet sich der Ton des Romans, vom Komischen zunehmend mehr in das Tragische, wird zu einer Betrachtung der Situation überlebender Holocaust-Opfer. Ein Buch der Verluste – die Familie, die geliebten Menschen verloren, die Heimat, die Zuversicht, den Glauben, nicht nur den Glauben an Gott, sondern auch den Glauben an das eigene Vermögen, an die eigene Kraft, ein Verlust, der Herman und auch Mascha zu wankelmütigen, neurotischen Menschen werden lässt. Immer auf der Flucht, auch vor sich selbst.

„Die Bibel, der Talmud und die Kommentare unterwiesen den Juden in einer Strategie: Fliehe das Böse, verbirg dich vor der Gefahr, vermeide Kraftproben, geh den zornigen Mächten des Universums so weit wie möglich aus dem Wege. Der Jude hat nie verächtlich auf den Fahnenflüchtigen herabgeblickt, der sich in einem Keller oder auf einem Dachboden verkroch, während draußen in den Straßen Armeen aufeinanderprallten.
Herman, der moderne Jude, hatte dieses Prinzip um einen Schritt erweitert: Er hatte sogar den Halt des Glaubens an die Thora aufgegeben. Er betrog nicht nur Abimelech, sondern auch Sarah und Hagar. Herman hatte kein Bündnis mit Gott geschlossen und hatte keine Verwendung für Ihn. Er wollte nicht, daß sein Same so zahlreich werde wie der Sand im Meer. Sein ganzes Leben war ein Spiel der Verstohlenheit (…).“

Isaac Bashevis Singer ist in meinen Leseraugen ein ganz Großer – nur wenige können das, diesen schmalen Grat zwischen Tragik und Komödie beschreiten, in ein Buch beides packen, ja, eigentlich die ganze Welt: Das Lachen, das Schmunzeln, die Freude, die Trauer, das Weinen, das Unglücklichsein. Vielleicht – mit solchen Kategorisierungen möchte ich jedoch eher zurückhaltend sein – ist dieses „verschmitzt-melancholische“ tatsächlich ein Charakteristikum der jüdischen Literatur. E. Michael Salzer schrieb über Singer: „Nie zuvor gab es bei den sonst eher langweiligen Nobelfeiern so viel zu lachen (…). Und allein die Begründung, die Isaac B. Singer für sein hartnäckiges Festhalten an seiner Sprache, in der er schrieb, lieferte: „Ich schreibe gerne Gespenstergeschichten und nichts gefällt Gespenstern mehr, als eine sterbende Sprache. Je sterbender die Sprache, desto lebendiger sind die Geister. Gespenster lieben Jiddisch und so viel ich weiß, sprechen sie es auch alle.“

„Feinde, die Geschichte einer Liebe“ erschien 1966 unter dem Titel „Sonim, die Geschichte fun a Liebe“.

Spende? Gerne!

Wer das Engagement dieses Blogs unterstützen möchte, kann dies gerne mit einem Beitrag via Paypal tun. Oder ganz klassisch mit einer Überweisung, die Daten dafür finden sich im Impressum.

€5,00

Lily Brett: The Auschwitz Poems

auschwitz-birkenau-540526_1920

Bild von Ron Porter auf Pixabay

„Darf man nach Auschwitz noch Gedichte schreiben? Oder vielmehr, darf man über Auschwitz Gedichte schreiben? Die Antwort ist verdächtig (und wahrscheinlich unvermeidlich:) dialektisch. Nein, über Auschwitz kann nichts geschrieben werden. Doch, ja, man kann über die verschiedenen Formen des Schweigens schreiben, die Auschwitz umgeben: das Schweigen der Schuld, der Scham, des Schreckens und der Sinnlosigkeit. Man kann dieses Schweigen aufschließen. Man kann nicht nur, man sollte über Auschwitz, über den Holocaust, schreiben.“

So äußerte sich die ungarische Philosophin Agnes Heller 1993 in einem bemerkenswerten Aufsatz in der „Zeit“. Sie griff damit Adornos Diktum auf, der geäußert hatte, nach Auschwitz könne man keine Gedichte mehr schreiben – ein Satz, den er später selbst revidierte, der aber doch über jeder Lektüre von Lyrik zur Shoah unausgesprochen hängt.

Der Artikel in voller Länge: „Die Weltzeituhr stand still“.

Welche Art von Gedichten kann man über Auschwitz schreiben? Eine Frage, die mich beim Lesen von Lily Bretts „Auschwitz Poems“ unablässig begleitet hat. Deren Gedichte sind von der sprachlichen Eindringlichkeit, von der traurigen Schönheit einer „Todesfuge“ des Paul Celan weit entfernt. Die Schriftstellerin zeichnet Bilder, die in ihrer nackten Grausamkeit an das Filmmaterial erinnern, das wir aus den Konzentrationslagern kennen:

Ihre Körper (Auszug)

Die
Körper
zehrten

von
sich selbst

erst
vom
Fett

dann
vom
Fleisch

Lily Brett hat den Holocaust nicht selbst erlebt – aber sinnbildlich mit der Muttermilch aufgesogen. Sie wurde 1946 in Deutschland geboren, ist eines der ersten Kinder, die in einem Auffanglager für die Überlebenden geboren wurden. Ihre Eltern heirateten im Ghetto von Lodz, wurden im KZ Auschwitz getrennt und fanden einander erst nach zwölf Monaten wieder. 1948 wanderte die Familie nach Australien aus. Mit neunzehn Jahren begann Lily Brett für eine australische Rockmusik-Zeitschrift zu schreiben. Sie interviewte und porträtierte zahlreiche Stars wie Jimi Hendrix oder Mick Jagger. Heute lebt die Autorin in New York.

„The single most defining aspect of my life, and I have always known this, is the fact that I was born to two people who had each survived years of imprisonment in Nazi ghettos, labor camps and death camps. My parents were a rare statistic. Two Jewish people who were married to each other and who each survived death camps“,
sagt die Schriftstellerin beim Holocaust Commemoration Talk 2016 in Sydney (in voller Länge hier nachzulesen: Commemoration Talk)

Trotz der beruflichen Karriere, trotz ihres Eintauchens in eine neue Welt: Lily Brett bleibt ein Kind des Lagers. Die Erlebnisse nehmen ihre Eltern, insbesondere die Mutter, mit, sogar bis an das andere Ende der Welt: Selbst in Australien, so macht es der zweite Teil des Gedichtbandes deutlich, ist Auschwitz immer spürbar. Und auch der nachfolgenden Generation wird diese Erfahrung eingebrannt in die Gene, auch die Nachkommen sind Gezeichnete, mit einer unsichtbaren Nummer auf dem Handgelenk.

Karg sind die „Auschwitz Poems“, meist nur ein Wort pro Zeile, als sei jedes Wort zu viel, als ringe die Autorin damit, die maschinelle Nüchternheit, die bei der Menschenvernichtung in Auschwitz herrschte, in wenige Worte zu fassen. In Worte, die auf den Kern zielen: Ihre lebenslange Erschütterung über dies Geschehen, das sie von ihren Eltern erfuhr, weiterzugeben. Und so sind die Zeilen tatsächlich streckenweise kaum ertragbar, entkleidet jeder sprachlichen Metapher, grausam in ihrer Direktheit.

Renjas Baby (Auszug)

Spaltete
man
ihm
den Schädel

warf
es

auf
eine

andere
Mutter.

Die „Auschwitz Poems“ einer Nachfahrin zweier KZ-Überlebenden machen die Frage nach dem „Schreiben dürfen“ solcher Gedichte obsolet. Der schmale Band macht deutlich: Lily Brett hat diese Gedichte schreiben MÜSSEN. Die 1986 entstandenen „Auschwitz Poems“ sind der Ausdruck eines lebenslangen Traumas, das auch die Kinder der Danach-Generation in seinem eisernen Griff hält. Noch lange wird dieser Einschnitt des Bösen nachwirken – jedoch bei den Opfern, nicht bei den Tätern, denen Verdrängung weitaus besser zu gelingen scheint. Und auch deswegen MÜSSEN Gedichte wie diese, die in ihrer bewusst gewählten Kunstlosigkeit vom Unfassbaren erzählen, geschrieben werden – weil sie das Verdrängen im Augenblick ihrer Lektüre unmöglich werden lassen.

Wer weiß jedoch, wenn ich nicht zuerst die Auschwitz Poems in der Hand gehabt hätte, sondern einer ihrer Romane, ob ich dann mich weiter mit Lily Brett beschäftigt hätte. So wortkarg die Poems, so umfangreich (und leider streckenweise auch ein wenig geschwätzig) die Romane.

Ich gestehe es ein, die Annäherung an Lilly Brett beziehungsweise die wohl stark autobiographisch gezeichnete Figur Ruth Rowax in „Zu viele Männer“ und „Chupze“ fiel mir nicht leicht. Die Frau in diesen beiden Büchern – trotz (oder eben gerade wegen) ihres Lebenswegs, trotz der Hypothek der „Nachgeborenen“ – sie ist anstrengend, sie nervt streckenweise. Auch trotz des unwiderstehlichen Humors.

Lily Brett – sie verkörpert in gewisser Weise die hyperaktive, hypernervöse, mondäne New Yorkerin, immer auf der Sinnsuche, immer leicht neurotisch. Das Kalorienzählen. Das ständige gedankliche Kreisen um Nahrungsaufnahme, das Knabbern an Gemüsestangen, das Lutschen an Verdauungstabletten. Das detaillierte Beschreiben von Äußerlichkeiten, vom Schnitt und Qualität der Kleidung, der Frage, wie die Haare sitzen. Das Überbemuttern des eigenen Vaters, der mit seinem Schicksal weitaus souveräner umzugehen weiß als seine Nachfahrin. Nein, eine Sympathieträgerin ist sie für mich auf den ersten Blick in ihren Romanen nicht. Andererseits ist da dieser unschlagbare Humor selbst in den kritischsten Lebenslagen: Lily Brett die geistige Schwester von Woody Allen – in allen Aspekten, dem Kreisen um das eigene Judentum, den Ausbruchsversuchen aus den selbstgeschaffenen engen Kollektiven im Exil, dem Eintauchen in die Boheme in N.Y. bis hin zur klassischen engen Verbindung zum eigenen Analytiker.

Doch hinter der Fassade lauert das kleine Kind, das offensichtlich nur eines versucht: Es der verstorbenen Mutter recht zu machen. Das vier Jahrzehnte, wie es in einem Gedicht heißt, braucht, um festzustellen, dass sie durchaus von der Mutter geliebt wurde. Das ein Leben lang an mit den traumatischen Ereignissen ringt, die von Generation zu Generation weitergegeben und nur mit der Zeit gemildert werden.

2012 sagt Lily Brett in einem Interview mit der „Zeit“:

„Meine Eltern haben das Ghetto von Łódź und Auschwitz überlebt. Füllig sein bedeutete damals, auf Kosten anderer zu leben. Und nach dem Krieg war meine Mutter sehr darauf bedacht, nicht dem Vorurteil zu entsprechen, Juden seien klein und fett. Meine Mutter verlor in der Schoah alle, die sie liebte. Sie verlor auch ihre Jugend, ihre Sprache, ihre Ausbildung, ihre Kultur. Es gab nichts mehr, was sie noch hätte verlieren können – außer ihrer Schönheit. Sie war tatsächlich außergewöhnlich schön, und so war ihr dies dann auch besonders wichtig.“

Dieses Wissen und zudem der Humor und die Fähigkeit zur Selbstironie versöhnen auch mit den Längen ihrer Bücher. Und letztlich sind auch diese Romane ein Versuch, mit den Themen der Schuld, der Scham fertigzuwerden, gegen die Opferrolle, das Schicksal, „Massel“ anzuschreiben, mit dem „Schlamassel“ der Überlebenden zu ringen.

In „Zu viele Männer“ beschreibt Lily Brett eine Reise ihrer Kunstfigur Ruth Rowax mit deren Vater nach Polen – um die Wurzeln ihrer Herkunft zu finden, aber auch um die Nachfahren der Täter zu sehen und vor allem getrieben davon, Erklärungen zu finden, Schuld und Scham abzustreifen.

„Was Ruth an ihrer Mutter und ihrem Vater sah, waren Schmerz und Schock. Sie standen noch immer unter Schock, so als könne keiner von beiden wirklich glauben, was sie durchlebt hatten. Ruth sah auch die Schuldgefühle ihrer Eltern. Schuldgefühle ob des eigenen Überlebens.“

Der über 90jährige Vater verarbeitet die Reise nach Polen jedoch weitaus besser als Ruth alias Lily selbst. Sogar für das amouröse Anbändeln mit einer drallen, blonden 60jährigen findet Edek Zeit. Die Geschichte wird in „Chupze“ fortgesetzt – gegen den Widerstand der Tochter, die allmählich angesichts der Lebenslust und Tatfreude der älteren Generation jedoch auf den Boden kommt, eröffnet Edek mit seiner neuen Liebe ein Klops-Restaurant.

„Anderer Leute Väter sind immer in Ordnung“, sagte Ruth. „Außerdem kann ich kein rohes Fleisch essen. Es erinnert mich an brennendes Fleisch.“
„Werd endlich erwachsen!“ Sonja wurde beinahe laut. „Deine Eltern waren in Auschwitz, na und? Meine Mutter war in Theresienstadt, und ich kann gebackenes Hirn essen, geschmorte Nieren, gehackte Leber und alle möglichen Beine, Köpfe, Hälse und Füße. Du kannst nicht so auf den Holocaust fixiert bleiben.“

Nicht alles jedoch lässt sich von jedem gleichermaßen abschütteln, verarbeiten. Wie Interviews mit Lily Brett zeigen – die mittlerweile 71jährige Autorin, sie schreibt und schreibt erneut um dieses Thema herum, umkreist es, will es vielleicht von sich wegschreiben. Doch nirgends mehr so klar und karg wie in den „Auschwitz Poems“.

Die Bücher von Lily Brett erscheinen in deutscher Übersetzung beim Suhrkamp Verlag:
http://www.suhrkamp.de/autoren/lily_brett_580.html

Spende? Gerne!

Wer das Engagement dieses Blogs unterstützen möchte, kann dies gerne mit einem Beitrag via Paypal tun. Oder ganz klassisch mit einer Überweisung, die Daten dafür finden sich im Impressum.

€5,00

Louis Begley: Lügen in Zeiten des Krieges / Jerzy Kosinski: Der bemalte Vogel

auschwitz-i-3695870_1920

Mahnmal Auschwitz. Bild von Peter Tóth auf Pixabay

“Die Universitätsbibliothek bekam einen Treffer und ging in Flammen auf; noch Tage danach fielen mit dem nicht endend wollenden Aschenregen, an den wir inzwischen gewöhnt waren, ganze, noch glühende Buchseiten vom Himmel; manche waren von der Hitze so zusammengebacken, dass sie nicht zerfielen, wenn sie auf dem Boden aufkamen, man konnte noch zusammenhängende Textstücke lesen.”

Louis Begley, Lügen in Zeiten des Krieges, 1991

„Anfangs leuchteten die Flammen wie ein Christbaum, dann loderten sie plötzlich auf und bildeten einen spitzen Feuerhut auf Martas Kopf. Marta war eine Fackel. Flammen hüllten sie von allen Seiten ein, und das Wasser in der Tonne zischte, wenn Fetzen ihrer zerschlossenen Kaninchenfelljacke herunterfielen. Stellenweise schimmerte ihre verrunzelte schlaffe Haut durch die Flammen, und ich bemerkte weißliche Blasen auf ihren knochigen Armen.“

Jerzy Kosinski, Der bemalte Vogel, 1965

Ähnlich und doch so verschieden: Das kennzeichnet die beiden oben zitierten Bücher. Zunächst die Gemeinsamkeiten: Beide Autoren er- und überlebten in ihrer Kindheit und Jugend den Holocaust, beide stammen aus Polen, beide emigrierten in die USA, beide wurden Schriftsteller, Begley allerdings erst im Alter, nach einer langen Karriere als Rechtsanwalt. Beide Bücher sind literarische Verarbeitungen des Überlebten. Beide Bücher erzählen die Geschichte eines Jungen, der durch Verstecken und Versteckt-Werden überlebt, begleitet von der  ständigen Angst vor der Enttarnung. Beide Bücher erreichten Millionenauflagen. Und eine weitere Verbindung: Als „Der bemalte Vogel“ in den USA wieder erschien, schrieb Louis Begley dazu ein Vorwort.

In den ähnlichen Biographien der Autoren und in der Rahmenhandlung erschöpfen sich jedoch die Gemeinsamkeiten der beiden Romane, die mit drei Jahrzehnten Abstand erschienen. Während „Kosinkskis zwanghaft ausführliche Beschreibung von Gewalt und Perversion“ (so Begley im Vorwort) stellenweise kaum zu ertragen ist, so erschüttert Begleys Erzählung durch die kühle, sachliche, fast nackte Beschreibung der von ihm erfahrenen Wirklichkeit im von den Nazis besetzten Polen. Der Roman rührt an, doch selbst in ihren grausamsten Momenten bleibt die Sprache leise, zurückgenommen, ist es  ein verhaltener Bericht über die Unmenschlichkeit: Fast, als wäre das Schreiben eine Gratwanderung zwischen Befreiung vom Erlebten und der Furcht, die Wunden wieder aufzureißen. Während Kosinski sich in diese Wunden wühlt, förmlich im Blut wälzt.

Ein Inferno der Gewalt

Jerzy Kosinski erspart dem Leser nichts – er führt in ein Inferno der Schändungen, Gewalt und Bösartigkeit, sei es gegen Menschen, sei es gegen Tiere. Streckenweise sind die Beschreibungen kaum erträglich Als Täter treten hier die deutschen Nazis nicht unmittelbar auf – sie sind jedoch diejenigen, die ganze Völkergruppen und Ethnien zum Freiwild erklären, die die Spirale des Bösen in Gang setzen. Nach Erscheinen des Romans brach sich eine Debatte Bahn, ob die Erlebnisse autobiographisch seien und inwieweit der Autor dies vorgespiegelt hätte. Begley nimmt Kosiniski in seinem Vorwort in Schutz, auch aus eigener Erfahrung:

„Die reale und unentbehrliche Quelle, aus der Kosinski für seinen Roman schöpfte, waren die Umstände, unter denen er den Krieg überlebte und die ihn brandmarkten: Die Jahre des Lügens und der unablässigen Angst vor einem Verrat, der ihn der Gestapo ausliefern würde. Seine Albträume und Zwangsvorstellungen waren allein die seinen, so wie die Metaphern, in die er sie schonungslos umwandelte.“

Beide Bücher hinterlassen die Frage, wie man nach diesen Erfahrungen nicht nur über-, sondern auch weiterleben kann, wie man sich vom Verstecken befreien, wie man die Angst und die Lügen, die zur zweiten Natur werden mussten, überwinden kann. Beiden Autoren scheint das Schreiben zumindest ein wenig geholfen zu haben – allein darin schon liegt die Bedeutung und der Wert dieser beiden Romane.

Sei es bei Primo Levi, bei Aharon Appelfeld oder in diesen beiden Romanen – immer wieder ringen die Autoren, die zugleich ja auch Zeitzeugen und Opfer der Geschehnisse sind, mit der Sprache. Es gibt keine Sprache, die das Geschehene adäquat abbilden oder gar ungeschehen machen könnte. Kosinski und Begley haben ganz unterschiedliche Mittel und Metaphern gesucht, um das Unsagbare auszudrücken. Aber beide haben das Wagnis unternommen. Denn Sprache kann, auch in ihren Beschränkungen, zumindest dazu beitragen, dass nicht Vergessen wird. Und im besten Falle, immer noch, trotz der Realitäten in unserer Welt, ein Lernen daraus entsteht – wie die sprachgläubige Idealistin in mir immer noch meint und hofft.

Jerzy Kosinskis Ich-Erzähler verstummt zunächst – doch dann, ganz im letzten Absatz, beginnt er zu sprechen und damit beginnt die Hoffnung: „…mein war sie wieder, die Sprache, und dachte nicht daran, zu der Tür hinauszuhuschen, die auf den Balkon führte.“

Und Louis Begley? „Ist noch etwas von Maciek in dem Mann? Nein, nichts: Maciek war ein Kind, und unser Mann hat eine Kindheit, die zu erinnern er nicht ertragen kann; er hatte sich eine Kindheit erfinden müssen.“

„Der bemalte Vogel“: Hardcover vom Arche Verlag, nur noch antiquarisch zu erhalten.
„Lügen in Zeiten des Krieges“: Verlagsangaben

Spende? Gerne!

Wer das Engagement dieses Blogs unterstützen möchte, kann dies gerne mit einem Beitrag via Paypal tun. Oder ganz klassisch mit einer Überweisung, die Daten dafür finden sich im Impressum.

€5,00

Edward Lewis Wallant: Der Pfandleiher

urban-349805_1920

Bild von Ryan McGuire auf Pixabay

„Eine Winzigkeit, er wußte noch nicht, was es wohl wäre, würde ihn an diesem Tag entzweibrechen, und die dunkle Kraft dieses Wachsen in ihm würde ungehindert hervorbrechen und sich ihm in der Sekunde, bevor sie ihn zerstörte, zu erkennen geben.

„Heute ist der Achtundzwanzigste … meine Jahrzeit, meine Jahrzeit“, sagte er, als er hinter dem Ladentisch stand und die Kante umklammerte, als böte sie ihm Halt gegen eine Riesenwelle. An diesem Tag vor fünfzehn Jahren war sein Herz atrophiert; wie das Mammut hatte auch er sich in Eis konserviert. Was fürchtete er also? Wenn das Eis irgendwann taut und das Fleisch des großen begrabenen Geschöpfs freilegt, verrottet es ganz einfach. Man kann nur einmal sterben. Gestorben war er schon längst, nur der Kadaver war noch zu beseitigen.“

Edward Lewis Wallant, „Der Pfandleiher“, OA 1961, deutsche Erstübersetzung durch Barbara Schaden, 2015, Berlin Verlag.

Sol Nazerman ist ein Mammut, ein beinahe schon Gestorbener, dessen Lebendigkeit sich nur noch dadurch auszeichnet, dass er einem „von innerem Druck langsam berstenden Koloss“ gleicht. Tag für Tag wird der Betreiber eines Pfandleihhauses in Harlem mit dem Bodensatz der Gesellschaft konfrontiert: Junkies, Alkoholiker, Obdachlose, Huren, sitzengelassenen Jungfern. Doch den 45jährigen scheint auch das größte Elend kalt zu lassen, nichts rührt ihn noch in seiner Seele an. Die Menschen, die sich ihm annähern – sein Ladengehilfe, ein Neffe, eine überengagierte Sozialarbeiterin – stößt er brüsk vor den Kopf.

Umso mehr man jedoch in die enge, düstere Welt dieses Pfandleihers eindringt, umso mehr man sich von der sanft-melancholischen Sprache Wallants einfangen lässt, desto deutlicher klarer kristallisiert sich heraus, dass die Misanthropie, die Gleichgültigkeit und Ablehnung, mit denen der Pfandleiher seinen Mitmenschen begegnet, dass dies seine Überlebens- oder vielmehr Weiterlebens-Strategie ist. Ein nur mühsam aufrecht zu haltendes Konstrukt, das durch einige, nicht einmal allzu gewaltige Anstöße von außen ins Wanken gerät.

„Sol Nazerman, dieser monolithische, unnahbare Mann, der mit dem Unglück und der Armut seiner Kunden Geschäfte macht, hat alles verloren: sein früheres Leben, seine Frau, seine Kinder, sein Mitleid oder besser: die Notwendigkeit, hohle Konventionen des Miteinanders zu erfüllen“, schrieb Ulrich Rüdenauer in seiner Rezension „Ein lebendiger Grabstein“ in der Süddeutschen Zeitung am 12. Feburar 2016. „Sol Nazerman hat die Shoah nicht überlebt, sie tötet ihn nur langsamer als die Menschen, die er in den Lagern hat sterben sehen.“

Über fünf Jahrzehnte hat es gedauert, bis dieser Roman endlich ins Deutsche übersetzt wurde. Und das, obwohl das Buch, auch befeuert durch die gelungene Verfilmung, in den USA bereits 1964 eine breitere Auseinandersetzung über die Geschehnisse des Holocaust ausgelöst hatte.

Obwohl Nazerman an seinen Tagen die Welt von sich abhält und sich selber dieses glauben  macht –

„Er trauerte nicht, grämte sich nicht; alles Abstrakte in ihm war abgetötet. Die Wirklichkeit bestand aus der sichtbaren, riechbaren, hörbaren Welt. Kein Gedenken an niemanden, an nichts. Das war das Geheimnis seines Überlebens.“

– nachts holen ihn die Träume ein. Die Monster und Schrecken – der Hungertod im Lager, der Anblick seines wie Schlachtvieh aufgehängten Kindes, seiner vergewaltigten Frau, der Geruch von verbranntem Fleisch, das Gas in der Luft.

Lassen sich die Grausamkeiten der Lager in der Literatur darstellen? Und welche Darstellung ist „erlaubt“ oder möglich, ohne eine gewisse Form des Voyeurismus hervorzurufen? Die Diskussion begann mit den ersten Werken über die Shoah und dauert seither an. Man könnte sagen Wallant, der als gebürtiger Amerikaner die KZ-Realität „nur“ aus Erzählungen kannte, bediente sich in diesem frühen Werk der Holocaust-Literatur eines erzählerischen Kunstgriffes: In die Welt der Träume und der Vergangenheit gerückt, gelingt eine gewisse Distanz zudem, was da in deutlicher Grausamkeit erzählt wird, ja auch erzählt werden muss. Wie tiefgehend diese Verletzungen jedoch sind, dies wird umso deutlicher an dem gebrochenen Menschen Sol Nazerman. Wie auch Ulrich Rüdenauer in seiner Rezension schrieb: So einen abweisenden, verletzten Menschen zur Hauptfigur zu machen, dazu gehört auch Mut.

Doch im Laufe des Buches weckt dieser Pfandleiher trotz seiner Misanthropie unser Mitgefühl und unsere Sympathie. Man beginnt, seinen kümmerlich dünnmanteligen Selbstschutz zu akzeptieren, man versteht seine Beweggründe. Und ahnt dabei doch: Es gibt Grausamkeiten, die übersteht kein Mensch unbeschadet.

Das Kommen und Gehen der Kunden, die familiären Szenen – Nazerman hält die zerstrittene Familie seiner Schwester sowohl finanziell als auch nervlich aus -, die Annäherung der naiv-drallen Jugendfürsorgerin, die Konfrontation mit dem Mafioso, der die Pfandleihe zur Geldwäsche unterhält  dies alles rüttelt mehr und mehr am Nervenkostüm des Protagonisten. Alles spitzt sich auf ein tragisches Ende hin zu – ob es für Nazerman selbst zur Katharsis wird, wer weiß?

Neben seiner Stärke, mit wenigen Pinselstrichen quasi einprägsam Charaktere zu zeichnen, die auf der Bühne des Pfandleihhauses an- und abtreten, hatte Wallant auch für die Stadt und ihre Straßen: In einigen Szenen wird er zur Hauptfigur, der staubige, hässliche, vermüllte Moloch New Yorks.

Die Traurigkeit und sanfte Schwermut dieses Romans ist eine zeitlose, die auch heute noch Leser anzusprechen vermag. Und Edward Lewis Wallant einer der großen Erzähler amerikanisch-jüdischer Herkunft, den es wieder zu entdecken gilt. Nur vier Romane konnte Wallant, der in der Werbung tätig gewesen war, vollenden, als ihn 1962, gerade einmal 36 Jahre alt, ein Gehirnschlag traf. Seine Wiederentdeckung heute ist jüngeren Schriftstellern wie Dave Eggers zu verdanken, die nimmermüde auf das schmale Werk Wallants aufmerksam machen. Eggers schrieb im Guardian:

„In the short time he was writing – about three years wherein he considered himself and was considered a serious writer – he was counted as part of a brilliant group of postwar Jewish American writers – Saul Bellow, Bernard Malamud, Norman Mailer and Philip Roth among them. That Wallant died so young, unable to travel on with these writers, is criminal, especially given how prolific he was. But the novels he finished in his short life are all miniature masterpieces. The Tenants of Moonbloom is a particularly lovely book, lightly comic, frequently melancholy, carrying about it the unmistakable air of allegory.“

Mehr Informationen zum Buch gibt es auf der Seite des Verlags: „Der Pfandleiher“.

Spende? Gerne!

Wer das Engagement dieses Blogs unterstützen möchte, kann dies gerne mit einem Beitrag via Paypal tun. Oder ganz klassisch mit einer Überweisung, die Daten dafür finden sich im Impressum.

€5,00

 

Otto Dov Kulka: Landschaften der Metropole des Todes. Aharon Appelfeld: Geschichte eines Lebens

„Damals baute das Vergessen sich seine tiefen Keller, und die nahmen wir später mit nach Israel. (…)
Dieses Buch ist keine Zusammenfassung, sondern eher der – wenn man so will – verzweifelte Versuch, die verschiedenen Teile meines Lebens wieder mit einer Wurzel zu verbinden, aus der sie erwachsen sind.“

Aharon Appelfeld, „Geschichte eines Lebens“, 1999

„Für mich endete diese Reise als etwas, das eigentlich niemals in der Freiheit ankam. Ich blieb in jener Metropole, ein Gefangener jener Metropole, dieses unabänderlichen großen Gesetzes, das keinen Platz ließ für eine Rettung, für eine Verletzung dieser fürchterlichen „Gerechtigkeit“, der zufolge Auschwitz immer Auschwitz bleiben muss. So blieb mir das unabänderliche Gesetz erhalten, und ich blieb in ihm gefangen (…).“

Otto Dov Kulka, „Landschaften der Metropole des Todes“, 2013

In einer Zeit, in der es möglich ist, den Überdruss an der Erinnerungsarbeit an die dunkelste Zeit der deutschen Geschichte und des jüdischen Volkes öffentlich zu formulieren, in einer Zeit, in der Gedenken mancherorts zur bloßen Form und Formel erstarrt, in dieser Zeit ringen die Opfer dennoch immer noch um ihre Sprache, ihre Sprache, ihre Geschichte, ihre Würde.

Mag mancher sich von der scheinbaren „Monotonie des Grauens“ abwenden, uninteressiert oder überdrüssig, so möchte man jenen die Zeugnisse derer geben, die die Hölle der Vernichtung überlebten: Für das Individuum gibt es keine Monotonie im Grauen, die Grausamkeit führte stets zur individuellen Zer- oder Verstörung. Zu den literarischen Zeugnissen trugen Imre Kertész, Jorge Semprun, Louis Begley (Besprechung hier: „Lügen in Zeiten des Krieges“), Primo Levi und viele andere bei. Doch Schreiben ist hier mehr als das Wenden an die Außenwelt, als öffentliche Erinnerungsarbeit– es ist vor allem Schreiben, um die Autonomie über das eigene Leben nach der Versklavung wiederzuerlangen.

Eindrucksvoll deutlich machen dies die Bücher zweier Autoren, die bereits als Kinder in die Maschinerie des Todes gerieten: Aharon Appelfeld und Otto Dov Kulka. Beide konnten entrinnen – um einen hohen Preis.

Elternlos, heimatlos, sprachlos.

Otto Dov Kulka musste fast 80 Jahre alt werden, bis er die Geschichte einer Kindheit, die in Theresienstadt zu Ende ging, in Sprache festhalten konnte. Seine nun erschienenen „Landschaften der Metropole des Todes – Auschwitz und die Grenzen der Erinnerung und Vorstellungskraft“ sind ein eindrückliches Ringen – das Ringen um die Sprache, die das Unsagbare erfassen kann, das Ringen um die eigene Geschichte. „Auf der Suche nach Geschichte und Gedächtnis“ ist ein Kapitel überschrieben: Zentral in seinem Lebenswerk sei die historische, wissenschaftliche Forschung zu Fragen des Holocaust gewesen, ein Mittel, biografische Elemente auszuklammern, die Distanz zu wahren. Aber es gelingt nicht, die Vergangenheit unter Verschluss zu halten, Auszüge aus den Tagebüchern und festgehaltene Träume verdeutlichen dies.

Die Erinnerung bricht sich Bahn – und dabei sind nicht prägend Szenen haltloser Gewalt. Ergreifender ist das, was Kulka aus seinem Gedächtnis als die Erfahrungen eines Kindes herausholt: Der blaue Himmel mit Silberstreifen über dem Todeslager, „die große Stummheit, die entsetzliche Stille“, die über Auschwitz während einer Hinrichtung lastet, der Kinderchor, der unweit der Krematorien die „Ode an die Freude“ einstudiert:

„Wenn ich die Welt von Auschwitz und ihre Realität betrachte – als Junge von zehn Jahren habe ich diese scharfe, brutale, zerstörerische Dissonanz und Pein wohl nicht gespürt, die jeder erwachsene Häftling erlebte, der aus seiner Welt der Kultur mit ihren Normen der Grausamkeit und des Todes geworfen wurde. Diese Konfrontation, die jeder Häftling, der am Leben blieb, durchlebte und die fast immer einen Teil des Schocks ausmachte, der ihn oft schon nach kurzer Zeit niederstreckte – sie existierte für mich nicht. Denn das war die erste Welt und die erste Lebensordnung, die ich kennenlernte: die Ordnung der Selektionen und der Tod als einzige Gewissheit, die die Welt regiert.“

Das Gesetz des „Großen Todes“ als kindliche Urerfahrung – dem zu entkommen, „damit zu ringen, mit der hoffnungslosen Aussichtslosigkeit, und sich dennoch verzweifelt zu bemühen, ihm zu entkommen, wie ich es dort versucht habe, war eine prägende Erfahrung.“ Und dem zu entkommen, einen Abschluss zu finden, dafür scheint auch Kulkas Buch geschrieben worden zu sein.

Aharon Appelfeld klammert die Lagererfahrung in seiner „Geschichte eines Lebens“ dagegen bewusst aus. Ein Entkommen und ein Wiederfinden der Kindheit davor, die Auseinandersetzung mit dem Geschehenen, das Wiederfinden der Sprache als Heimat – das sind die Themen,  mittels derer die beiden Autoren nebst ihrer vergleichbaren Biographie, sich intensiv berühren. Auch Appelfeld, der sich als Literat jahrzehntelang mit der Shoah auseinandersetzte, braucht lange, um zu seiner eigenen Geschichte zu gelangen.

„Seit Ende des Zweiten Weltkriegs sind bereits über fünfzig Jahre vergangen. Vieles habe ich vergessen, vor allem Orte, Daten und die Namen von Menschen, und dennoch spüre ich diese Zeit mit meinem ganzen Körper. Immer wenn es regnet, wenn es kalt wird oder stürmt, kehre ich ins Ghetto zurück, ins Lager oder in die Wälder, in denen ich so lange Zeit verbracht habe. Die Erinnerung hat im Körper anscheinend lange Wurzeln. Manchmal genügt der Geruch von gammeligen Stroh oder ein Vogelschrei, um mich weit weg und tief in mich hineinzuschleudern.“

Appelfeld erzählt in nüchternem, aber deshalb auch umso anrührenderem Ton die Geschichte eines Schriftstellers, der sein Leben lang versucht, eine Sprache zu finden – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Die Sprache der geliebten Mutter ist die Sprache ihrer Mörder. Das Jiddische ist die Sprache der Großeltern, das in Israel als rückständig abgelehnt wird. Ruthenisch, rumänisch, deutsch, jiddisch – die Vielsprachigkeit seiner Heimat, sie droht verloren zu gehen, während das Hebräische ihm nicht zuwächst. Der Verlust der Worte, das Ringen um sie – das ist auch das Ringen um die innere und äußere Heimat. Das Buch endet bezeichnenderweise mit der Auflösung des Clubs „Das neue Leben“, der 1950 von Überlebenden aus Galizien und Bukowina in Jerusalem gegründet worden war. In der neuen Zeit hat das alte Leben keinen Platz mehr – ein melancholischer Fingerzeig auf den Niedergang einer ganz eigenen Kultur. Appelfeld stammte aus Czernowitz – jener rumänischen Stadt, in der das geistige Leben, vor allem aber die jüdische Kultur ein blühendes Leben erlangte. Paul Celan, Rose Ausländer, Klara Blum – nur einige der Schriftsteller, die mit dieser Stadt verbunden sind.

Die Wörter können Vergangenes weder zurückholen noch ungeschehen machen. Appelfeld bleibt skeptisch, was die der Sprache zugeschriebene Heilkraft betrifft. Aber – auch geprägt durch die  Begegnung mit Samuel Agnon (1888-1970) – wird sie nicht nur zum Mittel, um das Stammesgedächtnis zu erhalten, eine für ihn denkbare Definition des Schriftstellers. Sondern auch, um das Schweigen zu überwinden:

„Mein Schreiben begann mit einem starken Hinken. Die Erlebnisse des Krieges lasteten auf mir, und ich wollte sie weiter überwinden. Über meinem bisherigen Leben wollte ich ein neues erbauen. Es brauchte Jahre, bis ich zu mir zurückkehrte, und als es soweit war, hatte ich noch einen langen Weg vor mir. Wie gibt man diesem brennenden Inhalt Form? Wo anfangen? Wie die Teile zusammenfügen? Und mit welchen Worten?“.

Otto Dov Kulka und Aharon Appelfeld: Es ist gut, dass sie ihre Sprache wieder gefunden haben.

Otto Dov Kulka, geb. 1933 in der Tschechoslowakei, kommt mit seiner Mutter zunächst nach Theresienstadt, 1943 in das sogenannte Familienlager nach Auschwitz-Birkenau. Dort trifft er wieder mit seinem Vater Erich zusammen. Die beiden Männer überleben. Seit 1949 lebt Kulka in Israel und widmet sich der Geschichtsforschung. Er ist emeritierter Professor für die Geschichte des jüdischen Volkes an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Er wird am 18. November 2013 mit dem Geschwister-Scholl-Preis in München ausgezeichnet.

„Landschaften der Metropole des Todes“, Deutsche Verlagsanstalt DVA, 192 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3-421-04593-5

Aharon Appelfeld, geb. 1932 bei Czernowitz (heute Ukraine), verliert beide Eltern im Holocaust. Ihm gelingt die Flucht aus einem Lager, er schlägt sich auf Bauernhöfen und im Wald durch. Seit 1946 lebt er in Israel. Er ist emeritierter Professor für hebräische Literatur an der Ben-Gurion-Universität in Beerscheba.

„Geschichte eines Lebens“, rororo-Taschenbuch, 208 Seiten, 8,99 Euro, ISBN 978-3-499-24247-2

Aufmerksam machen möchte ich noch im Zusammenhang mit der Heimatstadt von Aharon Appelfeld auf das Projekt „Zeitzug“: http://www.zeitzug.com

Spende? Gerne!

Wer das Engagement dieses Blogs unterstützen möchte, kann dies gerne mit einem Beitrag via Paypal tun. Oder ganz klassisch mit einer Überweisung, die Daten dafür finden sich im Impressum.

€5,00

Tadeusz Borowski: Bei uns in Auschwitz

„Ich schaue sie mir an. Vor mir steht ein Mädchen mit wunderschönem hellen Haar, mit hübschen Brüsten unter einem sommerlichen Batistblüschen, mit einem klugen, reifen Blick. Sie steht da, schaut mir direkt in die Augen und wartet. Was soll ich ihr sagen? Daß dort die Gaskammer ist: der gemeinsame Tod, widerlich und häßlich? Und dort das Lager: der Kopf kahlgeschoren, bei der Hitze in einer wattierten sowjetischen Hose, der widerliche, übelkeiterregende Geruch des schmutzigen, erhitzten Frauenkörpers, der tierische Hunger, die unmenschliche Arbeit und dann doch die gleiche Gaskammer, nur ist der Tod dann noch widerlicher, noch häßlicher, noch schrecklicher. Wer hier einmal hineingeraten ist, den bringt nichts, nicht einmal seine eigene Asche, an der Postenkette vorbei nach draußen, der kehrt nicht mehr in das Leben draußen zurück.“

Tadeusz Borowski, „Bei uns in Auschwitz“, Erzählungen, 1946 – 1951

1943 wird der junge polnische Dichter Borowski, der in Warschau im Untergrund agitierte, verhaftet. Er wird Häftling Nummer 119 198 in Auschwitz, überlebt und durchleidet noch weitere Stationen bis hin zur Befreiung in Dachau. So wenig wie die Tätowierung, so wenig wird er in der Nachkriegszeit jedoch die Bilder aus dem Lager los. In wenigen Jahren entstehen etwa 25 Erzählungen, Versuche, das Grauen in Worte zu fassen, auch Versuche, mit oder trotz der Bilder weiterzuleben. Der Versuch misslingt: 1951 nimmt Borowski, gerade 28 Jahre alt, sich das Leben.

Er konnte nicht mit ihnen leben, mit diesen Bildern,

„die mich hartnäckig verfolgen, daß ich in meiner Erinnerung zum Beispiel noch immer die Schreie dieser Menschen, das Gewimmer der Kinder und das feige, unterwürfige Schweigen der Männer höre, daß ich zuweilen, als wäre es Wirklichkeit, den unerträglichen, sich mit Schweiß vermengenden Modergeruch von Menstruationsblut verspüre oder den nassen, fetten Gestank brennender Menschen (…)“

die er, so früh wie kein anderer und so intensiv wie kein zweiter, dennoch in Worte zu fassen versuchte. Die Erzählungen, die um die Lagererlebnisse, das Leben in Warschau während der Besatzungszeit und um die Rückkehr in eine „steinerne Welt“, in das „wirkliche“ Leben kreisen, sie sind, so Imre Kertész, „klare, selbstquälerisch gnadenlose Erzählungen.“ Sie halten in einem fast schon dokumentarisch-distanzierten Stil fest, was geschah – auch für den ungarischen Literaturnobelpreisträger Kertész waren sie eine wichtige Quelle der Erinnerung, wie er in seiner Rede in Stockholm betonte:

„Doch wie viele Berichte, Aussagen, Erinnerungen von Überlebenden ich auch las, sie stimmten fast sämtlich darin überein, daß alles sehr schnell und unübersichtlich abgelaufen sei: Die Waggontüren wurden aufgerissen, sie vernahmen Gebrüll und Hundegebell, die Frauen und Männer wurden voneinander getrennt, in diesem wilden Durcheinander gelangten sie vor einen Offizier, der sie mit einem raschen Blick in Augenschein nahm und mit ausgestrecktem Arm auf etwas zeigte, und kurz darauf fanden sie sich in Häftlingskleidung wieder.

Ich hatte diese zwanzig Minuten anders in Erinnerung. Nach authentischen Quellen suchend, las ich zum ersten Mal die klaren, selbstquälerisch gnadenlosen Erzählungen Tadeusz Borowskis, darunter „Bitte, die Herrschaften zum Gas!“.“

Borowski schildert die alltäglichen Grausamkeiten, deren Zeuge er wurde, beinahe nebensächlich und lapidar. Er zeigt auf, wie perfide die Lagerorganisation war, die aus Opfern zugleich auch Täter machte – Menschen, die um einer Brotrinde willen, Freunde verraten, Mütter, die an der Rampe ihre Kinder verleugnen, um dem Gas zu entgehen, Häftlinge, die andere Häftlinge quälen, erniedrigen, töten. Er erzählt von Menschen, die, um nicht zu verhungern, zu Kannibalen werden. Er erzählt von jenen, die in den Gaskammern arbeiten und beinahe stolz darüber berichten, wie sie es einrichten, dass Menschen besser brennen. Er erzählt davon, wie jeder um sein bisschen Leben kämpft, wie Werte aus der alten Welt – Freundschaft, Mitleid, Solidarität – zu einer teuren Münze werden:

„Im Lager herrscht nämlich eine neidvolle Gerechtigkeit: Wenn ein Reicher fällt, sorgen die Freunde dafür, daß er möglichst tief fällt.“

„Es ist ein Gesetz des Lagers, daß die Menschen, die in den Tod gehen, bis zum letzten Moment getäuscht werden. Das ist die einzige zulässige Form von Mitleid.“

Nur ab und an durchbricht Borowski die scheinbar moralische Indifferenz in seinen Erzählungen: Immer wieder dann, wenn die Frage aufbricht, nach dem „Warum?“, wenn die eigene Ohnmacht und die seiner Mitleidenden deutlich hervortritt. Fassungslosigkeit und Hilflosigkeit machen sich Raum:

„Einmal kehrten wir mit den Kommandos ins Lager zurück. Ein Orchester spielte im Takt der marschierenden Trupps. Dann kamen die Leute von den DAW und Dutzende anderer Kommandos und warteten vor dem Tor: zehntausend Mann. In dem Moment kamen Lastwagen vom FKL herangerollt, vollgeladen mit nackten Frauen. Sie streckten die Arme aus und riefen:
„Rettet uns! Wir fahren ins Gas! Rettet uns!“
Und sie fuhren an uns vorbei, an zehntausend schweigenden Männern. Nicht einer rührte sich, nicht eine Hand hob sich.
Denn die Lebenden haben stets recht gegen die Toten.“

In der Erzählung „Wir waren in Auschwitz“ schreibt Borowski an seine Verlobte und spätere Ehefrau über sich selbst reflektierend: „Du hast gesagt, der Tadeusz sei ein fröhlicher Kerl, aber er schreibt nur von bedrückenden Dingen.“

Das Lager, auch wenn man vom Überleben träumt, noch Überlebenswillen hat – „nach dem Krieg, wenn ich ihn überlebe, möchte ich in einem hohen Haus mit Fenstern aufs Feld wohnen“ – veränderte jeden fundamental, tötete bei vielen Überlebenden die Fröhlichkeit, die Lebenslust, die Lebensfähigkeit ab. Auch Borowski konnte mit dem Schreiben nicht gegen das Erlebte angehen, auch solche Sätze halfen nichts:

„Und wenn man uns auch nur den Körper auf der Spitalspritsche gelassen hat, so bleiben uns doch unsere Gedanken und Gefühle. Und ich glaube, daß die Würde des Menschen auf seinen Gedanken und Gefühlen beruht.“

„Bei uns in Auschwitz“ wurde von der „Zeit“ in deren Kanon der wichtigsten Bücher der europäischen Nachkriegsliteratur aufgenommen. In ihrem Beitrag dazu schreibt Katarina Bader:

„Borowski zwingt uns, in Abgründe der menschlichen Psyche zu blicken: Mitgefühl ist situationsbedingt, jeder Mensch kann zur Waffe gemacht werden. Nach dem Krieg wurde der Autor von katholischer Kirche und Kommunisten gleichermaßen als Zyniker kritisiert. Aber ein Zyniker war Borowski nicht. Er war einer, der seines Glaubens an die Empathiefähigkeit der Menschen brutal beraubt worden war, einer, der mutig genug war, den Verlust dieses Glaubens zu bekennen, und zugleich einer, der zu idealistisch war, um ohne diesen Glauben leben zu können: 1951 nahm er sich im Alter von 28 Jahren mithilfe von Gas das Leben. Damit ging nicht nur ein wichtiger Zeuge verloren, sondern auch ein literarisches Genie, dessen Werk nicht genug Beachtung erhalten kann.“

Spende? Gerne!

Wer das Engagement dieses Blogs unterstützen möchte, kann dies gerne mit einem Beitrag via Paypal tun. Oder ganz klassisch mit einer Überweisung, die Daten dafür finden sich im Impressum.

€5,00

Harald Roth: Was hat der Holocaust mit mir zu tun?

p1040185

Bild: (c) Michael Flötotto

November 2015:
Als ich im Januar 2014 erstmals auf dieses Buch aufmerksam machte, sah die Welt noch anders aus. Ja, man wußte zwar, der Schoß war fruchtbar noch. Man wusste, dass dieses Gedankengut weiter schwelte. Inzwischen aber wird ein Tabu nach dem anderen gebrochen. Was stillschweigend vor sich hin gärte, darf nun laut rausgeschrien und gepöbelt werden – und findet immer mehr Zuspruch. Das macht manchmal sprachlos. Aber es darf nicht mutlos machen.

Heime brennen. Täglich gibt es Übergriffe auf Menschen – Flüchtlinge, Helfer, Politiker, Andersdenkende. Es gibt Einschüchterungsversuche überall. Ein Beispiel im Netz: Eine rechtsradikale Seite listet im Netz die Namen „linker, verdächtiger“ Personen auf. Das sind üble Zeiten: Menschen werden namentlich der Häme und Hetze freigegeben. Ich fand darauf auch den Namen einer Bekannten, einer Pressefotografin, die sich sozial engagiert. So wird das Gefühl, dass das radikal Schlechte auch in das eigene Leben eingreift, konkret.

„Man wird doch noch einmal sagen dürfen“: Diese Einführung jagt mir Kälteschauer über den Rücken. Denn meist ist es der Prolog zu Äußerungen voller Ressentiments und Vorurteilen. Mit den meisten Menschen kann man Dinge im Dialog noch klären. Ein Bürgermeister erzählte mir von einer Bürgerversammlung in Sachen „Asyl im Dorf“ – tagelang hat ihn das Thema zuvor umgetrieben und nervös gemacht. Ihm gelang die „Ent-Ängstigung“. Ein neues Wort in meinem Vokabular.

Aber es sind finstere Zeiten. Ich habe nicht die Hoffnung, dass die ganz Verblendeten, Radikalisierten mit Worten noch erreichbar sind. Und dennoch: Ich wünschte mir, jeder von denen, die jetzt gegen Flüchtlinge und Andersdenkende pöbeln, würden gezwungen, die Holocaust-Literatur zu lesen: Tadeusz Borowski, Imre Kertész, Bruno Apitz, Jorge Semprun, Aharon Appelfeld, Jurek Becker.

Ob es etwas an deren Denken ändern würde? Ich weiß es nicht. Aber ich möchte wenigstens, dass die, die jetzt zündeln, nochmals daran erinnert werden, wie es ist, wenn die ganze Welt brennt.

Januar 2014

„Nach meiner Auffassung stoße ich, wenn ich mich mit der traumatischen Wirkung von Auschwitz auseinandersetze, auf die Grundfragen der Lebensfähigkeit und kreativen Kraft des heutigen Menschen: das heißt, über Auschwitz nachdenkend, denke ich paradoxerweise vielleicht eher über die Zukunft nach als über die Vergangenheit.“

Imre Kertész, Rede zur Verleihung des Nobelpreises für Literatur, 2002
Vorangestellt dem Buch „Was hat der Holocaust mit mir zu tun?“, Herausgeber Harald Roth

1998:
Friedenspreisrede von Martin Walser in der Frankfurter Paulskirche. Ein Zitat:
„Kein ernstzunehmender Mensch leugnet Auschwitz; kein noch zurechnungsfähiger Mensch deutelt an der Grauenhaftigkeit von Auschwitz herum; wenn mir aber jeden Tag in den Medien diese Vergangenheit vorgehalten wird, merke ich, dass sich in mir etwas gegen die Dauerpräsentation unserer Schande wehrt.“

Weiter sträubt es sich in mir, aus dieser Rede zu zitieren – Walser verdreht gar die Formulierung von Hannah Arendt um in eine „Banalität des Guten“, diskreditiert damit sowohl den Ansatz Hannah Arendts als auch die Anstrengungen vieler, einen Teil zur  Erinnerungsarbeit beitragen zu wollen, die eine Wiederholung verhütet. Vor allem aber predigt er einer „politikfreien“ (moralfreien?) Literatur das Wort.

Ein kluger Beitrag zur Walser-Rede findet sich hier: Erinnern oder Vergessen?

Doch der Dichter sprach dem Volk wohl aus der Seele:
„Ferner stimmen 61 Prozent (1998: 63 Prozent) der Auffassung zu, dass 58 Jahre nach Kriegsende nicht mehr so viel über die Judenverfolgung geredet, sondern endlich ein Schlussstrich unter die Vergangenheit gezogen worden sollte.“
(Forsa-Studie)

2003:
„Jeder fünfte Deutsche ist latent antisemitisch. Dies war das erschreckende Ergebnis einer Forsa-Studie im Auftrag des stern im November 2003. Befragt wurden 1.301 Bundesbürger. Bereits 1998 wurde die Studie mit den gleichen Fragestellungen schon einmal durchgeführt, so dass sich Veränderungen über die Einstellung der Deutschen zu den Juden ablesen lassen. Demnach ist der Anteil der Deutschen mit „latent antisemitischen“ Einstellungen von 20 auf 23 Prozent gestiegen. Die Befragten konnten bei ihren Antworten aus einer siebenstufigen Skala auswählen von „trifft überhaupt nicht zu“ (Skalenwert 1) bis „trifft voll zu“ (Skalenwert 7). Wer Skalenwerte von 5 bis 7 angekreuzt hat, wird als „latent antisemitisch“ eingestuft. Auf die bewusst provokant gestellte Frage, ob viele Juden versuchten, aus der Vergangenheit des Nationalsozialismus ihren Vorteil zu ziehen und die Deutschen dafür zahlen zu lassen, antworteten sogar 36 Prozent der Befragten insgesamt mit ja (1998: 41 Prozent), 89 Prozent der Befragten mit antisemitischen Einstellungen waren dieser Meinung. Und 28 Prozent insgesamt glauben, dass Juden auf der Welt zu viel Einfluss haben (1998: 21 Prozent), 81 Prozent der Gruppe mit einer ausgeprägten antisemitischen Haltung stimmten dem zu. 1998 war der Anteil derer, die eine positive Entwicklung bei den Einstellungen gegenüber den Juden zu sehen glaubten, mit 49 Prozent deutlich größer als 2003 (36 Prozent). Heute glauben 30 Prozent, die Einstellung zu den Juden sei negativer geworden (1998: 15 Prozent) Wie aus der Studie weiter hervorgeht, meinen 16 Prozent aller Bundesbürger, die Juden hätten in der Vergangenheit nicht mehr durchgemacht als andere auch.
Quelle: http://www.lpb-bw.de/auschwitz-befreiung.html

2013:
In der ARD läuft – natürlich zu später Stunde – zum 75. Gedenktag anlässlich der „Reichspogromnacht“ ein Beitrag, der die Frage stellt: „Antisemitismus heute – wie judenfeindlich ist Deutschland?“.

Zwei Seiten – Verdrängung und Wiederholung. Die Haltung, >man könne es nicht mehr hören<, und steigender Antisemitismus gehen Hand in Hand.

Es ist also nach wie vor notwendig, vielleicht sogar notwendiger denn je, die Frage zu stellen: „Was hat der Holocaust mit mir zu tun?“. Herausgeber Harald Roth hat dies seinem Sammelband als Titel vorangestellt und 37 Antworten (oder besser: Versuche von Antworten und Annäherungen an diese Frage) zusammengefasst.  Es schreiben Holocaust-Überlebende, Schriftsteller, Politiker, Historiker, Journalisten.

Auch Roth geht in seinem Vorwort auf die Walser-Rede ein. Und stellt sie dorthin, wo sie hingehört, weist sie zurück. „Empirisch wäre zu überprüfen, ob man überhaupt von einer >Dauerpräsentation unserer Schande< sprechen kann. Walser kann man zudem entgegenhalten, dass es in einer freien Gesellschaft eine mediale Selbstbestimmung gibt: Keiner muss sich das Buch kaufen, keiner muss sich die Sendung anschauen.“

Aber: „Die Kritiker, die über ein mediales Überangebot räsonieren, übersehen meist einen simplen Sachverhalt: Für die junge Generation ist es immer eine Erstbegegnung. Zum ersten Mal erfahren sie etwas über Auschwitz, zum ersten Mal sehen sie einen Film über die >Weiße Rose<, zum ersten Mal besuchen sie eine KZ-Gedenkstätte.“

Am 27. Januar ist, in Erinnerung an die Befreiung von Ausschwitz durch die Rote Armee, der Gedenktag zur Erinnerung an die Opfer des Holocaust: In der Bundesrepublik erst (!) 1996 eingeführt, seit 2005 ebenfalls von den Vereinten Nationen. Roth weißt zurecht darauf hin, dass die Geste des Erinnerns emotional und moralisch gefüttert sein muss. Allerdings: „Die authentischen Stimmen der Zeitzeugen“ werden in absehbarer Zeit verstummen – sie jedoch „bilden für die Nachgeborenen eine emotionale Brücke zwischen dem Gestern und Heute.“

Und so sind die Stimmen der Zeitzeugen auch mit die eindrucksvollsten Berichte in diesem Buch:

Otto Dov Kulka, der von seiner späten Wiederkehr an den Ort berichtet, den er in seinem eigenen Buch „Landschaften der Metropole des Todes“ nennt.

Inge Deutschkron, die von der „Schuld der Überlebenden“ spricht und der „Pflicht, die mir meine Schuld auferlegte: Ich musste es niederschreiben Die Wahrheit, die lückenlose Wahrheit, präzise und emotionslos, so wie ich es mit eigenen Augen gesehen hatte. (…) Ich aber war wie besessen von der Idee, dass Vergleichbares nie wieder geschehen dürfe.“

Max Mannheimer, der die Lager überlebt hat, der sich niederließ im Land der Täter und auch im hohen Alter noch über das Studienzentrum in Dachau den Kontakt zu jungen Menschen sucht, um aufzuklären. Er schreibt: „Trotz der bitteren Erkenntnis, wozu Menschen fähig sind, wollte ich nicht, dass der Holocaust mich davon abhielt, an das Gute zu glauben, an die Hoffnung, an das Leben.“  Er appelliert an die Jugend: „Vergesst nicht, was geschehen ist, und entwickelt daraus Maßstäbe für euer eigenes Handeln.“

Edward Kossoy, der als Anwalt das unwürdige Feilschen um die Wiedergutmachungsleistungen erlebte: „Immer blieb es bei 150 Mark.“

Aber auch die Stimmen aus anderen Generationen (das merkwürdige Kanzlerwort von der „Gnade der späten Geburt“) kommen zu Wort – Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, die eindringlich nahebringt, was es heißt, auf der Flucht und im Exil zu sein. Lena Gorelik, deren Fragen darum kreisen, warum das Jüdischsein in Deutschland keine Selbstverständlichkeit ist, sondern immer und stets mit Klärungsbedarf (Erklärungsnot?) verbunden ist. Martina Salzmann erzählt von ihrer „Muttersprache Mameloschn“.

Viele Beiträge kreisen um die Fragen, wie es möglich war, einen Massenmord in Gang zu setzen, wie es möglich war, mitzumachen und wegzusehen, warum die Ausgrenzung und systematische Ermordung einiger Bevölkerungsgruppen in einer scheinbar zivilisierten Gesellschaft stattfinden konnte. Der Politikwissenschaftler Wolfgang Seibel: „Was Hannah Arendt am Beispiel Adolf Eichmanns deutlich zu machen versuchte, war dies: Gerade dadurch, dass man kein Monster sein musste, um an der Judenverfolgung mitzuwirken, konnte sich, was als Stigmatisierung und Diskriminierung begann, in ein monströses Massenverbrechen steigern. (…) Wenn man sich an den Gedanken gewöhnt, dass sich Massenverbrechen nicht als solche ankündigen, sondern erst durch die Mitwirkung normaler Menschen mit banalen Motiven zu Massenverbrechen werden, versteht man besser, wie sie entfesselt werden und was ihre Vernichtungsdynamik tatsächlich ausmacht.“

Mit diesem Rückgriff auf die „Banalität des Bösen“ beantwortet sich auch die Frage: „Was hat der Holocaust mit mir zu tun?“. Harald Roth will mit seinem Buch junge Menschen erreichen – die Beiträge, die von Augenzeugenberichten über Portraits bis hin zu Fachbeiträgen über einzelne Aspekte (Euthanasie, Wiedergutmachung, Umgang mit Erinnerungsorten, Friedensarbeit) reichen, eignen sich gut als Einstieg und Diskussionsgrundlage. Zu hoffen ist, dass es auch jene erreicht, die die Haltung übernommen haben, „es sei jetzt genug“.

Denn:
„Das Höchste, was man erreichen kann, ist zu wissen und auszuhalten, dass es so und nicht anders gewesen ist, und dann zu sehen, was sich daraus – für heute – ergibt.“
Hannah Arendt

Zum Herausgeber: Harald Roth, geboren 1950 in Böblingen, unterrichtete bis 2012 an einer Realschule Deutsch, Geschichte und Politische Bildung. Er veröffentlichte Anthologien und didaktische Materialien zur NS-Zeit u.a. eine Auswahl für junge Leser aus Victor Klemperers Tagebuch 1933-45. Roth ist Mitinitiator der KZ-Gedenkstätte Hailfingen/Tailfingen und lebt in Herrenberg.

Zum  Buch: Verlagsseite

Spende? Gerne!

Wer das Engagement dieses Blogs unterstützen möchte, kann dies gerne mit einem Beitrag via Paypal tun. Oder ganz klassisch mit einer Überweisung, die Daten dafür finden sich im Impressum.

€5,00