Bücherhamstern (25): Única blickt aufs Meer

Sarah Käsmayr vom MaroVerlag stellt einen Roman aus Costa Rica vor: »Única blickt aufs Meer« von Fernando Contreras Castro.

Das Buch:

Auf einem Hügel am Rande der Hauptstadt San José lagert das schlechte Gewissen der Stadt: die Mülldeponie Río Azul. Sie hat sich mit der Zeit in ein albtraumhaftes Müllmeer verwandelt, an dessen Küste alles Mögliche angespült wird: Schulbücher, ungeliebte Weihnachtsgeschenke, nutzloser Tand, alte Männer, Pärchen, Mütter und Söhne. Auf dieses Meer blickt Única. Sie lebt in der Gemeinschaft der sogenannten »Taucher«, die inmitten der Abfälle einer ressourcenverschwendenden Gesellschaft ihre prekäre Situation meistern. Doch angrenzende Nachbarschaften sind unglücklich über die Müllhalde und Präsident Caldegueres plant, sie zu schließen. Die »Taucher« beginnen sich zu widersetzen und demonstrieren bis vor den Sitz des Präsidenten. Der Roman ist ein Mahnmal gegen Verteilungsungerechtigkeit und Umweltverschmutzung, wird jedoch getragen von einer poetischen Erzählsprache und liebevollem Humor. Seit Jahrzehnten ist Contreras Castros Buch Schullektüre in Costa Rica – klangvoll übersetzt von Birgit Weilguny kann sich jetzt jeder die Größe Únicas und ihrer Taucherfreund_innen auch in deutscher Sprache zu Gemüte führen.

Der Verlag:

Der MaroVerlag begann 1970 in kleinsten Auflagen als eine subkulturelle Plattform für Autor_innen, die vom elitären Literaturbetrieb (noch) nicht beachtet wurden. Als 1974 Charles Bukowski zum Verlag kam, veränderte sich alles: Aus einem Feierabendverlag wurde ein kleines, feines Unternehmen, das 2020 sein 50jähriges Bestehen feiert. Prosa und Lyrik reichen sich im MaroVerlag die Hand – neben Romanen bilden Kurzgeschichten bzw. »Stories« den verlegerischen Schwerpunkt. Die Vielfältigkeit des Programms zeigen zum Beispiel die Besprechungen auf dem Blog von der Lyrik Philipp Luidls und Lisel Muellers, ein Roman von John Fante, die Kurzgeschichten von Susanne Neuffer, das Gedichte-Comic-Kunstbuch von Lydia Daher und Warren Craghead II und der Debütroman von Yvonne Hergane.

Die Buchhandlung:

Von zwei Frankfurter Buchhandlungen erreichte uns eine besonders große Begeisterung über den Roman von Fernando Contreras Castro. Larissa Siebicke von der Autorenbuchhandlung Marx & Co hat den Roman auf kommbuch.de besprochen. Ein Besuch im Westend nahe der Universität ist wohltuend, denn hier wird literarische Unabhängigkeit gehegt, gepflegt und gefeiert.

Geht man von der Autorenbuchhandlung weiter, am Eschenheimer Tor vorbei in die Altstadt, findet man die Büchergilde Buchhandlung & Galerie. Das Sortiment ist ein Genuss für bibliophile Ästheten,  neben ausgewählter Belletristik und Bilderbüchern aus kleinen, unabhängigen Verlagen, werden Graphic Novels, Lyrik, Krimis sowie Kinder- und Jugendbücher angeboten. Empfehlenswert: Der Literaturkurier der Büchergilde Buchhandlung. Oliver Fründt hat in diesem Newsletter »Única blickt aufs Meer« vorgestellt – für ihn ein »überwältigender, sagenhaft beeindruckender Roman« – ein Exemplar ist dort gewiss vorrätig.

Informationen zum Buch:

Fernando Contreras Castro: Única blickt aufs Meer. Roman, übersetzt aus dem costa-ricanischen Spanisch von Birgit Weilguny, Hardcover, 144 Seiten, 20 Euro, 978-3-87512-492-7, MaroVerlag, www.maroverlag.de

Wegen der Coronakrise bietet der Blog unabhängigen und kleinen Verlagen unter der Rubrik #buecherhamstern die Möglichkeit, Titel aus ihrem Programm sichtbar zu machen. Das ist ein Zeichen der Solidarität für das verlegerische Engagement, das für Vielfalt und Auswahl für Lesende sorgt. Diese Beiträge sind kostenfreie Werbung.

Ulla Coulin-Riegger über narzisstische Eltern in „Spiegel Wissen“

Ein „spätes“ Romandebüt und seine Folgen: Mit ihrem Buch „Mutters Puppenspiel“, das im Frühjahr 2020 im Verlag Klöpfer, Narr erschien, erreichte die 70-jährige Psychotherapeutin Ulla Coulin-Riegger nicht nur begeisterte Leserinnen und Leser. Sondern ist nun auch mit einem Fachbeitrag in der jüngsten Ausgabe von „Spiegel Wissen“ vertreten. In dem Spezialheft zum Thema „Wie die Kindheit uns prägt“, das heute erschien, schreibt sie aus fachlicher Sicht über das, was in ihrem Roman fiktional bearbeitet wurde: „Narzisstische Eltern manipulieren ihre Kinder und können ihnen das Wichtigste nicht geben: Liebe. Die seelischen Folgen sind oft verheerend.“

Ulla Coulin-Riegger wurde 1950 in Stuttgart geboren. Sie studierte Psychologie an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen und absolvierte eine Ausbildung zur Psychologischen Psychotherapeutin. Seit 1996 betreibt sie eine Praxis als Verhaltenstherapeutin und systemische Familientherapeutin in Leinfelden-Echterdingen bei Stuttgart.

Der Roman „Mutters Puppenspiel“ erschien im März 2020 beim Verlag Klöpfer, Narr: 174 Seiten, Hardcover mit Lesebändchen, 22,00 Euro, ISBN 978-3-7496-1027-3.

„Andrin“ im Doppelpack

Über zwei sehr positive Besprechungen an einem Tag konnten sich Autorin Martina Altschäfer und der Mirabilis Verlag freuen:

„Unterhaltsam, gut geschrieben, lesenswert.“ – so ordnet Stefan Härtl auf Bookster HRO den Roman „Andrin“ ein. Die Besprechung in ganzer Länge: https://booksterhro.wordpress.com/2020/11/05/martina-altschafer-andrin/

Und die Autorin und Lektorin Dr. Yvonne C. Schauch sagt: „Ich habe diesen Roman ausgesprochen gern gelesen und empfehle ihn ebenso ausgesprochen gerne weiter.“
Ihre Rezension findet sich hier: https://www.schauch.com/2020/11/06/martina-altsch%C3%A4fer-andrin/

Zum Verlag: https://mirabilis-verlag.de/

„Die Chamäleondamen“ von Yvonne Hergane: Wie die Mutter, so die Tochter

Bild: Frauen in Rumänien von Eugen Visan auf Pixabay

Sie wussten stets, was sie wollten, mussten nehmen, was sie bekamen und gingen dafür ihren Sonderweg, auch wenn er aus dem rumänischen Banat nach Deutschland führte. Gastautor Ortwin-Rainer Bonfert kennt den zeitgeschichtlichen Hintergrund und hat einen „Beipackzettel“ für das Buch verfasst, der zum Lesen in Zeiten der Pandemie passt.

Man stelle sich vor: Man studiert Germanistik, man studiert Anglistik, man studiert Buchwissenschaft, dann schreibt man Kinderbücher, dann schreibt man Jugendliteratur, übersetzt englische Literatur – und dann schreibt man endlich einen Roman. Yvonne Hergane tat es. Sie schrieb diesen Debütroman mit leichter Feder, mit authentisch wirkenden Charakteren. Ihre Chamäleondamen wussten stets, was sie wollten, mussten aber nehmen, was sie bekamen. Sie ergaben sich trotzdem keineswegs ihrem Schicksal, sondern gingen ihren Sonderweg, machen dabei ihre Fehler, an denen sie wiederum nicht verzagen. Denn für sie ist klar: Lebe mit i geschrieben ist mehr Leben.

Yvonne Hergane verlegt den Romanbeginn ins Frühjahr 1919 des Banats in Rumänien und schafft es vom ersten Satz an, so subtil die Umstände zu schildern, in der die Braut in der Hochzeitsnacht zu ihrem Liebhaber durchbrennt, dass sogar der gehörnte Bräutigam darüber schmunzeln müsste.

„Die Chamäleondamen“ – Der Titel ist Programm! Es geht um Powerladies mit Herz, die durchhalten, sich anpassen, sich nie verbiegen: „Einen Morgen später (Anm.: nach der schmerzvollen Geburt) steht Marita wie immer im Geschäft ihre Frau, (…) eine Dame, als Verkäuferin getarnt.“ Es ist der Roman vierer Frauen aus vier Generationen und dennoch ist es genau so wenig ein klassischer Familienroman wie es eben auch kein klassischer Frauenroman ist: Die Erlebnisse der Chamäleondamen vor zeitgeschichtlichem Hintergrund betreffen und berühren eigentlich uns alle.

Der Vier-Generationen-Roman konzentriert sich im Wesentlichen auf die letzten beiden Frauen in dieser Familie. Die ersten beiden definieren den ausschlaggebenden und damit wichtigen Ausgangspunkt. Oder, mit den Worten von Yvonne Hergane formuliert: „Was Elli von ihrer Mutter als eines der wenigen Dinge bei der Geburt mitbekommt, gibt sie später, um das Gewicht der Vorangegangenen angereichert, an ihr Kind und Kindeskind weiter.“

Das Buch ist in knappe, wenige Seiten lange Kapitel gegliedert, zwischen denen in der Chronologie der Handlung mehrere Jahre oder auch Zeitsprünge liegen. Es sind Episoden aus dem Leben der Protagonistinnen, Spotlights, die signifikante Ereignisse vor dem jeweiligen historischen Hintergrund beinhalten. Beispielsweise wird eine Familientragödie während der Nazi-Zeit geschildert. Aber auch eigenständige, aus dem Familienleben geschnittene Vorkommnisse werden eindrucksvoll erzählt. Bei der Beschreibung des Ausrutschers eines Mädchens bei der Wochenendhütte, der nahezu zum Ertrinken im Bergbach geführt hätte, kommt die hervorragende narrative Kompetenz der Autorin ganz besonders zum Tragen. Gekonnt erfolgt dabei die sensible Gradwanderung zwischen Schilderung der Wahrnehmung des Kindes und dem eigentlichen Vorgang, der sich dem Leser nur allmählich erschließt (S.36/37): „…und Hanne ahnt auch, wo die Luft geblieben ist. Nein, die Zeit steht nicht still, sie saugt sich nur voll, die Sekunden blähen sich auf mit Hannes Luft, immer fetter und runder schmatzen sie sich daran.“

Mit wohl dosierten Regionalismen der Banater Schwaben wirken die Charaktere noch authentischer und sorgen bei Kennern für Amüsement. Leser können sich rasch in die Protagonistinnen hineinversetzen, mitfühlen, umgarnt eine Welt erleben, wie sie der Autorin vorschwebte, als sie den Roman schrieb. Es ist der Alltag der Chamäleondamen, die sich familiärer Verantwortung sowie der Liebe – mit allen Höhen und Tiefen – äußerlich anpassen, sich innerlich stets treu bleibend. In knappen Episoden werden geschildert: Familienfreuden wie auch Familienzwist,  Menschliches, allzu Menschliches, aber auch Abenteuerliches im Umfeld des kommunistischen Rumänien wie auch die Zerrissenheit zwischen dort bleiben, nach Deutschland auswandern und dort wiederum ankommen. Sicherlich spielt dabei die Biographie der kenntnisreichen Autorin eine wichtige Rolle, doch der Roman eignet sich als Lektüre für jeden, auch ohne Wissen um die deutsche Minderheit in Rumänien, den Banater Schwaben.

„… Latte-machiato-Mütter, die ihren mumiendick eingeplünnten Sprösslinge im Kinderwagen angeschnallt brüllen lassen, während sie sich im Kreis unterhalten, den Rücken zu den Kindern, über Windeln und Schuhe und Windeln und Männern und Windeln und dass man dem Kind nie genug Aufmerksamkeit schenken kann.“

Die Schilderungen amüsieren, sind aber keineswegs trivial. Die Autorin versteht es, dem durchaus ernsten Plott immer wieder eine ironische Note zu verleihen. Sie versetzt damit den Leser in einen Flow, der sich vom ersten Satz an mitgenommen und von der Lektüre sanft umhüllt getragen fühlt. Das Buch, im handlichen C4-Format, kartoniert gebunden, mutet mit seinem Cover edel an. Lob an Eva Wünsch, die in Anlehnung an Dadaismusformate eine ansprechende Cover-Collage kreiert hat.

In Zeiten der Pandemie kommt Literatur eine erweiterte Bedeutung zu. Wem ist dieses Buch nahezulegen? Der „Beipackzettel“ des Rezensenten zu diesem Buch:

Leser, die Tag täglich über ihr Schicksal seufzen, ist dieses Buch dringend empfohlen. Damen sollten es nicht zu hastig lesen – wegen möglichem Schluckauf beim Grinsen. Und Herren sollen sich nicht so anstellen – das Buch tut ihnen bestimmt auch gut. Die knappen Kapitel eignen sich sogar für die Lektüre zwischendurch, beispielsweise in der U-Bahn.

Leser, denen Corona-Einschränkungen auf den Magen schlagen, mögen sich in eine Decke gehüllt auf den Balkon setzen, bedächtig Glühwein, Gin oder Whiskey schlürfen, und das Buch genießen. Kamillentee hilft nun mal nicht immer und überall.

Indiependent-Verlagen wie MARO sind solche Bücher und Autor*innen dringend zu wünschen, um besser über die Runden zu kommen und um ihr Geschick für Newcomer zu beweisen.

Online-Versandhändler mit Wild-West-Manier mögen dieses Buch getrost ignorieren, schlägt ihr Herz doch eher für das Förderband der Bücher, als für die Bücher selbst.

Buchhändler sind gut beraten, für solche Debütromane aus Indie-Verlagen mehr Platz in ihren Auslagen und Büchertischen einzuräumen.

„Die Chamäleondamen“ – gut zu jeder Tageszeit.

Ein Beitrag von Ortwin-Rainer Bonfert

Informationen zum Buch:

Yvonne Hergane
Die Chamäleondamen
MaroVerlag, Augsburg, 2020
240 Seiten 20,00 €
ISBN 978-3-87512-493-4

Andrin: Ein modernes Märchen – Rezension bei Faust-Kultur

Wie ein Leben jenseits von Alltagsstress und Leistungsdruck aussehen kann, beschreibt die bildende Künstlerin Martina Altschäfer in ihrem Romandebüt „Andrin“, der in der Abgeschiedenheit der Schweizer Alpen spielt. Sie hat ein modernes Märchen verfasst, dessen Entspannungsqualität auch als Urlaubsersatz dienen kann, meint Riccarda Gleichauf.

Über diese Besprechung bei Faust Kultur freuen wir uns sehr!
https://faustkultur.de/4430-0-Buchkritik-Martina-Altschaefer-Andrin.html#.X4vjyO1CS00

Emma Flint: In der Hitze eines Sommers

Bild New York: Bild von laurapuig4 auf Pixabay

Sie war ekelerregend.
Sie war ein Monster:
Sie zog die Knie zu sich heran und ließ sich zur Seite fallen. Vermutlich hörten die Cops inzwischen ihr Telefon ab, und vielleicht hatten sie auch Wanzen in der Wohnung versteckt, deshalb gab sie keinen Ton von sich, denn sie dachte gar nicht daran, ihnen die Genugtuung zu verschaffen, sie weinen zu hören.
Ihr blieb nichts anderes übrig, als still zu halten, in Deckung zu gehen und zu hoffen, dass eines Tages der beste Sex seines Lebens dazu bewegen würde, bei ihr zu bleiben. Weil sie es einfach nicht ertrug, allein zu sein. Weil das ihr ganzes Kapital war.

Emma Flint, „In der Hitze eines Sommers“.

Als in einer heißen New Yorker Julinacht ihre beiden Kinder aus der Wohnung verschwinden und später tot aufgefunden werden, dauert es nicht lange, und die Kellnerin Ruth Malone steht selbst als Hauptverdächtige im Mittelpunkt der Ermittlungen. Die Vorurteils-Maschinerie läuft perfekt: In den Augen der tratschsüchtigen Nachbarinnen, der nach Sensationen heischenden Presse, des moralisch-verklemmten Ermittlers kann nur sie die Täterin gewesen sein. Zu freizügig ihr Sexualleben, zu häufig wechselt sie ihre Bettgenossen. Auch Ehemann Frank, von dem sie längst getrennt lebt, streut auf seine scheinbar unbedachte Art und Weise Zweifel.

In ihrem Debütroman, der unter dem Titel „Little Deaths“ 2017 im Original in London erschien, entwickelt Emma Flint das Psychogramm einer Frau, um die sich die Kreise der gesellschaftlichen Missachtung und persönlichen Rachlust durch Menschen, die sich allein von Ruths Art vor den Kopf gestoßen fühlen, immer enger drehen. Susanne Keller gelingt es in ihrer Übersetzung, die Mischung aus Tempo und Subtilität, die dieses Buch zu einem Pageturner macht, gekonnt umzusetzen.

Emma Flint, Absolventin des Schreibprogramms der Faber Academy in London, weiß als solche, einen Spannungsbogen zu setzen – das liest sich für ein Debüt fast schon routiniert, was aber bei dieser Story keineswegs von Nachteil ist. Bis zuletzt dürfen die Lesenden selbst an Ruths Schuld oder Unschuld zweifeln.

Für „In der Hitze eines Sommers“ nahm sich die Autorin den Fall der Amerikanerin Alice Grimmins als Inspirationsquelle, die 1965 wegen des Mordes an ihren beiden Kindern verurteilt wurde – bis zuletzt ab es Zweifel an ihrer Täterschaft, es konnten keinerlei Beweise gefunden werden, die sie oder jemand anderen in Zusammenhang mit der Entführung und dem Tod der beiden Kleinen in Zusammenhang brachten.

Flint nutzt diese Vorlage, um in ihrem Roman deutlich zu machen, dass in den Augen der Öffentlichkeit die vermeintliche Täterin sich in anderer Beziehung schuldig gemacht hat. Eine Freundin, ihre einzige Freundin, bringt dies im Gespräch mit einem Reporter auf den Punkt:

Gina lächelte. »Allerdings. Wissen Sie, was sie gesagt hat? Sie hat gesagt: Ich wollte das nie – heiraten und Kinder und all das. Ich wollte immer anders sein als die anderen.«

Wer anders sein will als die anderen wird in einer puritanischen Gesellschaft wie den USA der 1960er (und auch bis heute noch) misstrauisch beäugt, vorverurteilt, bestraft. Zumal sich Ruth auch in der größten Krise noch weigert, sich den Konventionen anzupassen: Selbst als sie trauert, achtet sie auf ihr Äußeres, zeigt keine Tränen, verweigert angepasstes Verhalten. „In der Hitze eines Sommers“ ist weniger die Geschichte eines Kriminalfalls, vielmehr eine Erzählung über den Druck gesellschaftlicher Konventionen, dem außergewöhnliche Frauen ausgesetzt sind. Bis hin zu ihrer Anhörung im Gefängnis:

„Stattdessen nimmt sie ein Papiertuch aus dem Spender, den sie zur ihr hinschieben, und drückt es an ihr tränennasses Gesicht. Sie presst es ganz fest auf den Mund, damit die Wahrheit nicht herauskommt.
Die anderen sehen und hören nur ihre Tränen, und sie nicken zufrieden, weil sie nun endlich ein gebrochener Mensch ist.“

Für einen gebrochenen Menschen, für eine Mutter, die beide Kinder verloren hat, kann es kein Happy End geben. Aber Emma Flint überrascht mit einer ungewöhnlichen Lösung, die an dieser Stelle nicht verraten werden soll. Und so endet das Buch für die Protagonistin nach ihrer Haftentlassung zumindest etwas versöhnlich, nicht ganz hoffnungslos und zeigt zudem, dass die Autorin auch ein Händchen für atmosphärische Dichte hat:

„Sie streckt den Rücken noch ein wenig mehr durch. Atmet den Geruch von Benzin und Juicy Fruit ein, von warmen Donuts, der von einem Stand an der Straße hereinweht, den wohltuenden, leicht süßen Geruch der Lederjacke des Fahrers. Die Straße vor ihnen steigt an, und der Wagen fährt hinauf in das unendliche Blau des Sommerhimmels.“

Informationen zum Buch:

Emma Flint
In der Hitze eines Sommers
Piper Verlag, 2020
Klappenbroschur, 416 Seiten, 16,99 €
EAN 978-3-492-06160-5

Weitere Besprechungen: Auch Petra Pluwatsch beim „Bücheratlas“ mochte das Buch – https://buecheratlas.com/2020/08/31/eine-frau-wie-rusty-in-der-hitze-eines-sommers-ist-das-fabelhafte-krimidebut-von-emma-flint/

 

 

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Deniz Ohde: Streulicht

Bild: Bild von Ralf Vetterle auf Pixabay

„Niemand hatte sich je die Zeit genommen, den Scheffel ausfindig zu machen, unter dem mein Licht stand; der Scheffel war der Satz selbst, der Scheffel waren die Wände, gegen die nachts die Aschenbecher flogen, der Scheffel war »Sei still« und »Sprich lauter«, zwei Forderungen, die ich gleichzeitig erfüllen sollte. Paradox oder nicht, schlussendlich war es meine eigene Schuld, dass ich Ihnen nicht Folge leisten konnte.“

Deniz Ohde, „Streulicht“

Es ist kein Roman der lauten Töne, dieses einprägsame Debütwerk von Deniz Ohde, es ist tatsächlich ein „leise schreiendes“ Buch, wie es Stefan vom Blog „Poesierausch“ bezeichnete. Und ein Debüt, das einen so sehr einnimmt beim Lesen, dass es zu Recht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises gelandet ist. Und das einen in der Konsequenz gerade dazu zwingt, genauer hinzuschauen, sensibler zu werden für das, was Ausgrenzung und Alltagsrassismus tatsächlich bedeuten.

Die Ich-Erzählerin in diesem Entwicklungs- und Bildungsroman trägt von Beginn an ein Stigma: Der Vater Alkoholiker, die Mutter der Armut und der Enge der Türkei entflohen, das Elternhaus ein Messiehaushalt, vom Vater und dem langsam dahinsiechendem Großvater vollgemüllt. Obwohl das Mädchen, das im Streulicht einer Industrieanlage im Ruhrgebiet aufwächst, Freunde aus der Mittelschicht hat, obwohl sie sich unbewusst anzupassen versucht, leise bleibt, zurückgenommen, instinktiv nicht auffallen will, trägt sie das Stigma an sich: Das Aussehen, die ärmliche Kleidung, die mit den Modetrends nicht mithalten kann und nach Zigarettenrauch stinkt, allein schon der Vorname, der genügt, um zu zeigen, dass sie anders ist. Als im Schulhof das erste Mal das „K“-Wort fällt, wird von allen Seiten beschwichtigt: Die Lehrerin bezeichnet die Rangelei unter Schülern, die Aggression als „Unfall“, die Mutter meint, das sei ein Schimpfwort, mit dem die Tochter nicht gemeint sein könnte: „Du bist Deutsche“.

Ganz behutsam, in immer dichteren Kreisen, steuert Deniz Ohde auf den Kern ihrer Erzählung zu: Was es bedeutet, qua Herkunft festgelegt, etikettiert zu sein, immer wieder auf unsichtbare Grenzen zu stoßen. So begreift die Ich-Erzählerin nicht, was ihr und anderen die Lehrer bei der Aufnahme auf das Gymnasium sagen wollen, als sie ihren Schülerinnen und Schülern immer wieder predigen, sie gehörten nun zur „zukünftigen Elite“.

„Es handelte sich dabei um eine implizite Aufforderung, so viel ahnte ich damals schon, aber welches Verhalten genau von mir verlangt wurde, was genau damit zusammenhing, dass ich zur Elite gehören sollte, verstand ich nicht, und es war auch keine Frage, die ich mir bewusst stellte, sondern vielmehr eine allgemeine Ratlosigkeit, die sich daraus ergab.“

Verstärkt wird diese Ratlosigkeit durch unachtsame Äußerungen der besten Freundin, für die Reitunterricht und Ballett Selbstverständlichkeiten sind, von kleinen Bemerkungen, die auf ihr Äußeres abzielen, von der Scham und den Zuständen zuhause, die verhindern, dass jemand von außen in dieses Haus kommen kann.

„Es hatte etwas mit meinem geheimen Namen zu tun und damit, dass ich wenig Gemüse aß, dass mein Vater mir alle paar Wochen etwas Obst schnitt und der Meinung war, so bliebe ich gesund, dass ich zum Mittagessen Tiefkühlpizza bekam und niemand in unserer Wohnung an irgendeinem Tisch aß, weil diese voller Zeitungen und leerer Döschen waren.“

Und doch, trotz all der Hindernisse, die zwischenzeitlich zum Schulversagen und Arbeitslosigkeit führen, bringt die Protagonistin einen ungeheuren Bildungswillen und charakterliche Stärke mit. Auf dem zweiten Bildungsweg holt sie den Schulabschluss nach, kommt an die Universität, lässt das Streulicht hinter sich – um natürlich auch an dem neuen Ort an die alten Muster und Grenzen zu stoßen. Das Kind, das früh weiß, dass es „mindestens dreihundert Kilometer Distanz zwischen mir und dem Ort schaffen würde“, wird zur Erwachsenen, die befürchtet, dass ihr nichts anderes übrigbleibt, „als mich an den Ort zu gewöhnen.“ Und doch liegt, als sie ihren Vater besucht, auch etwas Tröstliches in dem Satz, den er ihr beim Weggehen mitgibt: »Wenn`s nichts wird, kommst wieder heim.«

Der bereits mit dem Literaturpreis 2020 der Jürgen-Ponto-Stiftung ausgezeichnete Roman ist ein Buch der leisen Töne, der langsamen Entwicklung, der dennoch mit beeindruckender Klarheit von einer Gesellschaft erzählt, die auf der Illusion basiert, es bestünden Chancengleichheit und Bildungsmöglichkeiten für alle. Ruhig, fast schon bedächtig, und mit ganz feinen, beinahe schon poetischen Alltags- und Umgebungsbeschreibungen, die auch die Industriebrache in ein weicheres, ein Streulicht tauchen, widerlegt Deniz Ohde mit diesem beeindruckenden Roman diese Grundannahme. „Streulicht“ beeindruckt mit der Klarheit, mit der einem vor Augen geführt wird, wie unterschwellig Klassifizierung geschieht und wirkt.

Birgit Böllinger

Informationen zum Buch:

Deniz Ohde
Streulicht
Suhrkamp Verlag, 2020
Hardcover mit Schutzumschlag, 284 Seiten, 22,00 Euro
ISBN 978-3-518-42963-1

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Mut zur Unschärfe mit Iris Wolff

„Wie eine Ader schlängelte sich die Marosch durchs flache Land.“ Bild: Ortwin-R. Bonfert

In der „Unschärfe der Welt“ verknüpft Iris Wolff die Lebenswege einer Familie und deren Freunde über mehrere Generationen hinweg und schafft ganz nebenbei ein Hommage für die Menschen einer Kulturlandschaft in Rumänien. Ortwin-Rainer Bonfert, ein Kenner von Land und Leuten, zeigt die Besonderheiten dieses Romanes auf. Vielen Dank für diesen Gastbeitrag!

Eigentlich trivial: Junges Paar verschlägt’s aus der Stadt ins dörfliche Flachland, es kommt ein Kind, Freunde, Dorftratsch, Flucht, Tod und Glück liegen nah bei beieinander. Aber Iris Wolff erzählt nicht trivial. Was zeichnet diesen, ihren vierten biographisch geprägten Roman aus, der es zu mehreren Nominierungen etablierter Buchpreise geschafft hat?

Da wäre die Landschaft der Banater Tiefebene im Westen Rumäniens, mit der das Schicksal der Menschen eng verbunden ist. „Der Grad des Glücks wurde hier festgelegt“, in dieser Landschaft, die sich spürbar macht. „Es gab das Grau des Himmels. Den Fluss und die Weiden. Die weite Ebene und die Einsamkeit. Es gab den Rand und die Mitte. Das Ja und das Nein. Die Ungewissheit.“

Da wäre auch der Mikrokosmos einer multiethnischen Dorfgemeinschaft, vereint in ihrer Vielfalt. Da fragt eine Protagonistin: „Was meinst Du mit einheimisch? Schwäbisch, slowakisch, ungarisch, rumänisch, tschechisch, jüdisch oder vielleicht serbisch?“

„Die Weizenfelder waren abgeerntet, der Mais stand hoch. Die Ebene reichte so weit man sehen konnte. Der Himmel beanspruchte den größten Raum, ohne den Widerspruch von Bergen…“ Bild: Ortwin-R. Bonfert

Die Bezeichnung Familienroman würde diesem Werk nicht ganz gerecht werden. Es gibt miteinander verwandte und bekannte Charaktere. Sie fallen durch ihr Handeln auf, aber noch prägnanter durch ihre Sichtweise. Iris Wolff gestaltet jedes Buchkapitel aus der Perspektive eines anderen Protagonisten. „Die Leute erzählten ihre Geschichten auf seltsam feststehende Weise. Als wären sie genau so passiert. Dabei war (…) jede Geschichte auf hundert mögliche Weisen passiert, und alle waren gleich wahr und nicht war.“

Doch der wesentliche Protagonist dieses Werkes ist der Leser selbst, mit eigener Perspektive und Lesart. „Die Erinnerung ist ein Raum mit wandernden Türen.“ Da hält man beim Lesen unwillkürlich inne, um sich das selber ausmalen zu können. Iris Wolff gibt ihren Leser*innen Raum, die Erzählungen ins Detail weiter zu denken und vermittelt bei aller Unschärfe ein überraschend deutliches Gefühl für den multiethnischen Mikrokosmos eines Grenzdorfes im Wandel der Zeit.

Und jene Zeit hatte es in sich. Die Welt war gespalten und dazwischen verlief der Eiserne Vorhang. Die Autorin läuft zur Höchstform auf, wenn sie den rumänischen Diktator und sein menschenverachtendes System mit einer gehörigen Portion Galgenhumor beschreibt: „Er war (…) ein Familienmensch. Was lag da näher, als alle wichtigen Ämter an Familienmitglieder zu verteilen?“

Worte werden zu Sätzen gereiht, die gelegentlich wie der Fluss Marosch von Seite zu Seite voller poetischer Leihgaben dahinströmen und nie langatmig wirken: „… die Karpaten. Ihre Gegenwart veränderte das Licht. Zu Mittag war es grünlich-violett (im Winter silbrig-blau), am Nachmittag ein Goldgelb, das am Abend ins Kupferfarbene überging.“ Treffsicher in der Wortwahl reichen Iris Wolff wenige Sätze, um in der Phantasie des Lesers ein Bild der Örtlichkeiten entstehen zu lassen.

Gönnen wir uns doch im Infomationszeitalter mehr Unschärfe. Gewähren wir neben dem Wissen der Phantasie mehr Platz. Ziehen wir doch mehrere mögliche Blickwinkel zum Geschehen in Betracht. Nehmen wir als rational denkende Wesen die Wirkung der umgebenden Landschaft auf uns hin. Leben wir gelassener unser Leben im Strom der Zeit. um politisch-sozialen Unwegbarkeiten mal ausweichend, mal trotzend zu begegnen, auch wenn das nicht unserem genauen Lebensplan entspricht. Akzeptieren wir den anders sprechenden Nachbar, selbst wenn wir ihn nicht so gut verstehen. Gönnen wir uns Toleranz und Unschärfe. Das Buch „Die Unschärfe der Welt“ von Iris Wolff ist jeden falls ein Lesevergnügen.

Preisnominierungen: Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2020, den Bayerischen Buchpreis in der Kategorie Belletristik 2020 sowie den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis 2020.

Ein Gastbeitrag von Ortwin-R. Bonfert

Informationen zum Buch:
Iris Wolff
Die Unschärfe der Welt
Klett-Cotta Verlag, 2020
216 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 20,00 €
ISBN: 978-3-608-98326-5

 

Dagmar Eger-Offel über „Andrin“

„Das ist das Schöne an diesem Buch: eine einfache, gar nicht komplizierte Paralellwelt fächert sich auf in einer Facettenhaftigkeit, die ihren Glanz aus der dieser Welt zugeneigten Sprache der Erzählerin bezieht.
Vielleicht, weil die Schriftstellerin auch bildende Künstlerin ist, haftet diesem Debütroman eine Liebe in der Gestaltung an, die beim Lesen spürbar ist.“

So eine Besprechung ist wie ein Fest! Der Beitrag von Dagmar Eger-Offel erschien auf dem Blog „Literatur im Fenster“.
„Andrin“ ist der Debütroman von Martina Altschäfer aus dem Mirabilis Verlag.

Ein kleines Theater, ein großes Buch und viele Kindheitserinnerungen: Herzfaden

Bild: Florian Pittroff

Als Literaturblog aus Augsburg kommt man an diesem Roman natürlich keinesfalls vorbei. Und wer wäre prädestinierter dafür, über ihn zu schreiben, als Gastautor Florian Pittroff, der die Augsburger Puppenkiste und ihre Macher seit Kindesbeinen kennt?

Eines gleich vorweg: Das Buch ist eine wunderbare Würdigung einer der wichtigsten deutschsprachigen Kulturinstitutionen der frühen Bundesrepublik. Es ist die Geschichte eines einmaligen Theaters und der Familie, die es gegründet und berühmt gemacht hat. „Herzfaden – Roman der Augsburger Puppenkiste“ ist zu Recht auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2020.

Das Buch hat zwei Handlungsebenen. Auf der ersten Ebene erzählt der Autor die Geschichte der Familie Oehmichen und die der Augsburger Puppenkiste. Auf einer zweiten Ebene gerät ein junges Mädchen nach einer Vorstellung der Augsburger Puppenkiste durch eine verborgene Tür auf einen märchenhaften Dachboden, auf dem viele Freunde warten: Prinzessin Li Si, Kalle Wirsch und das Urmel. Vor allem aber die Frau, die all diese Marionetten geschnitzt hat – über 6000 sollen es gewesen sein – und nun ihre Geschichte erzählt. Der Buchtitel kommt natürlich auch nicht von ungefähr: „Der Herzfaden?“, fragt Hatü. „Der wichtigste Faden einer Marionette. Nicht sie wird mit ihm geführt, sondern mit ihm führt sie uns. Der Herzfaden einer Marionette macht uns glauben, sie sei lebendig, denn er ist am Herzen der Zuschauer festgemacht.“ „Das hast du dir ausgedacht, Papa. (…)“

Die Biographie der Familie Oehmichen hat mich echt bewegt. Sie beginnt im 2. Weltkrieg, als Walter Oehmichen, ein Schauspieler des Augsburger Stadttheaters, in der Gefangenschaft einen Puppenschnitzer kennenlernte und für die eigene Familie ein Marionettentheater baut. In der Bombennacht 1944 verbrennt es zu Schutt und Asche. „Herzfaden“ erzählt von der Wiedergeburt dieses Theaters und von der Kraft der Fantasie in dunkler Zeit. Thomas Hettche schießt aber nicht Fakten, Fakten, Fakten aus dem 2. Weltkrieg aus der Hüfte, sondern er erzählt bedachtsam und behutsam. Wie ist das, wenn die Freundin plötzlich verschwindet, wenn die Nachbarn zu Rechtlosen werden. Und was passiert in einer Kinderseele, wenn die Flugzeuge kommen:  „Vorhänge aus Brandfontänen jagen (…) gen Himmel, der blutrot ist.“.

Es sind die einfühlsamen Momente, die dieses Buch so liebens – und lesenswert machen und die ganze Magie dieser besonderen Kiste aufleben lassen. „Alle versammelten sich jetzt um ihn (Walter Oehmichen). Viele würden ihn fragen, beginnt er, weshalb er kein richtiges Theater mehr machen wolle. Aber ihm sei klar geworden, dass Puppentheater noch mehr Theater sei als Menschentheater. Marionetten seien die ehrlicheren Schauspieler“.

Als Augsburger habe ich mich sehr auf das Buch gefreut und wenn dann auch noch die Plätze, Orte und Straßen aus meiner Heimatstadt darin vorkommen, ist es wie ein Eintauchen in die Heimatstadt: „Wenig später tauchte rechter Hand der Siebentischwald auf, (…) dann das Rote Tor. (…). Es gibt Bilder vom Schwarzmarkt am Augustusbrunnen.“

Für mich war es ganz wunderbar, dieses Buch zu lesen, auch oder gerade deshalb, weil ich in meiner Kindheit Hannelore Marschall, Hanns Marschall, Walter Oehmichen und viele der Buchprotagonisten persönlich kennenlernen durfte. Nicht zuletzt auch Klaus und Jürgen Marschall. Aber das steht auf einem anderen Blatt.

Ich kann mich gut erinnern, Hannelore Marschall saß meist in ihrem Atelier und hat geschnitzt und geraucht und geschnitzt und aus einem rohen Holzblock wurden bedeutende Charaktere, die fast jeder kennt und die niemand missen möchte. Sie hatte übrigens auch einen Löwenanteil daran, dass sich die Puppenkiste gewandelt hat. Nicht nur klassische Märchen standen fortan auf dem Spielplan, sondern auch „Der kleine Prinz“ oder „Jim Knopf“.

Und ganz zum Schluss sei noch erwähnt: Die Zeichnungen auf dem Umschlag, auf dem Einband und im Buch selbst sind von Matthias Beckmann, Homepage des Künstlers: http://www.matthiasbeckmann.com/.

Florian Pittroff

Homepage: https://flo-job.de/

Informationen zum Buch:

Thomas Hettche
Herzfaden. Roman der Augsburger Puppenkiste
Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2020
288 S., 24,00 €, als E-Book 19,99 €