Hildegard E. Keller: „Was wir scheinen“ – die Reise mit Hannah Arendt geht weiter

„Was wir scheinen“ ist der Roman einer großen Lebensreise von Königsberg über Berlin,
Paris nach New York, nach Jerusalem, Zürich, Basel und Rom und auch immer wieder ins sommerliche Tessin. Und die Reise mit der poetischen Denkerin Hannah Arendt geht weiter: Der erfolgreiche Debütroman von Hildegard E. Keller erscheint am 26. August nun auch als Taschenbuch.

Im Sommer 1975 reist Hannah Arendt, eine der bedeutendsten Frauen des 20. Jahrhunderts, im Alter von 69 Jahren ein letztes Mal von New York in die Schweiz, in das Tessiner Dorf Tegna. Von dort fliegen ihre Gedanken zurück nach Berlin und Paris, nach Marseille und in die USA der 1940er Jahre, nach Jerusalem und Rom. Sie ist Tochter, Geliebte und Ehefrau, Professorin, leidenschaftliche Freundin, Witwe jetzt. In Tegna möchte sie noch einmal denken und dichten, faulenzen und mit den Rotkehlchen das Leben genießen. Doch mit den Erinnerungen kehrt auch die an den Eichmann-Prozess 1961 wieder. Was wir scheinen erzählt von einer Hannah Arendt, die aus dem Schatten der bekannten Fakten tritt. Sie gibt sich zu erkennen mit ihrem ganzen Unabhängigkeitsdrang, Scharfsinn und Witz sowie ihren zarten Saiten, auf denen sie meist nur für sich selbst spielte. Hildegard Keller wirft einen mitreißend frischen Blick auf Hannah Arendts Leben und Werk. Sie lädt zum Entdecken und Staunen ein, unterwegs mit einer starken und verletzlichen Frau, die ihre Freiheit über alles schätzte.

Noch mehr Informationen, zahlreiche Abbildungen und ein Interview mit Hildegard E. Keller zu ihrer persönlichen Reise mit und zu Hannah Arendt finden sich in diesem Flyer:

Zur Autorin:
Von 2009 bis 2019 war Hildegard Keller Literaturkritikerin im Fernsehen (Jurymitglied beim Bachmannpreis, ORF/3sat; Kritikerteam des Literaturclubs SRF/3sat). Seit 2019 konzentriert sie sich auf das eigene literarische Schreiben und die Tätigkeit als Filmemacherin sowie Herausgeberin der Edition Maulhelden. Seit den frühen 1990er Jahren lehrte sie deutsche Literatur an Universitäten im In- und Ausland (USA, GB, NL, D, ARG, TUR), zehn Jahre lang als Professorin an der Indiana University in Bloomington (USA), wo sie ihren ersten Dokumentarfilm (Whatever Comes Next, 2014) geschaffen hat; heute lehrt sie Multimedia-Storytelling an der Universität Zürich. Ihr Werk umfasst Romane, Hörspiele, Radiofeatures, Podcast, Filme und Performances.
Homepage: https://www.hildegardkeller.ch/

Alle Informationen zum Buch gibt es auf der Seite des Eichborn Verlags: https://www.luebbe.de/eichborn/buecher/gegenwartsliteratur/was-wir-scheinen/id_8017802

Buchwerbung/Ein Beitrag im Rahmen meiner Presseaktivitäten.

KRÖNER VERLAG: Andreas Schnieder/Jens Burgschweiger – Mensch, was denkst Du?

Lange Zeit war es nur ein Lächeln von Tür zu Tür. Man war sich sympathisch, doch da war diese rote Ziegelmauer zwischen den Räumen: zwischen der Religion im einen und der Philosophie im andern. Wirklich? Sind die Antworten, die Religion und Philosophie auf die Fragen des Lebens zu geben versuchen, tatsächlich so verschieden?
Was ist der Mensch? Brauchen wir Gott, um moralisch zu handeln? Was ist der Sinn des Lebens, wenn es doch notwendig endlich ist? Was lehrt uns eine tiefe Krise wie die Corona-Pandemie über den Menschen? Wohin steuert unsere Gesellschaft? Und welche Gedanken wird man sich wohl auf dem Sterbebett machen? Können es schöne sein?
Leichtfüßig und tiefschürfend zugleich, sind die Antworten ganz andere und doch seelenverwandt. Wo sich Philosophie und Religion treffen, so scheint es, ist in einem leidenschaftlichen Plädoyer für das Einfache, die Zwischenmenschlichkeit, das Hinterlassen positiver Fußstapfen, auf dass uns die Nachkommen mit einem Lächeln bedenken, wenn wir ihren Sinn kreuzen. Vermag uns dies noch zu retten?

„Mensch, was denkst du?“ ist, wie es der Untertitel verrät, „Ein Dialog über Gott und die Welt“, zwischen einem Theologen und einem Philosophen, die gemeinsam an einer Schule unterrichten. Ein schmales Buch, das viele Denk- und Gesprächsanstöße für jeden enthält.

Die Autoren:
Andreas Schnieder, 1968 in Osnabrück geboren, studierte Kunstgeschichte, Klassische Archäologie und Philosophie in Münster. Nach mehreren Jahren als Kurator und Museumspädagoge unterrichtet er seit 2009 die Fächer Kunst, Philosophie und Praktische Philosophie. Mehrere Publikationen und Katalogbeiträge zur Kunst des 20. Jahrhunderts.

Jens Burgschweiger, 1964 in Minden geboren und aufgewachsen im Münsterland, studierte ev. Theologie. Nach 15 Jahren als Gemeindepfarrer arbeitet er seit 2010 als Religionspädagoge und Schulseelsorger. Neben seiner Tätigkeit als Hörfunkautor veröffentlicht er Kurzgeschichten und Beiträge in verschiedenen Gottesdienstbänden.

Informationen zum Buch:
Andreas Schnieder/Jens Burgschweiger
Mensch, was denkst du? Ein Dialog über Gott und die Welt
Alfred Kröner Verlag, März 2022
170 Seiten, Klappbroschur, 16,00 €
ISBN 978-3-520 -72301-7
https://www.kroener-verlag.de/details/product/mensch-was-denkst-du/

Ein Beitrag im Rahmen meiner Pressearbeit für den Alfred Kröner Verlag.

KRÖNER VERLAG: Friedrich Nietzsche – Die fröhliche Wissenschaft

Die fröhliche Wissenschaft, der Höhepunkt der mittleren Phase von Nietzsches Schaffen, ist das freigeistigste, euphorischste, das ›südliche‹ seiner Werke und von unerschöpflichem Gedankenreichtum. Aphoristisch-essayistisch-poetisch arbeitet sich Nietzsche durch die Gesamtheit menschlicher Existenzfragen: Evolution, die Erbschaft des Tieres im Menschen, das Verhältnis Mann-Frau, Moral, die Herkunft des Bewusstseins, Erkenntnistheorie, Literatur, Sprache und Musik; Leib und Sinne werden in ihr Recht gesetzt, was wichtige Impulse für die Psychologie, Soziologie und Kulturkritik späterer Generationen gab. Zentral ist das Werk wegen der These vom Tode Gottes und dem Konzept der Ewigen Wiederkunft; erstmals erscheint Zarathustra am Horizont. Vor allem aber fordert dieses vielschichtige Buch die Freiheit des Denkens ein: »Auf die Schiffe, ihr Philosophen!«

Der Alfred Kröner Verlag, der seit Beginn seines Bestehens eng mit der Herausgabe der Nietzsche-Werke verbunden ist, legt derzeit die einzelnen Bücher des Philosophen neu auf.

Herausgeber dieser Neuauflage der fröhlichen Wissenschaft ist Elmar Schenkel. Er war nach Gastprofessuren in Freiburg, Konstanz und an der University of Massachusetts bis 2019 Professor für Englische Literatur an der Universität Leipzig, 2005–15 Leiter des dortigen studium universale. Er ist Gründungsmitglied des ›Nietzsche Vereins Röcken‹, hat zur Rezeption Nietzsches in den USA, Großbritannien und weltweit publiziert und ist Mitherausgeber von 101 Briefe an Friedrich Nietzsche zu seinem 175. Geburtstag (2019).

Stimmen zum Buch:

Elmar Schenkel im Deutschlandfunk im Gespräch mit Jan Drees: https://www.deutschlandfunk.de/friedrich-nietzsche-die-froehliche-wissenschaft-elmar-schenkel-im-grespraech-dlf-9f68b469-100.html

Das Gespräch zum Nachlesen auf dem Blog von Jan Drees:
https://www.lesenmitlinks.de/gespraech-die-froehliche-wissenschaft/

Elmar Schenkel bei MDR Kultur im Gespräch mit Katrin Schumacher:
https://www.mdr.de/kultur/podcast/unter-buechern/unter-buechern-froehliche-wissenschaft-100.html

Eine ausführliche Buchvorstellung samt Verlagsportrait bei der Leipziger Internet-Zeitung:
https://www.l-iz.de/bildung/buecher/2022/04/die-froehliche-wissenschaft-nietzsche-neu-aufgelegt-mit-einem-kenntnisreichen-nachwort-von-elmar-schenkel-444130

„Kann uns Friedrich Nietzsche´s Fröhliche Wissenschaft auch heute noch etwas bieten oder sind wir heute klüger und weiter? Wer sich auf die schön gestaltete neue Ausgabe aus dem Kröner Verlag einläßt, wird diese Frage selbst beantworten können.“ – Michael Mahlke, buchmonat.de

Informationen zum Buch:
Friedrich Nietzsche
Die fröhliche Wissenschaft
Herausgegeben von Elmar Schenkel,
mit Nachwort und Zeittafel
2022, 400 Seiten, Leinen mit Schutzumschlag
€ (D) 20,– · ISBN: 978 3 520 07408 9
https://www.kroener-verlag.de/details/product/die-froehliche-wissenschaft/

Ein Beitrag im Rahmen meiner Pressearbeit für den Alfred Kröner Verlag


KRÖNER VERLAG: Otto A. Böhmer – Auf das, was da noch war

Wer Nietzsche zu nahekommt, darf sich über die Folgen nicht beklagen. Das bekommt auch der Ich-Erzähler des Buches zu spüren: Man ruft ihn zum Nietzschekenner aus, obwohl seine Begabungen erkennbar limitiert sind und ihm wesentliche Erinnerungen abhanden kommen. Muss er sich Sorgen machen? Das muss er wohl, zumal ihm eine seltsame, fast kurios anmutende Krankheit zusetzt, die nicht mehr therapierbar ist. Insgesamt aber befindet er sich noch immer in bester Gesellschaft: Man raunt, plappert und schreibt voneinander ab. Eine Zeitlang macht der Erzähler da noch mit; er betätigt sich als Referent, Biograph, Filmemacher und Auftragspoet. Danach wird’s eng für ihn: Als eine Pandemie die irritierte Menschheit belästigt, hat er sich bereits sein eigenes Virus eingefangen, mit dem er aber zurechtkommt. Ohnehin ist er ja müde geworden und freut sich in der Helle von Hindeloopen am Ijsselmeer auf sein Ende, das er sich heiter und friedfertig oder, noch besser, lieber gar nicht vorstellt. Es kommt, wie es kommen muss, und zu guter Letzt herrscht »Ruhe im Karton«.
Friedrich Nietzsche führte uns Leben und Philosophie als offenen Spielbetrieb vor, in dem das letzte Wort noch nicht gesprochen ist. Das mutet unbefriedigend an, macht aber auch das aus, was wir, in den uns geneigten Stimmungen, als lebenswert bezeichnen.

Zum Autor:
Otto A. Böhmer, 1949 in Rothenburg ob der Tauber geboren, lebt als Schriftsteller in Wöllstadt (Wetterau). Rundfunkarbeiten für den BR, SWR und WDR. Essays und Literaturkritiken u.a. für Die Zeit, die Neue Zürcher Zeitung und die Wiener Zeitung. Mehrere renommierte Auszeichnungen, darunter der Erich-Fried-Preis und das Hermann-Hesse-Stipendium.
Zahlreiche Buchveröffentlichungen. Bei Klöpfer & Meyer erschienen mit Erfolg seine Erzählung »Hegel & Hegel oder Der Geist des Weines« sowie sein Roman »Nächster Halt Himmelreich«. Bei Alber erschien 2021 sein Essay »Reif für die Ewigkeit. Kierkegaard und das Lachen der Götter.«

Informationen zum Buch:
Otto A. Böhmer
Auf das, was da noch war
Alfred Kröner Verlag, Stuttgart, 2021
285 Seiten, Halbleinen mit Lesebändchen, 22,00 €
ISBN 978-3-520-75701-2

Stimmen zum Buch:

„Handelt es sich bei dem Werk überhaupt um einen Roman?, so muss gefragt werden. Die Konstruktion des vielschichtigen Textes kann am besten mit dem englischen Wort sophisticated charakterisiert werden: raffiniert, subtil, vertrackt.“ – Günter Rinke bei literaturkritik.de

„Witzig, schrullig, charmant“ – Melanie Wilke bei „Bücherliebe“

„Mit seinem neuen Roman „Auf das was da noch war“ versucht Böhmer den Ruf des nicht unum-strittenen Philosophen Nietzsche gerade zu rücken, auf das setzend, was da noch war.“ – Bernhard R.M. Ulbrich

Ein Beitrag im Rahmen meiner Pressearbeit für den Kröner Verlag.

Hildegard E. Keller: Was wir scheinen

„Sie schüttelte den Kopf. Gleichschaltung ist wirklich ein hässliches graues Wort. Das Wort für das Grauen, dasselbe Grau wie auf dem Gesicht im Glaskasten. Wissen wir denn, warum ein Mensch sich so durch und durch farblos machen lässt? Warum einer zulässt, dass man ihn zu einem Instrument in den Händen anderer macht? Ein Instrument, ganz egal, wofür, Hauptsache, ich gehöre nicht mehr mir selbst und trage nicht mehr die Verantwortung für das, was ich tue? Nein. Keiner vermag in die Seele eines andern hineinzuschauen. Niemand weiß, warum einer wollen kann, dass er nicht mehr der ist, der er ist.“

Das erste Gedicht war eine Reflexion über die Kraft des
Wassers, die sie an Brechts Legende erinnerte. Wenn im Innern
des Steins Wasser gefriert, bringt es ihn zum Bersten, nur was
gibt ihm die Kraft dazu? Merkwürdige Frage, aber sie schlägt
die Brücke ins Unsichtbare.
Bild: Schlucht im Tessin, Bild von adege auf Pixabay

Es ist bereits viel über den ersten Roman der Schweizer Literaturkritikerin Hildegard Keller geschrieben worden und all das Positive, was über „Was wir scheinen“ berichtet wurde, es ist richtig. Tatsächlich tritt einem die poetische Denkerin Hannah Arendt aus diesem Buch so lebendig und nahbar entgegen, dass man meint, eine Mischung aus „der Arendt“, wie man sie unter anderem aus dem Gaus-Interview kennt und einer Barbara Sukowa, die sie im Film verkörperte, zu begegnen. Fiktion und Realität verschmelzen hier aufs Schönste.

Hannah Arendt (1906 – 1975), die nach ihrer Flucht 1933 aus dem nationalsozialistischen Deutschland ab 1941 in den USA lebte, kam immer wieder nach Europa zurück, unter anderem verbrachte sie regelmäßig Ferien im Tessin. Ihr letzter Tessin-Aufenthalt ist der Rahmen der Erzählung: Arendt ist allein, von den wenigen noch lebenden Freunden ist keiner greifbar. Zum Arbeiten zu unkonzentriert, zum Faulenzen zu unruhig, wandern die Gedanken zurück in die Vergangenheit: Zu den Jahren des Studiums bei Jaspers und der Liebe zu Heidegger, zur Pariser Zeit, als sie sich mit Walter Benjamin befreundet und ihren Mann Heinrich Blücher kennenlernt, zu den Anfängen mit Heinrich und ihrer Mutter in New York und natürlich zu dem prägenden Ereignis ihres beruflichen Lebens, das sowohl politisch und als auch privat einen Bruch darstellt: Der Eichmann-Prozess, der im April vor 50 Jahren begann. Ihren Berichten im New Yorker darüber und ihrem darauffolgenden Buch folgten Wellen der Empörung, eine regelrechte Hetzkampagne, heute würde dies als Shitstorm bezeichnet.

Ihre missverstandene These von der „Banalität des Bösen“, ihr unabhängiger Blick auf die Rolle der Judenräte, ihre Weigerung, sich als Jüdin einen bestimmten Blick auf Eichmann und auf die Prozessführung in Jerusalem anzueignen, dies alles stellte Hannah Arendt in den Zentrum eines Empörungssturms. Welche Verletzungen, welche Schrammen Hannah Arendt dabei davontrug, darüber äußerte sie sich öffentlich nicht. Diesen Blessuren geht Hildegard Keller in ihrem Roman auf den Grund, nähert sich behutsam der verletzbaren, „weichen“ Seite der Denkerin, die dennoch streitbar und unbeugsam blieb, an. Die Form des biographischen Romans ist nicht unumstritten – im schlimmsten Fall überwiegt die Interpretation über die Realität, werden historische Personen zu Figuren umgezeichnet. Hildegard Keller umgeht diese Falle elegant und intelligent und spielt sogar charmant mit dieser Falle, in die auch sie hätte tappen können:

„Fiktiv werden ist nicht schön, wenn alles erstunken und erlogen ist“, reflektiert die Hannah Arendt des Romans beim morgendlichen Sinnieren im Bett. „Stillgelegt wie Figuren in einer Farce. Ach, wen geht es an, was wir sind und scheinen.“

Aber: „Wenn man zur Romanfigur gemacht wird, ist das natürlich was Anderes. Im Zeichen der Dichtung darf man schließlich einen Funken von Inspiration erwarten.“

Profunde Faktenkenntnis gepaart mit Inspiration, das Spiel mit Schein und Sein, dies geht bei diesem biografischen Roman eine glückliche Verbindung ein. Doch der größere Verdienst von „Was wir scheinen“ liegt nun nicht darin, dass „die Arendt“ so lebensnah erscheint, sei es, wenn sie Ingeborg Bachmann zeigt, wie man amerikanischen Speck brät, wenn sie mit zwei Fingern pfeift oder ein wenig verschämt-stolz ihre Straußenledertasche ausführt und dadurch von Keller etwas vom Status der politischen Pop-Ikonie, zu der Arendt ebenfalls geworden ist, weggerückt wird. Sondern, dass dieses Buch geradezu dazu animiert, den Kant`schen Leitspruch „Sapere aude!“, dem sich auch Hannah Arendt verpflichtet fühlte, anzueignen. „Was wir scheinen“ ist auch – ohne irgendwie professoral daherzukommen – eine Einführung in das selbständige Denken, eine Aufforderung, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen.

„Wahrheit ist kein Geschenkartikel“, heißt es an einer Stelle des Buches. So bekam auch Hannah Arendt, die sich plötzlich einer feindseligen Öffentlichkeit gegenübersah, für ihren Mut zum selbständigen Denken nichts geschenkt. Wie die Denkerin zu dem wurde, was sie war (und nicht nur schien), dies zeichnet Hildegard Keller in ihrem geschickt aufgebauten Roman wunderbar nach:

„Er (Heidegger) hat mich unterscheiden gelehrt, das Beste überhaupt.  Wissen Sie, uns Studenten war der gelehrte Gegenstand damals ziemlich gleichgültig, nicht aber das Denken. Noch heute ist es rar an den Universitäten, weil man dort ja immer über etwas oder jemanden arbeitet. Wer denkt, sagte Heidegger, steht nicht über den Dingen, sondern geht in sie ein. Der Denkende ist mittendrin.“

(Nur als Einschub: Gerade die Beziehung zu Heidegger, die über dessen nationalsozialistisches Engagement hinweg bestehen blieb, zeigt, dass Hannah Arendt mehr war, als sie schien).

Die Bereitschaft und Fähigkeit zum unabhängigen Denken, wie sie Hannah Arendt von sich und anderen verlangte, ist in einer Zeit, in der Wahrheiten in einem Wust von fake news unterzugehen zu scheinen, notwendig wie eh und je. Und wenn die Aufforderung, selbst zu denken, so gescheit und unterhaltsam wie in diesem Roman vermittelt wird, dann bitte gerne mehr davon!

Informationen zum Buch:

Hildegard E. Keller
Was wir scheinen
Eichborn Verlag, 2021
Hardcover, 576 Seiten, 24,00 €
ISBN: 978-3-8479-0066-5

Henry David Thoreau: Leben ohne Grundsätze

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Bild von 1778011 auf Pixabay

„Wenn ein Mensch die Hälfte eines jeden Tages damit zubringt, in den Wäldern spazierenzugehen, weil er sie liebt, läuft er Gefahr, als Faulenzer angesehen zu werden; aber wenn er seinen ganzen Tag als Spekulant vertut, der diese Wälder abhauen und die Erde vorzeitig kahl werden lässt, wird er hoch geachtet als fleißiger und unternehmender Bürger. Als ob die Stadt kein anderes Interesse an ihren Wäldern hätte, als sie abzuholzen!
Die meisten Menschen würden sich beleidigt fühlen, wenn man ihnen als Beschäftigung vorschlüge, Steine über eine Mauer zu werfen und sie dann wieder zurückzuwerfen, nur damit sie vielleicht ihren Lohn verdienten. Aber heute haben viele keine würdigere Beschäftigung.“

Henry David Thoreau, „Leben ohne Grundsätze“, EA 1863 (postum), in der Übersetzung von Peter Kleinhempel, Limbus Verlag Innsbruck, 2017.

Ich könnte noch unendlich viel mehr Zitate aus diesem Essay Thoreaus – oder auch dieser „Gardinenpredigt“, wie Herausgeber Frank Schäfer den Text in seinem Nachwort nennt – bringen, so sehr hat mich diese Schrift, die nun bald 150 Jahre auf dem Buckel hat, in ihrer Aktualität getroffen. Thoreau entwarf den Text als Vortrag kurz nach dem Erscheinen von „Walden“, er ist, so Frank Schäfer, sein „intellektuelles Grundsatzprogramm – gewissermaßen Walden in einer Nuss.“

Vehement prangert der Mann aus Concord – damals mit einer Anhäufung von Transzendentalisten das Epizentrum einer amerikanischen Gegenbewegung – das Primat des Ökonomischen, den Vorrang materieller und wirtschaftlicher Absicherung vor geistiger und seelischer Bildung an. Das tut er eloquent, wortgewaltig und bissig – so verwundert es nicht wenig, dass seine Zuhörer zum Teil wohl deutlich irritiert reagiert haben: Packt er doch gewissermaßen jeden, auch die heutigen Leser, am Schlaffitchen: Um die Welt zum Positiven zu verändern, muss jeder bei sich selbst beginnen.

„Die Wege, auf denen ihr zu Geld kommen könnt, führen fast ausnahmslos nach unten. Etwas getan zu haben, wodurch ihr nur Geld verdient habt, heißt wahrhaftig müßig gewesen zu sein – oder Schlimmeres. Wenn der Arbeiter nicht mehr bekommt als den Lohn, den ihm sein Arbeitgeber zahlt, wird er betrogen, betrügt er sich selbst. Wenn man als Schriftsteller oder Redner zu Geld kommen will, muss man populär sein, und das ist: senkrechter Abstieg.“

Einfacher leben – das lebte Thoreau in seinen zwei Jahren, zwei Monaten und zwei Tagen in „Walden“ vor und dies ist auch die Essenz seines Vortrags. Einfacher leben und vor allem, dem Leben einen Sinn außerhalb des Broterwerbs und, wo möglich, dem Broterwerb einen Sinn geben: Das ist, verkürzt gesagt, sein Appell. Mutet einfach und simpel an, aber man weiß – das ist es nicht. Es ist nun mal nicht jedem gegeben, kein „schlimmer Tölpel“ zu sein: Das sind in Augen Thoreaus jene, die den größeren Teil des Lebens damit vergeuden, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Einen konkreten und kompletten Gegenentwurf zur kapitalistischen Gesellschaftsform bietet der Schriftsteller allerdings nicht, sein Rezept gründet eben auf Vereinfachung und Verweigerung. Sowie Kontemplation:

„Wir sollten unsere Köpfe behandeln wie unschuldige und begabte Kinder, deren Hüter wir sind, und wir sollten achtgeben, auf welche Gegenstände und welche Themen wir ihre Aufmerksamkeit stoßen. Lest nicht die Times. Lest die Ewigkeit.“

Man kann natürlich das Ganze mit einem Achselzucken als weltfremde Äußerungen eines Aussteigers abtun – wie soll das gelingen, aus der „Tretmühle“, wie Thoreau dies nennt, auszutreten? Oder aber man lässt sich von diesem Text herausfordern, anregen, anstecken und lässt sich auf die Frage ein: Wie leben? Was tun?

„Leben ohne Grundsätze“ rüttelt auf, wirft Fragen auf, packt einen an. Und ist zudem (leider) auch politisch noch hoch aktuell: Wenn Thoreau den Goldrausch in Kalifornien anprangert, dann fühlt man sich an die aktuelle digitale Goldgräbermentalität erinnert. Wenn er auf den Import von Waren in die USA, der Menschenleben kostet, eingeht, dann denkt man an manche Auswüchse der Globalisierung. Und im Trump-Zeitalter bekommt dieser Satz eine eigentümliche, bedrohliche Bedeutung:

„Selbst wenn wir zugeben, dass sich der Amerikaner von einem politischen Tyrannen befreit hat, ist er doch noch der Sklave eines ökonomischen und moralischen Tyrannen.“

So vieles scheint in unserer Welt gegenwärtig rückläufig zu sein, sich zum Schlimmeren zu wenden. Höchste Zeit also, Thoreau zu lesen.

„Leben ohne Grundsätze“ erschien in der Reihe „Limbus Preziosen“. Nomen est omen: Die Bände sind liebevoll gestaltet, hochwertig durch Hardcover und Lesebändchen und sorgfältig editiert, mit einem informativen Fußnoten-Apparat, biographischen Angaben und einem informativen Nachwort ausgestattet.

Verlagsinformationen zum Buch:
http://www.limbusverlag.at/index.php/leben-ohne-grundsaetze

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Wilhelm Schmid: Unglücklich sein. Eine Ermutigung.

Warum Sinn nicht das Wichtigste im Leben ist:
Die Frage nach dem Sinn und die möglichen Antworten darauf.

Was häufig gemeint ist, wenn nach „Glück“ gefragt wird, ist eigentlich „Sinn“. Es ist die Frage nach dem Sinn, die moderne Menschen in wachsendem Maße umtreibt. Viele bevorzugen aber die Rede vom Glück, denn das ist das Wort, das in aller Munde ist und das jeder gut zu verstehen scheint. Sinn hingegen erscheint weniger greifbar, schon die bloße Frage danach macht nicht wenigen Menschen Angst, denn sie ahnen Abgründe, die sich damit auftun können. Die Dringlichkeit des Strebens nach Glück kann als ein Indiz für die Verzweiflung gelten, die die Entbehrung von Sinn hervorruft.

Sinn, der in tiefster Seele zu fühlen ist

Tief innerlich in seiner Seele, in diesem Raum, dessen eigentümliche Energie in der Bewegung von Gefühlen zum Ausdruck kommt, ist ein Mensch berührt vom Sinn, den alle Arten von Beziehungen stiften können, nicht nur momentan, sondern auch über ganze Zeitspannen hinweg und vielleicht das ganze Leben hindurch: Sinn im gesamten Leben. Beziehungen „machen Sinn“, insofern sie Zusammenhänge begründen, erfahrbar in Begegnungen, die gesucht werden, in Gesprächen, die geführt werden, in Umgangsformen, die beachtet werden, beginnend zwischen zweien. (…) Umso mehr jedoch die starke, gefühlte Bindung, die von herausgehobener Bedeutung für das jeweilige Selbst ist und einen innigen Zusammenhang bewirkt, in dem auch gegensätzliche Gefühle ihren Platz haben: Menschen, die Liebe füreinander fühlen, stellen sich die Frage nach dem Sinn nicht mehr – denn sie fühlen sich in dessen Besitz, daran ändern auch gelegentliche Unlustgefühle und Auseinandersetzungen nichts.

An der Fülle von Glücks- und Lebenskunstratgebern, die in größeren Buchhandlungen heutzutage zu finden sind, laufe ich meist achtlos vorbei. Käufliche Heilsversprechen, die den Lesenden meist noch unglücklicher machen: Jeder ist seines Glückes Schmied, wird da oft suggeriert, und wer diese Selbstoptimierung nicht hinbekommt, versagt in unserer Glücksindustrie.

Dieser gewollten Ignoranz meinerseits fiel bislang auch Wilhelm Schmid zum Opfer. Doch da der Philosoph ab und an auch Vorträge in seiner alten Heimat Bayerisch-Schwaben hält, kam ich nicht an ihm vorbei. Eingenommen haben mich: Eine klare, verständliche Sprache, eine Intelligenz, die sich nicht verkleiden muss, ein dem Leben zugewandter Pragmatismus, der Gelassenheit vermittelt und verdeutlicht, warum Glück nicht das Wichtigste im Leben ist.  Eine Lebenskunstphilosophie, die auch zum „Unglücklichsein“ ermutigt. Die zeigt, wie das allseits vorausgesetzte und eingeforderte „Streben nach Glück“ Menschen in die Irre führt, wenn „das Glück“ mit Heilsversprechen, Ansprüchen und Vorstellungen überfrachtet wird.

„Was kann dieses Buch dazu beitragen, dass Sie ihr Glück finden können? Einen Moment des Nachdenkens, sonst nichts. Eine kleine Atempause inmitten der Glückshysterie, die um sich greift. Viele Menschen sind plötzlich so verrückt nach Glück, dass zu befürchten ist, sie könnten sich unglücklich machen, nur weil sie glauben, ohne Glück nicht mehr leben zu können. Fluten von Diskursen brechen über die Menschen herein, um ihnen zu sagen, was das Glück denn sei und was der richtige Weg dazu wäre. Klar ist dabei vor allem eins: Es steht nicht gut um das Glück.“


Es steht nicht gut um das Glück zunächst auch bei „Die Glücklichen“, unserer Gemeinschaftslektüre hier.
Mehr über Wilhelm Schmid findet man dort:
http://www.lebenskunstphilosophie.de/

Bild zum Download: Kerzen


 

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