Hilmar Klute: Oberkampf

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„Jonas bekam wieder richtig Lust, sich mit Steins egomanischer Literatur zu befassen. Hatte der Alte denn nicht recht? Galt es nicht, sein eigener Roman zu werden, losgelöst von den Zumutungen der Geschichte und der Wirklichkeit?“

Hilmar Klute, Oberkampf, 2020.

Was anfangen mit einem Leben, wenn man mit Anfang 40 schon alles hat und einen im Grunde nichts mehr interessiert? Leidenschaften und Träume mit dem „modernen Erfolgsmenschenalltag“ nicht kompatibel sind? Hilmar Klute, Chef der Streiflicht-Redaktion der Süddeutschen Zeitung, begeisterte mit seinem federleicht geschriebenen Romandebüt „Was dann nachher so schön fliegt“ Kritik und Leser gleichermaßen. Dort stand dem Protagonisten noch die ganze Welt offen, waren Träume – unter anderem vom Dasein als Schriftsteller – noch möglich. In seinem zweiten Roman, „Oberkampf“, sendet der Schriftsteller nun einen rund 20 Jahre älteren Protagonisten auf Sinnsuche, einen, der seinem selbstgeschaffenen „Museum der Ereignislosigkeit“ entkommen und ebenfalls als Schriftsteller leben möchte.

Jonas Becker, ein typischer Vertreter der „Agenturen-Generation“, lässt Frau, Job, Wohnung, sein ganzes bisheriges Leben in Berlin zurück, um in Paris neu anzufangen. Der Zufall will es, dass er in der Nacht vor dem Attentat auf die französische Satirezeitung „Charlie Hebdo“ in der französischen Metropole ankommt und sein kleines Appartement in der Rue Oberkampf nahe der Redaktion liegt. Der Anschlag ist ein Ereignis, das die jungen Franzosen, die Jonas in dieser Nacht kennenlernt, bis auf den Kern erschüttert. Insbesondere Christine, die später seine Geliebte wird, will wissen, woher der Hass und der Zorn aus den Banlieues stammen. Jonas dagegen verfolgt die Vorgänge, die Welle der Gewalt, beinahe kalt und analytisch: „Er konnte nichts mehr für dieses Land tun – dieser Gedanke, der aberwitzig und anmaßend war, begann sich in seinem Kopf festzusetzen.“  Für Jonas scheint es klar, dass der Terror, der in jenen Tagen in die europäischen Städte einzieht, sich nicht auf eine Weise erklären ließ, „die über das bloße soziologische Ereignis hinausging“.

Ebenso distanziert und beinahe gleichgültig geht Klutes Protagonist jedoch nicht nur mit den politischen Ereignissen um, sondern auch mit den kleineren und größeren menschlichen Katastrophen, die sich in seinem Leben ereignen. Angetreten in Paris, um die Biographie eines egomanischen Schriftstellers zu schreiben, verliert Jonas bald das Interesse an dem Job und dem von ihm bewunderten Richard Stein. Zwar begleitet er diesen auf dessen Suche nach dem drogenabhängigen Sohn in die USA, doch auch dort bleibt er auf Abstand, betrachtet er die Welt distanziert: „Es gab kaum etwas Falscheres auf der Welt als diese Landschaft“.

Bei einem schlechteren Erzähler als Hilmar Klute könnte sich die Beschreibung eines gelangweilten Mannes in vorgezogener Midlife-Crisis schnell auf das Gemüt des Lesers schlagen und Langeweile bei der Lektüre verursachen. Doch Klute hat seinen Stoff gut im Griff, bis hin zur bitteren Pointe ganz am Schluss: Jonas, endlich bereit, sich wirklich von allen Lebensfesseln zu befreien, betritt den Pariser Club Bataclan, um ein Konzert der Band „Eagles of Death Metal“ zu besuchen …

Klute lässt seinen neuen Protagonisten nicht mehr so hoch und leicht und unbeschwert fliegen, vielmehr ist nun eine leise, untergründige Melancholie in sein Schreiben eingezogen. Dieses Psychogramm eines überdrüssigen, am Leben eigentlich unbeteiligten Mannes stellt ganz leise und behutsam entscheidende Fragen: Unter anderem die, wie man sein eigenes Leben mit Sinn und Gehalt erfüllen will, wenn der Tod in Form des Terrors hinter jeder Clubtür lauern kann.

Aber wie der Vorgänger, an dem jeder Roman eines Schriftstellers gemessen wird, ist auch dies ein Buch, das durch seine wunderbare Sprachkraft glänzt. Ganz wenige missglückte Bilder (was ist ein „entzündlich glänzender Mann“ oder warum muss die Metro als „immer bereit gestellter Fahrdienst“ bezeichnet werden?) durchbrechen diese ausgefeilte Sprache, in die man gut und gerne abtauchen kann. Hilmar Klute verbeugt sich mit seinem zweiten Roman auch vor Leonard Cohen, dem im Buch eine wunderbare Referenz erwiesen wird. Da gibt es Parallelen: Beide Künstler sind Suchende, Zweifelnde, Hinterfragende, die mit dem wunderbaren, einzigartigem Talent gesegnet sind, der Melancholie ihre Schönheit zu belassen.

Bibliographische Angaben:
Hilmar Klute
„Oberkampf“
Verlag Galiani Berlin, 2020
Gebunden, Lesebändchen, 320 Seiten, 22,00 Euro
E-Book 18,99 Euro
ISBN 978-3-86971-215-4


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Djuna Barnes: Nachtgewächs

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„Zum Teil haben die Toten das Böse der Nacht verschuldet, zum anderen Teil Schlaf und Liebe. Für was ist der Schläfer nicht alles verantwortlich! Welcherart Umgang pflegt er, und mit wem? Mit seiner Nelly legt er sich nieder und findet sich schlafend im Arm seines Gretchens wieder. Tausende kommen an sein Bett, ungebeten. Und dennoch: wie erkennt man die Wahrheit, wenn sie nicht unter den Anwesenden weilt? Mädchen, die der Schläfer niemals begehrt hat, streuen ihre Gliedmaßen um ihn unter des Morpheus Fuchtel. So sehr ist der Schlaf zur Gewohnheit geworden, daß mit den Jahren der Traum seine eigenen Grenzen verzehrt und das Geträumte ihm zu lieber Gewohnheit wird; ein Gelage, wo Stimmen sich mischen, einander lautlos bekämpfen. Der Schläfer ist Eigentümer eines unerforschten Landes.“

Djuna Barnes, „Nachtgewächs“, Erstausgabe 1936.

Es ist ein im mehrfachen Sinne traumhaftes, schlafwandlerisches Buch, dieses Nachtschattengewächs der Literatur. Bis heute gilt es manchen als Zumutung, als unlesbar, während es für andere schon ikonographischen Charakter einnimmt. Eines ist gewiss: Den bewussten Leser stellt dieser Roman vor Herausforderungen. Schon T. S. Eliot, der die Veröffentlichung des Romans unterstützte, gestand Schwierigkeiten beim Lesen ein. Zwar ist die Rahmenhandlung, wenn man von einer solchen sprechen möchte, denkbar einfach: Mann liebt Frau, Frau verlässt ihn für eine andere Frau, und auch diese wird am Ende verlassen. Ein Arzt von zweifelhaftem medizinischem Status wird in diesem Liebesreigen der Beichtvater für das ganze, überschaubare literarische Personal dieses Buches.

Doch wie diese im Grunde kaum ungewöhnliche Geschichte erzählt wird, dies markiert in der modernen Literatur einen Meilenstein, einen Umbruch. So wie „Ulysses“ von James Joyce (den Djuna Barnes übrigens überaus verehrte und dem sie in mehreren Essays ein Denkmal setzte)  als Werk eines männlichen Schriftstellers für den Aufbruch in die Moderne steht, so tut dies „Nachtgewächs“ als Werk einer Frau: Wagemutig, stilistisch einzigartig, hermetisch, verschlossen, assoziativ, mit konventionellen Erzählregeln brechend.

Kein Buch, das sich einfach so weglesen lässt, auch kein Buch, das häufig weggelesen wird. Bernhard Wördehoff sinnierte 1991 in „Die Zeit“ über Bücher und ihr Schicksal:

„Landläufig und simpel, daß libelli ihre fata haben. Aber auch richtig, wie sich immer wieder zeigt. Zum Beispiel bei Djuna Barnes. Anders als Terentianus Maurus wird die amerikanische Dichterin (1892 bis 1982) in jedem besseren Literaturlexikon erwähnt, aber es wird auch gleich hinzugefügt, es ermangele ihr an einem bedeutenden Lesepublikum. Das wollen wir mal dahingestellt sein lassen. Aber viele Leser hatte sie leider trotz ihres Ranges in der modernen Literatur nie, auch in Europa nicht, wo sie lange Zeit gelebt hat.“

Tatsächlich ist der Stil der Amerikanerin auch zu eigenartig (im besten Sinne), als dass er der geländegängigen Literatur zugeschlagen werden könnte. Man kann „Nachtgewächs“ trotz seines schmalen Umfangs nur langsam und peu à peu lesen, in kleinen Portionen, einen Großteil der Sätze immer wiederlesend, um sie verstehen zu wollen und ich gestehe offen, manches habe ich auch dann noch nicht verstanden.

Jeanette Winterson schreibt dazu im Nachwort zur Suhrkamp-Ausgabe:

„Nachtgewächs stellt Ansprüche. Man wird in die Prosa hineingezogen, weil sie narkotisiert, aber man kann nicht über sie hinweglesen. Diese Sprache will nicht informieren, sie will Bedeutungen entfalten. Das Buch enthält weit mehr als seine Fabel, die schlicht ist, oder aus seine Gestalten, die großartige Gaukelbilder sind.“

Die Begegnungen der Menschen in diesem Roman finden zu einem großen Teil nachts statt, im Schatten der dumpfen Lichter und des Kerzenscheins entblößen sie sich, entfalten ihre Seele. Und so sind ist der Roman auch durchwegs geprägt durch lange Passagen mündlicher Rede, Monologe, in denen die Grenzen zwischen Tag und Nacht, Wachen und Traum, Leben und Tod überschritten werden.

(…) „nun sehe ich, daß die Nacht auf die Identität eines Menschen wirkt, auch wenn er schläft.“ „Ah“, rief der Doktor, „laß einen Menschen sich niederlegen in das große Bett, und seine Identität ist nicht mehr die seine, sein Vertrauen hat ihn verlassen, seine Bereitschaft ist umgewandelt und gehorcht einem anderen Willen. Sein Schmerz ist wild und gnadenlos.“

Tag und Nacht, Bewusstsein und Unterbewusstsein: „Nachtgewächs“ ist nicht zuletzt auch ein psychoanalytisches Buch, in dem die Protagonisten so assoziativ erzählten, als stünde die Dachkammer des Doktors nicht in Paris, sondern in der Berggasse in Wien und als sei das alte Bett des Arztes eine Couch. Der Roman, eine Reise in das Unbewusste.

Djuna Barnes (1892 – 1982) schrieb sich damit selber eine gescheiterte Liebesbeziehung von der Seele. 1919 – in jenem Jahr, in dem auch der Roman einsetzt – war die Amerikanerin wie so viele andere Künstler nach Paris gekommen, wo sie einige Jahre später die Bildhauerin Thelma Wood (1910 – 1970) kennenlernte. Die beiden Frauen waren für ihre leidenschaftliche Beziehung berühmt-berüchtigt, vor allem Wood suchte immer wieder die Flucht in andere Affären und in den Alkohol. Nach der Trennung wurde Djuna Barnes von Peggy Guggenheim unterstützt, in deren Villa schrieb sie „Nachtgewächs“, unverkennbar auch eine Verarbeitung des Geschehenen. Darüber hinaus hinterließ auch die Kindheit und Jugendzeit von Barnes ihre Spuren (hier findet sich eine kurze Biographie). Noch nicht einmal 18 Jahre alt, wird Djuna von ihrem Vater an einen Verwandten „ausgeliehen“, Vergewaltigungen, die ihr ihr Leben lang nachgehen.

Thelma Wood wies ihre Darstellung in der Figur „Robin“ brüsk zurück, das Buch, so sagte sie später, habe ihr Leben ruiniert. Die beiden Frauen sollen bis zu ihrem Lebensende kein Wort mehr gewechselt haben. Und auch Djuna Barnes brachte ihr Roman außer literarische Anerkennung wenig Glück: 1940 kehrte sie nach New York zurück und hauste über vierzig Jahre verarmt und vergessen in einem Miniappartement.

Verena Auffermann schreibt in „99 Leidenschaften“:

„Spötter behaupten, Djuna Barnes habe mit ihrem feingestochenen Stil, der bombastisch und theatralisch, aber auch kalt und messerscharf sein kann, keine Romane, Theaterstücke, Kurzgeschichten, Essays und so weiter verfasst, sondern lauter erste Sätze.“

In der Tat könnte man „Nachtgewächs“ auch zu seinem persönlichen Zitate-Almanach machen:

„Jugend ist Ursache. Wirkung ist Alter.“
„Sein Gesicht, ein längliches, volles Oval, litt an einer fortschreitenden Schwermut.“
„Liebe wird zur Ablagerung des Herzens.“
„Leiden ist Verfall des Herzens.“
„Liebe ist die erste Lüge. Weisheit die letzte.“

Solche Petitessen findet man ohne Zahl in diesem Werk. Und zugleich Sätze, so dunkelschön, nach denen man Bilder malen möchte. Und selbst wenn einen „Nachtgewächs“ verwirrt und vielleicht auch unschlüssig zurücklässt: Vergessen wird man diese seltsame Pflanze der Literatur nie mehr.

Der Roman, vom großen Wolfgang Hildesheimer übersetzt, ist beim Suhrkamp Verlag zu erhalten.


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Lesley M. M. Blume: Und alle benehmen sich daneben

„Hemingway war von [uns] beiden geformt worden“, erinnerte sich Stein später in ihrer Autobiography of Alice B. Toklas, und sie seien „beide ein bisschen stolz auf und beschämt über [unser] Geisteskind gewesen.“ Hemingway, zu dem Ergebnis kamen sie, habe etwas von einem Feigling und einem Schwindler. Sie nahmen ihm sein übertrieben männliches Image einfach nicht ab.
„Was für ein Buch, stimmten [wir] beide überein, wäre die wahre Geschichte von Hemingway“, schrieb Stein. „Nicht die, die er schreibt, sondern die Bekenntnisse des wahren Ernest Hemingway.“
Und schließlich glaubten sie ohnehin nicht, dass er verstanden habe, worauf es ihnen in stilistischer Hinsicht ankam. Er gebe sich große Mühe, modern zu wirken, aber für Stein „roch er nach Museen.“

Lesley M. M. Blume, „Und alle benehmen sich daneben“, OA 2016, in deutscher Übersetzung durch Jochen Stremmel 2017 bei dtv erschienen.

Ich möchte es einfach sagen dürfen: Was für ein unsympathisches Großmaul! Man mag zu seinen Werken stehen, wie man will – vieles davon, so seine Erzählungen, die Novelle „Der alte Mann und das Meer“ sind großartig, anderes für mich dagegen schlichtweg unlesbar – aber der Mensch hinter dem Werk war mir noch nie sympathisch. Alles too much: Zu viel verbale Aufschneiderei, zu viele Selbstinszenierungen beim Jagen, Fischen und Trinken, zu viel Machotum. Das Wissen, dass dahinter wohl ein sehr verletzbares, unsicheres Wesen steckte, auch das Wissen um seinen Suizid trug nicht wesentlich dazu bei, dass mir der Autor näher kam – er blieb in meinen Augen ein „Schwindler“.

Wie sehr er schwindelte, wie wenig ihm so simple Werte wie Loyalität gegenüber Freunden und Förderern, selbst gegen Ehefrauen, Rücksichtnahme und Verschwiegenheit etwas galten, wenn es um die eigene literarische Karriere ging, das alles zeigt die amerikanische Journalistin Lesley M. M. Blume in ihrer Biographie „Everybody behaves badley: the true story behind Hemingway`s masterpiece The Sun also rises.“ Die umfangreichen Quellennachweise zeigen: Die Frau hat ihren Job gründlich erledigt, intensiv recherchiert. Es würde dem Buch also nicht gerecht, bezeichnete man es als Tratsch- und Klatschkompendium mit literarischem Anspruch (wobei so kurz gefasst es auch nicht ist, es birgt schon manche Redundanz und kleinere Längen). Und doch ist es vor allem das Plaudern über die Zickenkriege zwischen männlichen Literaten, die dieses Buch so höchst unterhaltsam machen. Der Tratsch über wer-mit-wem und warum-und-wieso, der offenbar auch das Leben dieser amerikanischen Bohème in New York und Paris prägte. Und die größte Tratschtante von allen (im Bayerischen gibt es dafür den schönen Ausdruck „Ratschkattl“) war nun mal Mr. Hemingway.

Lesley M. M. Blume fokussiert sich auf die Anfangsjahre dieses von hemmungslosem Ehrgeiz und großer Geltungssucht getriebenen Menschen. Sie beschreibt die ersten Jahre bis zum Durchbruch, der mit dem 1926 erschienenen Debütroman „The Sun Also Rises (Fiesta)“ begann. Als Hemingway 1921 nach Paris kam, hatte er außer einigen Erzählungen noch wenig vorzuweisen – aber Paris, das war der Ort, an dem er glaubte, all die Erfahrungen, das Erleben und Leben aufsaugen zu können, die er zum Schreiben brauchte. Zudem war Paris das Zentrum der literarischen Welt: James Joyce, die Fitzgeralds, Gertrude Stein, Ezra Pound, Anderson Sherwood, all jene, von denen er glaubte, lernen (und profitieren) zu können, lebten dort. Wie sehr er seine Rolle als bescheidener Anfänger stilisierte, das ist im erst später erschienenen „Paris, ein Fest fürs Leben“ nachzulesen – seine Zeitgenossen hatten andere Erinnerungen an ihn, erkannten, wie sehr er sie benutzte:

„Er machte ungeniert Anleihen bei ihr [Gertrude Stein], begann aber, ihre Ideen zu hemingwayifizieren, indem er sie alle subtiler, attraktiver, zugänglicher machte.“

Stein und Sherwood Anderson nutzt er, um sein Schreiben zu perfektionieren. Andere nutzt er, um überhaupt etwas zum Schreiben zu haben: Der eigentliche Skandal an „Fiesta“ war die Erkennbarkeit der nur leicht fiktionalisierten Figuren. Nicht von ungefähr zerbrachen nach der Fiesta zahlreiche Freundschaften und seine Ehe mit Hadley, der Frau, die ihm den Rücken für sein Dasein als Schriftsteller freigehalten hatte. Für Hemingway wird das Buch ein überwältigender Erfolg, wie Lesley M. M. Blume ausführt, für die Menschen, die als Vorlagen für den Roman benutzt wurden, wurde er zum Teil zum Disaster. Den Schriftsteller Harold Loeb – im Roman als Robert Cohn dargestellt – traf „The Sun Also Rises“ laut Blume „wie ein Schock“:

„Das Buch traf mich wie ein Kinnhaken“, erinnerte er sich später. Er durchforstete das Buch nach Passagen über Robert Cohn. Die „unnötige Gehässigkeit“ schockierte ihn genauso wie die weitgehende Übernahme seiner persönlichen Vorgeschichte. Seiner Ansicht nach wäre es für Hemingway genauso leicht gewesen, die Biografien aller Figuren so zu verändern, dass er und die anderen nicht auf Anhieb zu erkennen gewesen wären.“

Die Figuren, das sind vor allem die Freundeskreise, mit denen Hemingway in Paris verkehrte und mit denen er einen Ausflug in die Stierkampfstadt Pamplona unternahm. All das, was dort geschah – das Buhlen um eine Frau, die Verführung eines jungen Torero, die Besäufnisse und Prügeleien – all das verdichtete Hemingway in diesem zugestandenermaßen bis heute faszinierendem Roman. Auf persönliche Beziehungen nahm er dabei keine Rücksicht.

Lesley M. M. Blume gelingt jedoch der Spagat, das rüde Vorgehen Hemingways zu schildern ohne jedoch die innovative Kraft, die der Roman seinerzeit hatte, zu schmälern. Sie verfällt angesichts der Makel und Unzulänglichkeiten des Charakters Hemingway, diesem vom Ehrgeiz zerfressenen Schriftsteller, nicht in unreflektierte Schwärmerei, zeigt auf jeden dunklen Flecken auf seiner Weste – unter anderem auch seinen latenten Antisemitismus – hin. Aber dennoch ist spürbar, wie sehr sie den Roman an sich und seine unmittelbare Kraft schätzt:

„Was hier nun folgt, ist die Geschichte, wie Hemingway überhaupt erst zu Hemingway wurde – und die des Buches, das alles in Gang setzte. Die Vorgeschichte des Romans The Sun Also Rises und die des Aufstiegs seines Autors sind identisch. Literaturkritiker stellen seit langem Hemingways zweiten Roman A Farewell to Arms (In einem anderen Land) als den Roman hin, der ihn zu einem Giganten im literarischen Pantheon machte, aber in mancher Hinsicht ist die Bedeutung von The Sun Also Rises viel größer. In Sachen Literatur führte dieses Buch die breite Leserschaft ins 20. Jahrhundert.“

Und nicht zuletzt machte der Roman Hemingway zur Stimme der „Lost Generation“ – wenn er auch diesen Ausdruck, wie so vieles andere, von Gertrude Stein abgekupfert hatte.

„Und alle benehmen sich daneben“: Ein unterhaltsames und informatives Buch nicht nur (oder vielleicht auch gar nicht) für Hemingway-Leser, aber auch für alle, die an dieser Blütezeit der amerikanischen Literatur interessiert sind.

Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.dtv.de/buch/lesley-m-m-blume-und-alle-benehmen-sich-daneben-28109/

Julio Cortázar: Der Verfolger

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„Ich verstehe, dass ihn der Gedanke Amorous könnte vor die Öffentlichkeit gebracht werden, in Harnisch bringt, denn jeder merkt die Fehler, das deutlich hörbare Blasen am Ende einiger Phrasen, und vor allem diesen wilden Sturz am Schluß, diesen dumpfen, kurzen Ton, der mir vorkam wie ein brechendes Herz, wie ein Messer, das in ein Brot eindringt (er sprach vor einigen Tagen von dem Brot). Dagegen würde Johnny entgehen, was wir schrecklich schön finden, die Beklemmung, der Stau, der in dieser Improvisation einen Ausweg sucht, voller Ausbrüche in alle Richtungen, voller Fragen, voller verzweifelter Gestik. Johnny kann nicht verstehen (denn das, was er für mißlungen hält, scheint uns ein Weg zu sein, wenigstens die Andeutung eines Weges), dass Amorous einer der größten Augenblicke in der Geschichte des Jazz bleiben wird.“

Julio Cortázar, „Der Verfolger“, Suhrkamp Verlag

Am 29. August 1920 kam einer auf die Welt, der viel zu kurz lebte und dennoch die Musik revolutionierte: Charlie Parker. Ich muss gestehen, dass ich bis zu meinem (ebenfalls kurzen) Studium der lateinamerikanischen Literaturwissenschaft weder große Ahnung von Jazz noch von lateinamerikanischer Literatur hatte. Und zum Auftakt des ersten Semesters nahm ich mir gleich zwei ganz große „Brocken“ vor: Borges und Cortázar. Was für eine neue Welt sich mir da erschloss! Und eben nicht nur die der Literatur – sondern auch der Jazzmusik. Dies vor allem durch einen Roman Cortázars, den ich seither nicht nur mehrfach gelesen habe, sondern der auch ursächlich dafür ist, dass ich mir in der Folge eine umfangreiche Plattensammlung anlegte…

Was Charlie Parker in der Musik für den Jazz tat, das gelang dem Argentinier Julio Cortázar in der Literatur. Er schrieb, als würde er Musik machen, Jazzmusik, er revolutionierte mit seinen Werken auch das Schreiben und die südamerikanische Literatur, griff den Stil des anderen surrealistischen Erzählers seines Heimatlandes, Borges, auf, interpretierte weiter, ging darüber hinaus. Und dies nicht nur in der Erzählung „Der Verfolger“, die 1958 in der Anthologie „Die geheimen Waffen“ erschien und die Geschichte des Jazzmusikers Charlie Parker erzählt.

Für Cortázar (1914 bis 1984) war der Tango die Musik für das Leben, der Jazz die Musik für die Literatur, auf einen etwas verkürzten Nenner gebracht. Der Jazzkenner, Autor und Journalist Hans-Jürgen Schaal bringt die musikalisch-literarische Welt Cortázars so auf den Punkt:

“In den Texten von Julio Cortázar ist der Jazz ein notwendiges (fantastisches, absurdes) Korrektiv der Realität. Es ist der Jazz, der vorübergehend die bestehende Ordnung der Dinge aufzuheben vermag. Der ein Thema “bekämpft und verwandelt und schillern lässt”. Der die Menschen daran erinnert, “dass es vielleicht andere Wege gibt und dass derjenige, den sie eingeschlagen haben, nicht der einzige und nicht der beste ist.” Jazz: eine Rettung ins Offene. Eine Einübung in die Freiheit.

Das 17. Kapitel in Cortázars 600-Seiten-Schmöker “Rayuela”, einem der erfolgreichsten Romane Lateinamerikas, enthält die vielleicht schönste Eloge, die dem Jazz je gewidmet wurde. Sie feiert ihn als eine universelle Botschaft, die “die Menschen besser und schneller einander näher brachte als Esperanto, die UNESCO oder die Fluglinien”, eine menschliche Musik, die Antlitz und Bewusstsein besitzt, die Stile und Haltungen, Dogmen und Schismen schuf, die ein Teil und ein Spiegel ist der humanen Geistesgeschichte. “Rayuela” – der spanische Name für das Himmel-und-Hölle-Spiel – ist ein verspäteter Beat-Roman, gefärbt von Pariser Existenzialismus, argentinischer Bildungswut und Cortázars Lust am Absurden.”

Anders als „Rayuela“, das 1963 erschien, erscheint „Der Verfolger“ im Erzählstil noch konventionell. Die Novelle schildert die Geschichte von Johnny Carter (ganz offensichtlich der Saxophonist Charlie Parker) aus der Perspektive seines Biographen. Deutlich wird: Die Person, der Mensch, der hinter diesem außerordentlichen Talent steckt, ist ein zerrissener, von Begierden getriebener, wankelmütiger, wenig sympathischer Charakter. Und doch bringt er ganz große Kunst hervor. Zu beobachten ist für den Biographen der Niedergang im Sumpf des Rausches und der Drogen – wobei die Rauschhaftigkeit des Lebens die Bedingung zu sein scheint, um solche Töne zustande zu bringen. Und beinah distanziert wird die Frage aufgeworfen, was mehr zählt: Der Mensch oder die absolute Kunst, die Kunstfertigkeit in der Musik.

„Ich beschloß, in der zweiten Auflage des Buches nichts zu ändern und Johnny weiterhin so zu präsentieren, wie ich ihn dargestellt hatte und wie er im Grunde war: ein armer Teufel von kaum durchschnittlicher Intelligenz, der wie so viele Musiker, Schachspieler und Dichter die Gabe besitzt, große Dinge zu schaffen, ohne sich der Größe seines Werks im geringsten bewußt zu sein (höchstens besitzt er den Stolz eines Boxers, der sich stark weiß).“

Roger Willemsen spendete der Erzählung in einer Kritik in der Süddeutschen Zeitung Applaus: Sie sei ein leidenschaftliches, mitreißendes, virtuoses “Solo für einen Besessenen”. So ist es – wer vor der Lektüre noch keine Musik von „Birdie“ gehört hat, wird spätestens dann das Verlangen haben, Bebop zu hören, jene Stilrichtung, die Parker prägte.

„Der Verfolger“ ist in Worte gefasste Musik, ist Jazz auf dem Papier. Und seit der ersten Lektüre begleitet mich ein Lebenstraum: Einmal mit einem Saxophonisten durch Argentinien ziehen …

Charlie „Bird“ Parker (1920-1955) gilt als einer der wichtigsten Jazzmusiker, gleichrangig neben Louis Armstrong und Miles Davis. Seit seiner Jugend heroinabhängig starb er, nach einem von vielen Abstürzen und persönlichen Dramen geprägten Leben, an den Folgen seiner Sucht.

Julio Cortázar, (1914-1984), in Brüssel geboren, verbringt seine Jugend in Argentinien, lässt sich aber 1951 aus Protest gegen das Perón-Regime, unter dem er auch kurzfristig verhaftet worden war, in Paris nieder, wo er 1984 stirbt. „Rayuela“ ein surreales, kreatives Romanexperiment, ist trotz seines hohen Anspruchs eines der meistverkauften (und hoffentlich auch meistgelesenen) Bücher Südamerikas.

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LITERARISCHE ORTE: Beat it like Karlsruhe.

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Danger – Portrait von William S. Burroughs vor dem Odéon Theater, Paris 1959 Courtesy „The Barry Miles Archive“ © Foto: Brion Gysin, Naked Lunch Serie, Paris, Oktober 1959

Wer träumt manchmal nicht davon, sich einfach in ein Auto oder den nächsten Zug zu setzen und auf und davon zu brausen? Ohne Ziel, sehen, wohin einen die Straße bringt. Alle Grenzen sprengen, Konventionen hinter sich lassen – frei sein von Terminen, Zwängen, Druck, Anforderungen. Ich jedenfalls schon. Wenn die Mühlen des Alltags sehr, sehr mürbe mahlen, dann bietet zumindest die Literatur eine Chance auf kleine Fluchten. Und dabei erst recht die der „Beat Generation“: Autoren und Künstler, die diese Freiheit lebten – ohne Kompromiss und auch bereit, jeden Preis dafür zu zahlen.

Einer der bekanntesten Schriftsteller dieser Strömung ist Jack Kerouac, der Roman, der für die Beat Generation steht, ist „On the road“. Er tippte das Buch wie im Rausch und ohne Atempause, klebte ein Blatt an das andere, um in seinem Schreibfluss nicht unterbrochen zu werden. Das 36 Meter lange Manuskript ist nun Kernstück einer Ausstellung zur „Beat Generation“, die zuerst im Centre Pompidou in Paris zu sehen war und jetzt noch bis Ende April im ZKM (Zentrum für Kunst und Medien) Karlsruhe zu besuchen ist.

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Corso, Grégory There is No More Street Corner… ,1960 Poem, unveröffentlichtes Manuskript. 200 x 200 cm © DR photo: © Archives Jean-Jacques Lebel

Das zog mich on the road, auf die Straße nach Karlsruhe – wenn auch mit einer Portion Skepsis im Gepäck. Kann man eine kulturelle Strömung, die so lebendig, weil sie subversiv, anarchistisch, verspielt war, museal präsentieren? Die beinahe schon sakrale Überhöhung, die den DADA-Objekten bei der Jubiläumsausstellung im vergangenen Jahr in Zürich zukam, nahm viel von der Lebendigkeit des Dadaismus weg. Das Wilde ging in Erstarrung über. Und auch Jack Kerouac, Allen Ginsberg und William S. Burroughs – das bekannte Dreigestirn der Beat Generation – sind vor Vereinnahmung nicht sicher. Sage und schreibe 5,5 Millionen Dollar soll ein New Yorker vor einigen Jahren bezahlt haben, als das Kerouac-Manuskript bei Christie`s unter den Hammer kam. Immerhin stellte der gutbetuchte Literaturliebhaber es nun für die Ausstellung – die erste umfassende Retrospektive zum Beat in Europa – zur Verfügung.

Gleich vorneweg: Die Befürchtungen vor zu viel „Musealisierung“ waren unbegründet. Nur wenige „Kultgegenstände“ – so Kerouacs Manuskript und die Underwood von William S. Burroughs – hinter Glas, dafür eine Präsentation im Rhythmus des Beat: Den Besucher überrascht eine Flut von Sinneseindrücken: Überall hängen scheinbar freischwebende Leinwände im Raum. Musik, Stimmen, Bilder vermischen sich zu einer eigenartigen Kakophonie, die in sich schon wie ein Werk der Beat Generation wirkt.

Vor allem durch das Medium Film und Fotografie folgen die Ausstellungsmacher dem Weg der „Beatniks“, zeichnen geographisch die Stationen dieser kulturellen Gegenbewegung nach. Wegweisende Orte und Länder sind die USA mit New York und San Francisco, sind Mexiko und Algier, London und Paris. Der Besucher ist selbst gefordert, bei dieser Reise mit der Beat Generation dem Lebensgefühl dieser Künstler auf den Grund zu gehen – Gedichttexte, Romanauszüge, Fotografien, Filme, vor allem aber das gesprochene Wort transportieren den Sound des Beat. Dabei wird offenbar, dass zu den Beat-Protagonisten weitaus mehr Künstler gehörten als das bekannte „Dreigestirn“ Kerouac, Ginsberg und Burroughs. Und dass die Welle mehr erfasste als ausschließlich die Literatur – das Lebensgefühl schlug sich in Fotografie, Bildender Kunst, Film, Musik nieder, wurde zum Gesamtkunstwerk.

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Neal Cassady, Los Gatos, Californie, 1962 Silbergelatineabzug (2016) 20 x 20 Centre Pompidou, MNAM-CCI, Bibliothèque Kandinsky, Fonds Sottsass © Adagp, Paris, 2016 photo: © Centre Pompidou, MNAM-CCI, Bibliothèque Kandinsky, Fonds Sottsass

Natürlich ist in der Ausstellung auch Ginsbergs Gedicht „Howl“ zu hören: Dieser Aufschrei, das „Geheul“, bringt das Gefühl einer Generation zum Ausdruck, die im amerikanischen Kapitalismus der 1950er Jahre zu den ausgeschlossenen gehörte, zugleich aber auch gegen jede Vereinnahmung rebellierte. Sie war auf der Suche nach neuen Bewegungen – durchaus auch sozial geschlagen („beat“), aber ebenso den eigenen Rhythmus, die eigene Bewegung, den eigenen Beat angebend.

Dieses Aufbegehren kommt gerade durch die moderne multimediale Präsentation gut zum Ausdruck, zeigt auch, wie genresprengend und experimentierfreudig die Künstler der Beat Generation waren. Jean-Jacques Lebel, einer der Kuratoren der Ausstellung, hat einige der Protagonisten hautnah erlebt, ist der Strömung verbunden geblieben – das macht sich bemerkbar. Der französische Künstler lernte Allen Ginsberg, William Burroughs, Brian Gysin und andere im „Hotel Beat“ im Pariser Quartier Latin kennen.

„Die Pariser Zeit war von fundamentaler Bedeutung für die Geschichte der Beat Generation. Ginsberg schrieb die erste Version seines berühmten „Kaddish“-Gedichts auf einer Café-Terrasse am Montparnasse und im „Beat Hotel“. Und es ist schon sehr merkwürdig, dass vor allem die akademische Forschung in den USA das nie erwähnt. Insofern sehe ich es als eine Art poetische Rache, dass diese Ausstellung jetzt in Paris zu sehen ist.“

Jean-Jacques Lebel, Quelle: Deutschlandfunk

„Es gibt überall doch nur noch Blut, Massaker, Schrecken. Krieg und Brutalität sind eine Art Normalzustand geworden. Die Beat Generation mit ihrer entschieden anti-militaristischen Poesie, ihrem Internationalismus und Anti-Nationalismus, ihrer Vision eines kollektiven Unbewussten – diese kreative, rebellische, subversive Beat Generation kann da vielleicht ein wenig Hoffnung geben.“

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Gysin, Brion Calligraphie, 1960 Tusche auf Papier Marouflage auf Leinwand 192 x 282 Collection Galerie de France © Galerie de France © Jonathan Greet / Archives Galerie de

Zwar unterscheidet sich die Karlsruher Präsentation in einigen Punkten von der Pariser Ausstellung – beispielsweise ist hier nicht das Zimmer Nr. 25 aus dem „Beat Hotel“ zu sehen, dafür wird auf die Einflüsse, den die Beat Generation auf deutsche Dichter und Autoren hatte, eingegangen – aber auch im Badischen wird seit jeher der Beat gepflegt, wurden in den vergangenen Jahren William S. Burroughs und Allen Ginsberg Ausstellungen gewidmet.

Auch in den „Stuttgarter Nachrichten“ wird in einem ausführlichen Beitrag über die Ausstellung auf die gegenläufige Kraft der Beat Generation und ihren Stellenwert heute aufmerksam gemacht:

„Ginsbergs Langgedicht „Howl“ (1956), Kerouacs Reiseerzählung „On The Road“ (1957) und Burroughs psychedelische Groteske „Naked Lunch“ (1959) schrecken das Amerika der McCarthy-Ära auf und stehen heute noch für eine Gegenkultur, deren rebellische Kraft im neuen Trump-Amerika dringender denn je gebraucht wird.“

Man beachte in dem Artikel auch den Auftritt von Ernst Jandl – einer der überraschenden Bezüge, die mir die Ausstellung ebenfalls bot: „Auf der Durchreise“, Stuttgarter Nachrichten, 20. Januar 2017.

Zwar ist nun Karlsruhe, die „Residenz des Rechts“ weitaus weniger denn Paris als Hort der Revolution bekannt – aber wer in diesen Zeiten, die geprägt sind von politischem Revanchismus und Nationalismus, etwas rebellische Luft tanken will, der mache sich auf den Weg ins ZKM.

Alle Bilder zur Verfügung gestellt im Pressebereich des ZKM.

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Henry James: „Die Europäer“ und „Die Gesandten“

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Bild: (c) Michael Flötotto

Es mag ein Zufall gewesen sein, aber zum 100. Todestag von Henry James veröffentlichten zwei Verlage zwei Romane in neuer Übersetzung, die am Anfang und Ende seines Schaffens stehen – und einen thematischen Kreis schließen. Zu Beginn seiner Karriere lässt Henry James die Europäer in die Vereinigten Staaten kommen – gegen Ende suchen die Amerikaner in Europa ihr Glück und verlieren dabei die Orientierung.

„Die Europäer“, beim Manesse Verlag erschienen, ist ein luftig-leichtes Frühwerk. Eher ein Appetithäppchen, das die Neugier erweckt auf die späteren Bücher des Amerikaners, der ein Lebensthema hatte: Das Aufeinanderprallen der „alten“ und der „neuen“ Welt. Das amüsante Wechselspiel um einige Amouren und Aufeinanderprallen der Kulturen zeigt den Stil von Henry James bereits in den Grundzügen: Er forscht in den Regungen der Seele – auch wenn sein gestrenger Bruder William, berühmter Psychologe seiner Zeit, den Roman als „leer“ verurteilte. „Die Europäer“ erinnert – insbesondere durch den eloquenten Einsatz von Dialogen – an ein Stück von Oscar Wilde: Locker, luftig, leicht und amüsant.

„Die Gesandten“ dagegen, sein vorletzter Roman und in neuer Übersetzung durch Michael Walter beim Hanser Verlag erschienen, ist von ganz anderem Gewicht: Ein Amerikaner kommt nach Paris, um dort die Mesalliance eines jungen Mannes aus seiner Heimat mit einer Dame von zumindest angekratztem Ruf zu verhindern – der Herr in den besten Jahren verliert jedoch in der Alten Welt bald auch sein inneres Gleichgewicht: Paris, das ist so ganz anders, als Lambert Strether es sich in seiner amerikanisch-puritanischen Haltung vorstellen konnte. Strether beginnt sich selbst zu fragen, ob sein eigenes Leben nach den richtigen Prinzipien ausgerichtet ist.

Die „Europäer“ erschien zuerst 1878 in The Atlantic Monthly, im Herbst 2015 beim Manesse Verlag in neuer Übersetzung durch Andrea Ott. Mit seinem locker-leichten Ton, mit den ironischen Seitenhieben auf die neureiche Neue Welt und den abgewirtschafteten Adel der Alten Welt, mit seinen Dialogen wie Ping-Pong-Spielen und den amourösen Verwicklungen ist es ein leichtes Lesevergnügen und wartet mit reichlich viel Happy-Endings auf: Vier Hochzeiten und eine Abreise. Ausgerechnet Eugenia, die „Edelgeborene“, die sich einen wohlhabenden Amerikaner angeln wollte, geht leer aus.

James konstruiert in diesem Roman einen „clash der Kulturen“ – im eigentlichsten Sinne. Denn Eugenia und ihr malender Bruder Felix, mittellos und auf gute Partien hoffend, sind ganz der Kunst, auch der Kunst des Salongesprächs, zugeneigt – vor allem bei Eugenia weiß selbst der Leser nie ganz genau, worauf sie bei ihren Geplänkeln hinaus will. Am Ende verstrickt sie sich in ihren eigenen verbalen Fäden. Hier die überfeinerten Europäer – dort die puritanischen, grundehrlichen Amerikaner, die jedoch eines nicht können: Über ihre eigenen Gefühle und Stimmungen reflektieren, Innenschau halten. Auf diesem Gegensatz beruht dieser amüsante Roman.

Gustav Seibt schreibt in seinem Nachwort zur Manesse-Ausgabe:

„Der ästhetisch-kulturelle Gegensatz zwischen Europa und Amerika bleibt als historisches Thema bedeutend genug – die Frage nach dem Verhältnis von Vorgänger- und Nachfolgerkulturen wird die globalisierte Welt auch in Zukunft begleiten. Und wie wenig James, bei aller Liebe zu den Künstlern Europas, den amerikanischen Standpunkt verleugnet, zeigt sich etwas in dem stolzen Satz von Mr. Wentworth, der, auf den fürstlichen Stand seiner Cousine Eugenia angesprochen, knapp erklärt: „Hierzulande sind wir alle Fürsten.“ 

Thematisch ähnlich, doch deutlich komplexer ist das von Michael Walter für den Hanser Verlag neu übersetzte Werk „Die Gesandten“, das 1903, ebenfalls zunächst als Vorabdruck in einer Zeitschrift, erschien. Das Buch ist eine Herausforderung an die Leser: Ein echter Henry James. Es lebt von präzis-minutiöser Erforschung des Innenlebens seiner Protagonisten und doch bleibt manches unausgesprochen, verharrt in Andeutungen, vieles erklärt sich nur vage an kleinen Handlungen, Äußerungen, in Nuancen.

Der biedere Herausgeber einer Zeitschrift, Lewis Lambert Strether, aus dem Städtchen Woollett (Massachusetts) soll den Sohn der ebenfalls sehr biederen Witwe Mrs. Newsome nach Hause holen: Jung-Newsome lebt in Paris, ist in eine amouröse Geschichte mit einer klugen, charmanten Französin namens Madame de Vionnet verstrickt und denkt gar nicht daran, sich wieder in die Eintönigkeiten amerikanischen Kleinstadt- und Geschäftslebens zu fügen. In den Augen der gestrengen Mrs. Newsome (und zunächst auch in Strethers Auffassung) hat Madame de Vionnet ein ganzes Bündel an Fehlern: Sie ist um einige Jahre älter, verheiratet und zudem mit einer hübschen Tochter gesegnet. Obwohl zutiefst unglücklich, ist die Ehe mit einem Adeligen, die nur noch auf dem Papier besteht, nicht auflösbar. Überkommener Adelcodex trifft auf amerikanischen Puritanismus.

Strether, der selbst an eine Verbindung mit Mrs. Newsome denkt, ist zunächst guter Dinge, seinen Auftrag bewältigen zu können – und scheitert. Denn seine „Pariser Erfahrungen“ führen ihn zu ganz zentralen Fragen an sich selbst, zu einer Auseinandersetzung mit seinem Leben. Bei einer Unterhaltung mit einem jungen, unsicheren Mann, den er in der Hauptstadt der Liebe kennenlernt, bricht es plötzlich aus dem rechtschaffenen Amerikaner heraus:

„Leben Sie, so intensiv Sie können; alles andere ist ein Fehler. Was Sie tun, spielt eigentlich keine große Rolle, solange Sie ihr eigenes Leben leben. Wenn Sie das nicht gelebt haben, was haben Sie dann überhaupt gehabt?“ 

Verbunden mit dem temperamentvollen Appell an den jüngeren Mann ist jedoch die melancholische Einsicht, dass für ihn selbst, den 55jährigen, der Zug wohl schon abgefahren ist – und dennoch kehrt Strether am Ende des Romans nach Hause zurück. Allerdings ist er nicht mehr derselbe, wie der Abschied von einer amerikanischen Freundin in Paris am Ende des Romans verdeutlicht.

„Es brachte sie zurück auf ihre unbeantwortet gebliebene Frage. „Was erwartet Sie denn zu Hause?“
„Ich weiß es nicht. Irgendetwas gibt es immer.“
„Eine große Veränderung“, sagte sie, während sie seine Hand festhielt.
„Eine große Veränderung – ganz ohne Zweifel. Trotzdem werde ich sehen, was sich daraus machen lässt.“

Maike Albath, eine ausgezeichnete Kennerin von Henry James` Werk, schreibt über „Die Gesandten“:

„Hier klingt ein weiteres zentrales Motiv von Henry James an, das er in vielen Romanen variiert: das des verpassten Lebens. Gründe dafür können Zaghaftigkeit, emotionale Taubheit, aber auch wirtschaftliches Kalkül sein, wie in seinem groß angelegten Fresko „Die Flügel der Taube“, in dem Berechnung schließlich jede tiefere Gefühlsregung verfälscht und Verstellung eine fatale Dynamik entwickelt. In seinem ausführlichen Nachwort, das in dieser Ausgabe zum ersten Mal auf Deutsch erscheint, erzählt der Autor, wie er 1895 über einen Freund von einem älteren Gentleman hörte, der einen jungen Mann vor der Gefahr des Verzichts warnte.“ 

Ihr Artikel verknüpft Kenntnis des Werks und der Biographie des Autors geschickt. Wer sich Henry James annähern will, findet hier eine gute Quelle: http://www.deutschlandfunk.de/buch-der-woche-henry-james-die-gesandten.700.de.html?dram:article_id=346874 

Auch heute noch, in einer globalisierten Welt, in der durch die digitalen Medien scheinbare Nähe aufgebaut wird, wirken die Romane Henry James in ihrem Kernthema – Alte Welt versus Neue Welt – eigenartig modern. Die jüngsten Präsidentschaftswahlen haben dies vielleicht einmal mehr gezeigt, wie wenig wir von den Vorgängen in den USA und der amerikanischen „Seele“ wissen. James, der sich selbst zeitlebens in Europa wohler fühlte, hätte das Erstaunen der Europäer über Trumps` Wahl vielleicht mit einem Schulterzucken und einem wissenden, müden Lächeln quittiert. Immer wieder hat er in seinen Büchern versucht, die Masken zu lüften – und immer wieder doch auch aufgezeigt, wie vieles die alte von der neuen Welt trennt.

Verlagsinformationen zu „Die Europäer“:
https://www.randomhouse.de/Buch/Die-Europaeer/Henry-James/Manesse/e483140.rhd

Verlagsinformationen zu „Die Gesandten“:
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/die-gesandten/978-3-446-24917-2/


„Es war allerdings ein Leichtes, nicht zu sprechen, wo die eigentliche Schwierigkeit doch darin lag, Worte zu finden.“

Henry James, „Die Kostbarkeiten von Poynton“, Manesse Verlag, 2017.

Henry James ist einer dieser Schriftsteller, die nie ganz weg, aber auch nie ganz da sind – wohl jeder, der sich mit englischsprachiger Literatur befasst, wird eines seiner bekanntesten Werke, sei es „Die Drehung der Schraube“, „Portrait of a Lady“ oder „Washington Square“ gelesen haben. Doch die gesamte Fülle seines Werks harrt immer noch einer angemessenen Übertragung ins Deutsche.
Umso mehr muss man anerkennen, dass beim Manesse Verlag seit einiger Zeit nach und nach einiger seiner Werke in hervorragender neuer Übersetzung erscheinen – und darunter, so wie nun mit „Die Kostbarkeiten von Poynton“, durchaus nicht nur die oben genannten, bereits berühmten Titel, sondern auch ein Roman, der zu den weniger bekannten Stücken aus James` Gesamtwerk zählt.

Wie Alexander Cammann in seinem Nachwort herausarbeitet, bildet dieses Buch eine Art Zäsur im Schaffen des amerikanischen Schriftstellers. Mit dem Krebstod seiner Schwester Alice, dem Tod seines Brieffreundes Robert Louis Stevenson und dem Suizid seiner Seelenverwandten Constance Fenimore Cooper hatte Henry James innerhalb kürzester Zeit seine engsten Vertrauten verloren, dazu kam sein öffentliches Scheitern als Bühnenautor. Seine Reaktion: Er setzt sich mit seinem eigenen Schaffen auseinander, beginnt wieder an einem Roman zu schreiben: „Ich gedenke, weit bessere Arbeit zu leisten als je zuvor.“

An dem 1896 erstmals veröffentlichten Poyntoner Kostbarkeiten werden sich die Geister scheiden: Wer sich mit dem Stil von Henry James, der zugegebenermaßen wenig „actionreich“ ist, sowieso nicht anfreunden kann, der wird das Buch entnervt zur Seite legen. Andere finden darin jedoch ihren vollen Genuss.

Im Grunde ist die Geschichte etwas Schall, sehr viel Rauch – Rauch, in dem das vermeintliche Objekt der Begierde, ein mit Devotionalien vollgestopftes Haus, am Ende in Flammen aufgeht. Eine unerwartete Pointe für eine Erzählung, die jedoch um einen ganz anderen Kern kreist: Die Unfähigkeit der beteiligten Personen, die (selbstauferlegten) Grenzen der Konvention, der öffentlichen und der gefühlten Moral abzulegen und ihrem eigentlichen Bedürfnissen und Gefühlen nachzugeben. Am Ende liegt alles buchstäblich in Schutt und Asche – auch das Lebensglück eines verliebten Paares, das nicht fähig ist zu können, wie es wollen sollte.

Nikolaus Stingl hat in seiner Übersetzung die leisesten Schwingungen und Untertöne, die Henry James seinen Figuren bei diesem dialoghaltigen Roman in den Mund legt, hervorragend aufgenommen. James, der souveräne „Menschenautor“, lässt einem jede feinziselierte Seelenregung seines Personals nachvollziehen, obwohl niemals direkt das ausgesprochen wird, was eigentlich gemeint ist – auch das macht die Lektüre insbesondere seines Spätwerks, das durch „Die Kostbarkeiten von Poynton“ eingeläutet wurde, zu einem herausfordernden Genuss.

Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.randomhouse.de/Buch/Die-Kostbarkeiten-von-Poynton/Henry-James/Manesse/e450014.rhd

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Richard Lorenz: Frost, Erna Piaf und der Heilige

Richard Lorenz – Frost, Erna Piaf und der Heilige (2016)

Dass auch Penner in den Himmel kommen, ist eine der vielen Erkenntnisse, die man aus Richard Lorenz‘ melancholischen Roman Frost, Erna Piaf und der Heilige ziehen kann. Denn für Richard Lorenz sind es die Gestrauchelten, für die sein Herz schlägt, die Obdachlosen, die für die Gesellschaft ihr Menschsein eingebüßt haben, nur noch als Kreaturen wahrgenommen werden, an denen man zügig vorbei geht. Lorenz macht sie zu Königinnen und Königen, nimmt ihnen das Geisterhafte und gibt ihnen einen Charakter und damit auch ihre Würde zurück. Was ein harter realistischer Enthüllungsroman hätte werden können, entblättert sich aber nach völlig eigenen literarischen Gesetzen. Hart und realistisch ist der Roman durchaus, aber seine etwas versponnene und humorvolle Sprache lenkt den Text frontal in unser Gewissen, ohne freilich moralisierend zu sein, und dorthin, wo die Gefühle herkommen. Kaum eine Seite geht vorüber, ohne dass man entweder über verblüffende Sätze oder aber kluge Anekdoten staunt. Diese Fülle an Lebensweisheit und Staunenswertem sowie die Tatsache, dass man einen Großteil davon recht schnell wieder vergisst, bewirken eine beinahe traumähnliche Leseerfahrung.

Anderes Thema: Liebesgeschichten laufen ja meist nach demselben Schema ab: Rauschhafter Beginn …, großes Liebesglück …, die Tragödie! Jedoch schreiben auch einige wenige ernstzunehmende Autoren von Liebesromanen diese ewige Geschichte rückwärts. So etwa Nathaniel Hawthorne in Das Haus der sieben Giebel und jetzt Richard Lorenz in Frost, Erna Piaf und der Heilige.

Lorenz‘ Roman beginnt kuriositätenreich in der Kindheit des Protagonisten Frost, einem einsamen, verträumten Jungen, dessen Gedichte Sterbenden helfen, leichter ihre Welt der Qualen zu verlassen. Als Erwachsener arbeitet er in einem nicht ganz alltäglichen Hospiz, einem Sterbehaus für die Armen, ganz ohne Zimmerpalmen und Fahrstuhlmusik. Hier erhalten die Verlorenen die Schmerzmittel, die ihnen den letzten Gang erleichtern sollen, aber auch den Respekt, der ihnen auf der Straße verwehrt bleibt. Es ist eine finstere Kulisse, die Richard Lorenz, dieser Poet der gefallenen Engel, da entwirft. Leiden und Tod sind allgegenwärtig zwischen diesen Wänden. Und Frost hat die Fähigkeit, lindernde Gedichte zu erschaffen, als Erwachsener längst verloren.

Und dann kommt Amelie. Wir finden sie nicht im namenreichen Titel des Romans, aber sie ist der geheime Motor der Geschichte. In ihrem eigenen Leben völlig orientierungslos, ist sie aber immer zum richtigen Zeitpunkt dort, wo man gar nicht wusste, dass man sie braucht.

Die Liebesgeschichte zwischen Frost und Amelie beginnt zaghaft und erfüllt sich erst während jener grotesken Pilgerreise, die die beiden zusammen mit den beiden Obdachlosen Erna Piaf (der heimlichen Tochter von Edith) und dem Heiligen (der seit Jahren behauptet, so krank zu sein, dass er jeden Moment sterbe) nach Paris führt, dem Shangri-La der Heimatlosen. Glück und Zuversicht strömen in die eisige Dunkelheit und beschließen ein Buch der Menschlichkeit.

Frank Duwald

Frank Duwald schreibt seit 1987 über Literatur. Auf seiner Seite dandelion | abseitige Literatur bespricht er vorwiegend Romane und Erzählungen jenseits des Mainstream.

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Ernest Hemingway: Paris, ein Fest fürs Leben

„Paris hat kein Ende, und die Erinnerung eines jeden Menschen, der dort gelebt hat, ist von der jedes anderen verschieden. Wir kehrten immer wieder dorthin zurück, ganz gleich, wer wir waren oder wie es sich verändert hatte, oder unter welchen Schwierigkeiten oder mit welcher Mühelosigkeit man hingelangen konnte. Paris war es immer wert, und man bekam den Gegenwert für alles, was man hinbrachte. Aber so war das Paris unserer ersten Jahre, als wir sehr arm und sehr glücklich waren.“

Ernest Hemingway, „Paris – ein Fest fürs Leben“, Rowohlt Verlag.

Wenn es eine Hymne auf das Paris der 20er-Jahre, das Paris der amerikanischen Bohème zu dieser Zeit, auf das Leben, die Liebe und die Literatur gibt, dann ist es wohl dieses Buch: „Paris – ein Fest fürs Leben“. Ernest Hemingway beschreibt darin seine Pariser Jahre von 1921 bis 1926: Ein junger Schriftsteller mit dem eisernen Willen zum Erfolg, vom Ehrgeiz getrieben, vom Staunen überwältigt. Mit Hadley, seiner ersten Frau, und dem Baby Bumby lebt er arm, aber glücklich. Streunt durch die Stadt, auf der Suche nach gelebter Literatur – und stößt so auch auf „Shakespeare and Company“:

„Damals hatten wir kein Geld, um Bücher zu kaufen. Ich borgte mir Bücher aus der Leihbibliothek von Shakespeare and Company; das war die Bibliothek und der Buchladen von Sylvia Beach in der Rue de l`Odéon 12. Auf einer kalten, vom Sturm gepeitschten Straße war hier im Winter ein warmer, behaglicher Ort mit einem großen Ofen, mit Tischen und Regalen voller Bücher, mit Neuerscheinungen im Fenster und Fotografien berühmter Schriftsteller, sowohl toter wie lebender, an der Wand. (…)
Als ich zum ersten Mal den Buchladen betrat, war ich sehr schüchtern, und ich hatte nicht genügend Geld bei mir, um der Leihbibliothek beizutreten. Sie sagte mir, dass ich den Beitrag jederzeit, wenn ich Geld hätte, bezahlen könnte, und stellte mir eine Karte aus und sagte, ich könnte so viele Bücher mitnehmen, wie ich wollte.“

In den Erinnerungen, die zwar erst posthum veröffentlicht wurden, ist nachzuspüren, wie Hemingway zunächst mit beinah großen Augen im Salon der Gertrude Stein sitzt und das „spezielle“ Pariser Flair aufsaugt. „Endlich angekommen!“, scheint er den Lesern in den ersten Kapiteln zu erklären. Selbst die Probleme werden eher poetisch verbrämt:

„Aber Paris war eine sehr alte Stadt, und wir waren jung, und nichts war dort einfach, nicht einmal Armut noch plötzliches Geld, noch das Mondlicht, noch Recht und Unrecht, noch das Atmen von jemand, der neben einem im Mondlicht lag.“

Willi Winkler schrieb dazu in der Süddeutschen Zeitung:
„Vom Glück, vom reinen, kindlichen Glück handelt dieses Buch, und es teilt sich jedem Leser mit, der mit dem jungen Autor in einem noch nicht fashionablen Viertel aufwacht, wenn die Sonne die nassen Fassaden der Häuser trocknet.“

Hemingway schwärmt von den Begegnungen, ist überwältigt, gibt seiner fast ehrwürdigen Bewunderung – vor allem für Joyce – ihren Raum. Nur nach und nach wandelt sich der Ton, kommt der spätere, ältere, großmäuligere „Hem“ durch. Beispielsweise in den Kapiteln zu seinem wohl engsten Schriftstellerfreund F. Scott Fitzgerald. Hemingway geht wenig gnädig mit dessen Ehefrau Zelda um, nimmt den Kumpel spürbar in Schutz.

„Damals kannte ich Zelda noch nicht, und deshalb wusste ich nicht, mit welchem Handicap er belastet war. Aber wir sollten es bald genug kennenlernen.“

„Zelda hatte einen furchtbaren Kater. Am vergangenen Abend waren sie in Montmartre gewesen und hatten sich gezankt, weil Scott sich nicht betrinken wollte. Er hatte beschlossen, so erzählte er mir, ernsthaft zu arbeiten und nicht zu trinken, und Zelda behandelte ihn, als ob er ein Störenfried und Spielverderber wäre.“

Jedoch – auch wenn bei Veröffentlichung des Paris-Buches Fitzgerald bereits lange verstorben war – manches erscheint wie ein posthumer kleiner Verrat an der Freundschaft, wie purer Klatsch, wenn auch auf literarischem Niveau. So die Episode „Eine Frage der Maße“, als Fitzgerald Hemingway in einer Bar gesteht, Zelda habe ihm seine körperliche Ausstattung vorgeworfen.

 „Komm raus, ins Büro“, sagte ich.
„Wo ist das Büro?“
„Das WC.“

Wir kamen zurück und setzten uns wieder an unseren Tisch.
„Du bist völlig in Ordnung“, sagte ich. „Du bist okay. Dir fehlt überhaupt nichts.“

Trotz solcher Aus- und Abschweifungen: „Paris, ein Fest fürs Leben“ ist ein must-read. Auch eine wichtige Quelle für all jene, die aus dem Blickwinkel eines der wichtigsten Autoren den literarischen Aufbruch in die Moderne miterfahren wollen.
„Dieses Buch ist nicht nur ein herausragendes literarisches Werk, sondern auch ein Schlüsseltext zur Kulturgeschichte der Moderne. Das legendäre Paris der zwanziger Jahre ist in dieser Prosa wie in klaren Bernstein gebannt. Und es ist ein grandioses Porträt des Künstlers als junger Mann.“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung).
Hemingway hatte seine Pariser Aufzeichnungen aus den 20er-Jahren bei einem späteren Aufenthalt im Pariser Ritz 1956 wiederentdeckt und begann mit den Überarbeitungen seiner handschriftlichen Notizen. Dies zog sich über mehrere Jahre bis zu seinem Suizid hin. Das Buch wurde letztendlich von seinem Literaturagenten und seiner vierten Ehefrau Mary noch vollständig editiert und 1964 veröffentlicht. Aus diesem Gesichtspunkt werden die Pariser Episoden auch zu den wehmütigen Erinnerungen eines älteren, kranken Mannes, an eine Zeit, als noch alles möglich schien:

„Ich habe dich gesehen, du Schöne, und jetzt gehörst du mir, auf wen du auch wartest und wenn ich dich nie wiedersiehe, dachte ich. Du gehörst mir und ganz Paris gehört mir, und ich gehöre diesem Notizbuch und diesem Bleistift.“

Hemingway, der trotz seiner Macho-Attitüde, dieser Jäger- und Kumpel-Fassade, wohl ein weicher, zerbrechlicher Mensch war, von ständigen Selbstzweifeln geplagt, gerade was sein Schreiben anbelangt, erzählt in diesem Buch noch aus der Perspektive eines literarischen „Frischlings“, der lernen und Erfahrungen sammeln will. Und vor allem einen Helden verehrt – seine erste schüchterne Frage an Sylvia Beach lautet denn auch:

 „Wann kommt Joyce her?“

Es dauert, bis er mit dem Schriftsteller, den er – wie so viele andere dieses Zirkels, siehe Sylvia Beach und Djuna Barnes, – vergöttert und verehrt, kennenlernt. Zunächst kann er ihn nur durch ein Fenster betrachten. Wie ein Kind, das sich am Süßwarenladen die Nase plattdrückt:

„Wir waren vom Gehen wieder hungrig, und Michaud war für uns ein aufregendes und ein teures Restaurant. Dort aß Joyce damals mit seiner Familie. Er und seine Frau an der Wand – Joyce hielt die Speisekarte in einer Hand in die Höhe und beäugte die Speisekarte durch seine dicken Brillengläser, Nora neben ihm, ein herzhafter, aber wählerischer Esser, Giorgio dünn, geziert, mit gestriegeltem Hinterkopf, Lucia mit schönem, lockigem Haar, ein noch nicht ganz erwachsenes Mädchen. Sie sprachen alle Italienisch.“

Trotz der Verehrung für Joyce – der Ire wird in dem Buch nur an wenigen Stellen erwähnt, während anderen literarischen Größen, denen Hemingway begegnet, ganze Kapitel und Absätze gewidmet sind: Gertrude Stein, Sherwood Anderson, Ezra Pound und Fitzgerald sowieso. Vielleicht – aber dies ist reine Spekulation – eine Art selbstschützende Schreibhemmung: Um den verehrten Literaturgott nicht durch die falschen Worte vom Sockel zu holen. Dabei haben Hemingway und Joyce durchaus ihre gemeinsamen Erlebnisse gehabt. In einer Anekdote heißt es, Joyce, ein „kleiner, dünner, unathletischer Mann“, habe sich, wenn er und sein Trinkkumpel Hemingway in eine Kneipenschlägerei gerieten, hinter „Hem“ versteckt. Um aus sicherer Position den Amerikaner anzufeuern: „Deal with him, Hemingway, deal with him!“.

Was zumindest gesichert ist: Beide, sowohl Hemingway als auch Joyce, hatten schwerwiegende Alkoholprobleme mit gesundheitlichen, psychischen wie physischen Folgen. Das Paris der 20er-Jahre war ein Fest fürs Leben. Der Preis dafür würde später bezahlt.

Anna Seghers: Transit

„All diese alten, schönen Städte wimmelten von verwilderten Menschen. Doch es war eine andere Art von Verwilderung, als ich geträumt hatte. Eine Art Stadtbann beherrschte diese Städte, eine Art mittelalterliches Stadtrecht, jede ein anderes. Eine unermüdliche Schar von Beamten war Tag und Nacht unterwegs wie Hundefänger, um verdächtige Menschen aus den durchziehenden Haufen herauszufangen, sie in Stadtgefängnisse einzusperren, woraus sie dann in ein Lager verschleppt wurden, sofern das Lösegeld nicht zur Stelle war oder ein fuchsschlauer Rechtsgelehrter, der bisweilen seinen unmäßigen Lohn für die Befreiung mit dem Hundefänger selbst teilte. Daher gebärdeten sich die Menschen, zumal die ausländischen, um ihre Pässe und ihre Papiere wie um ihr Seelenheil.“

Anna Seghers, „Transit“, 1944

Ich könnte aus diesem Roman so vieles zitieren – und alles wäre hochaktuell. Jedes Zitat weckt Assoziationen zur Jetzt-Zeit. Schiffe voller Flüchtlinge, die sinken. Das Warten in den Städten am Meer auf die nächste Möglichkeit zur Reise. Das Ringen um Papiere, Visen, Aufenthaltsgenehmigungen, die Erlaubnis zur Weiterreise. Flüchtlingsgespräche:

„Welchen Zweck soll das haben, Menschen zurückzuhalten, die doch nichts sehnlicher wünschen, als ein Land zu verlassen, in dem man sie einsperrt, wenn sie bleiben?“

„Mein Sohn, weil sich alle Länder fürchten, daß wir statt durchzuziehen, bleiben wollen. Ein Transit – das ist die Erlaubnis, ein Land zu durchfahren, wenn es feststeht, daß man nicht bleiben will.“

Aber vor allem immer auch: Die Ungewissheit, wohin es einen verschlägt. Was werden wird, wenn man überlebt. Was übrigbleibt vom alten Leben. Was mit denen ist, die man verlassen musste.

„Dreimal bin ich geschlagen worden, dreimal gesteinigt, dreimal hab ich Schiffbruch erlitten, Tag und Nacht zugebracht in der Tiefe des Meeres, in Gefahr gewesen durch Flüsse, Gefahr in den Städten, Gefahr in der Wüste, Gefahr auf dem Meere.“

„Alles war auf der Flucht, alles war nur vorübergehend, aber wir wußten noch nicht, ob dieser Zustand bis morgen dauern würde oder noch ein paar Wochen oder Jahre oder unser ganzes Leben.“

„Und wenn mein Leben vorerst nichts sein sollte als ein Herumgeschleudertwerden, so wollte ich wenigstens in die schönsten Städte geschleudert werden, in unbekannte Gegenden.“

Anna Seghers hat den Roman in den Winter 1940/41 angesiedelt: Nach der Invasion der Deutschen im Sommer 1940 flüchtet sie mit ihren Kindern aus Paris nach Marseille. Es gelingt ihr, Einreisegenehmigungen für Mexiko zu erhalten: 1941 besteigt sie mit ihrer Familie ein Schiff, dass sie in das rettende Land bringt. 1947 kehrt sie nach Berlin zurück. Ihr Roman „Transit“ ist da bereits in verschiedenen Sprachen erschienen, erstmals 1944 in englischer Sprache. Erst 1948 kommt er auch in deutscher Sprache heraus: Eine bewegende Darstellungen dessen, was Exil und Flucht für den Einzelnen bedeutend kann.

Allerdings ging es der Schriftstellerin „um mehr und anderes als um ein dokumentarisches Abbild der Realität jener Zeit“, betont Sonja Hilzinger 1993 in einem Nachwort in einer Ausgabe des Romans im Aufbau Verlag. „In diesem Roman stehen (…) das Schreiben, das Erzählen, die Aufgabe und die Verantwortung des Schriftstellers zur Diskussion.“ An Georg Lukács schreibt Seghers: „Diese Realität der Krisenzeit, der Krieg usw. muß (…) erstens ertragen, es muß ihr ins Auge gesehen und zweitens muß sie gestaltet werden.“

So ist „Transit“ zugleich ein Zeitdokument, das heute wieder an Aktualität gewinnt und eine literarisch anspruchsvolle und bewegende Erzählung. Anna Seghers stellt einen Ich-Erzähler in den Mittelpunkt, um den eine Vielzahl von anderen Figuren gruppiert ist: Alles Menschen auf der Flucht, Dutzende von Einzelschicksalen, für die das Exil vor allem eines bedeutet – Verlust. Verlust nicht nur in emotionaler und materieller Hinsicht, sondern auch an Würde und Solidarität. Die Flüchtlinge werden zur Nummer, deren Wert sich an ihren Papieren misst. Sie werden zu Opfern von „Fluchthelfern“, deren Geschäft die Not der anderen ist. Und aus den Opfern werden ebenfalls Täter: Sie lassen, um eines Stempels, einer Möglichkeit willen, andere im Stich, verkaufen und verraten Freunde und Angehörige.

Seghers nutzt wie in das „Das siebte Kreuz“ die Episodentechnik: So gelingt es ihr anhand der einzelnen Protagonisten ein umfassendes Bild der Existenzbedingungen im Exil zu zeichnen, aufzuzeigen, was das bedeuten kann, der Weg in die Emigration. Der immer auch ein Weg der Ent-Menschlichung ist. Wo der Wert eines Menschen an seinen Papieren gemessen wird, wie es Brecht in seinen „Flüchtlingsgesprächen“ zum Ausdruck bringt:

„Der Paß ist der edelste Teil von einem Menschen. Er kommt auch nicht auf so einfache Weise zustand wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustandkommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Paß niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird.“

Der Identitätsverlust kann noch weiter reichen – wie es Seidler, dem Ich-Erzähler, beinahe geschieht, bis hin zur Auflösung des eigenen Ichs. Seidler, ein antifaschistischer Arbeiter, gelangt in Paris durch Zufall an die Papiere eines toten Schriftstellers, dessen Identität er in Marseille (fast ebenso zufällig) annimmt. In der Hafenstadt verliebt er sich jedoch in Marie – die Frau jenes Schriftstellers, die mit einem anderen Mann auf Papiere und eine Schiffspassage wartet, zugleich jedoch auch auf den verstorbenen ehemaligen Geliebten. Seidler kann letztlich Marie zur Ausreise bewegen – er selbst bleibt zurück, um wenig später zu erfahren, dass das Schiff, auf dem Marie sich befand, im Atlantik versenkt wurde.

Doch, so Sonja Hilziger, der Erzähler lernt, die Transit-Welt und seine Rolle zu durchschauen: „So gelingt es ihm, seine Identität zu bewahren. Transit ist das Zeichen dieser Zeit im umfassenden Sinn; gemeint ist nicht nur das Papier, das Visum, sondern das Transitäre dieser Welt, in der jeder jeden im Stich läßt. Der Erzähler lernt, solidarisch zu handeln; die Grundform dieses sozial-kommunikativen Verhaltens ist das Zuhören.“

Ich wünschte mir, viele Menschen würden dieser Tage Erzählern der Emigration vergangener Tage zuhören.

Allen voran Anna Seghers.

„Ich aber, ganz elend von dem Transitgeflüster, ich staunte sehr, wenn ich derer gedachte, die in den Flammen der Bombardements und in den rasenden Einschlägen des Blitzkriegs zugrunde gegangen waren, zu Tausenden, zu Hunderttausenden, und viele waren daselbst auch zur Welt gekommen, ganz ohne Kenntnisname der Konsuln. Die waren keine Transitäre gewesen, keine Visenantragsteller. Die waren hier nicht zuständig. Und selbst wenn von diesen Unzuständigen einige sich bis hierher gerettet hatten, an Leib und Seele noch blutend, sich in dieses Haus hier doch noch geflüchtet hatten, was konnte es einem Riesenvolk schaden, wenn einige dieser geretteten Seelen zu ihm stießen, würdig, halbwürdig, unwürdig, was konnte es einem großen Volk schaden?“


Weitere Bücher von Anna Seghers:

„Aufstand der Fischer von St. Barbara“ (1928).

 „Über den Tisch weg sahen die Frauen in den Augen ihrer Männer ganz unten etwas Neues, Festes, Dunkles, wie den Bodensatz in Ausgeleerten Gefäßen.“

Als einer von außen, ein geübter Revolutionär, nach St. Barbara kommt, kommt  kurz Hoffnung auf – Hoffnung auf ein besseres Leben. Doch der Widerstand der Fischer und ihrer Familien, die für eine Reederei mit Monopolstellung für einen Hungerlohn arbeiten, wird gebrochen. Alles bleibt, wie es ist. Und dennoch: Trotz des Scheiterns hinterlässt diese schmale Erzählung den Eindruck einer Kraft, die nicht so schnell gebrochen werden kann.

Die Erzählung ist das erste Buch, mit dem Anna Seghers in die Öffentlichkeit trat. Wenig später erhielt sie für diese in nüchterner, spröder Sprache erzählten Geschichte eines gescheiterten Aufstandes den Kleist-Preis. Von den reaktionären Medien wurden Seghers und Hans Henny Jahn, 1928 Vertrauensmann der Kleist-Stiftung, heftig angegriffen, bei anderen traf sie auf großen Beifall: Mit ihrer Erzählung, die örtlich und historisch unbestimmt bleibt, erfasste sie eine Stimmung, die in der von Krisen geschüttelten Weimarer Republik spürbar war.

Hans Henny Jahn in seiner „Rechenschaft über den Kleistpreis“:
„Ein gutes Buch mit knapper und sehr deutlicher Sprache, in dem auch die geringste Figur Leben gewinnt. In dem die Tendenz schwächer ist als die Kraft des Menschlichen. Es ist ein Daseinsvorgang in fast metaphysischer Verklärung. Das nenne ich Kunst.“

Weiterführende Informationen:
http://www.seghers-werke.germanistik.uni-mainz.de/aufstand.shtml#


„Das siebte Kreuz“ in der Reihe #MeinKlassiker:
https://saetzeundschaetze.com/2016/11/29/meinklassiker-10-anna-seghers/

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Peter Bichsel: Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen

„In Langnau im Emmental gab es ein Warenhaus. Das hieß Zur Stadt Paris. Ob das eine Geschichte ist?“

Peter Bichsel, „Zur Stadt Paris“, 1993, Suhrkamp Verlag

Das ist die kürzeste Geschichte der kurzen Geschichten, die Peter Bichsel in „Zur Stadt Paris“ veröffentlichte. Etwas stereotyp wird der Schweizer immer wieder als „großer Meister der kleinen Form“ bezeichnet. Als Miniaturist. Er ist derjenige, der Haikus mit einem Hauch Emmentaler schreibt. In Prosa. „Klein, kleiner, am kleinsten, Peter Bichsei“ so schrieb Andreas Isenschmid einmal über ihn in der „Zeit“. Wer aber dann meint, die kurzen Geschichten seien schnell zu lesen, der täuscht. Sie fordern ihre Zeit. Die Konzentration des Schreibenden setzt die Konzentration des Lesenden voraus. „So sind Geschichten. Man kommt mit ihnen nicht voran“, lauten dazu die tröstlichen Worte des Schriftstellers.

Auch sein erster Erzählband „Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen“ (ebf. Suhrkamp) hat nur 73 Seiten. Die kürzeste Erzählung „Erklärung“ umfasst gerade ein halbes Blatt.

Erklärung

Am Morgen lag Schnee.
Man hätte sich freuen können. Man hätte Schneehütten bauen können oder Schneemänner, man hätte sie als Wächter vor das Haus getürmt. Der Schnee ist tröstlich, das ist alles, was er ist – und er halte warm, sagt man, wenn man sich in ihn eingrabe.
Aber er dringt in die Schuhe, blockiert die Autos, bringt Eisenbahnen zum Entgleisen und macht entlegene Dörfer einsam.

Mehr braucht es nicht in Bichsels Welt, um seinen Lesern zu erklären, was der Schnee mit ihm macht – der tröstliche, wärmende, blockierende, erdrückende Schnee. Kleinkunst in Bestform. Und obwohl so vieles ausgespart ist, die Wörter und Sätze auf das Wesentliche eingedampft sind, erfährt man die ganze Geschichte. Oft ein ganzer Kosmos, in wenige Sätze verpackt. Auch die der Frau Blum: Eine ältere Frau, die einsam ist. Ihr einziger regelmäßiger Kontakt ist der Milchmann. Die Kommunikation ist eine Zettelwirtschaft. Die Zettel sind es, die zwei Liter Milch und 100 Gramm Butter, die dem Leben von Frau Blum Rahm und Rahmen geben.

Meine Lieblingsgeschichten sind jedoch die vom „Eisenbahnfahren“, erschienen als Nr. 1227 in der Insel-Bücherei. Paris, die Bahn und davon insbesondere die Transsibirische – das sind die Koordinaten, um die sich Peter Bichsels gar nicht so kleine literarische Welt drehen.

Das Eisenbahnfahren hat mit der Kindheit zu tun: „Als Sechsjähriger kam ich mit meinen Eltern nach Olten. Und wenn mich jemand fragte: „Woher kommst Du“, sagte ich: „Wir kommen aus Luzern, wohnen aber in Olten.“ Meine Eltern taten sich in den ersten zehn Jahren schwer damit, sich mit Olten anzufreunden. Und nicht nur sie. Olten war eine Eisenbahnerstadt. Da gab es Lokomotivführer und Zugführer, die lange Zeit im schönen Tessin stationiert waren und nach Olten versetzt wurden. Sie hatten immerhin das Glück, billig Eisenbahn fahren zu dürfen.“ (Peter Bichsel, 2011, Rede zum Solothurner Literaturpreis).

Seine Fahrten finden oft nur in der Phantasie statt. Das zu erkennen, bleibt dem Leser überlassen. Eines dieser phantastischen Ziele war jahrzehntelang Paris. Bichsel umfuhr es sozusagen, mit der Literatur.

Das Eisenbahnfahren hat wiederum mit der Haltung zur Welt zu tun. „Die Kunst des Eisenbahnfahrens ist die Kunst des Wartens, und darin liegt der eigentliche Zeitgewinn, dass man Zürich nicht zu erreichen hat, sondern zu erwarten.“ Und während Peter Bichsel wartet, übt er sich in seiner zweiten Kunst: Der des Hinschauens. Bichsel ist ein genauer Beobachter, ein Hinschauer mit einem guten Herzen. Isenschmid meinte in der „Zeit“ etwas süffisant, man müsse ab und an den sozialpädagogischen Vorhang wegziehen vom Kern der Geschichte. Aber gerade das sind die kleinen Erzählungen, die offenbaren, wie offen Bichsel gerade auf jene schaut, die sonst unsichtbar bleiben wollen oder müssen: Auf die leicht Verdrehten wie in „Der Mann mit dem Gedächtnis“. Auf die, die durch das Netz gefallen sind. Auf die, die keiner mehr haben will. Wie Frau Blum.

Wenn ich mit der Eisenbahn fahre, nehme ich künftig immer einen Band von Peter Bichsel mit. Damit ich auch was sehe.

Oder ein Hörbuch – zum Sehen, Staunen und Lachen. Denn Humor kann er auch. Siehe die Transsibirischen Geschichten.

Der bei Suhrkamp veröffentlichte Lebenslauf:

Peter Bichsel wurde am 24. März 1935 in Luzern geboren und wuchs als Sohn eines Handwerkers ab 1941 in Olten auf. Am Lehrerseminar in Solothurn ließ er sich zum Primarlehrer ausbilden. 1956 heiratete er die Schauspielerin Therese Spörri († 2005). Er ist Vater einer Tochter und eines Sohnes. Bis 1968 (und ein letztes Mal 1973) arbeitete er als Primarlehrer. 1964 wurde er mit seinen Kurzgeschichten in Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen auf einen Schlag bekannt; die Gruppe 47 nahm ihn begeistert auf und verlieh ihm 1965 ihren Literaturpreis. Zwischen 1974 und 1981 war er als persönlicher Berater für Bundesrat Willi Ritschard tätig, mit dem er befreundet war. Mit dem Schriftsteller Max Frisch war er bis zu dessen Tod 1991 eng befreundet. Er ist seit 1985 Mitglied der Akademie der Künste in Berlin und korrespondierendes Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt.


Bild zum Download: Schild Veloständer Basel


 

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