Bennads Buchtipps: Die Akte Klabautermann von Oliver Teutsch

Der allseits bekannte Literaturbetrieb puscht gewöhnlich per Bestsel­lerlisten aller Arten das Aktuelle auf die Tische der Leserschaft. Das kennt man. Wer jedoch abseits dieser Listentrends literarische Ent­deckungen machen will, schaue sich um und blättere zum Beispiel in Programmen kleiner, unabhängiger Verlage. Da findet man Neues zu Altem wie bei dem vorliegenden Roman von Oliver Teutsch mit dem Titel „Die Akte Klabautermann“ im Axel Dielmann Verlag. Ganz sicher kein Märchenbuch, sondern eine Erzählung über die Ent­stehung eines Bestsellers aus dem Jahre 1946/47, den Anfängen der Nachkriegsliteratur in Deutschland.

Ein Gastbeitrag von B. R. M. Ulbrich

Oliver Teutsch (*1969) ist Journalist und neuer Roman-Schriftsteller. Sein 315-Seiten-Debüt „Die Akte Klabautermann“ nimmt die Entstehung des doppelt umfangreichen, letzten Romans von Fallada unter die Lupe.

Rudolf Wilhelm Friedrich Ditzen alias Hans Fallada (1893-1947) gehört zu jenen deutschen Schriftstellern, die in der Nazi-Zeit nicht nur nicht emigriert sind, sondern auch nicht in der sogenannten „Inneren Emigration“ landeten und sich somit pauschal als systemstützend verdächtigt gemacht haben. Das hat die Nachkriegsrezeption seiner Werke nachteilig beeinflusst. Hinzukommt noch, dass sein Leben langstreckenweise durch harte Süchte gezeichnet war: Alkohol, Morphium und das Schreiben. Fallada also eher ein Bild der Vermeidung. Das Thema seines letzten Romans „Jeder stirbt für sich allein“ behandelt die individuelle und damit aussichtslose und letztlich tödliche Rebellion eines Ehepaars gegen das Nazi-Regime ihrer Zeit.

Oliver Teutsch nun behandelt in seinem Roman die W-Fragen zu dem letzten Werk Falladas: Wer hat wann was warum wie und wo zur Entstehung des Manuskriptes beigetragen? Dieser Ansatz erschöpft sich aber nicht in einer faktischen, literaturhistorischen Beschreibung, sondern bietet gut lesbare, fiktionale Anteile. Insbesondere spiegelt sich das in den ausführlichen Gesprächsrunden der Protagonisten des Kulturbundes, der von Johannes R. Becher am 4.7.1945 in der SBZ (Sowjetisch Besetzte Zone) gegründet wurde. Und in den persönlichen Gesprächen zwischen Becher und Ditzen und zwischen ihm und seiner Frau Ulla. Durchgängig wird Fallada in dem Debüt bei seinem bürgerlichen Namen genannt, nur in wenigen Fällen blitzt das Schriftsteller-Pseudonym heraus.

Der Inhalt des Romans liefert eine erhellende Analyse des förderlichen und hemmenden Beziehungsgeflechtes, in dem sich Rudolf Ditzen bewegt, vor und während seiner letzten Schreibphase 1946.

Die Struktur des Romans ist nachvollziehbar aufgebaut, hauptsächlich das Zeitfenster 1945-46 umfassend. Perso­nenbezogen ergeben sich verträgliche Sprünge in der Zeit. Die LeserInnen werden nicht mit literarischen Tricks überfordert. Sie können sich auf den Inhalt konzentrieren, um sich wesentliche Fragen zu beantworten. Wer war Fallada? Wie war sein soziales Umfeld? Sind die Urteile über ihn gerechtfertigt? Kann uns sein letztes Werk, das erst 2011 ungekürzt erschien, heute noch etwas mitteilen?

Die Erzählperspektive ist dem Thema und damit dem journalistischen Ansatz entsprechend auktorial, zum Ver­ständnis der LeserInnen hilfreiches Wissen befördernd. Aber es ist ein Roman und kein Essay! Die vielen Personen, die tatsächlich existiert haben, kommen in den fiktionalen Gesprächen lebendig rüber. Man denkt stets: Ja, so könnte es gelaufen sein. Das ist die eigentliche Kunst der Romanciers. Es ist nicht vorstellbar, dass die Dialoge in Teutsch‘ Roman aus Tonbandaufnahmen transkribiert wurden.

Die Handlungen sind eher unspektakulär, sie spielen auf den Beziehungsebenenrund um Rudolf Ditzen. Auf der einen Seite die vielen befremdlichen Affekte, verursacht durch die Sucht-Querelen des Ehepaars, und auf der anderen Seite die Fluchtversuche Ditzens in seine Welt am Schreibtisch. Bei den mühevollen Beschaffungsanstrengungen von Morphin auf dem Schwarzen Markt taucht auch als Quelle der Arzt Gottfried Benn auf. Man staunt nicht schlecht.

Der Roman „Die Akte Klabautermann“ hat einen zunächst rätselhaften Titel. Der Klabautermann ist ein, seinen Schabernack auf Schiffen treibender Geist, der aber auch konstruktiv sein kann und manchmal den Kapitän auf Gefahren hinweist. Dieser Begriff als Tarnname auf der Akte des vom Nazi-Regime verfolgten Ehepaares Hampel landet nun auf dem Cover des Debüts von Teutsch und will in Zusammenhang mit Fallada entschlüsselt werden.

Welchen Schabernack Fallada auch immer mit seinen Romanen betrieben hat, sie haben immer die Position der Leute von unten beschrieben. Die des kleinen Mannes und seiner eher schlichten Weltsicht und wie er sich darin zurechtfindet. Ist das so weit weg von unserer heutigen Zeit?

Oliver Teutsch hat in seiner Doppelbegabung als Journalist und Romancier mit seinem Debüt die Reflexion über Entstehung und Wert von Literatur befeuert. Der schwache Fallada hat einen starken Roman hinterlassen. Geht Roland Barthes (Der Tod des Autors, 1968) davon aus, der Biografismus sei obsolet, so offeriert uns Teutsch erfreulich ungermanistisch biografische Kenntnisse über Fallada, die zum neugierigen Lesen animieren. –

Und das Lesen ist doch das Wesen von Literatur!

brmu / 2022-01-22

Oliver Teutsch
Die Akte Klabautermann – Die Entstehung eines Weltbestsellers
Roman
axel dielmann – verlag Frankfurt a. M., 2022
ISBN 978-3-86638-343-2

AXEL DIELMANN VERLAG: Oliver Teutsch – Die Akte Klabautermann

Berlin, 1946: In der zerstörten Stadt kämpft Hans Fallada ums Überleben. Einzig Johannes R. Becher, der Vorsitzende des Kulturbundes, bietet dem Schriftsteller eine Chance: Er soll auf Grundlage der „Akte Klabautermann“ den großen antifaschistischen Roman schreiben.

Es beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit und die Sucht: Fallada, körperlich und psychisch am Ende, wehrt sich zunächst gegen den Romanstoff. Und schreibt dann doch, wie im Rausch, ein Manuskript über 700 Seiten. Die Veröffentlichung von „Jeder stirbt für sich allein“ wird der Schriftsteller, der am 5. Februar 1947 stirbt, jedoch nicht mehr erleben.

So wechselvoll wie Falladas Geschichte ist auch die Veröffentlichungshistorie von „Jeder stirbt für sich allein“: 1947 erscheint der Roman in stark veränderter Fassung. Erst in den 2000er-Jahren wird er in den USA wiederentdeckt und kommt 2011 erstmals beim Aufbau Verlag in einer ungekürzten Version heraus. Der Journalist Oliver Teutsch war von der Wiederentdeckung des Romans so fasziniert, dass er sich 2014 auf eine ausführliche Recherche nach der Entstehung dieses Buches machte. Und nun in seinem Romandebüt „Die Akte Klabautermann“ mitreißend davon erzählt, wie dieser Schlüsselroman der deutschen Literatur entstand.

Während das vom Krieg zerstörte Berlin aus seinen Trümmern heraus zu neuem Leben kommt, spielt sich um Fallada die Entstehungsgeschichte eines Romans ab, die ebenso spannend wie der Weltbestseller selbst ist. Und die zudem eine imposante Galerie von zeitgenössischen Figuren im Gepäck hat. So entführt „Die Akte Klabautermann“ auch mitten in eine Zeitreise in das Berlin der Nachkriegszeit. Die Not der Bevölkerung, der illegale Schwarzmarkthandel, die Zonenpolitik und die Zerrissenheit der intellektuellen Elite, der Kampf der Zonenmächte um die geistige Vorherrschaft, dies alles wird so eindrücklich und lebendig erzählt, als wäre man mittendrin.

„Die Akte Klabautermann“: Ein spannend geschildertes Kapitel der Literatur- und Nachkriegsgeschichte, ein überzeugender Debütroman.

Zum Autor:
Oliver Teutsch wurde 1969 in Frankfurt am Main geboren. Seine berufliche Karriere begann er als Hospitant und freier Mitarbeiter bei der Frankfurter Neuen Presse. Nach dem Abitur Studium der Politikwissenschaften in Frankfurt war er lange für die Nachrichtenagentur ddp, die Frankfurter Rundschau und mehrere Jahre für den Deutschen Fußball-Bund DFB tätig. Heute ist Teutsch als Redakteur bei der Frankfurter Rundschau für Themen aus den Bereichen der Justiz, Polizei, Wirtschaft und für große Reportagen zuständig.

Informationen zum Buch:
Oliver Teutsch
Die Akte Klabautermann
Axel Dielmann Verlag, Frankfurt a. Main, Januar 2022
Hardcover mit Lesebändchen und ausführlichem Glossar, 20,00 €
ISBN: 978 3 86638 343 2
http://www.dielmann-verlag.de/

In der Frankfurter Rundschau ist bereits ein Vorabdruck erschienen:
Großer Mann – was nun?

Stimmen zum Buch:

Oliver Teutsch im Interview bei Deutschlandfunk Kultur zu seinem Roman.

„Mit dem Roman „Die Akte Klabautermann“ hat Oliver Teutsch ein Werk geschaffen, in dem er seiner eigenen Faszination für die Umstände, unter denen der Welterfolg „Jeder stirbt für sich allein“ von Hans Fallada entstanden ist, Ausdruck verleiht. Teutsch verpackt die historischen Tatsachen in einen atmosphärisch-dichten Erzählbogen, der durch fiktive Elemente gekonnt abgerundet wird.“ – Sina-Christin Wilk bei Kulturabdruck

„Für Fallada-Fans ist der Roman sicher allein aufgrund der biographischen Aspekte interessant, aber auch, wer sein Werk nicht gut kennt, kann Die Akte Klabautermann sicher mit Gewinn lesen. Der Roman handelt nicht nur vom Ringen um eine neue Literatur, die den Nationalsozialismus überwinden kann, ohne ihn zu negieren, sondern auch vom Bemühen, ein neues Deutschland zu schaffen und von einer Weltstadt, die ihr Gesicht verloren hat. Ein gelungenes Debüt und ein offener Blick auf einen Schriftsteller, der eben nicht immer einer von den „ganz Großen“ war.“ – Marion Rave bei „schiefgelesen“

„Die Akte Klabautermann von Oliver Teutsch ist ein spannendes Bild der letzten Lebensjahre von Hans Fallada, der Kulturlandschaft Deutschlands im Jahr 1946 und dem fast unmöglich erscheinendem Leben in der zerbombten Stadt Berlin.“ – Silvia Walter bei „Leckere Kekse“

„Die Akte Klabautermann ist ein im besten Sinne glaubhafter Roman. Eine
Verbeugung vor dem Romancier – und die beste Begleitlektüre zu „Jeder stirbt für sich allein“, die man sich wünschen kann.“ – Dierk Wolters, Frankfurter Neue Presse

Die Akte Klabautermann ist ein fundiertes wie spannendes Debüt.“ – Anne Kullmann, Aalener Kulturjournal

„Entstanden ist eine zutiefst menschliche Erzählung über diesen Fallada, der sich selbst im letzten Buch nicht verstellen wollte.“ – Rainer Julke, Leipziger Zeitung

„Oliver Teutsch hat nicht nur die Entstehungsgeschichte von „Jeder stirbt für sich allein“ erzählt. Er hat auch einen richtig guten Roman geschrieben!“ – Jörg Mielczarek, Literatur Weimar

„Und so wird Teutsch’s flüssig lesbarer, kurzweiliger Roman gleichzeitig zu einem Stück deutscher Literatur- und Kulturgeschichte. Mich haben diese letzten Lebensmonate von Hans Fallada und die Hintergründe zur Entstehung von „Jeder stirbt für sich allein“ sehr berührt und auf jeden Fall die Lust geweckt, dieses einzigartige Werk irgendwann noch ein zweites Mal zu lesen – dann sicher mit einem anderen und geschärften Blick.“ – Barbara Pfeiffer bei „Kulturbowle“

„Der Romancier ist psychisch labil, unzuverlässig, selten nüchtern, voller Stimmungsschwankungen. Teutsch kommt nicht in Versuchung den großen Literaten zu romantisieren. Es ist ein Porträt auf Distanz, das nur wenig vom Innenleben des Künstlers aber viel von der historischen Figur Falladas preisgibt.“ – Britta Röder bei den „booknerds“

„Oliver Teutsch hat in seiner Doppelbegabung als Journalist und Romancier mit seinem Debüt die Reflexion über Entstehung und Wert von Literatur befeuert. Der schwache Fallada hat einen starken Roman hinterlassen.“ – Bernhard R. M. Ulbrich

„Gerne würde man den Autor einmal fragen, welche Stellen eigentlich seiner Fiktion entsprungen sind. Die Dialoge sind es sicherlich. Aber selbst diese passen sich so selbstverständlich in die beschriebene Handlung ein, dass sie ohne Weiteres hätten so stattfinden können.“ – Raimund Gründler, Lesezeichen Mannheim

„Teutsch gelingt es, sowohl die Lebensbedingungen im zerstörten Berlin als auch das seelische Elend des Ehepaares Ditzen eindringlich zu beschreiben. Größeren Bibliotheken empfohlen.“ – Dr. Ronald Schneider, ekz Besprechungsdienst

„Die Akte Klabautermann liest sich auf den ersten Seiten gemächlich wie ein Falladaroman, um dann ein enormes Tempo anzunehmen, so dass man das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen mag.“ – schreibfeder.de

ROLF FISCHER: Das Wunder vom Sparrplatz

„Als wir rauskommen, hat es weiter geschneit. Der Kinderwagen ist so eingepudert wie der Strudel. Mein Kleiner läuft ein Stück an meiner Hand. Stapft ungläubig durch das Weiß – heute ist der erste Tag in seinem Leben, an dem er im Schnee laufen kann. Die Straße ist immer noch leer und still, aber das Licht der Gaslaternen fällt warm auf uns. Es würde mich nicht wundern, wenn auf einmal der Weihnachtsmann auf seinem Schlitten angeschwebt käme und neben uns landete, die Leute freundlich lachend aus den Häusern kämen und sich umarmten. Weil heute so ein wunderbarer Tag ist – mitten in Berlin.“

Manchmal sind es eben diese Kleinigkeiten, die das Leben so lebenswert machen und selbst am Berliner Sparrplatz für Wunder sorgen. Seien es die roten Backen eines Kindes, die Wärme in einem schönen Café, ein leckerer Strudel, der erste Schnee. Von diesen kleinen Wundern und anderen Begebenheiten erzählt Rolf Fischer seit Jahren auf seinem Blog „Kafka on the road“. Ich bin schon lange eine treue Leserin dieses Blogs, habe über die kleinen Kalamitäten, die dem Herrn mit seinem Alias „eimaeckel“ geschehen, geschmunzelt, das größer werden seiner Kinder mitverfolgt, über die Berliner Geschichten herzhaft gelacht. Und obwohl wir uns bisher nur einmal begegnet sind, und das nur kurz beim Kultursalon von Susanne Haun, ist mir dieser Berliner Spaziergänger mit der Zeit doch recht vertraut geworden. Und so habe ich mich sehr gefreut, als von Rolf die Anfrage kam, ob ich ihn bei seinem Buchprojekt ein wenig unterstützen könnte.

Vor allem für seine Kinder, aber auch für andere interessierte Leserinnen und Leser wollte Rolf ein „best of“ seiner Bloggeschichten. In über zehn Jahren ist da einiges entstanden – wir haben gesichtet, sortiert und einen roten Faden gesucht. „Das Wunder vom Sparrplatz“ enthält nun 28 Erzählungen, die – in meinen Augen – auch Menschen berühren und anrühren können, die das Blog „Kafka on the road“ vielleicht (noch) nicht kennen. Warum, das habe ich auch versucht, in meinem Vorwort zum Buch auszudrücken:

„Das Wunder vom Sparrplatz“, das sind Erzählungen eines Vaters aus dem rauen Berliner Stadtteil Wedding. Das ist ein Vater mit Leib und Seele und aus ganzem Herzen. Ein (manchmal etwas melancholischer) Single-Mann, der allein oder mit seinen Kindern durch seinen Kiez im Wedding streift. Dabei richtet sich seine Aufmerksamkeit ganz auf das Leben auf der Straße, auf die kleinen Alltagsszenen, die sich in den Cafés seines Viertels, beim Friseur oder auch am Spielplatz entfalten. Ein Flaneur mit Kinderwagen.

Dieses Auge für die kleinen Alltagsgegebenheiten, die Beobachtungsgabe und der warme Humor, die aus den Erzählungen sprechen, das ist es, was mir an diesem Blog gefällt – auch als Nicht-Berlinerin. Und was auch das Buch „Das Wunder vom Sparrplatz“ lesenswert macht.

Ohne Matthias von Newington Blue Press wäre das Ganze jedoch nie zum Buch geworden: Er gestaltete das Cover, sorgte für den ansprechenden Satz und half Rolf Fischer zudem bei seinen ersten Schritten als Selfpublisher. „Das Wunder vom Sparrplatz“ also auch eine wundervolle Blogger-Zusammenarbeit.

Wo und wie es das Buch zu erwerben gibt, hat Rolf auf seinem Blog beschrieben:
https://kafkaontheroad.blog/2021/12/10/aus-der-weihnachtsbackerei/

Angaben zum Buch:
Rolf Fischer
Das Wunder vom Sparrplatz
Selbstverlag bei bookmundo.de
ISBN 9789403644677
80 Seiten, 8,50 Euro

Frederic Wianka: Die Wende im Leben des jungen W. | Lutz Seiler: Stern 111

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Bild von Peter Dargatz auf Pixabay

„Ein blendendes Weiß darunter, ein unendlicher Raum für frisch Gelerntes, für ständig Gehörtes, für die historischen Gesetzmäßigkeiten, für korrekt Phantasiertes, Platz für den zur Wissenschaft erklärten Mummenschanz – die Spekulation mit der Welt. Ich war gefangen an diesem Tisch, in diesem Raum, in dieser Welt, der einzigen, die denkbar war in diesem Moment, in dieser Zeit, in diesem Land.“

Frederic Wianka, „Die Wende im Leben des jungen W.“

„Die kleinen Unglücke summierten sich, eine feindliche Stimmung baute sich auf. Ein Glas ging zu Bruch, und sofort trat Carl mit bloßem Fuß in einen der Splitter. Ihn packte die Wut. Draußen fielen die Grenzen, und er saß in Gera-Langenberg fest. Verlassen von Gott und der Welt.“

Lutz Seiler, „Stern 111“

Vom Volkseigenen Betrieb Plastmaschinenwerk in Schwerin, materiell gesichert, im Jugendkollektiv geborgen, doch die Gedanken unfrei, zur prekären freien Künstlerexistenz in Berlin, malend wie ein Besessener, doch immer am Abgrund balancierend, außerhalb stehend, gescheiterte Beziehungen, zu viel Alkohol und zu wenig Begabung zur Freundschaft: DIE Wende, der Zusammenbruch des politischen Systems, sie markiert auch eine wesentliche Wende im Leben des Ich-Erzählers aus dem Debütroman von Frederic Wianka.

Der Zufall wollte es, dass ich kurz nach der Lektüre von „Stern 111“ von Lutz Seiler, der damit den Preis der Leipziger Buchmesse errang, zu diesem Roman griff. Beide Bücher sind eng verwandt und doch so unterschiedlich: Wenderomane, Berlinromane, Künstlerromane, Liebesromane. Beide Protagonisten lernen einen Handwerksberuf in der DDR, beide zieht es nach Berlin, beide leiden am Werther-Syndrom der einseitigen Liebe, beide wollen sich als Künstler ausdrücken, der eine als Poet, der andere als Maler.

Würde man einfache Vergleiche ziehen und zur Küchenpsychologie neigen, könnte man einen ebenso einfachen Schluss ziehen: Der eine meistert schließlich sein Leben und ringt sich, trotz aller Selbstzweifel, hervorragende Gedichte ab, weil die erste prägende Ebene in einem Menschenleben, die Beziehung zu den Eltern stimmig ist. Der andere jedoch, der kurz als Maler reüssiert, sich dann allerdings in einer Gedankenspirale über das eigene Ungenügen verfängt, der an seinen eigenen Ansprüchen scheitert, kommt aus unglücklichen Verhältnissen, unehelich geboren, einem emotional kalten Stiefvater ausgeliefert. Der junge W. wählt den Freitod.

„Ich habe Einzelheiten verdrängt und in einer selektiven Erinnerung gelebt, weil das komplettierte Bild mein Leben zeigt, als das, was es ist: von Beginn an eine Lüge. Und ein Selbstbetrug in vielem, was ich tat.“

Dennoch wäre dieser Rückschluss auf die Auswirkungen familiärer Geborgenheit beziehungsweise dysfuntkionaler Familien auf die Entwicklung eines Menschenlebens zu eindimensional. In beiden Romanen ist ein entscheidendes Moment tatsächlich die Wende, die die beiden jungen Männer in eine ganz neue Lebenssituation hineinwirft: Plötzlich frei. Und plötzlich von allen guten Geistern verlassen – der junge W. ohne Freunde, Familie, Bezugspunkte, der junge Carl plötzlich aus dem Nest geworfen, damit konfrontiert, dass seine scheinbar so angepassten Eltern unter den ersten Republikflüchtlingen sind mit Fernziel USA.

Wie umgehen mit dieser scheinbar grenzenlosen Freiheit, mit einem anderen Wertesystem, mit völlig anderen Koordinaten? Nach mehr als 30 Jahren deutscher Einheit machen die jüngsten politischen Entwicklungen deutlich, wie viele Illusionen geplatzt sind, wie viel Arbeit noch notwendig ist, um wirklich „zusammenzufügen, was zusammengehört“. In beiden Büchern, sowohl in „Stern 111“ und in „Die Wende im Leben des jungen W.“, geht es auch um das Scheitern von Utopien und Träumen. Die Wende, sie hätte ein Neuanfang für beide Teile des Landes sein können, doch siegt die Macht der Märkte, was Seiler am Beispiel der sofort einsetzenden Gentrifizierung in Berlin durchspielt, Wianka am Kunstmarkt.

Beide Romane haben deutlichen autobiografischen Hintergrund, beide Autoren sind in der ehemaligen DDR geboren und aufgewachsen: So sind diese Bücher auch Dokumente einer deutschen Geschichte, die im „Westen“ nicht wirklich so wahrgenommen wird. Und sie stehen trotz der Fiktionalisierung für Authenzität.

Zum Stilistischen:

Schon mit „Kruso“ tat ich mir streckenweise schwer. Seiler schreibt schön. Das ist nicht spöttisch gemeint: Er bietet Absätze, die funkeln, die von einer makellosen Sprache sind. Aber dann wiederum erscheint mir der Stil manches Mal auch etwas behäbig, zu verklausuliert-rätselhaft zudem – die surrealen Anklänge samt schwebender Ziege in „Stern 111“ nahmen mich nicht mit.

Der junge W. entwickelt einen eigenartigen Sog, Wianka schreibt eigenwillig und poetisch- bildhaft, auch wenn er sich manchmal in seinem Stil etwas vergaloppiert. Solche Satzkonstruktionen wirken zu gewollt, zu getragen: „Glaubenfrei und wissend sah ich Dich, als ich um die Abtei bog, gefestigt wir mir schien.“
Darüber kommt man jedoch, hat man sich in den Stil eingelesen, schnell hinweg, lässt sich hineinziehen in diese Lebensgeschichte.

Der Titel von Wiankas Roman drängt diesen Hinweis nun noch förmlich auf: Wer diese beiden Romane liest, der sollte, könnte auch wieder zu „Die neuen Leiden des jungen W.“ von Ulrich Penzdorf greifen. Der zeigt: Man scheitert nicht nur an der Liebe, sondern auch und vor allem an den Verhältnissen.

Informationen zu den Büchern:

Frederic Wianka
„Die Wende im Leben des jungen W.“
PalmArtPress 2020
Hardcover, 350 Seiten, 25,00 €
ISBN: 978-3-96258-050-6

Lutz Seiler
„Stern 111“
Suhrkamp Verlag 2020
Hardcover, 528 Seiten, 24,00 €
ISBN: 978-3-518-42925-9


 

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ELLA KORDES: Die Gartenschwestern, Blanvalet Verlag

Das Leben ist wie ein wilder, wunderschöner Garten!

Es sollte eine stilvolle Geburtstagsfeier im Café der Königlichen Gartenakademie Berlin sein. Doch Geburtstagskind Gitta hat für ihre Freundinnen Marit und Constanze eine Hiobsbotschaft: Gittas Mann lässt sich scheiden – und damit verlieren sie den wunderschönen Garten, der zur Villa des Expaares gehört! Wo sollen sie nun graben, pflanzen, wässern und gemeinsam Zeit verbringen? Die Lösung: ein kleiner Schrebergarten in einer Kolonie mitten in Berlin.

Auf einer zweiten Ebene erzählt Ella Kordes vom Entstehen der Gartenkolonie im letzten Kriegsjahr 1945. Die junge Lissa flieht vor der Roten Armee von Oderberg nach Berlin, wo sie bei dem Gärtner Albert landet. Der hat eines Tages eine Idee: Könnte man nicht aus den Trümmern der zerstörten Stadt für Lissa ein kleines Häuschen bauen?
Ein Roman, der nicht nur vom Glück und Nutzen des Gärtnerns erzählt, von Urban Gardening in allen seinen Formen, sondern auch von der Kraft der Freundschaft und den Lebensentwürfen ganz besonderer Frauen.

Tania Krätschmar, die unter dem Pseudonym Ella Kordes schreibt, ist Berlinerin der zweiten Generation. Nach mehreren Auslandsaufenthalten hat sie ihren Lebensmittelpunkt wieder in der Hauptstadt. Solange sie denken kann, macht sie etwas mit Büchern: schreiben, betexten, aus dem Englischen übersetzen, rezensieren und verkaufen. In ihrer Freizeit ist sie entweder in ihrem Garten oder im Boot auf der Havel anzutreffen, vorzugsweise mit Lebenspartner, Freundinnen und Familie.

Verlagsinformationen zum Buch: Die Gartenschwestern

Besprechungen:

„Ich habe vermutlich DEN Gartenroman des Bücherfrühlings 2020 gelesen.“Die Sofagärtnerin

Ein absoutes Muss für alle Liebhaber von historischen Geschichten sowie Garten- und Pflanzenliebhaber.“ Franzi`s Hexenbibliothek

„Beide Zeitebenen haben gleichermaßen Spaß gemacht zu lesen und hatten auch viele spannende Momente.“ Buchstabengeflüster

Ein leichter Sommerroman, der mit ungewohnter Tiefe auf der zweiten Erzählebene überrascht. Bitte mehr davon! Gegen das Vergessen und für die Bewahrung des Erbes!“ – Elizas Bücherparadies

Henning Kreitel: im stadtgehege

Bild von melancholiaphotography auf Pixabay

in morgendlicher bahnsteigkälte
gehetztes schnäuzen
gewissenloses husten
dem nächsten ins gesicht

geborgen hauche ich ans fenster
zeichne umrisse
in den bunten scheibenschleier
einiges wird klarer

Henning Kreitel, „im stadtgehege“.

Oftmals holt die Wirklichkeit die Poesie ein: Der Gedichtband „im stadtgehe“ des Fotografen und Schriftstellers Henning Kreitel erschien bereits im November 2019, als Corona eine Erkrankung war, die noch weit entfernt war. Und nun verwandeln auch unsere Städte ihr Gesicht: Ungewohnt still, beinahe unbelebt.

Die Stadt, ansonsten ein Gehege, in dem das Leben pulsiert, mit allen seinen Schattenseiten: Die Gedichte Kreitels kreisen unverkennbar um die Metropole Berlin, ein Ort an dem „saftiges schreigespräch“, „handygegröl“ und „huptumult“ dominieren. Der Spaziergänger „im auswegkreislauf auf ruhesuche“ findet keinen rückzugsort. Nur ab und an, vor allem morgens, eine „arie am morgen“ und „einsamer amselgesang“.

„Berlin ist im Übergang und generiert seine neuen Ortsgefühle und widersprüchlichen Emotionen“, schreibt Frank Eckardt, Professor für Stadtsoziologie an der Bauhaus-Universität Weimar, im Vorwort zu diesem Gedichtband. So zeugten auch Kreitels Gedichte von „Ambivalenz und schwieriger Aneignungsfähigkeit“.

Im Stadtgehe entscheidet sich nachts in einem Augenblick, ob man „raubtier oder beute“ ist, derweil die „lustentkernten kiezbewohner“ ankämpfen gegen die Leere ihres Lebens. Die Stadt: In diesem Buch zwar ein belebter, aber nur in Teilen lebenswerter Ort.

Der Unruhe städtischen Lebens, die er mit Worten vermittelt, setzt Henning Kreitel Illustrationen von großer Ruhe entgegen: Stille Ecken, aufgenommen in den großen Berliner Parks. Rückzugsorte, so in den Erläuterungen, die „als Steckdosen“ dienen, um wieder Energie zu tanken und vom stressigen Stadtalltag abzuschalten.

Kreitel bearbeitete seine Bilder im Eisendruckverfahren, der Cyanotypie, deren charakteristischer das „Berliner Blau“ ist. Die Serie „Auf Ruhesuche“ ist, so der Fotograf, noch nicht abgeschlossen. Die Suche geht weiter.

Informationen zum Buch:
Henning Kreitel
im stadtgehege
Mitteldeutscher Verlag 2019
Broschiert, 112 × 186 mm, 110 Seiten, Cyanotypien, 12,00 Euro
ISBN 978-3-96311-312-3

Gabriele Tergit: Effingers

„(…) Ben ist Engländer. Er hat sich naturalisieren lassen.“
„Das finde ich aber merkwürdig. Ich war doch schließlich ein politischer Emigrant und habe meinen Weg in Frankreich gemacht, aber ich bin nie auf die Idee gekommen, ich könnte mich naturalisieren lassen, trotzdem ich die herrlichen Jahre des zweiten Kaiserreichs dort verlebte.“
„Wir fanden das auch merkwürdig von Ben, aber Ben hat in Bezug auf Deutschland und besonders auf den Antisemitismus so seine Ansichten.“
„Ach, man soll doch das nicht so überschätzen. In Berlin, wissen Sie, kommen alle möglichen Bewegungen hoch und verschwinden wieder. Es geht uns doch nichts an, wenn eine minderwertige kleine Partei uns nicht zu den Deutschen rechnen will. Die Hauptsache ist, daß wir uns als Deutsche fühlen.“

Gabriele Tergit, „Effingers“, Schöffling & Co.

Emmanuel Oppner, einer der Grandseigneure dieses Romans, wird es glücklicherweise nicht mehr erleben, wie sehr er sich täuscht. Er verstirbt 1908, noch in seinem Bett. Seinen Nachfahren, man weiß es aus der Geschichte, wird ein anderes Schicksal zuteil.

Thea Dorn schwärmte im „Literarischen Quartett“ von diesem Buch und Nicole Henneberg schreibt in ihrem Nachwort zu längst fälligen Wiederausgabe: „Was für ein großartiger Roman!“. Dem kam man mit keiner Silbe widersprechen: „Effingers“, das ist ein gewaltiger Familienroman, ein deutsches Epos, ein Generationenbuch, ein Berlinroman, lebendige Geschichtsschreibung am Beispiel zweier fiktiver Familien. Viel hat Gabriele Tergit (1894 – 1982), die wendige und intelligente Gerichtsreporterin und Autorin, dem Schicksal ihrer Familie entliehen, vieles, was sie beschreibt, kennt sie aus ihrem Erleben und ihrem Milieu: Und das macht dieses Buch so groß- und einzigartig.

Opulenter Generationenroman

Erzählt wird die Geschichte zweier Familien über mehrere Generationen hinweg, vom Kaiserreich über die Kriegsjahre und die kurze Zeit der Weimarer Republik bis hin zur Machtergreifung durch die Nationalsozialisten. Beide, sowohl die Effingers, die ursprünglich aus einem kleinen Handwerkerbetrieb in Süddeutschland kommen, als auch die Oppners, eine alteingesessene Bankiersfamilie, sind jüdischer Herkunft. Doch Religion und Zugehörigkeit spielen in ihrem Alltag meist eine nachrangige Rolle – in erster Linie sind sie deutsche Bürger.

Der vielfach angeführte Vergleich mit den Buddenbrooks kommt nicht von ungefähr: Tergit erzählt auf diesen rund 900 Seiten vom Aufstieg und Fall einer Familie. Doch ihr Blick, ihr Tonfall ist ein ganz anderer als der Mann`sche: Weniger prätentiös, lebendiger, dialogreich, voller Verve, voller Wärme und Witz. Sie mag ihre Figuren, selbst mit deren Schattenseiten. Und davon gibt es viele genug: Denn mit dem Wandel der Zeiten, mit dem zunehmenden Reichtum und dem nachfolgenden Absturz kommen nicht alle gleichermaßen zurecht. Zudem wird die Orientierungslosigkeit, die Sinnentleerung, das Suchen nach Werten und einem Halt gerade der jungen Zwischenkriegsgeneration greifbar: Die alten Traditionen zählen nicht mehr, was kommen wird ist ungewiss.

Jens Bisky schreibt in seiner Besprechung in der Süddeutschen Zeitung:
„Dieser große Roman des zwanzigsten Jahrhunderts ist in vielem außergewöhnlich. Historisch glänzend informiert, aber nie belehrend vergegenwärtigt Gabriele Tergit ein Panorama der Berliner Geschichte zwischen Reichsgründung und Zerstörung der Stadt. Ihre Bankiers und Unternehmer sind, was selten ist in der deutschen Literatur, keine Karikaturen, vielmehr ehrliche, irrende, mehr oder weniger gescheite Geschäftsleute.“

Jüdische Lebenswelt detailliert geschildert

Diese Wahrhaftigkeit, diese realitätsgetreue Schilderung ist es, die mich an diesem Roman so zu begeistern mochte: Die Figuren des Romans werden beim Lesen zu Menschen, die man sich beinahe bildhaft vergegenwärtigen kann, man lebt mit ihnen, man lacht und leidet mit ihnen. Am Ende ist man erleichtert, dass es dem lebenslustigen Paar Lotte und Erwin gelingt, in das Exil zu flüchten, am Ende ist man traurig und wütend, weil der hochbetagte Waldemar – ein liberal gesinnter Jurist, lebensklug und weise, wenig anfällig für die Ideologien seiner Zeit – von den Nazischergen verschleppt wird.

In keinem anderen Roman habe ich so viel nicht nur über die Lebenswelt deutscher Juden, die von den Nationalsozialisten zerstört wurde, sondern überhaupt über die Mentalität und Gedankenwelt dieser Zeit erfahren. Denn noch eines unterscheidet die „Effingers“ von den „Buddenbrooks“: Der Roman ist noch viel weitgehender in das gesellschaftliche und politische Geschehen verankert.

Herauszuheben ist auch, dass das Buch im Grunde ein Buch der Frauen ist: Es zeigt, wie sich deren Rolle ändert – es reicht von der Welt der in Konventionen erstarrten Bankiersgattinnen Selma und Eugenie bis hin zu den jungen Frauen, die zwischen Anpassung an das Alte und Selbstbestimmung hin- und hergerissen sind.

Dass Gabriele Tergit so realitätsgenau schrieb, dass sie ihre Menschen als Menschen beschrieb, mit ihren Stärken und Charakterfehlern, dies war für die Veröffentlichung ihres Roman, den sie bereits in Berlin begann und an dem sie dann im Exil noch Jahre schrieb, in den 1950er-Jahren ein Hindernisgrund: Im Nachkriegsdeutschland wollte man solche Bücher nicht. Das Buch erschien zunächst nur in gekürzter Fassung und dann erst in den späten 1970er-Jahren im Zuge einer späten Wiederentdeckung der Autorin.

Dass der Schöffling Verlag es nun wieder herausgebracht hat, ist eine literarische Wohltat. Und einmal mehr kann ich mich nur der Aussage von Thea Dorn anschließen: „Dass dieses Buch nicht längst ein fester Bestandteil des deutschen literarischen Kanons ist, halte ich für einen Skandal.“

Bibliographische Angaben:

Gabriele Tergit
Effingers
Schöffling & Co., 2019
28, 00 Euro, 904 Seiten, gebunden, Lesebändchen
ISBN 978-3-89561-493-4


Weitere Informationen:

Autorinnenportrait
Rezension in der Süddeutschen Zeitung
Käsebier erobert den Kurfürstendamm

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Vicki Baum: Hotel Berlin

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Bild von ArtTower auf Pixabay

„Aber die deutsche Seele ist gotisch. Es ist eine verstrickte Seele voll von Dunkelheiten und Höllenvisionen, eine gepeinigte Seele, und sie liebt das Leiden. (…) Die deutsche Seele will Schmerzen erleiden und Schmerzen zufügen. Ach, was versteht ihr denn von Deutschland! Überorganisation nennt ihr es; Militarismus, tyrannisches Befehlen und blinden Gehorsam. Begreift ihr denn nicht: Der Deutsche will keine Freiheit, denn für ihn wäre sie Selbstzerstörung.“

Vicki Baum, „Hotel Berlin“, Originalausgabe 1943/44, wiedererschienen in der Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch durch Grete Dupont im Verlag Klaus Wagenbach, 2018.

Ja, man blinzle getrost mit den Augen: Auch das obige Zitat, auch das ist Vicki Baum. Was hier ein versoffener Schriftsteller, der „Staatsdichter“  der Nazi-Clique ausspricht, das klingt heute so fürchterlich aktuell, ein Jargon, ein Fabulieren, das einem leider bekannt vorkommt.

Die lange als Unterhaltungsschriftstellerin unterschätzte Österreicherin konnte anders, war anders als es viele der Klischees, die ihr bis heute anhaften, es vermuten lassen. Sie war in der Sprache oftmals leicht, aber nicht seicht. Und sie war vor allem auch mutig, kritisch, widerständig. Davon zeugt ihr Roman „Hotel Berlin“, den sie, die von den Nationalsozialisten ausgebürgert worden war, in ihrer neuen Heimat, in New York, bereits 1943 schrieb. Dort ist das Buch auch zuerst erschienen – und man merkt ihm an, wie sehr es Vicki Baum auch in Gedanken an die Menschen in der „alten“ Heimat geschrieben hat.

Im Grunde ist „Hotel Berlin“ eine Fortsetzung des Großstadtromans „Menschen im Hotel“: Einige der Charaktere kommen einem vertraut vor, einige der Szenen und Kulissen ebenso. Da tritt der ständige Hotelgast auf, ein abgehalfterter Arzt, der auf ein Telegramm wartet, eine Aufgabe, einen Sinn im Leben. Die exaltierte Diva, die plötzlich Herz entwickelt, der schmissige Leutnant, der nichts versteht. Doch es ist nicht das Berlin der Weimarer Republik mit seinem Tempo, seinem Takt, in dem dieses Buch spielt – sondern es ist das Berlin am Ende jener Jahre einer Diktatur, die Deutschland in den Abgrund riss.

Während auf die Stadt die Bomben der Alliierten fallen, ist das „Hotel Berlin“ Dreh- und Angelpunkt für Parteibonzen, Diplomaten auf dem Irrweg und Militärs, die von Pflicht- und falsch verstandenem Ehrgefühl geplagt werden. Es ist sozusagen das luxuriöse Herz der Finsternis. Und ausgerechnet in der Suite der Schauspielerin, die mit einem General liiert und von Hitler persönlich protegiert wird, flüchtet sich ein widerständiger Student, der der Gestapo buchstäblich vom Schafott hüpfte.

Wie sich der kapriziösen Lisa die Augen öffnen, wie sich zwischen diesem ungleichen Paar eine Liebesgeschichte entwickelt: Das ist der äußere Rahmen, den die Unterhaltungsschriftstellerin wählte. Das ist manchmal ein wenig rührselig, manchmal ein kleines bisschen kitschig, aber es ist auch anrührend. Man hofft und fiebert dann doch bis zum Ende, dass diese Lisa ihren Martin aus dem Hotel und somit aus den Fängen der Gestapo retten kann.

Dass das Ganze jedoch nicht zu einer Schmonzette in finsteren Zeiten missrät, das ist dem Geschick der Schriftstellerin mit ihrem guten Blick für Typen und Charaktere zu verdanken: Obwohl bereits seit 1931 in den USA, zeichnet Vicki Baum ein treffendes, konkretes Bild von den Verstrickungen, Irrungen und Wirrungen. Wie Nazibonzen versuchen, vom Krieg zu profitieren, wie der Antisemitismus funktioniert, die Ausgrenzung ganzer Menschengruppen, wie Korruption und Grausamkeit Hand in Hand gehen und auch, wie und aus welchen Motiven sich der militärische Widerstand gegen Hitler tatsächlich formierte: Es ist erstaunlich, was alles die Schriftstellerin selbst in Übersee von den inneren Vorgängen in Nazi-Deutschland gewusst haben muss. Und wie sie es schafft, dies alles in einen scheinbar literarisch leichtgewichtigen Text zu packen.

In ihrem 1946 geschriebenen Vorwort gibt Vicki Baum Auskunft über ihre Informationsquellen:

„Ich sammelte jedes Fetzchen Information, das ich mir über Deutschland verschaffen konnte; es ist überflüssig zu sagen, daß die meisten dieser Berichte auf verschlungenen Wegen zu mir kamen: durch Mitglieder verschiedener Widerstandsbewegungen; als Mitteilungen, die aus Deutschland herausgeschmuggelt wurden, in Briefen und Erzählungen deutscher Kriegsgefangener, in Gesprächen mit Menschen, die in Gestapokellern gefoltert, in Konzentrationslagern bis an den Rand des Todes gebracht und wie durch ein irgendein Wunder entkommen waren.“

Ein Liebesroman, der eine politische, eine menschliche Botschaft und die Vision von einer besseren Gesellschaft beinhaltet. Ihrem Helden Martin, dem Studenten aus dem Widerstand, legt sie dies in den Mund:

„Es wird Frieden sein, und die Gefängnistüren werden sich öffnen, und wir alle werden zu dem einfachen Geschäft zurückkehren, das Leben heißt. Die Bauern auf den Feldern, die Arbeiter in den Fabriken, die Studenten in den Universitäten, die Wissenschaftler in den Laboratorien, die Frauen, die Kinder und die alten Männer: Sie alle werden nichts anderes tun als leben. Keiner wird Angst haben, und keiner wird gepeinigt werden, und keiner wird hinter Stacheldraht getötet und verscharrt werden. Keiner wird sich mehr schämen müssen. Ich spreche jetzt nicht von dem Kampf, der vorhergehen wird. Es wird ein grausamer Kampf sein, aber voll Hoffnung. Ich spreche von der Zeit danach, wenn alles wieder gut sein wird.“

Bereits 1943 warnt Vicki Baum auch davor, sich auf „gefährliche Simplifizierungen“ einzulassen, so beispielsweise, alle Deutschen als bösartige Feinde abzutun. Aber sie findet auch deutliche Worte zu Schuld und Verantwortung:

„Ausschließlich schlechte Menschen sind ebenso selten wie ausschließlich gute, hier sowohl wie im Feindesland. (…) Die Schuld am Krieg lag und liegt bei den deutschen Führern, die ohne jeden Grund die ganze Welt in dieses entsetzliche Elend stürzten. Aber die Verantwortung für den vernichtenden Ausgang dieses Krieges liegt beim deutschen Volk, das weder den Mut noch den Wunsch hatte, diese Führer abzusetzen, solange es noch Zeit dazu war.“

Allein dieses Zitat sagt auch mehr als deutlich: Es wäre auch eine arge Simplifizierung, in Vicki Baum nur eine Romanschriftstellerin mit Unterhaltungswert zu sehen…

„Hotel Berlin“ erschien übrigens in einer schönen Taschenbuch-Reihe bei Wagenbach, in der sich alles um das Hotel, das zweite Zuhause vieler Reisender, dreht:
https://www.wagenbach.de/buecher/wat-taschenbuch.html

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Curt Moreck: Ein Führer durch das lasterhafte Berlin

Berlin

Da fährt die Hochbahn in ein Haus hinein
Und auf der andern Seite wieder raus.
Und blind und düster stemmt sich Haus an Haus.
Einmal – nicht lange – müßtest du hier sein.
Wo das aufregend gefährlich flutet und wimmelt
Und tutet und bimmelt
Am Kurfürstendamm und am Zoo.
Das Leben in Pelzen und Leder.
Es drängt einen so oder so
Leicht unter die Räder.
Sonst habe ich gut hier gefallen.
Man hat mir hohe Gagen angeboten.
Aber weißt du: jeder verkehrt hier mit allen,
Nur nicht mit stillen Menschen oder mit toten.
Ich bin so stolz darauf, dir einen Scheck zu überweisen.
Ja, ja, hier heißt es sich durchbeißen.
Das gibt mir mancherlei Lehre.
Heute ging mir beim Kofferflicken die Nagelschere
Entzwei. Not bricht Eisen. –

Joachim Ringelnatz, aus: „103 Gedichte“, 1933

Wo es aufregend flutet und wimmelt, da kommt man auch leicht unter die Räder: Der Mythos der Stadt Berlin in der Weimarer Republik ist bis heute von der Vorstellung geprägt, dass es zwar damals schon arm, aber auch ziemlich sexy war. Berlin, Berlin: Hier soll es freier und wilder zugegangen sein als in manch anderer europäischen Metropole. Paris mochte Romantik und Lebensstil bieten, Berlin dagegen war lasterhaft.

„Dabei ist Berlin sicher nicht lasterhafter als Paris oder London oder eine andere Stadt der Welt, nur ist man hier teils weniger verschämt, teils weniger heuchlerisch.“

Dies attestierte Konrad Haemmerling alias Curt Moreck der damaligen „Reichshauptstadt“ bei seinen Ausflügen in das Berliner Nachtleben. Haemmerling (1888 – 1957), der sich zahlreicher Pseudonyme bediente, war ein Bestsellerautor der Weimarer Republik. Insbesondere unter seinem Alias Curt Moreck knallte er ab Mitte der 1920er-Jahre eine „kulturgeschichtliche“ Veröffentlichung nach der anderen heraus, gerne aus dem anzüglicheren Genre: „Das Weib in der Kunst der neueren Zeit“, eine „Sittengeschichte des Bettes“, „Die käufliche Liebe bei den Kulturvölkern“, um nur einige zu nennen.

Das verkaufte sich zwar gut, aber fiel ab 1933 der scheinheiligen Prüderie der Nationalsozialisten zum Opfer: Haemmerlings Bücher wurden verbrannt und durften nicht mehr veröffentlicht werden. Darunter auch der 1931 erschienene Bestseller „Ein Führer durch das lasterhafte Berlin“ über „das deutsche Babylon“ (so der Untertitel), der nun in einer ansehlichen Neuauflage beim „be.bra verlag“ erschien.

Auch wenn das Buch heute inhaltlich überholt ist, weil die beschriebenen Lasterhaftigkeiten schon keine mehr sind, die vorgestellten Lokalitäten und Etablissements längst schon der Geschichte angehören und vor allem Morecks teilweise äußerst exaltierte Sprache ungewollt amüsiert – der „Fremdenverkehrs“-Führer hat noch immer seinen Reiz: Insbesondere wer sich für Literatur und Gesellschaft in der Weimarer Republik interessiert, findet hier einen zeitgenössischen Blick auf zahlreiche Örtlichkeiten, die man aus den Werken eben jener Zeit kennt.

„Die Attraktion der Gegen ist das Frühlokal Alt-Mexiko. Das Dorado berlinischer Konquistadoren. Schon ein bißchen eine literarische Angelegenheit geworden, seit Döblin seinen Roman „Alexanderplatz“ veröffentlicht hat. Und doch nicht Literatur. (…) Keine Menschenopfer gibt es in diesem Alt-Mexiko, keine blutigen Schlächtereien. Und doch fallen auch in dieser Welt Menschen als Opfer auf der Schlachtbank des Lebens in Unzahl. Der Moloch frisst noch immer, noch immer…“

Ein Indiz dafür, dass Morecks Führer durch das Berliner Nachtleben bis heute eine begehrte Quelle ist, mögen auch die Preise sein, die laut „Berliner Zeitung“ für Wiederauflagen in den vergangenen Jahren erzielt wurden:

„Curt Moreck, bürgerlich Konrad Haemmerling, in Köln geboren, lange in München ansässig, schrieb als Nichtberliner, doch mit der Attitüde des Total-Auskenners, über das Innenleben der Stadt. Rechnen wir also mit einer Prise Etikettenschwindel.Das war zur Zeit des Erscheinens den meisten Lesern egal, und das muss auch heute nicht stören. Wer das Werk haben wollte, musste trotz zweier Reprints in den 1980er- bzw. 1990er-Jahren zuletzt antiquarisch um die 150 Euro zahlen.“

Quelle: https://www.berliner-zeitung.de/berlin/-hinter-sittsamer-kulisse–das-war-das-lasterhafte-berlin-der-30er-jahre-29851304

Der nun vorletzte Reprint, 1996 erschienen, ergänzte den Text um Bilder von Zille, Christian Schad und anderen Berliner Malern jener Zeit – und handelte sich einen harschen Verriss in der Frankfurter Allgemeinen ein:

„Im Übrigen folgt das Buch im Stil der Zeit dem damals als bekannt geltenden Stadtbild. Darüber gibt es Hunderte von Büchern, gute von Walter Benjamin, Joseph Roth, Siegfried Krakauer und Hans Fallada, nachgeplapperte wie dieses von Moreck. Ein Berlin-Klischee reiht sich an das andere. Armut und Elend durch die Arbeitslosigkeit wird dabei geschildert, als handle es sich um ein tolles Vergnügen.“

Quelle: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/reise/rezension-sachbuch-deutschland-11305226.html

Das wirkt heute noch, 20 Jahre später, reichlich moralinsauer und intellektuell überheblich: Dass Haemmerling alias Moreck ein Gebrauchsschriftsteller war, ist offensichtlich. Den Anspruch, mit den literarisch-philosophischen Werken von Benjamin und Krakauer zu konkurrieren, stellte er nie. Auch kündigte er keine sozialkritische Untersuchung an. Vielmehr macht er in seinem Vorwort deutlich klar, was er zu bieten hat: Einen Führer für die zahllosen Touristen aus der Provinz, die in der Metropole ein wenig am Gemisch von Verruchtheit und Exotik schnüffeln wollten.

„Jede Stadt hat eine offizielle Seite und eine inoffizielle, und es erübrigt sich, zu sagen, dass die letztere die interessantere und für das Verständnis eines Stadtwesens aufschlussreichere ist (…) Wer Erlebnisse sucht, Abenteuer verlangt, Sensationen sich erhofft, der wird im Schatten gehen müssen.“

Und so nimmt Moreck den Leser an die Hand und führt ihn hinein ins Schattenleben jener Jahre, stellt die angesagten Cafés rund um den Kurfürstendamm und die Friedrichstraße vor, bittet zum Tanztee und in die Mokka-Dielen jener Zeit, bevor es ernst wird in den Nachtlokalen namens „Delphi“, „Barberina“ oder bei der etwas irrsinnigen Unterhaltung im „Haus Vaterland“ (in das zu jener Zeit jedoch nur unbedarfte „Touris“ gingen, die sich neppen ließen). Glaubt man Moreck, so spielte sich in jenen Jahren ein immerwährender Tanz auf dem Vulkan ab:

„Der Tanz ist die Quelle eines Lustgefühls (…) Und dass die Nachfrage nach diesem Vergnügen sehr, aber sehr stark sein muss, das beweisen die unzähligen Tanzstätten, die es in Berlin gibt. Es gibt Tanzflächen von einem Quadratmeter bis zu einem Quadratkilometer und was sich darum herum aufbaut, das stuft sich von der Kaschemme bis zum Palast.“

Das liest sich leicht und beschwingt, wie es sich für einen Führer durch das Nachtleben gebührt. Je tiefer man dann von Stunde zu Stunde bei der Lektüre vordringt, desto tiefer dringt man mit Moreck auch in die Halb- und Unterwelt ein: Während es im Westen glitzert und glimmert, findet man rund um den Alex und im Berliner Osten eine weitaus düstere Szenerie vor. Der in der FAZ erhobene Vorwurf, der Autor habe Armut und Elend geschildert, als sei es ein tolles Vergnügen, trifft hier nicht ganz – zwar kommt Moreck von seinem aufs Amüsement getrimmten Plauderton nie ganz weg, ab und an finden sich jedoch auch ernsthaftere Zwischentöne:

„Diese Kategorie (Anmerkung: gemeint sind Gelegenheitsverbrecher) zählt in der Gegend zwischen Alexander- und Rosenthaler Platz zu Tausenden. Ihre Zahl steigt und fällt im Verhältnis zur Arbeitslosigkeit. Der jüngere und meist unverheiratete Arbeitslose verfällt dem Verbrechen am leichtesten. Er entwurzelt schneller, er ist anspruchsvoller, er ist in seiner Isolierung leichter der Verführung zugänglich, und er ist gleichgültiger gegen eine Freiheitsstrafe, die ihn ja keiner Familie entreißt.“

Vielleicht typisch Berliner Ironie: Zu jener Zeit gab es auch Kneipen die „Gummiknüppel“ und „Sing-Sing“ hießen, die man mit Herrn Moreck ebenfalls frequentieren kann. Wenn man wissen will, wie es dort und in diesen Palästen und Kaschemmen aussah, für den bietet die  Neuausgabe zahlreiche historische Fotografien. Die Illustrationen sowie ein umfangreiches Glossar und ein alphabetischer Überblick über alle genannten Etablissements machen den „Führer durch das lasterhafte Berlin“ zu einer runden Angelegenheit und nützlichen Quelle. Dass das Buch schon seinerzeit der Unterhaltung und dem Gebrauch dienen sollte, ist offensichtlich – das bietet es, nicht mehr und nicht weniger.

Verlagsinformationen zum Buch:
http://www.bebraverlag.de/verzeichnis/titel/804-ein-fuehrer-durch-das-lasterhafte-berlin.html

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Gabriele Tergit: Käsebier erobert den Kurfürstendamm

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Bild von Michael Kauer auf Pixabay

„Ich kannte diese Stadt noch“, dachte er, „als sie noch aussah fast wie eine Stadt, als man noch nicht Haus bei Haus abgerissen hatte, als noch das Wollager im Hohen Hause war und die Planwagen in der Klosterstraße standen, am Hackeschen Markt noch die Hollmannsche Schule war und alles dort voll Gärten. Es ist kein Platz mehr für den Menschen und seine Sehnsucht.“ Er wanderte weiter, kam an den Schloßplatz und ging die Französische Straße lang. Niemand begegnete ihm. Er war zurückgekehrt nach 1000 Jahren in die verfallene Stadt. Unbewohnt waren die Häuser, nur manchmal stand ein alter Gott davor in bortenbesetzter Uniform, der Schlüssel hielt. Nie mehr würden hier Menschen atmen. Das Lachen starb, als die Menschen zugrunde gingen. Er nur allein war aufgeweckt. Er war müde, die Sohlen brannten ihm. „Müde Füße“, dachte er, „das mildeste Tun ist, die Füße zu waschen. Wir haben aufgehört zu wandern, wir haben keine müden Füße mehr, wir haben niemanden, der sie uns wäscht, verratenes Herz, getäuschtes Vertrauen in den großen Städten.“

Gabriele Tergit, „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“, Erstausgabe 1931, Schöffling & Co., 2016.

Ein wenig lässt der melancholische Gedankengang des Redakteurs Miermann an Georg Heyms „Gott der Stadt“ denken – der expressionistische Furor, mit dem Heym bereits 1910 die menschenfressende Metropole beschrieb, klingt in diesen Zeilen ebenfalls durch. Und macht deutlich, wer in diesem Roman aus der Weimarer Republik tatsächlich die Hauptrolle spielt: Nicht der titelgebende Volksliedsänger Käsebier, nicht der gescheiterte Schriftsteller Miermann, nicht das ganze Panoptikum an Bauspekulanten, vom Konkurs bedrohten Bankern, windigen Medienleuten und halbseidenen Damen. Sondern sie steht im Mittelpunkt, die Stadt, DIE Stadt der Weimarer Republik an sich, Berlin.

Der 1931 beim Ernst Rowohlt Verlag erschienene Roman hat alles, was eine gute Satire braucht: Witz, Tempo, messerscharfe Dialoge, eine turbulente Handlung, starke Typen. Erzählt wird vordergründig von Aufstieg und Fall des nur mittelmäßig begabten Alleinunterhalters Käsebier. Eine über ihn verfasste Story dämmert bei der Berliner Rundschau vor sich hin, rutscht als Platzhalter eher zufällig in die Zeitung, wird aber von einem aufstiegsgierigen freien Journalisten hochgeputscht – die Maschine kommt ins Rollen, es gibt kein Halten mehr: Käsebier wird von der Halbwelt und der feinen Welt entdeckt, bekommt Auftrittsverträge, eine Welttournee, Grundstücksspekulanten planen ein Käsebier-Varieté am Kurfürstendamm, Käsebier-Biographien werden verfasst, Käsebier-Puppen finden reißenden Absatz, das Käsebier-Merchandising läuft auf Hochtouren. Doch die Blase platzt so schnell, wie sie sich entwickelt hat – das Publikum findet einen neuen Liebling, am Ende ist eine Zeitung plattgemacht, eine Bank geht Konkurs und Käsebier verschwindet in der Provinz.

Alle, die in diesem Zirkus auftreten, sind „Menschen der Zeit“, wie ein altgedienter Journalist anmerkt:

„Der Erfolg ist eine Sache der Suggestion und nicht der Leistung.“
Miermann würde sagen: „Dieser einzige Satz erklärt den ganzen Faschismus, ihr seid feige Sklaven, ihr braucht Autorität.“

Man schluckt ein wenig bei diesem fein eingestreuten Bosheiten, den locker formulierten Zwischentönen, die ihre eigene Wahrheit in sich bergen: Denn der ganze Käsebier-Rummel erinnert an die It-Girls und Boys von heute, der Bauwahn an die Gentrifizierung der Städte der 2000er-Jahre, die Krise der Berliner Rundschau an die Verlagskrisen unserer Zeit. So merkt denn auch Nicole Henneberg in ihrem Nachwort „Die sieben fetten Jahre im Leben einer Generation“ an:

„Heute ist diese Geschichte wieder brennend aktuell: Es ist haargenau dieselbe Krise, unter der jetzt die Printmedien ächzen, und die vermeintlichen Problemlösungen gleichen sich bis ins Detail, bis zur Neueinführung wöchentlicher Mode-, Kosmetik- und Klatsch-Seiten in bis dahin ernsthaften Blättern.“

Gabriele Tergit (1894 – 1982) hatte mit ihrem Roman durchaus ein Stück Realsatire verfasst, aus eigenem Erleben als Journalistin, die den Untergang ihrer Zeitungsredaktion zusehen musste, geschöpft. Tergit war neben „Sling“ (Paul Schlesinger), die Gerichtsreporterin der Weimarer Zeit, ungewöhnlich in jenen Jahren, war der Gerichtssaal doch noch eine reine Männerdomäne. Die freie Autorin und Literaturkritikerin Nicole Henneberg schreibt über diese interessante Autorin, die neben zahlreichen Feuilletonberichten, Reportagen, auch drei Romane und ihre Erinnerungen verfasst hatte:

„So wird sie die erste deutsche Gerichtsreporterin, und erst durch ihre nachdenklichen, klugen Schilderungen, die stets das gesellschaftliche Umfeld eines Falles und vor allem den erstarkenden rechten Nationalismus von Richtern und Staatsanwälten im Blick behalten, wird die Gerichtsreportage zu einer literarischen Gattung.“

Ihre genaue Beobachtungsgabe, die „Straßenweisheit“, die sie auch im Gerichtssaal lernt, aber vor allem ihr rascher Geist und ihr Witz prägen auch den Käsebier-Roman und machen ihn auf eine besondere Art und Weise auch höchst unterhaltsam. Dies zeigt ein Blick ins Wohnzimmer des Ehepaares Käsebier:

„Sie hatte hochblondes Haar, trug Stöckelschuh und sehr grelle Kleider. Sie war Feuer und Flamme für den Kurfürstendamm: „Denn ne große herrschaftliche Wohnung, weißt du, wo wir`n schönes Büfett stellen können, und ne neue Küche möchte ich dann auch haben, nich? (…)
Aber Männe, ich versteh dich nich? Was willste denn. Sie machen`n Tonfilm für dich. Du bist berühmt. Du warst im Wintergarten. Was klebste denn hier an de Hasenheide? Kannst doch Caruso werden, ladet dich Hindenburg ein, singste vorm König von England, bei uns is et ja nischt Rechtes mehr so ohne gekröntes Haupt.“

So locker der Roman daherkommt – er spricht eine deutliche Sprache, ist kritisch und hochpolitisch. Für ihre deutliche antifaschistische Haltung zahlte Gabriele Tergit einen hohen Preis, zumal sie auch noch aus einer jüdischen Familie stammte: Schon am 4. März 1933 versucht ein SA-Kommando ihre Wohnung zu stürmen, am nächsten Tag gelingt der Journalistin und Schriftstellerin die Flucht nach Prag. Ab 1935 lebt sie mit ihrem Mann und ihrem Sohn in Palästina, später siedelt die Familie nach London um. Sie teilt das Schicksal vieler Künstler, die von den Nationalsozialisten vertrieben wurden: Sie wird in Deutschland vergessen, erst spät beginnt man sich wieder für ihr Werk zu interessieren.

Bei Schöffling & Co. erschienen 2014 „Der alte Garten“ und 2015 „Der glückliche Gärtner“, 2016 folgte „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“, das inzwischen auch als btb-Taschenbuch zu erhalten ist. Weitere Werke sind laut Verlagsangaben in Vorbereitung.

Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.schoeffling.de/buecher/gabriele-tergit/käsebier-erobert-den-kurfürstendamm

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