Simone Scharbert: du, alice

„die frage treibt dich schon seit jahren um, immer wieder kauert, lauert sie im dunkel deines denkens, auch an diesen hellen tagen, und je mehr du dich ihr zu entziehen versuchst, desto mehr gerätst du in ihren sog, es geht um deine existenz, um den sinn deines lebens, um moralische werte, die dein denken geformt, gelenkt haben, das nun einrastet bei dieser frage, nicht weiterkommt, denn wer kann schon eine frage dieser tragweite beantworten.“

Simone Scharbert, “du, alice“.

Es sind die ganz großen Fragen, um die Alices` Denken kreist. Ein ungebärdiger Geist, der die Fesseln sprengen will, die ihm auferlegt sind. Eingegrenzt zwischen Krankenlager und Korsett, gefangen in einem immer kränkelnden Körper und den Konventionen jener Zeit. Die innerliche Rebellion, das stumme Aufbegehren, es fordert seinen Tribut, frisst diese Frau von innen auf – zunächst sind es die dunklen Fragen nach einem selbstgewählten Ende, dann ist es der Krebs, der sie besiegt.

Die Lyrikerin und Autorin Simone Scharbert wendet sich in ihrem ersten veröffentlichten langem Prosatext einer besonderen Frau zu: „du, alice“ ist ein poetisches, einfühlsames Portrait einer hochintelligenten Frau, der das Leben nach ihrem Maß verwehrt wurde. „eine anrufung“, so Untertitel und formale Bezeichnung dieses Textes, aber auch eine Annäherung und ein Stück poetischer Aneignung.

Wer war Alice James (1848 – 1892)? „Erst wenn die Sprache auf ihre Brüder kommt, den Romancier Henry James sowie den Philosophen und  Psychologen William James, oder auf Susan Sontag, die ihr ein Theaterstück widmete, weiß man sie einzuordnen“, informiert der Klappentext des schmalen Bandes, erschienen in der „edition AZUR“.

Luise F. Pusch hat dieser – zu ihrer Zeit übersehenen und erst sehr viel später entdeckten Frau, deren spät verfassten und erst postum veröffentlichten Tagebücher ein Zeugnis starken weiblichen Denkens sind –  ein Portrait bei fembio gewidmet:

„Alice James war eine hochbegabte Frau, die allerdings ihre Begabung nie entfalten durfte. Ihr Vater, der ihre Brüder auf die besten Schulen und Universitäten schickte, war der Überzeugung, dass Bildung der natürlichen Würde und Aufgabe der Frau nur schaden könne (…) Mit 13 Jahren erkrankte Alice James an Hysterie und sollte sich zeit ihres kurzen Lebens nicht mehr davon erholen; ab ihrem dreißigsten Lebensjahr war sie Vollinvalidin. Sie litt darunter, daß sie keine »richtige Krankheit« vorzuweisen hatte und frohlockte geradezu, als sie 1891 mit 43 Jahren unheilbar an Krebs erkrankte: »Dem der wartet wird gegeben! … Seit ich krank bin, habe ich mich nach irgendeiner handgreiflichen Krankheit gesehnt, egal was für einen fürchterlichen Namen sie haben mochte.«

In ihrem mitreißenden Text, in dem Simone Scharbert jene Alice anspricht wie eine vertraute Bekannte, geht die Autorin den Lebens- und Leidensweg der Alice James mit – kein Leidensbuch ist es jedoch geworden, sondern das Zeugnis einer „Selbstentwicklung“, einem Kampf um Wissen und intellektuellem Anspruch gegen alle äußeren Widerstände hinweg.

„da helfen auch die bücher nicht weiter, obwohl du immer wieder sätze findest, die dich halten, anker im grundlosen, he didn`t fear death, but he feared dying, the nearness counts so as distance. du weißt genau, was diese sätze bedeuten, manchmal bist du dir so fremd, dass du dir auf diesem umweg näherkommst, und endlich beginnst du richtig zu schreiben, nimmst die feder nur für dich zur hand, verfasst keine briefe, überträgst keine zitate, fertigst keine exzerpte mehr an, nein, schreibst nur noch deine eigenen worte, formst sie zu sätzen, gibst ihnen die form eines tagebuchs, dein first journal.“

Das ist 1888 und Alice James bleiben nur noch knappe vier Jahre. Am Ende ihres Lebens kann sie, vom Krebs, Schmerzen und Morphium gebeutelt, ihre Gedanken nur noch ihrer Seelenverwandten Katharine P. Loring diktieren:

„und dass katharine deine texte verwahren wird, auch daran glaubst du, sie hat es versprochen, sie wird dein schreiben gegen henry und william verteidigen, es auch gegen deren willen an die öffentlichkeit bringen, dein erstes und letztes eigenes buch, dein first journal, am anfang war das wort und es wird auch am ende stehen. du glaubst an deine sprache.“

Katharine P. Loring ist es zu verdanken, dass das „First Journal“ erhalten blieb, Simone Scharbert ist es zu verdanken, dass Alice James den Leserinnen ihrer Anrufung lebendig und greifbar wird. Ihr Text fließt, fließt wie dieses Frauenleben, beleuchtet entscheidende Jahre, Entwicklungen, Ereignisse, ist chronologisch und assoziativ zugleich, vor allem aber in einer wunderbaren Sprache geschrieben. So entsteht das Portrait einer Frau mit allen ihren Widersprüchen und Eigenheiten, deren Wesen, sicher auch geprägt durch die lebenslangen Einschränkungen, nicht unbedingt einnehmend ist, die einen jedoch überwältigt mit ihrer inneren Kraft. „du, alice“ – eine Anrufung auch an die Leserinnen von heute, nicht still zu stehen, Beschränkungen nicht zu dulden, ein Zeugnis weiblicher Selbstbehauptung.


Mehr Informationen zum Buch:

Simone Scharbert
„du, alice“
Edition AZUR 2019
120 Seiten, 20,00 Euro
ISBN 978-3-942375-42-9

Homepage der Autorin:
https://www.simonescharbert.de/


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Henry James: „Die Europäer“ und „Die Gesandten“

james

Bild: (c) Michael Flötotto

Es mag ein Zufall gewesen sein, aber zum 100. Todestag von Henry James veröffentlichten zwei Verlage zwei Romane in neuer Übersetzung, die am Anfang und Ende seines Schaffens stehen – und einen thematischen Kreis schließen. Zu Beginn seiner Karriere lässt Henry James die Europäer in die Vereinigten Staaten kommen – gegen Ende suchen die Amerikaner in Europa ihr Glück und verlieren dabei die Orientierung.

„Die Europäer“, beim Manesse Verlag erschienen, ist ein luftig-leichtes Frühwerk. Eher ein Appetithäppchen, das die Neugier erweckt auf die späteren Bücher des Amerikaners, der ein Lebensthema hatte: Das Aufeinanderprallen der „alten“ und der „neuen“ Welt. Das amüsante Wechselspiel um einige Amouren und Aufeinanderprallen der Kulturen zeigt den Stil von Henry James bereits in den Grundzügen: Er forscht in den Regungen der Seele – auch wenn sein gestrenger Bruder William, berühmter Psychologe seiner Zeit, den Roman als „leer“ verurteilte. „Die Europäer“ erinnert – insbesondere durch den eloquenten Einsatz von Dialogen – an ein Stück von Oscar Wilde: Locker, luftig, leicht und amüsant.

„Die Gesandten“ dagegen, sein vorletzter Roman und in neuer Übersetzung durch Michael Walter beim Hanser Verlag erschienen, ist von ganz anderem Gewicht: Ein Amerikaner kommt nach Paris, um dort die Mesalliance eines jungen Mannes aus seiner Heimat mit einer Dame von zumindest angekratztem Ruf zu verhindern – der Herr in den besten Jahren verliert jedoch in der Alten Welt bald auch sein inneres Gleichgewicht: Paris, das ist so ganz anders, als Lambert Strether es sich in seiner amerikanisch-puritanischen Haltung vorstellen konnte. Strether beginnt sich selbst zu fragen, ob sein eigenes Leben nach den richtigen Prinzipien ausgerichtet ist.

Die „Europäer“ erschien zuerst 1878 in The Atlantic Monthly, im Herbst 2015 beim Manesse Verlag in neuer Übersetzung durch Andrea Ott. Mit seinem locker-leichten Ton, mit den ironischen Seitenhieben auf die neureiche Neue Welt und den abgewirtschafteten Adel der Alten Welt, mit seinen Dialogen wie Ping-Pong-Spielen und den amourösen Verwicklungen ist es ein leichtes Lesevergnügen und wartet mit reichlich viel Happy-Endings auf: Vier Hochzeiten und eine Abreise. Ausgerechnet Eugenia, die „Edelgeborene“, die sich einen wohlhabenden Amerikaner angeln wollte, geht leer aus.

James konstruiert in diesem Roman einen „clash der Kulturen“ – im eigentlichsten Sinne. Denn Eugenia und ihr malender Bruder Felix, mittellos und auf gute Partien hoffend, sind ganz der Kunst, auch der Kunst des Salongesprächs, zugeneigt – vor allem bei Eugenia weiß selbst der Leser nie ganz genau, worauf sie bei ihren Geplänkeln hinaus will. Am Ende verstrickt sie sich in ihren eigenen verbalen Fäden. Hier die überfeinerten Europäer – dort die puritanischen, grundehrlichen Amerikaner, die jedoch eines nicht können: Über ihre eigenen Gefühle und Stimmungen reflektieren, Innenschau halten. Auf diesem Gegensatz beruht dieser amüsante Roman.

Gustav Seibt schreibt in seinem Nachwort zur Manesse-Ausgabe:

„Der ästhetisch-kulturelle Gegensatz zwischen Europa und Amerika bleibt als historisches Thema bedeutend genug – die Frage nach dem Verhältnis von Vorgänger- und Nachfolgerkulturen wird die globalisierte Welt auch in Zukunft begleiten. Und wie wenig James, bei aller Liebe zu den Künstlern Europas, den amerikanischen Standpunkt verleugnet, zeigt sich etwas in dem stolzen Satz von Mr. Wentworth, der, auf den fürstlichen Stand seiner Cousine Eugenia angesprochen, knapp erklärt: „Hierzulande sind wir alle Fürsten.“ 

Thematisch ähnlich, doch deutlich komplexer ist das von Michael Walter für den Hanser Verlag neu übersetzte Werk „Die Gesandten“, das 1903, ebenfalls zunächst als Vorabdruck in einer Zeitschrift, erschien. Das Buch ist eine Herausforderung an die Leser: Ein echter Henry James. Es lebt von präzis-minutiöser Erforschung des Innenlebens seiner Protagonisten und doch bleibt manches unausgesprochen, verharrt in Andeutungen, vieles erklärt sich nur vage an kleinen Handlungen, Äußerungen, in Nuancen.

Der biedere Herausgeber einer Zeitschrift, Lewis Lambert Strether, aus dem Städtchen Woollett (Massachusetts) soll den Sohn der ebenfalls sehr biederen Witwe Mrs. Newsome nach Hause holen: Jung-Newsome lebt in Paris, ist in eine amouröse Geschichte mit einer klugen, charmanten Französin namens Madame de Vionnet verstrickt und denkt gar nicht daran, sich wieder in die Eintönigkeiten amerikanischen Kleinstadt- und Geschäftslebens zu fügen. In den Augen der gestrengen Mrs. Newsome (und zunächst auch in Strethers Auffassung) hat Madame de Vionnet ein ganzes Bündel an Fehlern: Sie ist um einige Jahre älter, verheiratet und zudem mit einer hübschen Tochter gesegnet. Obwohl zutiefst unglücklich, ist die Ehe mit einem Adeligen, die nur noch auf dem Papier besteht, nicht auflösbar. Überkommener Adelcodex trifft auf amerikanischen Puritanismus.

Strether, der selbst an eine Verbindung mit Mrs. Newsome denkt, ist zunächst guter Dinge, seinen Auftrag bewältigen zu können – und scheitert. Denn seine „Pariser Erfahrungen“ führen ihn zu ganz zentralen Fragen an sich selbst, zu einer Auseinandersetzung mit seinem Leben. Bei einer Unterhaltung mit einem jungen, unsicheren Mann, den er in der Hauptstadt der Liebe kennenlernt, bricht es plötzlich aus dem rechtschaffenen Amerikaner heraus:

„Leben Sie, so intensiv Sie können; alles andere ist ein Fehler. Was Sie tun, spielt eigentlich keine große Rolle, solange Sie ihr eigenes Leben leben. Wenn Sie das nicht gelebt haben, was haben Sie dann überhaupt gehabt?“ 

Verbunden mit dem temperamentvollen Appell an den jüngeren Mann ist jedoch die melancholische Einsicht, dass für ihn selbst, den 55jährigen, der Zug wohl schon abgefahren ist – und dennoch kehrt Strether am Ende des Romans nach Hause zurück. Allerdings ist er nicht mehr derselbe, wie der Abschied von einer amerikanischen Freundin in Paris am Ende des Romans verdeutlicht.

„Es brachte sie zurück auf ihre unbeantwortet gebliebene Frage. „Was erwartet Sie denn zu Hause?“
„Ich weiß es nicht. Irgendetwas gibt es immer.“
„Eine große Veränderung“, sagte sie, während sie seine Hand festhielt.
„Eine große Veränderung – ganz ohne Zweifel. Trotzdem werde ich sehen, was sich daraus machen lässt.“

Maike Albath, eine ausgezeichnete Kennerin von Henry James` Werk, schreibt über „Die Gesandten“:

„Hier klingt ein weiteres zentrales Motiv von Henry James an, das er in vielen Romanen variiert: das des verpassten Lebens. Gründe dafür können Zaghaftigkeit, emotionale Taubheit, aber auch wirtschaftliches Kalkül sein, wie in seinem groß angelegten Fresko „Die Flügel der Taube“, in dem Berechnung schließlich jede tiefere Gefühlsregung verfälscht und Verstellung eine fatale Dynamik entwickelt. In seinem ausführlichen Nachwort, das in dieser Ausgabe zum ersten Mal auf Deutsch erscheint, erzählt der Autor, wie er 1895 über einen Freund von einem älteren Gentleman hörte, der einen jungen Mann vor der Gefahr des Verzichts warnte.“ 

Ihr Artikel verknüpft Kenntnis des Werks und der Biographie des Autors geschickt. Wer sich Henry James annähern will, findet hier eine gute Quelle: http://www.deutschlandfunk.de/buch-der-woche-henry-james-die-gesandten.700.de.html?dram:article_id=346874 

Auch heute noch, in einer globalisierten Welt, in der durch die digitalen Medien scheinbare Nähe aufgebaut wird, wirken die Romane Henry James in ihrem Kernthema – Alte Welt versus Neue Welt – eigenartig modern. Die jüngsten Präsidentschaftswahlen haben dies vielleicht einmal mehr gezeigt, wie wenig wir von den Vorgängen in den USA und der amerikanischen „Seele“ wissen. James, der sich selbst zeitlebens in Europa wohler fühlte, hätte das Erstaunen der Europäer über Trumps` Wahl vielleicht mit einem Schulterzucken und einem wissenden, müden Lächeln quittiert. Immer wieder hat er in seinen Büchern versucht, die Masken zu lüften – und immer wieder doch auch aufgezeigt, wie vieles die alte von der neuen Welt trennt.

Verlagsinformationen zu „Die Europäer“:
https://www.randomhouse.de/Buch/Die-Europaeer/Henry-James/Manesse/e483140.rhd

Verlagsinformationen zu „Die Gesandten“:
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/die-gesandten/978-3-446-24917-2/


„Es war allerdings ein Leichtes, nicht zu sprechen, wo die eigentliche Schwierigkeit doch darin lag, Worte zu finden.“

Henry James, „Die Kostbarkeiten von Poynton“, Manesse Verlag, 2017.

Henry James ist einer dieser Schriftsteller, die nie ganz weg, aber auch nie ganz da sind – wohl jeder, der sich mit englischsprachiger Literatur befasst, wird eines seiner bekanntesten Werke, sei es „Die Drehung der Schraube“, „Portrait of a Lady“ oder „Washington Square“ gelesen haben. Doch die gesamte Fülle seines Werks harrt immer noch einer angemessenen Übertragung ins Deutsche.
Umso mehr muss man anerkennen, dass beim Manesse Verlag seit einiger Zeit nach und nach einiger seiner Werke in hervorragender neuer Übersetzung erscheinen – und darunter, so wie nun mit „Die Kostbarkeiten von Poynton“, durchaus nicht nur die oben genannten, bereits berühmten Titel, sondern auch ein Roman, der zu den weniger bekannten Stücken aus James` Gesamtwerk zählt.

Wie Alexander Cammann in seinem Nachwort herausarbeitet, bildet dieses Buch eine Art Zäsur im Schaffen des amerikanischen Schriftstellers. Mit dem Krebstod seiner Schwester Alice, dem Tod seines Brieffreundes Robert Louis Stevenson und dem Suizid seiner Seelenverwandten Constance Fenimore Cooper hatte Henry James innerhalb kürzester Zeit seine engsten Vertrauten verloren, dazu kam sein öffentliches Scheitern als Bühnenautor. Seine Reaktion: Er setzt sich mit seinem eigenen Schaffen auseinander, beginnt wieder an einem Roman zu schreiben: „Ich gedenke, weit bessere Arbeit zu leisten als je zuvor.“

An dem 1896 erstmals veröffentlichten Poyntoner Kostbarkeiten werden sich die Geister scheiden: Wer sich mit dem Stil von Henry James, der zugegebenermaßen wenig „actionreich“ ist, sowieso nicht anfreunden kann, der wird das Buch entnervt zur Seite legen. Andere finden darin jedoch ihren vollen Genuss.

Im Grunde ist die Geschichte etwas Schall, sehr viel Rauch – Rauch, in dem das vermeintliche Objekt der Begierde, ein mit Devotionalien vollgestopftes Haus, am Ende in Flammen aufgeht. Eine unerwartete Pointe für eine Erzählung, die jedoch um einen ganz anderen Kern kreist: Die Unfähigkeit der beteiligten Personen, die (selbstauferlegten) Grenzen der Konvention, der öffentlichen und der gefühlten Moral abzulegen und ihrem eigentlichen Bedürfnissen und Gefühlen nachzugeben. Am Ende liegt alles buchstäblich in Schutt und Asche – auch das Lebensglück eines verliebten Paares, das nicht fähig ist zu können, wie es wollen sollte.

Nikolaus Stingl hat in seiner Übersetzung die leisesten Schwingungen und Untertöne, die Henry James seinen Figuren bei diesem dialoghaltigen Roman in den Mund legt, hervorragend aufgenommen. James, der souveräne „Menschenautor“, lässt einem jede feinziselierte Seelenregung seines Personals nachvollziehen, obwohl niemals direkt das ausgesprochen wird, was eigentlich gemeint ist – auch das macht die Lektüre insbesondere seines Spätwerks, das durch „Die Kostbarkeiten von Poynton“ eingeläutet wurde, zu einem herausfordernden Genuss.

Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.randomhouse.de/Buch/Die-Kostbarkeiten-von-Poynton/Henry-James/Manesse/e450014.rhd

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Henry James: Das Tagebuch eines Mannes von fünfzig Jahren

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Bild: (c) Michael Flötotto

Henry James (1843 – 1916) zu lesen ist, als würde man Champagner trinken: Man weiß, da hat man etwas ganz Seltenes, Erlesenes, Elegantes. Ein Genuss. Jedoch mit Nachwirkungen: Ein Schluck zu viel davon, und man ist verloren. Und unter dem Glanz dieser Sprache, des Stils liegt schon der Hauch eines bitteren Nachgeschmacks – bald schon bricht in die schillernde Kulisse dieser Satz- und Dialogkonstruktionen die Ahnung einer dunkleren Seite ein, lauert unter dem Glanz etwas Morbides, weht uns eine Vorkenntnis von Herzeleid und Seelenqual, von Scheitern und Zerbrechen an.

Ob in „The Portrait of a lady“, „Daisy Miller“ oder „Washington Square“: In allen seinen großen Roman geht es im Grunde um gescheiterte Lebensentwürfe, um verlorene und vergebliche Liebe (meist sind es die großen Frauenfiguren des Henry James, die sich den Konventionen beugen, sich in eigenen Lebenslügen verstricken und sich, ganz klassisch ausgedrückt, an den „Falschen“ verschenken), um zertrümmerte Träume. Und um Verluste – wer sich sein privates Glück gegen alle Regeln seiner Klasse erkämpft, muss dafür einen anderen Preis bezahlen, so die bittere Erkenntnis. Einfach so kommt keiner davon.

Henry James, der große literarische Psychologe (sein Bruder William war der praktische Vertreter dieser Disziplin, gilt als der Begründer der Psychologie in den USA), spürt den feinen seelischen Beben, dem Hin und Her des Lebens, das sich oftmals zunächst im Inneren abspielt, den inneren Kämpfen feinfühlig nach – und kleidet es in eine Sprache, die in dieser Geschliffenheit wenige so beherrschten wie er. Seine Bücher werden gerne mit dem Etikett „Gesellschaftsroman“ versehen – eine Einschränkung, die ihnen nicht gerecht wird. Denn man kann den Romanen weitaus mehr entnehmen als „the portrait of a society“, die es in dieser Form schon lange nicht mehr gibt. James ist einer, der den Menschen – freilich aus sicherer, kühl beobachtender Distanz – auf den Grund geht. Und so haben seine Romane und Erzählungen in der treffenden Analyse unserer psychisch Beschränkungen (und Beschränktheiten) immer noch ihre Gültigkeit. Lebensweisheiten à la James, die in Sätze verkleidet sind, die man sich durchaus mehrmals über der Zunge zergehen lassen muss, bis sie ihr vollständiges Aroma entfalten:

„Es ist meine Überzeugung, dass es einer Freundschaft meistens nicht zum Vorteil gereicht, wenn mein Freund meine wahre Meinung kennt, denn er kennt sie hauptsächlich dann, wenn es eine ungünstige ist, und dies gilt insbesondere dann, wenn (falls ich das so schief ausdrücken darf) er eine Frau ist.“
Aus der Erzählung „Louisa Pallant“ (1888)

Gerade an seinen kürzeren Arbeiten, den zahlreichen Erzählungen, wird sichtbar, wie sehr Henry James mit den Irrungen und Wirrungen der Menschenseele mitging – die größten Gefahren lauern auf ein Herz, das sich öffnet, die tiefsten Wunden vermag die Liebe zu schneiden, weil sie verletzbar macht. James, selbst ein Lebensvermeider und Liebeverweigerer – mutmaßlich aus Lebensangst, liest man sich in die Biographie dieses von Schwermut geplagten Mannes ein – wusste dies. Und machte sich wenigstens im Schreiben frei davon. Zudem erlaubte es ihm die Position des neutralen Beobachters, sich jede Freiheit in der Beschreibung seiner Mitmenschen erlauben zu können. Und so sind in seinen Büchern immer wieder einige der schönsten Giftigkeiten zu finden:

„Natürlich ist sie nicht einmal mehr auch nur ein bisschen jung; sie hat sich nur gut gehalten – oh, aber gut gehalten wie eingemachtes Obst in Sirup! Ich möchte ihr gerne helfen, und sei es nur, weil sie mir auf die Nerven geht, (…).“
Aus: Der Beldonald-Holbein (1901)

Beim Manesse Verlag sind nun sechs Erzählungen unter dem Titel „Tagebuch eines Mannes von fünfzig Jahren“ in einer schönen Schmuckausgabe erschienen, kongenial übersetzt von Friedhelm Rathjen – Henry James hat tatsächlich nur die besten Übersetzer verdient. Sie alle kreisen mehr oder weniger um die oben angesprochenen Themen. In ihrem Nachwort für den Manesse-Band (auch dieses für sich ist übrigens ein literarisch-essayistischer Genuss) schreibt die Literaturwissenschaftlerin Maike Albath:

„James war von der Feinmotorik der Psyche fasziniert, die er auch in den sechs hier zusammengefassten Erzählungen so glänzend auffächert. Er und sein Bruder William schienen sich gegenseitig zu inspirieren. William James prägte nicht nur den Begriff des stream of consciousness und betonte die Vorläufigkeit aller Erfahrung von Welt, sondern sah auch das Ich als etwas Vielgestaltiges an. Er unterschied zwischen dem „I“, dem Ich als Subjekt, und dem über sich selbst reflektierenden „me“, dem Ich als Objekt. Beides zusammen ergibt das „self“. Diese Erkenntnis zusammen bargen für Henry James ein ungeheures erzählerisches Potenzial, das sich durch gesellschaftliche Zwänge wie Klassenzugehörigkeit oder Besitz noch akzentuieren ließ.“

Oder durch einen dritten Blick, den Blick von außen: Mein Favorit unter diesen Erzählungen ist nicht die titelgebende Geschichte über das vergeudete (Liebes-)Leben eines verbitterten Mannes (1879), der sich selbst im Wege stehend, Opfer seiner Vorbehalte wurde oder die ähnlich konstruierte Erzählung „Louisa Pallant“ (1888). Sondern „Die Eindrücke einer Cousine“ (1884), die allerdings einen wesentlichen Schönheitsmakel hat. Davon wird noch zu sprechen sein. In erster Linie ist es jedoch amüsant, unterhaltend und fesselnd, jener Dame dabei zuzusehen, wie sie mit dem „Ich“ ihrer jüngeren Verwandten umgeht, während sie versucht, deren „Es“ zu ergründen. Irrungen und Wirrungen vorprogrammiert.

Zu den Vorzügen der Eindrücke: Eigentlich eine klassische Konstellation, jene der älteren Cousine, die als „Anstandsdame“ und Gesellschafterin einer jungen, elternlosen Dame zur Seite steht. Der Treuhänder des Vermögens lässt seinen jüngeren Bruder im Hause antichambrieren, arbeitet auf eine Verbindung der beiden jungen Leute hin. Natürlich dämmert es beim Lesen bald – das Vermögen ist perdu, veruntreut, die vom Vermögensverwalter forcierten Hochzeitspläne dienen dazu, den Betrug zu bemänteln. Die scharfsinnige und scharfzüngige Cousine durchschaut dies zwar wohl, aber nicht ihr eigenes Herz und das der anderen – da geht es erst einmal kreuz und quer. James Stil zeigt sich hier, in den Tagebuchaufzeichnungen der Dame, von seiner luftig-leichten, fast mediterranen Seite. Sie spielt ausnahmsweise nicht in der „alten Welt“, sondern in den Vereinigten Staaten spielt, dem Geburtsland von Henry James, das er floh und gegen ein Leben auf dem Kontinent eintauschte. Die geographische Verortung der Erzählung gibt ihm jedoch Spielraum genug für ironische Seitenhiebe auf seine Landsleute, auf die Engstirnigkeit einer bestimmten Klasse in „the land of the free“.

„Kurz, in Sachen Pflicht ist sie wahrhaft eine kleine Künstlerin; und ihr Meisterwerk (in jener Hinsicht) besteht darin, dass sie zurückgekehrt ist, um hier zu leben. Es kann ihr nicht gefallen; ihr Geschmack ist anderswo. Würde es ihr doch gefallen, so hätte sie sich sicherlich nicht eine solche Formulierung einfallen lassen wie diejenige, die sie neulich benutzte: „Ich glaube, in seinem eigenen Land zu leben, hat mehr Würde.“ Das ist eine Formulierung, die der Sachlage angepasst ist. Niemand würde je ein Leben in Europa aufgeben, weil es ihm sonst an Würde mangelt. Die bedauernswerte Eunice spricht vom eigenen Land, als verwahrte sie die Vereinigten Staaten im Hinterstübchen. Die Würde, die darin liegen soll, in der 53rd Street zu wohnen, hat sich mir noch nicht erschlossen.“
Aus: Die Eindrücke einer Cousine (1884)

Leider bleibt jedoch auch Henry James selbst von diesem Charakterzug nicht verschont: Mehr als in anderen Arbeiten tritt in dieser Erzählung sein Antisemitismus deutlich, der in einem bestimmten Milieu in den USA grassierte, siehe auch manche Anmerkungen in den Werken der Schriftstellerin Edith Wharton, mit der James befreundet war.

Dennoch, bis auf diesen schwarzen Fleck auf der makellos gepflegten Weste des Mr. James, sind die Erzählungen ein Genuss. Was in der modernen Literatur allzu oft als dröge Seelenschau und Bauchnabelbetrachtung daherkommt, beherrschte Henry James auf das Feinste: Den verschlungenen Wegen des menschlichen Inneren nachzuspüren. Und auch wenn an Äußerlichkeiten wenig geschieht, hält der große Stilist einen in Bann. Und zeigt auf seine unnachahmliche Weise: Die Liebe ist ein seltsames Spiel (sie kommt und geht von einem zum anderen, singt Connie Francis), doch die meisten Menschen werden, einmal von der Hoffnung auf sie getroffen, zu ganz tumben und dümmlichen Toren.

Mit Dank an den Manesse Verlag für das Rezensionsexemplar.

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