Isabella Krainer: Vom Kaputtgehen

Bild: Michael Flötotto

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die menschen
unter den
leuten

Isabella Krainer, „Vom Kaputtgehen“, Limbus Lyrik 2020.

Die Biographie eines österreichischen „Jedermenschen“, von der Wiege bis zur Bahre, durchschreitet Isabella Krainer mit ihrem Gedichtzyklus, der im Innsbrucker Verlag Limbus erschienen ist. Dort bietet die Reihe „Limbus Lyrik“ zeitgenössische Poesie in schöner Optik – die Bücher bestechen durch ihr Äußeres und die Reihe hält etliche Entdeckungen bereit.

„Vom Kaputtgehen“ ist der erste Lyrikband der 1974 geborenen Kärtnerin Isabella Krainer, deren Texte nach Selbstauskunft zwischen „Politsprech und Dialektlandschaft“ pendeln. Und der Titel ist Programm: Ein glückliches Leben ist dem Jedermann, der Jederfrau, deren Lebenslauf in den vier Kapiteln „gehschule“, „marschbefehl“, „laufpass“ und „endspurt“ beschrieben wird, nicht beschieden.

Das verdeutlichen schon die Anfänge:

freiheit wäre übertrieben

neun monate
fluchtwasser

und plötzlich
auf bewährung
draußen

Man muss aufmerksam lesen, um den Witz, die Wortspielereien wahrzunehmen. Die Gedichte, meist kurz, knapp und pointiert, wären manches Mal eher als Aphorismen zu bezeichnen, manches Mal sind sie allzu plakativ. Doch hinter dem manchmal all zu Offensichtlichen tun sich weitere Ebenen und tiefe Abgründe auf – Krainers Gedichte sind auch „gradmesser“ eines gesellschaftlichen Zustands. Durch den Ansatz, entlang eines Lebens zu schreiben, bekommt der Band in sich etwas Rundes, Geschlossenes, das nicht von ungefähr mit den mahnenden Worten einer Seherin endet: schau so gern beim leben zu – anstatt ein eigenes Leben zu leben.

Richtig stark ist die Lyrikerin dort, wo sie zur Mundart greift:

söba schuid

wennst es nimma
aushoitst
weilst di damit
aufhoitst
dass dir olles
aufhoist
bis dann amoi
umfoist

Informationen zum Buch:
Isabella Krainer
Vom Kaputtgehen
Limbus Verlag Innsbruck, 2020
Gebunden mit Lesebändchen, 96 Seiten, 15,00 Euro
ISBN 978-3-99039-170-9

Homepage der Autorin: https://isabellakrainer.com/


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Fritz Rosenfeld: Johanna

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Bild von liggraphy auf Pixabay

„Am nächsten Tag erfuhr sie, daß sie fort müßte.
Statt eines Essers gab es nun bald zwei, statt eines Arbeiters keinen. Das war eine unrentable Änderung. Ließ man das angehen, so züchtete man nur das Unkraut. Energisch mußte man vorgehen, ein für allemal Ordnung machen.“

Fritz Rosenfeld, „Johanna“

An diesem Frauenschicksal, das der österreichische Autor Fritz Rosenfeld 1924 in einem 39-teiligen Roman in der „Salzburger Wacht“ entfaltete, ist nichts Tröstliches, absolut nichts, das Hoffnung oder Optimismus erwecken würde. „Johanna“ steht stellvertretend für eine im Grunde noch archaische Gesellschaft an der Schwelle zur Industrialisierung: Wer nicht das Glück der wohlsituierten Geburt hat, der gilt als Einzelner nichts, umso weniger, wenn man eine Frau ist.

Das Stigma der Armut haftet an Johanna, Tochter eines Tagelöhners, von Geburt an: Das kleine Mädchen, früh zur Waise geworden, wird eines Tages sozusagen wie ein Paket in der Dorfgemeinde ihrer Eltern abgestellt – dort, wo sie geboren wurde, kann man einen zusätzlichen Esser nicht gebrauchen, dort, wo ihre Eltern herkamen, nimmt man die menschliche Bürde nur ungern an.

Dass über ihrem weiteren Werdegang nur Unheil haften wird, das lässt der damals noch sehr junge Autor (als Fritz Rosenfeld die literarische Welt betritt, war er gerade 22 Jahre alt) in beinahe expressionistischer Manier in seinem Eingangskapitel erahnen:

„Über den Himmel jagen Wolkenfetzen, grelle Blicke zucken durch die Nacht, der Regen peitscht die aufgeweichte Straße, der Sturm heult wilde Gesänge in den Tannenwipfeln, aus dem Walde dröhnt das Fallen gebrochener Bäume, hie und da kreischt ein Tierlaut auf, hallt als endlos gezogener Schrei durch das Dunkel.“

c-rosenfeld-johanna-cover-webEin Start, als säße man in jener Zeit in einem der Wiener Kinos, gebannt auf das Geschehen der Leinwand blickend, bis endlich die Protagonistin ins Bild tritt. Fritz Rosenfeld hatte einen Blick für die Bilder, die die Welt bewegen, entwickelte er sich doch zu einem der profundesten Film- und Theaterkritiker im Wien jener Jahre.

Geprägt von seinem politischen Denken – er engagierte sich früh in der sozialdemokratischen Bildungsarbeit und schrieb vor allem für die Wiener Arbeiter-Zeitung, deren Feuilletonchef er kurzfristig bis zu seiner Emigration war – lehnte er das amerikanische Kino mit seinen Stoffen – „verlogene, heuchlerische Tugend- und Demutspredikt, mit weltfremdem, rosenrotem Optimismus übergossen“ – ab, interessierte sich für die russischen Filme, für Eisenstein, für Chaplin, all jene, die die Wirklichkeit der Massen auf die Leinwand brachten.

So kann man auch „Johanna“ beinahe als Vorlage für ein Drehbuch lesen, als Filmstoff für ein bedrückendes Sozialdrama. Denn die Abwärtsspirale, die ihr Leben nimmt, ist ihr im Grunde bereits in die Wiege gelegt, einen Ausweg gibt es für Menschen ihrer Herkunft in jenen Tagen nicht. Sie wird in der Dorfgemeinde nur solange geduldet, solange sich ihre Arbeitskraft und ihr Körper ausbeuten lassen. Als sie schwanger wird, wird sie in die Stadt abgeschoben, ohne Geld und ohne Unterstützung – der Weg in die Prostitution ist vorgezeichnet.

Wieviel Unglück sich im kurzen Leben dieser Frau ballt, die immer wieder an Menschen gerät, die ihre Unwissenheit ausnützen, ist kaum glaubhaft – doch muss man „Johanna“ eben auch als exemplarisches Frauenschicksal lesen, anhand dem der Autor verdichtet die Problematiken, denen das „Proletariat“ jener Tage ausgesetzt ist, aufzeigt. Das ist literarisch nicht immer ganz rund, manchmal etwas zu pathetisch und kolportagehaft. Und fragwürdig wird es dort, wo Rosenfeld etwas schwülstig über das eigene sexuelle Empfinden Johannas schreibt: Als sei sie tierhaft getrieben, beinahe so, als stünde ihr als Frau kein eigenes Begehren zu.

Trotz dieser Mängel ist „Johanna“ ein eindrucksvolles Portrait, ein beinahe niederschmetterndes Zeitbild, das eine andere Wahrheit und im Grunde – betrachtet man andere sozialkritische Bücher und Filme der 1920er-Jahre – die eigentliche Realität dieser Zeit wiedergibt.

Fritz Rosenfeld (1902 – 1987) entstammte einer jüdischen, österreichisch-ungarischen Familie. Wiewohl ungeheuer produktiv – unter seinem Pseudonym Fritz Feld verfasste er beispielsweise, bis ins hohe Alter hinein, unzählige Kinder- und Jugendbücher – zählt auch er heute zu den vielen Vergessenen, denen nach dem Nationalsozialismus, nach Flucht und Exil, die Anknüpfung an das literarische und journalistische Schaffen im deutschsprachigen Raum nicht mehr gelang.

Literaturwissenschaftler Primus-Heinz Kucher, Herausgeber der Neuausgabe von „Johanna“, schreibt in seinem Nachwort:

„Seine literaturwissenschaftliche Vernachlässigung gründet in der akademischen Tendenz zur Reproduktion kanonischer AutorInnen und Texte. Zudem wurde er Opfer der Ausgrenzungsmechanismen einer provinziell denkenden Wiederaufbau-Generation nach 1945.“

Ein sehr ausführliches Portrait von Kucher über Fritz Rosenfeld ist in einem umfassenden Internetarchiv der Universität Klagenfurt, das sich um „Transdisziplinäre Konstellationen in der österreichischen Literatur, Kunst und Kultur der Zwischenkriegszeit“ kümmert, nachzulesen: Fritz Rosenfeld in „Litkult 1920er“.

Und wie bei allen diesen wiederentdeckten Titeln aus dem österreichischen Verlag „edition atelier“ ist die Gestaltung einen eigenen Hinweis wert: Das Coverbild von Jorghi Poll, ganz in der Manier des Jugendstils, ist ein kleines Kunstwerk für sich.

Informationen zum Buch:

Fritz Rosenfeld
Johanna
Edition Atelier Wien
Gebunden, Halbleineneinband, Lesebändchen, 20,00 €
auch als E-Book erhältlich
ISBN: 978-3-99065-029-5


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Stefan Zweig: Der Amokläufer & Episode am Genfer See

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Stefan Zweig, portraitiert von Michael Hahn. Foto: Birgit Böllinger

„Die geistige Einheit unserer Welt?? Welch ein absurdes Thema! Spreche ich da nicht über ein Phantom? Existiert sie wirklich? Hat sie je existiert? Wird sie je realisierbar sein?

Leider, ich gestehe es, ist sie nicht sehr sichtbar im gegenwärtigen Augenblick, diese moralische Einheit unserer Welt – im Gegenteil, selten war die Atmosphäre der Welt (insbesondere unseres alten Europas) so vergiftet von Misstrauen, Uneinigkeit und Angst. Mit Unruhe nimmt man jeden Morgen die Zeitung zur Hand, mit einem Seufzer der Erleichterung legt man sie nieder, wenn nichts besonders Gefährliches sich ereignet hat, nur manchmal glaubt man die schwarzen Schwingen des drohenden Kriegs über seinem Schlafe rauschen zu hören.“

Stefan Zweig aus: „Die geistige Einheit Europas“.

Wenn man diesen Vortrag von Zweig, 1936 in Rio de Janeiro gehalten, heute liest, muss man sich die Augen reiben: Wort für Wort beschreibt der große österreichische Autor unsere gegenwärtige Situation. Mag man heutzutage auch keine Zeitung mehr lesen, sondern Nachrichten im Internet, mag es die wunderbare Sprache Zweigs sein, die manchem etwas antiquiert erscheinen mag: die Worte verlieren dennoch nicht ihre Gültigkeit und Aktualität.

Zweigs „Welt von gestern“ erscheint wie die „Welt von heute“:

„Woche für Woche, Monat für Monat kamen immer mehr Flüchtlinge, und immer waren sie noch ärmer und verstörter von Woche zu Woche als die vor ihnen gekommenen.“

Zwar spricht Zweig hier, in seinen „Erinnerungen eines Europäers“, von der jüdischen Bevölkerung, die versucht, aus dem nationalistischen Deutschland zu fliehen – doch an dem Kapitel „Sie standen an den Grenzen“ wird deutlich, was Flucht und Heimatverlust bedeuten, damals wie heute.

Der Verlag „Topalian & Milani“, der schon einmal mit „Die unsichtbare Sammlung“ einen wunderbaren bibliophilen Band mit zwei Erzählungen Zweigs herausgab, begeistert nun erneut mit einem absolut schön gestalteten Buch, einem Buchkunstwerk, das zwei Novellen des Autors beinhaltet.

Ergänzt durch die beiden oben zitierten Aufsätze zeigt dieser Band die politische und moralische Aktualität des Österreichers, der sich, verzweifelt über das Leben im erzwungenen Exil, 1942 das Leben nahm, an zwei Erzählungen. Auch die beiden ausgewählten Novellen für das stimmig illustrierte Buch, „Der Amokläufer“ und „Episode am Genfer See“, zeigen, warum Stefan Zweig ein Autor der Moderne ist: Er taucht förmlich in die Psyche seiner Figuren ein, er geht bis an ihren Seelengrund und die gewählten Thematiken, Machtmissbrauch eines Mannes über eine Frau und die Lage eines Flüchtlings, sind nach wie vor aktuell.

Mag „Der Amokläufer“, der allein von der Länge der Erzählung aus schon mehr Raum einnimmt, die spannendere Geschichte sein, an der Zweigs ganze Kunst des erzählerischen Gestaltens deutlich wird, so ist die „Episode am Genfer See“ die deutlich anrührendere Erzählung. Am schweizerischen Ufer des Sees strandet ein nackter, unbekannter Mann, ein Russe, als Soldat in den Krieg gezwungen, der nur noch nach Hause zu seiner Familie möchte. Mit welchen Vorbehalten die Bevölkerung reagiert, wie wenig Bereitschaft da ist, dem Mann über das Notwendigste – Kleidung und Essen – hinaus zu helfen, wie sehr dieser aber wiederum unter seiner „Sprachlosigkeit“, seinem Heimweh und seiner Isolation leidet, dies alles schildert Zweig in wenigen, einprägsamen Szenen. Eine Geschichte, die auch heute noch dazu beizutragen vermag, sich in die Ausnahmesituation eines Flüchtlings hineinzudenken. Dass beide Erzählungen tragisch enden, dies sei an dieser Stelle noch vermerkt.

Es ist also auch heute immer noch ein großer Gewinn, Stefan Zweig zu lesen. Und mit diesem vorliegenden Buch liegt auch eine der schönsten Neuausgaben vor, die es von Zweigs Erzählungen gibt: Handwerklich und optisch von der Auswahl der Schriften bis hin zum Papier aufwendig und wunderschön gemacht, wie man es von dem 2015 gegründeten Verlag inzwischen schon erwartet.

Die Illustrationen von Michael Hahn sind überwältigend – sie greifen die jeweilige Atmosphäre der Geschichten auf, arbeiten beispielsweise beim „Amokläufer“ mit Motiven der indonesischen Bilderwelt, aber ebenso bei den Portraits der Kolonialherrschaften mit Elementen des Jugendstils und Art déco. Über die Arbeit Hahns mache man sich am besten selbst ein Bild, direkt hier: www.hahn-illustration.de

Informationen zum Buch:

Stefan Zweig
Der Amokläufer/Episode am Genfer See
Topalian & Milani, 2019
Hardcover, Großformat, 176 Seiten,
durchgehend illustriert von Michael Hahn, 28,00 Euro
ISBN: 978-3-946423-07-2


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Tonio Schachinger: Nicht wie ihr

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Bild: Florian Pittroff, http://www.flo-job.de

Gastautor Florian Pittroff, selbst ein riesiger Fußballfan, ist hellauf begeistert: Ein Roman zu seiner Leidenschaft hatte es auf die Nominierungsliste zum Deutschen Buchpreis geschafft. Und obendrein ist der Roman in seinen Augen sogar „ein urgeiles Buch“.

Sein Urteil:

Tonio Schachinger legt ein herrliches Buch über Fußball mit Migrationshintergrund vor. Wenn man angefangen hat, kann man das 300 Seiten starke Werk nicht mehr so wirklich zur Seite legen.

Das liegt auch daran, dass es mittellange bis kurze Kapitel beziehungsweise Unterteilungen gibt, die das zügige Weiterlesen ziemlich fördern. Immer denkt man, „ach, ein Kapitel lese ich noch“ und dann ist das Buch auch schon zu Ende.

Im Mittelpunkt des Romans steht Ivica „Ivo“ Trifunović, 27 Jahre alt und ein internationaler Fußballstar. Ivo sieht sich als Mittelpunkt der Welt, er ist besonders cool drauf, besonders gut im Spiel und er verdient 100.000 Euro die Woche, fährt einen Bugatti, hat eine Ehefrau und zwei Kinder, die er über alles liebt. Doch als seine Jugendliebe Mirna ins Spiel kommt, gerät das sichere Gerüst ins Wanken….

Es ist die lässige und witzige Erzählweise von Tonio Schachinger, die den Leser immer bei der Stange hält. Gespickt mit Wiener Schmäh und herrlichen Fußballmetaphern gibt der Roman Einblick in das Drama Profifußball gepaart mit einem Schuss Kapitalismus.

Skurril treffend und sensationell gut sind die Vergleich, die Tonio Schachinger für seinen Fußballprotagonisten erfunden hat: Die Geborgenheit in der Familie ist ein Cordon Bleu, der Fußball eine einzige Serie: „Wer immer zusieht, erkennt wenn was Bedeutendes passiert. Jeder Verein ist eine Serie, jede Liga eine große Serie und Ivo spielt in der spannendsten von allen, bei Games of Thrones“.

Es ist aber nicht immer alles amüsant und lustig – Fußballer sind eigentlich arme Schweine: „Heute vor einem Jahr war Ivo ganz oben: seit September fix qualifiziert für die EM, Doppeltorschütze im Derby gegen Liverpool, hat einem traurigen Steven Gerrard respektvoll die Hand geschüttelt, war glücklich. Heute ist Ivo niedergeschlagen, und morgen wird er es auch sein und übermorgen und überübermorgen, und genau deshalb ist er niedergeschlagen, weil alle Tage gleich sind“.

Und da passt dann auch folgendes Zitat recht gut, warum man denn überhaupt Fußballprofi wird. Für Ivo hat das nur bedingt mit Talent zutun. „Entscheidend ist das man ein langweiliger Mensch ist. Je langweiliger, je weniger Interessen abseits des Platzes, desto besser“.

Voll kluger, akzentuierter Anspielungen erzählt Tonio Schachinger vom Fußball, von Ivo, von Rassismus: „Ivo, jetzt bist du ein richtiger Österreicher!“ (…) und in Wahrheit steht dort damit jedes Mal, wenn er etwas falsch macht: „Ivo, jetzt bist du wieder ein richtiger Tschusch!“, von Sexismus und Kapitalismus. Nur wer Erfolg hat ist ein Großer. Wer keinen hat oder keinen mehr hat: Vergiß ihn!

Das Buch sollte man nicht vergessen, sondern lesen! Sonst gibt es die Rote Karte!

Ein Beitrag von Florian Pittroff
Homepage: flo-job.de

Informationen zum Buch:
Tonio Schachinger
„Nicht wie ihr“
Kremayr & Scheriau Verlag 2019
Hardcover, 304 Seiten, 22,90 Euro
ISBN: 978-3-218-01153-2


Margit Schreiner: Sind Sie eigentlich fit genug?

glasses-919304_1920„Der erste Satz ist ausschlaggebend. Das weiß heute jeder. Grundstoff in der Schreibwerkstatt am Wochenende. Faulkner hat es schon gesagt: Schreiben Sie den ersten Satz so, dass der Leser unbedingt den zweiten lesen will – und dann immer so weiter. Eigentlich ganz einfach. Neugierig machen! Verkaufsprinzip! Nach Faulkner haben es alle gesagt. Hemingway hat es gesagt, Fontane hat es schon vorher gesagt. Und. Und. Und. Tatsache ist aber, dass ich, als ich plötzlich mitten im Schreiben meine Tochter in die Physiotherapiestunde fahren sollte, meine Weitsichtbrille nicht gefunden habe.“

Margit Schreiner, „Sind Sie eigentlich fit genug?“, 2019.

Glücklicherweise ist Margit Schreiner eine Autorin, die ihre Leser mit dem ersten Satz des Öfteren auch aufs Glatteis führt: Was wie das x-te Lamento Schreibender über ihre Blockaden (innerliches Aufstöhnen beim Lesen) beginnt, geht über in die Betrachtungen über den Fehlkauf einer Brille mit grünem Gestell und führt zu einem Schlusswort, das aus einem Zitat Dieter Bohlens besteht – vorhersehbar ist da also nichts, langweilig wird es einem mit der österreichischen Schriftstellerin selten.

Da schreibt eine mit scharfem Verstand und von quirligem Temperament über die Literatur, das Leben, das Frausein und die Politik – Themen, die eng zusammenhängen, die auch zeigen, alles ist im Grunde ineinander übergehend, jedes Schreiben auch politisch, wenn man die Welt mit klarem Geist betrachtet. Der nun im Schöffling Verlag neu erschienene Band „Sind Sie eigentlich fit genug?“ versammelt neben Erstveröffentlichungen wie „Der erste Satz“ Essays und Artikel Margit Schreiners, die in den vergangenen Jahren in Anthologien und Zeitschriften erschienen sind, sowie Reden, unter anderem zu Literaturpreisen, die die Autorin erhalten hat.

Immer schimmert dabei durch ein besonderer Blick auf die Welt, vor allem aber wird deutlich: Diese Frau hat Haltung. In ihre Betrachtungen zur Literatur fließen die Erkenntnisse neurologischer Wissenschaft ein, sie beschäftigt sich mit der Art Brut sowie dem Begriff der Behinderung und setzt sich mit Macht- und Kindesmissbrauch und den Abgründen (österreichischer) Politik auseinander.

In einer Welt, die immer unübersichtlicher wird, hat die Literatur dabei eine besondere Bedeutung:

„Es ist nicht ihre Aufgabe zu richten, zu interpretieren, zu werten. Ihr fällt die Rolle der Generalinventur zu, Bestandsaufnahmen, wie sie niemand leisten kann, der in irgendeiner Form, sei es finanzieller oder prinzipieller Art, Interesse am Endergebnis einer solchen Bestandsaufnahme hat.“

Das Dilemma: Zugleich nimmt die Literatur im gesellschaftlichen Kontext eine marginale Rolle ein, ändern sich der Literaturbegriff, Literaturverständnis und Literaturbetrieb. Aber auch hier denkt Margit Schreiner weiter, begnügt sich nicht mit den verbreiteten Klagen über die immer schnellere Rotation im Büchermarkt und dem Bedienen des Massengeschmacks, sondern geht den Ursachen für diesen Geschmack auf den Grund. Dazu ein längeres Zitat:

„Wenn sich etwas verändert, liegt es nie nur an einem Faktor: Die Krise der zeitgenössischen Literatur liegt nicht nur an den geänderten Marktbedingungen. (…) Die Literatur hat viele Funktionen verloren, die sie einmal hatte: religiöse, politische und geographische Information, beziehungsweise Erziehung, Psychologie, Wissenschaftsvermittlung und so weiter. Das alles haben spezielle Fachgebiete übernommen. Das, aber nicht nur das, hat zur Krise des Romans geführt.

Was heute in unserer Welt alles passiert, zu dem wir dank Internet auch noch ständig Zugang haben, übertrifft die Fantasie jedes Romanciers. Es scheint kaum ein Tabuthema zu geben, alles wird öffentlich gezeigt, beschrieben und besprochen. In sogenannten Realityshows werden Situationen als real dargestellt, die in Wirklichkeit gespielt sind, gefakt oder das zeigen, wovon die Macher glauben, dass die Menschen es für Realität halten. Der Unterschied zwischen Realität und Virtualität verschwimmt. Das formt unreflektiert ein neues Menschenbild. Was fehlt, sind keine ungeheuerlichen oder außergewöhnlichen oder metaphorischen oder großartigen Geschichten. Was fehlt, ist die Selbstreflexion, die Gewichtung.“

Nicht ohne Grund jedoch ist dieses Essay mit „Literatur und Trost“ betitelt: Völlig unakademisch und dennoch äußerst präzise, zeigt Margit Schreiner auf, was Literatur vermag, warum wir Lesenden sie brauchen, schätzen und lieben. Literatur ist es, die zur Reflexion anhält, die Orientierung zu geben vermag, die neue Blickweisen eröffnet, die Fragen stellt.

„Kunst fördert die Orientierung und behindert gleichzeitig den glatten Ablauf der Dinge, das reibungslose Getriebe, den Markt. Kunst ist ein Kind, das peinliche Fragen stellt.“

Und kluge Kunst ist auch ein großes Vergnügen: Es macht einfach Freude, dieser intelligenten Autorin durch ihre Lebens- und Gedankenwelt, sei es bei ihren biographischen Ausflügen in die Heimatstadt Linz und zur bevorzugten Kaffeesorte ihrer Mutter, sei es bei ihrer Bewunderung von Jane Bowles und Margaret Atwood (zwei Autorinnen, die ich auch sehr schätze) oder ihren politischen Aufsätzen zu folgen. Klug, analytisch, bissig, mit viel schwarzem Humor – eine Lesensfreude.

Bibliographische Angaben:
Margit Schreiner
„Sind Sie eigentlich fit genug?“
Schöffling Verlag 2019
20,00 Euro, 224 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen
ISBN: 978-3-89561-282-4

 

 

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Margit Schreiner: Kein Platz mehr

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Bild von Free-Photos auf Pixabay

„Es nützt alles nichts. Weder im In- und Ausland, weder am See noch im Hochgebirge, weder am Meer noch im Hinterland, und schon gar nicht auf einer einsamen Insel ist Platz und Ruhe. Jeder muss seinen eigenen, ganz persönlichen Platz und seine eigene, ganz persönliche Ruhe finden. Ein Stühlchen unter einem Baum, den Laptop auf den Knien, auf dem Balkon mit Ohropax gegen den Straßenlärm, oder, wenn es regnen sollte, unter dem Sonnenschirm. Wer wirklich will, lebt und schreibt überall. Auch beim Lärm vom Nachbarn, der den Rasen mäht oder die Fenster abschleift oder Volksmusik hört. Es kommt ausschließlich auf die positive Einstellung an. Darüber gibt es genug Sachliteratur, die sich mehr und mehr besser verkauft als alle noch so unterhaltende belletristische Literatur.“

Margit Schreiner, „Kein Platz mehr“, Schöffling & Co.

Es hat schon etwas leicht Skurriles, wenn man inmitten des Gedränges auf der Leipziger Buchmesse – man sitzt zusammengequetscht auf einer Bank, Menschenmassen schieben sich am Stand vorbei, man balanciert mit Büchern, Wasserflaschen und Notizblock auf engstem Raum – ein Buch mit dem Titel „Kein Platz mehr“ in die Hände gedrückt bekommt. Und noch skurriler wird es, wenn man im überbesetzten ICE anfängt, ab und an laut vor sich hinzukichern, haltlos, den irritierten Blicken der Mitreisenden trotzend, weil man einfach nicht anders kann bei der Lektüre.

Margit Schreiner war mir zuvor kein Begriff. Und das, obwohl Schöffling schon etliche Bücher der Österreicherin herausgegeben hat, obwohl die 66-jährige Linzerin mit zahlreichen Preisen und Stipendien ausgezeichnet wurde und obwohl schon allein die Titel ihrer älterer Bücher verlockend klingen – „Haus, Frauen, Sex“ aus dem Jahr 2001 beispielsweise oder „Schreibt Thomas Bernhard Frauenliteratur?“ (2008) – war sie mir völlig unbekannt.

Etwas, was ich ändern muss: Denn Schreiner bringt das Talent mit, unterhaltend und niveauvoll zu sein, elegant zu schreiben und zugleich aber über eine ordentliche Portion tiefschwarzen Humors zu verfügen. Für mich die richtige Mischung. „Kein Platz mehr“, vom Verlag als Roman bezeichnet, ist im Grunde ein ausführliches autobiographisches Essay. Schreiner schreibt über sich und Freunde in ihrem Alter: Allesamt im universitären Bereich oder als Kreative tätig, sogenannte „Golden Ager“, die eigentlich ihren Herbst genießen wollen, aber nicht können. Denn es gibt buchstäblich und wortwörtlich zu wenig Platz auf der Welt, wie die Autorin feststellt. Angefangen beim eigenen Haushalt, der vollgestopft ist mit den Utensilien zweier langer Berufsleben und den Hinterlassenschaften der Kinder. Endend bei der Feststellung, dass es selbst die ideale einsame Insel nicht gibt. Zu welchen Verwerfungen im Familienleben und in der Erotik zu wenig Platz führen kann, das zeigt die Schriftstellerin am Beispiel Japans auf: Herrlich! Und ein Höhepunkt des Buches ist zweifelsohne jener, in dem das Paar den Müll aus einem einsam gelegenen italienischen Haus zu entsorgen versucht.

Die Betrachtungen über den Platzmangel unserer Welt sind eng verbunden mit den Alltagsplagen im Leben einer Schriftstellerin. Dabei wird es herrlich amüsant:

„Man fragt sich dann als älterer Schriftsteller naturgemäß im Laufe der Jahre, was für einen Sinn es haben soll, Bücher aus einer reichhaltigen Lebenserfahrung, die nur bedrückend sein kann, wenn man die Welt rundum betrachtet, heraus zu schreiben, die sowieso niemand mehr lesen will. Das heißt, nicht niemand, aber zu wenige, als dass man vom Verkauf der Bücher auf Dauer leben könnte, eine Familie erhalten, in Urlaub fahren, die Katzen und Hunde füttern, etc. Es ist nun einmal ein Unterschied, ob ich mit zwanzig ohne Kranken- und Pensionsversicherung in einem Kämmerchen in Paris oder Berlin schreibe und mich von Baguette und Camembert oder meinetwegen von Currywurst ernähre, oder ob ich mit fünfundfünfzig eine Familie habe, mich altersbedingt gesund ernähren sollte und womöglich wegen des ständigen Sitzens vor dem Computer Bandscheibenprobleme habe und deshalb eine teure Physiotherapie oder wegen der seelischen Dauerbelastung des Schriftstellers gar eine Psychotherapie, die noch teurer ist, brauche. Fallen die Zähne mit der Zeit aus, stehen teure Zahnbrücken und/oder – implantate an, die Haare werden auch nicht besser, was Friseurbesuche nötig macht, um halbwegs anständig vor sein Publikum treten zu können. Ein zerraufter Zwanzigjähriger macht einen wilden, ein zerraufter Sechzigjähriger nur einen ungepflegten Eindruck.“

Der letzte Satz, der sitzt: Das ist ein Merkmal dieses Buches, das so einen lockeren Erzählton anschlägt und mittendrin durch eine kleinen verbalen Hammer überrascht. Oder, wie Zsuzsa Bánk auf dem Cover zitiert wird: „Der Mensch an sich ist ungeeignet für die Welt. Das liest sich lustig-elegant, aber nur bis dieser eine Satz kommt. Das ist ihre Note, erst die verschwenderische Leichtigkeit – und dann die Ohrfeige.“

Informationen zum Buch:

Margit Schreiner
Kein Platz mehr
Schöffling & Co
20,00 Euro
ISBN: 978-3-89561-281-7

Homepage der Autorin: www.margitschreiner.com

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Friederike Manner: Die dunklen Jahre

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„Ich erinnere mich, daß ich vor Monaten einmal einen Flüchtling aus der Slowakei sah, der sich zu Fuß über Ungarn bis Belgrad durchgeschlagen hatte. Der Beamte der Kultusgemeinde hatte ihn schroff abgewiesen und gesagt: „Wir können nichts für sie tun. Die Slowakei ist kein Emigrationsland.“ Der Mann ging ohne ein weiteres Wort … Ich sprang den Beamten an: „Es kommt vielleicht der Tag, an dem sie bettelnd vor einer Tür stehen, und man wird Ihnen antworten: Jugoslawien ist kein Emigrationsland –„ und lief dem Manne nach, um ihm wenigstens ein paar Dinar zu geben; aber er war wie vom Erdboden verschluckt, ich fand ihn nicht mehr. Ausverkauf und Weiße Woche in Menschenschicksalen …“

Friederike Manner, „Die dunklen Jahre“, 1948

Am Tag, als der Reichstag brannte, weiß die gebildete Wienerin Klara, dass auf sie und ihre Familie finstere Zeiten zukommen werden. Und die Ereignisse überschlagen sich: Bald ist Österreich angeschlossen, bald beginnen auch hier die ersten Pogrome gegen Juden. Sie wäre davon nicht betroffen, aber ihr Mann Ernst, ein anerkannter, jüdischer Arzt und ihre beiden kleinen Kinder, als „Mischlinge“ eingestuft, bekommen den Hass schnell zu spüren. Obwohl das Paar in Trennung lebt, bietet die Ehe noch einen hauchdünnen Schutz für Mann und Kinder.

Schnell entscheiden sie sich, zu flüchten: Zunächst geht Klara mit den Kindern zu Verwandten in die Schweiz, dann folgt sie ihrem Mann nach Belgrad – aber auch die „weiße Stadt“ wird, nachdem die Bevölkerung gegen die Unterzeichnung des „Dreimächtepaktes“ revoltiert hatte, von den Nationalsozialisten unterworfen und besetzt. Als „Arierin“ bleibt Klara zwar relativ unbehelligt, aber Ernst wird inhaftiert und stirbt in einem jugoslawischen Lager. Klara kehrt mit den Kindern 1945 in das zerstörte, hungernde Wien zurück – in eine Heimat, die keine mehr ist, als Exilantin mit ihren ganz eigenen Erfahrungen wieder eine Fremde unter denen, die während der Kriegsjahre zuhause geblieben sind.

Bereits 1948 veröffentlichte die Lektorin Friederike Manner (1904 – 1956) unter dem Pseudonym Martha Florian ihren Roman „Die dunklen Jahre“. Gewissermaßen ein autobiographisches Buch – wie Klara ist die Autorin mit einem jüdischen Arzt verheiratet, hat zwei Kinder und flüchtet mit der Familie nach Jugoslawien – in Romanform, zugleich eine Mischung aus Tatsachenbericht und Dokumentation. Vor allem aber ist das Buch ein sehr authentisches, anrührendes Zeugnis für das, was Flucht und Exil in Zeiten des Krieges für die betroffenen Menschen bedeutet.

Wieder kommt ein Winter auf uns zu – der wievielte ist es nun, seit wir von daheim fort sind? Ich habe zu zählen aufgehört. Ich weiß längst, daß das Daheim keine Heimat mehr ist, auch wenn wir eines Tages zurückkehren. Irgendwie ist es zu spät – die Wurzeln, die uns hier halten, sind karg und dünn, die Wurzeln der Heimat sind abgestorben. Ich verstehe jetzt, wie den Weltfahrern zumute ist, die überall frösteln  und fehl am Platze sind. Was innerlich längst mein Schicksal war, ist nun auch nach außen hin besiegelt. „Ich bin ein Fremdling überall …“

Der Roman erzählt vom täglichen Überlebenskampf in einem fremden Land: Zwar schlüpft Klara alias Friederike in einer von Jugoslawen geleiteten Behörde der Besatzungsmacht unter, doch es mangelt an allem, Essen, Kleidung, Wohnraum. Und auch ihre „geistige Nahrung“, die ihr zuweilen Trost und Halt gibt, stellt sie manches Mal in Frage:

Ich frage mich, wozu diese ganze Kultur eigentlich gut war, da sie doch nicht vermochte, den Menschen zu ändern. All diese Jahrhunderte deutscher Blüte in Architektur, Bild, Ton und Wort ersaufen nun in Blut.

Alles stellt Klara, die Scharfsichtige und zuweilen auch Scharfzüngige, auf den Prüfstand: Ihre eigenes Leben, ihr eigenes Tun – beziehungsweise Nicht-Handeln, die Wehrlosigkeit, mit der sich ganze Völker der Brutalität der Nationalsozialisten ergeben. Immer wieder hadert sie mit ihrem eigenen Status quo. Was ist wichtiger: Die eigene Familie zu retten oder Widerstand? Mit ihren Fragen, ihren Selbstzweifeln, ihren Anklagen bleibt sie isoliert, bleibt sie fremd. Und vor allem ihre Überzeugung, dass die Menschheit, die Menschen auch aus dieser Katastrophe nichts lernen wird, dass es nach der Katastrophe keine Veränderung geben wird, vor allem dies bringt sie zur Verzweiflung.

Wären die Kinder nicht, so lohnte es sich nicht mehr zu leben, der Suizid eine Option: Mehrfach wird dies in dem Buch, das bereits in den Kriegsjahren entstand, angedeutet. Umso tragischer die Realität: 1956 nimmt sich Friederike Manner, auch aus Enttäuschung von der mangelnden „inneren Auseinandersetzung mit der Diktatur“ das Leben.

Im Nachwort zur Wiederauflage des Romans – der ersten, sieben Jahrzehnte nach Ersterscheinung des Buches – weist Evelyne Polt-Heinzl darauf hin:

„Friederike Manner sei an der „geistigen Verlogenheit, der sie sich nicht beugen konnte, noch wollte, zugrunde gegangen“, schrieb Oskar Wiesflecker nach ihrem Freitod am 6. Februar 1956.“

Das Wissen um dieses traurige Lebensende stellt diesen autobiographischen, dokumentarischen Roman (der im Übrigen auch einen interessanten Einblick auf die politischen Umstände im ehemaligen Jugoslawien und den Konflikten zwischen Serben und Kroaten bietet) in ein besonderes Licht: Soviel Wille zum Überleben, soviel Überlebenskampf und Durchhaltevermögen, immer mit der Angst vor Verfolgung und Verhaftung, solange übersteht Friederike Manner Krieg und Exil – um am Ende an den Verhältnissen im „Frieden“ zu verzweifeln.

Der österreichische Schriftsteller Erich Hackl wird vom Verlag mit diesen Worten zitiert:

„Friederike Manners Roman „Die dunklen Jahre“ ist vieles in einem: Roman der Selbstfindung und Selbstbehauptung einer Frau, Roman von Verfolgung, Flucht und Widerstand, Exilroman, Politthriller, Tagebuch einer Mutter, Chronik der laufenden Ereignisse.
Ein Roman auch über das Versäumnis – und die Folgen dieses Versäumnisses -, nicht rechtzeitig für, sondern nur gegen etwas gekämpft zu haben. Also einer über uns und unsere Gegenwart. Einer der besten Romane überhaupt.“

Informationen zum Buch:

Friederike Manner
Die dunklen Jahre
Edition Atelier Wien
28,00 Euro
ISBN: 978-3-99065-008-0
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Gerhard Jäger: All die Nacht über uns

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Bild von analogicus auf Pixabay

„Der Soldat lässt die Taschenlampe sinken. Seine Augen lösen sich von den Aufzeichnungen seiner Großmutter, schweifen ab in die Nacht hinaus, ohne irgendetwas zu finden, woran sie sich festhalten könnten. Er fühlt sich ein paar Momente lang, als ob er zwischen zwei Welten hängen würde, ein unbeteiligter Beobachter, auf der einen Seite eine Straße, auf der anderen Seite ein Turm, auf der einen Seite zerfetzte Körper, auf der anderen Seite eine regnerische Nacht, zwei Bilder, die nichts mit ihm und seinem Leben zu tun haben.“

Gerhard Jäger, „All die Nacht über uns“.

Nachtgedanken. Es braucht nicht viel, um einen großartigen Roman zu schreiben. Einen Mann, einen Turm und die Nacht. Und einen Schriftsteller mit seiner einzigartigen Stimme, der die schlaflose Leserin, gefangen im Bann der Geschichte, durch diese Nacht begleitet.

Nachtschicht. Zwölf Stunden sitzt der namenlose Soldat alleine auf seinem Wachturm an der Grenze, ein beinahe Klaustrophobie auslösendes Szenario. Nur er, die Geräusche der Nacht, nur er und seine Gedanken. Zurückgeworfen auf das, was in ihm ist: Bilder der Vergangenheit, vom Glück, das verging, von persönlichen Katastrophen, die sein Leben zerstörten, ihn in die Einsamkeit verbannten, bei Tag und bei Nacht.

Nachtwache. Die Grenze belagert von Menschen auf der Flucht. Der Schießbefehl eindeutig und klar. Der Soldat erinnert sich, wie seine Angehörigen, seine Nachbarn, die Bewohner des Dorfes sich unter dem vermeintlichen Ansturm der „Fremden“ zurückziehen, sich verändern, sich abgrenzen. Wie er selbst in einer Nacht plötzlich die dunkle Seite seines Menschseins entdeckt, bereit dazu, sich einem nächtlichen Mob anzuschließen, an einer nächtlichen Treibjagd gegen die Geflüchteten teilzunehmen. Die Nachtgedanken des Soldaten, sie reichen in unseren eigenen Alltag hinein.

Nachtalb. In der Stille der Nacht kommt die Erinnerung. Die Geschichte der Großmutter, ein schreckliches Märchen mit einer Albtraumgestalt:

„Der Junge schauderte, war froh um die Hand der Großmutter, die seine Hand umklammert hielt. Er starrte in den Garten, wagte nicht, mit einer Frage die Stille zu durchbrechen, so als könnte alles, die kleinste Bewegung, das leiseste Wort, den Drachen wecken, den großen, roten Drachen, der doch jetzt auf dem Weg zu seiner Großmutter war. Sein Blick irrte durch den mondbeschienenen Garten, stets darauf gefasst, das Unmögliche zu sehen, etwas Rotes in dem Silberlicht, einen Drachen, der nicht zu seiner Großmutter gekommen war, sondern jetzt auch zu ihnen, zu ihnen in diesen Garten, in diese Nacht, in ihr Leben.“

Der „rote Drache“, das ist das „Feuer vom Himmel“, das die Großmutter als junges Mädchen auf der Flucht aus dem Osten erlebte. Sie, die Einzige, die Empathie für die Flüchtlinge der Gegenwart aufzubringen vermag, hat ihre Geschichte von Krieg, Tod, Verlust und Flucht aufgeschrieben, festgehalten für den Enkel, der das Heft in jener Nacht in seinem Rucksack findet. Eine dunkle Geschichte, eine Nachtgeschichte, der er sich aussetzen muss.

Nachtschattengewächs. Der Soldat, ein Suchender, Haltloser schon in jungen Jahren, weiß, es gibt sie, das Heilmittel gegen die Schlaflosigkeit, die Nachtgedanken. Es ist die Liebe, für ihn die Liebe zu einer Frau, die das Lachen, die Lebendigkeit, die Lebenslust zu ihm brachte. Und die der Tod beendet. Im Laufe der Nacht enthüllt sich das ganze persönliche Drama des Mannes, der Verlust des Kindes, das Zerbrechen der Frau. Die Nacht vertieft die alten Wunden, reißt sie größer auf.

Nachtgestalten. Am Ende der Nacht treffen Vergangenheit und Gegenwart, Nachttraum und Realität aufeinander, aus den Schatten werden Menschen auf der Flucht, ein Mann mit Kind, das Gesicht wird „von der Morgendämmerung freigelegt“.  Und aus der abstrakten Anweisung des Schießbefehls, um „die Grenzen, unsere Heimat“ zu verteidigen, wird im Licht des Tages, von Angesicht zu Angesicht, eine grausam reale Frage um Leben und Tod. Der letzte Satz des Buches, er lässt meiner Meinung nach das Ende offen, ist interpretierbar: Lässt sich der Soldat, der im Laufe der Nacht sich seelisch und moralisch vor unseren Augen wie ein schwankendes Blatt im Wind erwies, von der Gemengelage aus militärischem Gehorsam und persönlicher Verbitterung hinreißen? Oder hat ihn die mitfühlende Stimme der Großmutter erreicht? Obsiegt die bittere Einsamkeit oder der Rest an Empathie? Ich weiß es nicht nach diesem Satz, ich hoffe nur, dass seine Menschlichkeit siegte, der Schuss ins Leere gerichtet war:

„Der Soldat weiß, dass er diese Augen nie vergessen wird, nie, sein Blick verschwimmt und plötzlich flattern Vögel auf, als hätte sie ein Schuss erschreckt …“

„All die Nacht über uns“, all die Nacht in uns: Ein Roman, der einem noch lange nach dem Lesen Tag und Nacht begleitet, der nachwirkt in seiner eindrücklichen Sprache. Gerhard Jäger, der erst sehr spät mit dem ebenfalls hochgelobten Roman „Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod“, der 2016 erschien, debütierte, stand mit „All die Nacht über uns“ 2018 auf der Shortlist des Österreichischen Buchpreises. Zu Recht: Der Roman entwickelt sprachlich einen starken Sog, ist poetisch und packend. Ruhig, zurückgenommen, fast schon bedächtig steuert Gerhard Jäger seinen Protagonisten und damit auch seine Leser auf die eigentliche Frage hin: Wie würden wir handeln? Wie weit reicht unsere Menschlichkeit, unsere Empathie?

Ein großartiges Buch, gerade auch angesichts der immer unmenschlicher und auf politischer Ebene abstrakter gestalteten Debatte um Flucht und Migration und dem Umgang mit ihren Opfern.

Die überzeugte Resonanz, auf die sein zweiter Roman stieß, konnte Gerhard Jäger jedoch mehr genießen: Er starb, erst 52 Jahre alt, im November 2018. Eine literarische Stimme, viel zu spät gehört, viel zu früh verstummt.

Diese Rezension wurde verfasst für den Hotlistblog.

Informationen zum Buch:
Gerhard Jäger
All die Nacht über uns
Picus Verlag
22,00 Euro
Gebunden, 240 Seiten

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Friederike Mayröcker: Reise durch die Nacht

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Bild von Peter H auf Pixabay

„im Grunde habe ich mein Leben vorüberziehen lassen wie einen Traum, sage ich, im Grunde habe ich alles falsch gemacht, sage ich, im Grunde ist alles Stückwerk geblieben mein Leben, meine Verständigung mit der Welt, alles falsch alles Lüge, im Grunde war alles gelogen, eine einzige Lüge was ich vorhin gesagt habe, was ich vorhin gehört habe, meine Aufzeichnungen imaginieren nur alles, das ist alles nicht wahr, oder ich habe es nur erfunden, ich nehme alles zurück, oder ich widerrufe am liebsten alles, alles Schwindel, rufe ich, auch in der Liebe alles nur Schwindel alles erlogen, alles schon dagewesen, alles abgeschmackt, heruntergehaspelt, in allen Variationen durchgespielt, und der Zorn des Lamms ist mir gewiß –„

Friederike Mayröcker, „Reise durch die Nacht“, 1983

Im Grunde ist das Leben eine einzige Reise voller Zufälle, Beobachtungen, mehr oder weniger gelungener Entscheidungen, voller Assoziationen, ein sinnliches Leben, das zwischen rot und grün changiert, das in den engen vier Wänden, die Tag für Tag noch beengter werden durch die Anhäufung einer Zettelwirtschaft, immer noch genug Raum lässt, um Caspar David Friedrich und Goya zu imaginieren, um einen ganz eigenen Kosmos zu schaffen, der kleinräumig und so weit zugleich ist.

Als Friederike Mayröcker „Reise durch die Nacht“ schrieb, hatte sie bereits ein umfangreiches Werk vollbracht: Ab Mitte der 1950er-Jahre hatte sie bereits eine Vielzahl an Hörspielen, Theaterstücken, Prosa und vor allem natürlich Gedichte veröffentlicht. Das Prosastück um eine nächtliche Zugfahrt fügt sich ein in diesen fortwährenden Fluss des Schreibens, keine Zäsur bildet es, keinen Stilwandel, keinen Neuanfang, sondern die Fortsetzung eines in Worte gegossenen Lebens, das wohl wie bei kaum einer anderen Schriftstellerin Biographie und Fiktion verknüpft, zusammenführt, in eine Form gießt: Das Leben als Kunstform, die Kunst des Lebens.

„Doch kann man ihre Bücher als ein einziges Buch einer denkenden, sehenden, hörenden, liebenden, leidenden und reflektierenden weiblichen Existenz lesen“, schreibt Verena Auffermann in einem Essay über die Schriftstellerin.

Knapp 60 Jahre alt war sie, die Avantgardistin der österreichischen Literatur, als sie das Prosastück über ihre Zugreise veröffentlichte. Eine Reise, die die Leser hierhin und dorthin führt bis zur Endstation in Wien, zurück zu gescheiterten Lieben, zu Begegnungen mit anderen Menschen, nach einem unbefriedigenden Urlaubsaufenthalt mit dem „VORSAGER“ die Gegenwart durchdringend, vor allem die eigene Existenz als Schreibende und älter werdende Frau. Schonungslos ist diese Bilanz, auch dem Partner gegenüber, mit dem, obgleich zwar als VORSAGER fiktionalisiert, unverkennbar Ernst Jandl gemeint ist, mit dem Friederike Mayröcker bis zu dessen Tod im Jahr 2000 eine Lebens- und Liebesgemeinschaft führte:

„Jetzt noch einmal beginnen können, mein Gott in meinem dreiundreißigsten Jahr zum Beispiel, damals, als wir einander zum ersten Mal sahen! Die Wahrheit ist wir sind in späteren Jahren oft in ein Patt geraten, wußten nicht ein noch aus, weideten uns an den bloßgelegten Schwächen des anderen.“

Nur stückweise sei sie imstande zu leben, lesen wir von der Autorin dieses inneren Monologs: Dies klingt beinahe wie eine Gebrauchsanweisung für das Lesen der Texte Friederike Mayröckers. Alles fügt sich ineinander, gibt ein Ganzes, man kann sich hineinfallen lassen in diesen Sog einer Existenz, die sich durch das Schreiben ihrer selbst bewusst macht, man kann – oder sollte gar als Leserin – den Text immer wieder unterbrechen, aufnehmen, in Einzelstücken genießen, das Assoziative wie das Poetische daran langsam vor den Augen zergehen lassen:

„Mit Blüten beschneit, damals, die Ruten der Bäume im bleichen Abendlicht, mit riesigen Blütenmonstranzen die mächtigen Holunderbäume, in einem Hof, von ferne ein leise weinendes Kind, im ausgebleichten Himmelsviereck die schreienden Schwalben, unsichtbar flötenden Amseln : alles von unirdischer Herkunft! sage ich, als hätte ich damals, in diesen Augenblicken der tiefen Stille eine Vorstellung davon empfangen dürfen, wie mich, sobald es auch mir bevorsteht, die Erinnerung dieses Bildes trostvoll hinübergeleiten würde.“

Vor wenigen Tagen, am 20. Dezember, feierte Friederike Mayröcker ihren 94. Geburtstag – und noch immer ist ihre Reise durch das Leben ein fortwährendes Erleben und Schreiben. Der „Reise durch die Nacht“ folgten noch zahlreiche weitere Bücher, die sich einfügen in dieses Gesamtkunstwerk – besonders anrührend ist der Erinnerungsband an ihren Gefährten Ernst Jandl, „Und ich schüttelte einen Liebling“.

Dennoch ist mir „Reise durch die Nacht“ von dem, was ich von ihr bislang las, ein besonders wichtiges Buch, gerade in meiner jetzigen Lebensphase: Die Auseinandersetzung mit dem, was ist. Wie man sein Leben gelebt hat, wie es sich mit den Jahrzehnten verändert, auch das Festhalten dessen, wie einem das Älterwerden immer näher rückt, die körperliche Verfassung eine andere wird. Mit so viel Mut, „mit der Tollkühnheit der Selbstentäußerung“ (Verena Auffermann) hat Friederike Mayröcker darüber schon vor mehr als drei Jahrzehnten geschrieben.

Mehr Informationen:

Die Werke von Friederike Mayröcker erscheinen im Suhrkamp Verlag.

Ihre Biographie bei FemBio.

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Marlene Streeruwitz: Verführungen

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Helene ging zu ihm. Er breitete die Arme aus. Während der drei Schritte auf ihn zu dachte Helene, sie müsse mit ihm reden. Über die letzte Nacht. Das Geld. Und das Telefonieren. Henryk schloß die Arme um sie. Helene lehnte ihre Stirn gegen seine Schultern. Ihr fiel ein, daß sie mit jedem Mann in ihrem Leben dieselben Themen zu besprechen hatte. Helene war müde.“

Marlene Streeruwitz, „Verführungen. 3. Folge, Frauenjahre“, 1996.

Helene, die Protagonistin dieses Debütromans der österreichischen Autorin, ist meistens müde. Nicht lebensmüde, auch wenn dieser Gedanke ab und an aufschimmert (und dann allein schon der Kinder wegen vehement weggeschoben wird), auch wenn andere Frauen sich im Verlauf der geschilderten Monate aufgeben, nein lebensmüde ist Helene nicht. Aber völlig erschöpft. Kein Wunder: Vom Ehemann sitzengelassen, der für die Frauen und die beiden Töchter keinen Pfennig erübrigt, in einer Wohnung Tür an Tür mit der wehleidig-jammernden Schwiegermutter, von den Eltern verurteilt, in einem seltsamen PR-Job gefangen, in dem sie, die talentierte Teilzeitkraft, gnadenlos unterbezahlt den Job des Chefs macht. Die kapriziöse Freundin – ein wenig klischeehaft „Püppi“ genannt – ruft meist nur an, wenn sie in Beziehungskatastrophen steckt und von der Männerwelt ist eh wenig Unterstützung zu erwarten: Kaum hat sich Henryk, der mittellose Musiker, bei ihr eingenistet, führt er sich auf wie die Made im Speck.

Marlene Streeruwitz ist eine politische und feministische Autorin – und insofern ist kaum eines ihrer Theaterstücke, mit denen sie zunächst bekannt wurde, oder einer ihrer Romane unumstritten. Dabei – und dies zeigte bereits ihr erste Roman – beschreibt sie nur das, was ist: Zugespitzt zwar, wie bei Helenes Situation, aber eben auch kein außergewöhnliches Frauenleben, eine, die „ins Leben gepreßt“ ist, die müde davon ist, funktionieren zu müssen: Als Frau. So realitätsnah einerseits, mit so viel „galligem Humor“ (eine Beschreibung, die im Feuilleton gerne für die Werke von Streeruwitz verwendet wird) andererseits und eben offen auf der Seite der Frauen positioniert: Diese Art des Schreibens ruft naturgemäß mehr oder weniger qualifizierte Kritiker hervor.

Dabei gäbe es gerade an diesem Debütroman wenig bis nichts zu mäkeln: Wie Helene sich trotz aller Widrigkeiten durch das Leben hangelt, das ist unterhaltsam zu lesen und spannend, bisweilen bitterböse, schreiend komisch, aber auch voller Wärme, vor allem in den Beschreibungen des Mütter-Töchter-Gespanns. Die Sprache, ein, wie sich an späteren Werken zeigte, Streeruwitz-Merkmal, ein Stakkato, kurze, oftmals unvollständige Sätze, ein Stil, an den man sich schnell gewöhnt, der einen in den Fluss dieser Frauengeschichte hineinreißt.

Sabine Harenberg stellt in einer Besprechung bei „literaturkritik.de“ einen Zusammenhang zwischen Sprache und weiblicher Erotik her:

Marlene Streeruwitz´ Prosatext „Verführungen“ läßt sich nicht einfach dem Genre „Erotische Literatur“ subsumieren. Der bereits erwähnte, durchgängig beibehaltene Gleichklang des Erzählens scheint ein Hinweis darauf zu sein, daß der Text keine erotisierende Wirkung auf die Leser ausüben will. Es wäre aber auch verfehlt, „Verführungen“ als anti-erotische Literatur zu charakterisieren, weil der Text nicht jede Form von Erotik verneint. Es finden sich Ansätze erotischer Momente, die jedoch sofort aufgehoben und wieder zerstört werden. Diese Zerstörung spiegelt sich auch in der Syntax wider. So zeigt sich, daß durch die deutlich beschädigte Sprache auch auf der Ebene des Erzählens Helenes beschädigte Sexualität zum Ausdruck gebracht wird. Das Bewußtsein dieser Beschädigung in Verbindung mit einer grundlegenden Sehnsucht nach mehr als nur einer erfüllten Sexualität evoziert in der Protagonistin unlösbare Widersprüche, die sie immer wieder fast am Leben verzweifeln lassen: „Sie hatte keine Sehnsucht mehr. Nicht einmal danach. Es machte sie traurig. Zermürbt, dachte sie. Bist Du endlich zermürbt.“

Diese Interpretation greift einen Aspekt heraus, dabei aber auch zu kurz: Natürlich geht es in „Verführungen“ auch um Lust, Liebe und Begehren. Dafür ist nur wenig Platz, wenn man den geerbten Schmuck zum Pfandleiher bringen muss, um ein Essen für die Kinder auf den Tisch zu bekommen. Die „Verführungen“, die sich der müden Helene eröffnen, sind weniger erotischer denn seelischer Natur: Die Erwartungen der anderen zu erfüllen. Zu funktionieren. Muttertag zu feiern, das Fremdgehen des Gatten zu dulden, die Kapriolen der Busenfreundin lächelnd zur Kenntnis zu nehmen. Die Altersgeilheit des Chefs zu akzeptieren, das Gejammere der Kollegin zu schlucken. Die eigenen Grenzen Tag für Tag überschritten zu sehen.

Es geht in diesem Roman meiner Meinung um das Thema weiblicher Selbstbehauptung, weit über die Grenzen der Erotik hinaus. Es geht um die Befreiung aus Rollenmustern in jeglicher Hinsicht. Es geht darum, ob Helene weiterkämpft oder müde liegenbleibt. Am Ende siegt die Energie: Helene schmeißt den Schmuddeljob hin, den Schmuddelmusiker raus, geht gegen den verlogenen Ehemann rechtliche Schritte an und macht vor allem eines, sie nimmt ihr Leben in die eigene Hand. Den „Verführungen“ widersteht sie, auch wenn ihr Weg sie am Ende des Buches erst einmal ins Arbeitsamt führt:

„Helene lehnte den Kopf gegen die Wand hinter sich. Zuerst würde sie den Computerkurs machen. Und dann war Weihnachten. Und dann. Im nächsten Jahr würde alles besser werden. Helene wurde aufgerufen.“

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Wer noch mehr von Marlene Streeruwitz lesen möchte, dem sei ihr Roman „Nachkommen“ empfohlen, eine 2014 erschienene kritische Abrechnung mit dem Literaturbetrieb. Zum Einlesen empfehle ich die Rezension beim grauen Sofa. Musikalisch hat mich beim Lesen des Buches übrigens ein Lied von Konstantin Wecker dauerhaft begleitet: