Ulrike Draesner: Schwitters

„Der Rest fiel in seine Verantwortung. Er ging auf seine Gastgeber zu. An seiner Liebe zu Tee mit Milch arbeitete er, doch er schätzte quasi auf natürliche Art alle Arten von Pie, jeden Pudding, womit man in England jegliche Art von Dessert meinte, den Wolkenhimmel, den Dauerwind, sogar die dauerhaft winterlichen Raumtemperaturen.“

Ulrike Draesner, „Schwitters“, 2020

Kurt Schwitters, Public domain, via Wikimedia Commons SCHWITTERS, Kurt_Merz 1925, 1. Relieve en cuadrado azul, 1925_748 (1980.74)

Doch obwohl der Emigrant, der Exilant sich bemüht, in seiner neuen Heimat Fuß zu fassen, er bleibt ein Außenseiter. Vielleicht auch, weil er das von Natur aus ist: So ging es ihm in Hannover, so ging es ihm, dem Schöpfer der „Ursonate“ und der „Anna Blume“ mit seinen Beiträgen zur DADA-Bewegung, wo er immer ein Solitär blieb, ein Fremdkörper, so ergeht es ihm, dem „entarteten Künstler“ bei seinen Stationen im Exil, in Norwegen und schließlich England, wo er 1948 stirbt. „Schwitters“, der hochgelobte Künstlerroman von Ulrike Draesner, zeigt aber auch exemplarisch auf, was ein Exilantenschicksal bedeutet: Entwurzelung, Identitätsverlust, Vereinsamung. Wer wie Schwitters mit Sprache, mit einer besonderen Bildsprache arbeitet, ist doppelt geschlagen, dem sind auch die Grundlagen der beruflichen und künstlerischen Existenz entrissen.

Die Jahre des Exils, vor allem aber die Jahre, in denen Kurt Schwitters dann mit seinem Lebensmenschen, Edith Thomas, kurz „Wantee“ (der ewige Hang zum Tee zärtlich verballhornt) einen neuen Dreh-, Angel- und Haltepunkt findet, rückt Ulrike Draesner in dieser stilistisch wie ästhetisch herausragenden und herausfordernden Annäherung an den MERZ-Schöpfer in den Mittelpunkt. Dabei gelingt ihr nicht nur eine sensible Charakterisierung des Künstlers, der auch zerrissen ist zwischen alten Familienbanden und neuer Liebe, sondern gewissermaßen auch eine Einführung in ein Stück Kunstgeschichte: Was DADA ausmacht, was MERZ ausmacht, das wird durch diesen Roman greifbar. Und dies immer auch in einer liebevoll-kritischen Distanz zum Künstler, der wie viele seiner Art durchaus den Hang zur Egomanie hatte. Michael Braun schreibt im „Tagesspiegel“:

„Ein Roman über eine Figur der Zeitgeschichte läuft immer Gefahr, die biografischen Fakten mittels Legendenbildung und hagiografischer Aufladung zu einem großen Erzählkino auszupinseln. Ulrike Draesner ist es dank ihrer feinen Sprachempfindlichkeit gelungen, diese Geschichte eines deutschen Exilanten und seiner Sprach- und Weltenwechsel von jedweder Schwärmerei freizuhalten und das späte Leben von Kurt Schwitters in all seinen Brüchen und markanten Selbstwidersprüchen freizulegen.“

Zuweilen kreist Ulrike Draesner diese Selbstwidersprüche für meinen Geschmack zu zögerlich ein, umrundet sie, lässt der Lust an Wortspielereien und Sprachkunst dann vollends freien Lauf – an der einen oder anderen Stelle läuft der Text dann etwas davon, wünschte man sich, näher an Schwitters denn an Draesner zu sein. Aber im Grunde ist dies wiederum auch fast schon symbolhaft: Sprache, so wuchernd und ständig wachsend wie der 1943 zerstörte MERZbau.

Verlagsinformationen zum Buch finden sich hier.
Der Beitrag ist eine unabhängige Buchrezension, dem Penguin Verlag danke ich für das zur Verfügung gestellte Besprechungsexemplar.

KEIN FALSCHES WORT JETZT – Gespräche mit Christoph Schlingensief

„Ich lass‘ die Dinge aufeinanderprallen. Das soll keine Provokation bedeuten, Provokation wäre trivial, sondern eher eine Art Erfrischung.“

Bild: Gudrun Glock

Aino Laberenz, Ehefrau und Mitarbeiterin von Christoph Schlingensief, hat mit den Aufzeichnungen aus Gesprächen und Interviews mit Schlingensief ein sehr lebendiges Bild ihres Mannes entstehen lassen. „Christoph wollte, dass man sich seine Arbeit möglichst unvoreingenommen ansieht und sich bis zum Ende darauf einlässt“, sagt Laberenz und fügt an: „Was er von sich selber eingefordert hat, erwartete er auch von seinem Gegenüber“. So ist ein sehr differenziertes, komplexes und nachvollziehbares Bild entstanden, von dem Mann, der vielen das Klischee vom abgefahrenen, verzottelten und wirren Provokateur gegeben hat.

In chronologischer Anordnung, von seinem Kinodebut „Tunguska – die Kisten sind da“ von 1984, bis zu seinem letzten Interview mit Max Dax von der Musik- und Popkulturzeitschrift „spex“ 2010, in dem er unumwunden erklärt, „ich habe geklaut“, wirft das Buch Streiflichter auf jedes Genre, das Schlingensief bedient hat, seine Intention und Motivation.

Wo die einen ihm eine bescheidene Jugend nachsagen, um sich die Düsternis seiner Filme zu erklären, winkt er ab. Er besteht darauf, dass es ausschließlich um Kraft, Energie und Rhythmus gehe, keineswegs um Provokation, „ich will ja niemand reinigen, sondern mit Kräften spielen.“ Das muss man auf sich wirken lassen und nicht jeder hat das verstanden. Sehr oft muss ich schmunzeln. Über die herrlichen Statements dieses Künstlers, der sich jeglicher Einordnung entzieht. Über seine Konzepte, die einzig dazu dienen, keine zu sein. Und über mich, die Leserin, die aufgefordert ist, einzusteigen, was Schlingensief ganz klar zum Ausdruck bringt: „Die Kisten sind da (…) und jetzt verlange ich vom Zuschauer, dass er mich als Regisseur endlich mal vergisst, als jemand der etwas über den Tisch reicht wie Zucker und Kaffee, sondern jetzt soll der Zuschauer anfangen, die Kisten auszupacken.“

Als er auf seine Krankheit angesprochen wird, sagt er, „Krebs, das merkt man sehr schnell, ist nicht universell. Er ist bei jedem anders.“ Genau wie dein Schaffen, denke ich mir. Und am Ende brauche ich eine ganze Weile, bis ich wieder ganz aufgetaucht bin. Ich habe einem atemberaubenden Menschen näherkommen dürfen – atemberaubend schnell, atemberaubend ehrlich, atemberaubend facettenreich – unvergesslich!

Ein Gastbeitrag von Gudrun Glock

Gudrun Glock  lebt und arbeitet bei Augsburg, wo sie für ein Augsburger Magazin  Beiträge, Buchrezensionen und die Kolumne „Nahrungskette“ schreibt. Ihr Hauptinteresse und Betätigungsfeld gilt dem Ernährungsaspekt der Ayurvedischen Lehre. Sie sagt dazu: „Wir kommunizieren während des Essens. Und Essen selbst bedeutet Kommunikation. Deshalb könnte man auch sagen, das zentrale Thema meiner Arbeit ist die Kommunikation, denn das ganze Leben ist Kommunikation.“
Homepage: http://augsburg-ayurveda.de/ 

Informationen zum Buch:
Autor: Christoph Schlingensief
Herausgeberin: Aino Laberenz
Kein falsches Wort jetzt. Gespräche
Kiepenheuer & Wisch
Erscheinungstermin 20.08.2020
336 Seiten
ISBN: 978-3-462-05508-5

Blaumeier oder der Möglichkeitssinn

„So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als die Fähigkeit definieren, alles, was ebenso gut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist.“

Das Zitat von Robert Musil aus dem „Mann ohne Eigenschaften“ ist schon eine Blaupause für dieses Buch. Und was für ein Buch! Es macht schon durch sein Äußeres deutlich, dass es etwas Besonderes ist. Das Format! Die Haptik! Man kann es auf den Kopf stellen und dennoch etwas lesen. Das Layout rückt Dinge durcheinander und gerade. Da ist so viel Weißraum, wie die Gestalter sagen, Freiraum würde ich meinen, ist das, der Platz lässt für eigene Gedanken. Fotografien, die nicht nur schön sind und schwarzweiß, weil das einfach besser wirkt, sondern die Bilder sind, die Geschichten erzählen.

Und dazwischen immer wieder dieses Blau. Blau, blau, blau sind alle meine … in dem Fall: Blaumeier. Ich lese den Titel „Blaumeier oder der Möglichkeitssinn“ und mir kommt profanerweise nicht das Musil-Zitat in den Kopf, sondern als Ohrwurm dreht sich der Slogan aus der Werbung in Dauerschleife: „Nichts ist unmööööööööööööööööglich…!“

Aber das passt irgendwie auch, zu diesem Buch und zu seinen Protagonisten: Nichts ist unmöglich, wenn man Mitmacher, Gleichgesinnte und Unterstützer findet. Blauäugig wäre es zwar, nicht zu wissen, dass es auch Grenzen gibt, die die Gesellschaft errichtet, wie es beispielsweise in der Geschichte von Aladdin, dem Profi, aufscheint. Aber man darf auch nicht blau machen im Streben nach Inklusion und Gleichberechtigung – und das stellen die Blaumeier seit Jahrzehnten unter Beweis. Nicht aufgeben, Träume verwirklichen, einfach machen.

Was ist das für ein Buch und wer sind sie, diese Blaumeier?

„Es gibt ziemlich viele Menschen, die Blaumeier kennen“, schreibt Karolin Oesker vom gleichnamigen Verein. „In Bremen sowieso, aber auch an vielen anderen Orten: die Salonskis sind schon in Moskau aufgetreten, die Maler:innen haben in New York ausgestellt, die Süßen Frauen waren in Durban, die Fotograf:innen in Riga und der Chor Don Bleu in Peking – um nur einige der Städte zu nennen, an denen Blaumeiergruppen das Publikum begeistert, bezaubert und oft auch berührt haben.“

Das ist, wenn man weiß, wie Blaumeier entstand und woher die beteiligten Menschen kommen, keine Selbstverständlichkeit, immer noch nicht. Der Verein entwickelte sich im Zuge der Psychiatriereform: Bis weit in die 1980er-Jahre gab es in der ganzen Bundesrepublik noch Langzeitstationen beziehungsweise Kliniken, die mehr Heimen glichen, in denen psychisch Kranke quasi hospitalisiert waren. So auch in der Langzeitpsychiatrie Kloster Blankenburg bei Oldenburg, die erst 1986 aufgelöst wurde. In einem Ateliergebäude im Bremer Stadtteil Walle wurden nach der Auflösung des Hauses erste künstlerischen Angebote für Menschen mit und ohne Behinderung geschaffen: Vor allem für das Maskentheater, das auch Menschen, die nicht sprechen können oder wollen, den Einsatz auf der Bühne ermöglicht, wurden die Blaumeier mehr und mehr berühmt. Aber auch andere Künste werden gemeinsam ausgeübt: Es gibt eine Schreibwerkstatt, Kurse für Fotografie, Bildende Kunst, für Musik.

Die Menschen, die sich hier engagieren und kreativ ausleben, einmal in den Mittelpunkt zu stellen, war Anliegen dieses Buches – 25 von den 250, stellvertretend für die vielen Gesichter und Stimmen, die Blaumeier prägen. Dass das Ganze aber kein gewöhnliches Buch mit Portraits geworden ist, sondern im Grunde ein optisches und inhaltliches Kunstwerk, verwundert bei so viel Talent an einem Ort wenig. Und zudem hat Schriftstellerin Jutta Reichelt, die selbst lange in der Theatergruppe  Die Salonskis mitwirkte, in den Texten von klassischen Portraiterzählungen Abstand genommen.

Die Textformen sind so individuell wie die vorgestellten Personen selbst, die Texte legen die Menschen nicht auf einige prägende Charaktereigenschaften fest, sie nähern sich an, sie stellen Fragen – und geben so, manchmal fast schon beiläufig, den Blick auf Dinge frei, die uns alle angehen, die jeden von uns beschäftigen und umtreiben.

„Die Masken reizen sie. Überhaupt das Theaterspielen. Rollenwechsel. Die versucht sie jetzt auch im Alltag. Lehnt sich einfach mal zurück und lässt die anderen machen. Manchmal tut sie so, als sei es das Normalste auf der Welt, sich nicht um andere zu kümmern. Und gelegentlich spielt sie sogar mit dem Gedanken, dass sie ein Recht hat, hier zu sein. Wie alle anderen auch. Einfach so.“

Eine Stärke dieser Texte ist es, dass man sie schon sehr aufmerksam lesen muss, dass man sie mitunter auch mehrfach lesen muss, wenn man partout genau wissen möchte, ob nun einer der gerade portraitierten Blaumeier ein Kreativer mit oder ohne Behinderung ist. Weil es meist auch um ganz andere Fragen geht: Wieviel Kunst braucht der Mensch? Und was macht sie mit einem die Kunst. Es wird erzählt von der Angst vorm Scheitern, dem Lampenfieber, den Schreibblockaden. Und wie es dann ist, wenn der Applaus kommt, die Befriedigung, wenn ein Projekt abgeschlossen ist.

Und ist die Unterscheidung in Nicht- oder Doch überhaupt wichtig? Und ist es nicht das, was Projekte wie Blaumeier und andere und was auch dieses Buch erreichen will: Dass der Mensch mit seinen Talenten, Fähigkeiten, Wünschen und Träumen zählt und sonst nichts anderes?

Aber außerhalb von Blaumeier wird eben noch allzu oft differenziert und ausgegrenzt – auch das machen diese Portraits auf ihre behutsam-antastende Weise deutlich: Vielleicht fährt Jürgen nicht nur nicht mehr mit der Bahn, „weil jeder Gang schlank macht“, sondern vielleicht auch, weil er die abschätzenden Blicke anderer nicht mehr erträgt? Oder wie wäre es, wenn Aladdin, der Profi, der schon in mehreren Filmen mitgewirkt hat, wie jeder andere Schauspieler auch als Profi wahrgenommen würde?

„Aladdin ist ein Profi. Oder etwas sehr Ähnliches. Wenn Aladdin noch etwas fehlt zum richtigen, vollständigen Profi, dann ist es nicht Talent oder Erfahrung, Disziplin oder Begeisterung. Das alles besitzt Aladdin. Der einzige Grund dafür, dass Aladdin noch kein vollständiger Profi ist: Es ist nicht vorgesehen!“

Weil es nicht vorgesehen ist, dass Theater, Film oder Fernsehen Schauspieler:innen mit Behinderung beschäftigen, dass Schauspielschulen sie ausbilden, es ist ja noch nicht einmal selbstverständlich, dass Menschen mit Behinderung auch von Menschen gespielt werden.

Fragen, die es noch zu beantworten gilt – und weil dieses Buch solche Fragen stellt, reicht es weit hinaus über die Geschichte eines Bremer Kreativprojektes, sondern wird zu einem Buch, das auch jene, die die Blaumeier noch nicht erlebt haben, ins Grübeln kommen, vielleicht auch eigene Ideen entwickeln und vor allem mit einem offenerem Blick und einem neuerwachten Möglichkeitssinn durch die Welt gehen.

Mehr Informationen über die Blaumeier und viele Geschichten finden sich hier: https://www.blaumeier.de/

Das Buch selbst kann auch dort im Shop erworben werden: https://www.blaumeier.de/de/shop/

Susanne Haun: Werkschau 2013 – 2020

Wer Susanne Haun auf ihrem Blog folgt, weiß wie produktiv und kreativ die Berliner Künstlerin ist. Nun erscheint im Eichhörnchenverlag, in dem bereits ihr Bilderbuch „Landtiere“ veröffentlicht wurde, eine Werkschau, die die Jahre 2013 – 2020 umfasst.
Ich habe die Veröffentlichung lektorierend im Hintergrund unterstützt und war einmal mehr fasziniert von den Arbeiten Susannes, aber auch von den erklärenden Texten, die Meike Lander, Nina A. Schuchardt und Cristina Wiedebusch für diese Werkschau verfasst haben.

Ein Auszug aus dem Vorwort von Nina A. Schuchardt, der Verlegerin:

„Es ist nicht weniger, als die Quadratur des Kreises, an welcher sich diese Broschur versuchen muss, denn das Œuvre Susanne Hauns ist so groß und reich an Höhepunkten, dass es jede Form der Übersicht sprengt und es wächst stetig. Dennoch ist der Künstlerin mit der vorliegenden Sammlung eine herausragende Auswahl einiger ihrer wichtigsten, spannendsten und besonders ihrer aktuellen Werke gelungen.

Der Zufall will es, dass diese Broschur zu einer Zeit erscheint, in der die jetzt lebende Menschheit unter anderem mit der Pandemie durch das Coronavirus Covid-19 (im Folgenden Covid-19) eine ihrer schwersten Krisen ereilt. Mit Blick auf dieses Zeitgeschehen ist sie neben dem stets wachsenden Blog der Künstlerin auch ein Zeugnis ihrer herausragenden Fähigkeit, Relevantes noch im Moment des Geschehens als solches zu erkennen und künstlerisch treffsicher in ihre Bildwelt zu übersetzen.

Überhaupt sind es Susanne Hauns Neigung zu analytischer Weltbetrachtung gepaart mit großem Wissensdurst, die den Nährboden ihrer Kunst ausmachen. Kanalisiert durch regelmäßige Selbstreflexion und Disziplin münden sie als Linie in emotional-fließendem Ausdruck. Jedes ihrer Werke zeugt davon.“

Mehr Information zur Werkschau und eine Bestellmöglichkeit gibt es hier:
https://eichhoernchenverlag.de/produkt/susanne-haun-werkschau-2013-2020/

Zum Blog von Susanne Haun: https://susannehaun.com/

Kristof Magnusson: Ein Mann der Kunst

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Am Ende ist alles gut und KD Pratz im Guggenheim. Bild von Anders Toft auf Pixabay

„Die Hansens waren also intensiv damit beschäftigt, sich vorzubereiten. Sich einzulesen, was eines ihrer Lieblingsworte war, wobei Martha Hansen eine noch größere, protestantisch-textbegeisterte Ernsthaftigkeit an den Tag legte als ihr Mann. Das Wichtigste war dabei für Martha Hansen stets: ein kritisches Bewusstsein!
Und Martha Hansens kritisches Bewusstsein vertrug sich eben nicht mit dem kritischen Bewusstsein, das KD Pratz auf seinen Bildern so deutlich zur Schau stellte. Immer wieder, gerade wenn sie nun in dem Heft die älteren Bilder von KD Pratz betrachtete, sagte sie: »Das Bild spricht nicht zu mir.«

Kristof Magnusson, »Ein Mann der Kunst«

Wer sich ab und an auf Vernissagen, kulturellen Veranstaltungen oder aber im Gehege eines Kunstvereins tümmelt, der wird an diesem Roman ein besonderes Vergnügen haben. Mit milder Ironie und sehr scharfsichtig nimmt Kristof Magnusson, der zunächst vor allem durch seine Theaterkomödien bekannt wurde, in seinem inzwischen dritten Roman die Kunstszene aufs Korn. Das ist herrlich zu lesen, nah an der Realität und äußerst unterhaltsam.
Der Plot: Ein Frankfurter Kunstverein, der sich für das kleine, aber ambitionierte Museum Wendevogel einsetzt, bekommt ein Grundstück vererbt. Landes- und Bundesmittel werden in Aussicht gestellt, wenn dort ein eigener Anbau für die Werke des Malerfürsten KD Pratz entsteht. Der als schwierig geltende Künstler, der seit Jahren zurückgezogen auf einer Burg im Rheingau lebt, ist unter den Mäzenaten jedoch nicht unumstritten. Also geht es auf zu einer Busfahrt für Kulturbeflissene, eine Butterfahrt für Geld- und Kunstleute gewissermaßen, um den Künstler vor Ort in seinem Atelier zu begutachten. Ein Vorhaben, das im kreativen Chaos endet …

Ich-Erzähler „Consti“, seines Zeichens Architekt und Sohn der kunstbegeisterten, alleinerziehenden, feministisch-grün angehauchten Psychotherapeutin Ingeborg, begleitet die Mutter, eine frustrierte Museumsassistentin, einen ehrgeizigen Museumsleiter, ein „Einstecktuch“ (sprich Geldsack) sowie einige weitere prägnante Typen auf dieser Wochenendreise. Das ist plastisch beschrieben, mit viel Gespür für die einzelnen Figuren – man sieht sie förmlich vor sich, die Damen in lockeren Leinen- und bunten Seidengewändern, bestückt mit auffälligem Holzhalsschmuck und Designerbrillen, die Herren im Rollkragenpullover oder legerem Freizeitlook.

Als die Gruppe mit dem ewig grantigen Maler zusammentrifft, stoßen zwei Welten aufeinander und Erzähler Constantin wird mehr und mehr zum Vermittler zwischen den beiden Parteien.

»KD Pratz tat mir leid. Es war eine Gemeinheit von uns, ihn mit der Aussicht auf sein eigenes Museum aus seiner Isolation zu locken. Seinen Ruhm, seine Produktivität, seine besten Bilder verdankte er dieser Isolation, nun sollte er sie aufgeben, uns nett empfangen und gleichzeitig weiterhin den entrückten, genialischen Einsiedler geben.«

Was Constantin hier wohl unterschätzt: Die Entrücktheit ist Teil der Show, der Imagebildung. Und angetrieben ist der Künstler von seinem ihm eigenen Narzissmus – ein eigenes Museum, da macht selbst ein KD Pratz Kompromisse. Mit seinem KD Pratz hat Magnusson einen Künstler erschaffen, der durchaus an lebende Vorbilder erinnert, mich zu allererst übrigens an Markus Lüpertz. Magnusson selbst stellt andere Bezüge her:

»Provokant könnte man sagen, dass KD Pratz detailverliebter als Gerhard Richter ist, archaischer als Anselm Kiefer und expressiver als Georg Baselitz.«
Durch eine kurzfristige Beziehung mit Marina Abramović, die der Autor seinem Künstler gönnt, gewinnt die Kunstfigur KD Pratz zudem noch mehr an Realitätsnähe. Sein Liebesleben, sein Umgang mit Frauen und die Art, sie darzustellen, führt jedoch zum Eklat zwischen der kritischen Ingeborg und dem egomanischen Künstler – und so scheint am Ende der Traum von einem KD Pratz-Museum ebenso ins Wasser zu fallen wie die Kunstwerke, die er in den vergangenen Jahren schuf: Eine spontane „life performance“, bei der die Kunstvereinsmitglieder angeführt von KD Pratz dessen Bilder im Rhein versenken, gehört zu den amüsanten Höhepunkten dieses Romans.
Ob es doch noch zu einem KD-Pratz-Museum kommt? Das sei hier nicht verraten. Nur so viel: Es gibt einen herrlich übertriebenen Showdown im Guggenheim in New York – und alle sind zufrieden.

„Ein Mann der Kunst“ ist eine schwungvoll geschriebene Satire, die das Kunstleben und die Mechanismen des Kunstmarkts mit liebevollem Spott beschreibt. Prädikat: Unterhaltsam!

Zur Homepage von Kristof Magnusson:
https://www.kristofmagnusson.de/

Informationen zum Buch:
Kristof Magnusson
Ein Mann der Kunst
Verlag Antje Kunstmann, 2020
Hardcover, 240 Seiten, 22,00 Euro
ISBN: 978-3-95614-382-3


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Dieter Lohr: „Ohne Titel. Aquarell auf Karton. Unsigniert.“

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Alfred Seidl (1892 – 1953), ohne Titel, um 1922, Aquarell auf Papier, 9 x 19,3 cm © Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinik Heidelberg (Inventarnummer 4502)

Karthaus, 3. Februar 1933

Lieber Florian!

Was ist denn nun die ostmärkische Scholle? Ist`s Regensburg, ist es Karthaus? München auf alle Fälle ist es nicht, und wer alle heiligen Herrschaftszeiten in der heiligen Heimat vorbeizuschauen sich genehmt und dann seinen werten Herrn Bruder, den wahrhaft Schollenverhafteten, in seiner Schollerei für nicht besuchswürdig erachtet, der ist ein Auswanderer, mein Herr, und nicht bemächtigt, sich Schollenkönig zu nennen. Lass er sich das gesagt sein.
Ob das neue Kabinett Hitler was dran ändert?

Es grüßt
Alfred

Glückwunsch zum neuen Stück; möge ihm Erfolg beschieden und beschienen sein.

Dieter Lohr, „Ohne Titel. Aquarell auf Karton. Unsigniert.“

Ist der Brief fiktiv oder nicht? Ist`s ein dokumentarisches Zeugnis, ist es Fiktion? Die Leser bleiben am Ende im Ungewissen. Und doch entsteht ein greifbares Portrait, ersteht ein Leben wieder auf in all seiner Dramatik und am Ende ist es auch gleichgültig, was von den Mosaiksteinen in diesem interessant konstruierten Buch Wahrheit ist und was Dichtung: Fassbar wird dennoch das Schicksal eines Malers und Schriftstellers zwischen Genie und Wahnsinn und das Barbarentum einer wahnsinnigen Zeit.

Alfred Seidl, soviel ist gewiss, kam 1892 als Sohn einer gutbürgerlichen Familie auf die Welt. Nach einem abgebrochenen Jurastudium in München ging er zurück in seine Heimatstadt, betätigte sich dort als Maler und Schriftsteller. Früh zeigt er Symptome einer psychischen Erkrankung, 1921 wird er das erste Mal in die Heil- und Pflegeanstalt Karthaus-Prüll eingewiesen. Dort will man in der Zwischenkriegszeit in der Behandlung psychisch Kranker Reformen einführen, so wird die Arbeitstherapie ausgebaut, aber auch das kreative Talent der Patienten gefördert. Seidl, der sich dem Dadaismus nahe fühlt, schafft einige Werke, die nicht zuletzt auch in die berühmte Prinzhorn-Sammlung gelangen.

Die Reformbemühungen in der Psychiatrie werden mit dem Nationalsozialismus gestoppt, die Heilanstalten zu Tötungsanstalten, mit der Aktion „T4“ setzt die Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ ein. Auch Alfred Seidl, der schillernde, auffallende Künstler, der gerne mal im Kaftan oder im Büßerhemd durch Regensburg wandelt, soll mit den „grauen Bussen“ in den Tod transportiert werden. Gerettet wird er von seinem Bruder Florian – ein Schriftsteller, der mit Volk- und Boden-Literatur Karriere macht, strammer Nazi ist und dessen Name in Regensburg noch lange für heftige Diskussionen sorgte: Erst 1999 wird eine nach ihm benannte Straße umbenannt, nachdem es heftige Diskussionen gegeben hatte.

Im Zentrum des Buches stehen jedoch nicht die Briefe zwischen den Brüdern – oder vielmehr die Briefe Alfreds an Florian, Gegenstücke sind nicht enthalten. Vielmehr, und das ist ein Problem der komplexen Konstruktion, ist diese fiktionale Annäherung an eine Biographie ein Mosaik aus dokumentarischen Texten, denen zuweilen das Zentrum abhandenkommt.

Wo die biographische Erzählung ergänzt und unterbrochen wird durch Originaltexte um die Themenkomplexe der „Art Brut“, der Euthanasie, der Psychiatriegeschichte und des Umgangs der Nationalsozialisten mit Kranken und Behinderten, durch Zeugnisse der Regensburger Zeit, Reden, Briefe und Zeitungsartikel, sowie durch Gedankensplitter eines Vincent (die Nähe zu van Gogh ist unverkennbar), der wohl das alter ego Alfred Seidls ist, wird „Ohne Titel“ zu einem eindringlichen Buch, das vor Augen führt, was Intoleranz (auch eine Mahnung in die Gegenwart hinein) und Rassenwahn zur Folge haben.

Doch Lohr führt mit zwei weiteren Ebenen, die in der Gegenwart spielen – dort treiben ein Kunstkäufer und eine Kunstagentin den Markt für den bis dahin noch wenig bekannten Art brut-Künstler Seidl an und es kommt der Autor, der im Dialog mit einem unbenannten Anderen die Vorgänge des Buches reflektiert, selbst zu Wort – ein weiteres Thema ein, das als Kritik am Kunstmarkt verstanden werden könnte. Dass auf dem Kunstmarkt „art brut“ hoch gehandelt und gefeiert wird, die Künstler selbst und deren Schwierigkeiten am Leben darüber selbst jedoch oftmals vergessen werden – das ist ein Punkt, der aus diesen Ebenen jedoch nicht klar hervorgeht, der in der Fülle des Materials ein wenig verschwindet. Auch wenn es die Intention des Autors Dieter Lohr ist, die Leser im Ungewissen zu lassen, was „echt“ und was „gefälscht“ ist – die Vielzahl der Stimmen lenkt vom Kern ab, erschwert den Zugang.

Aber es soll nicht mit Erbsenzählen enden: „Ohne Titel. Aquarell auf Karton. Unsigniert.“ ist ein wichtiges, eindringliches Buch, das mit der fiktionalen Biographie eines Einzelnen auf ein Thema hinführt, das nicht vergessen werden darf.

„Erbsünde erbkrankt die Erblinde. Erblindung des Erbschmerzes, des Welt- und Erbschmerzes im Erblassen erblasen erlesen des Erbenzählers Zahlen. Zahlenzähler. Erbrechen erbrechnen abrechnen, abzählen. Ab und zu Müllers Kuh im Schafsgewand im Erbsünderhemd der Erbsünderbock die Erbsengemeinschaft.“

Informationen zum Buch:

Dieter Lohr
„Ohne Titel. Aquarell auf Karton. Unsigniert.“
BALAENA Verlag, Landesberg am Lech, 2020
Gebunden, 372 Seiten, umfangreiches Namensverzeichnis, 32,00 Euro
ISBN 978-3-9819984-2-9

Homepage von Dieter Lohr: http://dieterlohr.de/


 

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Die Frau der Metamorphosen: Maria Sibylla Merian

Sabine vom Blog „Binge Reading & More“ hat die interessante Reihe „Women in Science“ ins Leben gerufen: Frauen, die in vielen Bereichen der Wissenschaften und Forschung einen bedeutenden Beitrag geleistet haben, werden dabei in den Mittelpunkt gestellt. Die Bloggerinnen, die sich mit Texten beteiligten, portraitierten dabei so unterschiedliche Wissenschaftlerinnen wie die Informatik-Pionierin Grace Hopper, die Philosophin Hannah Arendt oder die Verhaltensbiologin Elisabeth Oberzaucher. Und für mich ein guter Anlass, mich endlich einmal näher mit Maria Sibylla Merian zu beschäftigen. Übrigens: Wer sich selbst noch an der Reihe beteiligen will – Sabine würde sich freuen!

Mein Text über die berühmte Insektenforscherin und Künstlerin:

Surinam! Schon der Name klingt wie eine exotische Verheißung. Zwar steht das kleinste unabhängige Land Südamerikas nicht auf der Top Ten der Reiseländer, doch ist es für Touristen inzwischen relativ bequem zu besuchen. Aber was bewegte vor mehr als 300 Jahren eine Frau dazu, sich von Amsterdam aus auf eine nicht ungefährliche Seereise in dieses exotische Land aufzumachen? Was bewegte diese Dame anno 1699 dazu, die Strapazen und Gefahren solch eines Unternehmens auf sich zu nehmen? Um es kurz zu machen: Es war der reine Forschungstrieb.

Der Aufenthalt in der niederländischen Kolonie Surinam, den sie wegen gesundheitlicher Beschwerden 1701 vorzeitig beenden musste, war sicher das größte Abenteuer im Leben der Maria Sibylla Merian, die aber auch sonst nicht über mangelnde Beschäftigung und Abwechslung klagen konnte. Mit der erstmaligen Erforschung der Flora und Fauna Surinams war die gebürtige Frankfurterin im Grunde die Wegbereiterin für Alexander von Humboldt und andere, die naturwissenschaftliches Interesse nach Südamerika zog.

Welche Bedeutung die Forscherin heute noch für das kleine Land hat, zeigt sich am Geschenk, das die Niederlande der ehemaligen Kolonie 1975 zur Unabhängigkeit machte: Surinam erhielt eine der raren Originalausgaben der „Metamorphosis insectorum Surinamensium“. Das opulente Werk mit Kupferstichen und Texten, das als Folioausgabe erschien und von Merian zum Teil handkoloriert wurde, gilt als ihr Hauptwerk, die wenigen erhaltenen Originalbände sind inzwischen bibliophile Kostbarkeiten.

Wer aber war diese Frau, die sich wegen einiger Insekten und Raupen, um es salopp auszudrücken, in solche Abenteuer stürzte?

Maria Sibylla Merian wird am 2. April 1647 in Frankfurt geboren. Sie stammt aus der berühmten Verlegerfamilie, jedoch aus der zweiten Ehe von Matthäus Merian dem Älteren. Der Vater stirbt bereits drei Jahre nach ihrer Geburt, die Mutter heiratet erneut, den Maler Jacob Marrel. Die künstlerische Ader ist ihr also bereits schon durch die väterliche Familienseite mitgegeben, der Stiefvater wird dieses Talent fördern und ihr den Weg für ihre spätere berufliche Karriere bereiten.

Der Name Merian nutzt der kleinen Familie zunächst wenig: Maria Sibyllas Halbbrüder übernehmen die Verlagsgeschäfte, die Stiefmutter, wird gemieden und finanziell abgespeist. Maria Sibylla geht schon in frühen Jahren beim Stiefvater Marrel in die Lehre, arbeitet in dessen Atelier – oder besser Kunstwerkstatt – mit. Nichts Ungewöhnliches zu dieser Zeit, wie die Merian-Biographin Barbara Beuys hervorhebt:

„Zu sehr hat das 19. Jahrhundert, als Bürgertöchter keinen Beruf erlernen durften, weil standesgemäßes Frauenleben sich nur mit Kindern, am Herd und im häuslichen Salon abspielte, den Blick dafür verstellt, dass in ferneren Epochen Gleichberechtigung Realität war – bei Handwerkern wie bei Kaufleuten. (…) Die mittelalterliche Stadt hatte die Frau aus der Vormundschaft ihrer Verwandten und ihres Mannes befreit; sie wurde eine Person eigenen Rechts und war geschäftsfähig. Finster dagegen war die moderne Zeit.“

Diese hohe Selbständigkeit und Unabhängigkeit wird sich Maria Sibylla Merian auch im weiteren Lauf ihres ungewöhnlichen Lebens bewahren. Von ihrer Herkunftsfamilie bekommt sie dafür das nötige Rüstzeug mit: Neben ihrem künstlerischen Talent die entsprechende Ausbildung und kaufmännisches Geschick. Später wird sie dies als Verlegerin ihrer Werke – heute wäre sie „Selfpublisherin“ – gut gebrauchen. Neben der künstlerischen Ader ist die junge Merian jedoch auch noch von einer anderen Eigenschaft geprägt: Einer unbändigen Neugier auf alles, was kreucht und fleucht.

Aus den wenigen Quellen geht nicht eindeutig hervor, warum sich die 13-jährige plötzlich mit Seidenraupen beschäftigte – ein doch etwas ungewöhnliches Hobby zu jener Zeit. Barbara Beuys, die 2016 ihre ebenso kenntnisreiche wie unterhaltsame Merian-Biographie veröffentlichte, verweist auf den damals gängigen Handel mit Seide und Seidenraupen. Der Bruder von Merians Stiefvater ist ebenfalls in diesem Metier tätig. Vielleicht wurde so das Interesse des Mädchens an den Insekten geweckt. Im Vorwort zu ihrem Surinam-Buch schreibt sie:

„Ich habe mich von Jugend an mit der Erforschung der Insekten beschäftigt. Zunächst begann ich mit Seidenraupen in meiner Geburtsstadt Frankfurt am Main. Danach stellte ich fest, dass sich aus anderen Raupenarten viel schönere Tag- und Eulenfalter entwickelten als aus Seidenraupen. Das veranlasste mich, alle Raupenarten zu sammeln, die ich finden konnte, um ihre Verwandlung zu beobachten. Ich entzog mich deshalb aller menschlichen Gesellschaft und beschäftigte mich mit diesen Untersuchungen.“

Woher auch immer das Interesse kam, „das junge Mädchen füttert in einer Spanschachtel, die geschlossen, aber mit Luftlöchern versehen ist, über Tage und Wochen eine Seidenraupe. Es beobachtet, wie das Tier mit dem Spinnen des Seidenfadens beginnt und nach acht Tagen von einem festen Seidenkokon umgeben ist.“ Es ist der Beginn einer Karriere, die Maria Sibylla Merian in den Rang einer der wegweisenden Insektenforscherinnen erheben wird, auch wenn sie manchmal einseitig nur als „Künstlerin“ wahrgenommen wird. Tatsache aber ist, dass sie durch ihre jahrzehntelange Beobachtung und Protokollierung der Entwicklung von Raupen, deren Nahrungsgewohnheiten, deren Entwicklungsstadien usw., die Grundlagen für die moderne Insektenforschung mitbestimmte. Barbara Beuys betont:

„Forschung und Kunst, Kunst und Forschung sind bei Maria Sibylla Merian nach ihrer eigenen Auskunft von Anfang an eine ausgewogene Partnerschaft eingegangen. Es gab keinen Bruch. Sie war nicht hin- und hergerissen, sondern führte die beiden Begabungen auf ideale Weise zusammen.“

1665 heiratet Maria Sibylla den Maler Johann Andreas Graff, ebenfalls ein Schüler ihres Vaters. Das Paar bekommt zwei Töchter, die das naturwissenschaftliche Interesse der Mutter später teilen, sie in ihrer Arbeit unterstützen und das Ganze zu einem Familienunternehmen ausbauen. Doch zunächst ist ein Ortswechsel angezeigt: 1670 zieht die Familie nach Nürnberg, wo die junge Frau durch Zeichenunterricht und den Handel mit Malutensilien zum Lebensunterhalt der Familie beiträgt. In Nürnberg entstehen zudem ihre ersten Bücher. Das „Neue Blumenbuch“, ein Musterbuch für stickende Damen, und das zweiteilige „Raupenbuch“. Es muss recht eigenartig ausgesehen haben in diesem Haushalt: Neben den Handwerksutensilien der Maler standen wohl allerorten Schachteln mit Raupen. Und es konnte, wie Barbara Beuys erläutert, durchaus geschehen, dass die Hausfrau beim Bearbeiten von Geflügel mehr Interesse für die Maden aufbrachte, die sie im Inneren der Vögel fand, als für die Zubereitung des Mittagessens.

Daran ist die Ehe wohl nicht gescheitert – die eigentlichen Gründe dafür werden für immer im Dunkeln bleiben. Allerdings ist das Geschehen, wie Briefzeugnisse zeigen, vor allem für Johann Andreas Graff dramatisch: Nach zwanzig Jahren Ehe beschließt die Merian, gemeinsam mit ihrer Mutter und ihren Töchtern in eine urchristliche Kolonie im niederländischen Friesland zu ziehen. Was Barbara Beuys über das Leben der Labadisten schreibt, erinnert an strenges, engherziges Sektierertum – dennoch aber scheint Maria Sibylla Merian hier den nötigen Abstand und die Ruhe für ihre Arbeiten zu finden. 1692 wird die Ehe geschieden.

1691 zieht sie nach Amsterdam, damals das Tor zur Welt. Es gelingt ihr auch dort wieder, ein eigenes Leben, eigene Geschäftstätigkeit und Beziehungen aufzubauen. Mit ihrem anschließenden Umzug nach Amsterdam habe sich Merian wiederum „genau die internationalen Kontakte“ gesucht, die sie für ihre weitere Forschungsarbeit benötigt habe, meint Barbara Beuys:

„Amsterdam war damals die Weltmetropole. Dort kamen Schiffe an aus aller Welt, mit exotischen Gewürzen aber auch Pflanzen und Tieren. Und dort ist sie ein- und ausgegangen bei den Gelehrten, sie war befreundet mit dem Bürgermeister, auch das in damaliger Zeit kein Problem.“ 

Vielleicht trieb sie dabei auch die Neugier auf ein fernes Land namens Surinam an: Denn die frühpietistische niederländische Sekte, der sie angehörte, war eng mit dem Gouverneur von Surinam verbunden. Schon in Friesland muss sie viel über die Kolonie erfahren haben. Dennoch: Von der Neugierde bis zur selbstfinanzierten Forschungsreise ohne männlichen Begleitschutz ist es ein weiter Weg. Das ganze Vorhaben war seinerzeit die reinste Sensation, viele Freunde rieten der Merian von der Reise ab. Ohne Erfolg: 1699 schiffte sie sich ein.

Zwar von der Malaria und anderen Krankheiten geschwächt, nahm die Forscherin dennoch nach ihrer Rückkehr zu den Grachten 1701 ihr geschäftiges Leben wieder auf. Auch nach einem Schlaganfall arbeitete sie trotz der körperlichen Einschränkungen noch bis zu ihrem Tod 1717 diszipliniert weiter. Zumal ihr auch nichts anderes übrig blieb: Trotz ihrer guten Kontakte und vielfältigen Beziehungen, trotz ihres Handels mit Malutensilien und dem Verkauf ihrer Bilder und Präparate sowie anderer geschäftlicher Unternehmungen, verstarb  Maria Sibylla Merian unvermögend. Viel Geld wird in die von ihr mit viel Aufwand und Liebe zum Detail erstellten Bücher geflossen sein.

Und gerade deshalb, weil sie sich diese Neugier an einem bis dahin unbeachteten Element der Natur – Insekten waren für die Forscher jener Zeit kein bemerkenswerter Gegenstand – von ihren Mädchenjahren bis ins hohe Alter bewahrte, weil sie sich von der Lust an der Erkenntnis leiten ließ, gerade deshalb kann man von einem erfüllten Leben sprechen. Barbara Beuys schreibt:

„Was von Maria Sibylla Merian bleibt, ist das Bild einer Persönlichkeit, deren Leben trotz der selbstgewählten Umbrüche und inmitten des dramatischen Übergangs von mittelalterlichen Gewissheiten in eine moderne, ungewisse Zeit, gelassen und beständig verlief. Maria Sibylla Merian behauptet sich neben ihren eindrucksvollen Büchern als eine Frau, die verwirklichte, was sie früh als ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten erkannte. Die mit konzentriertem Ernst und Ehrgeiz bei der Sache war.“

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Patricia Highsmith: Zeichnungen

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Warum sollte es erstaunlich sein, daß viele Schriftsteller gerne zeichnen oder bildhauern? Vielleicht versuchen sich einige hie und da auch im Komponieren. Alle Künste sind eins, und jede Kunst – auch das Ballett – ist ein Mittel, Geschichten zu erzählen.“

Patricia Highsmith, „Zeichnungen“, 1995, Diogenes Verlag

„Sie war nicht nett“: Mit diesem Satz beginnt die 2014 in deutscher Übersetzung erschienene Patricia Highsmith-Biographie von Joan Schenkar („Die talentierte Mrs. Highsmith“, Diogenes Verlag). Das Buch, immerhin über 1000 Seiten stark, zeichnet das Portrait einer ebenso talentierten wie schwierigen Persönlichkeit: Eine misanthropische, geizige, kinderhassende (dafür Katzen und Schnecken liebende), ab und an seltsam dümmlich antisemitische, gruselige Person. Wenn ich auch erst im zweiten Drittel der Biographie stecke – ja, für Highsmith-Fans ist sie empfehlenswert, schon wegen  der Materialfülle und weil es sonst wenig mehr über die amerikanische Schriftstellerin gibt. Zwar hat die Biographie ihre Mängel – manches wird ausgewalzt, wiederholt sich, sie ist, trotz des Umfangs, stark auf den Charakter konzentriert und vernachlässigt die literarische Interpretation der Highsmith-Werke – aber Joan Schenkar hat ihr „Objekt“, die talentierte Mrs. Highsmith gut im Griff. Ihr gelingt die Gratwanderung, die dunklen Seiten der Autorin so darzustellen, dass dies den Respekt für die literarische Leistung nicht mindert. Und – je nach Leser – auch Verständnis wächst für die psychischen Auffälligkeiten der am Ende ihres Lebens von Alkoholmissbrauch und Depressionen gezeichneten Frau.

„Sie war nicht nett“: Nein, beileibe nicht. Aber sie war trotz (oder hinter) ihrer Schroffheit, ihrer Menschenfeindlichkeit ebenso ein Mensch mit einer harmoniebedürftigen, humorvollen, liebevollen, zärtlich-sehnenden Seele. Die jedoch nicht ans Licht durfte, zu sehr überlagert von der gewachsenen Weltablehnung der Einsiedlerin im Tessin.

Man sollte dennoch beim Lesen der Biographie oder einem der Highsmith-Thriller ein besonderes Buch griffbereit haben: 1995 erschienen, ebenfalls beim Diogenes Verlag, „Zeichnungen“ von Patricia Highsmith. Ließ sie in ihren Texten ihren mörderischen, psychopathologischen Anlagen ihren freien Lauf, so stellt sich die Malerin Patricia Highsmith in einem ganz anderen, helleren Licht dar.

In jungen Jahren schwankte Highsmith, die aus einer Graphiker-Familie stammte, zwischen ihren beiden Talenten: Malen oder Schreiben? Wohin die Waagschale ausschlug, wissen wir, spätestens ab dem Erfolg von „Der Fremde im Zug“ war der Zug abgefahren und Patricia Highsmith hauptsächlich, hauptberuflich Autorin. Den Zeichenstift zückte sie vor allem nur noch für das Privatvergnügen, Ausstellungen lehnte sie überwiegend ab. Es war daher eine besondere Geste, dass sie 1994 ihrem Verleger Daniel Keel Einblick gab in ihr bildnerisch-künstlerisches Schaffen. Auch weil die unzähligen Bilder die Geschichte ihres Lebens schreiben. Darunter sorgfältig ausgearbeitete Aquarelle, aber auch flüchtige Bleistiftskizzen, sie alle aber halten Lebensstationen, Orte, Menschen, die geliebten Katzen, Reiseskizzen, Begegnungen, Träume fest – die Highsmith, die sonst in der Öffentlichkeit kaum Privates und Persönliches preisgab, öffnete damit ein Stück ihres Innenlebens. Und sie zeigt ein anderes Gesicht: Die Bilder haben nämlich eines gemeinsam – sie sind überwiegend anmutig-heiter, verspielt.

Für das Buch, das es nur noch antiquarisch gibt, wählte der Verleger 106 Bilder in chronologischer Reihenfolge aus. Patricia Highsmith, die im Februar 1995 starb, schrieb noch ein Vorwort. Dort betont sie:

„Ich befasse mich lieber mit der helleren Seite der künstlerischen Nebenbeschäftigung, wie Zeichnen und Malen. Meine eigenen Werke nehme ich nicht ernst.“

Für Anna von Planta, die dem Bildband ein Nachwort hinzufügte, sind Zeichnen und Schreiben bei der Highsmith „zwei verschiedene Konfrontationen mit der Realität.“

„Kunst, so hat die Schriftstellerin in Interviews wiederholt zu Protokoll gegeben, sei eine Möglichkeit, die Realität auszuhalten, sie zu kontrollieren. Ganz offensichtlich meinte und brauchte sie dazu beides: Malen und Schreiben.“

Mit dem Schreiben, so meine ich, kontrollierte Patricia Highsmith, nach Graham Greene die „Dichterin der unbestimmten Beklemmung“ ihre Ängste, ihre Wut, ihren Zorn auf die Welt. Im Malen kam dagegen – diese Sprache sprechen jedenfalls die Bilder – ihre Liebe zum Dasein (oder auch die Sehnsucht nach einem anderen psychischen Da-Sein) zum Ausdruck.

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Octave Mirbeau: Diese verdammte Hand

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Sternennacht über der Rhone, 1888. By Vincent van Gogh – Copied from an art book, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=9478627

„Als ich eines Nachts keinen Schlaf finden konnte, öffnete ich das Fenster meines Zimmers, stützte die Ellbogen auf den Rahmen und betrachtete den Himmel über dem in Dunkelheit getauchten Garten. Der Himmel hatte die Farbe von Veilchen. Millionen von Sternen funkelten. Zum erstenmal wurde ich mir dieser gewaltigen Unendlichkeit bewußt, die ich mit den anrührenden Blicken eines Kindes zu ergründen suchte, und ich wurde davon förmlich erschlagen. »Das ewige Schweigen dieser unendlichen Räume machte mich schaudern«; mir graute vor diesen so stummen Sternen, deren bleiches Flackern vor dem schauderhaften Geheimnis der Unermeßlichkeit zurückweicht, ohne es jemals zu erhellen.“

Octave Mirbeau, „Diese verdammte Hand“, Weidle Verlag, 2017

Und immer wieder ist in diesem Roman vom Himmel die Rede. Eine Metapher für Unendlichkeit. Für Freiheit. Der Künstler als Himmelsstürmer. Der das Mysterium erfassen will und daran zerbricht. Himmelhochstrebend, zu Boden gedrückt. Der verblichene Ton eines blauen Kittels, ein „Fleckchen Aprilhimmel“, Gedanken, wie fliehende, rasende Bestien, chimärischen Vögeln am großen, unbeweglichen Himmel gleich, der Blick einer Stummen, „weit wie Himmel und tief wie ein Abgrund“.

Was man vielleicht aus eigener Erfahrung kennt – Sommernachmittage, an denen man stundenlang dem Zug der Wolken nachblickt und sich frei und luftig dabei fühlt, aber ebenso auch der bleigraue Winterhimmel, bedrückend schwer auf dem Gemüt lastend – dies alles empfinden die Protagonisten in Octave Mirbeaus (1848 bis 1917) Roman um ein Vielfaches potenziert. „Diese verdammte Hand“, sein vierter Roman, erschien in Fortsetzungen im „L`Écho de Paris“ vom September 1892 bis zum Mai 1893. Für die Leser dieser konservativen Tageszeitung sicher keine geringe Herausforderung, war doch Mirbeau mit dem Vorsatz angetreten, die Konventionen des Romans zu sprengen – ähnlich wie Lucien, die eigentliche Hauptfigur des Buches, in dem unschwer Vincent van Gogh zu erkennen ist, die Grenzen der Malerei sprengen wollte.

Der Aufbau des Buches erforderte – zumal es jener Tage „nur“ in Fortsetzungen zu lesen war – Konzentration, führt Mirbeau doch zwei Erzählebenen ein, hält den Leser lange im Ungewissen, welche der drei Figuren die zentrale Rolle spielt. Zunächst tritt ein namensloser, wenig sympathischer Erzähler auf. Er besucht nach 15 Jahren widerwillig seinen Freund Georges, einen gescheiterten Schriftsteller, an dessen Wohnort, einer Abtei auf einer Bergspitze, die eigenwillig mitten in der flachen französischen Provinz alles überragt. Er trifft Georges am Leben verzweifelt und halb wahnsinnig an. Um seinen Geisteszustand zu erklären, übergibt Georges ihm sein Tagebuch: Das Protokoll einer Kindheit und Jugend, in deren Verlauf der sensible, körperlich schwache Georges beinahe an der Enge und Beschränktheit des Elternhauses, an der Strenge der Lehrer und Erwachsenen und an den Anforderungen des Alltags zerbricht. Erst die Bekanntschaft mit Lucien, der ihn nach Paris mitnimmt, bringt Georges eine Art von Befreiung. An der Seite des Malers wächst das Selbstbewusstsein des schüchternen George, erfährt er eine erste Liebelei und die Intensität der Gefühle.

Die „Himmelfahrt“ der beiden birgt jedoch auch ihre Schattenseiten. Himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt ist vor allem der schwärmerische Lucien, der stets mit sich und den Grenzen der Kunst ringt:

„Aber präge dir ein, daß die Kunst nicht dem Zweck dient, einen mit der Nase auf etwas zu stoßen … Die Kunst dient nur dem Zweck, die unter den Dingen verborgene Schönheit zu suchen …“

Die Suche, an der Lucien letzten Endes zu scheitern glaubt, führt ihn, noch lange vor Georges, auf die einsame Bergspitze – hier, nah am Himmel, erhofft er, „die Wahrheit und Schönheit zu finden!“ Zu finden und in Bilder zu bannen – vielleicht ein vermessenes Anliegen?  Ein Ziel, an dem jeder Übersensible, der die Grenzen der Bodenhaftigkeit sprengen will, verzweifeln müsste? Lucien jedenfalls verfällt dem Wahnsinn: Sein größter Feind wird „diese verdammte Hand“, die seiner Auffassung nach nicht malen kann, was sein Auge sieht, sein Geist empfindet. Der Roman endet mit dem Tod Luciens, der beim Absägen der eigenen Hand verblutet.

Der Fortsetzungsroman erschien zwei Jahre nach dem Freitod van Goghs. Über die Art der psychischen Erkrankung dieses genialen Malers wird bis heute in der Fachwelt gestritten. Doch gleichwohl, wie man die Krankheit benennen mag: Mirbeaus Roman gibt als frühes literarisches Künstlerportrait eine Ahnung davon, welche furchtbaren inneren Erschütterungen van Gogh erlebt haben muss. Octave Mirbeau, wohl selbst ein faszinierender Mensch mit zahlreichen Facetten, kannte van Gogh, förderte ihn in seiner Funktion als Kunstkritiker und war einer der ersten Käufer seiner Bilder. Doch das Werk geht weit über ein Einzelportrait hinaus – es stellt die Frage, was Kunst vermag. Und damit stellt es im Grunde auch die universellen Fragen nach dem Wert der Schönheit und dem Sinn des Lebens.

Als der Schriftsteller „Diese verdammte Hand“ schrieb, befand er sich selbst, wie der Literaturwissenschaftler und Mirbeau-Experte Pierre Michel im Nachwort zu dieser Ausgabe schreibt, in einer existentiellen Krise, sah sich kreativ gescheitert und zur Unproduktivität verbannt. „Es ist kein Wunder, daß Diese verdammte Hand vom schwärzesten Pessimismus erfüllt ist.“ So ist Georges, der sensible Literat im Roman, wohl auch ein Selbstbildnis Mirbeaus. Und doch, so führt auch Pierre Michel an, gibt es trotz (oder gerade wegen?) der dem Buch innewohnenden Düsternis und Verzweiflung gute Gründe, es mit „Genuss“ zu lesen:

„Daß dieses Werk den Eindruck erweckt, nicht mehr »Kunst« zu sein, sondern »Leben«, wie Mirbeau über die Gemälde seines Freundes Claude Monet schreibt, ist darauf zurückzuführen, daß er es nicht überarbeitet, daß er es aus einem Guß geschrieben hat, ohne sich irgendeinem ästhetischen Maßstab zu unterwerfen. Nun, ist es nicht umso erstaunlicher, daß wir in dieser Geschichte, die von Verzweiflung gezeichnet ist, ein intensives Leben bewundern können, das »von Herrlichkeit erfüllt ist«?

In seiner Intensität lässt dieses kurze Buch keinen unberührt. Und vor allem eines ist gewiss: Man wird sowohl den Himmel über dem eigenen Lesehorizont als auch den Himmel in van Goghs Bildern danach nochmals mit anderen Augen betrachten.

Mirbeau selbst kämpfte sich aus seiner Existenzkrise heraus, findet Sinn im „vita activa“, im sozialen und politischen Engagement. Ein kurzes Portrait des Schriftstellers wurde anlässlich seines 100. Todestages im Februar 2017 beim SRF veröffentlicht:
https://www.srf.ch/kultur/literatur/beim-schreiben-und-duell-lehrte-er-seine-gegner-das-fuerchten

Eine der wenigen Erinnerungen im deutschsprachigen Feuilleton an einen Romancier, der von Leo Tolstoi bewundert und zu seiner Zeit in Deutschland viel gelesen wurde, dann aber lange vergessen wurde.

Wer des Französischen mächtig ist, findet umfassende Informationen auf dem Blog von Pierre Michel:
http://michelmirbeau.blogspot.de/

Und hierzulande macht sich der Weidle Verlag um die Erinnerung an Octave Mirbeau verdient.

2013 erschien dort der Reiseroman „628-E8”:
“Hier also das Tagebuch dieser Reise im Automobil durch einen Teil von Frankreich, Belgien, Holland und Deutschland und vor allem durch einen Teil von mir selbst. Ist das aber wirklich ein Tagebuch? Ist das überhaupt eine Reise? Sind dies nicht eher Träume, Träumereien, Erinnerungen, Impressionen, Erzählungen, die zumeist überhaupt keinen Bezug, keine sichtbare Verbindung zu den besuchten Ländern haben, sondern ganz einfach in mir eine Figur, der ich begegnet bin, erstehen oder wiedererstehen lassen, eine flüchtig gesehene Landschaft, eine Stimme, die ich meinte im Wind singen oder weinen zu hören?”

Und nun “Diese verdammte Hand” – mehr Informationen zum Buch hier:
http://www.weidleverlag.de/w/?page_id=188&bid=219

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LITERARISCHE ORTE: Beat it like Karlsruhe.

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Danger – Portrait von William S. Burroughs vor dem Odéon Theater, Paris 1959 Courtesy „The Barry Miles Archive“ © Foto: Brion Gysin, Naked Lunch Serie, Paris, Oktober 1959

Wer träumt manchmal nicht davon, sich einfach in ein Auto oder den nächsten Zug zu setzen und auf und davon zu brausen? Ohne Ziel, sehen, wohin einen die Straße bringt. Alle Grenzen sprengen, Konventionen hinter sich lassen – frei sein von Terminen, Zwängen, Druck, Anforderungen. Ich jedenfalls schon. Wenn die Mühlen des Alltags sehr, sehr mürbe mahlen, dann bietet zumindest die Literatur eine Chance auf kleine Fluchten. Und dabei erst recht die der „Beat Generation“: Autoren und Künstler, die diese Freiheit lebten – ohne Kompromiss und auch bereit, jeden Preis dafür zu zahlen.

Einer der bekanntesten Schriftsteller dieser Strömung ist Jack Kerouac, der Roman, der für die Beat Generation steht, ist „On the road“. Er tippte das Buch wie im Rausch und ohne Atempause, klebte ein Blatt an das andere, um in seinem Schreibfluss nicht unterbrochen zu werden. Das 36 Meter lange Manuskript ist nun Kernstück einer Ausstellung zur „Beat Generation“, die zuerst im Centre Pompidou in Paris zu sehen war und jetzt noch bis Ende April im ZKM (Zentrum für Kunst und Medien) Karlsruhe zu besuchen ist.

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Corso, Grégory There is No More Street Corner… ,1960 Poem, unveröffentlichtes Manuskript. 200 x 200 cm © DR photo: © Archives Jean-Jacques Lebel

Das zog mich on the road, auf die Straße nach Karlsruhe – wenn auch mit einer Portion Skepsis im Gepäck. Kann man eine kulturelle Strömung, die so lebendig, weil sie subversiv, anarchistisch, verspielt war, museal präsentieren? Die beinahe schon sakrale Überhöhung, die den DADA-Objekten bei der Jubiläumsausstellung im vergangenen Jahr in Zürich zukam, nahm viel von der Lebendigkeit des Dadaismus weg. Das Wilde ging in Erstarrung über. Und auch Jack Kerouac, Allen Ginsberg und William S. Burroughs – das bekannte Dreigestirn der Beat Generation – sind vor Vereinnahmung nicht sicher. Sage und schreibe 5,5 Millionen Dollar soll ein New Yorker vor einigen Jahren bezahlt haben, als das Kerouac-Manuskript bei Christie`s unter den Hammer kam. Immerhin stellte der gutbetuchte Literaturliebhaber es nun für die Ausstellung – die erste umfassende Retrospektive zum Beat in Europa – zur Verfügung.

Gleich vorneweg: Die Befürchtungen vor zu viel „Musealisierung“ waren unbegründet. Nur wenige „Kultgegenstände“ – so Kerouacs Manuskript und die Underwood von William S. Burroughs – hinter Glas, dafür eine Präsentation im Rhythmus des Beat: Den Besucher überrascht eine Flut von Sinneseindrücken: Überall hängen scheinbar freischwebende Leinwände im Raum. Musik, Stimmen, Bilder vermischen sich zu einer eigenartigen Kakophonie, die in sich schon wie ein Werk der Beat Generation wirkt.

Vor allem durch das Medium Film und Fotografie folgen die Ausstellungsmacher dem Weg der „Beatniks“, zeichnen geographisch die Stationen dieser kulturellen Gegenbewegung nach. Wegweisende Orte und Länder sind die USA mit New York und San Francisco, sind Mexiko und Algier, London und Paris. Der Besucher ist selbst gefordert, bei dieser Reise mit der Beat Generation dem Lebensgefühl dieser Künstler auf den Grund zu gehen – Gedichttexte, Romanauszüge, Fotografien, Filme, vor allem aber das gesprochene Wort transportieren den Sound des Beat. Dabei wird offenbar, dass zu den Beat-Protagonisten weitaus mehr Künstler gehörten als das bekannte „Dreigestirn“ Kerouac, Ginsberg und Burroughs. Und dass die Welle mehr erfasste als ausschließlich die Literatur – das Lebensgefühl schlug sich in Fotografie, Bildender Kunst, Film, Musik nieder, wurde zum Gesamtkunstwerk.

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Neal Cassady, Los Gatos, Californie, 1962 Silbergelatineabzug (2016) 20 x 20 Centre Pompidou, MNAM-CCI, Bibliothèque Kandinsky, Fonds Sottsass © Adagp, Paris, 2016 photo: © Centre Pompidou, MNAM-CCI, Bibliothèque Kandinsky, Fonds Sottsass

Natürlich ist in der Ausstellung auch Ginsbergs Gedicht „Howl“ zu hören: Dieser Aufschrei, das „Geheul“, bringt das Gefühl einer Generation zum Ausdruck, die im amerikanischen Kapitalismus der 1950er Jahre zu den ausgeschlossenen gehörte, zugleich aber auch gegen jede Vereinnahmung rebellierte. Sie war auf der Suche nach neuen Bewegungen – durchaus auch sozial geschlagen („beat“), aber ebenso den eigenen Rhythmus, die eigene Bewegung, den eigenen Beat angebend.

Dieses Aufbegehren kommt gerade durch die moderne multimediale Präsentation gut zum Ausdruck, zeigt auch, wie genresprengend und experimentierfreudig die Künstler der Beat Generation waren. Jean-Jacques Lebel, einer der Kuratoren der Ausstellung, hat einige der Protagonisten hautnah erlebt, ist der Strömung verbunden geblieben – das macht sich bemerkbar. Der französische Künstler lernte Allen Ginsberg, William Burroughs, Brian Gysin und andere im „Hotel Beat“ im Pariser Quartier Latin kennen.

„Die Pariser Zeit war von fundamentaler Bedeutung für die Geschichte der Beat Generation. Ginsberg schrieb die erste Version seines berühmten „Kaddish“-Gedichts auf einer Café-Terrasse am Montparnasse und im „Beat Hotel“. Und es ist schon sehr merkwürdig, dass vor allem die akademische Forschung in den USA das nie erwähnt. Insofern sehe ich es als eine Art poetische Rache, dass diese Ausstellung jetzt in Paris zu sehen ist.“

Jean-Jacques Lebel, Quelle: Deutschlandfunk

„Es gibt überall doch nur noch Blut, Massaker, Schrecken. Krieg und Brutalität sind eine Art Normalzustand geworden. Die Beat Generation mit ihrer entschieden anti-militaristischen Poesie, ihrem Internationalismus und Anti-Nationalismus, ihrer Vision eines kollektiven Unbewussten – diese kreative, rebellische, subversive Beat Generation kann da vielleicht ein wenig Hoffnung geben.“

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Gysin, Brion Calligraphie, 1960 Tusche auf Papier Marouflage auf Leinwand 192 x 282 Collection Galerie de France © Galerie de France © Jonathan Greet / Archives Galerie de

Zwar unterscheidet sich die Karlsruher Präsentation in einigen Punkten von der Pariser Ausstellung – beispielsweise ist hier nicht das Zimmer Nr. 25 aus dem „Beat Hotel“ zu sehen, dafür wird auf die Einflüsse, den die Beat Generation auf deutsche Dichter und Autoren hatte, eingegangen – aber auch im Badischen wird seit jeher der Beat gepflegt, wurden in den vergangenen Jahren William S. Burroughs und Allen Ginsberg Ausstellungen gewidmet.

Auch in den „Stuttgarter Nachrichten“ wird in einem ausführlichen Beitrag über die Ausstellung auf die gegenläufige Kraft der Beat Generation und ihren Stellenwert heute aufmerksam gemacht:

„Ginsbergs Langgedicht „Howl“ (1956), Kerouacs Reiseerzählung „On The Road“ (1957) und Burroughs psychedelische Groteske „Naked Lunch“ (1959) schrecken das Amerika der McCarthy-Ära auf und stehen heute noch für eine Gegenkultur, deren rebellische Kraft im neuen Trump-Amerika dringender denn je gebraucht wird.“

Man beachte in dem Artikel auch den Auftritt von Ernst Jandl – einer der überraschenden Bezüge, die mir die Ausstellung ebenfalls bot: „Auf der Durchreise“, Stuttgarter Nachrichten, 20. Januar 2017.

Zwar ist nun Karlsruhe, die „Residenz des Rechts“ weitaus weniger denn Paris als Hort der Revolution bekannt – aber wer in diesen Zeiten, die geprägt sind von politischem Revanchismus und Nationalismus, etwas rebellische Luft tanken will, der mache sich auf den Weg ins ZKM.

Alle Bilder zur Verfügung gestellt im Pressebereich des ZKM.

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