Theres Essmann: Federico Temperini, Klöpfer, Narr Verlag

Sie könnten unterschiedlicher nicht sein: Der Kölner Taxifahrer Jürgen Krause und sein neuer Fahrgast, Federico Temperini. Den alten Herrn, der Krause als Chauffeur engagiert, umweht ein tragisches Geheimnis. Und Krause, einmal neugierig geworden, lässt sich ein auf die Obsession des Alten, dessen Leben und Denken sich vollständig um den einstigen Geigenvirtuosen Paganini dreht. Langsam entwickelt sich zwischen den beiden ungleichen Männern eine Freundschaft, die auch über den Tod hinaus Bestand hat.

Theres Essmann entfaltet mit „Federico Temperini“ auf knappem Raum, gekonnt verdichtet, das Leben zweier Männer, sie erzählt von gescheiterten Lebensentwürfen, von der Kraft des Neubeginns sowie von einer ungewöhnlichen Freundschaft. Eine Novelle über Verlust und Vergänglichkeit. Über die Sehnsucht, geliebt zu werden und die Einsamkeit des Grandiosen. Und über das, was uns wahrhaft groß macht: unsere Menschlichkeit.

Theres Essmann wurde 1967 in Nordwalde (Münsterland) geboren, studierte Literaturwissenschaften und Philosophie, lebt und arbeitet in Stuttgart und Köln. Sie schreibt Lyrik und Prosa. 2018 erhielt sie für ihren Erzählzyklus ein Stipendium des Förderkreises deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg.

Verlagsinformationen zum Buch: Federico Temperini

Besprechungen:

Mit „Federico Temperini“ ist der Autorin Theres Essmann eine berührende Novelle über Vergänglichkeit und Verlust gelungen.“ – Kathrin Stahl, Südwestpresse

„Theres Essmann ist eine gute Beobachterin der nichtsprachlichen Kommunikation.“ – Andreas Sommer in der Heilbronner Stimme, 22.8.2020

„Theres Essmann hat in ihrem Debüt mit feinem Strich Figuren gezeichnet, die ohne große Geste auskommen, aber dafür umso prägnanter auf den Leser wirken. (…) Unaufdringlich, aber voller Gefühle, leise, aber bis ins Mark. So spannend sind menschliche Begegnungen … wenn die Sprache stimmt.“ – Guy Helminger, Luxemburger Tageblatt

Lesung aus dem Roman und Interview in SWR 4

„Diese fein gesponnene Novelle habe ich sehr gerne und in einem Rutsch gelesen. Fast von der ersten Seite an war ich hineingezogen in die Geschichte dieser beiden ungleichen Männer.“ – Susanne Martin von Schiller-Buch hat ihre Besprechung mit einer Playlist ergänzt. So kommen Literatur und Musik zusammen.

„Federico Temperini ist eine kluge Geschichte, die viel erzählt, aber nicht überfrachtet ist. Die verschiedene Tonlagen anschlägt und jedes Kapitel so enden lässt, dass man das folgende sofort lesen möchte.“ – Petra Lohrmann, Hotlistblog

Weitere Besprechungen bei: Dieter Wunderlich, Bücheratlas, Buch-Haltung, Leseschatz, Wortspiele, LiteraturReich, Petras Bücherapotheke, Gute Literatur – Meine Empfehlung, Sinn und Verstand, Litbiss, Leckere Kekse, Literaturcafé

Lesung auf der Verlagsseite:

 

Literarische Ohrwürmer: Die KiWi-Musikbibliothek

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Macht den Alltag bunter: Die KiWi-Musikbibliothek. Bild: Florian Pittroff

Gastautor Florian Pittroff hat sich die „KiWi Musikbibliothek“, eine neue Reihe bei Kiepenheuer&Witsch, angesehen und wurde dabei sogar ein wenig sentimental:

Man soll ja eigentlich nicht von den guten alten Zeiten sprechen. Aber manchmal lässt es sich nicht ganz vermeiden. Das waren noch Zeiten, als man eine LP aus dem Schrank zog, die Nadel auflegte und die Scheibe zu knistern begann und dann, dann kam zum Beispiel Nick Cave ft. Kylie Minogue mit „Where the Wild Roses Grow“. Sensationell, aber schon verdammt lang her.

„Wie war das mit den Toten Hosen, mit Take That oder Nick Cave? Wie geht es uns heute mit der Musik, ohne die damals nichts ging?“, schreibt Peter Praschl in der Welt. Und urteilt: „Man kennt das alles, es sind gängige Arten, über die Liebe zu reden – die kritische Würdigung, die anekdotengesättigte Erinnerung, die witzelnde Verteidigung des Guilty Pleasures, alles gut geschrieben, in Zeiten, in denen das Grundverhältnis zur Welt das Mäkeln ist, mag man Texte, die etwas mögen. Während man sie liest, wird man selbst wieder jung, schließlich hat man das ja auch mal erlebt, und erst fällt einem gar nicht auf, dass das in Wahrheit alles Nachrufe sind. „

Nagel auf dem Kopf getroffen. Heute ist das Musikgefühl mit Spotify und You Tube ganz anders, irgendwie verloren. Man kann immer alles zu jeder Zeit hören – aber ist es das? Die neue Buchreihe schafft da Abhilfe: Bekannte Künstlerinnen und Künstler schreiben über ihre Lieblingsmusik und ihre Lieblingssänger. Sie schreiben über das Musikgefühl, wie es mal war, quasi!

Das ist die Idee hinter der neuen Reihe KiWi MUSIKBIBLIOTHEK. Zum Start sind vier Bände erschienen: Tino Hanekamp über Nick Cave, Sophie Passmann über Frank Ocean, Anja Rützel über Take That und Thees Uhlmann über Die Toten Hosen.

Tino Hanekamp über Nick Cave

Seit einigen Jahren lebt Tino Hanekamp im tiefen Süden Mexikos. Als er die Chance bekommt, den Sänger und Schriftsteller Nick Cave in Mexiko-Stadt zu treffen, zögert er. Denn vor 15 Jahren gab es eine Begegnung, an die er sich ungern erinnert. Aber er macht sich auf den Weg, zwei Tage im Auto, mehr als 1000 Kilometer bis Mexico City, zusammen mit seiner Liebsten, die nichts über sein Idol weiß.

Der Song geht zu Ende und Ixtzel sagt: „Das hat so viel Kontraste. Diese dahingezupfte Musik, alles fällt (…) „Das ist sein Hauptprinzip beim Songtexte-Schreiben: Er nimmt zwei gegensätzliche Dinge, in diesem Fall den Weltschmerz und die Lust, und zwischen diesen Polen entsteht dann die Spannung, der Raum“.

Hanekamp erzählt Biographisches aus Caves Leben und seine persönliche Geschichte mit dem Songpoeten. Er schreibt locker, leicht und launig:

„Wir sitzen in einer Bar. Das Licht ist gedimmt, die Musik auch, es sind kaum noch Gäste da, und Ixtzel sagt: “Am schockierendsten fand ich die Wärme in seinen Augen.“ Wir trinken auf Menschen mit Wärme in den Augen.“

Am Ende trifft Tino Hanekamp sein Idol und alles wird gut. Aber so ist das eben mit der eigenen Lieblingsmusik: Sie steht auch für unsere besten Zeiten. Nick Cave spielt übrigens immer noch – soeben ist sein neues Album „Ghosteen“ erschienen.

Ein Beitrag von Florian Pittroff
Homepage: flo-job Büro


Mehr Information:

In den weiteren Bänden der KiWi-Musikbibliothek gesteht Anja Rützel ihre Tränen bei der Auflösung von „Take That“ ein, Thees Uhlmann verbindet mit den Toten Hosen ein Lebensgefühl, Freundschaft und Fußball und Sophie Passmann verbindet eine Phase ihrer Bipolarität mit dem Album „Blonde“ von Frank Ocean.

Weitere Informationen samt Playlist finden sich auf der Seite der KiWi-Musikbibliothek.


Und hier noch der Song zum Sonntag:

https://www.youtube.com/watch?v=lDpnjE1LUvE

Julio Cortázar: Der Verfolger

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Bild von thelandoffey auf Pixabay

„Ich verstehe, dass ihn der Gedanke Amorous könnte vor die Öffentlichkeit gebracht werden, in Harnisch bringt, denn jeder merkt die Fehler, das deutlich hörbare Blasen am Ende einiger Phrasen, und vor allem diesen wilden Sturz am Schluß, diesen dumpfen, kurzen Ton, der mir vorkam wie ein brechendes Herz, wie ein Messer, das in ein Brot eindringt (er sprach vor einigen Tagen von dem Brot). Dagegen würde Johnny entgehen, was wir schrecklich schön finden, die Beklemmung, der Stau, der in dieser Improvisation einen Ausweg sucht, voller Ausbrüche in alle Richtungen, voller Fragen, voller verzweifelter Gestik. Johnny kann nicht verstehen (denn das, was er für mißlungen hält, scheint uns ein Weg zu sein, wenigstens die Andeutung eines Weges), dass Amorous einer der größten Augenblicke in der Geschichte des Jazz bleiben wird.“

Julio Cortázar, „Der Verfolger“, Suhrkamp Verlag

Am 29. August 1920 kam einer auf die Welt, der viel zu kurz lebte und dennoch die Musik revolutionierte: Charlie Parker. Ich muss gestehen, dass ich bis zu meinem (ebenfalls kurzen) Studium der lateinamerikanischen Literaturwissenschaft weder große Ahnung von Jazz noch von lateinamerikanischer Literatur hatte. Und zum Auftakt des ersten Semesters nahm ich mir gleich zwei ganz große „Brocken“ vor: Borges und Cortázar. Was für eine neue Welt sich mir da erschloss! Und eben nicht nur die der Literatur – sondern auch der Jazzmusik. Dies vor allem durch einen Roman Cortázars, den ich seither nicht nur mehrfach gelesen habe, sondern der auch ursächlich dafür ist, dass ich mir in der Folge eine umfangreiche Plattensammlung anlegte…

Was Charlie Parker in der Musik für den Jazz tat, das gelang dem Argentinier Julio Cortázar in der Literatur. Er schrieb, als würde er Musik machen, Jazzmusik, er revolutionierte mit seinen Werken auch das Schreiben und die südamerikanische Literatur, griff den Stil des anderen surrealistischen Erzählers seines Heimatlandes, Borges, auf, interpretierte weiter, ging darüber hinaus. Und dies nicht nur in der Erzählung „Der Verfolger“, die 1958 in der Anthologie „Die geheimen Waffen“ erschien und die Geschichte des Jazzmusikers Charlie Parker erzählt.

Für Cortázar (1914 bis 1984) war der Tango die Musik für das Leben, der Jazz die Musik für die Literatur, auf einen etwas verkürzten Nenner gebracht. Der Jazzkenner, Autor und Journalist Hans-Jürgen Schaal bringt die musikalisch-literarische Welt Cortázars so auf den Punkt:

“In den Texten von Julio Cortázar ist der Jazz ein notwendiges (fantastisches, absurdes) Korrektiv der Realität. Es ist der Jazz, der vorübergehend die bestehende Ordnung der Dinge aufzuheben vermag. Der ein Thema “bekämpft und verwandelt und schillern lässt”. Der die Menschen daran erinnert, “dass es vielleicht andere Wege gibt und dass derjenige, den sie eingeschlagen haben, nicht der einzige und nicht der beste ist.” Jazz: eine Rettung ins Offene. Eine Einübung in die Freiheit.

Das 17. Kapitel in Cortázars 600-Seiten-Schmöker “Rayuela”, einem der erfolgreichsten Romane Lateinamerikas, enthält die vielleicht schönste Eloge, die dem Jazz je gewidmet wurde. Sie feiert ihn als eine universelle Botschaft, die “die Menschen besser und schneller einander näher brachte als Esperanto, die UNESCO oder die Fluglinien”, eine menschliche Musik, die Antlitz und Bewusstsein besitzt, die Stile und Haltungen, Dogmen und Schismen schuf, die ein Teil und ein Spiegel ist der humanen Geistesgeschichte. “Rayuela” – der spanische Name für das Himmel-und-Hölle-Spiel – ist ein verspäteter Beat-Roman, gefärbt von Pariser Existenzialismus, argentinischer Bildungswut und Cortázars Lust am Absurden.”

Anders als „Rayuela“, das 1963 erschien, erscheint „Der Verfolger“ im Erzählstil noch konventionell. Die Novelle schildert die Geschichte von Johnny Carter (ganz offensichtlich der Saxophonist Charlie Parker) aus der Perspektive seines Biographen. Deutlich wird: Die Person, der Mensch, der hinter diesem außerordentlichen Talent steckt, ist ein zerrissener, von Begierden getriebener, wankelmütiger, wenig sympathischer Charakter. Und doch bringt er ganz große Kunst hervor. Zu beobachten ist für den Biographen der Niedergang im Sumpf des Rausches und der Drogen – wobei die Rauschhaftigkeit des Lebens die Bedingung zu sein scheint, um solche Töne zustande zu bringen. Und beinah distanziert wird die Frage aufgeworfen, was mehr zählt: Der Mensch oder die absolute Kunst, die Kunstfertigkeit in der Musik.

„Ich beschloß, in der zweiten Auflage des Buches nichts zu ändern und Johnny weiterhin so zu präsentieren, wie ich ihn dargestellt hatte und wie er im Grunde war: ein armer Teufel von kaum durchschnittlicher Intelligenz, der wie so viele Musiker, Schachspieler und Dichter die Gabe besitzt, große Dinge zu schaffen, ohne sich der Größe seines Werks im geringsten bewußt zu sein (höchstens besitzt er den Stolz eines Boxers, der sich stark weiß).“

Roger Willemsen spendete der Erzählung in einer Kritik in der Süddeutschen Zeitung Applaus: Sie sei ein leidenschaftliches, mitreißendes, virtuoses “Solo für einen Besessenen”. So ist es – wer vor der Lektüre noch keine Musik von „Birdie“ gehört hat, wird spätestens dann das Verlangen haben, Bebop zu hören, jene Stilrichtung, die Parker prägte.

„Der Verfolger“ ist in Worte gefasste Musik, ist Jazz auf dem Papier. Und seit der ersten Lektüre begleitet mich ein Lebenstraum: Einmal mit einem Saxophonisten durch Argentinien ziehen …

Charlie „Bird“ Parker (1920-1955) gilt als einer der wichtigsten Jazzmusiker, gleichrangig neben Louis Armstrong und Miles Davis. Seit seiner Jugend heroinabhängig starb er, nach einem von vielen Abstürzen und persönlichen Dramen geprägten Leben, an den Folgen seiner Sucht.

Julio Cortázar, (1914-1984), in Brüssel geboren, verbringt seine Jugend in Argentinien, lässt sich aber 1951 aus Protest gegen das Perón-Regime, unter dem er auch kurzfristig verhaftet worden war, in Paris nieder, wo er 1984 stirbt. „Rayuela“ ein surreales, kreatives Romanexperiment, ist trotz seines hohen Anspruchs eines der meistverkauften (und hoffentlich auch meistgelesenen) Bücher Südamerikas.

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LITERARISCHE ORTE: Tod und Amüsement in Davos und München.

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Bild: Birgit Böllinger

Lebewohl, Hans Castorp, des Lebens treuherziges Sorgenkind! Deine Geschichte ist aus. Zu Ende haben wir sie erzählt; sie war weder kurzweilig noch langweilig, es war eine hermetische Geschichte. Wir haben sie erzählt um ihretwillen, nicht deinethalben, denn du warst simpel. Aber zuletzt war es deine Geschichte; da sie dir zustieß, mußtest du`s wohl irgend wohl hinter den Ohren haben, und wir verleugnen nicht die pädagogische Neigung, die wir in ihrem Verlaufe für dich gefaßt, und die uns bestimmen könnte, zart mit der Fingerspitze den Augenwinkel zu tupfen bei dem Gedanken, daß wir dich weder sehen und hören werden in Zukunft.

Fahr wohl – du lebest nun oder bleibest! Deine Aussichten sind schlecht; das arge Tanzvergnügen, worein du gerissen bist, dauert noch manches Sündenjährchen, und wir möchten nicht hoch wetten, daß du davonkommst. Ehrlich gestanden, lassen wir ziemlich unbekümmert die Frage offen. Abenteuer im Fleische und Geist, die deine Einfachheit steigerten, ließen dich im Geist überleben, was du im Fleische wohl kaum überleben sollst. Augenblicke kamen, wo dir aus Tod und Körperunzucht ahnungsvoll und regierungsweise ein Traum von Liebe erwuchs. Wird auch aus diesem Weltfest des Todes, auch aus der schlimmen Fieberbrunst, die rings den regnerischen Abendhimmel entzündet, einmal die Liebe steigen?

FINIS OPERIS.

Finis operis – das Werk mag zu Ende sein, der Leser mit dem Werk noch lange nicht. „Der Zauberberg“ von Thomas Mann: Der Mount Everest der klassischen Moderne. Wer ihn besteigt, den lässt der Berg nicht los – man kann sich nicht einfach so abseilen aus diesem Jahrhundertroman, da hat einer verbale Haken und Ösen gelegt, die den Leser, der den Gipfel, sprich das Finale erreicht, lange an sich binden.

Lange ist es her, dass ich mich in diesem Opus verstiegen habe – und doch, jetzt beim Besuch der aktuellen Zauberberg-Ausstellung im Literaturhaus München genügten einige optische und akustische Anreize und ganze Gesteinsbrocken dieses Romans liegen wieder frei da. Was in meinen Augen für die Wertigkeit, für die Bedeutung des Textes, die er für mich hatte und hat, spricht.

„Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tode keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken.“

Zuviel darf man jedoch von einer Literaturhaus-Ausstellung nicht erwarten: Keine vollständige Erschließung eines so komplexen Romans, keine Interpretationshilfen und Deutungen, keine Werkgeschichte – wer das sucht, der ist mit der beim S. Fischer Verlag erschienenen Fassung innerhalb der Werkausgabe, dem dazugehörigem Kommentarband und den Erläuterungen von Michael Neumann sowie der entsprechenden Sekundärliteratur besser bedient. Die Ausstellung kann allenfalls eine Einstiegshilfe sein oder Lust darauf machen, die Höhen von Davos wieder einmal zu erklimmen – und diesen Zweck erfüllt sie recht unterhaltsam. „Tod und Amüsement“ (nach einem Zitat Manns zu seinen Darstellungsabsichten beim Schreiben des Romans) lautet der Untertitel zu der Schau, die noch bis zum 26. Juni in München zu sehen ist.

Die Kuratoren und Ausstellungsgestalterinnen, so stand es im Münchner Merkur zu lesen, „verstiegen sich eben nicht in den Klüften des wissenschaftlichen Hochmassivs, sondern blieben im Davoser Sanatorium für geldige Tuberkulosekranke. Die Berge rings um diesen eigentümlichen Mikrokosmos bleiben imposante Kulissen auf Großfolie und im Video – und lassen nur milde ahnen, dass sie symbolisch gewaltig aufgeladen sind.“

Von einer Videofahrt mit der Räthi-Bahn gelangt man als Besucher immer tiefer in das Innere eines Sanatoriums und seine Verstrickungen: Von der Sonnenliege bis zum Röntgenapparat, von der Ruhekur bis zu den nächtlichen Ausschweifungen. Die Ausstellung teilt sich auf in verschiedene Themenkomplexe, aber einen eigentlichen roten Faden gibt es nicht – und das ist für mich die Schwäche der Schau: Zuviel gestreift, zu wenig vertieft. So erfährt man einiges über die Entstehungsgeschichte – 1912 besuchte Mann seine Katia während ihres Kuraufenthaltes in der Schweiz. Seine Skepsis gegenüber der geldbringenden Kurpfuscherei verbarg er nicht – doch was zunächst als amüsante „short story“ im Gegenentwurf zum „Tod in Venedig“ angelegt war, wuchs sich bis zur Veröffentlichung 1924 zu einem über 1000-Seiten-Werk aus.

Mit Film- und Tondokumenten, Tagebuchauszügen und umfangreichen Fotomaterial werden die Tage der Manns in Davos veranschaulicht, treten die Menschen zutage, die Mann letztlich das Material für seine Typen lieferten. Frau Stöhr, Naphta und Settembrini, die verrucht-verführerische Madame Chauchat und nicht zuletzt wird an Mynheer Peeperkorn nochmals der damalige Skandal um das Buch aufgezeigt – herrlich ist es zu lesen (bzw. über die Audioführung zu hören), welche bebende Erregung Gerhart Hauptmann plagte, der sich in dem den Alkohol zugeneigten Kaufmann wiedererkannte. Beinahe schäumt er über „den Lumpensammler“, den  jüngeren Literaturnobelpreisträger, der zu allem Überfluss auch noch „schlechtes Deutsch“ schreibt.

Tod und Eros, Tuberkulose und Tändeleien, die Musik als „Paradigma aller Kunst“ und der Film als Inspiration, schaurig anzusehende Medizingeräte: An Information rund um einige der Zauberberg-Stationen mangelt es nicht. Die philosophischen Aspekte dieses Mammuts, die Reflektionen über die Zeit im Roman („Luxuriös ist oder war alles dort oben, auch der Begriff der Zeit“, so Mann 1939), die mir ins Gedächtnis eingebrannt sind, und vor allem die Bedeutung des Zauberbergs als der Götterdämmerungs-Roman, der erschien in jener Zwischenzeit, als zweimal die Welt brannte – das kommt in der Ausstellung zu kurz, war wohl auch nicht ihr Anliegen.

Da hilft nur eines – von wegen „FINIS“ und Ziel erreicht, das erneute Lesen des Zauberbergs möge beginnen…

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Bruce Chatwin: Traumpfade

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Bild von Walkerssk auf Pixabay

Sie hatte nie linguistische Studien betrieben. Doch ihre Arbeit an dem Wörterbuch hatte ihr Interesse für den Mythos von Babel geweckt. Warum hatte es zweihundert Sprachen in Australien gegeben, wenn das Leben der Aborigines so gleichförmig gewesen war? Ließ sich das wirklich mit dem Stammessystem oder der Isolation erklären? Bestimmt nicht! Sie begann sich zu fragen, ob die Sprache selbst nicht vielleicht mit der Verbreitung verschiedener Spezies über das Land zusammenhing.
„Manchmal“, sagte sie, „bitte ich Old Alex, eine Pflanze zu benennen, und dann antwortet er: „Kein Name“, was bedeutet: „Die Pflanze wächst nicht in meinem Land.“
Dann suchte sie einen Informanten, der als Kind dort gelebt hatte, wo die Pflanze wuchs – und fand heraus, dass sie doch einen Namen hatte.
Das „trockene Herz“ Australiens, sagte sie, sei ein Puzzle aus Mikroklimata, verschiedenen Bodenmineralien und verschiedenen Pflanzen und Tieren. Ein Mann, der in einem bestimmten Teil der Wüste aufgewachsen war, kannte dessen Flora und Fauna. Er wußte, welche Pflanze das Wild anlockte. Er kannte seine Wasserstellen. Er wußte, wo Knollen unter der Erde waren. Mit anderen Worten: indem er alle Dinge in seinem Territorium benannte, konnte er immer damit rechnen, zu überleben.
„Aber wenn man ihn mit verbundenen Augen in ein anderes Gebiet führt“, sagte sie, „könnte es passieren, dass er sich verirrt und verhungert.“
„Weil er die Orientierung verloren hat?“
„Ja.“
„Sie glauben, dass der Mensch sein Territorium macht, indem er die Dinge darin benennt?“
„Genauso ist es!“ Ihr Gesicht leuchtete auf.
„Die Grundlage für eine universelle Sprache kann es also nie gegeben haben?“
„Genau! Ganz genau!“

Wendy sagte, auch heute noch würde eine Aborigine-Mutter, wenn sie bei ihrem Kind die ersten Sprechversuche bemerke, ihm die Dinge des jeweiligen Landes in die Hand geben: Blätter, Früchte, Insekten und so weiter.
Das Kind an der Brust seiner Mutter wird mit dem Ding spielen, zu ihm sprechen, seine Zähne an ihm erproben, seinen Namen wiederholen – und es schließlich wegschieben.

„Wir geben unseren Kindern Gewehre und Computerspiele“, sagte Wendy. „Sie geben ihren Kindern das Land.“

Bruce Chatwin, „Traumpfade“.

Schon vor einigen Jahren habe ich die „Traumpfade“ von Bruce Chatwin das erste Mal zur Hand genommen. Ich versuchte, die Reise durch das Innere Australiens mit dem Kopf zu nachzuvollziehen. Beim Lesen reisen. Ich wollte die Logik der „songlines“ und „walkabouts“ verstehen.
Ich meinte, den Weg mit meinem Kompass erschließen zu können. Mystik und Spiritualität sind auf diesem Kompass nicht allzu großgeschrieben.

So blieb mir die Erzählung fremd. Die Traumpfade haben sich mir nicht erschlossen.

Dieser Tage habe ich mich wieder auf die Reise mit Bruce Chatwin gemacht.  Es ist ein anderes Lesen als vor zehn Jahren. Nicht, dass ich die Magie der Lieder jetzt besser verstünde. Ein Buch allein kann nicht der Schlüssel zu einer anderen Kultur sein. Zumal die Kultur der Aborigines Zonen hat, die von anderen nicht einmal betreten werden sollen.

Aber, frei nach Kafka: Ein Buch kann die Axt sein, für andere Dinge, die festgefroren sind in uns. Das gefrorene Meer in mir, meine kleine Eisscholle, das war der Anspruch, Dinge mit meiner Logik, die natürlich geprägt ist von meiner Herkunft, meiner Gesellschaftsform, meinem Kulturkreis, meiner Prägung, usw., erfassen zu müssen und zu können.

Vielleicht ist dies mein Schlüssel, der mir dieses Buch jetzt erst öffnet: Ich akzeptiere, dass ich nicht alles verstehen können muss. Ich verstehe, dass es Zonen der Kultur, des Denkens, des Lebens gibt, die ich nicht betreten kann. Ich nehme das Anderssein der Anderen an. Wenigstens in der Literatur. Und plötzlich kann ich dieses Buch lesen.

Auch wenn das Verstehen nicht gegeben ist, so kann es doch Verständnis und eine Art Verständigung geben. Dies ist es, was ich aus der Reise mit Chatwin schöpfe.

Die Sprache ist eine Sache der Logik. Sie ermöglicht eine Verständigung zwischen zwei verschieden logisch strukturieren Systemen nicht. Die Musik ist eine Sprache der Intuition. Sie macht Verständnis möglich, wo das Sprechen versagt.

Mit einer songline beschreiben die Aborigines die australische Landkarte. Die Lieder werden an die Nachkommen weitergegeben. Sie umreißen das Land, seine Mythen und heiligen Stätten. Und auch, wenn die Dialekte und Sprachen am anderen Ende des Kontinents für einen anderen Ureinwohner des Kontinents unverständlich sein mögen – dort wo die Worte ihre Grenzen haben, spricht das Lied, die Melodie zu ihnen. Man muss nicht sprechen, um richtig zuhören zu können. Und es gibt eine Sprache, die jeder verstehen kann, wenn die Intuition noch nicht ganz im Zivilisationsmüll verloren ist. Es ist die Sprache der Musik.

Wir können noch so viel sagen, und verstehen einander nicht. Aber die Musik kann manchmal eine Sprache sein, die die Axt ist, die das Eismeer zwischen uns zerschlägt.

Das Leben jedes Menschen hat eine Grundmelodie. Wir haben unsere eigenen songlines. Wir haben auch unsere Traumpfade. Für Bruce Chatwin war die Melodie des Lebens das Reisen. „Traumpfade“, ein Klassiker der modernen Reiseliteratur, ist das Buch, mit dem er weltberühmt wurde und einen „Australien“-Boom auslöste. 1982 landete Chatwin in Sidney und begab sich auf seine persönliche Odyssee. Auch er mit dem Anspruch, zu verstehen, wie eine songline funktioniert. Letztendlich schreibt er jedoch ein Buch, das mehr von der Rastlosigkeit des ewig Reisenden und Suchenden handelt. „Traumpfade“ erschien 1987 unter dem Titel „The Songlines“ in der englischen Originalausgabe. Einer der wenigen Fälle, da es die deutsche Übersetzung besser trifft: Am Anfang ist zwar die Suche nach dem Lied. Aber das Buch handelt vom Traum des nichtsesshaften, nicht an Besitz gebundenen, nicht unterdrückten Menschen. Es handelt auch vom Traum von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

Die chronologische, reportagenhafte Erzählung wird unterbrochen von zahlreichen Notizen, Zitaten weiterer Reisender, Anekdoten von anderen Trips Chatwins, Einschüben und Textsprengseln. Es ist ein intuitives Erzählen, das auch das gedankliche Sprunghafte und die Ruhelosigkeit des Autors, des Reisenden, der zahllose Eindrücke aufnimmt, spiegelt. Die Beschreibungen der Weite des Kontinents, der überwältigenden Landschaft, aber auch die Szenen in Bars und in den „Reservaten“, sind großartig. Chatwin zeigt die Arroganz und den Rassenhass der Weißen, die Beschränktheit der Missionare und ihrer modernen Nachfolger, der Sozialarbeiter, beschreibt die Armut und Resignation der Ureinwohner packend, schildert aber auch eindrückliche menschliche Begegnungen. Zuweilen auch amüsant – beispielsweise die Szene, in der eine Ladenbesitzerin geschickt einem naiven amerikanischen Ehepaar „Traumbilder“ verkauft – jene Kunst der Aborigines, ihre Sagen, Mythen und Träume auf Leinwand zu bannen.

Chatwin blieb wenig Zeit zu schreiben: Der 1940 in Sheffield geborene Schriftsteller starb bereits 1989. In der kurzen Lebensspanne, die ihm vergönnt war, schrieb er etliche Reiseberichte und Romane über das Reisen – „Traumpfade“ ist letztendlich mehr traumwandlerischer Roman denn Sachbuch. Das Buch blieb später nicht unumstritten (siehe dieser Artikel in der Zeit).

Dem Schriftsteller historische Ungenauigkeit und mangelndes Kulturverständnis, insbesondere bei den Traumpfaden, vorzuwerfen, halte ich für merkwürdig. Ein Roman ist ein Roman ist ein Roman. Und kein Tatsachenbericht. Im Roman sind die Träume frei.

Und was bedeutet mangelndes Kulturverständnis? Wir können uns bemühen, zu verstehen. Wir können uns öffnen. Aber keiner kann wohl seine eigene songline verlassen. Chatwin beschreibt, was er sieht, er beschreibt, was ist, er beschreibt, wie es bei ihm ankommt.

Natürlich bleibt der Vorwurf bestehen, er habe die geheimsten Riten benutzt, veräußert, veröffentlicht. Träume soll man nicht stehlen. Aber teilen sollte man sie dürfen.

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LESEZEICHEN von: Ian McEwan, William Butler Yeats & Benjamin Britten

 

„Das melancholische Lied und wie es hier gespielt wurde, so hoffnungsfroh, so roh, stand für alles, was sie an dem Jungen zu verstehen begann. Sie kannte die reuevollen Worte des Dichters auswendig. Doch ich war jung und töricht … Adams Spiel rührte sie, verwirrte sie aber auch. Mit der Geige oder irgendeinem anderen Instrument anzufangen war ein Ausdruck von Hoffnung, implizierte Zukunft.“

Ian McEwan, „Kindeswohl“, 2014

book-2363881_1920Es ist eine der Schlüsselszenen in Ian McEwans „Kindeswohl“, als die Richterin Fiona und der junge Adam im Krankenhaus mit einander musizieren.

„Sprachlich, stilistisch ist an einem McEwan nie etwas zu bemängeln, auch dieses Mal nicht. Strukturell hat er mich mit seinem letzten Roman Honig, der für mich nur als Spionagegeschichte getarnt eher ein doppelbödiges Spiel mit den Ebenen darstellt, überrascht und für sich eingenommen. Mit Kindeswohl aber hat er mich getroffen und zwar richtig, mitten ins Herz“, schrieb Bri in ihrer Besprechung des Romans beim „feinen, reinen Buchstoff“.

Das Yeats-Gedicht ist nicht von ungefähr gewählt: Beiden, sowohl Fiona und Adam, ist es nicht gegeben, das Leben von einer leichteren Seite zu nehmen.

Down by the Salley Gardens

Down by the salley gardens
my love and I did meet;
She passed the salley gardens
with little snow-white feet.
She bid me take love easy,
as the leaves grow on the tree;
But I, being young and foolish,
with her would not agree.

In a field by the river
my love and I did stand,
And on my leaning shoulder
she laid her snow-white hand.
She bid me take life easy,
as the grass grows on the weirs;
But I was young and foolish,
and now am full of tears.

William Butler Yeats

Margriet de Moor: Mélodie d`amour

„So fuhren sie durch die still gewordene Stadt in der Nacht nach Hause zurück. Gustaaf mit einer Hand lenkend. Atie von Zeit zu Zeit seufzend, als wäre ihr klar, das ein Tag, ein Tag voller Glück, im All fehlte. Ausgelöscht, bei näherer Betrachtung, von irgendeiner Instanz mit langem, weitreichendem Arm.
Schlichtweg nicht dagewesen.“

Moll in allen Variationen ist der Grundton dieses Buches: Ein lang verheiratetes Ehepaar, Eltern von vier Söhnen, erlebt einen glücklichen Abend zu zweit, trotz einiger Irrungen und Wirrungen zuvor, inklusive einer Ménage à trois mit Folgen, wieder glücklich vereint. Doch Atie, Gustaafs große Liebe, verliert an diesem Abend ihr Gedächtnis, später die Beherrschung über ihre Körperkraft, über ihre Körperfunktionen, lebt einem langsamen Tod entgegen. Gustaaf wird sie verlieren.

Ein Verlust, der in den Feuilletons bislang als Folge dieses Seitensprungs interpretiert wird. Ich sehe dies anders: Für mich beschließt Atie, trotz der Kränkung, trotz ihrer Wut und Verzweiflung, eine Trennung aus der Liebe heraus – wohl wissend, wie sehr ihre Krankheit alles verändern würde, auch die letzten Jahre. Aber diese Illusion möchte ich mir gern beibehalten – denn ansonsten ist in diesem Liebesreigen wenig zu finden, was Glück und Seligkeit verspricht.

Von der Liebe und der Musik

Margriet de Moor hat zwei Grundthemen: Die Liebe und die Musik. Ersteres wird sie selbst erfahren haben, zweites hat sie studiert – Gesang und Klavier an der Königlichen Akademie in Den Haag. In ihrem jüngsten Buch ist jedoch noch ein dritter Leitfaden zu finden: Der Tod. Die Liebe, der Tod und die Musik.

„Mélodie d`amour“ – leider ein etwas verkitschter Titel für ein stilistisch wunderbares Buch mit einer einfühlsamen, teilweise zarten, bittersüßen Sprache, das kunstvoll arrangiert ist: Wie eine Sinfonie in vier Sätzen. Es ist kein Roman, wie oftmals geschrieben wird, sondern es sind vier mit einander verknüpfte, doch in sich eigenständige Erzählungen, in denen die Grundtonart variiert wird. Und die ist dunkelmoll…

Im ersten, dem sogenannten Kopfsatz, wird – und zwar nur hier – aus der Perspektive des Mannes erzählt, Gustaaf, der seine Liebe verliert – zuerst an das Leben, dann an den Tod. Doch das Gespräch mit ihr endet damit nicht:

„Wie gut, dass wir hier geblieben sind. Du mochtest es immer, morgens durch das Schlafzimmerfenster den Schiffen zuzuschauen. Du liebtest es auch, am Strand spazierenzugehen und in die Bunker des Atlantikwalls hinunterzusteigen. Ich denke an die simpelsten Dinge, das Brot in deiner Hand, deine Röcke, deine Blusen. Du weißt, dass ich nicht metaphysisch veranlagt bin. Trotzdem würde ich gern wissen, was du mir gerade, kaum tot, fast noch lebend, so lieb, heimlich jenseits der Grenze hast zufunken wollen.“

Die weiteren drei Sätze dieser Liebesmelodie sind aus dem Blickwinkel von Frauen geschrieben – drei Frauen, die im Leben von Gustaafs jüngstem Sohn, dem sensiblen Luuk mit der engen Mutterbindung eine Rolle spielen: Cindy, die neurotische, obsessive Geliebte, die zur Stalkerin wird, die den Geliebten eher tot denn in den Armen einer anderen sehen will.

„Kinder, habe ich am Freitag darauf gefragt, was wiegt eurer Meinung nach schwerer, der Tod oder das Glück? Darauf gab es einiges Gemurmel und Geflüster. Ein paar Finger gingen hoch.
Der Tod.
Okay. Ich nickte und nahm einen anderen dran.
Der Tod.

Keines meiner Kinder hatte sich über meine Frage gewundert. Die kann man Dreizehnjährigen ohne weiteres stellen. Die Literatur arbeitet so viel adäquater als die Wissenschaft! Schneller, und wesentlich einleuchtender. Die Jungen und die Mädchen gaben denn auch alle de richtige Antwort. Wussten sehr gut, sowohl im philosophischen als auch im physikalischen Sinn, was es mit Schwere und Leichtigkeit auf sich hat.“

Da ist Roselynde, die zweite Geliebte, die an ihrer Jugendschuld trägt – dem tödlichen Unfall der Freundin ihres Bruders, aus Eifersucht verschuldet, der Tod ihres Bruders, der tatsächlich an gebrochenem Herzen stirbt. Ein Satz, beinahe ein Scherzo:

„Jetzt folgt leise, sogar ein wenig verlegen, seine fast tägliche Floskel: Ich ruf nur schnell an, um dir guten Morgen zu wünschen.
Und ich halte, von meiner Überraschung noch nicht erholt, meine derzeitige Lebenssituation fest. Es gibt einen Mann, der immer an mich denkt. Es gibt einen Mann, der seine Liebe zu mir als unverrückbaren Teil der Wirklichkeit betrachtet, wie beispielsweise geboren zu werden, offenkundig.“

Und es gibt in diesem Satz die leise Hoffnung, dass die Liebe mit allen ihren Komplikationen dazu geeignet ist, alte Wunden zu heilen, im kleinen Tod das tatsächliche Sterben zu überwinden, dass sie alles gut machen kann. So endet dieser Satz denn auch beinahe tröstlich:

Hoch über meinem Kopf machen sich die Schwalben in den Süden auf, obwohl sie bereits wissen: Wir kommen zurück, wir sind uns ganz sicher. Stimmt es, dass man sich vor allem in dem sicher ist, was das Verständnis übersteigt? Es ist ein altmodisch goldener Tag. Ich habe größte Lust, dir einen Liebesbrief zu schreiben oder, noch lieber, ein durch den Äther fliegendes Telegramm wie in früheren Zeiten.
KÜSSE DICH INNIG STOP LIEBE DICH STOP KÜSSE DICH NOCH MAL STOP HABE DIR ALLES ERZÄHLT STOP ROSELYNDE

Bittersüß bis zum Schlussakkord

Und dann zum Ende der Sinfonie werden die Leitfäden wiederaufgenommen, wiederholt, in Person der Ehefrau Myrte, der für mich rätselhaftesten Frauen in Luuks Welt – die, die sich mit den Geliebten arrangiert, die selbst noch nach Jahrzehnten in die unausgelebte Liebe zu einem wesentlich älteren Mann innerlich verstrickt ist, die scheinbar alles und jeden auf Distanz hält und dennoch in unverbrüchlicher Treue an ihren Menschen bleibt. Das Bild von ihr bleibt nach meinem Empfinden unentwickelt:

„Bin ich, soweit ich konnte, mit ihm gegangen in jener Nacht? Habe ich seinen letzten Blick gesucht, seine Hand in meiner gehalten? Mein Herz, meine Seele und die Wahrscheinlichkeit sagen, ja, meine Erinnerungen schweigen. Neben dem Bad mit dem Entwickler fehlte das Fixierbad. Was ich noch immer weiß, ist, dass ich sehr früh am Morgen sah, dass aus den drei Linien Striche geworden waren.“

Was also ist die „Mélodie d`amour“? Margriet de Moor erklärt nicht, interpretiert nicht, sie erzählt „nur“. Das aber streckenweise zum Weinen schön. Und dennoch – in einhelliger Verzückung pries das Feuilleton bislang diesen Liebesreigen als eines, wenn nicht gar zum Besten ihrer bisherigen Bücher. Ich blieb nach dem Lesen im Zweifel zurück – dass die Liebe in ihren Auswirkungen Verheerendes anrichten kann, dass in diesen Verstrickungen wenig bis gar nichts rational zu erklären ist, dass oft selbst die Beteiligten nicht wissen, warum sie wann auf wenn fällt und in welcher Form ereilt, das scheint bekannt. Doch manches in den vier Teilstücken bleibt zu lose, zu wenig nachvollziehbar, zu unvermittelt für meinen Geschmack. Und: Immer sind es die ganz großen Gefühle, die mit ganz großer Traurigkeit und Schuld bei den Protagonisten einhergehen. Einfach nur lieben, gelingt ihnen nicht. Einfach lieben scheint das Meisterstück zu sein, das außer Reichweite ist. Aber eine einfache Liebe ist wohl eben auch kein Stoff für die Literatur.

Fazit: Wunderschön zu lesen, aber nur dann, wenn man gewappnet ist, einer dunkeln, schweren Sinfonie zu lauschen.


Margriet de Moor, „Mélodie d`amour“, Fester Einband, 384 Seiten, Preis: 21,90 € (D) / UVP 29,90 sFR (CH) / 22,60 € (A), ISBN 978-3-446-24478-8, Hanser Verlag

Bild zum Download: Brautpaar in Prag


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