Julio Cortázar: Der Verfolger

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Bild von thelandoffey auf Pixabay

„Ich verstehe, dass ihn der Gedanke Amorous könnte vor die Öffentlichkeit gebracht werden, in Harnisch bringt, denn jeder merkt die Fehler, das deutlich hörbare Blasen am Ende einiger Phrasen, und vor allem diesen wilden Sturz am Schluß, diesen dumpfen, kurzen Ton, der mir vorkam wie ein brechendes Herz, wie ein Messer, das in ein Brot eindringt (er sprach vor einigen Tagen von dem Brot). Dagegen würde Johnny entgehen, was wir schrecklich schön finden, die Beklemmung, der Stau, der in dieser Improvisation einen Ausweg sucht, voller Ausbrüche in alle Richtungen, voller Fragen, voller verzweifelter Gestik. Johnny kann nicht verstehen (denn das, was er für mißlungen hält, scheint uns ein Weg zu sein, wenigstens die Andeutung eines Weges), dass Amorous einer der größten Augenblicke in der Geschichte des Jazz bleiben wird.“

Julio Cortázar, „Der Verfolger“, Suhrkamp Verlag

Am 29. August 1920 kam einer auf die Welt, der viel zu kurz lebte und dennoch die Musik revolutionierte: Charlie Parker. Ich muss gestehen, dass ich bis zu meinem (ebenfalls kurzen) Studium der lateinamerikanischen Literaturwissenschaft weder große Ahnung von Jazz noch von lateinamerikanischer Literatur hatte. Und zum Auftakt des ersten Semesters nahm ich mir gleich zwei ganz große „Brocken“ vor: Borges und Cortázar. Was für eine neue Welt sich mir da erschloss! Und eben nicht nur die der Literatur – sondern auch der Jazzmusik. Dies vor allem durch einen Roman Cortázars, den ich seither nicht nur mehrfach gelesen habe, sondern der auch ursächlich dafür ist, dass ich mir in der Folge eine umfangreiche Plattensammlung anlegte…

Was Charlie Parker in der Musik für den Jazz tat, das gelang dem Argentinier Julio Cortázar in der Literatur. Er schrieb, als würde er Musik machen, Jazzmusik, er revolutionierte mit seinen Werken auch das Schreiben und die südamerikanische Literatur, griff den Stil des anderen surrealistischen Erzählers seines Heimatlandes, Borges, auf, interpretierte weiter, ging darüber hinaus. Und dies nicht nur in der Erzählung „Der Verfolger“, die 1958 in der Anthologie „Die geheimen Waffen“ erschien und die Geschichte des Jazzmusikers Charlie Parker erzählt.

Für Cortázar (1914 bis 1984) war der Tango die Musik für das Leben, der Jazz die Musik für die Literatur, auf einen etwas verkürzten Nenner gebracht. Der Jazzkenner, Autor und Journalist Hans-Jürgen Schaal bringt die musikalisch-literarische Welt Cortázars so auf den Punkt:

“In den Texten von Julio Cortázar ist der Jazz ein notwendiges (fantastisches, absurdes) Korrektiv der Realität. Es ist der Jazz, der vorübergehend die bestehende Ordnung der Dinge aufzuheben vermag. Der ein Thema “bekämpft und verwandelt und schillern lässt”. Der die Menschen daran erinnert, “dass es vielleicht andere Wege gibt und dass derjenige, den sie eingeschlagen haben, nicht der einzige und nicht der beste ist.” Jazz: eine Rettung ins Offene. Eine Einübung in die Freiheit.

Das 17. Kapitel in Cortázars 600-Seiten-Schmöker “Rayuela”, einem der erfolgreichsten Romane Lateinamerikas, enthält die vielleicht schönste Eloge, die dem Jazz je gewidmet wurde. Sie feiert ihn als eine universelle Botschaft, die “die Menschen besser und schneller einander näher brachte als Esperanto, die UNESCO oder die Fluglinien”, eine menschliche Musik, die Antlitz und Bewusstsein besitzt, die Stile und Haltungen, Dogmen und Schismen schuf, die ein Teil und ein Spiegel ist der humanen Geistesgeschichte. “Rayuela” – der spanische Name für das Himmel-und-Hölle-Spiel – ist ein verspäteter Beat-Roman, gefärbt von Pariser Existenzialismus, argentinischer Bildungswut und Cortázars Lust am Absurden.”

Anders als „Rayuela“, das 1963 erschien, erscheint „Der Verfolger“ im Erzählstil noch konventionell. Die Novelle schildert die Geschichte von Johnny Carter (ganz offensichtlich der Saxophonist Charlie Parker) aus der Perspektive seines Biographen. Deutlich wird: Die Person, der Mensch, der hinter diesem außerordentlichen Talent steckt, ist ein zerrissener, von Begierden getriebener, wankelmütiger, wenig sympathischer Charakter. Und doch bringt er ganz große Kunst hervor. Zu beobachten ist für den Biographen der Niedergang im Sumpf des Rausches und der Drogen – wobei die Rauschhaftigkeit des Lebens die Bedingung zu sein scheint, um solche Töne zustande zu bringen. Und beinah distanziert wird die Frage aufgeworfen, was mehr zählt: Der Mensch oder die absolute Kunst, die Kunstfertigkeit in der Musik.

„Ich beschloß, in der zweiten Auflage des Buches nichts zu ändern und Johnny weiterhin so zu präsentieren, wie ich ihn dargestellt hatte und wie er im Grunde war: ein armer Teufel von kaum durchschnittlicher Intelligenz, der wie so viele Musiker, Schachspieler und Dichter die Gabe besitzt, große Dinge zu schaffen, ohne sich der Größe seines Werks im geringsten bewußt zu sein (höchstens besitzt er den Stolz eines Boxers, der sich stark weiß).“

Roger Willemsen spendete der Erzählung in einer Kritik in der Süddeutschen Zeitung Applaus: Sie sei ein leidenschaftliches, mitreißendes, virtuoses “Solo für einen Besessenen”. So ist es – wer vor der Lektüre noch keine Musik von „Birdie“ gehört hat, wird spätestens dann das Verlangen haben, Bebop zu hören, jene Stilrichtung, die Parker prägte.

„Der Verfolger“ ist in Worte gefasste Musik, ist Jazz auf dem Papier. Und seit der ersten Lektüre begleitet mich ein Lebenstraum: Einmal mit einem Saxophonisten durch Argentinien ziehen …

Charlie „Bird“ Parker (1920-1955) gilt als einer der wichtigsten Jazzmusiker, gleichrangig neben Louis Armstrong und Miles Davis. Seit seiner Jugend heroinabhängig starb er, nach einem von vielen Abstürzen und persönlichen Dramen geprägten Leben, an den Folgen seiner Sucht.

Julio Cortázar, (1914-1984), in Brüssel geboren, verbringt seine Jugend in Argentinien, lässt sich aber 1951 aus Protest gegen das Perón-Regime, unter dem er auch kurzfristig verhaftet worden war, in Paris nieder, wo er 1984 stirbt. „Rayuela“ ein surreales, kreatives Romanexperiment, ist trotz seines hohen Anspruchs eines der meistverkauften (und hoffentlich auch meistgelesenen) Bücher Südamerikas.

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Roger Willemsen: Deutschlandreise

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Bild: (c) Michael Flötotto

Der Pabba bestellt sich einen Champagner Rosé, dreht sich zu den Umsitzenden wie einer jener Hartgummi-Cowboys, die sich nur noch um die eigene Taille drehen können, und setzt noch einen drauf: noch die Blattsalade mit Tausend-Eiland-Dressink und die Flasch Wasser. Herrlich, so ein Sonntag in der Fußgängerzone Heidelberg, findet er und eröffnet das Gespräch mit seiner Frau durch den Ausruf: „Wat Menschen! Wat Menschen!“ Das findet seine Frau auch. Sie ist eine von ihnen. Einmal pro Woche mondän, legt sie all ihren Goldschmuck an und steckt die fetten braunen Füße in Espadrilles. Freizeit eben. Und was für eine Aussicht: Da zwei slawische Trompeter mit ihrer Version von „Mein Hut, der hat drei Ecken“, dort die Senioren-Fahrradgruppe aus Bad Driburg, in der Tour-de-France-Ausrüstung; Japaner überall, die haben ja hier schon eigene Kioske mit japanischen Bedienungen und Parcel-Service ins ferne Nippon; fotografierende Familienväter, die für die künstlerische Perspektive immer wieder in die Knie gehen; Jesus-Yuppies, überzeugt, mit Schlips käme man leichter ins Paradies, und die untröstlichen Witwen humpeln in schwarzen Nylonstrümpfen untröstlich in die Messe. Das Kino „Lux/Harmonie“ aber zeigt heute nur Zerstörung: „Pearl Harbour“ und „Die Mumie kehrt zurück“. Das Thai-Lokal heißt „Goldenes Herz“, das Bierhaus „Jack the Ripper“, andere Läden haben sich Namen gegeben wie „Knüllers Kiste“, „Globetrotter. Der Outfitter“, „Augenweide“, „Murkels Maus“. Viele heißen schon „www“ mit Vornamen, „de“ mit Nachnamen. Aber will man da reinklicken, wo man nicht mal eintreten möchte? Die Einzigen noch nicht von Kreativität Kontaminierten, das sind die Metzgereien. Bei Fleisch, da gibt es nichts zu beschönigen.

Roger Willemsen, „Deutschlandreise“, 2002, Eichborn Verlag

Nun, irgendwo müssen sie ja hin, die vielen Touristen: Nicht alle bewältigen den Aufstieg zum Schloss oder haben den Nerv, an der Schlossbahn in den Warteschlangen auszuharren. Für viele ist bei der berühmten Neckar-Brücke Schluss. Und so erlebt man in der Heidelberger Fußgängerzone täglich die oben beschriebene Parade – denn irgendwo müssen sie ja hin, die vielen Touristen in der Stadt mit dem höchsten Besucheraufkommen Deutschlands. Für einen wie Roger Willemsen boten solche Biotope genügend Stoff für feinkritische Beobachtungen – sie sind versammelt in dem 2002 erschienenen Buch „Deutschlandreise“.

Willemsen fuhr 2001 und 2002 kreuz und quer durch seine Heimatland. Ein reizvoller Gedanke: Die Heimat aus den Augen eines Reisenden, eines „Fremden“ zu betrachten. Aber ahnt man nicht schon beim Aufschlagen des Buches, wie das Deutschlandbild eines Willemsen sein wird? „Denk ich an Deutschland in der Nacht …“: Heine lässt grüßen. Das Leiden an der Heimat, an „den Deutschen“ und an „Schland“, eine intellektuelle, kulturhistorische Tradition.

„Ich sitze im Zug und fahre weit weg. Nach Deutschland. Oder besser zu den so genannten Menschen draußen im Lande. Aber wo ist das?  (…) In Deutschland nach Deutschland zu reisen, das ist die Exkursion zu einer Fata Morgana. Am schönsten ist das Land als Versprechen, weit weg. Ein Weiler unter der Hügellinie, drei rote Dächer und eine Birke, ein Windstoß in den Sträuchern und eine Frau, die zum Wäscheaufhängen unter die Bäume tritt. Gute Menschen, die Milch aus zottigen Viechern melken und vor dem Essen beten. Das unausrottbar Schöne, doch, das gibt es, aber man darf ihm nicht zu nahe kommen.“

Nun, keiner kann sich von Klischees befreien. Auch ein Willemsen nicht, der offenbar die Erfindung der Melkmaschine ignoriert. Ganz frei vom intellektuellen Hochmut des Einzelgängers – oder besser: „Einzelfahrers“ – ist dieses Buch nicht, nicht ganz frei von Denkschablonen. Aber das tut dem Lesevergnügen beim Mitleiden an „Schland“ keinen Abbruch – wenn man die Klischees teilt, wenn man ähnlich denkt.

Natürlich schaute Willemsen dorthin, wo es wehtut: Dem Volk aufs Maul. Ich frage mich, wie dieses Buch heute wohl aussehen würde, da sich die „besorgten Bürger“ offen zu artikulieren wagen, verbale Hemmschwellen gefallen sind, da dieses „Ich bin stolz auf mein Land“, ausgesprochen mit dem fürchterlichen Ton des Herrenmenschen, so schreckliche Assoziationen mit sich bringt.

Insofern sind die Reisebeobachtungen des Roger Willemsen zwar von gestern, aber nicht überholt: Er zeichnet das Bild einer Nation, in denen Shopping-Malls zu Lebenssinnerfüllungszentren werden. In der die Angst, die sich in diesen Tagen äußert, die Angst vor dem „Fremden“, der uns den Wohlstand streitig macht und damit die innere Leere enthüllt, in der eben diese Angst regiert. Er zeichnet ein Bild vom Boden, aus dem in den jetzigen Zeiten die Hetze kriecht …
Und, weil es an dieser Stelle passt: Er fehlt, dieser feine Beobachter, diese kritische Stimme.

Man mag manches überzeichnet finden, manches überhöht: Doch Willemsen warf eben nicht den nüchtern-sachlich-wissenschaftlichen Blick eines Ethnologen auf das Land, nicht den eines Insektenforschers, der das Treiben geschlechtsreifer Großstädter und des Landvolkes kalt durch das Mikroskop betrachtet. Sondern den wehmütigen Blick eines dessen, der „sein“ Land trotz aller Kritik liebt:

„Vermutlich würde es den Menschen das Sprechen über ihr Land erleichtern, wenn sie sich alle als Heimatvertriebene erkennen wollten, davongejagt aus künstlichen Paradiesen. Von der Heimat lohnt es sich nur zu sprechen als von einem Mangel, dem Inbegriff des Verlorenen.“

Das Buch (in der Taschenbuch-Ausgabe beim Fischer Verlag erschienen) habe ich übrigens bei meinen derzeitigen Deutschlandreisen in einer Bahnhofsbuchhandlung erworben. In einer Passage reflektiert Willemsen über jene Bahnhofshallen, die keine Bahnhofshallen mehr sind, sondern Einkaufserlebniszentren, aus denen jene, für die Bahnhöfe seit jeher ein Dach über dem Kopf sind – Obdachlose, Junkies, Ausreißer – verdrängt werden, damit das Konsumerlebnis dem umsatzwilligen Reisenden nicht vergällt wird. Dazu passt die Entwicklung der meisten Bahnhofsbuchhandlungen, bei denen das Wort „Buchhandlung“ zum Euphemismus pervertiert ist: Dort lassen sich zahllose Lifestyle-Magazine erwerben, erstaunlich sind die Massen an Publikationen wie „Landlust“ oder sonstigem ländlichen Leben im Titel – als ob jeder Zugreisende eine innerliche Landflucht erwägt. Daneben Computer-, Wirtschafts – sorry, will meinen: Business – Magazine, Comics, Tageszeitungen, „WELTPRESSE“ schreit aus von den Wänden. Aber „das Buch“: Meist an ein hinteres Ladenregal verbannt, die Auswahl übersichtlich, an der Spiegel-Bestsellerliste orientiert, daneben ein wenig Liebeskram und Vampirzeug. Deutschland, sag mir was du liest, und ich sage Dir …

Es entbehrt nicht der Ironie, dass allerdings in jeder Bahnhofs“buchhandlung“, die ich in letzter Zeit betrat, auch die „Deutschlandreise“ von Roger Willemsen zu finden war. Wohl als „Marketinggag“ für Reisende? Ich frage mich, ob die Bahnhofs“buchhändler“ wissen, was in dem Buch steht…

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Roger Willemsen: Die Enden der Welt

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Bild: (c) Michael Flötotto

LEBENSZEIT: „Ich habe meine Frist. Ich erfülle sie.“ Dies sagte Roger Willemsen in einem Interview mit der KNA vor einigen Jahren. Die Lebensreise dieses großartigen Denkers und feinsinnigen Essayisten ging  viel zu früh zu Ende.

Willemsen, ein Reisender, der wusste: Reisen beinhaltet auch die Möglichkeit des Verlorengehens.

„Der Reisende muss neben allen anderen Gefahren auch die Skepsis gegenüber der Anhäufung des Nutzlosen überwinden. Die Neugier findet ja immer auch dies. Vom eigenen Ich muss sie sich ab-, der Welt muss sie sich zuwenden und weiß nicht einmal, was sie finden wird. Trotzdem kann es geschehen, dass sie schließlich den Horizont erweitert.“

Roger Willemsen, „Die Enden der Welt“, S. Fischer Verlag, 2010

Zu Beginn seiner, einer faszinierenden Lesereise an die Enden der Welt, begegnet Roger Willemsen einem  achtjährigen Jungen im Krankenhaus, der an einem bösartigen Hirntumor leidet und nur noch wenige Monate zu leben hat. Ungeachtet des nahenden Endes – für das Kind besteht der Klinikalltag aus Routine, ihm ist langweilig. Und so beginnt die erzählerische Reise – indem Willemsen mit dem Jungen in Gedanken reist, indem er dann für sich selbst die Welt durchmisst, die das Kind wahrscheinlich nie mehr sehen wird. Und zeigt: Die mächtigste Grenze ist der Tod. Aber auch aus anderen Gründen stößt man mitunter beim Reisen an „Die Enden der Welt“.

„Wenn Menschen eine Aura haben, warum sollten Städte keine haben? Eine Anmutung zumindest, manchmal Verheißung, manchmal Einschüchterung. Im Namen fasst sich der Nimbus einer Stadt zusammen: Kinshasa. Angereichert von Zeitungsfotos und Reportagefetzen der jüngeren Zeit, Begegnungen mit Menschen von dort, die zum Namen der fernen Heimat einen Gesichtsausdruck annehmen, schmerzlich, betrübt, entsagend, fatalistisch, voller Ärger, mit sich ringend.

Kinshasas Aura ist eine dunkle, in der die Kolonial- und die Militärfarben das Spektrum bestimmen. Auch Kinshasa stand einmal für Schlaghosen, für den „Rumble in the Jungle“, für „Soukous“, den „Rumba-Rock“. (…) Doch hat der jüngste Krieg auch diese Bilder fast getilgt und die seinen darüber gelegt, die verborgener Leichen in Straßengräben, die marodierenden Banden in den Außenbezirken, die der Plünderungen, Vergewaltigungen, Verstümmelungen und Morde, die der Entfesselung von Gewalt, die des blutigen Sturms auf die Hauptstadt an dessen Ende ein Gewaltherrscher namens Kabila die Regentschaft übernahm.“

Reisen an die Enden der Welt. Das sind nicht nur die Orte, an denen die Welt scheinbar ins Meer fällt. Oder Orte, an denen der Hund begraben ist. Es sind auch die Landschaften, in denen der Mensch untergeht vor ihrer Naturgewalt. Oder ein Menschleben – so im Kongo – schlicht und einfach nicht viel Wert hat. Willemsen hat in diesem ungewöhnlichen Reisebuch die Erfahrungen aus drei Jahrzehnten versammelt – Erfahrungen, so scheint es, die mehr sind als aus nur einem Menschenleben.

Wo Sonne ist, ist auch Schatten

22 Stationen auf fünf Erdteilen besucht, ja seziert beinahe auf literarische Weise Roger Willemsen in diesem Expeditionsbericht, der jedoch nicht geschrieben wurde, um auch noch den letzten Winkel des Globus auszuleuchten. Die dunklen Ecken bleiben dunkel, denn, so wird deutlich: Die Welt, das ist der Mensch. Und wo es Sonne gibt, wird es immer auch Schatten geben – Schatten, vom Menschen gemacht, Schatten, vom Menschen erduldet, die dunkle Aura, die auch am Licht nicht vergeht.

Willemsen ist an Orten wie Gibraltar, Hongkong, Timbuktu, Minsk, Orvieto, selbst im Himalaya und am Nordpol nicht auf der Suche nach herausragenden optischen oder sprachlichen Bildern. Ihn treibt die Neugier, selbst an diesen extremen Orten im Alltäglichen einzutauchen – wie ein Reporter, allerdings sprachlich und philosophisch über die Reportage weit hinausgehend.  Mitten im Buch deutet Willemsen an, dass das Reisen auch mit Verschwinden verbunden ist, mit der Auslöschung des Ichs – der Tod ist ein Leitmotiv, sei es bei einem zufälligen Zusammentreffen in einem Krankenhaus in Minsk, sei es als Zeugnis eines Suizids auf der Expedition an den Nordpol.

Der Auslöschung entgegen

„Statt neue Erkenntnisse über die Welttopographie einzusammeln, fährt dieser Erzähler der Auslöschung entgegen. Das Ziel heißt Ich-Verlust, nicht Selbstbestätigung, und deshalb ist das Werk als Fahrtenbuch annähernd unbrauchbar, als Roman aber fulminant“, schrieb Daniel Haas in der FAZ. „Überall spürt der Erzähler anthropologische Extreme auf, kulturelle Kuriositäten, soziale Bizarrerien. In Indien lässt er sich von Eunuchen segnen, im Kongo gerät er in die Mühlen kafkaesker Behörden, in Katmandu hat er ein Tête-à-tête mit Geistern und Scheintoten. Aber als touristisches Panorama taugen diese Texte ebenso wenig wie ein Armutsbericht der UN oder eine Doktorarbeit zum Thema ethnische Diversität.“

Als was taugen – wenn Tauglichkeit ein literarisches Kriterium wäre – diese Reiseerfahrungen dann? Auch wenn es Roger Willemsen nicht um die Bedienung des mit dem Reisen verbundenen Klischees der Selbsterfahrung durch Grenzüberschreitung geht, sondern um dessen Gegenteil – des Verschwindens, der Zurücknahme des Ichs: Eine Selbsterfahrung macht der Autor, die ich gut teilen kann. Ausgerechnet in Hongkong, im technologisiertesten, im luxoriösten aller seiner Reiseziele überkommt ihn das heulende Elend. Dort, inmitten der aufgerüsteten Zivilisation, überfällt ihn das Alleinsein. Man mag noch soviel reisen, am Ende der Welt steht man alleine da.

Hier: Roger Willemsen im Interview.

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