Anthony McCarten: Jack

sign-2380075_1920

Bild von nextvoyage auf Pixabay

„Ich finde, es könnte immer noch etwas daraus werden, wenn ich seine Geschichte schreibe. Das Thema: das Spiel der Identitäten, dessen Opfer und die gesellschaftlichen Folgen davon. Auch Staaten spielen solche Identitätsspiele. Nimm doch nur Amerika, schizoid, wie es ist – der puritanische Despot, der sexbesessene Priester, der freiheitsliebende Kriegsverbrecher, die beiden Gesichter der Nation. Entwürfe habe ich schon. Warum soll nicht ich das sein, die eine Geschichte über einen Mann schreibt, der auseinanderfällt in einer Gesellschaft, die auseinanderfällt, und warum soll ich nicht auch die Namen der Opfer solcher Spiele nennen?“

Anthony McCarten, „Jack“, Diogenes Verlag, 2018.

Im Grunde handelt ja jede Literatur von den großen Fragen des Seins: Geburt, Liebe, Einsamkeit, Tod, Schmerz und vom Sinn des Lebens. Und über alle dem schwebt die Frage: Was habe ich damit zu schaffen? Wer bin ich, warum und wie viele? Manche verlieren ihre Persönlichkeit in übergroßer Anpassung, andere jedoch brauchen die Abgrenzung, das Ausbrechen, das Anderssein, um sich zu finden. Oder auch nicht. Und verlieren sich am Ende auch.

Vor allem dies war ein Kennzeichen der „Beat Generation“: Das Leben, ein Rausch. Bedingungslose Freiheit, um sich selbst auszuloten und die Grenzen des Lebbaren. Die Suche nach dem Ich. Nur: Die meisten verloren sich dabei – die Beat Generation, auch eine Lost Generation. Insbesondere ihr „Star“ Jack Kerouac, der mit „On the road“ – ein in einem dreiwöchigen Schreibrausch in die Maschine gehämmerter Text – den Bestseller der Bewegung schrieb.

Kerouac, intelligent und gutaussehend, wurde nach Erscheinen seines Buches (1957) zum Popstar seiner Generation – von den Fans verehrt, von der Kritik und den Medien verachtet. Und er zahlte für sein exzessives Leben einen hohen Preis: Er starb, von Drogen gezeichnet, vom Alkohol aufgeschwemmt, viel zu früh, wurde nur 47 Jahre alt. Doch in dieser kurzen Zeitspanne führte er mehr Leben als die meisten anderen Menschen, spielte mehr Rollen, als jedes abendfüllendes Drama es zu bieten hat:

„Das perfekte Chamäleon. Die multiple Persönlichkeit. Der Verwandlungskünstler. Wenn ich doch bloß mein Tonbandgerät dabeigehabt hätte. Im Geiste machte ich rasch eine Liste mit nur einigen der widersprüchlichen Identitäten, die er im Laufe seines Lebens angenommen hatte: Weltenbummler / Einsiedler, psychisch Kranker / Stimme der Vernunft, Pin-up-Boy / verdreckter Landstreicher, Gefängnisinsasse / freier Vagabund, Macho-Footballstar / sensibler Künstler, Drogensüchtiger / Puritaner, revolutionärer Bohemien / Spießbürger, Frauenliebhaber / Frauenhasser, Schürzenjäger / Empfänger von homosexuellen Blowjobs, Katholike / Buddhist, erwachsener Mann / ewiges Muttersöhnchen, loyaler Freund / Judas. Die Liste war unvollständig. Sie konnte leicht dreimal so lang werden.“

Es sei gleich von vorherein gesagt: Auch wenn sich der neuseeländische Schriftsteller Anthony McCarten intensiv mit der Biographie von Jack Kerouac befasst hat, kann selbstverständlich dieses Buch die Frage „Wer war Jack Kerouac“ nicht beantworten – und will es auch gar nicht. Auch wird „Jack“ keineswegs literarisch so bahnbrechend werden wie „On the Road“: Es ist gut zu lesen, routiniert geschrieben, nicht ohne Anspruch, unterhaltsam und bewegend, aber eben alles andere als experimentell – ein Roman, der Leser vielleicht auf die Straße zu den Beatniks führen wird, aber an Tempo und Härte mit den echten Werken der Beat Generation nicht mithalten kann.

Dafür aber ist „Jack“, diese fiktive, spielerische Hommage McCartens an sein literarisches Vorbild, ein lustvolles Spiel mit Identitäten, mit Spannungsmomenten, mit viel Wärme und Humor, dem vor allem eines gelingt: Ein vielschichtiges Bild von Kerouac zu zeichnen, das auch dem gefallenen Helden der Beat Generation in all seinem elenden Niedergang seinen Respekt zollt, seine Würde lässt. Für McCarten war der Schriftsteller ein bahnbrechendes Idol:

„Von Kerouac lernte ich zu schreiben. Seine Engel und Dämonen waren meine eigenen. Er ist der Held meines Buches über die Frage, wer wir wirklich sind.“

Und dieser Frage geht McCarten mit großer Lust am Spiel nach – im Zentrum dabei steht jedoch weniger der mittlerweile abgewrackte alte Autor, der am Ende seiner Tage gemeinsam mit der dritten Ehefrau, die eigentlich seine Pflegerin ist sowie der alten, herrschsüchtigen Mutter in einem heruntergekommenen Haus in einem Kaff in Florida lebt. Sondern es ist eine junge Literaturstudentin die im Laufe des Buches mehrere Wandlungen ihrer Identität und Persönlichkeit erlebt – von der Biographin bis zur leiblichen Tochter des verehrten Schriftstellers und … nun, der Clou am Ende des Buchs soll hier nicht verraten werden.

Die beiden, Autor und Biographin, ringen in langen Interviews miteinander, nähern sich gegenseitig an, wollen der Frage nach dem eigentlichen Kern ihrer eigenen Wesen auf den Grund kommen: Ein Vorhaben, das von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Für den Leser ist diese Suche nach der „Wahrheit“ durchaus spannend zu lesen und wirft einen zudem selbst auf diese Fragen zurück – wo beginnt das „Ich“, wo spielt man Rollen? Wer bin ich?

„Jack“ ist ein klug komponiertes Verwirrspiel und zugleich eine Reflexion über das Dasein als Schriftsteller und die Verantwortung eines Autoren gegenüber seinen Figuren, insbesondere dann, wenn sie ein Vorbild in der Realität haben. Wer ein wenig vertraut ist mit der Biographie von Kerouac, der kennt auch den Namen Neal Cassady: Ein Freund des Schriftstellers, portraitiert in etlichen von dessen Büchern (unter anderem als Dean Moriarty in „On the Road“ und Cody in „Visions of Cody“). Ihm – dessen Sprechweise Kerouacs Schreibstil wesentlich prägte – brachte der literarische Ruhm der „Beat Generation“ ebenfalls wenig Glück, auch er starb früh, von Drogen und Alkohol gekennzeichnet.

In „Jack“ konfrontiert die Biographin Kerouac mit dessen Vergangenheit, gräbt in den Dokumenten, will den Ursachen nach zerbrochenen Freundschaften und gescheiterten Lieben auf den Grund kommen. Ja, eigentlich fragt sie den Schriftsteller, der nur noch Briefe schreibt, der keinen mehr an sich heranlässt, der mit dem Vorsatz lebt, sein „Ich“ umzubringen, sich dabei zu Tode säuft und Meister Eckhart zitiert, nach der Ursache seines  gescheiterten Lebens. Ob fiktiv oder real: Man weiß, wie schwer es ist, sich solchen Fragen zu stellen. Und aus der Spannung, ob darauf vielleicht doch noch eine Antwort kommt, lebt ein Stück weit auch dieser Roman.

Einige Vorkenntnisse über die „Beat Generation“ schaden bei der Lektüre nicht, zugleich kann das flüssig zu lesende Buch aber auch ein Einstieg sein, sich mit dieser literarischen Epoche und ihren Helden ein wenig mehr zu beschäftigen.

Verlagsinformationen zum Buch: Jack

Spende? Gerne!

Wer das Engagement dieses Blogs unterstützen möchte, kann dies gerne mit einem Beitrag via Paypal tun. Oder ganz klassisch mit einer Überweisung, die Daten dafür finden sich im Impressum.

€5,00

LITERARISCHE ORTE: Beat it like Karlsruhe.

102

Danger – Portrait von William S. Burroughs vor dem Odéon Theater, Paris 1959 Courtesy „The Barry Miles Archive“ © Foto: Brion Gysin, Naked Lunch Serie, Paris, Oktober 1959

Wer träumt manchmal nicht davon, sich einfach in ein Auto oder den nächsten Zug zu setzen und auf und davon zu brausen? Ohne Ziel, sehen, wohin einen die Straße bringt. Alle Grenzen sprengen, Konventionen hinter sich lassen – frei sein von Terminen, Zwängen, Druck, Anforderungen. Ich jedenfalls schon. Wenn die Mühlen des Alltags sehr, sehr mürbe mahlen, dann bietet zumindest die Literatur eine Chance auf kleine Fluchten. Und dabei erst recht die der „Beat Generation“: Autoren und Künstler, die diese Freiheit lebten – ohne Kompromiss und auch bereit, jeden Preis dafür zu zahlen.

Einer der bekanntesten Schriftsteller dieser Strömung ist Jack Kerouac, der Roman, der für die Beat Generation steht, ist „On the road“. Er tippte das Buch wie im Rausch und ohne Atempause, klebte ein Blatt an das andere, um in seinem Schreibfluss nicht unterbrochen zu werden. Das 36 Meter lange Manuskript ist nun Kernstück einer Ausstellung zur „Beat Generation“, die zuerst im Centre Pompidou in Paris zu sehen war und jetzt noch bis Ende April im ZKM (Zentrum für Kunst und Medien) Karlsruhe zu besuchen ist.

gregory_corso2

Corso, Grégory There is No More Street Corner… ,1960 Poem, unveröffentlichtes Manuskript. 200 x 200 cm © DR photo: © Archives Jean-Jacques Lebel

Das zog mich on the road, auf die Straße nach Karlsruhe – wenn auch mit einer Portion Skepsis im Gepäck. Kann man eine kulturelle Strömung, die so lebendig, weil sie subversiv, anarchistisch, verspielt war, museal präsentieren? Die beinahe schon sakrale Überhöhung, die den DADA-Objekten bei der Jubiläumsausstellung im vergangenen Jahr in Zürich zukam, nahm viel von der Lebendigkeit des Dadaismus weg. Das Wilde ging in Erstarrung über. Und auch Jack Kerouac, Allen Ginsberg und William S. Burroughs – das bekannte Dreigestirn der Beat Generation – sind vor Vereinnahmung nicht sicher. Sage und schreibe 5,5 Millionen Dollar soll ein New Yorker vor einigen Jahren bezahlt haben, als das Kerouac-Manuskript bei Christie`s unter den Hammer kam. Immerhin stellte der gutbetuchte Literaturliebhaber es nun für die Ausstellung – die erste umfassende Retrospektive zum Beat in Europa – zur Verfügung.

Gleich vorneweg: Die Befürchtungen vor zu viel „Musealisierung“ waren unbegründet. Nur wenige „Kultgegenstände“ – so Kerouacs Manuskript und die Underwood von William S. Burroughs – hinter Glas, dafür eine Präsentation im Rhythmus des Beat: Den Besucher überrascht eine Flut von Sinneseindrücken: Überall hängen scheinbar freischwebende Leinwände im Raum. Musik, Stimmen, Bilder vermischen sich zu einer eigenartigen Kakophonie, die in sich schon wie ein Werk der Beat Generation wirkt.

Vor allem durch das Medium Film und Fotografie folgen die Ausstellungsmacher dem Weg der „Beatniks“, zeichnen geographisch die Stationen dieser kulturellen Gegenbewegung nach. Wegweisende Orte und Länder sind die USA mit New York und San Francisco, sind Mexiko und Algier, London und Paris. Der Besucher ist selbst gefordert, bei dieser Reise mit der Beat Generation dem Lebensgefühl dieser Künstler auf den Grund zu gehen – Gedichttexte, Romanauszüge, Fotografien, Filme, vor allem aber das gesprochene Wort transportieren den Sound des Beat. Dabei wird offenbar, dass zu den Beat-Protagonisten weitaus mehr Künstler gehörten als das bekannte „Dreigestirn“ Kerouac, Ginsberg und Burroughs. Und dass die Welle mehr erfasste als ausschließlich die Literatur – das Lebensgefühl schlug sich in Fotografie, Bildender Kunst, Film, Musik nieder, wurde zum Gesamtkunstwerk.

ettore_sottsass_neal_cassady2

Neal Cassady, Los Gatos, Californie, 1962 Silbergelatineabzug (2016) 20 x 20 Centre Pompidou, MNAM-CCI, Bibliothèque Kandinsky, Fonds Sottsass © Adagp, Paris, 2016 photo: © Centre Pompidou, MNAM-CCI, Bibliothèque Kandinsky, Fonds Sottsass

Natürlich ist in der Ausstellung auch Ginsbergs Gedicht „Howl“ zu hören: Dieser Aufschrei, das „Geheul“, bringt das Gefühl einer Generation zum Ausdruck, die im amerikanischen Kapitalismus der 1950er Jahre zu den ausgeschlossenen gehörte, zugleich aber auch gegen jede Vereinnahmung rebellierte. Sie war auf der Suche nach neuen Bewegungen – durchaus auch sozial geschlagen („beat“), aber ebenso den eigenen Rhythmus, die eigene Bewegung, den eigenen Beat angebend.

Dieses Aufbegehren kommt gerade durch die moderne multimediale Präsentation gut zum Ausdruck, zeigt auch, wie genresprengend und experimentierfreudig die Künstler der Beat Generation waren. Jean-Jacques Lebel, einer der Kuratoren der Ausstellung, hat einige der Protagonisten hautnah erlebt, ist der Strömung verbunden geblieben – das macht sich bemerkbar. Der französische Künstler lernte Allen Ginsberg, William Burroughs, Brian Gysin und andere im „Hotel Beat“ im Pariser Quartier Latin kennen.

„Die Pariser Zeit war von fundamentaler Bedeutung für die Geschichte der Beat Generation. Ginsberg schrieb die erste Version seines berühmten „Kaddish“-Gedichts auf einer Café-Terrasse am Montparnasse und im „Beat Hotel“. Und es ist schon sehr merkwürdig, dass vor allem die akademische Forschung in den USA das nie erwähnt. Insofern sehe ich es als eine Art poetische Rache, dass diese Ausstellung jetzt in Paris zu sehen ist.“

Jean-Jacques Lebel, Quelle: Deutschlandfunk

„Es gibt überall doch nur noch Blut, Massaker, Schrecken. Krieg und Brutalität sind eine Art Normalzustand geworden. Die Beat Generation mit ihrer entschieden anti-militaristischen Poesie, ihrem Internationalismus und Anti-Nationalismus, ihrer Vision eines kollektiven Unbewussten – diese kreative, rebellische, subversive Beat Generation kann da vielleicht ein wenig Hoffnung geben.“

brion_gysin_calligraphie_2

Gysin, Brion Calligraphie, 1960 Tusche auf Papier Marouflage auf Leinwand 192 x 282 Collection Galerie de France © Galerie de France © Jonathan Greet / Archives Galerie de

Zwar unterscheidet sich die Karlsruher Präsentation in einigen Punkten von der Pariser Ausstellung – beispielsweise ist hier nicht das Zimmer Nr. 25 aus dem „Beat Hotel“ zu sehen, dafür wird auf die Einflüsse, den die Beat Generation auf deutsche Dichter und Autoren hatte, eingegangen – aber auch im Badischen wird seit jeher der Beat gepflegt, wurden in den vergangenen Jahren William S. Burroughs und Allen Ginsberg Ausstellungen gewidmet.

Auch in den „Stuttgarter Nachrichten“ wird in einem ausführlichen Beitrag über die Ausstellung auf die gegenläufige Kraft der Beat Generation und ihren Stellenwert heute aufmerksam gemacht:

„Ginsbergs Langgedicht „Howl“ (1956), Kerouacs Reiseerzählung „On The Road“ (1957) und Burroughs psychedelische Groteske „Naked Lunch“ (1959) schrecken das Amerika der McCarthy-Ära auf und stehen heute noch für eine Gegenkultur, deren rebellische Kraft im neuen Trump-Amerika dringender denn je gebraucht wird.“

Man beachte in dem Artikel auch den Auftritt von Ernst Jandl – einer der überraschenden Bezüge, die mir die Ausstellung ebenfalls bot: „Auf der Durchreise“, Stuttgarter Nachrichten, 20. Januar 2017.

Zwar ist nun Karlsruhe, die „Residenz des Rechts“ weitaus weniger denn Paris als Hort der Revolution bekannt – aber wer in diesen Zeiten, die geprägt sind von politischem Revanchismus und Nationalismus, etwas rebellische Luft tanken will, der mache sich auf den Weg ins ZKM.

Alle Bilder zur Verfügung gestellt im Pressebereich des ZKM.

Spende? Gerne!

Wer das Engagement dieses Blogs unterstützen möchte, kann dies gerne mit einem Beitrag via Paypal tun. Oder ganz klassisch mit einer Überweisung, die Daten dafür finden sich im Impressum.

€5,00

 

#MeinKlassiker (5): Gerhard fliegt über das Kuckucksnest

head-296026_1920

Bild von GLady auf Pixabay

Den meisten Autorinnen und Autoren dieser Reihe habe ich freie Hand gelassen bei der Auswahl ihrer Bücher – geht es doch um ihren persönlichen Klassiker. Bei Gerhard Emmer, der hauptsächlich über Musik bloggt, öfter aber auch Bücher seiner Wahl vorstellt – immer abseits des Mainstreams, oft amerikanische Kultliteratur – habe ich einen konkreten Wunsch geäußert: Weil dieses Buch auch für mich so eine Art Erweckungserlebnis war. Danke, Gerhard!

Die Birgit meinte, das „Kuckucksnest“  von Ken Kesey hätte sie gern in ihrer Klassiker-Reihe (tolle Serie übrigens, eh klar, Hamlet zum Einstieg, sehr schön), spart mir natürlich einen Haufen Zeit, hab ich erst gelesen und meinen Senf dazu abgegeben, guckst Du hier:
https://gerhardemmerkunst.wordpress.com/2016/04/21/reingelesen-43/

Sonst wär halt was Feines von Thomas Mann, Nelson Algren, Dostojewski oder Garcia Marquez zur Revision angestanden, aber das hätte dann erst nochmal gelesen gehört, um aus heutiger Sicht was Fundiertes (oder eben auch nicht) dazu abzusondern. Genug der Vorrede, hier ein paar Gedanken zu „Einer flog über das Kuckucksnest“ von Ken Kesey:

Das 1951 veröffentlichte Werk „Der Fänger im Roggen“ von J.D. Salinger zählt zu den ersten literarischen Werken der amerikanischen Gegenkultur, die in Romanen von Jack Kerouac und William S. Burroughs und Gedichten von Allen Ginsberg ihre ganze Konventionen-sprengende Wucht entfaltete, Ken Kesey darf hier als wichtiger Vertreter nicht unerwähnt bleiben, zumal sein Erstwerk aus dem Jahr 1962 – zu Recht – ein Welterfolg wurde und Kesey zudem mit der Musikszene der amerikanischen Hippie-Kultur schwer verbandelt war, ein nicht unwesentlicher Aspekt für einen Musik-Blogger und Grateful-Dead-Freund wie mich.

Anders als der „Fänger“ von Salinger, in dem bereits zentrale Themen der Subkultur wie Aufbegehren gegen die Erwachsenen-Welt und massives Infragestellen von Regeln ausführlichst zur Sprache kommen, ist Ken Kesey und insbesondere sein Hauptwerk „Einer flog über das Kuckucksnest“ nach wie vor für alle Generationen relevant und vor allem konsumierbar, das Salinger-Kultbuch hingegen funktioniert als literarischer Fixpunkt, Manifest der individuellen Wut, Anregung und Reflexion ausschließlich in der Adoleszenz (zumindest in meiner längst vergangenen), im fortgeschrittenen Alter bleibt da wenig, was einen an jugendlicher Rebellion noch berühren mag, der Zahn der Zeit halt, der so manchen Stachel stumpf machte, es ist ein Graus…

Kesey mit dem „Kuckucksnest“ hingegen: Für mich nach wie vor ein Plädoyer für die Entfaltung des Individuums, eine permanente Aufforderung zur Schärfung der Sinne und vor allem zum Anzweifeln der tradierten, eingeschliffenen, im extremsten Fall sinnlosen Regeln, eine Metapher für das Aufbegehren gegen Despotismus, Unterdrückung und – einige Nummern kleiner –  den alltäglichen Regelbetrieb.

Der irisch-stämmige Rebell McMurphy mit dem gesunden Menschenverstand findet sich mal mehr, mal weniger extrem mit seinen charakterlichen Eigenschaften, seiner Lebensphilosophie und seinem Handeln  – oder kurz seinem „Mindset“, um mal wieder die unsäglichen, eingeschlichenen Anglizismen zu bemühen –  fortwährend aktuell und täglich dokumentiert in den Nachrichten in Presse, Internetz, Funk und Fernsehen, exemplarisch bei Snowden versus NSA, bei der journalistischen Verteidigung der türkischen Republik der  Cumhuriyet-Redakteure  gegen die Erdoğan-Repression oder den Pussy-Riot-Aktionen gegen den Putin-Staat.

Der Roman hat in seiner für Autoren der Beat Generation geradezu konventionellen Erzählweise auch heutzutage nichts an Lesbarkeit verloren, mit der psychedelisch-experimentellen Schilderung von Psychopharmaka-Wirkungen bietet er daneben einen zusätzlichen literarisch-stilistischen Nebenstrang.

Es existieren zwei deutsche Übersetzungen von Carl Weissner bzw. Hans Hermann, beide sind auch heute noch uneingeschränkt zu empfehlen, Feingeister und Zartbesaitete nehmen Hermann, wer’s direkter und wahrscheinlich mehr im Sinne des Originals mag, nimmt Weissner. Und die Verfilmung des Romans von Miloš Forman kennt vermutlich sowieso jeder/r, ansonsten: schnell nachholen. Unerwähnt soll auch nicht bleiben, dass von Ken Kesey im Nachgang zum „Kuckucksnest“ in den achtziger Jahren ein zweiter Roman ins Deutsche übersetzt wurde, „Manchmal ein großes Verlangen“ (1964), eine exzellente, opulente Familien-Saga über eine Holzfäller-Dynastie in Oregon, den hab ich im Gegensatz zu seinem Welterfolg leider bisher nur einmal gelesen, wäre längst nochmal fällig, sozusagen ein heimlicher Klassiker, vielleicht auch mal was für die Vorstellungsrunde hier…

Gerhard Emmer
https://gerhardemmerkunst.wordpress.com/


William S. Burroughs und Jack Kerouac: Und die Nilpferde kochten in ihren Becken

hippo-4187426_1920

Bild von Achim Scholty auf Pixabay

„Der Barkeeper hatte das Radio an. Ein Nachrichtensprecher brachte eine Meldung über einen Brand in einem Zirkus und sagte: „Und die Nilpferde kochten in ihren Becken zu Tode.“ Er brachte diese Details mit dem für Nachrichtensprecher typischen salbungsvollen Genuss.“

William S. Burroughs/ Jack Kerouac, „Und die Nilpferde kochten in ihren Becken“, Verlag Nagel & Kimche, 2010

Zwar nur zu einem kurzen Auftritt, aber immerhin bis zur Titelzeile bringen es die Hippos in diesem Romanexperiment. 1944, rund zehn Jahre bevor sie mit ihren Werken als Vertreter der „Beat Generation“ berühmt  wurden, saßen William S. Burroughs, damals 30 Jahre alt, und Jack Kerouac (22) in einer Bar in New York. Im Radio wurde eine Nachricht gebracht: Ein grauenhafter Brand in einem Zirkuszelt, Menschen verloren ihr Leben, Hunderte wurden verletzt und, so der Sprecher, „die Nilpferde kochten in ihren Becken“. Der Titel war gefunden. Für ein Buch, dessen Entstehungsgeschichte so abenteuerlich ist wie sein Plot. Nilpferde spielen in diesem Krimi, der mit seiner „monochromen, urbanen Atmosphäre sexuell gewagt und stilistisch hardboiled“ ist (so Douglas Kennedy 2008 in der Times), übrigens dann keine weitere Rolle.

Kerouac und Burroughs verarbeiteten einen Totschlag, der in ihrem weitgespannten Bekanntenkreis tatsächlich geschah, in einen Krimi à la Chandler und Hammett. Abwechselnd schrieb jeder ein Kapitel, der gegenseitige Vorantrieb ist festzustellen.

Das Manuskript blieb jedoch lange unveröffentlicht – erst mangels Verlag, dann aus Rücksicht auf die Hauptperson: Lucien Carr. Er ist im Roman der junge Mann, der seinen langjährigen Freund, Mäzen und Geliebten aus Überdruss und in einer Überreaktion ersticht. Carr machte später als Journalist Karriere, brachte es bis zum Nachrichtenchef der United Press. Er starb 2005. Der Nachlassverwalter von Burroughs, James W. Grauerholz, hatte ihm zugesichert, das Buch erst nach seinem Tod erscheinen zu lassen.

„Und die Nilpferde kochten in ihren Becken“ vereint von beiden Autoren bereits das, was sie später auszeichnen sollte: Atemlosigkeit des Stils, trotzdem Nüchternheit in der Beschreibung selbst absurdester Szenen, der Mut zu Bildern, die bis dato in der amerikanischen Literatur noch nicht häufig zu finden waren. Immer in Fahrt und auf der Suche nach dem nächsten Kick die beiden Hauptfiguren. Auch ein Buch über Freundschaft (Männerfreundschaft), Zusammenhalt und Lebenslust.

Die Koordinaten, so Julia Encke in der FAZ: „Radio und Kino, die Hafenbars, ihre Wohnungen – und die Straßen von New York in den vierziger Jahren. Burroughs und Kerouac erzählen die Tage vor der Tat; wie Will Dennison, Barmann mit Verbindungen in die Unterwelt, und der Seemann Mike Ryko mit ihren Freunden ihre Zeit verbringen: Da sieht Phillips Freundin Barbara ein wenig aus wie die österreichische Schauspielerin Hedy Lamarr; ein Kommilitone sondert ständig „Noël-Coward-Dialoge“ ab; das spanische Restaurant an der Eigth Avenue ist „ein Laden, der ,mañana‘ ist“, und im „Automatenrestaurant“ an der 57th Street gibt es Bohnen mit Bacon. In der Union Hall am Hafen stehen Bücherstände, an denen Werke wie Woody Guthries „Bound for Glory“ und Roi Ottleys „New World A-Coming“ zu kaufen sind; durchgeknallte Journalisten führen sich im „George’s“ furchtbar auf, glauben, sie wären wer, weil sie für den „Saturday Evening“ schreiben.“

 

Spende? Gerne!

Wer das Engagement dieses Blogs unterstützen möchte, kann dies gerne mit einem Beitrag via Paypal tun. Oder ganz klassisch mit einer Überweisung, die Daten dafür finden sich im Impressum.

€5,00