Richard Yates: Eine letzte Liebschaft

Yates

Bild: (c) Michael Flötotto

„Betty“, sagte Miller. „Tust du mir einen Gefallen?“ Er beobachtete, wie sich ihr Stirnrunzeln im Licht der vorbeigleitenden Straßenlaterne in einen gekränkten Blick verwandelte. „Halt den Mund. Halt bitte einfach den Mund.“

Richard Yates, „Eine letzte Liebschaft. Short Storys“, Deutsche Verlags-Anstalt, 2016.

Eins und doppelt möchte man sein. Die romantische Idee des Ineinander-Verschmelzens, die regelmäßig an den Klippen des Alltags zerschellt. Einer, der gerade dieses mit wenigen, knappen Sätzen beschrieb, war Richard Yates. Schon in seinem bekanntesten Roman „Revolutionary Road“ gibt es sie, diese Szenen einer Ehe – da liegt so viel Unausgesprochenes zwischen dem Paar, soviel ungelebte Möglichkeiten, soviel unerfüllte Wünsche.

Den bitteren Geschmack der Enttäuschung – ihn transportierte der amerikanische Schriftsteller (1926 – 1992) auch in seinen letzten Erzählungen, neun short storys, die zu Lebzeiten nie veröffentlicht wurden und nun erstmals in deutscher Übersetzung erschienen sind.

In eine „Eine letzte Liebschaft“ – übrigens ist ausgerechnet die titelgebende Erzählung, in der Yates ausnahmsweise aus der Perspektive einer Frau schreibt, das schwächste Stück dieses Erzählbandes – sind Geschichten versammelt, die um Missverständnisse kreisen, um Vorverurteilungen, um falsche Träume. Der Buchhalter, der an dem Tag, an dem er von seiner Frau verlassen wird, auch feststellen muss, dass andere ihm mit Ablehnung begegnen, wird radikal von allen Selbsttäuschungen befreit. Eine Ehefrau, die auf einer Party gerne Heldengeschichten ihres Mannes aus dem Weltkrieg hören würde – doch dieser schweigt aus guten Gründen. Ein Tuberkulosekranker, der sich in die falsche Frau verliebt und abserviert wird – ihr Brief ersetzt das, was heute wohl in einer SMS beinhaltet wäre.

Richard Yates erzählte in seinen Stories wie in den Romanen von zerbrochenen Träumen und einsamen Seelen. Er benötigte keine ausführlichen psychologischen Schilderungen – die Erzählungen sind kurz, knapp, mit wenigen Worten, einzelnen Szenen wird das Dilemma des Vereinzelten angerissen und beleuchtet. Oder, wie Manuela Reichart in einem Beitrag beim Deutschlandradio Kultur betont: Yates, einer der sie malte, „solche literarischen Augenblicke, die wie in einem Brennglas Menschen und ihre Versehrt­heiten deutlich machen.“

Yates, ein Meister der Zwischentöne, dessen Texte sich immer wieder um die Fragilität des Lebens drehen, der sich den Außenseitern, den Verlassenen, den Einsamen zuwendet. Und doch: So hoffnungslos deren Lage auch zu sein scheint, so öde, trist und langweilig ihr Alltag ist, alle klammern sich mit einem letzten Rest verzweifelter Hoffnung an die dünnen, abgewetzten Fäden, mit denen sie noch lose mit ihrem gesellschaftlichen Umfeld verbunden sind. Das angestrengte Aufrechterhalten bröckelnder Fassaden, das Bewahren eines letzten Restes von Würde, die niemals endende Hoffnung auf ein Stück vom Glück – das ist es, was Yates` Figuren am Leben hält. Ganz typisch sind dafür die dahinsiechenden Kriegsveteranen, die von einem vergangenen Leben und ihren „Heldentaten“ erzählen: Diebeszügen, Besäufnissen, Liebschaften, Ehebruch. Oder Betty Meyers, die Navy-Ehefrau, die sich aus Langeweile und Frustration einem Aufreißer hingibt.

Die anrührendste der neun Erzählungen stellt jedoch ein Kind in den Mittelpunkt: Die kleine Eileen. Sie findet 50 Cents, malt sich aus, was sie sich mit diesem persönlichen Besitz an Wünschen erfüllen könnte – und wird prompt von den Erwachsenen des Diebstahls bezichtigt. Hier zeigt Yates eine seiner hervorragenden Eigenschaften als Autor: Die Wärme, das Mitgefühl, das er für seine Figuren, die Schwachen und Verletzten, aufbrachte.So schreiben kann einer nur, der selbst oft genug schwach und verletzt war – und weiß, wie Einsamkeit klingt:

„Pollock war jetzt ganz von dem Gefühl beherrscht, erschreckend allein zu sein, aller Sicherheit beraubt; ihn überkam die Angst, die ein Kind ergreift, das in einer Menschenmenge verloren geht.“

Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.randomhouse.de/Buch/Eine-letzte-Liebschaft/Richard-Yates/DVA-Belletristik/e431496.rhd

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Pablo Neruda: Die Verse des Kapitäns

Neruda

Bild: (c) Michael Flötotto

REBELLION

Ausgepeitscht vom Regen und vom Wind
richten die Pappeln sich auf und klagen wild,
stehen am schwarzen Firmament und sind
mit zottiger Mähne aus grünem Astwerk ein Schild.

Doch bald sind sie müde, das Unerreichbare zu wollen,
nur einmal noch zeigt Rebellion ihre Statur …

Das Jahr 1973 hat für Chile eine tragische Bedeutung:
Am 11. September wurde Präsident Salvador Allende mit einem brutalen Militärputsch entmachtet, Diktatur und Unterdrückung unter dem Pinochet-Regime stürzten das Land in einen Abgrund.

Am 23. September verstummte zudem die lyrische Stimme Chiles für immer – Pablo Neruda (geboren 1904) starb in Santiago de Chile angeblich an seinem Krebsleiden, wie es hieß.

 Doppeltes Trauma

Für das Land war dies ein doppeltes Trauma, an dem es bis heute noch trägt – noch Jahrzehnte danach beschäftigt die Menschen die wahre Ursache von Nerudas Tod. Im April 2013 wurde seine Leiche exhumiert. Zunächst wurde fortgeschrittener Prostatakrebs diagnostiziert, zwei Jahre später, nach einer vom chilenischen Innenministerium beauftragten Untersuchung, scheint festzustehen, dass der Dichter vergiftet wurde. Ein Mord durch die Schergen des brutalen Pinochet-Regime ist nicht unwahrscheinlich: Noch ist die Untersuchung nicht offiziell abgeschlossen, doch die Spekulationen um den Tod und eine wahrscheinliche Ermordung des Nationaldichters halten sich bis heute.

Für mich war Pablo Neruda zunächst vor allem als politischer Dichter und Denker ein Begriff, als Vertreter politisch engagierter Schriftsteller, wie es sie vor allem in Südamerika gab und gibt – Schriftsteller und Politiker in einer Person wie Alejo Carpentier, Ernesto Cardenal, Miguel Asturias, meist dem Sozialismus oder Kommunismus zuzuordnen. Und natürlich Vargas Llosa, der sich als „liberalen Demokraten“ bezeichnet, sich als Präsidentschaftskandidat in Peru aufstellen ließ und sich mit Gabriel García Márquez wegen dessen Freundschaft zu Fidel Castor und dessen Eintreten für Kuba entzweite. In dieser Zweieinigkeit von Schriftsteller und Politiker ist Neruda in Südamerika keine Einzelerscheinung. Mit Asturias (Guatemala) verbindet Neruda zudem nicht nur die politische Aktivität, der Kampf gegen Diktatur und Faschismus, die Exilerfahrung, sondern auch der Literaturnobelpreis: 1971 war Neruda erst der dritte Südamerikaner, der diese Auszeichnung erhielt, nach Asturias (1967) und Gabriela Mistral (1945) – letztere war übrigens die erste Lehrerin Nerudas am Gymnasium von Temuco.

Der 1904 geborene Neruda wurde schon früh lyrisch und politisch aktiv: ab 1923 veröffentlichte er regelmäßig Gedichte, ab 1927 war er als chilenischer Honorarkonsul im Fernen Osten, ab 1935 als Konsul in Madrid und später als mexikanischer Generalkonsul tätig. Die Zeit der konservativen Videla-Regierung in Chile, die vom Militär mitgeprägt wurden, verbrachte der überzeugte Kommunist zeitweise im Exil. 1970 wurde er von der Kommunistischen Partei als Präsidentschaftskandidat aufgestellt, er verzichtete jedoch zugunsten seines Freundes, dem Sozialisten Salvador Allende, der die linken Parteien in einem Bündnis vereinigen konnte.

Neruda soll einmal gesagt haben, sein wichtigstes Buch sei jenes, „das wir Chile nennen“. Und so wurde der Dichter und Kommunist vom Volk auch gebraucht und geliebt – sein Tod löste nicht nur Bestürzung aus, sondern stürzte das vom Putsch geschockte Land noch zusätzlich in Trauer. Sein Begräbnis wurde zu einem Protest gegen die Diktatur. Im Ausland war man entsetzt und bestürzt: Hatte die Diktatur es wagen können, Neruda zu ermorden? Isabel Allende, eine Nichte des entmachteten Präsidenten (der den Pinochet-Schergen durch Selbstmord entkommen war) schrieb in ihrem Roman „Das Geisterhaus“ über Nerudas Beerdigung, sie war das „symbolische Begräbnis der Freiheit“.

Sinnlich, zärtlich und politisch radikal

Weltweit bekannt wurde Pablo Neruda vor allem durch seine Liebeslyrik: Zärtlich, sinnlich, erotisch, schwelgend. Doch auch wenn Zyklen wie „Die Verse des Kapitäns“ oder „Der rasende Schleuderer“ die Liebe feiern – ganz ist sie nie vom politischen Kampf zu trennen, beide gehen Hand in Hand, bedingen einander zuweilen:

„Und weil Liebe kämpft nicht nur
auf eignem heißem Feld,
sondern im Mund auch von Männern und Frauen,
darum will ich denen entgegentreten,
die zwischen meine Brust und deinen Duft
ihre finstre Fußsohle setzen wollen.“
(Aus: „Ode und frisches Keimen“, in „Die Verse des Kapitäns“, 1952, in der Übersetzung von Fritz Vogelgsang, Sammlung Luchterhand, 2002).

Nerudas Literatur sprach die elementaren Bedürfnisse, Wünsche und Träume der Menschen an, ohne durchgängig in den Duktus polit-agierender Aufklärer zu verfallen, seine Lyrik blieb von sprachlicher Schönheit geprägt. Neruda brachte die Stimme des einfachen Volkes zum Erklingen: Die der armen Landbevölkerung, der Indios in den chilenischen Anden, dem ausgebeuteten Proletariat in den Städten. Seine Sprache gebraucht Metaphern und Symbolik, die, so das Nobelpreis-Komitee in seiner Begründung, „eine Dichtung ist, die mit der Macht natürlicher Kraft Schicksal und Träume eines Kontinents zum Leben erweckt“.

Der große Gesang

Als Nerudas wichtigstes Werk gilt der „Canto General“, ein Gedichtzyklus über Südamerika, insbesondere über die Folgen und die notwendige Befreiung vom Kolonialismus. Es wurde auf Anregung von Salvador Allende von Mikis Theodorakis vertont. Anbei ein Interview mit dem Musiker: „Über Pablo Neruda und den Canto General“.

In seiner Autobiografie „Ich bekenne, ich habe gelebt” beschreibt Neruda seinen “Großen Gesang” als die „Idee eines zentralen Poems, das die geschichtlichen Ereignisse, die geografischen Bedingungen, das Leben und die Kämpfe unserer Völker umschließt.“

Mit prachtvollen Bildern werden die Schönheiten des Kontinents nachgezeichnet:
“Es war die Morgenhelle der Leguanechse … die Affen flochten einen unendlich erotischen Faden, indem sie Wände von Blütenstaub niederrissen… die Nacht der Kaimane, die unberührte Nacht”.

Die Anaconda-Schlange, gigantisch, gefräßig, mörderisch, symbolisiert den Kapitalismus in Folge des Kolonialismus, den destruktiven Eingriff in die unberührte Natur. Anaconda ist auch der Name einer chilenischen Kupfermine. Die Schlange verschlingt das Beste des Paradieses, der Ausverkauf beginnt „an die Coca-Cola Inc., die Anaconda, die Ford-Motors und andere Wesenheiten”.

Mein persönliches Schlüsselerlebnis, mein Einstieg zu Neruda: 1991 oder 1992 bekam ich auf der Frankfurter Buchmesse am Stand eines kleinen Verlages „Maremoto – Beben des Meeres“, Neruda-Übersetzungen von „tia“, in die Hand gedrückt. Herr „tia“ war so erfreut, dass jemand an seinem Stand stehen blieb, dass er mir auf jede dritte Seite mit fettem Kohlenstift eine Widmung schrieb. Ich hab das Büchlein lange als eine Art „Souvenir“ an eine unterhaltsame Begegnung behandelt – bis ich im Kino Philippe Noiret als Neruda (siehe unten) erlebte. Der Film, obschon ein wenig gefühlsselig, brachte die Erinnerung an das Buch und war mein Einstieg, um Neruda nicht nur als Kämpfer für die Freiheit im Gedächtnis zu haben, sondern um ihn endlich auch zu lesen. Daher nun, als verspätetes Dankeschön an Herrn „tia“ für eine seiner Übersetzungen:

MUSCHELN

Leere Muscheln im Sand
Verlassen vom Meer, als es ging,
als es ging, das Meer auf die Reise,
auf die Reise zu anderen Meeren.
Es verließ seine Muscheln,
perfekt von ihm poliert,
bleich von den nie endenden Küssen
des Meeres, das ging auf die Reise.

Die Werke des Dichter-Diplomaten und lyrischen Kämpfers erscheinen beim Luchterhand Verlag, auf dessen Internetseite noch zahlreiche weitere Informationen über Neruda zu finden sind: Neruda bei Luchterhand.

Und auch diese Homepage lohnt sich für alle, die den Dichter kennen lernen wollen: http://www.el-poeta.de/

Eine liebenswerte Hommage an Pablo Neruda ist der Roman „Mit brennender Geduld“ von Antonio Skármeta, erschienen beim Piper Verlag. Skármeta, wie Neruda Chilene, ist im Übrigen auch einer jener dichtenden Politiker – ab 1973 im Exil in Berlin lebend, kehrte er 1989 wieder in sein Heimatland zurück und wurde später, im Jahr 2000, für die demokratische Regierung chilenischer Botschafter in Berlin. Poet und Diplomat – in Südamerika nichts Ungewöhnliches. „Mit brennender Geduld“ wurde 1994 verfilmt und unter dem Titel „Der Postmann“ ein Kassenerfolg – Philippe Noiret als charmanter Dichter, der einem schwärmerischen Briefträger zur großen Liebe verhilft.

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Arno Tauriinen: Goldgefasste Finsternis

Taurinnen

Bild: (c) Michael Flötotto

„Folge mir“, sagt Luciver und nimmt den Alten unter den Arm, „gehen wir erst einmal etwas trinken – ich kenne ein feines kleines Lokal, unter Straßenniveau, Holzfußböden, raunzige Bedienung und ruhige Beleuchtung … Wein aus den Jahren vor dem letzten Krieg … Da setzen wir uns hin und trinken ein gutes Glas. Der Hofmannsthal ist übrigens auch da, der Altenberg ist bestellt, will auch kommen, wenns ihm möglich ist … Der Grillparzer hat sich schon einen Rausch zusammengetrunken und bestimmt spielen uns ein paar Mozarti eine hübsche Musik …“
„Der Hofmannsthal, der Grillparzer“, stutzt der tote Dichter verblüfft, „die sitzen da im Lokal?“
„Wo sollten sie sonst sitzen“, wundert sich der Teufel über so viel Ungläubigkeit, „in der Hölle etwa?“

Arno Tauriinen, „Goldgefasste Finsternis“, Topalian & Milani Verlag, 2017.

Shakespeare hat es auf den Punkt gebracht: „
Die ganze Welt ist Bühne. Und alle Fraun und Männer blosse Spieler. Sie treten auf und gehen wieder ab, sein Leben lang spielt einer manche Rollen durch sieben Akte hin.“

Doch wer entscheidet, ob wir die Hauptrolle in einer Tragödie spielen, einen bloßen Nebenpart in einem seichten Dramolett haben oder gar prädestiniert sind für das Varieté? Ist Gottvater der große Strippenzieher oder doch sein missratener Sohn, der Höllenhund? Im Fall des Falles wünscht sich mancher insgeheim wohl doch eher Lucifer als Intendanten – da kann im Stück zwar manches höllisch daneben gehen, aber zumindest wird es nicht fad, bis der große Vorhang fällt.

So geschieht es in „Goldgefasste Finsternis“: Ein im positivsten Sinne irres, wahnwitziges, spektakuläres Buch voller Überraschungen, Kapriolen, unvermuteten Volten, bis die Schwärze sich am Ende auch über Lucifer senkt. In diesem „Luftschloss in Prosa“ (so der Untertitel) verwandelt das Theatergenie Lucius Onagre die ganze Welt in ein Theaterstück. Sein Werk „Basilisk“ breitet sich über den gesamten Globus aus, vereinnahmt ihn gewissermassen, Mensch, Tier und Fabelwesen werden einverleibt, das ganze Leben wird zum Spiel.

„Zu lange schon.
Zu lange schon ging das alles.
Gott, der in einer kleinen Loge weit über allem
Treiben zur Rechten seines zweiten Sohnes sitzt,
weiß nicht, wie er sich wachhalten soll …

Zu müde ist er von allem Weltentheater, für das man ihm an diesem Abend auch noch ein Billett aufgeschwatzt hat, und nichts von dem, was sich seinen Augen bietet, ist neu, zumindest nicht für ihn.“

Das Spiel des Lebens, das ist hier die Geschichte von Gott und seinem abtrünnigen Sohn, jener Luciver, der mit dem Spektakel eigentlich nur eines will: Die Liebe und Anerkennung seines Vaters. Viel Lärm um nichts? Beileibe nicht! Wer absurde, verspielte Geschichten in der Tradition beispielsweise eines Herzmanovsky-Orlando mag, wer Sinn hat für phantastische Kapriolen und eine Sprache liebt, die geprägt ist von diesem schwarzhumorigen-melancholischen Humor, den vor allem die Wiener beherrschen, der wird diesen Roman goutieren. Zumal neben den eingangs erwähnten Kaffeehausliteraten auch noch Freud und etliche andere Prominente ihren Gastauftritt auf dieser Bühne haben. Angesiedelt in der fiktiven Stadt W., erzählt von einem dritten Mann, glänzt W. alles andere als gülden:

„W., du schöne und ewige Dalle für jenseitssüchtige Verbrecher, Mörder, Lüstlinge, Schabernakkreisende, Physiker und Säulenheilige, Irrwische und Schauspieler, vor allem aber Stadt der vielen Theater, in denen das Volk sich von Tagesanbruch bis in die späte Nacht das Herz aus dem Leib reißt und anderem Volk zum Fraß vorwirft. Stadt, in der alles, was nicht gesagt werden darf auf Litfaßsäulen und Plakatwänden erscheint … und doch niemals gelesen wird.“

Nun, ich kann nur empfehlen: Lest diesen Roman! Und schaut und staunt: Die Reise durch die goldgefasste Finsternis wurde kongenial illustriert von Max P. Häring, dessen Stil und Sinn für Phantastik wie geschaffen scheint für dieses Welttheater in Prosa. Für „Topalian & Milani“ stattete er bereits den ebenfalls wunderschönen Band „Die römische Saison“ von Lutz Seiler mit seinen Zeichnungen aus.

Bleibt am Ende, bevor der Vorhang sich senkt, nur noch die Frage nach dem eigentlichen Strippenzieher: Denn Arno Tauriinen, der so wenig österreichisch anmutende Name, ist ein Pseudonym. Dahinter versteckt sich, so der Verlag, ein in Wien geborener Neurologe, der Raubtierzähne, vertrocknete Kakteen und alte Bücher sammelt. „Goldgefasste Finsternis“ sei sein erstes veröffentlichtes Buch, ein „Exzerpt aus vielen hunderten Notizen, Zetteln und Typoskripten.“ Ich habe da zwar eine Vermutung – doch möge das Pseudonym lange ungelüftet bleiben, die Geschichte um Arno Tauriinen ist zu gut, wahr oder nicht.

PS: Als ich am Schreiben dieser Rezension war, erreichte mich die Nachricht, dass „Goldgefasste Finsternis“ auf der Hotlist 2017 der unabhängigen Verlage ist. Meine Stimme hat das Buch:
https://www.hotlist-online.com/

Verlagsinformationen zu „Goldgefasste Finsternis“:
http://www.topalian-milani.de/portfolio/arno-tauriinen-goldgefasst/

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Edith Wharton: In Marokko

„Aus diesem friedlichen Eckchen geht man weiter in die barbarische Pracht eines Souks, in dem zahllose fiedrige Bündel unverzwirnter Seide hängen, Stränge in Zitronengelb, Karmesinrot, Grashüpfergrün und reinem Purpur. Dies ist das Viertel der Seidenspinner, das sich direkt an das der Färber anschließt, mit großen, brodelnden Kesseln, in die die Rohseide getaucht wird, mit gespannten Seilen, über denen die Regenbogenpracht zum Trocknen hängt.“

Edith Wharton, „In Marokko“, 1920, in deutscher Übersetzung bei Edition Erdmann, Wiesbaden, 2016.

1917 erhält die amerikanische Schriftstellerin Edith Wharton, die zu dieser Zeit schon überwiegend in Paris lebt, die Einladung zu einer außergewöhnlichen Reise: Louis-Hubert Lyautey, der französische Generalresident in Marokko, ermöglicht es ihr, das Land der Berber zu erkunden. Unter Schutz des französischen Militärs reist Wharton sechs Wochen lang „Vom Hohen Atlas nach Fès – durch Wüsten, Harems und Paläste“ (so der Untertitel des Buches). Marokko, das Tor zu Afrika, war bis dahin kaum von Privatreisenden besucht worden, Wharton gelangte an Orte, die Fremden – geschweige denn Frauen – bis dahin verschlossen geblieben waren. Ebba D. Drolshagen, die den Reisebericht ins Deutsche übersetzt hat, schreibt in ihrem informativen Vorwort:

„Unter dem privilegierten Schutz und in Begleitung der französischen Machthaber schlenderte Wharton nicht nur unbehelligt durch Basare und besichtigte Ausgrabungsstätten, sondern erlebte in dieser kurzen Zeit eine erstaunliche Vielfalt spektakulärer, exotischer, im Westen kaum erahnter Dinge: Sie wohnte dem Hammelopfer des Sultans und den religiösen Zeremonien in der heiligen Stadt Moulay Idris bei, schauten den tanzenden Knaben der Chleuhs zu, besuchte ein jüdisches Ghetto, sah als einer der ersten Menschen überhaupt die 1917 wiederentdeckten Saadier-Gräber, und war – last but not least – Gast in den Privaträumen großer Paläste und den Harems der Mächtigen.“

Im straffen Reiseplan sind unter anderem Rabat, Salé, Fès und Marrakesch enthalten. Wharton, die sich schon zuvor als Reiseschriftstellerin betätigt hatte, hatte sich mit den spärlichen und überwiegend französischen Quellen – unter anderem mit Bulletins französischer Archäologen – auf ihr Abenteuer vorbereitet. Präpariert mit fachlichen Kenntnissen und ausgestattet mit der Neugier einer Schriftstellerin verfasst Wharton (die drei Jahre später für „Zeit der Unschuld“ als erste Frau mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet werden sollte) zugleich kenntnisreiche und genaue, ebenso aber sehr sinnliche Texte über diese „terra incognita“, die Marokko für sie und ihre Leser 1917 immer noch ist. Sie schreibt zudem in dem Bewusstsein, dass sie unberührtes Terrain betritt, das, wenn erst  „die Springflut der Touristen“ folgt, einen Teil seines Zaubers verlieren wird.

„Die Kadis in vielschichtigen Baumwollgewändern, die uns an geheimen Pforten erwarteten und durch Bögen und Gänge zu den unvorhersehbaren Wundern von Gärten und Brunnen führten; die schwarzen Frauen mit bunten Ohrringen, die von bemalten Balkonen hinab spähten, die Pilger und Kreaturen, die an heißen Mauern in der Sonne dösten, die menschenleeren Hallen mit Stuckarbeiten und goldenen Pendentifs in gekachelten Nischen; die venezianischen Kronleuchter und protzigen Rokokobetten, die Terrassen, von denen Tauben in weißen Wolken aufstieben, während wir über einen Teppich aus ihren Federn gingen – waren das Geister vergangener Zeiten oder war das wirklich der Ort, an dem ein reicher Kaufmann mit Geschäftsbeziehungen in Liverpool und Lyon lebte, ein Regierungsbeamter, der in diesem Moment in seinem Auto mit sechzig Sachen nach Meknes oder Casablanca raste?“

A propos unberührtes Terrain: Das Maghrebland war schon seit Jahrzehnten zum Zankapfel europäischer Mächte mit ihren kolonialistischen Begierden geworden, 1912 wurde Marokko in ein französisches und ein spanisches Protektorat aufgeteilt, die Deutschen – Wilhelm II. hatte mit einem Besuch beim Sultan 1905 eine Marokko-Krise ausgelöst – hatten das Nachsehen. Wharton reist 1917, im vorletzten Kriegsjahr, also in ein fremdbesetztes Land. Doch die Amerikanerin, die 1916 zum Ritter der Ehrenlegion geschlagen worden war, macht aus ihren Standpunkt kein Geheimnis: Das Buch, das  General Lyautey und dessen Frau gewidmet ist, eröffnet einen Blick auf das Land durch die Augen einer Frau, die mit der scheinbaren Überlegenheit europäischer Zivilisation auf „das Fremde“ blickt: Mal wird die Kultur und Gesellschaft Marokkos als „überreif“ charakterisiert, mal als „unreif“ bezeichnet, durchweg wird der Umgang der Marokkaner mit den Zeugnissen ihrer Kultur und Geschichte kritisiert, wird der wohltuende Einfluss der Franzosen hervorgehoben. So waren die Reiseberichte, die zunächst in einer amerikanischen Zeitschrift und dann 1920 als Buch erschienen, wohl auch eine gelungene Propaganda für die französische Regierung.

Trotz dieses Vorbehalts lohnt die Lektüre von „In Marokko“ auch heute noch. Aufschlüsse über die Situation des modernen Landes, des Königsreichs in der Gegenwart, darf man sich von diesem Bericht dabei allerdings nicht erwarten. Aber als kunsthistorische Reisebegleitung wäre das Buch Whartons eine gute Empfehlung, zumal sie den Reisebeschreibungen auch Abrisse über die marokkanische Geschichte und Architektur beigefügt hat. Wer einmal die Koutoubia-Moschee in Marrakesch, die Qarawīyīn-Moschee in Fès oder den Bahia-Palast gesehen hat, der wird seine Freude daran haben, mit den Augen Whartons auf diese Denkmale der Architektur zu blicken, unbehelligt von Touristenmassen und einheimischen Händlern. In Marrakesch ist Edith Wharton im Bahia-Palast untergebracht:

„Aus weiter Ferne, durch gewundene Korridore, wehte der Duft von Zitronenblüte und Jasmin, vor Tagesanbruch manchmal begleitet vom Zwitschern eines Vogels, bei Sonnenuntergang von der Klage einer Flöte, des Abends immer mit dem Ruf des Muezzins (…). Manchmal, wenn ich auf meinem Diwan lag und durch die zinnoberroten Türen hinausblickte, überraschte ich ein Schwalbenpaar, das aus seinem Nest in den Zedernholzbalken herabkam, um sich am Brunnenrand oder in den Wasserrinnen im Fußboden zu putzen (…).“

Wem dies zu sehr nach romantisierter „TausendundeinerNacht“ klingt – dass sie sich als Frau in einer privilegierten Situation befindet, dessen ist sich Edith Wharton während ihrer Reise durchaus bewusst, kritisch blickt sie – obwohl sonst selbst keinen Hehl aus ihrem Antisemitismus machend – auf die Ghettoisierung der jüdischen Bevölkerung, auf den Umgang mit Sklaven und die Situation der Frauen, die sie in den Harems und Haushalten der Marokkaner kennenlernt. Bei einem Besuch fällt ihr ein Kind auf, ein Sklavenmädchen, gekleidet in Fetzen, das stillschweigend jeden Befehl seines Herrn ausführt. Ebba D. Drolshagen schreibt:

Dieses Kind wurde zum Anlass für ihr schärfstes Urteil über Marokko: „Hinter dem traurigen Mädchen, das an dem Torbogen lehnte, stand das ganze düstere Elend eines Gesellschaftssystems, das dem Islam wie ein Mühlstein am Halse hängt.“

Informationen zum Buch und zur Reihe:

Reiselustigen Lesenden sei die „Edition Erdmann“ im Verlagshaus Römerweg ans Herz gelegt – neben bekannten Klassikern der Reiseliteratur von Humboldt, Darwin und Forster erschienen in dieser Reihe bislang auch etliche Reisebücher von wagemutigen Frauen, die oftmals, ähnlich wie Edith Wharton als Pionierinnen in bis dahin verschlossenen oder gar unbekannten Weltgegenden unterwegs waren.

http://www.verlagshaus-roemerweg.de/Edition_Erdmann.html

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Fritz von Herzmanovsky-Orlando: Der Gaulschreck im Rosennetz

Galschreck

Bild: (c) Michael Flötotto

„Nie betrat Eynhuf sein Amt anders, als mit einem Gefühl aus freudigem Stolz und gebührender Ehrfurcht gemischt.“

Fritz von Herzmanovsky-Orlando, „Der Gaulschreck im Rosennetz“, 1928.

Hofsekretär Jaromir Edler von Eynhuf ist, man merkt es alsbald, ein tumber Tor. Und damit im verschnörkelten Hofstaat des österreichischen Kaisers – die „Wiener Schnurre aus dem modernen Barock“ ist in die Zeit um 1820 angesiedelt – nicht einzigartig. Doch Eynhuf, der seinem Kaiser zum Thronjubiläum eine Kette aus Milchzähnen schenken will, schlägt im Verlauf dieser Posse alle Tumbheits-Rekorde: Auf der Jagd nach dem letzten fehlenden Milchzahn, den er der Opernsängerin Höllteufel, einer wahren femme fatale, entreißen will, erlebt er die skurrilsten Abenteuer. Als Schmetterling verkleidet, sprengt er beinahe einen Ball, verfällt natürlich der aussichtslosen Liebe zur Höllteufelin, lässt Liebestränke brauen, verführt Dienstmädchen und stolpert von einem Fettnäpfchen ins andere. Am Ende alles Malaise, Malaise: Ihm bleibt nur, nachdem er mit dem Milchzahnvorhaben scheitert, sich zu erschießen, das sieht die Konvention vor.

Fritz von Herzmanovsky-Orlando (bei einem solchen Namen kann man wahrscheinlich nur völlig verrückte Schnurren schreiben) hatte „Der Gaulschreck im Rosennetz“ als Auftakt zu einer österreichischen Trilogie geplant. Tatsächlich erschien zu seinen Lebzeiten (1877 – 1954) allerdings nur der Gaulschreck anno 1928. Den Adelsspross focht dies, zumindest in finanzieller Hinsicht, nicht weiter an: Reich geboren, musste er seinen Lebtag lang nie einem Brotberuf nachgehen. Er tobte sich mit dem Schreiben skurriler Geschichten aus, zeichnete wie sein enger Freund Alfred Kubin  – auch der Gaulschreck ist mit seinen eigenen, ganz annehmbaren Illustrationen erschienen –, gab sich gerne dem Okkultismus hin und hegte leider auch eine große Sympathie für die Ideologie des Nationalsozialismus.

Insofern ist es wiederum eine eigentümliche Wendung der Literaturgeschichte, dass ausgerechnet der jüdische Schriftsteller Friedrich Torberg 1957 eine Gesamtausgabe der H.-O.-Werke besorgte und den schreibenden Adelssproß damit dem Vergessen entriss. Seither hat der Schriftsteller des Skurril-Fantastischen eine kleine, aber treue Fangemeinde – und daran ändern auch postume Erkenntnisse über seine abwegigen Ansichten nichts.

Abgesehen von diesen Begleitumständen: „Der Gaulschreck im Rosennetz“ ist wirklich nur empfehlenswert für Menschen, die diesen skurrilen Humor teilen und barock-abschweifende Geschichten mögen. In den 1980er-Jahren begann der Residenz Verlag erneut mit einer großen Werkausgabe zu Fritz von Herzmanovsky-Orlando – der Gaulschreck ist dabei in einer schönen Ausgabe mit den Illustrationen wieder erschienen. Im Spiegel erschien dazu ein Portrait dieses Dichters, dessen Leben selbst Stoff für einen skurrilen Roman wäre – über H.-O. hieß es:

„Die Torberg-Ausgabe prägte das Bild des Dichter-Dandys Herzmanovsky – eines spielerischen Connaisseurs versunkener Zeiten, eines Virtuosen sprachlicher Mimikry und lässiger, monströser Boshaftigkeit; ein Nestroy für die gehobenen Stände.“

Der Artikel in voller Länge bei Spiegel Online.


Perutz, Leo: „Der Meister des jüngsten Tages“ (1927).

Kaffeehausliteratur: Leo Perutz verurteilte seinen Roman – dabei einer seiner publikumswirksamsten – als „Bockmist“. Dabei ist Perutz-Bockmist immer noch hundertmal besser als …
In der NNZ hieß es 2006: „Dieses zum ersten Mal 1927 erschienene Buch spielt vor dem Ersten Weltkrieg. Bei der Suche nach den wahren Gründen für den Suizid eines Offiziers werden die Grenzen zum Detektivroman mit bewussten Anklängen an Sherlock Holmes überschritten, gleichzeitig entsteht durch die sehr rhythmische Erzählweise eine überaus „dichte“ Atmosphäre.“
Doppelbödiges Spiel mit Realitäten, ein Todesfall, viel Eifersucht und leidende Künstler im Wien des Jahres 1909. 1a-Bockmist!
Leo Perutz bei dtv: Leo Perutz Autorenseite.


 

Tschuppik, Karl: „Ein Sohn aus gutem Hause“ (1937).

Einziger Roman des Journalisten Karl Tschuppik (1876 -1937), antifaschistischer Publizist, Freund von Joseph Roth, Anton Kuh, Klaus Mann, etc. Der Roman: A bisserl Schnitzler, a bisserl Zweig, a bisserl Schmäh. Stark in den politischen Passagen. Erzählt wird die Entwicklung eines sensiblen Beamtensohnes, der vom Vater in den Militärdienst gezwungen wird.
Aus der Besprechung bei fixpoetry: „Eher schablonenhaft zeigt der Roman die Stationen einer typischen Herrensohn-Jugend im alten Österreich, er ist eher eine Absolvenz- als eine Adoleszenzgeschichte, es wird kein Reifungsprozess in dem Kavallerieschüler sichtbar, der sich am Vorabend zum Ersten Weltkrieg, noch nicht ganz 18-jährig, freiwillig meldet. Mit dieser Entscheidung endet der Roman: die Erwachsenwerdung erfolgt von außen, der Weltkrieg gibt den Ritterschlag.“

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Imraan Coovadia: Vermessenes Land

Coovadia

Bild: (c) Michael Flötotto

„Neil träumte vom Paradies. Er hatte ein schmales Buch fertiggestellt, in dem er seine Vorstellungen einer Idealgesellschaft erläuterte, das jedoch erst veröffentlicht werden konnte, wenn der Verbotserlass aufgehoben wurde. Aber es war fertig.

In einer Idealgesellschaft gäbe es keine Berufsgruppen. Keinen Platzwart. Keinen ordentlichen Professor. Keinen Studenten, der nicht gleichzeitig Lehrer, Forscher und Handwerker war, jemand, der mit Herz und Hand arbeitete. Es gäbe eine einheitliche Rechtschreibung. Mengen würden in Dezimalzahlen gemessen. In einer Idealgesellschaft gäbe es keine Währung, kein Erbe, kein Gehalt, keine Dividende. Es gäbe weder Konkurrenz noch Wettkampf. Jeder Mann und jede Frau könnten sich einen Platz an der Sonne suchen.“ 

Imraan Coovadia, „Vermessenes Land“, OA 2014, 2016 in der Übersetzung von Susann Urban erschienen im Wunderhorn Verlag, Heidelberg.

An einem Tag im Jahre 1976 spinnt sich der Philosophie-Dozent Neil beim Morgenschwimmen diese utopischen Gedanken aus. Wenige Stunden später ist der weiße Intellektuelle, der bei Sartre in die philosophische Lehre ging, tot. Erschossen von Schergen des Apartheid-Regimes.

Neil und seine erste Frau Ann, die sich später im Londoner Exil für die Anti-Apartheids-Bewegung engagiert, deren künstlerisch ambitionierter Sohn Paul, die Mitglieder einer indischen Großfamilie, ein Widerstandskämpfer, ein Dieb, Aufsteiger und Goldgräber, Widerständige und Nutznießer, Revolutionäre und Rabauken: Der im südafrikanischen Durban geborene Imraan Coovadia lässt in seinem Episodenroman „Vermessenes Land“ eine Vielzahl von Protagonisten die Bühne betreten. Ihre Schicksale sind jeweils mehr oder weniger lose miteinander verknüpft. Sie treten jeweils für einen Tag, der geschildert wird, in den Mittelpunkt einer Episode – zehn Tage, über vier Jahrzehnte verteilt, vier Jahrzehnte, in denen sich die neue Republik von Südafrika herausbildete.

Geschickt entfaltet Coovadia so das literarische Panorama eines Landes, das nach extremster Unterdrückung des zahlenmäßig überwiegenden Anteils der Bevölkerung vom Zweiklassensystem in eine junge Demokratie überführt wurde. „Vermessenes Land“: Der Titel wirkt dabei durchaus doppelbödig. Denn schon während das weiße Apartheid-Regime noch an der Macht ist, ist Südafrika eindeutig vermessen: Hier die Siedlungen der wohlhabenden weißen Elite, der Buren, dort die Townships, in denen die farbige Bevölkerung ihren alltäglichen Überlebenskampf führen muss.

Doch auch nach dem Ende des politischen und strukturellen Rassismus lebt die mentale, ideologisch verankerte Apartheid weiter, wie Coovadia zeigt. Und zudem ist das moderne Südafrika von einer weiteren Art der Landvermessung geprägt. Denn einher mit der Demokratie geht nicht, wie es sich der Philosoph Neil erträumte, eine Gesellschaft der Gleichen. Sondern auch die bis dahin Unterprivilegierten versuchen, am Raubtier-Kapitalismus teilzuhaben: Ob man hier auf dem Schwarzmarkt mit Mobiltelefonen, mit einem Mercedes oder U-Booten jongliert, bleibt sich fast gleich, Hauptsache ist, der Ertrag stimmt. So ist das Land auch nach der Apartheid bereits wieder vermessen, aufgeteilt unter jenen, die nach Jahren des Embargos am wachsenden Wohlstand teilhaben wollen. 

„Sie lebten in einem Land, das es eilig hatte, waren auf dem Weg irgendwohin und jeder wollte, so schnell es ging, reich werden.“

Es ist ein zugleich kritischer und desillusionierter Blick, den Coovadia in diesem Roman – wie durch die Augen eines Neils, der, wäre er nicht getötet worden, zugleich die Erfüllung und das Scheitern eines Traums hätte erleben müssen – auf sein Heimatland wirft.

Das Ende der Rassentrennung wurde blutig erkauft: 

„Wenn du verhaftet wurdest, durften die Zeitungen nicht darüber berichten. Hattest du Glück und kamst wieder frei, ob du gesungen hattest oder nicht, wolltest du nichts mehr sagen. Manche erholten sich nie wieder. Der Freiraum, den Mutter und ihre Schwestern ihrem Helden einräumten, war ungewöhnlich. Unter den Naidoos und Naickers herrschte die Meinung, wer sich in die Politik einmischte, bekam, was er verdiente. Wenn sogar ein Weißer wie der angesehene Professor Hunter in seinem eigenen Haus erschossen wurde, konnte sich ein Inder erst recht nicht aus dem Fenster lehnen.“

Und auch nach der Zeitenwende in Südafrika geht das Bluten weiter. Coovadia beschreibt, ohne jemals seine ruhige Erzählebene zu verlassen und etwaige Sensationsgelüste seiner Leser zu kitzeln, die alltägliche Gewalt, die sich in den Townships entlädt; das Aufkommen der AIDS-Katastrophe, die von der Politik negiert wird; die Kriminalität, die auf den Straßen (auch zu Zeiten der Fußball-Weltmeisterschaft, die wirtschaftlichen Aufschwung bringen sollte) herrscht. 

„Vermessenes Land“ macht deutlich: Dieses Land Südafrika hat noch lange an seiner Vergangenheit zu knabbern. Gerechtigkeit kann nicht ausschließlich politisch hergestellt werden, die Wunden, die das Buren-Regime schlug, sie brauchen noch ihre Zeit zur Heilung.

Interessant an dem Episodenroman ist es, dass er die spezielle Sicht der indischen Bevölkerung in den Blick stellt – für mich war das neu, bislang kannte ich nur die Romane von Nadine Gordimer und J. M. Coetzee sowie das biographische Buch von Breyten Breytenbach („Wahre Bekenntnisse eines Albino-Terroristen“). Zudem lässt der Autor fiktive und reale Figuren auftreten – im Hintergrund fallen natürlich die Namen von Nelson Mandela und Bischof Tutu, Präsident Mbeki, der tatsächlich die AIDS-Seuche ignorierte, kommt in einer Episode als Boss vor. 

Um allen Hinweisen folgen zu können, sind gewisse Kenntnisse notwendig – hier kann man sich beispielsweise bei www.suedafrika.net über den historischen und politischen Hintergrund informieren. 

Literarisch ist der Stil Coovadias zwar (noch) nicht mit dem der beiden Literaturnobelpreisträger seines Landes vergleichbar. Doch Coovadia, der an der University of Cape Town Literaturwissenschaft und kreatives Schreiben unterrichtet, ist ein guter, stringenter Erzähler, der die verschiedenen Fäden seiner Episoden souverän in der Hand hält. Vor allem Dialoge beherrscht er perfekt, sie beleben diesen im Grunde zutiefst politischen Roman und verdeutlichen, dass das auch geht: Engagierte Literatur lebendig schreiben.

Erschienen ist „Vermessenes Land“ in der Reihe „AfrikAWunderhorn“, die deutschsprachigen Lesern zeitgenössische afrikanische Literatur näherbringt. Herausgeberin ist Indra Wussow.

Eine weitere Besprechung findet sich hier:
https://storiesonpaper.net/2017/01/02/10-tage-in-suedafrika-vermessenes-land-von-imraan-coovadia/

Mehr Informationen zum Buch beim Verlag:
http://www.wunderhorn.de/content/buecher/pool/978_3_88423_533_1/index_ger.html

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Anila Wilms: Das albanische Öl oder Mord auf der Straße des Nordens

Wilms

Bild: (c) Michael Flötotto

„Du hast mich gefragt, wie denn die Albaner so seien“, sagte er zu Dan Marvin, als Gibraltar nicht mehr weit vor ihnen lag. „Nun, wenn die Sprache zu herausragenden Werken fähig ist, so auch die Menschen, die sie sprechen. Wie könntet ihr an seinen Ufern vorbeifahren, ohne dieses Land sehen zu wollen? Wollt ihr nicht erleben, wie ein Volk aus jahrhundertelangem Schlaf erwacht, also gewissermaßen von den Toten aufsteht?“

Vor einigen Sommern saß ich zwei Wochen in einem winzigen Dorf auf Korfu fest. An manchen Tagen, so bildete ich mir ein, waren gegenüber die karstigen Hügel und Berge der albanischen Küste zu sehen. Nichts ist anregender für die Phantasie als freie Zeit und eine fehlende Busverbindung. Albanien begann mich zu beschäftigen – ich hatte so meine Klischees und Vorurteile im Kopf, geprägt von Halbhalbwissen und einigen Pressemeldungen über die Berliner Unterwelt. Die Albaner, so das Klischeehafte zusammenfassend, sind ein ursprünglich wildes, zähes Bergvolk, die heute ihre Jagdreviere aus Not und Bedrängnis in die westlichen Großstädte verlagert haben. Der weitaus größere Anteil der Bevölkerung schlägt sich dagegen unter noch schwierigeren Zuständen in der Heimat herum, einer dieser winzigen südosteuropäischen Nationen, die von den Westlern so gerne als das „Armenhaus“ Europas bezeichnet werden. Albanische Literatur? Erst recht ein weißer Fleck auf der Karte – außer Ismail Kadare, „Der General der toten Armee“, war mir nichts bekannt. Von der langen Kultur dieses Volkes weiß ich  – wie wohl die meisten Menschen meiner Umgebung: NICHTS.

Umso gelegener kam mir seinerzeit die Chance, für „We read Indie“ den Erstlingsroman einer jungen albanischen Autorin besprechen zu dürfen. Nun, so ganz hat Anila Wilms es nicht geschafft, mit einem Schlag meine Klischeekiste aufzuräumen. Aber „Das albanische Öl“ ist auch kein Gegenwartsroman über die heute existierende kleine Republik (Verfassung seit 1998) zwischen Montenegro und Mazedonien, sondern führt mitten hinein in die Zwischenkriegszeitwirren, als Albanien plötzlich zum Rummelplatz der Großmächte wurde. Die Schauplätze des Romans – das obligatorische Kaffeehaus, der Marktplatz, die amerikanische Botschaft, die eher einem Bretterverschlag gleicht – all das führt zurück zu den Bildern vom „wilden Albanistan“ und verfestigt den Eindruck, dass es dort „irgendwie anders“ zugeht. Blutrache, Stammesfehden und andere Hinweise auf die albanische Kultur, insbesondere die der Bergvölker, auf die Rolle der Beys und der Stammesältesten tun im Roman ihr Übriges, um die Vorstellungen von einer archaischen Gegend zu verfestigen.

Anila Wilms hat diese Bilder jedoch auch durchaus bewusst gesetzt, fast schon als ironische Akzente, wie sie in einem Interview mit dem DAAD-Magazin verdeutlichte:

„Auf der europäischen Seite ist es vermutlich genauso schwierig, die eigene Weltanschauung zu durchschauen und sich in die Logik einer anderen Kultur hineinzudenken. Die westliche Zivilisation beruht auf Renaissance, Reformation und Aufklärung. Das alles hat der byzantinisch und osmanisch geprägte Balkan verpasst, diese beiden Teile Europas liegen kulturell einige Jahrhunderte auseinander. So wie Albaner diese Kluft nicht so einfach überwinden können, um Deutsche, Amerikaner, Franzosen oder Briten zu verstehen, so können diese auch nicht ohne Weiteres eine vorindustrielle Kultur nachvollziehen, die noch durch und durch traditionell, abergläubisch und voraufklärerisch ist. Was schief geht, ist die Kommunikation – sie kommt einfach nicht zustande.“

Diese Missverständnisse zwischen Orient und Okzident sind das eigentliche Kernthema ihres Romans – am Ende stehen nämlich alle Akteure auf diesem temporären Rummelplatz der Geschichte mit leeren Händen da, gewonnen ist gar nichts.

Die Autorin führt mit ihrem Roman, einer Mischung aus Komödie, Krimi und Satire, zurück in das Jahr 1924. Damals war das Land, das seit jeher unter Fremdherrschaft und wechselnden Einflüssen litt, besonders zerrissen: Zwischen Ende des Ersten Weltkrieges und 1924 wechselten die Regierungen schneller als manche ihrer Protagonisten wohl die Leibwäsche. An jedem Ende zerrte eine Großmacht – denn in Albanien wurden reiche Erdölvorkommen vermutet, die Interessen waren also durchaus lebhaft und aufgeheizt. Anila Wilms greift eine historische Episode auf, anhand der sie das ganze Gespinst der diplomatischen Verwirrungen auffächert: Zwei junge Amerikaner werden auf einer Brücke in den nördlichen albanischen Bergen ermordet (ein wenig erinnert das Szenario an die „Brücke über die Drina“ von Ivo Andric). In der Hauptstadt Tirana löst dieser Mord ein politisches Erdbeben aus – konkurrierende innenpolitische Mächte, die Diplomaten und Agenten des Auslands, insbesondere der USA und Großbritanniens, Journalisten und Geschäftsmänner verfallen in Hektik. Der Mord muss aufgeklärt oder einem politisch opportunen Gegner in die Schuhe geschoben werden – um jeden Preis. In die Schuhe geschoben wird das Attentat einigen Unschuldigen im wahrsten Sinne des Wortes – erste Opfer der Unruhen sind nämlich drei junge Hirten. Sie haben die Tat beobachtet, der Jüngste der Brüder kann nicht widerstehen und holt sich die amerikanischen Edeltreter. Sein Pech, dass sogar belgische Spürhunde auf die Spur gesetzt werden – die drei Hirten werden schnell und unbürokratisch höher gehängt, werden zum Opfer der politischen Irrungen und Wirrungen. Der vergleichsweise schmale Roman ist voller solcher Volten – manchmal macht es die üppige Phantasie der Autorin, die gerne auch die Erzählebenen wechselt, dadurch jedoch etwas mühsam, der Geschichte zu folgen. Etwas weniger Exotik, etwas weniger Nebenschauplätze, weniger Personal – eine stringentere Erzählweise hätte der Geschichte an sich sicher nichts von der Spannung genommen, den Erzählfluss jedoch verstärkt.

Wie die ausländischen Vertreter in diesem Wirrwarr ticken, ist den albanischen Machtmenschen, denen es mehr um ihr eigenes denn das Interesse ihres Volkes geht, bald bewusst: „Vom Geschick der ersten Schachzüge würde alles Weitere abhängen. Fuad Herri hatte längst begriffen, wie man mit den Westlern umgehen musste. Ihr Zorn konnte sehr bedrohlich werden, und Amerika besaß die größte militärische Schlagkraft der Welt.“

1924 in Albanien – 2013 im Libanon: Die Welt dreht sich, aber manche „Spiele“ bleiben eben immer gleich. Auf andere, leichtere Art und Weise als beispielsweise John Dos Passos in seinem „Orient-Express“, fast 90 Jahre zuvor geschrieben, macht Anila Wilms deutlich, wie sehr der Balkan lange Zeit bloßer Spielball der Großmächte war. Ein Erbe, an dem der Landstrich, der später hinter den Eisernen Vorhang fiel, noch lange zu leiden hatte.

Insofern ist die so ironisch anmutende Komödie auch eine politische Parabel. Samt dem tragisch-komischen Ende: Natürlich wird am Ende der Täter aufgedeckt – doch zurück bleiben ein zerrüttetes Parlament, ein desillusionierter Diplomat, dem der letzte Idealismus geraubt wird, und ein zerrissenes Land, das einmal mehr den Machtgierigsten in die Hände fällt.

„Nini, mein Sohn, in dieser letzten Schlacht werden die Fäulnis des Orients und die Leuchtkraft des Okzidents endgültig aufeinander prallen. Laster, Ignoranz und Niedertracht gegen Gerechtigkeit, Aufklärung und Ritterlichkeit!“

So einfach und endgültig, wie sich einer der albanischen Oppositionellen, vom Westen verklärt und beeinflusst, die Lösung wünscht, macht es uns die Geschichte jedoch nicht. Albanien wird noch lange zerrissen bleiben – vielleicht wird Anila Wilms, die mit diesem Roman ein hervorragendes Debüt gegeben hat, in weiteren Büchern von der Entwicklung ihres Landes schreiben. Mit ihr macht es jedenfalls sehr viel Spaß, dieses zwar nahe, aber doch so fremde Land kennen zu lernen.

Anila Wilms selbst ist 1971 in Tirana, der albanischen Hauptstadt, zur Welt gekommen. Als DAAD-Stipendiatin kam sie 1994 nach Berlin. Ihren ersten Roman schrieb sie abwechselnd in deutscher und albanischer Sprache – ein spannendes Experiment, wie ich meine. Für diesen Erstling wurde sie mit dem Förderpreis des Adelbert-von-Chamisso-Preises 2013 und dem Stuttgarter Krimipreis 2013 ausgezeichnet.

Der Roman erschien im Transit Verlag, Informationen zum Buch hier:
https://www.transit-verlag.de/produkt/das-albanische-oel-oder-mord-auf-der-strasse-des-nordens/

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Amanda Lee Koe: Ministerium für öffentliche Erregung

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Sie sang in der Hoteldusche in Penang. Die Badezimmertür war geschlossen, aber vom Bett aus konnte ich sie hören. Es war ein Doppelbett. Sie sang ein Medley aus Beatles-Refrains, aber sie hatte alle Texte verändert. Sie hatte die Stimme einer Frau, die tausend Zigaretten geraucht hatte.
Sie kam heraus und sang „All You Need Is Love“, nur dass sie den Text zu „All You Need Is Love Is A Lie“ geändert hatte. Sie lächelte mich an, während sie sang, und ich lächelte zurück. Sie setzte sich vor den Spiegel, kämmte ihr Haar. Als sie zurück ins Bad ging, um es auszuspülen, ging ich zum Frisiertisch, hielt die Bürste an meine Nase und atmete ihren Duft ein.
Ich ging wieder ins Bett, legte mich auf die Kissen. Ich hörte sie gurgeln, ausspucken, gurgeln, ausspucken. Ich hörte das Wasser rieseln, als sie sich das Gesicht wusch, die kleinen Spritzer. Ich hörte, wie sie den Toilettensitz hochklappte. Ich hörte sie pinkeln. Sie pinkeln zu hören, während ich auf dem Hotelbett lag, brachte mein Herz fast zum Bersten.“

Amanda Lee Koe, „Ministerium für öffentliche Erregung“,  OA-Ausgabe 2013, in deutscher Sprache bei CulturBooks Verlag 2016.

Es bringt einen zum Staunen, mit welcher Abgeklärtheit Amanda Lee Koe über die Liebe in allen ihren Spielarten und Schattierungen schreibt: Beinahe kühl, fast spröde, gänzlich unsentimental und dennoch mitten ins Leserinnenherz treffend. Die Storys der 1987 in Singapur geborenen Schriftstellerin sind im besten Sinne: Cool. Überraschend. Irritierend. So wie die Erzählung „Alice, du musst der Mittelpunkt deines eigenen Universums sein“, aus der das obenstehende Zitat stammt. Alice, die kurz vor dem Studium in London steht, lernt durch Zufall die wesentlich ältere, lebenslustige Jenny kennen. Die beiden werden enge Freundinnen, Jenny reißt die junge Frau mit ihrer Unternehmungslust mit, die Bindung wird immer enger – bis Alice, die sich verliebt hat, sich das aber nicht eingestehen will, zurückzieht, den Kontakt abbricht. Als sie Jenny nach einigem Abstand nochmals aufsuchen will, erfährt sie vom Tod der älteren Frau, die an Krebs litt – zu spät für eine Aussprache, zu spät für eine Versöhnung. Was bleibt, ist die Erinnerung an die Geräusche in einem Hotelzimmer, die späte Gewissheit, dass da Liebe war …

Vor allem von diesen unausgelebten, den unerwiderten, den einseitigen Lieben erzählt Amanda Lee Koe. Ganz ruhig, klar und unsentimental wie in „Liebe ist keine große Wahrheit“:

„Es gibt auf der ganzen Welt kein Ich kann ohne dich nicht leben du kannst ohne mich nicht leben. Die Erde dreht sich. Die Zeit vergeht. Reis wird gegessen. Wer kann das widerlegen?“

Eine ältere Frau erzählt: Wie ihr Gesicht durch einen Unfall entstellt wird. Wie ihr Mann sie daraufhin verlässt. Wie sie ihr Bett weggibt: „Depression ist leicht,  wenn man ein Bett hat.“ Wie sie irgendwann erkennt:

„Ich hatte nun meine Unabhängigkeit davon, Ehefrau zu sein, Mutter, sogar Frau. Ich war einfach ich. Ich fühlte eine unglaubliche Freude, die sich in meinem Körper ausbreitete. Ich bestritt meinen Alltag, als hätte sich nichts geändert – und tatsächlich hatte sich nichts geändert, aber ich wusste, dass dies der Anfang von etwas Neuem war und dass dieses Etwas bis an mein Ende andauern würde.“

Nicht alle Frauen in diesen Erzählungen sind Siegerinnen, Überlebende, wie beispielsweise die Kunstkuratorin in „Karussell & Kastell“, die zunächst das machohaft-verbrämte Pseudophilosophieren eines Künstlers und im Anschluss ein verheerendes Attentat auf dessen Ausstellung überlebt. Andere, so beispielsweise eine chinesische Wanderarbeiterin, die in Singapur als Hausangestellte ausgenützt wird, ein traumatisiertes Vergewaltigungsopfer, das auf Liebe und Zugehörigkeit hofft, sind alles andere als auf der Siegerseite – und dennoch wohnt auch dieser Protagonistin eine Stärke inne, wie sie fast alle der weiblichen Figuren in diesen Erzählungen in sich tragen.

Es sind jüngere und ältere Frauen, die auf der Suche sind: Nach Liebe, Anerkennung, Beziehungen, vor allem aber nach ihrem eigenen Platz in der Welt. Sie kämpfen um ihre Autonomie.

Universelle Themen vor einem speziellen Hintergrund: Die Glitzermetropole Singapur, die Stadt mit den höchsten Lebenshaltungskosten weltweit, multiethnisch, hektisch, ein Schmelztiegel von Ost und West. Schmelztiegel und Trennlinie – denn in einer der größten Finanzmetropolen scheiden sich nicht nur Arm und Reich, sondern treffen zudem moderne, westliche Lebensweise mit traditionellen, konfuzianisch geprägten Rollenmustern zusammen. Konfuzius, so wird in einer der Geschichten zitiert, habe die Stellung der Frau dem Mann nachgeordnet – und so bewegen sich die Heldinnen dieser Geschichten in einem Spannungsfeld zwischen konservativen gesellschaftlichen Normen, persönlicher Entwicklung und dem Wunsch nach individueller Freiheit.

„Ministerium für öffentliche Erregung“: Ein literarisches Debüt, das öffentliches Aufsehen erregte –  und dies zu Recht. Amanda Lee Koe erhielt 2014 für das Buch den Singapore Literature Prize for English Fiction, ihr Storyband führt außerdem derzeit die Litprom Bestenliste „Weltempfänger“ an. Ins Deutsche übersetzt wurden die Erzählungen von Zoë Beck.

Verlagsinformationen zum Buch:
http://www.culturbooks.de/portfolio/amanda-lee-koe-ministerium-fuer-oeffentliche-erregung-storys/

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Kinderbücher von Erika Mann, Marlen Haushofer und Hilde Domin

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Bild: (c) Michael Flötotto

Ihre Namen bringt man mit herausragender Lyrik in Verbindung, mit einem Klassiker der zeitgenössischen Literatur, mit engagiertem politischen Schreiben, mit Exilliteratur, mit Kabarett und modernen Romanen – kurzum mit Erwachsenenliteratur. Doch Hilde Domin, Erika Mann und Marlen Haushofer, sie alle drei schrieben auch ganz bezaubernde und bemerkenswerte Bücher für Kinder und Jugendliche.

„Ich lebte auf einer Insel, die war ganz anders als die Inseln, die ihr kennt. Nachmittags pünktlich um fünf flogen Papageien über das Haus, eine grüne Wolke. Wie Tauben, aber eben grün. Sie kreisten nicht, sie flogen vorbei, und sie unterhielten sich sehr laut, in ihrer eigenen Sprache.“

Hilde Domin, „Die Insel, der Kater und der Mond auf dem Rücken“, 1966

Hilde Domin (1909-2006) verbrachte 22 Jahre ihres Lebens im Exil – einen Großteil davon in der Dominikanischen Republik. Domin, die mit Mädchennamen Löwenstein hieß und nach ihrer Verheiratung Hilde Palm, veröffentlichte ihre Gedichte nach der Rückkehr nach Deutschland 1954 unter dem Pseudonym „Domin“. Abgeleitet von der Insel, auf der sie zum Schreiben fand, die zum Zufluchtsort geworden war. Doch nicht zur reinen Insel der Seligen: Das Andersbleiben in der Fremde, das Leben zwischen verschiedenen Welten, dies kommt auf ganz poetische Art und Weise auch in den Erzählungen über den kleinen Kater Gogh zum Ausdruck. Der Lyrikerin war auf der Insel selbst ein einohriger Kater zugelaufen, der sie Jahre später zu der Geschichte inspirierte. Gogh ist der sprichwörtliche „schwarze Kater“, dem, weil er anders ist als andere Katzen, alles Unheil zugeschrieben wird. Das „Anderssein“: Ein Thema, mit dem Hilde Domin zunächst als Jüdin in ihrem Heimatland, dann als Exilantin auf der Flucht ständig konfrontiert war. Aber auch ein Thema, das Kinder immer wieder bewegt.

Hilde Domin hatte ansonsten nur für Erwachsene geschrieben. Die Texte um den Kater Gogh blieben eine Ausnahme. 1966 wurde sie von der Kinderbuchverlegerin Gertraud Middelhauve gebeten, einen Text für Kinder zu verfassen. So entstand der »Bericht von einer Insel«, der in der Anthologie »Dichter erzählen für Kinder« veröffentlicht wurde. Unter dem Titel „Die Insel, der Kater und der Mond auf dem Rücken“ wurde die Geschichte zum 100. Geburtstag der Dichterin im Jahr 2009 vom S. Fischer Verlag veröffentlicht, illustriert von Alexandra Junge.


„Seit Christoph Bartel zehn Jahre alt war, durfte er allein bei den Booten sein und aufpassen. Er hatte auch eine schwarze Ledertasche umhängen wie ein erwachsener Straßenbahnschaffner und wußte genau, daß eine halbe Stunde Kahn fahren dreißig Pfennige kostete, wenn die Leute selber ruderten. Wenn aber er ruderte, Christoph– Stoffel, kostete sie fünfzig Pfennige, und in diesem Fall war er besonders stolz. Natürlich ging das alles nur nachmittags, denn vormittags war Schule, und Stoffel war sogar ein ziemlich guter Schüler. «Vom Schlechtsein hat man bloß Ärger», pflegte er zu sagen, «und schließlich sind die Lernsachen ja alle ganz ulkig – man muß sie sich nur richtig zurechtlegen.»“

Erika Mann, „Stoffel fliegt übers Meer“, 1932

Eine ganz andere Seite zeigte die sonst so scharfzüngige Kabarettistin und Journalistin Erika Mann (1905-1969) in den insgesamt sieben Kinderbüchern, die sie schrieb. Vor allem das erste davon, das 1932 erschienene „Stoffel fliegt übers Meer“ (als Taschenbuch beim Rowohlt Verlag erhältlich) fand großen Anklang. Gewidmet war es ihren jüngeren Geschwistern Elisabeth und Michael: „Für Medi und Bibi, weil sie meine Geschwister sind, und weil sie es gerne wollten“. Die Illustrationen dazu steuerte ihr Jugendfreund Richard Hallgarten bei. Das Buch erschien kurze Zeit nach dem Suizid des Malers und Grafikers, der sich im Mai 1932 das Leben genommen hatte – eigentlich wollte Erika Mann Hallgarten mit diesem Projekt Lebensmut geben, doch er war nicht zu halten.

Das Buch erzählt vom zehnjährigen Stoffel, der zum Unterhalt seiner Familie durch Bootsvermietungen etwas beisteuert. Die Weltwirtschaftskrise macht sich auch in der ländliche Idylle bemerkbar: Das Geld fehlt an allen Ecken und Enden. Daher will Stoffel den reichen Onkel Sepp im sagenhaften Amerika besuchen. Er gelangt über verschiedene Stationen tatsächlich in den Zeppelin nach New York und erlebt dabei etliche Abenteuer – mit Happy End.

Im Hause Mann hatten Kinderbücher Tradition: Schon Erikas Vater und Onkel – Thomas und Heinrich, müßig zu erwähnen – hatten ihren jüngeren Geschwistern ein „Bilderbuch für artige Kinder“ gewidmet. Erika setzte als älteste Tochter von Klaus Mann diese Tradition fort. Neben Szenen aus den Kinderspielen, die die jungen Manns so trieben, gingen auch viele authentische Erlebnisse in den „Stoffel“ ein, Urlaubsabenteuer im bayerischen Land oder auch die Weltreise, die Erika und Klaus Mann 1927 unternommen haben. Das Kinderbuch ist auch heute noch herzerwärmend und lesenswert. Marcel Reich-Ranicki schrieb 1989 über Erika Manns Texte für Kinder: „Die flotten und phantasievollen Kinderbücher, in denen sie bisweilen den Großmeister dieses Genres, Erich Kästner also, heiter nacheiferte, hatten viele Leser (…). Es seien dem Stoffel daher viele neue Leser gewünscht.“


„Als er noch ganz winzig war, nannten ihn die Menschen Peter. Er lag bei seiner Mutter Tschitschi in einem weichgepolsterten Korb, und es ging ihm sehr gut. Seine Mutter war weich und warm, roch sehr angenehm und versorgte ihn mit süsser Milch. Manchmal juckte ihn etwas, aber er wusste nicht, dass es ein Floh war, und er vergass den kleinen Schmerz gleich wieder. Seine Mutter war eine zarte silbergraue Katze, die sehr viel auf Reinlichkeit hielt und ihn immer wieder sauberleckte. Sein Vater war der ärgste Raufbold der Stadt, sein Grossvater ein riesiger Dorfkater, der berühmt war wegen seiner Stimme, und einer seiner fernen Urahnen war ein Wildkater gewesen. Von ihm stammte die schöne Zeichnung auf Peters Fell und sein unbändiges Temperament.“

Marlen Haushofer, „Bartls Abenteuer“, 1964.

Bei Marlen Haushofer (1920-1970) denkt man unwillkürlich auch an „Die Wand“, das berühmteste Buch der österreichischen Schriftstellerin. Neben ihren Romanen und Novellen veröffentlichte sie jedoch auch eine ganze Reihe Kinder- und Jugendbücher. Lange Zeit war die Wahrnehmung eine andere – die Autorin war nach ihrem Tod zwar noch einigermaßen wegen ihrer Kinder- und Jugendbuchliteratur im Gedächtnis geblieben. Ihre weitaus schwierigeren, dunkleren Werke für Erwachsene wurden vergessen, nach ihrem Tod war es still geworden um ihre literarischen Werke. Erst mit der Neuauflage von “Die Wand” 1983 schenkte man Haushofer als einer Vertreterin feministischer Literatur wieder die ihr gebührende Aufmerksamkeit.

Zurück zu den Kinderbüchern: Das bekannteste davon ist wohl die 1964 erschienene Roman um den kleinen Kater Bartl, der in eine Familie kommt, sich dort zurechtfinden muss und beim Erwachsenwerden einige Abenteuer und kleinere Katastrophen übersteht. Freunde der Autorin versicherten später, der Roman gebe auch ein Abbild von Marlen Haushofers Familie, doch das Ehe- und Familienleben der Autorin waren bei weitem nicht so idyllisch, von Trennungen und Zwistigkeiten geprägt. Über die Hauskatze Iwan, wohl ein Vorbild für den Bartl, sagte Haushofer einmal, er sei das einzige Wesen in der Familie, über das es keine Streitigkeiten gäbe.

Ob nun ein herbeigeschriebenes und –gesehntes Familienidyll oder nicht: Der Roman mit seinem leicht naiven Ton ist dennoch für kleiner Kinder auch heute noch (vor-)lesenswert und stellenweise, um ihn mit diesem altmodischen Ausdruck zu bedenken, auch ganz „entzückend“.

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Zelda Fitzgerald: Himbeeren mit Sahne im Ritz

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Die Blätter der Ulmen schablonierten ein schwarzes Fries auf den Gehweg, und hemdsärmelige Männer ließen hohe, warme, nach Gummi riechende Wasserbögen auf Prunkwinden und Bermudagras niedergehen, bis die Luft von einem frischen Grasduft erfüllt war und die Damen hinter den dichten Blumenranken eine kurze Weile ohne Fächer auskamen. Die ganze Stadt wartete auf die abendliche Neun-Uhr-Brise und lag so reglos da, dass man die scharrenden Räder der Straßenbahn, die sich bergan mühte, noch sechs Straßen weiter hören konnte. Die Mädchen, die sich in den Häusern auf den Tanzabend vorbereiteten, hatten die Wahl zwischen schweißtreibender Hitze und den krampfartigen Windstößen aus dem Ventilator.“

Aus „Ein Südstaatenmädchen“: Zelda Fitzgerald, „Himbeeren mit Sahne im Ritz“, Erzählungen, 2016, Manesse Verlag.

Man kann die Hitze der Südstaaten spüren. Und sinkt beim Lesen vielleicht auch aufgrund der Wortkaskaden ein wenig müde zurück. Krampfartige Windstöße.

Zuviel Schönheit kann irritieren. Absolute Perfektion langweilen. Das Streben danach bemüht wirken. Sie perlen, diese Erzählungen von Zelda Fitzgerald (1900 – 1948). Manchmal wie Champagner. Aber manches Mal perlen sie auch ab. Man fühlt sich ein wenig ermattet nach so viel wohlformulierter Eleganz. Diamanten und Talmi.

Die warmtönende Leichtigkeit, die diese Geschichten prägt – es wird gelegentlich spürbar, dass dahinter harte Arbeit stand. Dass da eine junge Autorin noch ihren Weg suchte. Vielleicht die Formel, die das Leben Zeldas prägte: Das Glamourgirl des Jazz Age, das sich hinter den glänzenden Kulissen mit eiserner Disziplin und unheimlich angestrengt (so trainierte sie wie besessen in einem Alter, in dem andere das Tutu an den Nagel hängen, für eine Ballettkarriere) sein Leben mit Sinn füllen wollte und nicht nur den nächsten Kelch mit Champagner.

Vor allem wollte Zelda Fitzgerald wohl auch eines: Mehr sein als die exaltierte Muse ihres berühmten Mannes, F. Scott Fitzgerald. Ihre Erzählungen, die nun im Manesse Verlag gebündelt erschienen, sind zum Teil schon bekannt – sie wurden jedoch größtenteils als Gemeinschaftswerk von Scott und Zelda veröffentlicht, oder sogar, wie „Our Own Movie Queen“, ganz ihm zugeschrieben. Zwar vermerkte Scott zu dieser Erzählung in seinem Tagebuch, Zelda habe den hauptsächlichen Anteil geleistet – aber sie musste zurückstehen. Für die Geschichten ihres Mannes wurde einfach mehr bezahlt. Und Geld hatten die beiden bei ihrem Lebensstil immer bitter nötig.

Die Ehe der beiden war trotz enormer gegenseitiger Anziehung stets auch von Ungleichheit und Konkurrenz geprägt. Zudem durch seinen Alkoholismus und ihre psychische Erkrankung belastet. Ein Leben im vagen Gleichgewicht, zerbrechlich, schwankend, ein Drahtseilakt bis zum dramatischen Ende. Dieses Balancieren auf dem Hochseil der Gefühle – es ist in diesen Erzählungen, die überwiegend in den Jahren 1929 bis 1931 veröffentlicht wurden, bereits angelegt und spürbar. Man merkt, trotz einiger Mängel: Es hätte sich bei diesen Anlagen, wäre ihr Leben anders verlaufen, eine großartige Schriftstellerin entwickeln können.

Zelda, ab 1930 immer wieder für lange Phasen in stationärer psychiatrischer Behandlung, schreibt 1932 innerhalb weniger Wochen den Roman „Save me the waltz“, der (wie einige ihrer Erzählungen) in seiner Südstaaten-Melodie deutlich an Truman Capote erinnert. Mit dem letzten Walzer liegt zudem der Nachweis vor: Sie hatte es, sie konnte es. Doch es ist wohl bei diesem Roman und einem Theaterstück geblieben – 1940 kam Zelda Fitzgerald bei einem Brand in einer psychiatrischen Klinik ums Leben.

Vielleicht ist es ein Selbstbildnis, das  ihrer Erzählung „Die erste Revuetänzerin“ zugrundeliegt:

„Und auch Gay lebt weiter – in den vielen ruhelosen Seelen, die auf ihrer mondänen Wallfahrt über die Kontinente ziehen, die in muffigen Kathedralen nach dem verlorenen Zauber gebräunter Rücken und sommerlicher Strände suchen, die sich nach Stabilität und Pflichterfüllung sehnen, ohne recht daran zu glauben; in allen Menschen, die eine Schiffsreise zu einer ungezwungenen Angelegenheit mit Abendgarderobe und Diamantschmuck machen und das „Ritz“ zu dem, was es ist.“

Revuetänzerinnen, Kleinstadt-Schönheiten, die von der Leinwand träumen, Mädchen mit Talenten, auch fragwürdigen, Lebensglücksucherinnen: Zelda Fitzgerald schrieb über eigenständige, selbstbewusste Frauen, die sich, bei aller Abgeklärtheit, dennoch in romantischen Stricken verfangen. It-Girls mit Macken und Sehnsüchten. Und die besseren der insgesamt elf Erzählungen überzeugen, weil Zelda ihr Bestreben nach eleganten Formulierungen durch leise Ironie, durch warme Spöttelei durchbricht. Es gehen haarfeine Risse durch die Glitzerwelt – und das macht diese Stories lesenswert.

Irgendwie muss man diese verwöhnten, erfolgs- und lebenshungrigen jungen Frauen trotz ihres Narzissmus, der durch die Zeilen klingt, dann doch einfach mögen, wenn man Sätze wie diese in der Erzählung „Ein Mädchen mit Talent“ liest:

„Sie gönnte sich Masseure, die sie jeden Morgen behandelten, zu viele Sidecars vor dem Mittagessen und Unterwäsche, in der man tot aufgefunden werden wollte.“

Verlagsangaben zum Buch:
https://www.randomhouse.de/Buch/Himbeeren-mit-Sahne-im-Ritz/Zelda-Fitzgerald/Manesse/e489887.rhd

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