Hilmar Klute: Oberkampf

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Bild von Walkerssk auf Pixabay

„Jonas bekam wieder richtig Lust, sich mit Steins egomanischer Literatur zu befassen. Hatte der Alte denn nicht recht? Galt es nicht, sein eigener Roman zu werden, losgelöst von den Zumutungen der Geschichte und der Wirklichkeit?“

Hilmar Klute, Oberkampf, 2020.

Was anfangen mit einem Leben, wenn man mit Anfang 40 schon alles hat und einen im Grunde nichts mehr interessiert? Leidenschaften und Träume mit dem „modernen Erfolgsmenschenalltag“ nicht kompatibel sind? Hilmar Klute, Chef der Streiflicht-Redaktion der Süddeutschen Zeitung, begeisterte mit seinem federleicht geschriebenen Romandebüt „Was dann nachher so schön fliegt“ Kritik und Leser gleichermaßen. Dort stand dem Protagonisten noch die ganze Welt offen, waren Träume – unter anderem vom Dasein als Schriftsteller – noch möglich. In seinem zweiten Roman, „Oberkampf“, sendet der Schriftsteller nun einen rund 20 Jahre älteren Protagonisten auf Sinnsuche, einen, der seinem selbstgeschaffenen „Museum der Ereignislosigkeit“ entkommen und ebenfalls als Schriftsteller leben möchte.

Jonas Becker, ein typischer Vertreter der „Agenturen-Generation“, lässt Frau, Job, Wohnung, sein ganzes bisheriges Leben in Berlin zurück, um in Paris neu anzufangen. Der Zufall will es, dass er in der Nacht vor dem Attentat auf die französische Satirezeitung „Charlie Hebdo“ in der französischen Metropole ankommt und sein kleines Appartement in der Rue Oberkampf nahe der Redaktion liegt. Der Anschlag ist ein Ereignis, das die jungen Franzosen, die Jonas in dieser Nacht kennenlernt, bis auf den Kern erschüttert. Insbesondere Christine, die später seine Geliebte wird, will wissen, woher der Hass und der Zorn aus den Banlieues stammen. Jonas dagegen verfolgt die Vorgänge, die Welle der Gewalt, beinahe kalt und analytisch: „Er konnte nichts mehr für dieses Land tun – dieser Gedanke, der aberwitzig und anmaßend war, begann sich in seinem Kopf festzusetzen.“  Für Jonas scheint es klar, dass der Terror, der in jenen Tagen in die europäischen Städte einzieht, sich nicht auf eine Weise erklären ließ, „die über das bloße soziologische Ereignis hinausging“.

Ebenso distanziert und beinahe gleichgültig geht Klutes Protagonist jedoch nicht nur mit den politischen Ereignissen um, sondern auch mit den kleineren und größeren menschlichen Katastrophen, die sich in seinem Leben ereignen. Angetreten in Paris, um die Biographie eines egomanischen Schriftstellers zu schreiben, verliert Jonas bald das Interesse an dem Job und dem von ihm bewunderten Richard Stein. Zwar begleitet er diesen auf dessen Suche nach dem drogenabhängigen Sohn in die USA, doch auch dort bleibt er auf Abstand, betrachtet er die Welt distanziert: „Es gab kaum etwas Falscheres auf der Welt als diese Landschaft“.

Bei einem schlechteren Erzähler als Hilmar Klute könnte sich die Beschreibung eines gelangweilten Mannes in vorgezogener Midlife-Crisis schnell auf das Gemüt des Lesers schlagen und Langeweile bei der Lektüre verursachen. Doch Klute hat seinen Stoff gut im Griff, bis hin zur bitteren Pointe ganz am Schluss: Jonas, endlich bereit, sich wirklich von allen Lebensfesseln zu befreien, betritt den Pariser Club Bataclan, um ein Konzert der Band „Eagles of Death Metal“ zu besuchen …

Klute lässt seinen neuen Protagonisten nicht mehr so hoch und leicht und unbeschwert fliegen, vielmehr ist nun eine leise, untergründige Melancholie in sein Schreiben eingezogen. Dieses Psychogramm eines überdrüssigen, am Leben eigentlich unbeteiligten Mannes stellt ganz leise und behutsam entscheidende Fragen: Unter anderem die, wie man sein eigenes Leben mit Sinn und Gehalt erfüllen will, wenn der Tod in Form des Terrors hinter jeder Clubtür lauern kann.

Aber wie der Vorgänger, an dem jeder Roman eines Schriftstellers gemessen wird, ist auch dies ein Buch, das durch seine wunderbare Sprachkraft glänzt. Ganz wenige missglückte Bilder (was ist ein „entzündlich glänzender Mann“ oder warum muss die Metro als „immer bereit gestellter Fahrdienst“ bezeichnet werden?) durchbrechen diese ausgefeilte Sprache, in die man gut und gerne abtauchen kann. Hilmar Klute verbeugt sich mit seinem zweiten Roman auch vor Leonard Cohen, dem im Buch eine wunderbare Referenz erwiesen wird. Da gibt es Parallelen: Beide Künstler sind Suchende, Zweifelnde, Hinterfragende, die mit dem wunderbaren, einzigartigem Talent gesegnet sind, der Melancholie ihre Schönheit zu belassen.

Bibliographische Angaben:
Hilmar Klute
„Oberkampf“
Verlag Galiani Berlin, 2020
Gebunden, Lesebändchen, 320 Seiten, 22,00 Euro
E-Book 18,99 Euro
ISBN 978-3-86971-215-4


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Joachim Ringelnatz – Malerstunde

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„Dachgarten der Irrsinnigen“, 1925, Öl auf Leinwand, Clemens-Sels-Museum Neuss.

Malerstunde

Mich juckt`s,
Doch ich kann mich nicht jucken,
Weil meine Finger voller Farbe sind.

Dabei habe ich den Schlucken.
Wenn ich den Pinsel – – Hupp schluckt`s.

In meinem Fliegenspind
Summt eine Fliege grollend,
Eingesperrt, hinauswollend.
Keine Fliege lebt von Worcester-Sauce.

Ach, Hunger tut weh.
Aber er schont die Hose
Und macht sie locker.

Ha! Jetzt habe ich eine Idee!
Weh! Aber keinen Lichten Ocker.

Joachim Ringelnatz in: „Gedichte dreier Jahre“

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„Kindheit“, 1928, Öl auf Leinwand, Privatbesitz

Reich (an Geld) war Ringelnatz in seinem Leben nie. Aber an Talenten. Und in der Zeit, als er sich mehr und mehr dem Malen zuwenden konnte, ging es ihm nicht ganz so schlecht wie dem armen Pinsel in der „Malerstunde“ – die Farbe Ocker konnte er sich leisten und er machte auch Gebrauch von ihr. Davon zeugt derzeit eine Ausstellung im erst im Dezember 2015 eröffneten „Zentrum für Verfolgte Künste“ im Kunstmuseum Solingen. Mit „Es war einmal ein Bumerang – Der Maler Joachim Ringelnatz kehrt zurück“ ist dort die erste Sonderausstellung zu sehen und zugleich die erste umfassende Werkschau zum malenden Ringelnatz. Da schlägt mein Herz im Muschelkalk gleich doppelt hoch.

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„Flugzeugblick“, 1928, Öl auf Leinwand, Privatbesitz

Ich selbst werde es bis zum Ausstellungsende am 17. Juli nicht mehr nach Solingen schaffen, um die 50 Originalwerke des Malers Ringelnatz bestaunen zu können – aber Ingrid von „Stift und Schrift“ war liebenswürdigerweise sozusagen für mich vor Ort und vom Zentrum selbst wurde ich mit umfangreichem Pressematerial versorgt. Ich hoffe sehr, dass die Ausstellung irgendwann in den Süden der Republik wandert – „zeichnen“ die Gemälde des Malers doch noch einmal ein anderes Bild vom Menschen und Künstler Ringelnatz selbst, wie auch Jürgen Kaumkötter – neben Ringelnatz-Biograph Hilmar Klute – Kurator der Ausstellung im Vorwort zum Katalog hervorhebt:

„Am Ende seines Lebens überstrahlt der Maler Ringelnatz den Dichter. Als er im November 1934 stirbt, waren die Weichen des Vergessens seiner Bilder jedoch schon gestellt und wir können nicht nur den Nationalsozialisten und der »Aktion Entartete Kunst« alleine die Schuld in die Schuhe schieben, die natürlich die Auslöser des Verschwindens des Malergenies waren. Es ist auch die Nachkriegsgesellschaft und die jahrzehntelang ignorante Kulturlandschaft, die den ernsten Maler Ringelnatz nicht zur Kenntnis nehmen will. Zu anders, zu eigenständig, zu weit entfernt ist das, was er malt, von seiner beliebten Dichtung. Er liefert als Maler dem Publikum nicht den anarchistischen Entertainer. Wir wollen den lustigen, den tollkühnen Ringelnatz mit seinen feinfühligen Versen, wir wollen uns aufgehoben fühlen, nicht mit unseren Urängsten konfrontiert werden. Nun kehrt der Maler mit der ersten umfassenden Werkschau zurück.“

Als Ringelnatz-Leserin wußte ich schon, dass das tanzende Seepferdchen immer wieder auch den Zeichenstift zückte – seine „Kinderbücher“ sind ein Beweis für das begabte Multitalent, hier und dort waren in einzelnen Ausgaben auch Skizzen und Illustrationen aus seiner Hand eingestreut. Neben George Grosz sollte vor allem die enge, lebenslange Freundin Renée Sintenis (die auch die berühmte Ringelnatz-Büste anfertigte) ausschlaggebend dafür gewesen sein, dass zum Talent die Technik hinzukam – sie unterstützt ihn in seiner Doppelbegabung, 1923 folgt die erste Ausstellung in Berlin, weitere Ausstellungen mit großem Erfolg schließen sich dem an, später gibt er im Telefonbuch als Berufsbezeichnung „Kunstmaler“ an.

Dennoch: Lange blieb Ringelnatz nur als der verspielte, humorvolle Wortschmied im kollektiven Gedächtnis (auch seine melancholische literarische Seite wurde kaum oder ungern wahrgenommen), der Maler Ringelnatz geriet ganz in Vergessenheit. Dabei umfasst das Werkverzeichnis – erst im Jahre 2000 wurde dank eines Forschungsprojektes an der Universität Göttingen ein erstes erstellt, unter www.ringelnatz.online wird dies seither fortgeschrieben) – knapp 250 Bilder! Viele davon jedoch verschollen, verloren, ver… – doch ein Ringelnatz verschwindet nicht, der Bumerang kehrt zurück… So sind in Solingen auch Reproduktionen verschollener Werke zu sehen.

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„Auf dem Kohlendampfer“, 1926, Öl auf Leinwand, Privatbesitz

Wo die Werke des Malers geblieben sind, darüber schreibt Jürgen Kaumkötter im Katalog:
„Die Blaupause des Vergessens und Übersehens ist klar und deutlich. Die Zeit als aktiver Künstler war zu kurz. Die damaligen Verkäufe gingen fast ausschließlich in Privatsammlungen. Heute ist die Hälfte des bekannten Werkes verschollen oder zerstört und aus den Privatsammlungen gelangte nur wenig in öffentliche Institutionen. Wenn jemand einen Ringelnatz hatte, gab man ihn nicht wieder her. Die Nationalsozialisten und ihr zerstörerisches Echo in beiden Deutschlands besorgten den Rest. Zwei Jahre lebt Ringelnatz noch unter der nationalsozialistischen Diktatur, die sich auch an seinem schmalen bildkünstlerischen Werk verging, dann starb Ringelnatz und das Werk des Malers geriet in Vergessenheit. Das Bild »11 Uhr nachts« wurde aus der Berliner Nationalgalerie entfernt, aufgekauft vom Kunsthändler Wolfgang Gurlitt. Die letzte Spur hinterlässt das Bild auf der Rückseite eines Fotos aus den 1930er-Jahren: jetzt sei es in Düsseldorf. Es ist bis heute verschwunden.“

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„Elefant im Sturm“, 1927, Öl auf Leinwand, Privatbesitz

Was macht den Maler Ringelnatz nun so besonders? Im leider bereits vergriffenen Ausstellungskatalog kann man sich ein ungefähres Bild davon machen – Gemälde wie „Flucht“, „Nächtliches Gelage“ oder auch „Herbstgang“ sind von einer eigenartigen düstereren Wucht, trotz der teils naiv-verspielten Figurenzeichnung. Namhafte Kunstexperten und Schriftsteller – darunter Alain Claude Sulzer, Peter Wawerzinek und Stefan Koldehoff – würdigen in ihren Katalogtexten den malenden Ringelnatz, Jürgen Kaumkötter schreibt sehr treffend über ihn:

„Ringelnatz ist seine eigene Insel. Die Bilder reflektieren nicht die äußere Welt. Die damals üblichen Motive streift er noch nicht einmal. Auch wenn der Mensch klein wird vor der Urgewalt der Natur und der Ohnmacht gegenüber seinem Unbewussten, sind Ringelnatz’ Bilder kein Manifest des Misstrauens. Sie zeigen, dass der Mensch mit seinem Weltschmerz alleine bleibt.“

Die Ausstellung „Es war einmal ein Bumerang. Der Maler Joachim Ringelnatz kehrt zurück“ ist bis zum 17. Juli im Zentrum für verfolgte Künste zu sehen: http://www.verfolgte-kuenste.de/

Für alle Abbildungen liegt das Copyright beim Zentrum für verfolgte Künste.

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„Treibende Schollen“, 1928, Öl auf Leinwand, Privatbesitz

 

Alexander Kluy: Joachim Ringelnatz. Die Biographie

Ich komme und gehe wieder,
Ich, der Matrose Ringelnatz.
Die Wellen des Meeres auf und nieder
Tragen mich und meine Lieder
Von Hafenplatz zu Hafenplatz.

Ihr kennt meine lange Nase,
Mein vom Sturm zerknittertes Gesicht.

Daß ich so gerne spaße
Nach der harten Arbeit draußen,
Versteht ihr daß?

   Oder nicht?

Aus den im Nachlass veröffentlichten Kasperle-Versen.

Es scheint derzeit eine regelrechte Ringelnatz-Renaissance zu geben. Denn wenige Tage nach der bereits hier vorgestellten Biografie, die im Galiani Verlag erschien, legte auch der Osburg Verlag ein Ringelnatz-Buch vor. Jahrelang musste man die Informationen über den reisenden Artisten, Verseschmied und Kunstmaler aus verschiedensten Quellen zusammenkratzen – und nun kommt er im Doppelpack. Da tanzt das Seepferdchen.

Während Hilmar Klute sich in seinem „War einmal ein Bumerang“ jedoch mit fluffig-leichter Feder durch das abenteuerliche Leben des Joachim Ringelnatz schreibt, kommt das von Alexander Kluy verfasste Buch mit dem Titel „Joachim Ringelnatz. Die Biografie“ weitaus gewichtiger daher. Schon vom Volumen: Kluy bringt es auf mehr als die doppelte Seitenzahl. Das ist gespickt mit einem „Mehr“ an Information zu Zeitgeschehen, Leben, Werk und eingehenderen Schilderungen des „Begleitpersonals“ im Ringelnatz-Theater – angefangen von Muschelkalk nebst den zahlreicheren weiteren weiblichen Bekannten des Poeten über Bühnenfreunde wie Karl Valentin, Verleger und Kollegen wie Peter Scher bis hin zu kleinen Portraits aus der Münchner und Berliner Bohème der 1920er- und 1930er-Jahre.

Man kann die beiden Bücher eigentlich nicht aneinander messen – ist der Klute ein Lesehäppchen für Einsteiger, die Ringelnatz kennenlernen und sich dabei amüsieren und informieren wollen, so könnte das Buch des Journalisten und Publizisten Alexander Kluy durchaus zu einem Standardwerk für jene werden, die sich intensiver und ernsthafter mit dem ver- und entrückten Poeten auseinandersetzen möchten. Den Anspruch postuliert schon der Titel: „Die Biografie“.

Kluy erzählt nicht nur das Leben von der Wiege in Wurzen bis zur Bahre in Berlin nach – dies alles akribisch recherchiert und in das Zeitgeschehen eingebettet. Sondern er integriert ebenso die wichtigsten Gedichte, die Ringelnatz als Menschen erklären, analysiert und erläutert sie. Das erleichtert manchem vielleicht den Einstieg in den zeitweilig eigentümlichen Sprachduktus von Ringelnatz – so wie er sich manches Mal wohl kopfüber in ein Lebens- oder Liebesabenteuer stürzte, so purzeln ihm ab und an auch die Worte durcheinander. Kluy schiebt verständige Erklärungen nach.

Was ein Manko des Buches ist: Des öfteren verschwurbelt sich auch Kluy in seiner Sprache. So beispielsweise bei den Erläuterungen zur brieflich-erotischen Annäherung zwischen Muschelkalk und Ringelnatz.

Muschelkalk wollte von dem ihrigen wissen:
„Welches ist Deine Stellg.nahme zur Frau überhaupt, welche Meinung hast Du von Ihnen?“ und „2. müßte ich dich fürchten (?)“.

Alexander Kluy führt dazu aus:

„Hans Bötticher benötigt einige Tage für seine lange Antwort, die Jahre später noch immer Schauer der Scham bei ihm auslösen wird, ist doch diese ausführliche Schilderung seines Bildes der Frau eine Mischung aus Misogynie à la Otto Weininger (1880-1903), jenes Wiener Philosophen, der in „Geschlecht und Charakter – eine prinzipielle Untersuchung (1903) hochneurotischen Frauenhass, krassen Antisemitismus und einen die Grenze zum Extremismus überschreitenden Willen zu einer gnadenhaft erlösenden Metaphysik miteinander verquirlt und damit einen Bestseller produziert hat, der nach Erscheinen dreißig Jahre lang zahllose Nachauflagen erlebt, aus spät-wilhelminischen Kulturrollenkonservatismus und militärisch-männerbündlerisch durchfärbtem, erotisch libertärem Chauvinismus.“

 Aha. Es lebe der Schachtelsatz. Die gute Nachricht ist: Ringelnatz bekam seine Muschelkalk trotzdem. Und wer sich durch diese Sätze windet, dem wird es zwar streckenweise so gehen wie der armen Muschel („Mein Gehirnkasten ist gänzlich zerwühlt“), letzten Endes jedoch einen warmherzigen, liebenswerten, „gspinnerten“ Ringelnatz von Grund auf kennenlernen. Oder, um es etwas angestrengter à la Kluy zu formulieren:

„Das letzte Gedicht, geschrieben zur als letztes auftauchenden Handpuppe eines Matrosen, der unübersehbar Joachim Ringelnatz darstellt, ist die Summa seines Lebens und seiner Poesie, die hier, am Ende des Puppen-, des Aquarell- und seines Lebenszyklus, eins wird, in eins fällt und sich mit flirrender Grazie schwebend leicht erhebt – und verabschiedet.“

Summa der Lektüre: „Die Biographie“ lässt keine Fragen offen. Umfassend und informativ. Mehr Leichtigkeit à la Ringelnatz wäre in dieser „feuereifernden“ (so der Verlag) Biographie allerdings wünschenswert gewesen.

Bild zum Download: Plastikstühle

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Hilmar Klute: War einmal ein Bumerang

Erstaunlich: Beinahe jeder – jedes Kind – kennt einen Vers von Ringelnatz. In Hamburg lebten zwei Ameisen, die würden sich ohne Bedenken eine Kachel aus meinem Ofen schenken, aber ich bin so knallvergnügt erwacht, doch: Warte nur balde Kängurst auch Du…

Man könnte dies unendlich fortsetzen, verknüpft mit dem Hinweis, dass Humor der Knopf ist, der verhindert, dass uns der Kragen platzt – und dass Joachim Ringelnatz alias Hans Gustav Bötticher (1883-1934) ein ganz genialer Knopfmacher war. Dieser liebevoll-augenzwinkernde-freigeistige Humor, der aus vielen seiner Gedichte so genialisch sprüht, mag jedoch auch der Grund dafür sein, dass der Blick auf das „Gesamtkunstwerk“ Ringelnatz oftmals verstellt blieb und bis heute bleibt. Für viele ist er ein Dichter der „leichten Sorte“, zu leicht gewogen, als beinahe seicht empfunden. Das Melancholische seiner Lyrik, die sozialkritischen Verse, die bissigeren Miniaturen und auch die schwermütig-leisen Lieder: Sie sind uns, bis auf einige Liebesgedichte, weitaus weniger geläufig.

Obwohl er selbst über sein Leben an vielen Stellen Auskunft gab, beispielsweise in den autobiographischen Schriften und den vielen Briefen, die sich im Nachlass fanden, sind einem oft nur einige Facetten dieses ungeheuer umtriebigen, ausgefüllten Lebens präsent: Die einen kennen ihn als Matrosen und seine Kunstfigur Kuttel Daddeldu, die anderen als Bühnenkünstler im Münchner Simpl und auf Reisen durch die deutschen Lande, weniger wissen schon vom ambitionierten und begabten Maler, einige wissen von ihm als Freund der Frauen, einige von ihm als Hungerkünstler, andere kennen ihn als Überlebenskünstler, wenige jedoch haben von den vielen, vielen Posten und Pöstchen, die er zur Existenzsicherung annahm, eine Ahnung: Briefkontrolleur, Tabakladenbesitzer, Reklamedichter, Buchhalter…

Bislang gab es erstaunlicherweise trotz dieses romanhaften Lebens über den körperlich klein-zarten und durchaus anmutigen Bühnenkünstler, der gerne auch einen Seepferdchen-Tanz hinlegte, kaum Biographisches. Walter Pape kommt das Verdienst zu, das Ringelnatzsche Gesamtwerk erhoben und herausgegeben zu haben. Eine Biographie schrieb der 1978 verstorbene Herbert Günther, der Ringelnatz 1925 in München kennengelernt hatte und zu einer Art „Hausbiograph“ der letzten Lebensjahre wurde – in der Nähe zum Menschen liegt jedoch auch der Mangel dieses Buches, das zum einen im Ton einen gewissen Anspruch der Allwissenheit pflegt, zum anderen die dunkleren Seiten dieser durchaus nicht einfachen „Bumerang“-Seele eher übergeht resp. schönschreibt. Es fehlt der Schrift an Abstand und an Leichtigkeit.

Mehr als 80 Jahre nach dem Tod des skurrilen Schabernacks ist nun eine Biographie erschienen, die den Schalk mit dem Schabernack im Nacken würdig portraitiert: „War einmal ein Bumerang“ von Hilmar Klute. Klute ist von Berufs wegen einer, der mit solcher sprachlicher Jonglierkunst zu tun hat, wie Ringelnatz sie pflegte – Klute ist Chef der Rubrik „Streiflicht“ der Süddeutschen Zeitung, jener Glosse, die beinahe täglich zeigt, wie kunst- und humorvoll der Ernst des Lebens mit den Mitteln der Ironie beschrieben und ausgehebelt werden kann. Ringelnatz wäre ein würdiger Streiflicht-Autor gewesen, das ist mal sicher.

Hilmar Klute konnte für die Arbeit an diesem Buch eine durchaus umfangreiche Quellenlage nutzen – so verwaltet Norbert Gescher, Muschelkalks Sohn, den privaten Nachlass, ebenso recherchierte der Essayist bei der Ringelnatz-Stiftung, im Museum am Geburtsort Wurzen und griff auf die Zeugnisse von Zeitgenossen zurück, darunter Erich Mühsam, Erich Kästner, Carl Zuckmayer – mit dem Ringelnatz nicht allzu freundlich umging – bis hin zu Kurt Tucholsky und Asta Nielsen, der geliebten Freundin, seinem Mädchen mit der „Barfußseele“. So setzt sich ein Mosaik zusammen, aus dem sich das Bild eines Mannes herauskristallisiert, der es wohl selbst zu Lebzeiten in seiner verspielten Versponnenheit Freunden und Mitmenschen nicht immer allzu leicht machte, den „wahren“ Ringelnatz zu ergründen – er lebte beinahe zu viele Leben für ein Leben. Zumal er sich offenbar selbst nicht immer verstand:

„Auf ein „Wie haben Sie das gemacht, Herr Ringelnatz?“ oder das beliebte „Warum schreiben Sie?“ hätte er so wenig geantwortet wie auf die Frage, was ihn auf die Idee für sein Pseudonym gebracht hat: Es ist mir so eingefallen. Es mag sein, dass auch für ihn das Schreiben ein Geheimnis war. Er wollte diesem Geheimnis nicht auf die Spur kommen, es war das Wunder seines Lebens, das er nicht antasten wollte: „Und im dunkelsten Schatten lies das Buch ohne Wort“, hat er in einem Gedicht geschrieben: „Was wir haben, was wir hatten / eines Tages ist alles fort.“
Es ist unfassbar, wie viel Leben in diesen 51 Jahren steckt, die zwischen der Geburt des Hans Bötticher und dem Tod des Joachim Ringelnatz liegen. Die Größe dieses Schriftstellers ist die Summe seiner Erfahrungen und seiner Neuanfänge, wenn man so will: seines glücklichen Scheiterns.“

Hilmar Klute ist es gelungen, diese Fülle in seinem Buch zu erfassen, ohne zu sehr ins Schweifen, ins Abschweifen, in die Spekulation zu gehen – eine Gefahr, der Biographen oft unterliegen. Faktenreich und detailgetreu: ja, doch auch stringent und dabei leichthändig-essayistisch geschrieben, das individuelle Leben in die Zeitläufte einbettend, dabei auch mit Blick auf die Boheme und andere gesellschaftlichen Gruppen, in denen Ringelnatz sich bewegte – vom liberalen Elternhaus über die Mariner-Zeit bis hin zum freien Künstlerdasein. Dies alles mit großer Sympathie, die aus den Zeilen spricht, ohne den Blick von den weniger angenehmen Charakterzüge des nicht immer so humorigen JR abzuwenden:

„Und dann dieser Satz, den man von Hans Bötticher nicht hören möchte und von Joachim Ringelnatz schon gar nicht: „Hüte dich Muschelkalk vor dem jüdischen Bluff „Neu“. Ist Ringelnatz ein Antisemit?“

Klute zitiert aus einem weiteren Brief, lässt auch eine Relativierung nur bedingt zu – da merkt man, wie der Biograph mit seinem Helden ringt:

„Es sind diese beiden Stellen, die ein unfreundliches Licht auf Ringelnatz werfen, die Kleinmut des Kleinbürgers, der in solchen Momenten Dampf ablässt.“

Allerdings! Klute schreibt im Wissen dessen, was Ringelnatz nicht mehr erleben musste und daher auch aus der Haltung eines, der durch „die Gnade der späten Geburt“ sensibilisiert ist für antisemitische Töne. In diesem Fall wohl auch überkorrekt: Denn solche antijüdischen Bemerkungen gehörten in den Zwischenkriegsjahren wenn auch nicht zum guten Ton, aber zur alltäglichen Umgangssprache. Im Leben, in der Tat war es Ringelnatz wohl herzlich gleich, woher einer kam und was einer war – was zählte war die Verbindung, die sich von Mensch zu Mensch knüpfen ließ, zudem schlug er sich gerne als eine Art humoriger Robin Hood auf die Seite der Geknechteten und Entrechteten. Was mit dem Nationalsozialismus auf ihn und seine Freunde zukam, das ahnte er früh und überschattete seine letzten Jahre, die Gesundheit zudem bereits schwer angeschlagen:

Klute zitiert den Journalisten Fred Hildenbrandt: „Ich glaube, der Grundzug seines ganzen Wesens war eine unheilbare, tiefverborgene und mit Alkohol übergossene Trauer.“

Und dann gibt der Biograph dem Leser auf den letzten Seiten noch einige schöne Worte mit auf den Weg:

„Und es ist auch keineswegs so, dass Joachim Ringelnatz als großer Unverstandener in der Nachwelt umgeht. Wer ihn liest, wird ihn sofort verstehen. Er hat zur großen Feier des Lebens eingeladen und jene Menschen, die er für klug genug hielt, mit den Abgründen seines Herzens vertraut gemacht – auch das kann man aus seinen Gedichten, seinen Erzählungen und seinen Erinnerungen erfahren. Joachim Ringelnatz ist als Hans Bötticher aufgebrochen, um das Fremde, das Ferne kennenzulernen und das Geheimnis der Welt zu ergründen. Der Welt ist er manchmal abhandengekommen, oft genug hat er sie auch umarmt und sie ihn.“

Da bleibt nur noch die Aufforderung übrig: Die Biographie lesen – es lohnt sich. Aber vor allem: Ringelnatz. Und dann: Die Welt umarmen, das Leben feiern.


Hilmar Klute, War einmal ein Bumerang. Das Leben des Joachim Ringelnatz
Verlag Galiani Berlin 240 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-86971-109-6
Link mit den Verlagsangaben:
http://www.galiani.de/buecher/hilmar-klute-war-einmal-ein-bumerang.html

Und Jochen Kienbaum war mit Hilmar Klute auf den Spuren von Ringelnatz in Berlin unterwegs – ein schöner Streifzug durch die Ringelnatzsche Welt rund um den „Sachsenplatz“. Hier geht es zum literarischen Spaziergang: http://lustauflesen.de/ringelnatz-in-berlin/.

PS: So respekt- und liebevoll die Annährung von Hilmar Klute an den zeitweiligen Wahl-Münchner Ringelnatz ist, so liebevoll ist auch die Gestaltung des Buches – die Bilder des Beitrags zeigen die Innenseiten des Covers.

Bild zum Download: Gepolsterte Stühle


 

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