Djuna Barnes: Nachtgewächs

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„Zum Teil haben die Toten das Böse der Nacht verschuldet, zum anderen Teil Schlaf und Liebe. Für was ist der Schläfer nicht alles verantwortlich! Welcherart Umgang pflegt er, und mit wem? Mit seiner Nelly legt er sich nieder und findet sich schlafend im Arm seines Gretchens wieder. Tausende kommen an sein Bett, ungebeten. Und dennoch: wie erkennt man die Wahrheit, wenn sie nicht unter den Anwesenden weilt? Mädchen, die der Schläfer niemals begehrt hat, streuen ihre Gliedmaßen um ihn unter des Morpheus Fuchtel. So sehr ist der Schlaf zur Gewohnheit geworden, daß mit den Jahren der Traum seine eigenen Grenzen verzehrt und das Geträumte ihm zu lieber Gewohnheit wird; ein Gelage, wo Stimmen sich mischen, einander lautlos bekämpfen. Der Schläfer ist Eigentümer eines unerforschten Landes.“

Djuna Barnes, „Nachtgewächs“, Erstausgabe 1936.

Es ist ein im mehrfachen Sinne traumhaftes, schlafwandlerisches Buch, dieses Nachtschattengewächs der Literatur. Bis heute gilt es manchen als Zumutung, als unlesbar, während es für andere schon ikonographischen Charakter einnimmt. Eines ist gewiss: Den bewussten Leser stellt dieser Roman vor Herausforderungen. Schon T. S. Eliot, der die Veröffentlichung des Romans unterstützte, gestand Schwierigkeiten beim Lesen ein. Zwar ist die Rahmenhandlung, wenn man von einer solchen sprechen möchte, denkbar einfach: Mann liebt Frau, Frau verlässt ihn für eine andere Frau, und auch diese wird am Ende verlassen. Ein Arzt von zweifelhaftem medizinischem Status wird in diesem Liebesreigen der Beichtvater für das ganze, überschaubare literarische Personal dieses Buches.

Doch wie diese im Grunde kaum ungewöhnliche Geschichte erzählt wird, dies markiert in der modernen Literatur einen Meilenstein, einen Umbruch. So wie „Ulysses“ von James Joyce (den Djuna Barnes übrigens überaus verehrte und dem sie in mehreren Essays ein Denkmal setzte)  als Werk eines männlichen Schriftstellers für den Aufbruch in die Moderne steht, so tut dies „Nachtgewächs“ als Werk einer Frau: Wagemutig, stilistisch einzigartig, hermetisch, verschlossen, assoziativ, mit konventionellen Erzählregeln brechend.

Kein Buch, das sich einfach so weglesen lässt, auch kein Buch, das häufig weggelesen wird. Bernhard Wördehoff sinnierte 1991 in „Die Zeit“ über Bücher und ihr Schicksal:

„Landläufig und simpel, daß libelli ihre fata haben. Aber auch richtig, wie sich immer wieder zeigt. Zum Beispiel bei Djuna Barnes. Anders als Terentianus Maurus wird die amerikanische Dichterin (1892 bis 1982) in jedem besseren Literaturlexikon erwähnt, aber es wird auch gleich hinzugefügt, es ermangele ihr an einem bedeutenden Lesepublikum. Das wollen wir mal dahingestellt sein lassen. Aber viele Leser hatte sie leider trotz ihres Ranges in der modernen Literatur nie, auch in Europa nicht, wo sie lange Zeit gelebt hat.“

Tatsächlich ist der Stil der Amerikanerin auch zu eigenartig (im besten Sinne), als dass er der geländegängigen Literatur zugeschlagen werden könnte. Man kann „Nachtgewächs“ trotz seines schmalen Umfangs nur langsam und peu à peu lesen, in kleinen Portionen, einen Großteil der Sätze immer wiederlesend, um sie verstehen zu wollen und ich gestehe offen, manches habe ich auch dann noch nicht verstanden.

Jeanette Winterson schreibt dazu im Nachwort zur Suhrkamp-Ausgabe:

„Nachtgewächs stellt Ansprüche. Man wird in die Prosa hineingezogen, weil sie narkotisiert, aber man kann nicht über sie hinweglesen. Diese Sprache will nicht informieren, sie will Bedeutungen entfalten. Das Buch enthält weit mehr als seine Fabel, die schlicht ist, oder aus seine Gestalten, die großartige Gaukelbilder sind.“

Die Begegnungen der Menschen in diesem Roman finden zu einem großen Teil nachts statt, im Schatten der dumpfen Lichter und des Kerzenscheins entblößen sie sich, entfalten ihre Seele. Und so sind ist der Roman auch durchwegs geprägt durch lange Passagen mündlicher Rede, Monologe, in denen die Grenzen zwischen Tag und Nacht, Wachen und Traum, Leben und Tod überschritten werden.

(…) „nun sehe ich, daß die Nacht auf die Identität eines Menschen wirkt, auch wenn er schläft.“ „Ah“, rief der Doktor, „laß einen Menschen sich niederlegen in das große Bett, und seine Identität ist nicht mehr die seine, sein Vertrauen hat ihn verlassen, seine Bereitschaft ist umgewandelt und gehorcht einem anderen Willen. Sein Schmerz ist wild und gnadenlos.“

Tag und Nacht, Bewusstsein und Unterbewusstsein: „Nachtgewächs“ ist nicht zuletzt auch ein psychoanalytisches Buch, in dem die Protagonisten so assoziativ erzählten, als stünde die Dachkammer des Doktors nicht in Paris, sondern in der Berggasse in Wien und als sei das alte Bett des Arztes eine Couch. Der Roman, eine Reise in das Unbewusste.

Djuna Barnes (1892 – 1982) schrieb sich damit selber eine gescheiterte Liebesbeziehung von der Seele. 1919 – in jenem Jahr, in dem auch der Roman einsetzt – war die Amerikanerin wie so viele andere Künstler nach Paris gekommen, wo sie einige Jahre später die Bildhauerin Thelma Wood (1910 – 1970) kennenlernte. Die beiden Frauen waren für ihre leidenschaftliche Beziehung berühmt-berüchtigt, vor allem Wood suchte immer wieder die Flucht in andere Affären und in den Alkohol. Nach der Trennung wurde Djuna Barnes von Peggy Guggenheim unterstützt, in deren Villa schrieb sie „Nachtgewächs“, unverkennbar auch eine Verarbeitung des Geschehenen. Darüber hinaus hinterließ auch die Kindheit und Jugendzeit von Barnes ihre Spuren (hier findet sich eine kurze Biographie). Noch nicht einmal 18 Jahre alt, wird Djuna von ihrem Vater an einen Verwandten „ausgeliehen“, Vergewaltigungen, die ihr ihr Leben lang nachgehen.

Thelma Wood wies ihre Darstellung in der Figur „Robin“ brüsk zurück, das Buch, so sagte sie später, habe ihr Leben ruiniert. Die beiden Frauen sollen bis zu ihrem Lebensende kein Wort mehr gewechselt haben. Und auch Djuna Barnes brachte ihr Roman außer literarische Anerkennung wenig Glück: 1940 kehrte sie nach New York zurück und hauste über vierzig Jahre verarmt und vergessen in einem Miniappartement.

Verena Auffermann schreibt in „99 Leidenschaften“:

„Spötter behaupten, Djuna Barnes habe mit ihrem feingestochenen Stil, der bombastisch und theatralisch, aber auch kalt und messerscharf sein kann, keine Romane, Theaterstücke, Kurzgeschichten, Essays und so weiter verfasst, sondern lauter erste Sätze.“

In der Tat könnte man „Nachtgewächs“ auch zu seinem persönlichen Zitate-Almanach machen:

„Jugend ist Ursache. Wirkung ist Alter.“
„Sein Gesicht, ein längliches, volles Oval, litt an einer fortschreitenden Schwermut.“
„Liebe wird zur Ablagerung des Herzens.“
„Leiden ist Verfall des Herzens.“
„Liebe ist die erste Lüge. Weisheit die letzte.“

Solche Petitessen findet man ohne Zahl in diesem Werk. Und zugleich Sätze, so dunkelschön, nach denen man Bilder malen möchte. Und selbst wenn einen „Nachtgewächs“ verwirrt und vielleicht auch unschlüssig zurücklässt: Vergessen wird man diese seltsame Pflanze der Literatur nie mehr.

Der Roman, vom großen Wolfgang Hildesheimer übersetzt, ist beim Suhrkamp Verlag zu erhalten.


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Isaac B. Singer: Feinde, die Geschichte einer Liebe

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„Ich schäme mich nicht zu gestehen, daß ich zu jenen zähle, die sich einbilden, Literatur könne neue Horizonte und Perspektiven erschließen – philosophische, religiöse, ästhetische und auch soziale. Die Geschichte der alten jüdischen Literatur kannte keinen Unterschied zwischen Dichter und Propheten. Nicht selten wurde unsere alte Dichtung zum Gesetz, zum Leben selbst.“

Dies sagte Isaac Bashevis Singer (1904-1991) in seiner Rede in Stockholm, als er 1978 den Nobelpreis für Literatur erhielt. Wie die Literatur ins Leben eingreifen kann – davon später mehr. Vorab nur dieses: Unter all den Büchern Singers, die ich gelesen habe – „Max, der Schlawiner“, „Die Familie Moschkat“, „Jakob, der Knecht“ – und seinen Erzählungen ist mir der Roman „Feinde, die Geschichte einer Liebe“ das liebste. Und dies nicht aus rein literarischen Gründen, aber auch.

„Feinde, die Geschichte einer Liebe“, das ist eigentlich die Geschichte dreier Lieben und im Mittelpunkt ein entscheidungsschwacher, wankelmütiger, aber dennoch liebenswerter Held, den man gerne an die Hand nehmen würde, um ihm bei seinen Irrungen und Wirrungen zu begleiten. New York, 1949: Herman Broder, ein polnischer Jude, hat den Holocaust überlebt, weil ihn Yadwiga, das christliche Dienstmädchen seiner Familie auf dem Dachboden eines Bauernhauses versteckte. Nach Ende des Krieges erfährt er, dass seine Ehefrau Tamara erschossen wurde, auch die beiden Kinder wurden ermordet, kein Mitglied seiner Familie überlebte. Mit Yadwiga emigriert er in die USA, er heiratet sie aus Dankbarkeit und Pflichtgefühl. Das Drama dieser Ehe: Sie liebt ihn, immer schon, er sie nicht. Zuviel trennt das analphabetische polnische Mädchen und den gebildeten Mann, der sich jetzt als Ghostwriter für einen Rabbi durchschlägt – um dem engen Heim zu entkommen, gibt er sich Yadwiga gegenüber als Büchervertreter aus.

„Jedesmal, wenn er fortging, verabschiedete sie sich von ihm, als regierten die Nazis in Amerika und sein Leben wäre in Gefahr. Sie legte ihre heiße Backe an die seine und bat ihn, sich vor den Autos in acht zu nehmen, seine Mahlzeiten nicht zu vergessen und daran zu denken, sie anzurufen. Sie hing an ihm mit der Ergebenheit eines Hundes. Herman neckte sie oft, nannte sie albern, aber das Opfer, das sie ihm gebracht hatte, konnte er nie vergessen. So wie sie offen und ehrlich war, war er unaufrichtig und in Lügen verstrickt. Trotzdem, Tag und Nacht hielt er es nicht aus bei ihr.“

Denn da ist Mascha, die komplizierte, nervöse Geliebte, eine Überlebende wie er, eine Sheherazade, der er von Kopf bis Fuß, vom Scheitel bis zur Sohle ergeben ist.

„In Schifrah Puahs Zimmer war es jetzt dunkel, und immer noch saß Mascha auf dem Stuhl in Hermans Zimmer und rauchte eine Zigarette nach der anderen. Herman wußte, daß sie irgendeine ungewöhnliche Geschichte für ihr Liebesspiel vorbereitete. Mascha verglich sich mit Sheherazade. Das Küssen, das Liebkosen, das leidenschaftliche Liebemachen war immer begleitet von Geschichten aus den Ghettos, den Lagern, ihrem eigenen Wandern durch die Ruinen Polens.“

Mit Mascha und ihrer Mutter in der Bronx führt Herman ein Doppelleben, von dem Yadwiga langsam ahnt. Doch vollends verwirrend und unhaltbar wird die Situation, als die totgeglaubte Ehefrau Tamara in New York erscheint – fast einer Gespenstererscheinung gleich, ein Dybbuk. Sie möchte Herman nicht zurück – doch diesen stürzt Tamaras Auftauchen in weitere, noch tiefere Gewissensbisse. Zusätzlich katalysierend wirkt auf Herman, dass sowohl die momentane Ehefrau als auch die Geliebte schwanger werden – nichts fürchtet der Vater, der seine Kinder verlor, mehr, als ein neues Kind in diese chaotische Welt zu setzen, in dieses fragile Leben, das stets vom Zusammenbruch bedroht ist. Tamara, die sich selbst für geisteskrank hält, erweist sich am Ende als die Lebenstüchtigste. Sie baut sich eine neue Existenz auf, nimmt Yadwiga und deren Kind zu sich. Mascha nimmt sich das Leben. Und Herman verschwindet – irgendwo, spurlos.

„Mehrere Male hatte Tamara Hermans Namen in die Vermißtenspalten der jiddischen Presse setzen lassen, aber ohne Erfolg. Tamara glaubte, daß Herman sich entweder umgebracht hatte oder sich einer amerikanischen Version seines polnischen Heubodens versteckte. Eines Tages machte der Rabbi Tamara die Mitteilung, das Rabbinat habe wegen der Massenvernichtung die Beschränkungen gelockert, so daß verlassene Frauen ein zweites Mal getraut werden könnten.
Tamara hatte erwidert: „Vielleicht in der nächsten Welt – mit Herman.“

So endet das Buch.

Weit mehr als eine tragisch-komische Erzählung von einer Menage zu viert, weit mehr als eine Geschichte vom Vergehen, von den Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Liebe. Es ist ein Roman, der vor allem auch die Feinde der Liebe zwischen den Zeilen benennt – eine grausame, chaotische Welt, ein unerbittlicher Gott, die Begrenztheit der Menschen.
Dazu: Die Schuld der Überlebenden. Während Hermans Situation zwischen den Frauen immer unhaltbarer wird, wendet sich der Ton des Romans, vom Komischen zunehmend mehr in das Tragische, wird zu einer Betrachtung der Situation überlebender Holocaust-Opfer. Ein Buch der Verluste – die Familie, die geliebten Menschen verloren, die Heimat, die Zuversicht, den Glauben, nicht nur den Glauben an Gott, sondern auch den Glauben an das eigene Vermögen, an die eigene Kraft, ein Verlust, der Herman und auch Mascha zu wankelmütigen, neurotischen Menschen werden lässt. Immer auf der Flucht, auch vor sich selbst.

„Die Bibel, der Talmud und die Kommentare unterwiesen den Juden in einer Strategie: Fliehe das Böse, verbirg dich vor der Gefahr, vermeide Kraftproben, geh den zornigen Mächten des Universums so weit wie möglich aus dem Wege. Der Jude hat nie verächtlich auf den Fahnenflüchtigen herabgeblickt, der sich in einem Keller oder auf einem Dachboden verkroch, während draußen in den Straßen Armeen aufeinanderprallten.
Herman, der moderne Jude, hatte dieses Prinzip um einen Schritt erweitert: Er hatte sogar den Halt des Glaubens an die Thora aufgegeben. Er betrog nicht nur Abimelech, sondern auch Sarah und Hagar. Herman hatte kein Bündnis mit Gott geschlossen und hatte keine Verwendung für Ihn. Er wollte nicht, daß sein Same so zahlreich werde wie der Sand im Meer. Sein ganzes Leben war ein Spiel der Verstohlenheit (…).“

Isaac Bashevis Singer ist in meinen Leseraugen ein ganz Großer – nur wenige können das, diesen schmalen Grat zwischen Tragik und Komödie beschreiten, in ein Buch beides packen, ja, eigentlich die ganze Welt: Das Lachen, das Schmunzeln, die Freude, die Trauer, das Weinen, das Unglücklichsein. Vielleicht – mit solchen Kategorisierungen möchte ich jedoch eher zurückhaltend sein – ist dieses „verschmitzt-melancholische“ tatsächlich ein Charakteristikum der jüdischen Literatur. E. Michael Salzer schrieb über Singer: „Nie zuvor gab es bei den sonst eher langweiligen Nobelfeiern so viel zu lachen (…). Und allein die Begründung, die Isaac B. Singer für sein hartnäckiges Festhalten an seiner Sprache, in der er schrieb, lieferte: „Ich schreibe gerne Gespenstergeschichten und nichts gefällt Gespenstern mehr, als eine sterbende Sprache. Je sterbender die Sprache, desto lebendiger sind die Geister. Gespenster lieben Jiddisch und so viel ich weiß, sprechen sie es auch alle.“

„Feinde, die Geschichte einer Liebe“ erschien 1966 unter dem Titel „Sonim, die Geschichte fun a Liebe“.

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James Joyce: Die Katzen von Kopenhagen

LEIDER!
KANN ICH DIR KEINE KOPENHAGENER KATZE SCHICKEN,
WEIL ES IN KOPENHAGEN KEINE KATZEN GIBT.

James Joyce, der liebevolle Opa: Ganz begeistert bin ich von einem Brief, den der Schriftsteller vermutlich 1936 aus Dänemark an seinen Enkel Stephen James schickte. Er teilt dem Vierjährigen auf eine recht skurrile, lyrisch-versponnene Art und Weise mit, warum er ihm keine Katze aus Kopenhagen schicken kann – mit Süßigkeiten gefüllte Katzen waren zu dieser Zeit ein beliebtes Geschenk.
Statt über Süßigkeiten schreibt Joyce seinem Enkel aus Kopenhagen über dänische Polizisten, die den ganzen Tag im Bett liegen und Buttermilch trinken, über rote Jungs auf roten Rädern, die den Job der Polizisten erledigen – und kommt ganz am Schluss auf eine geniale Idee. Aber die wird hier nicht verraten…

Schließlich mussten auch die Joyce-Anhänger viel Geduld haben, bis „Die Katzen von Kopenhagen“ erscheinen durften: Es dauerte bis 2012, bis die rechtlichen Voraussetzungen für die „Welturausgabe“ geklärt waren. Das Kinderbuch zeigt den augenzwinkernden, humorvollen Joyce, wie er auch im „Ulysees“ aufblitzt und dem Harry Rowohlt mit seiner Übersetzung den passenden Ton gibt. „Die Katzen von Kopenhagen“ erschien beim Hanser Verlag. Die Illustrationen von Wolf Erlbruch (2003 für sein Lebenswerk mit dem Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises ausgezeichnet) stehlen dem skurrilen Text beinahe die Schau – so richtig schöne, dicke Buttermilch-Katzen und faulenzende Polizisten, die als Illustrationen auch für sich stehen können.


Verlagsangaben:
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/die-katzen-von-kopenhagen/978-3-446-24159-6/

Bild zum Download: Katze


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#MeinKlassiker (31): Bernhard Rusch spaziert mit James Joyce durch Dublin

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Autor, Zeichner, Verleger und noch einiges mehr: Bernhard Rusch ist ein Multitalent. Ein Portrait von ihm findet sich hier auf dem Blog paperwork, ein Einblick in seine Arbeiten unter Elwood.

Bernhard Rusch ist zudem Kopf der Vereinigung und Herausgeber des gleichnamigen Magazins applaudissiment.

Beim Blick in das wunderbar gemachte Magazin hätte ich bei Bernhard eher vermutet, als Klassiker kommt ein dadaistisches Manifest oder etwas aus der Zeit des Expressionismus. Doch er überraschte mich mit Joyce! Here we go:

Ich sitze im Zug. Und sinniere über einen Klassiker: Die Dubliner von James Joyce. Und höre zur Einstimmung die Pogues.

Es handelt sich bei dem Buch um eine Sammlung von Kurzgeschichten, die – wen wundert`s bei dem Titel – alle in Dublin spielen. Wie ja alles, was Joyce geschrieben hat.

Es ist das am leichtesten zu lesende seiner Bücher. Was aber nicht bedeutet, dass es sich um leichte Kost handelt.

Der Autor entführt uns ins Dublin um 1900 herum. Um uns mit den Abgründen der menschlichen Seele bekannt zu machen.

Die Orte und Typen dürften ihm aus eigener Erfahrung bekannt gewesen sein. Er verfolgte keine folkloristischen Absichten. Und hatte auch nicht vor, seiner Heimatstadt ein Denkmal zu setzen. Sondern verwendete die Stadt und ihre Einwohner als Rohstoff, mit dem er vertraut war.

Plots sucht man in diesen Geschichten wie seinen späteren Werken vergeblich. Im Kern sind es Geschehnisse, die man in der Kneipe oder auf der Straße austauscht. Nach dem Motto: Hast du schon gehört…

Joyce bezeichnete seine Dubliner als Karikaturen. Das sind sie wohl. Damit auch sein bitterstes Buch. Nicht so verspielt oder humoristisch wie Ulysses und Finnegans Wake. Vielmehr sehen wir die Schattenseiten. Wie Pädophilie. Selbstmord aus enttäuschter Liebe. Oder Kindesmisshandlung als Reaktion auf eigene Unfähigkeit.

Andererseits ist in diesem Buch – wie Souppault richtigerweise feststellt – schon sein ganzes Werk angelegt. Inhaltlich das Panoptikum der menschlichen Seelen. Und stilistisch diese unablässige Suche nach dem richtigen Ausdruck. Der passenden Struktur. Dem einzelnen Wort.

Es sind musikalische und zutiefst lyrische Stücke entstanden. Sie steigern die Empfindung der Realität durch Weglassungen. Sie verzichten auf Erklärungen. Und wirken daher unmittelbar.

Irland steht dabei nicht im Vordergrund. Aber die wenigen eingestreuten „irischen“ Themen strahlen auf das ganze Buch aus. Und geben ihm damit eine klare regionale Heimat.

Und Joyce wird ungewollt zu einer Art Heimatschriftsteller. Dessen Werk zurückstrahlt in die Realität. Und die Wahrnehmung Irlands und der Iren bis heute mit beeinflusst.

Letztendlich sollte man es aber einfach von der besonderen Stimmung einfangen lassen. Die hervorgerufen wird durch das Unabänderliche. Der Alkoholiker verhält sich, wie ein Alkoholiker es eben tut. Und für die Eifersucht des Ehemanns auf eine verstorbene Jugendliebe seiner Frau gibt es keine Lösung. Es geht darum, trotzdem weiterzuleben. Gut oder schlecht.

Und am Schluss fällt Schnee über ganz Irland. Als Zeichen des Trosts.

Bernhard Rusch
https://ttr-verlag.jimdo.com/

LESEZEICHEN von: Walter Kappacher

Kappacher

„Die berühmte Fotografie, auf der Marilyn Monroe sommerlich karg bekleidet auf einem Gestell auf einem Kinderspielplatz James Joyce` Ulysees liest, offensichtlich in der Erstausgabe – wahrscheinlich das Exemplar von Arthur Miller, ihrem damaligen Ehemann -: Es wäre leicht, darüber zu schmunzeln, aber wie viele von den ‘Intellektuellen’ haben den Roman zu Ende gelesen? Das Bemühen, der Versuch des Autors Miller, seine Geliebte teilnehmen zu lassen an seiner Welt, hat etwas Rührendes.“

Zwar unterstellt der 1938 in Salzburg geborene Walter Kappacher der Schauspielerin mit diesem Zitat – wie viele andere wohl auch – sie habe nicht aus eigenem Antrieb zum Ulysees gegriffen, auch schwingt ein wenig Altväterliches in diesen Worten mit … aber gerade dieses ist es, was auch den „Notizen“ des Büchner-Preisträgers, die in einem schmalen, schön gestalteten Band unter dem Titel „Marilyn Monroe liest Ulysees“ erschienen sind, etwas Rührendes gibt.

Das aus dem Verlag Ulrich Keicher stammende Heft ist ein Sammelsurium von Textminiaturen, im Grunde in der Art eines Tagebuchs, in dem sich Gedankenblitze verschriftlicht finden, Banales, Profanes neben gescheiten Aphorismen, Zitate anderer Schriftsteller, Betrachtungen über das Schreiben, die Kunst, Kulturkritik, das Dasein als Dichter, das Leben an sich.

Aus all dem formt sich ein Bild: Kappacher, ein Gescheiter, aber auch einer, der dem Traditionellen verhaftet ist, ein wenig ein Gestriger, ein Scheuer, manchmal griesgrämig, manchmal ganz menschenfreundlich, ein „Typ“ eben.

Die Notizen, so schreibt Matthias Bormuth im Nachwort, „sind ungeschminkte, scheinbar beiläufige Beobachtungen, denen der Autor ihre unauffällige Gestalt beläßt. (…) Ihren poetischen Elan schöpfen sie nicht zuletzt aus dem tiefen Staunen, das sich mit den Erfahrungen wirklicher Schönheit verbindet.“

Bormuth fordert auf, einzutreten in diesen Kosmos, aber auch zu widersprechen, „wenn der Autor im Abseits der Zeit diese betrachtet und die Poesie als schöpferischen Notausgang preist.“

 Einige Fundstücke, die zum Eintreten und zum Widerspruch auffordern könnten:

„Für das Universum hat die Erscheinung ‘Mensch’ bei weitem nicht die Bedeutung, wie für uns jene einer Eintagsfliege.“ 

„Man sagt nicht mehr ‘ist in Ordnung’, sondern ‘passt’. Die Menschen verwandeln den Rhythmus ihrer Sprache, gleichen ihn dem primitivsten Beat der Rock- und Popmusik an. Tam-tam-tam. So tönt es aus den Autoradios.“ 

„Ein guter Mensch – denkt man dabei nicht unwillkürlich: Aber ob der bei Verstand sein kann?“

Bereichert werden die Notizen durch ebenso melancholische anmutende Fotografien: Walter Kappacher hält seit Jahren das Schilf und das Eis an einem Uferabschnitt des Grabensees im Salzburger Land fest, einige dieser Bilder sind im Heft zu finden.

„Marilyn Monroe liest Ulysses“. Notizen, Fundstücke und 13 Fotografien. Mit einem Nachwort von Matthias Bormuth. 40 Seiten. Format 14 x 23 cm. Fadenheftung, broschiert.

Es lohnt sich auch ein Blick auf das weitere Programm des Verlages, der ein Ein-Mann-Betrieb eines Bibliophilen ist: Seit 1983 gibt Keichel schön gestaltete Editionen und Bücher in kleinen Auflagen heraus: http://www.verlag-ulrich-keicher.de/

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Ernest Hemingway: Paris, ein Fest fürs Leben

„Paris hat kein Ende, und die Erinnerung eines jeden Menschen, der dort gelebt hat, ist von der jedes anderen verschieden. Wir kehrten immer wieder dorthin zurück, ganz gleich, wer wir waren oder wie es sich verändert hatte, oder unter welchen Schwierigkeiten oder mit welcher Mühelosigkeit man hingelangen konnte. Paris war es immer wert, und man bekam den Gegenwert für alles, was man hinbrachte. Aber so war das Paris unserer ersten Jahre, als wir sehr arm und sehr glücklich waren.“

Ernest Hemingway, „Paris – ein Fest fürs Leben“, Rowohlt Verlag.

Wenn es eine Hymne auf das Paris der 20er-Jahre, das Paris der amerikanischen Bohème zu dieser Zeit, auf das Leben, die Liebe und die Literatur gibt, dann ist es wohl dieses Buch: „Paris – ein Fest fürs Leben“. Ernest Hemingway beschreibt darin seine Pariser Jahre von 1921 bis 1926: Ein junger Schriftsteller mit dem eisernen Willen zum Erfolg, vom Ehrgeiz getrieben, vom Staunen überwältigt. Mit Hadley, seiner ersten Frau, und dem Baby Bumby lebt er arm, aber glücklich. Streunt durch die Stadt, auf der Suche nach gelebter Literatur – und stößt so auch auf „Shakespeare and Company“:

„Damals hatten wir kein Geld, um Bücher zu kaufen. Ich borgte mir Bücher aus der Leihbibliothek von Shakespeare and Company; das war die Bibliothek und der Buchladen von Sylvia Beach in der Rue de l`Odéon 12. Auf einer kalten, vom Sturm gepeitschten Straße war hier im Winter ein warmer, behaglicher Ort mit einem großen Ofen, mit Tischen und Regalen voller Bücher, mit Neuerscheinungen im Fenster und Fotografien berühmter Schriftsteller, sowohl toter wie lebender, an der Wand. (…)
Als ich zum ersten Mal den Buchladen betrat, war ich sehr schüchtern, und ich hatte nicht genügend Geld bei mir, um der Leihbibliothek beizutreten. Sie sagte mir, dass ich den Beitrag jederzeit, wenn ich Geld hätte, bezahlen könnte, und stellte mir eine Karte aus und sagte, ich könnte so viele Bücher mitnehmen, wie ich wollte.“

In den Erinnerungen, die zwar erst posthum veröffentlicht wurden, ist nachzuspüren, wie Hemingway zunächst mit beinah großen Augen im Salon der Gertrude Stein sitzt und das „spezielle“ Pariser Flair aufsaugt. „Endlich angekommen!“, scheint er den Lesern in den ersten Kapiteln zu erklären. Selbst die Probleme werden eher poetisch verbrämt:

„Aber Paris war eine sehr alte Stadt, und wir waren jung, und nichts war dort einfach, nicht einmal Armut noch plötzliches Geld, noch das Mondlicht, noch Recht und Unrecht, noch das Atmen von jemand, der neben einem im Mondlicht lag.“

Willi Winkler schrieb dazu in der Süddeutschen Zeitung:
„Vom Glück, vom reinen, kindlichen Glück handelt dieses Buch, und es teilt sich jedem Leser mit, der mit dem jungen Autor in einem noch nicht fashionablen Viertel aufwacht, wenn die Sonne die nassen Fassaden der Häuser trocknet.“

Hemingway schwärmt von den Begegnungen, ist überwältigt, gibt seiner fast ehrwürdigen Bewunderung – vor allem für Joyce – ihren Raum. Nur nach und nach wandelt sich der Ton, kommt der spätere, ältere, großmäuligere „Hem“ durch. Beispielsweise in den Kapiteln zu seinem wohl engsten Schriftstellerfreund F. Scott Fitzgerald. Hemingway geht wenig gnädig mit dessen Ehefrau Zelda um, nimmt den Kumpel spürbar in Schutz.

„Damals kannte ich Zelda noch nicht, und deshalb wusste ich nicht, mit welchem Handicap er belastet war. Aber wir sollten es bald genug kennenlernen.“

„Zelda hatte einen furchtbaren Kater. Am vergangenen Abend waren sie in Montmartre gewesen und hatten sich gezankt, weil Scott sich nicht betrinken wollte. Er hatte beschlossen, so erzählte er mir, ernsthaft zu arbeiten und nicht zu trinken, und Zelda behandelte ihn, als ob er ein Störenfried und Spielverderber wäre.“

Jedoch – auch wenn bei Veröffentlichung des Paris-Buches Fitzgerald bereits lange verstorben war – manches erscheint wie ein posthumer kleiner Verrat an der Freundschaft, wie purer Klatsch, wenn auch auf literarischem Niveau. So die Episode „Eine Frage der Maße“, als Fitzgerald Hemingway in einer Bar gesteht, Zelda habe ihm seine körperliche Ausstattung vorgeworfen.

 „Komm raus, ins Büro“, sagte ich.
„Wo ist das Büro?“
„Das WC.“

Wir kamen zurück und setzten uns wieder an unseren Tisch.
„Du bist völlig in Ordnung“, sagte ich. „Du bist okay. Dir fehlt überhaupt nichts.“

Trotz solcher Aus- und Abschweifungen: „Paris, ein Fest fürs Leben“ ist ein must-read. Auch eine wichtige Quelle für all jene, die aus dem Blickwinkel eines der wichtigsten Autoren den literarischen Aufbruch in die Moderne miterfahren wollen.
„Dieses Buch ist nicht nur ein herausragendes literarisches Werk, sondern auch ein Schlüsseltext zur Kulturgeschichte der Moderne. Das legendäre Paris der zwanziger Jahre ist in dieser Prosa wie in klaren Bernstein gebannt. Und es ist ein grandioses Porträt des Künstlers als junger Mann.“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung).
Hemingway hatte seine Pariser Aufzeichnungen aus den 20er-Jahren bei einem späteren Aufenthalt im Pariser Ritz 1956 wiederentdeckt und begann mit den Überarbeitungen seiner handschriftlichen Notizen. Dies zog sich über mehrere Jahre bis zu seinem Suizid hin. Das Buch wurde letztendlich von seinem Literaturagenten und seiner vierten Ehefrau Mary noch vollständig editiert und 1964 veröffentlicht. Aus diesem Gesichtspunkt werden die Pariser Episoden auch zu den wehmütigen Erinnerungen eines älteren, kranken Mannes, an eine Zeit, als noch alles möglich schien:

„Ich habe dich gesehen, du Schöne, und jetzt gehörst du mir, auf wen du auch wartest und wenn ich dich nie wiedersiehe, dachte ich. Du gehörst mir und ganz Paris gehört mir, und ich gehöre diesem Notizbuch und diesem Bleistift.“

Hemingway, der trotz seiner Macho-Attitüde, dieser Jäger- und Kumpel-Fassade, wohl ein weicher, zerbrechlicher Mensch war, von ständigen Selbstzweifeln geplagt, gerade was sein Schreiben anbelangt, erzählt in diesem Buch noch aus der Perspektive eines literarischen „Frischlings“, der lernen und Erfahrungen sammeln will. Und vor allem einen Helden verehrt – seine erste schüchterne Frage an Sylvia Beach lautet denn auch:

 „Wann kommt Joyce her?“

Es dauert, bis er mit dem Schriftsteller, den er – wie so viele andere dieses Zirkels, siehe Sylvia Beach und Djuna Barnes, – vergöttert und verehrt, kennenlernt. Zunächst kann er ihn nur durch ein Fenster betrachten. Wie ein Kind, das sich am Süßwarenladen die Nase plattdrückt:

„Wir waren vom Gehen wieder hungrig, und Michaud war für uns ein aufregendes und ein teures Restaurant. Dort aß Joyce damals mit seiner Familie. Er und seine Frau an der Wand – Joyce hielt die Speisekarte in einer Hand in die Höhe und beäugte die Speisekarte durch seine dicken Brillengläser, Nora neben ihm, ein herzhafter, aber wählerischer Esser, Giorgio dünn, geziert, mit gestriegeltem Hinterkopf, Lucia mit schönem, lockigem Haar, ein noch nicht ganz erwachsenes Mädchen. Sie sprachen alle Italienisch.“

Trotz der Verehrung für Joyce – der Ire wird in dem Buch nur an wenigen Stellen erwähnt, während anderen literarischen Größen, denen Hemingway begegnet, ganze Kapitel und Absätze gewidmet sind: Gertrude Stein, Sherwood Anderson, Ezra Pound und Fitzgerald sowieso. Vielleicht – aber dies ist reine Spekulation – eine Art selbstschützende Schreibhemmung: Um den verehrten Literaturgott nicht durch die falschen Worte vom Sockel zu holen. Dabei haben Hemingway und Joyce durchaus ihre gemeinsamen Erlebnisse gehabt. In einer Anekdote heißt es, Joyce, ein „kleiner, dünner, unathletischer Mann“, habe sich, wenn er und sein Trinkkumpel Hemingway in eine Kneipenschlägerei gerieten, hinter „Hem“ versteckt. Um aus sicherer Position den Amerikaner anzufeuern: „Deal with him, Hemingway, deal with him!“.

Was zumindest gesichert ist: Beide, sowohl Hemingway als auch Joyce, hatten schwerwiegende Alkoholprobleme mit gesundheitlichen, psychischen wie physischen Folgen. Das Paris der 20er-Jahre war ein Fest fürs Leben. Der Preis dafür würde später bezahlt.

Steven Bloom: Das positivste Wort der englischen Sprache

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„Als Maggie ging, wußte Norman nicht, was er fühlte. Er arbeitete weiter an seinem Roman über das Postamt, und obwohl es während der nächsten Jahre Frauen gab, fühlte er sich keiner so nahe wie seinen Figuren.
Das Dunkel der Nacht kam sehr gut an, und Norman bewarb sich mit Erfolg an einem kleinen, aber renommierten College zwei Zugstunden von New York entfernt.
Als er eines Tages eine Mitteilung des Fachbereichs las, merkte er beim Blick auf das Datum, dass er, wie auch immer, zweiundvierzig geworden war.“

Steven Bloom, „Das positivste Wort der englischen Sprache“, 2015, Wallstein Verlag.

Vor allem Männer, die über die Mitte des Lebens hinaus sind, sollten dieses Buch lesen. Man steht auf, macht seinen Job, versucht, irgendwie durchzukommen, kleinere und größere Ereignisse und Katastrophen verschwimmen irgendwann im Fluss der Zeit – und ehe man sich versieht, ist man Vierzig plus, ein Sonderling und ziemlich einsam. Norman Goldstein ist so ein Typ, beinahe ein „Stoner“, etwas tapsig, unbeholfen, aber auch stoisch bis hin zum zeitweiligen Gefühlsautismus, dabei aber auch überaus sympathisch. Dieser Goldstein scheint durch sein Leben zu gehen und sich meistens zu wundern, was ihm geschieht (oder vielmehr: nicht geschieht):

„In der Mensa der Fakultät wurde er eines Tages Ohrenzeuge einer Diskussion über die „Neue Enthaltsamkeit“ und war überrascht, dass es noch andere gab, die wie er waren. Seine Enthaltsamkeit war jedoch schon über zehn Jahre alt. Sie war das Geschenk, das er sich zu seinem fünfzigsten Geburtstag gemacht hatte.“

Vor allem die Frauen, die ihm geschehen:

Ehrlich gesagt, sagte Maggie, hast du bei manchem keine Wahl. Ich war auch mal verheiratet, ich lebe auch schon zu lange allein. Ich leide auch an einer Unterversorgung mit Zärtlichkeit. Der einzige Unterschied zwischen uns ist, dass ich keine verkorkste Lebensphilosophie habe. (…)
Du brauchst mir nicht zu sagen, dass ich dich herumkommandiere, sagte Maggie, als sie in einem Restaurant in Chinatown saßen, denn das ist nicht zu übersehen. Ich tue es aber aus dem besten aller möglichen Gründe: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei. Das stammt von Gott persönlich, Norman.

Dass das mit Maggie – wie mit den Frauen zuvor – nicht gut ausgeht, liegt auf der Hand…

Erst als ihn eine späte Liebe ereilt, entdeckt Goldstein „das positivste Wort der englischen Sprache“: „YES“. Die temperamentvolle, wesentlich jüngere Kollegin Vashti holt den Bildungs-Eremiten aus seiner Höhle, überrollt ihn mit ihrer Lebensfreude, nimmt ihm förmlich an der Hand, rüttelt und schüttelt ihn aus seiner Lethargie.

Vashti spießte ein Stück Kiwi mit der Gabel auf.
Dein Gesicht, sagte sie, ist wie ein offenes Buch. Irgendetwas plagt dich.
Ich fühle mich dir näher, sagte Norman, als ich mich je einem Menschen gefühlt habe, und trotzdem hält mich etwas zurück.
Liebe, sagte Vashti, ist ziemlich beängstigend. Du liebst mich doch, oder?
Ich wünschte, ich könnte einfach ja sagen.
Dann sag es halt.
Mit „yes“, sagte Norman, endet der Ulysses. Er wollte, sagte Joyce, sein Buch mit dem positivsten Wort der englischen Sprache enden lassen.
Es ist ein gutes Wort, Norman, sagte Vashti.

Endlich angekommen beim positivsten Wort der englischen Sprache, erfährt Norman tragischerweise ein großes, finales „No“: Vashti stirbt.

Es ist dem Talent des Steven Bloom zu verdanken, dass man diesen schmalen Roman zuklappt, und neben der Melancholie über ein Unhappy End (das Bloom leise, wehmütig ausgleiten lässt), auch ein Gefühl der Heiterkeit mitnimmt. Wie Vashti ihren Norman, so kann auch dieses Buch schütteln und rütteln. Es fordert die Frage heraus: Was stellst Du mit deinem Leben an?

Dabei ist „Das positivste Wort der englischen Sprache“ kein melancholisches Buch an sich. Bloom hat ein außerordentliches Talent für witzige Dialoge, stellt seinem Stadtneurotiker Norman zynische und lakonische Gesprächspartner an die Seite, lässt in dem schmalen Werk eine ganze Reihe bunter, schillernder Typen auftreten: Die linksliberalen jüdischen Eltern, den gewitzten Hausmeister, rassistische Vermieter, abgetackelte Spieler, versoffene irische Dozenten. Seitenweise prallvolles Leben, kapitelweise amerikanische Geschichte im Vorbeigehen – von der latent und offen rassistischen New Yorker Gesellschaft der Nachkriegsjahre, über die Aufbruchsstimmung unter Kennedy, die Emanzipation unter Martin Luther King, bis zur revisionistischen Reagan-Ära spannt sich der Bogen. Ulrich Rüdenauer schrieb in der Zeit über das Buch:

Sein neuer Roman ist zugleich sein ambitioniertester, zumindest was die darin erzählte Zeitspanne angeht, und sein zurückgenommenster. Er beginnt in den sechziger Jahren und umfasst ein halbes Jahrhundert, in dem wir den jungen Norman Goldstein auf seinem Weg durchs Leben begleiten. Das positivste Wort der englischen Sprache ist ein schmaler Entwicklungsroman, der wie nebenbei die Geschichte Amerikas des letzten halben Jahrhunderts miterzählt. Episoden und Lebenssplitter werden aneinandergereiht, dazwischen immer wieder kleinere und größere Lücken gelassen, die dem Buch bei aller chronologischen Strenge eine reizvolle Offenheit geben. 

Unterschlagen hat Rüdenauer dabei, dass der schmale Roman auch witzig und überaus unterhaltsam ist, vor allem dann, wenn Norman, der Schüchterne, von seinen Gesprächspartnern förmlich überrollt wird.

Das positivste Wort der englischen Sprache ist – trotz der ihm innewohnenden Melancholie – der positivste Roman der englischen Sprache, den ich in letzter Zeit gelesen habe. Volle Leseempfehlung daher.

Mein Dank an den Wallstein Verlag für das Rezensionsexemplar (Verlagsangaben zum Buch hier). Und für die Entdeckung des Autoren: Steven Bloom, 1942 in Brooklyn geboren, lebt seit Jahren in Heidelberg, schreibt in amerikanischem Englisch (Übersetzerin Silvia Morawetz), seine Werke erschienen bislang jedoch bei deutschsprachigen Verlagen, nicht jedoch im angelsächsischen Raum.

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Enrique Vila-Matas: Dublinesk

„Er wendet sich wieder den Zeitungsnachrichten zu und liest, dass Claudio Magris meint, die Reise im Kreis wie bei Odysseus, der wieder heimkehrt – die traditionelle, klassische, ödipale und konservative joycesche Reise -, werde um die Mitte des 20. Jahrhunderts ersetzt durch die lineare Reise nach vorn: eine Art Pilgerfahrt, eine Reise, die immer weiter führt, auf einen unmöglichen Punkt der Unendlichkeit zu, wie eine gerade Linie, die zögernd ins Nichts vorstößt.
Er könnte sich jetzt als Reisender geradeaus begreifen, doch er will keine Probleme und beschließt, dass seine Lebensreise traditionell, klassisch, ödipal und konservativ verlaufen soll.“

„Riba neigt nicht nur dazu, das Leben zu lesen wie einen literarischen Text, sondern bisweilen sieht er die Welt auch als ein wüstes Gestrüpp oder Knäuel.“

„Seit jeher hegte er eine große Bewunderung für Schriftsteller, die jeden Tag aufs Neue eine Reise ins Unbekannte wagen und dabei doch den ganzen Tag nur in ihrem Zimmer hocken. Hinter verschlossenen Zimmertüren bewegen sie sich nicht weg vom Fleck, und dennoch finden sie gerade in dieser Begrenzung die absolute Freiheit, der zu sein, der sie sein wollen, sich dorthin zu begeben, wohin auch immer ihre Gedanken sie führen.“

Enrique Vila-Matas, „Dublinesk“, 2013, Die andere Bibliothek

Also noch einer, der von Joyce, Bloom und Dublin nicht lassen kann. Enrique Vila-Matas erzählt von einem alternden Verleger, aus dem Literaturgeschäft ausgestiegen, dem Alkohol entsagt, in der Ehe fremdelnd, den wenigen Freunden entfremdet, in den Weiten des Internet verloren. Eine Reise nach Dublin soll eine Wende bringen – zum Guten oder zum Schlechten. Auf den Spuren von Joyce und Bloom soll die Literatur zu Grabe getragen werden. Die Reise wird dublinesk, grotesk, burlesk.
Eingeschränkte Leseempfehlung meinerseits: Ein Buch über die Literatur voller Anspielungen und Bezüge auf alles, was Rang und Namen hat – Magris, Pessoa, Freud, Robert Walser, Hugo Claus, Gadda, Melville. Es bleibt unter anderem der Eindruck zurück, dass Vila-Matas hier nicht nur seiner eigenen Literaturbessenheit freien Lauf lässt, sondern sie auch ein wenig zur Schau stellt. Dazwischen aber wunderbare Textpassagen, Reflektionen, Selbstfindungsabsätze – über die drei wichtigen „L“: Das Leben, die Liebe, die Literatur.
Kein leichtes Lesevergnügen, auch wegen zeitweiliger Redundanz und Langatmigkeit. Aber eine Fundgrube für Joyce- und Beckett-Fans.

In der Bloggerwelt stieß jedoch die deutsche Übersetzung und das Lektorat auf harsche Kritik. Zum Weiterlesen seien folgende Links empfohlen:

http://www.enriquevilamatas.com/escritores/escrschlickerss1.html

http://andreas-oppermann.eu/2013/07/13/hat-der-lektor-von-enrique-vila-matas-dublinesk-zu-viel-getrunken/

http://www.theomag.de/83/am395.htm

http://kopkastagebuch.wordpress.com/2013/07/10/glucklich-wie-ein-trottel/

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Reto Hänny: Blooms Schatten

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Bild: Birgit Böllinger

„danach – war`s anders zu erwarten – der natürlich noch wach Liegenden (einladend vor ihm geöffnet, halb auf der Seite jetzt, der linken, die linke Hand unter dem Kopf, das rechte Bein gestreckt auf dem angewinkelten linken ruhend, erfüllt, entspannt, von Samen strotzend voll), beim Rapport ihr den Ritus des Onan und andere ihm unangenehme Vorkommnisse geflissentlich unterschlagend, vom Frühstück am Morgen über die Beerdigung bis zu seinem jetzigen Bei-ihr-Liegen in großen Zügen fein säuberlich den verflossenen Tag rekapituliert,“

Reto Hänny, „Blooms Schatten“, 2014, Matthes & Seitz Berlin

1 Buchseite nimmt dieser Absatz im Literaturexperiment des Schweizer Schriftsteller Reto Hänny ein – allein der Akt des Zu-Bettgehens eines gewissen Leopold Bloom erstreckt sich in der berühmten Vorlage über zahlreiche Absätze, eingeleitet durch Fragen, die jeden Gedanken des Bloom, insbesondere über den Liebhaber seiner Molly, festzuhalten versuchen.
Man schlage selber den „Ulysses“ nach, um zu lesen, wie sich bei James Joyce der Bloom im Bett erstreckt. Hier einige Beispiele, stark reduziert:

„Was für Gedanken hegte er bezüglich des letzten Gliedes dieser Reihe und kürzlichen Inhaber des Bettes? (…)
Warum gesellte sich für den Beobachter Erregbarkeit zu Kraft, Körperproportion und kaufmännischer Fähigkeit? (…)
Mit welchen widerstreitenden Gefühlen waren seine nachfolgenden Überlegungen besetzt? Mit Neid, Eifersucht, Entsagung, Gleichmut.
Neid? (…)
Eifersucht? (…)“

Mit welchen Modifikationen replizierte der Erzähler dieser Interrogation?
Negativ: er unterließ die Erwähnung der heimlichen Korrespondenz zwischen Martha Clifford und Henry Flower, der öffentlichen Kontroverse in, vor und bei dem lizensierten Schanklokal von Bernard Kiernon & Co., G.m.b.H., 8, 9 und 10 Little Britain Street, der erotischen Provokation sowie Reaktion darauf, verursacht durch den Exhibitionismus von Gertrude (Gerty), Nachname unbekannt.“
James Joyce, „Ulysses“, in der Wollschläger-Übersetzung

Verdichtet, eingedampft, eingekreist, nacherzählt, der Versuch, die Essenz eines Mammutwerkes in einem, einzigen langen Satz zu fassen – dieses, man mag schon beinahe „Wahnsinns-Experiment“ sagen, ist Reto Hänny mit „Blooms Schatten“ eingegangen. Er nimmt die Nacherzählung eines Tages mit dem berühmten Kalypso-Kapitel auf, beginnt diese Reduktion oder besser diesen Fassungsversuch mit einem Satz (der dann über die folgenden 139 Seiten nimmer mehr unterbrochen wird, ganz in der Tradition des Gedankenstroms) so:
„Die Odysee eines Annoncenakquisiteurs weder ohne Furcht noch ohne Tadel der, teils wie unter Schock, von morgens um acht all die Stunden bis weit über Mitternacht hinaus, das nimmer Neue mit immer neuer Hoffnung zu betrachten, einen hektisch anstrengenden Tag lang (einen, wenn man es bedenkt, völlig gewöhnlichen Frühsommertag, einen ausgesprochenen durstigen zwar, an welchen die Trockenheit nach Wochen eitel Sonne aber ihren Höhepunkt erreichen und abrupt zu Ende gehen sollte) durch das Labyrinth einer Stadt weit oben auf der nördlichen Halbkugel irrt, wo die vielen Kneipen den größten Teil der reichlich bemessenen freien Zeit und des leider der freien Zeit nicht ganz gemäßen Geldes beanspruchen…“
Somit ist das wer-wo-was umrissen – wer, das ist Leopold Bloom, wo, das ist Dublin, was, das ist ein Tag im Leben dieses Blooms, das ist auch dieser Roman, das Jahrhundertbuch, in dem Joyce den Gedanken eines Mannes einen Tag lang auf der Spur blieb, ein 24-Stunden-Gedankenstrom-Experiment – mehr als 90 Jahre später wiederum von einem Schweizer in einem weiteren Experiment zu einem einzigen Satz geformt.
Reto Hänny las den Ulysses erstmals mit 15 Jahren, wie er in seinem Nachwort schreibt, tauchte ein in eine Wunderwelt der Sprache, eine Begegnung, die ihn von seiner Legasthenie kurierte.
„Der Ulysees hat mich seither nicht mehr losgelassen, auch die letzten Jahre nicht, in denen ich mich vorwiegend mit Musik beschäftigte, und da bei mir seit je eins aus dem andern wächst, sind mir diese Musikstudien bei der Neuformung der alten Geschichte, die ich erst jetzt schreiben könnte, wie sie mir vorschwebte, zugute gekommen.“

Wie Roland Barthes einst postulierte, wird Literatur aus dem Leben gemacht – und auch, wenn Hänny sich an die Devise hält, „Literatur entstehe aus der Literatur“, liegt darin kein Widerspruch. „Blooms Schatten“ ist das Projekt eines Literaturbesessenen, eines Ulysses-Jüngers, einer, der sich sein Leben lang mit auf dieser Joyce-Odyssee befand, um nun endlich wieder anzukommen – in einem kleinen, schmalen Buch, eigentlich wohl auch ein Lebenswerk, in dem sich die Liebe zur Literatur und Musik verdichtet. Eingeflossen sind in dieses Ein-Satz-Buch noch weitere „Spuren und Ablagerungen der täglichen Lektüre“, es lohnt also, das Buch – das durchaus in einem Durchgang gelesen werden kann – mehrfach aufmerksam aufzunehmen, nach Shakespeare, Flaubert, Claude Simon und anderen zu forschen. Über allem aber ohne Zweifel Joyce.
Gesteckt ist damit jedoch dennoch auch der Rahmen, die Grundlage für Leser: „Blooms Schatten“ kann freilich auch ohne explizite „Ulysses“-Kenntnis als kleine Miniatur genossen werden, als eigenständiges Werkstück mit einer ausgesprochenen musikalischen Sprache, die sich beim Laut- oder auch Vorlesen voll entfaltet. Doch zum eigentlichen Genuss kommt man freilich nur dann, wenn man die berühmte Vorlage kennt – als Reduktion oder Zusammenfassung für jene, die Joyce-Kenntnisse vortäuschen wollen, eignet sich „Blooms Schatten“ nicht. Es ist also letztendlich doch ein Werk für eine kleine Lesergemeinde – umso rühmenswerter, dass der Verlag sich dessen angenommen hat. „Literatur in größtmöglichen Abstand zum Mainstream“ – dieses Zitat von Urs Widmer ist auf dem Umschlag zu lesen. Jawohl!

Buchvorstellung beim Verlag:
http://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/blooms-schatten.html

Djuna Barnes: Paris, Joyce, Paris

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Bild von Pexels auf Pixabay

„Als ich eines Abends aus dieser Kirche kam, schaute ich ins Café Aux Deux Margots hinein und trank ein Glas Wein, während Joyce, James Joyce, der Autor des verbotenen Ulysses, über die Griechen sprach.
Ein ruhiger Mann, dieser Joyce, mit dem Hinterkopf eines afrikanischen Götzen, lang und flach. Dem Hinterkopf eines Mannes, der mit der vulgären Notwendigkeit geistigen Stauraums gebrochen hatte.“

„Joyce lebt in einer Art dem Zufall überlassener Zurückgezogenheit. Es freut ihn, wenn Freunde vorbeischauen, und angeblich geht er dann überall mit hin und trinkt, was sich bietet. Er hat einen Widerwillen gegen Kunstgespräche, und seine Freunde sind ganz gewöhnliche Menschen.
Sein Hauptthema ist die griechische Mythologie, und er wird niemals müde, darüber zu sprechen, was es mit dem Ursprung des namens Orion auf sich hat, ein Stück Aufklärung, das dem streng akademischen Geist höchst anstößig erschiene, denn er macht aus den Griechen `ungezogene Jungs´, und sorgt dafür, dass sie sich, über die Kluft hinweg, mit Rabelais die Hand schütteln.“

Djuna Barnes, „Paris, Joyce, Paris“, insel taschenbuch

Wenn Djuna Barnes (1892-1982) über Joyce in diesem schmalen Buch im Anschluss an das zweite Zitat noch schreibt: „Er gleitet von einem Thema zu nächsten, ohne eindeutige Unterteilungen vorzunehmen“, so ist darin vielleicht auch eine Selbstskizzierung enthalten. Abschweifend, assoziativ, mysteriös ihr Stil. Aber auch: Leichthändige, luftige Skizzen. Das alles sind diese drei Impressionen, dieses Trio kurzer Stücke über die Stadt, in der die amerikanische Schriftstellerin lange Jahre lebte. 1919 kam sie erstmals nach Paris – zuhause bereits eine anerkannte Journalistin, im Auftreten außergewöhnlich und extravagant. Sie blieb, trotz ihrer anfänglichen leichten Enttäuschung (oder enttäuschten Erwartungshaltung) bis 1940.

Paris, so möchte man meinen, war für die Bohémienne aus Greenwich Village, wie gemacht. Doch es ist durchaus nicht Liebe auf den ersten Blick. In „Vagaries Malicieuses“, dem ersten der im Taschenbuch versammelten Prosastücke, wird die Stadt an der Seine einem kritischen, ironisch-distanzierten Blick unterworfen:

„Ich antwortete ihm, der Blumenmarkt lasse mich vergleichsweise kalt. „Denn einmal“, sagte ich, „hatte ich einen Freund, dem ich Blumen schickte, und nun, da ich keine mehr schicken darf, gehören Blumen für mich zu den Dingen, über die ich besser nicht nachdenke“, und ich setzte hinzu, der Vogelmarkt löse in mir Empfindungen aus, denen ich nicht nachgeben könne. Ich hätte nämlich gern fünf zierliche Freundinnen, denen ich sie schicken könnte. Fünf kleine Mädchen, die mit geschlossenen Augen und geöffneten Händen in einer Reihe sitzen müssten, um fünf sich drängende Hänflinge in Empfang zu nehmen. (…)
Und was nun die Gemüsemärkt und Märkte angeht, wo Fisch und Leber und Hirne in Tümpeln ebenso kalten wie schönen Bluts liegen, über all diese Dinge mag ich überhaupt nicht nachdenken…“

Leicht macht Djuna Barnes ihren Lesern den Zugang nicht. Abschweifende Gedanken, herumschweifende Sätze – erst nach und nach erschließt sich der Sinn, wird die Spöttelei in den maliziösen Launen, Einfällen (ihre Biographin Kyra Stromberg weißt im Nachwort des Buches darauf hin, dass Barnes auch aufgrund ihrer bleibend mangelhaften Beherrschung der französischen Sprache oftmals Mutter- und Gastsprache mischte wie in den „Vagaries Malicieuses“) zu einer versteckten Liebeserklärung an die Stadt Paris.

„Spötter behaupten, Djuna Barnes habe mit ihrem feingestochenen Stil, der bombastisch und theatralisch, aber auch kalt und messerscharf sein kann, keine Romane, Theaterstücke, Kurzgeschichten, Essays und so weiter verfasst, sondern lauter erste Sätze. Wahr ist, dass viele ihrer Sätze so komplex sind, dass man ihre Bedeutung nicht beim ersten Lesen verstehen kann“, so Verena Auffermann in einem biographischen Aufsatz über die Barnes. Deren Pariser Jahre fallen in ihre größte Zeit – später wird sie, eine der bekanntesten „expatriates“, verarmt und vergessen in New York leben. Doch in den 20er Jahren ist sie Mitglied und Vorzeigefrau der amerikanischen Emigranten an der Seine.

„…in jenem wuseligen Paris, in dem James Joyce lebt, den Djuna Barnes verehrt wie niemanden sonst. Aber auch Ezra Pound, T. S. Eliot, Ernest Hemingway und Scott Fitzgerald haben sich dort eingefunden. Sie haben alle ihre Rolle beim Aufbruch in die Moderne. Die Rolle der Frauen im Kreis der Intellektuellen und Künstler war weit mehr als die der Hebamme bei der Geburt des Modernism. 1922 verlegte Sylvia Beach, die in der Rue de l`Odéon ihre Buchhandlung betrieb, den Ulysses von James Joyce. Die Journalistin Janet Flanner schrieb ihre Letters from Paris, die im New Yorker erschienen. Berenice Abbott fotografierte das Pariser Leben, Gertrude Stein hielt Hof und arbeitete nachts an ihrer eigenen Moderne. Djuna Barnes war 1919 im Auftrag von „McCall`s Magazine nach Paris gekommen.“

Verena Auffermann über Djuna Barnes in „Leidenschaften – 99 Autorinnen der Weltliteratur“, btb Taschenbuch.

So war also Paris. Für Djuna Barnes aber – wie auch für die anderen der genannten Literaten, bis auf die Stein, die Joyce in herzlicher Abneigung verbunden war – war er das Epizentrum: Der Schöpfer des „Ulysses“. Eines der drei Prosastücke ist ausschließlich ihm gewidmet: „James Joyce“, ein Portrait, das 1922 wenige Wochen nach dem Erscheinen des Mammutwerkes in der „Vanity Fair“ erschien. Das erste Zusammentreffen, es wird geradezu mystifiziert:

„Und dann, eines Tages, kam ich nach Paris. Ich saß im Café Aux Deux Margots, das auf die kleine Kirche Saint-Germain-des-Prés hinausgeht, und sah, wie sich aus dem feuchten Nebel ein großer Mann löste, der, den Kopf leicht gehoben und abgewandt, dem Wind ein wohlgeordnetes Durcheinander von rotem und schwarzem Haar überließ, das sich an einem vorgereckten Kinn in einem schütteren Keil fortsetzte.“

Mit Worten Bilder schaffen, Szenen festhalten – das ist eine Qualität, die der amerikanische Journalismus hatte. Zumal sich Djuna Barnes sich auch nicht um journalistische – oder andere – Konventionen kümmerte, literarische Grenzen überschritt. das Portrait wird zu einer eindeutigen Ergebenheitserklärung:

„Man sagt ihm nach, er sehe gleichzeitig traurig und müde aus. Er sieht zwar traurig aus, und er sieht auch müde aus, doch ist das die Traurigkeit eines Mannes, der ein mittelalterliches Anrecht auf eine Betrübnis erwirkt hat, die ohne Zeit ist und ohne Ort; es ist die Müdigkeit eines Mannes, der sich aus freien Stücken der Schaffung einer Überfülle in der Beschränkung verschrieben hat.“

„Das ist ungefähr Joyce, und man fragt sich doch, ob Irland nicht endlich seinen Mann hervorgebracht hat.“

1941, schon in den USA, erinnert sich Djuna Barnes an ihr Paris, an ihrer Pariser Jahre. Ein wehmütiges „Klagelied auf das Linke Ufer“ entsteht. Erinnerungen an Menschen, Orte, vor allem aber an James Joyce:

„James Augustin Joyce (er war dank der geistigen Verwirrung eines Gemeindeschreibers in Rathgar Augusta getauft worden) wies einem Zeitalter den Ausgang.“

Durch den Tod, die Flucht vor den Nazis, durch einen Ozean getrennt von all jenen, die sie kannte und liebte, entfährt ihr in diesem Essay ein letzter Seufzer:

„Das Schreckliche ist ja nicht, dass all diese Dinge geschehen konnten, sondern, dass sie alle vorbei sind.“