Bertolt Brecht und der Film

Bertolt Brecht war zwar vom Medium Film fasziniert, hatte aber damit kein Glück. BB und der Film – das war weniger episches Theater, sondern ein Drama ohne Ende.

Bild von Birgit Böllinger auf Pixabay

Dabei fing alles so gut an: Bereits 1923 arbeitet Brecht, damals 25 Jahre alt, mit dem Regisseur Erich Engel und mit Karl Valentin zusammen. Die „Mysterien eines Frisiersalons“ erinnern streckenweise an den Surrealismus im „andalusischen Hund“ von Luis Buñuel, sind aber auch komisch, humoristisch und ein wenig chaotisch. Der Film galt lange als verschollen, wurde jedoch in den 70erJahren wiederentdeckt und restauriert.

1930 machte sich Georg Wilhelm Pabst an die Verfilmung der Dreigroschenoper. Brecht, zunächst noch aktiv mit dabei, überwirft sich mit Regisseur und Produktionsfirma, will den Film, auch vor dem Hintergrund des aufkommenden Nationalsozialismus, mit eindeutigerem politischen Inhalt versehen. Die Streitigkeiten führen zum sogenannten Dreigroschenprozeß. Brecht schrieb unter dem Titel „Der Dreigroschenprozeß. Ein soziologisches Experiment“ eine Analyse des Rechtsstreits, die er zusammen mit dem Filmexposé und dem Text der „Dreigroschenoper“ veröffentlichte.

1931 ist BB jedoch wieder bereit für das Medium Film – er arbeitet mit Slatan Dudow und Hanns Eisler „Kuhle Wampe oder wem gehört die Welt?“. Der 1932 erschienene Streifen ist benannt nach dem Zeltplatz Kuhle Wampe in Berlin am Müggelsee, einer der vielen Originalschauplätze, an denen gedreht wurde. Geschildert wird das Schicksal einer Arbeiterfamilie und eines jungen Pärchens, dessen Verbindung angesichts der Massenarbeitslosigkeit ohne Zukunft erscheint. Der Film hat – auch durch den Dreh an Originalschauplätzen und mit „echten“ Arbeitslosen neben erfahrenen Schauspielern – streckenweise dokumentarischen Charakter, zeichnet ein realistisches Bild der Verelendung in der Weimarer Republik. Kuhle Wampe war der einzige eindeutig kommunistische Film dieser Zeit – bis hin zu Arbeitern, die das Lied der „Solidarität“ singen – und wurde nicht nur unter großen Schwierigkeiten gedreht, sondern prompt auch von der Zensur verboten. Nach Protesten wird der Film mit einigen Änderungen freigegeben, Brecht macht dem Zensor das ironische Kompliment, dieser zumindest habe den Film wirklich verstanden – nicht als Darstellung eines individuellen Schicksals, sondern als offene Kritik an den gesellschaftlichen Bedingungen: „Der Inhalt und die Absicht des Films geht am besten aus der Aufführung der Gründe hervor, aus denen die Zensur ihn verboten hat.“

Dann die Zeit des Exils. Letztlich verschlägt es Brecht, wie viele andere Autoren, nach Hollywood. Wie andere ist er gezwungen, dort zu antichambrieren und arbeitet für den Broterwerb an Drehbüchern für die Traumfabrik mit. Seine Erfahrungen in dieser Zeit hat er in den bitteren Hollywood-Elegien verarbeitet.

1943 jedoch hat Brecht die Chance, an einem ambitionierten Filmprojekt mitzuwirken. Unter der Regie von Fritz Lang, ebenfalls einem Exilanten, entsteht „Hangmen also die“ – „Auch Henker sterben“. Die beiden Künstler kannten und schätzten sich bereits in den Tagen der Berliner Zeit. Als Brechts Lage im schwedischen Exil angespannt wird, sorgte Lang, der in Hollywood schnell Fuß gefasst hatte und seine Karriere fortsetzen konnte, mit dem European Film Fund dafür, dass Brecht, Weigel, sowie die beiden Kinder und Ruth Berlau Visa für die USA bekamen, 1941 traf die Familie in Los Angeles ein.

Der Film „Auch Henker sterben“ erzählt bereits ein Jahr nach dem Attentat auf Reinhard Heydrich in Prag 1942 vom tschechischen Widerstand und der Fahndung der Gestapo nach dem Attentäter. Doch schon während der Dreharbeiten kommt es zwischen Lang und Brecht zu Differenzen. Der cholerische Lang tobt gegenüber Brecht und dem ebenfalls linksgerichteten Co-Autoren John Wexley, er „scheiße auf Volksszenen“, er wolle ein Hollywoodpicture machen. Ungerechtigkeiten bei der Bezahlung – Brecht sollte wesentlich weniger als Wexley erhalten -, Kürzungen im Skript, charakterliche Unverträglichkeiten taten ihr weiteres. Die Zusammenarbeit wurde zum Desaster und gipfelte in einer Anhörung vor der „Screen Writer`s Guild“, weil Wexley als der eigentliche Autor genannt werden wollte, Brecht jedoch nur unter ferner liefen aufgeführt wurde. Die Schiedsstelle entschied zugunsten des Amerikaners. Brecht legte danach die Arbeit am Film nieder, begegnete auch Fritz Lang nicht mehr.

Doch was übrig bleibt: Zum einen überstand auch diese Episode die Freundschaft zwischen Brecht und Hanns Eisler, der als Komponist auch an den früheren Filmen mitgearbeitet hatte. Und vor allem: „Hangmen also die“ ist, wenn auch viele der Ideen und Vorstellungen Brechts nicht verwirklicht werden konnten, eines der wichtigsten Filmwerke geworden, das noch während des Nationalsozialismus eindeutig Stellung gegenüber der deutschen Tyrannei bezog.

Lang setzte dem verlorenen Freund BB später noch ein cineastisches Andenken, so der Filmwissenschaftler Peter Ellenbruch:

„Im Gegensatz zu Brecht, der ein Gegner Langs geblieben sein soll, hat sich Lang immer wieder positiv zu Brecht geäußert, ihn als einen wichtigen Autor geschätzt und sich von seinem Werk inspirieren lassen. So baute er 1963 eine Brecht-Hommage in LES MEPRIS von Jean-Luc Godard ein – in welchem er sich selbst spielte – und die Buchstaben „BB“ stehen innerhalb des Films plötzlich nicht mehr für die Hauptdarstellerin Brigitte Bardot, sondern einen Moment lang für Bert Brecht.“

Karl Kraus – Man frage nicht

silence-3810106_1920

Bild von TheoLeo auf Pixabay

Man frage nicht

Man frage nicht, was all die Zeit ich machte.
Ich bleibe stumm;
und sage nicht, warum.
Und Stille gibt es, da die Erde krachte.
Kein Wort, das traf;
man spricht nur aus dem Schlaf.
Und träumt von einer Sonne, welche lachte.
Es geht vorbei;
nachher war’s einerlei.
Das Wort entschlief, als jene Welt erwachte.

Karl Kraus (1874-1936)

Als im Januar 1933 die Nationalsozialisten an die Macht kamen, verstummte Karl Kraus: Der Sprachgewaltige, der Sprachmächtige, er verlor anscheinend vorübergehend die Sprache angesichts jener, die sie vergewaltigten für ihre Hetze, die mit ihren Worten ein ganzes Volk manipulierten.

Erst im Oktober 1933 meldete Karl Kraus sich wieder zu Wort: Erst dann erschien erneut eine, die 888. Ausgabe der Zeitschrift „Die Fackel“. Das Heft umfasste gerade einmal vier Seiten – einen Nachruf auf den Architekten Alfred Loos und jenes Gedicht. Die dünnste Fackel, die es je gab – und wenige Worte genügen, um das Dilemma und Verzweiflung dessen sichtbar zu machen, der nicht nur an die Kraft der Sprache glaubte, sondern auch an ihre moralische Wirksamkeit. Das Wort entschlief, als jene Welt erwachte…
Die von ihm 1899 gegründete Fackel hatte er auch geschaffen, um gegen Sprachverhunzung, die zumeist auch Wahrheitsverschleierung ist, anzukämpfen. Um die Rhetorik der Machthabenden zu entblößen. Kraus schreibt der Fackel in das Programm: “Das politische Programm dieser Zeitung scheint somit dürftig; kein tönendes ‘Was wir bringen’, aber ein ehrliches ‘Was wir umbringen’ hat sie sich als Leitwort gewählt.”

1914 noch schreibt er vehement gegen den Missbrauch der Sprache und die öffentliche Kriegstreiberei an. Hat ihn, zwanzig Jahre später, die Kraft verlassen, auch das Vertrauen in das Wort verlassen?

Intensiver mit den Hintergründen setzt sich Richard Schuberth, offenbar ein leidenschaftlicher Kraus-Anhänger, auseinander – man beachte insbesondere Teil 23 bis 25 seiner “Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus”:

“Und so tat Kraus, was er schon bei Ausbruch des I. Weltkriegs getan hatte: Er entzog sich der Kakophonie lauter Parolen und vorschneller Meinungen und recherchierte und reflektierte unermüdlich. Zeit seiner letzten drei Lebensjahre würde eine Öffentlichkeit, die ihm Indifferenz, Feigheit und Faschismus vorwarf, nicht ahnen, dass er Frühling und Sommer 33 nichts anderes getan hatte als an einer 400-seitigen Fackel-Ausgabe mit dem Titel Dritte Walpurgisnacht zu arbeiten, der ersten profunden Kritik des Nationalsozialismus, denen die Faschismusanalysen der kommenden Jahre, wie Friedrich Dürrenmatt meinte, nur noch Quantitatives beifügen konnten. Das Heft war größtenteils schon gesetzt, als sich Karl Kraus entschied, es zurückzuziehen.
Die Dritte Walpurgisnacht, welche 1952 posthum als Buch erschien, beginnt mit jenen berüchtigten Worten Mir fällt zu Hitler nichts ein , deren Zitat vor allem der böswilligen Unterschlagung dessen dienen sollte, was dem Satz folgte, und zwar der scharfsinnigen Erörterung, warum es gegenüber dem Phänomen der Gewalt keine Polemik geben kann und vor dem des Irrsinns keine Satire sowie mehr Einfällen zu Hitler, seinen Schergen, Mitläufern und schwachbrüstigen Gegnern, als irgendeinem seiner Zeitgenossen einfielen.”

Statt der Walpurgisnacht also das öffentlich bekundete Verstummen: Es brachte Karl Kraus viel Kritik (unter anderem die “Grabreden”), bis heute überdeckt es für manchen den Blick auf die  Haltung dieses Schriftstellers, der sich der Schrift im wahrsten Sinn des Wortes stellte. Andere konnten Kraus` Haltung nachvollziehen: “In einem zehnzeiligen Gedicht/Erhob sich seine Stimme, einzig um zu klagen/Daß sie nicht ausreiche” schrieb Bertolt Brecht in seiner berühmten Replik. 1934 kündigte Brecht jedoch Kraus die Freundschaft aufgrund der Kraus-Äußerungen zur Unterdrückung der sogenannten “Februaraufstände” in Österreich.

1934 erschien keine normale Ausgabe der Fackel, sondern die Erklärung Warum die Fackel nicht erscheint. Karl Kraus hatte den Druck der Nummer mit dem 300 Seiten-Torso “Die Dritte Walpurgisnacht” gestoppt. Stattdessen erläuterte er auf beinahe ebenso viel Seiten seine Haltung: Er sei an eine Grenze geraten, weil “Gewalt kein Objekt der Polemik, Irrsinn kein Gegenstand der Satire” sein kann.

Die letzte Nummer erschien 1936, vier Monate vor seinem Tod, diese Ausgabe endete mit dem Wort: Trottel.

Persönliche Anmerkung:
Chemnitz. Ein Beispiel, wenn auch ein Eklatantes, dafür, was gärt und herausbricht. Noch ist es Zeit, ganz laut die Stimme zu erheben gegen den um sich greifenden Rechtsextremismus. Nicht länger stumm bleiben, sondern lauter werden!

Spende? Gerne!

Wer das Engagement dieses Blogs unterstützen möchte, kann dies gerne mit einem Beitrag via Paypal tun. Oder ganz klassisch mit einer Überweisung, die Daten dafür finden sich im Impressum.

€5,00

François Armanet: Bücher für die einsame Insel

beach-1866992_1920

Bild von Pexels auf Pixabay

„Wenn ich zwei Tage auf der Insel bleiben soll, würde es mir reichen, eine Ausgabe des Nouvel Obs mitzunehmen. Wenn ich so lange bleiben muss wie Robinson, bräuchte ich fünfzigtausend Bände aus der Bibliothek, die ich zu Hause habe. Deswegen würde ich das Telefonbuch mitnehmen. Mit all den Namen könnte ich unendlich viele Geschichten schreiben.“ 

Umberto Eco im September 2006

Unter lesenden Menschen erfreut sich diese Frage ungebrochener Beliebtheit: Welche drei Bücher würdest Du, wenn Du Dich beschränken müsstest, mit auf eine einsame Insel nehmen? Ich gestehe offen: Ich versuche meist, mich vor einer Antwort zu drücken. Ich wüsste zwar viele, viele Bücher zu nennen, die ich nach einmaligem Lesen keinesfalls mehr auf einer Insel oder anderswo bräuchte, ebenso ungelesene Bücher, um die ich gerne einen Bogen mache. Aber mich auf drei Bücher, von denen ich lange Zeit zehren müsste, beschränken? Drei Bücher aus jenen, die ich besonders schätze, wählen und aus den vielen ungelesenen Werken, die ich unbedingt noch lesen will?

Niemals könnte ich dies so kurz und bündig beantworten:

„Ich würde zwei mitnehmen: Die Ilias und Don Quijote.“ 

J. M. Coetzee im September 2013

Gesetzt wären auf jeden Fall die gesammelten Gedichte Brechts. Dann aber wird es schwierig: Einer der amerikanischen Autoren wie Cheever, Yates, Carver mit ihrem nüchternen Blick auf menschliches Treiben? Oder doch stilvolle österreichische Schwermut und Sprachkunst à la Joseph Roth, Stefan Zweig oder Heimito von Doderer? Oder – weil auf der Insel endlich mal die Zeit dafür vorhanden – Proust?

Tatsächlich neigen auch manche Schriftsteller zum Pragmatismus in dieser Frage:

„Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Anna Karenina und auf jeden Fall die Göttliche Komödie. Aus rein praktischen Gründen: Wenn ich dort Jahre verbringen soll, nehme ich besser Wälzer mit! Ich liebe Proust: Immer wieder lese ich die eine oder andere Passage aus der Suche.“

Hanif Kureishi im Januar 2005

Kurzum: Es fällt mir schwer, mich in dieser Frage festzulegen. Umso interessanter ist es jedoch, wenn dies andere tun. Es packt einen dieser kleine küchenpsychologische Kitzel: „Sag mir, was Du liest, und ich ahne, wer Du bist.“ Noch spannender wird dies, wenn die Frage von prominenten Autorinnen, bekannten Schriftstellern und Literaten weltweit beantwortet wird. François Armanet, Chefredakteur des „Nouvel Observateur“ und selbst Romançier, befragte dazu über die Jahre hinweg 200 Schriftsteller rund um den Globus. Diese hatten keine Vorgaben für ihre Antworten, konnten sich kurz und bündig halten, ebenso aber auch philosophieren und ihre Auswahl eingehend erläutern. Nur eins war gesetzt: Sowohl die Bibel als auch Shakespeare waren ausgeschlossen. Was dennoch viele nicht daran hinderte, genau diese beiden zu nennen.

„Ohne zu zögern: Die Bibel, die Historien von Herodot und Das Chagrinleder von Balzac.“

Ryszard Kapuscinski im April 2006

„Bücher für die einsame Insel“, ein Atlantik Buch, nun jüngst erschienen im Verlag Hoffmann und Campe, ist zwar selbst kein Exemplar für die Insel, aber eines dieser unterhaltsamen Bücher über Bücher, die Literatur und das Lesen, in denen ich immer wieder gerne schmökere – auch auf der Suche nach geeigneten Literaturtipps. Und wer könnte da ein besserer Ratgeber sein als ein Schriftsteller? Glücklicherweise muffeln die wenigsten so wie Monsieur Obermuffel:

„Ich antworte nie auf Umfragen.“

Michel Houellebecq im Juni 2015

Anders als Houellebecq griffen beispielsweise André Gide, Jorge Louis Borges und Raymond Queneau schon lange vor Armanet das Spiel mit der einsamen Insel auf, waren auf der Suche nach „der idealen Bibliothek“ – die Frage nach „den Büchern, die bleiben“ wird Lesende wohl immer begleiten.

Erfreulicherweise antworten daher andere Schriftsteller bei weitem nicht so rigoros wie Houellebecq. Und so ist dieses Buch, in dem unter anderem auch Margaret Atwood, Paul Auster, Julian Barnes, Günter Grass, Zadie Smith und John Irving zu Wort kommen, auch ein Leitfaden durch die Literatur (es überwiegen in den Nennungen natürlich die Klassiker), macht neugierig auf unbekanntes Terrain, versammelt „Meisterwerke der Weltliteratur, heilige Bücher der großen Religionen und geheime Madeleines“, wie Armanet im Vorwort schreibt.

Sollte tatsächlich einmal der unwahrscheinliche Fall auftreten, dass der Lesestoff ausgeht – die großen zeitgenössischen Schriftsteller machen in diesem Buch neugierig auf Werke, die sie prägten, die ihnen wichtig sind und die man vielleicht selbst nicht auf dem Radar hatte. So gibt es zwar die üblichen Verdächtigen – Proust, Balzac, Dickens, Joyce, die großen Russen, etc., – die mehrfach genannt werden. Aber auch viele – zumindest in Europa – unbekanntere Autoren wie Taha Hussein, Malek Haddad oder Marlene van Niekerk zu entdecken.  

Und im besten Falle können diese Bücher welche für die Insel werden und dann auch leisten, was einer der Schriftsteller von ihnen erhofft: 

„Die drei Bücher, die ich auf eine einsame Insel mitnehmen würde, müssten die Welt enthalten, die ich verlasse, die Leere füllen, das Leben nachzeichnen. Sie müssten mich das Treiben der Welt vergessen lassen – zumindest eine andere Welt erschaffen, in der der Einsame so etwas wie der Regisseur des neuen Universums wäre.“ 

Alain Mabanckou im Juni 2015

Verlagsinformationen zum Buch:
http://www.hoffmann-und-campe.de/buch-info/buecher-fuer-die-einsame-insel-buch-8327/

PS: Und welche drei Bücher nehmt ihr mit auf die Insel?

Spende? Gerne!

Wer das Engagement dieses Blogs unterstützen möchte, kann dies gerne mit einem Beitrag via Paypal tun. Oder ganz klassisch mit einer Überweisung, die Daten dafür finden sich im Impressum.

€5,00

Annette Pehnt: Lexikon der Angst

P1040898

Bild: (c) Michael Flötotto

„Mit dem Engel hat er schon Erfahrungen gemacht, als er noch ein Kind war. Er spielte so vor sich hin, gerade mal vier oder fünf, mit dem Krempel, den seine Eltern ihm gekauft hatten, da erschien ihm ein Engel, der kein Blatt vor den Mund nahm.
Du bist, sagte der Engel mit einer erstaunlich hohen Stimme, die kaum zu seiner stattlichen äußeren Erscheinung passte, seinen wie Kupfer gegossenen Flügeln und seinen leuchtenden bodenlangen Gewand, du bist aufgerufen. (…).
Ich will, dass du von nun an den Frieden des Herrn bringst, befahl der Engel, ein Friedensstifter sollst du sein. (…).

Du wirst ja nicht mal wütend, schimpfte die Freundin, hast du gar kein Feuer in dir. Kampfgeist, schon mal gehört.
Ich kann nichts dafür, sagte er schwach, das war der Engel, aber da hörte sie schon nicht mehr zu, vier Tage später war sie ausgezogen, und beruflich ging es auch nicht bergauf, man stellte ihm im Jobcenter für die Langzeitarbeitslosen ein, die er geduldig und erfolglos betreute. So lernte er, die Engel zu fürchten.“

„Lexikon der Angst“, Annette Pehnt, 2013, Piper Verlag, 176 Seiten.

Jeder kennt sie, diese kleinen, diffusen Ängste – das Bügeleisen, das unausgeschaltet in der verlassenen Wohnung vor sich hin schmort, das Unbehagen bei einer Autobahnfahrt, das Gefühl im Magen, kurz bevor das Flugzeug abhebt. Und es gibt die großen Lebensängste: Um das eigene Kind, vor dem Tod des Partners, vor den Erscheinungen des Älterwerdens, Existenzangst.

„Angst gehört zum Menschen“, weiß auch die 1967 geborene Schriftstellerin Annette Pehnt. Doch bei manchen wird das ureigene, urmenschliche Gefühl zur Störung: „Angst essen Seele auf“. Etwa 14 Prozent der europäischen Bevölkerung leiden an einer behandlungsbedürften Angststörung, so eine Studie 2011.

Den großen wie den kleinen Ängsten widmet sich die Autorin in ihrem „Lexikon der Angst“. Ein Buchtitel, der auf den ersten Blick eher einem medizinischen Fachverlag zugeordnet scheint. Doch so, wie das Lexikalische ein Spiel bleibt, so spielerisch-virtuos geht Annette Pehnt auch mit der ganzen Skala von Angstgefühlen um, die uns Menschen umtreiben kann. Man könnte auch sagen: Schreibend hält sie die Ängste fern, verscheucht die bösen Engel.

Die Skala des Unbehagens, das sich (auch auf sprachlich) leisen Sohlen durch eines jeden Menschen Leben schleichen kann, reicht von „A“ wie „Aal“ – eine junge Frau, die Angst beim Milchtrinken empfindet, nur leise angedeutet wird ein Kindheitstrauma – von „Z“ wie „Zirpen“, das von der älteren, einsamen Frau erzählt, die vergeblich auf den Anruf ihres Sohnes wartet. Das Spiel mit der Lexikonordnung besteht also aus kleinen Kurzgeschichten, unter deren lexikalischen Angaben wie „Federschmuck“ oder „Morgenlicht“ sich Überraschendes verbirgt. Kalendergeschichten seien es auch, schrieb Ursula März in ihrer Rezension in der Zeit. Tatsächlich erinnert die klare, nüchterne Erzählweise von Annette Pehnt von ungefähr an einen anderen großen Kalendergeschichten-Erzähler: Bertolt Brecht. Dessen Geschichten von Herrn Keuner kreisen ebenso beiläufig um die „großen“ Fragen und die Alltagsthemen – hier steht Annette Pehnt in einer guten Tradition. Auf die Frage, warum sie, wie in ihren Vorgängerromanen, unter anderem „Mobbing“ und „Chronik der Nähe“, immer wieder „ungemütliche Themen“ aufgreife, antwortete sie:
„Gemütlich kann man es sich vor dem Fernseher machen. Literatur ist etwas anderes. Sie erzählt von den Rissen in unserer glänzenden Oberfläche.“

Angst sei, so sagt sie weiterhin, ein „kraftvolles Gefühl“, aus dem man erzählerisches Material schöpfen kann. Und das ist ihr mit ihrem Lexikon durchaus gelungen: Erstaunlich die Bandbreite der Ängste, Phobien, Befürchtungen, des Unbehagens, die sie hier ganz sacht aufblättert. Und dafür trotzdem kein einziges Mal in die Horrorkiste oder Klischeeschublade greifen muss – weder die cineastisch umgesetzten Ängste vor Serienmördern, Aliens und Weltuntergang sind in diesem Lexikon zu finden, noch Klaustro-, Agora- und Coulrophobie. Vielmehr handelt es sich um jene Befürchtungen, die jeden von uns treffen könnten. Ursula März in der Zeit:

„Annette Pehnt, die sich mit einer Reihe von Romanen wie Mobbing und zuletzt Chronik der Nähe aus dem Jahr 2012 als luzide Beobachterin der deutschen Gegenwartsgesellschaft und empfindsame Phänomenologin des alltagsnahen Geschehens erwies – darin dem Schriftsteller Wilhelm Genazino von fern verwandt –, begibt sich in ihrem neuen Buch auf die Spuren jener schönen, im frühen 19. Jahrhundert kultivierten, minimalistischen Prosaformen, die vom Romanehrgeiz der derzeitigen Belletristik fast verdrängt wurden: die Kurznovelle und die Kalendergeschichte. Der Gefahr, die diese Formen mit sich bringen können, die Ausdünnung im allzu putzig Skurrilen, erliegt Annette Pehnt nur an wenigen Stellen.

Keiner der Texte, die sie in diesem Lexikon der Angst zu einem losen Reigen fügt, ist länger als zwei, drei Seiten. Gerade darin aber, im Reduzierten und Beiläufigen, liegt die Pointe des Buches. Es unterläuft den wuchtigen Begriff von der Angstepoche, in der wir angeblich leben, es lässt die aktuellen und globalen Riesenängste konsequent aus. Und es überbietet den Begriff zugleich. Es zeigt, wie Ängste in die unauffälligsten Nischen des Alltagslebens einwandern, wie sie zu selbstverständlichen Begleitern werden.“

Die schönste aller dieses Geschichten ist für mich jedoch jene, die vom Zustand „vor der Angst“ erzählt: „Nichts“.

„Sie ist fünf, im besten Alter, das es gibt. Sie ist wendig, schlank wie ein Strohhalm und immer warm. Wenn sie etwas lustig findet, einen selbsterdachten Witz, den niemand sonst versteht, lacht sie hemmungslos. Ihre Augen sind klar, sie schaut jeden direkt an und zwinkert selten. Wenn man ihr ein Buch vorliest, legt sie dem Vorleser eine warme Hand auf das Bein, ohne es zu merken. Sie kann im Handumdrehen wütend werden, ein schäumender Zorn packt sie dann, und sie brüllt aus Leibeskräften, bis ihr die Haare verschwitzt in die Augen hängen, sie fegt Bücher vom Tisch oder ein volles Saftglas.“

„Sie hat vor nichts Angst, außer davor, nicht mehr fünf zu sein.“

Schön wäre es manchmal schon, man wäre noch fünf oder siebzehn und frei von den Lebenserfahrungen, die auch Angst machen können. Sie sind subsummiert unter dem letzten Lexikoneintrag „Zittern“, der auch in der erzählerischen Form eine Ausnahme bildet:

Zittern
Hungrig sein im eigenen Hause.
Stinken, ohne davon zu wissen.
Nicht mehr aufhören können zu lachen.
Das eigene Kind nicht lieben.
Sich an den Rändern auflösen.
Nichts mehr hören können.
Nichts mehr schmecken können.
Nicht mehr gehen können.
Nicht mehr singen können.
Zu viel sehen müssen.
Jemanden lieben und es niemals sagen können.
Verspeist werden.
Keinen Tanzpartner finden.
Auch beim nächsten Mal keinen Tanzpartner finden.
Ein weiches Tier zertreten.
Soldat werden müssen.
Ein Tier schlachten.
Mitten auf dem See die Ruder verlieren.
Den eigenen Bruder mit dem falschen Namen begrüßen.
Den Hund in der Tür zerquetschen.
Schweigend beim Essen sitzen.
Streitend beim Essen sitzen.
Gar nicht beim Essen sitzen.
Im Restaurant deutlich hörbar furzen müssen.
Einen Körperteil abgetrennt bekommen.
Sich beim Verwelken zusehen.
Dem eigenen Kind beim Verwelken zusehen.
Schokolade essen und Braten schmecken, Braten essen und Schokolade schmecken.
Am hellichten Tag die Augen öffnen und nichts sehen.
Zittern, einfach so.

PS: Wer Ängste kennt und nachfühlen kann, der beschäftigt sich wahrscheinlich auch mit Fragen des Schicksals, der Sterne. Jedenfalls hat Annette Pehnt die Texte zu einem wunderbaren „Sternzeichen“-Buch geschrieben, an dem auch Bloggerin Susanne Haun mitgewirkt hat. Sowohl von Bild und Wort her ein ganz besonderes Schmuckstück. Mehr darüber zu lesen gibt es hier: http://faszinationsternzeichen.wordpress.com/


Weitere Bücher von Annette Pehnt:

„Briefe an Charley“ (2015).

Eine Frau schreibt an den ehemaligen Geliebten, der sie vor Jahren verließ: Ein trauriges, trotziges, kluges Buch. Zudem eine Referenz an das Schreiben an sich. Schreibend sich der Vergangenheit versichern, Geschehnisse deuten, umdeuten, in der Schrift die Wirklichkeit überwinden, zurechtrücken. Emotionen verarbeiten. Annette Pehnt sagte zu ihrem „Briefroman“ in einem Interview: „Und deswegen ist es eigentlich auch ein Fest der Sprache und des Schreibens. Im Laufe des Buches gibt es eine Art Entwicklung. Sie löst sich zunehmend von diesem Charley. Irgendwann ist es fast schon egal, was jetzt mit dem war und was da gewesen sein könnte. Irgendwann geht es nur noch ums Schreiben. Und dann geht es irgendwann auch darum, damit wieder aufzuhören.“ (Quelle: Deutschlandradio Kultur)

Zugleich ist das Buch auch eine Verneigung vor der Lyrikerin Mayröcker. Empfehlenswert.
Zur Homepage der Autorin: http://www.annette-pehnt.de/

Spende? Gerne!

Wer das Engagement dieses Blogs unterstützen möchte, kann dies gerne mit einem Beitrag via Paypal tun. Oder ganz klassisch mit einer Überweisung, die Daten dafür finden sich im Impressum.

€5,00

Winfried Stephan: Nicht schon wieder keine Tore

Florian_fuß2

Bild: Florian Pittroff, https://flo-job.de/

Jetzt geht das wieder los! In meiner Wahrnehmung teilt sich die Welt ab Freitag wieder in jene, die an akutem Fußballfieber leiden und in jene, die vernunftbegabt sind, dem Ganzen wenig abgewinnen und immer noch Lesen die beste aller Freizeitbeschäftigungen finden. Tatsächlich aber gibt es nicht wenig Grenzgänger die Lesen, Schreiben und Fußballspieler auf einen Nenner bringen. Einer davon ist mein Kollege und Co-Autor hier: Florian Pittroff, der sich kurz vor der Europameisterschaft noch durch einige Fußballbücher gelesen hat.

Beispielsweise durch dieses druckfrische Diogenes-Werk:
„Nicht schon wieder keine Tore“, Geschichten und Gedichte rund um den Fußball, herausgegeben von Winfried Stephan, Mai 2016, Diogenes Verlag

 Schade, die „Geschichten und Gedichte rund um den Fußball“ beginnen etwas zäh. Es ist – um in der Fußballersprache zu bleiben – zu Beginn ein Abtasten. Die fiktiven Briefe des Bundestrainers an seine Frau Daniela von Moritz Rinke kommen etwas langatmig um die Kurve. Und auch die autobiografische Erzählung „Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde“ von Friedrich Christian Delius sowie die Erzählung „1954“ von Günter Grass nehmen nicht so richtig Fahrt auf.

Aber das bleibt im Verlaufe der 272 Seiten zum Glück nicht so. Ein Höhepunkt: „Dantes Tragödie“. Das ist die Geschichte über den verheerenden Fußballabend, den der brasilianische Verteidiger Dante bei der Weltmeisterschaft 2014 im legendären Halbfinale gegen die DFB-Elf erlebte. Schlagfertig und wortgewandt erzählen Tim Jürgens und Philipp Köster, wie der Brasilianer zum Einsatz kommt, wie es nach 29 Minuten 5:0 für Deutschland steht und wie der schwärzeste Tag im Leben von Dante seinen weiteren Verlauf nimmt. „ Es war einer der Tage, an denen jeder noch in Jahrzehnten weiß, wo er sich aufhielt, als es passierte. Die Antwort des brasilianischen Verteidigers Dante lautet: “Ich war in der Hölle“.

Friedrich Torberg, Urs Widmer, Wiglaf Droste und Benedict Wells leisten ihren Beitrag dazu, dass die Begegnung, respektive das Buch, dann doch immer besser wird. Neben  Schriftstellern kommen auch Fußballer zu Wort – beispielsweise Sepp Maier, Günter Netzer, Uli Hoeneß, der sich an seinen verschossenen Elfer beim EM-Finale 1976 erinnert oder Paul Breitner, der von der Erfüllung eines Jugendtraums und von Real Madrid erzählt. Über das bemerkenswerteste Kunstereignis des Jahres 1929 – Schalke 04 gegen Arminia Hannover – hat Bertolt Brecht einen Text verfasst. Oder doch nicht? Die unglaubliche Geschichte die dahinter steht, ist reizvoll und interessant zugleich.

Eine dann doch ganz gelungene literarische Einstimmung auf das bevorstehende Fußball-Fest!

Florian Pittroff

www.flo-job.de

Soviel sei verraten: 1929 schrieb Bertolt Brecht den Text „Das größte Kunstereignis“ und ernannte den Fußball zur fruchtbarsten Kunstform des 20. Jahrhunderts.

Zwei Zitate:

„In einer Umfrage der «Literarischen Welt» haben sich einige Herren zum bemerkenswertesten Kunsterlebnis des Jahres 1929 geäußert. Gerhard Hauptmann nannte die Aufführung eines (eigenen) Stücks, Franz Werfel sprach sich für die Gedichte seiner Freunde aus, Th. Mann bekannte sich zu einer Oper. Ich bedaure alle drei, zünde meine Zigarre an und stimme für das interessanteste Spiel der Deutschen Meisterschaft, Schalke 04 gegen Arminia Hannover, das mit 6 zu 2 endete.“

„Keine Theateraufführung verhilft auch nur einem Zuschauer zu ebensolcher Freude wie den 10 000 Anhängern ein Siegestor in der 89. Minute, keine Chopin- oder Hölderlin-Matinee versetzt in so ehrliche Trauer wie der Verlusttreffer. Wie bei allen interessanten Lebenslagen zahlt man auch im Fußball den Spaß mit dem Risiko eines großen Verlusts. Gutes Amüsement hat schon immer Nerven und Mut verlangt. Aus oben genannten Gründen stimme ich dafür, das Spiel Schalke – Hannover als Kunstereignis des Jahres 1929 zu wählen, den Stürmer Ernst Kuzorra als Künstler des Jahres auszuzeichnen und Fußball als fruchtbarste Kunstform des 20. Jahrhunderts zu sehen.“

Albert Ostermaier: Seine Zeit zu sterben

„Und Ödon überwand seine Angst und ging die Stufen hinab in den feuchten Keller, wo die Äpfel lagerten, die sündigen Äpfel, wo der Wein an der Wand ruhte, Blut von meinem Blut, in den Gefriertruhen das Fleisch vom Eis wartete, wo die Schinken an der Decke hingen, überzogen mit Zeit, wo die Fallen aufgestellt waren, wo die alten Koffer, aufeinandergeschichtet, eine Höhle gaben, wo die Zahlenschlösser alle Geburtstage verrieten, wo ein Raum verschlossen blieb, ein Raum, der tiefer führte, noch tiefer hinab, ein Raum (…)

Und die Sauna war dort, wo sie zusammen schwitzten, gegen die Sanduhr schwitzten, wo er allein saß, obwohl er es nicht durfte, und sich vorstellte, Gott ließe den Stuhl neben der Tür umfallen (…)“

Und so geht der Text fort, wo er fortgeht, wo diese Zitate nur Beispiele sind von vielen, vielen Zitaten, die zeigen, wie der Stil dieses Buches ist, dieses spannend gemeinten Buches, das ein Thriller sein soll, dieses geschriebenen Buches, das da…

Okay, jetzt ernsthaft: Albert Ostermaier liebt ganz offenbar Nebensätze. Er (oder sein Lektor) weiß, wie man Kommas richtig setzt. Das ist an sich schon eine bewundernswerte Kunst. Aber: Man muss sie nicht überstrapazieren. Wenn man beim Gang in den Keller am Ende der Treppe nicht mehr richtig weiß, was Ödon dort wollte (und wer ist überhaupt dieser Ödon?), dann muss das nicht allein an der mangelnden Aufmerksamkeit des Lesers liegen.

Albert Ostermaier, Dramatiker und Lyriker, ist in die Sprache verliebt. So sehr, dass er angesichts seiner Wortspielereien vergisst, seine Geschichte zu schreiben. „Seine Zeit zu sterben“ ist im Suhrkamp Verlag erschienen. „Ein packender, sprachmächtiger Thriller aus der Glitzerwelt Kitzbühels“, so verkündet es der Klappentext. Ich hätte gewarnt sein können.

„Niemand nimmt für bare Münze, was sich ein Verlag zur Anpreisung seiner Neuerscheinungen ausdenkt. Wenn jetzt ein neues Prosawerk des Münchner Schriftstellers Albert Ostermaier bei Suhrkamp als „rasanter Thriller“ angepriesen wird – was soll’s? Ärgerlich allerdings, wenn die Literaturkritik den Faden aufnimmt und angesichts „dieses packenden Romans“ („FAZ“) in Begeisterung ausbricht. Das Buch mit dem dramatischen Titel „Schwarze Sonne scheine“ ist weder spannend noch rasant und von einem Thriller Lichtjahre entfernt. Das, was Ostermaier mit kaum überbietbarer Redundanz erzählt, füllt auch keinen Roman.“
So war es im Spiegel 2011 zum Vorgängerroman „Schwarze Sonne scheine“ zu lesen.

Und was dort geschrieben ward, hat leider auch für den Kitzbühel-Roman seine Gültigkeit. Zwar wird jede Menge hochdramatisches Personal herangezogen – russische Mafiabosse samt Leibwächter und Killer, Schickeria in auffälligen Outfits, merkwürdige Priester, Skirennfahrer unter Pädophilie-Verdacht sowie ein wohlstands-verwahrlostes Kind. Der Plot dreht sich um eine Kindesentführung während der Streif, dem berühmten Abfahrtrennen. Ansonsten wedelt die Geschichte mal hierhin, mal dorthin. Was eine rasende Schussfahrt sein sollte, wird zum mühseligen Slalom durch Wortspielereien bis hin zum Sturz in die Klischee- und Kitschfalle:

„Die Sonne verspielte sich in den Eiswürfeln und labte sich an den Gesichtern der beiden Frauen, die sich ihr entgegenstreckten wie Blumenkelche zu Beginn des Frühlings nach einem unerbittlichen Winter.“

Dazu muss man wirklich nicht mehr viel sagen. Für mich war dieser Roman eine Enttäuschung. An Worten: Zuviel des Guten. Die FAZ hat dagegen einmal mehr sehr wohlwollend interpretiert. Freilich, das gibt auch Rezensent Jan Wiele zu: die Metaphorik der Lawine werde ziemlich überstrapaziert. Man könnte auch so sagen: Das Buch wird unter Metaphorik-Lawinen begraben.

PS: Der Roman hat mich persönlich sehr interessiert, weil Albert Ostermaier nicht nur einer der Träger des Bertolt-Brecht-Preises ist, den die Stadt Augsburg vergibt, sondern auch das 2006 ins Leben gerufene abc-Festival als künstlerischer Leiter verantwortete. Er stand für ein hervorragendes Programm, das Brecht nicht nur einer Kulturelite, sondern vielen Zielgruppen frisch und modern vermittelte.

Den Bertolt-Brecht-Preis verleiht die Stadt Augsburg seit 1995 in dreijährigem Turnus an Persönlichkeiten, die sich in ihrem literarischen Schaffen durch die kritische Auseinandersetzung mit der Gegenwart auszeichnen. Bisherige Preisträger waren: 1995 Franz Xaver Kroetz, 1998 Robert Gernhardt, 2001 Urs Widmer, 2004 Christoph Ransmayr, 2006 Dea Loher (zum 50. Todesjahr Brechts um ein Jahr vorgezogen), 2010 Albert Ostermaier und heuer, 2013 Ingo Schulze.

Vielleicht ist die „Langstrecke“ des Romans keine Gattung, die sich für jeden eignet. Albert Ostermaier hat sich als Lyriker und Dramatiker einen hervorragenden Namen gemacht, seine Romane scheinen jedoch nicht auf dieselbe Resonanz zu stoßen. Nochmals ein Blick auf Brecht: Dieser selbst schrieb zwar 48 Stücke, über 2300 Gedichte, über 200 Erzählungen –  aber eben nur drei Romane.


Bild zum Download: Verkehrsschild


Spende? Gerne!

Wer das Engagement dieses Blogs unterstützen möchte, kann dies gerne mit einem Beitrag via Paypal tun. Oder ganz klassisch mit einer Überweisung, die Daten dafür finden sich im Impressum.

€5,00

Anna Seghers: Transit

„All diese alten, schönen Städte wimmelten von verwilderten Menschen. Doch es war eine andere Art von Verwilderung, als ich geträumt hatte. Eine Art Stadtbann beherrschte diese Städte, eine Art mittelalterliches Stadtrecht, jede ein anderes. Eine unermüdliche Schar von Beamten war Tag und Nacht unterwegs wie Hundefänger, um verdächtige Menschen aus den durchziehenden Haufen herauszufangen, sie in Stadtgefängnisse einzusperren, woraus sie dann in ein Lager verschleppt wurden, sofern das Lösegeld nicht zur Stelle war oder ein fuchsschlauer Rechtsgelehrter, der bisweilen seinen unmäßigen Lohn für die Befreiung mit dem Hundefänger selbst teilte. Daher gebärdeten sich die Menschen, zumal die ausländischen, um ihre Pässe und ihre Papiere wie um ihr Seelenheil.“

Anna Seghers, „Transit“, 1944

Ich könnte aus diesem Roman so vieles zitieren – und alles wäre hochaktuell. Jedes Zitat weckt Assoziationen zur Jetzt-Zeit. Schiffe voller Flüchtlinge, die sinken. Das Warten in den Städten am Meer auf die nächste Möglichkeit zur Reise. Das Ringen um Papiere, Visen, Aufenthaltsgenehmigungen, die Erlaubnis zur Weiterreise. Flüchtlingsgespräche:

„Welchen Zweck soll das haben, Menschen zurückzuhalten, die doch nichts sehnlicher wünschen, als ein Land zu verlassen, in dem man sie einsperrt, wenn sie bleiben?“

„Mein Sohn, weil sich alle Länder fürchten, daß wir statt durchzuziehen, bleiben wollen. Ein Transit – das ist die Erlaubnis, ein Land zu durchfahren, wenn es feststeht, daß man nicht bleiben will.“

Aber vor allem immer auch: Die Ungewissheit, wohin es einen verschlägt. Was werden wird, wenn man überlebt. Was übrigbleibt vom alten Leben. Was mit denen ist, die man verlassen musste.

„Dreimal bin ich geschlagen worden, dreimal gesteinigt, dreimal hab ich Schiffbruch erlitten, Tag und Nacht zugebracht in der Tiefe des Meeres, in Gefahr gewesen durch Flüsse, Gefahr in den Städten, Gefahr in der Wüste, Gefahr auf dem Meere.“

„Alles war auf der Flucht, alles war nur vorübergehend, aber wir wußten noch nicht, ob dieser Zustand bis morgen dauern würde oder noch ein paar Wochen oder Jahre oder unser ganzes Leben.“

„Und wenn mein Leben vorerst nichts sein sollte als ein Herumgeschleudertwerden, so wollte ich wenigstens in die schönsten Städte geschleudert werden, in unbekannte Gegenden.“

Anna Seghers hat den Roman in den Winter 1940/41 angesiedelt: Nach der Invasion der Deutschen im Sommer 1940 flüchtet sie mit ihren Kindern aus Paris nach Marseille. Es gelingt ihr, Einreisegenehmigungen für Mexiko zu erhalten: 1941 besteigt sie mit ihrer Familie ein Schiff, dass sie in das rettende Land bringt. 1947 kehrt sie nach Berlin zurück. Ihr Roman „Transit“ ist da bereits in verschiedenen Sprachen erschienen, erstmals 1944 in englischer Sprache. Erst 1948 kommt er auch in deutscher Sprache heraus: Eine bewegende Darstellungen dessen, was Exil und Flucht für den Einzelnen bedeutend kann.

Allerdings ging es der Schriftstellerin „um mehr und anderes als um ein dokumentarisches Abbild der Realität jener Zeit“, betont Sonja Hilzinger 1993 in einem Nachwort in einer Ausgabe des Romans im Aufbau Verlag. „In diesem Roman stehen (…) das Schreiben, das Erzählen, die Aufgabe und die Verantwortung des Schriftstellers zur Diskussion.“ An Georg Lukács schreibt Seghers: „Diese Realität der Krisenzeit, der Krieg usw. muß (…) erstens ertragen, es muß ihr ins Auge gesehen und zweitens muß sie gestaltet werden.“

So ist „Transit“ zugleich ein Zeitdokument, das heute wieder an Aktualität gewinnt und eine literarisch anspruchsvolle und bewegende Erzählung. Anna Seghers stellt einen Ich-Erzähler in den Mittelpunkt, um den eine Vielzahl von anderen Figuren gruppiert ist: Alles Menschen auf der Flucht, Dutzende von Einzelschicksalen, für die das Exil vor allem eines bedeutet – Verlust. Verlust nicht nur in emotionaler und materieller Hinsicht, sondern auch an Würde und Solidarität. Die Flüchtlinge werden zur Nummer, deren Wert sich an ihren Papieren misst. Sie werden zu Opfern von „Fluchthelfern“, deren Geschäft die Not der anderen ist. Und aus den Opfern werden ebenfalls Täter: Sie lassen, um eines Stempels, einer Möglichkeit willen, andere im Stich, verkaufen und verraten Freunde und Angehörige.

Seghers nutzt wie in das „Das siebte Kreuz“ die Episodentechnik: So gelingt es ihr anhand der einzelnen Protagonisten ein umfassendes Bild der Existenzbedingungen im Exil zu zeichnen, aufzuzeigen, was das bedeuten kann, der Weg in die Emigration. Der immer auch ein Weg der Ent-Menschlichung ist. Wo der Wert eines Menschen an seinen Papieren gemessen wird, wie es Brecht in seinen „Flüchtlingsgesprächen“ zum Ausdruck bringt:

„Der Paß ist der edelste Teil von einem Menschen. Er kommt auch nicht auf so einfache Weise zustand wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustandkommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Paß niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird.“

Der Identitätsverlust kann noch weiter reichen – wie es Seidler, dem Ich-Erzähler, beinahe geschieht, bis hin zur Auflösung des eigenen Ichs. Seidler, ein antifaschistischer Arbeiter, gelangt in Paris durch Zufall an die Papiere eines toten Schriftstellers, dessen Identität er in Marseille (fast ebenso zufällig) annimmt. In der Hafenstadt verliebt er sich jedoch in Marie – die Frau jenes Schriftstellers, die mit einem anderen Mann auf Papiere und eine Schiffspassage wartet, zugleich jedoch auch auf den verstorbenen ehemaligen Geliebten. Seidler kann letztlich Marie zur Ausreise bewegen – er selbst bleibt zurück, um wenig später zu erfahren, dass das Schiff, auf dem Marie sich befand, im Atlantik versenkt wurde.

Doch, so Sonja Hilziger, der Erzähler lernt, die Transit-Welt und seine Rolle zu durchschauen: „So gelingt es ihm, seine Identität zu bewahren. Transit ist das Zeichen dieser Zeit im umfassenden Sinn; gemeint ist nicht nur das Papier, das Visum, sondern das Transitäre dieser Welt, in der jeder jeden im Stich läßt. Der Erzähler lernt, solidarisch zu handeln; die Grundform dieses sozial-kommunikativen Verhaltens ist das Zuhören.“

Ich wünschte mir, viele Menschen würden dieser Tage Erzählern der Emigration vergangener Tage zuhören.

Allen voran Anna Seghers.

„Ich aber, ganz elend von dem Transitgeflüster, ich staunte sehr, wenn ich derer gedachte, die in den Flammen der Bombardements und in den rasenden Einschlägen des Blitzkriegs zugrunde gegangen waren, zu Tausenden, zu Hunderttausenden, und viele waren daselbst auch zur Welt gekommen, ganz ohne Kenntnisname der Konsuln. Die waren keine Transitäre gewesen, keine Visenantragsteller. Die waren hier nicht zuständig. Und selbst wenn von diesen Unzuständigen einige sich bis hierher gerettet hatten, an Leib und Seele noch blutend, sich in dieses Haus hier doch noch geflüchtet hatten, was konnte es einem Riesenvolk schaden, wenn einige dieser geretteten Seelen zu ihm stießen, würdig, halbwürdig, unwürdig, was konnte es einem großen Volk schaden?“


Weitere Bücher von Anna Seghers:

„Aufstand der Fischer von St. Barbara“ (1928).

 „Über den Tisch weg sahen die Frauen in den Augen ihrer Männer ganz unten etwas Neues, Festes, Dunkles, wie den Bodensatz in Ausgeleerten Gefäßen.“

Als einer von außen, ein geübter Revolutionär, nach St. Barbara kommt, kommt  kurz Hoffnung auf – Hoffnung auf ein besseres Leben. Doch der Widerstand der Fischer und ihrer Familien, die für eine Reederei mit Monopolstellung für einen Hungerlohn arbeiten, wird gebrochen. Alles bleibt, wie es ist. Und dennoch: Trotz des Scheiterns hinterlässt diese schmale Erzählung den Eindruck einer Kraft, die nicht so schnell gebrochen werden kann.

Die Erzählung ist das erste Buch, mit dem Anna Seghers in die Öffentlichkeit trat. Wenig später erhielt sie für diese in nüchterner, spröder Sprache erzählten Geschichte eines gescheiterten Aufstandes den Kleist-Preis. Von den reaktionären Medien wurden Seghers und Hans Henny Jahn, 1928 Vertrauensmann der Kleist-Stiftung, heftig angegriffen, bei anderen traf sie auf großen Beifall: Mit ihrer Erzählung, die örtlich und historisch unbestimmt bleibt, erfasste sie eine Stimmung, die in der von Krisen geschüttelten Weimarer Republik spürbar war.

Hans Henny Jahn in seiner „Rechenschaft über den Kleistpreis“:
„Ein gutes Buch mit knapper und sehr deutlicher Sprache, in dem auch die geringste Figur Leben gewinnt. In dem die Tendenz schwächer ist als die Kraft des Menschlichen. Es ist ein Daseinsvorgang in fast metaphysischer Verklärung. Das nenne ich Kunst.“

Weiterführende Informationen:
http://www.seghers-werke.germanistik.uni-mainz.de/aufstand.shtml#


„Das siebte Kreuz“ in der Reihe #MeinKlassiker:
https://saetzeundschaetze.com/2016/11/29/meinklassiker-10-anna-seghers/

Spende? Gerne!

Wer das Engagement dieses Blogs unterstützen möchte, kann dies gerne mit einem Beitrag via Paypal tun. Oder ganz klassisch mit einer Überweisung, die Daten dafür finden sich im Impressum.

€5,00

Robert Seethaler: Jetzt wirds ernst

„Magst du bumsen?“, fragte sie plötzlich und zeigte auf meine Badehose.
Das kam überraschend.  (…)
Ich zog meine Badehose aus und hängte sie an einem Ast in Blickhöhe. Eine Weile geschah nichts. Die Erde war kühl unterm Hintern. Im Hintergrund plätscherte das Stimmengewirr der Grillgäste und das blecherne Gedudel aus dem Rekorder.
Plötzlich fasste sie sich an den Hinterkopf, zog ihr gelbes Haarband vom Pferdeschwanz, beugte sich vorne, griff beherzt zu und band mir eine große Schleife um meinen Pimmel.
Ich war beeindruckt. Ich hatte das Schleifenbinden noch nicht gelernt, weder im Kindergarten noch zu Hause, sie hingegen brauchte nur ein paar Handgriffe und das Ding saß. Das kleine Luder hatte Erfahrung.

Robert Seethaler, „Jetzt wirds ernst“, Kein & Aber Verlag, 2010.

Mit einem gelben Haarband am besten Stück in der Hecke hocken, eine liebestolle Pubertiererin, die sich im eigenen Hintern verbeißt oder Hormonschübe beim Anblick chevrolet-farbener Zehennägel: Es ist für einen Jungen wahrlich nicht einfach, ein Mann zu werden. Zumal der junge Held in Robert Seethalers Roman mit mehreren Handicaps geschlagen ist: Sensibel, eigenbrötlerisch, leicht tolpatschig und unbeholfen. Der Weg zum Erwachsenwerden ist zudem mit harten Schlägen verbunden – dem Verlust der Mutter und die Erkenntnis, dass die heimlich Angebetete ausgerechnet dem best buddy zugeneigt ist.
Dabei ist jene Lotte (ja, Werther lässt grüßen) ausschlaggebend dafür, dass unser Held denn doch nicht im väterlichen Friseursalon in der Provinz endet, sondern auszieht, um Schauspieler zu werden. Zum Theater kommt er wie die Jungfrau zum Kinde – um Lotte nahe zu sein, meldet er sich für eine Schulaufführung von der „Möwe“. Einmal mit dem Theatervirus angesteckt, liest er sich durch die Weltliteratur und zieht schließlich aus, um die Bühnen der Welt zu erobern…

Mit „Jetzt wirds ernst“ hat Robert Seethaler bereits vor seinem großen Erfolg „Der Trafikant“ einen jungen Mann in den Mittelpunkt gestellt, der sich erst noch suchen und finden muss. Ein locker-fluffig zu lesender Roman, amüsant und voller skurriler Einfälle – da wird en passant ein Altenheim zertrümmert, eine Theateraufführung gesprengt und die Weltliteratur auf die Reihe gebracht:

Die Russen – eine einzige, deprimierende Hölle, aber auch zum Schreien komisch.
Die Amerikaner – genauso versoffen, liebeskrank und todeslustig wie die Russen.
Die Skandinavier- zittrige Seelen in der schneebedeckten Einöde.
Die Schweizer – akkurat, unbestechlich, etwas moralisierend.
Die Österreicher – durchgedreht, witzig, hasszerfressen.
Die Griechen – bei denen geht es richtig zur Sache.
Goethe – starker Dichter, doch vom Theater keine Ahnung
Schiller – alles sehr deutsch. Große Liebe. Große Helden. Großes Geschrei. Große Bürokratie.
Und dann kommt Shakespeare.

Mit Shakespeare wird es für den Nachwuchs-Theaterstar ernst – in der Begegnung mit dem Dramatiker kristallisiert sich das künftige Wohl und Wehe aus. Seethaler dagegen hat mit diesem Roman noch nicht so richtig ernst gemacht – er wirkt ein wenig wie die Vorübung auf den Trafikanten, leichter, natürlich auch mit weniger ernstem Hintergrund: Während der junge Held hier nur aus der Provinz entkommen muss, landet sein gleichalteriges Pendant im Trafikanten geradezu im „Reich des Bösen“, kommt im nationalsozialistischen Wien an und hat sich weitaus anderen Bewährungsproben zu stellen. Vieles, was den Trafikanten auszeichnet, ist jedoch in „Jetzt wirds ernst“ bereits zu finden: Die Mischung aus Skurrilität und Melancholie, Tag- und Nachtträumereien, die Einblick in das Innenleben der Helden geben, und eine große Wärme, mit denen Robert Seethaler seine Figuren umfängt.


Bild zum Download: Tonfiguren


Spende? Gerne!

Wer das Engagement dieses Blogs unterstützen möchte, kann dies gerne mit einem Beitrag via Paypal tun. Oder ganz klassisch mit einer Überweisung, die Daten dafür finden sich im Impressum.

€5,00

LITERARISCHE ORTE: Hier entstanden Brechts Buckower Elegien.

Brecht-Weigel-Haus_Buckow_01

Lienhard Schulz [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D

Von Angelika Felber

In ihrem Gastbeitrag berichtet Angelika Felber von einem Besuch im Brecht-Weigel-Haus in Buckow am Scharmützelsee:

Mitten in der hügelig, wald- und seenreichen Landschaft der Märkischen Schweiz fand Bertolt Brecht 1952 ein Refugium, wo er ungestört arbeiten und Gesprächspartner empfangen konnte.
Dort schrieb er im Sommer 1953 die Buckower Elegien, in denen er lyrisch seine Gedanken und Eindrücke nach dem 17. Juni 1953 verarbeitete. Sie sind ein Zeugnis seiner kritischen Auseinandersetzung mit der frühen DDR. Bekannt sind die Verse aus dem Gedicht
„Die Lösung“:
„[…] Wäre es da nicht doch einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?“

Bei einer Führung durch den Garten des Hauses am Scharmützelsee rezitierte eine Brecht-Expertin aus Buckow verschiedene Gedichte aus den Buckower Elegien.
Dabei erschloss sich mir eine neue Lesart zu dem Gedicht „Der Rauch“.

Neben der naheliegenden gesellschaftskritischen Lesart kann man dieses Gedicht auch als Liebesgedicht lesen. Brecht hatte Käthe Reichel ein Haus in der Nähe besorgt – Rauchzeichen dort zeigten ihm an, dass Käthe Reichel da war und eventuell auch für ihn kochte. Heutzutage fungiert das Brecht-Weigel-Haus übrigens auch als Standesamt!

Hans-Otto Dill wird auf der Seite von „Norberto42“, die stets fundierte Gedichtinterpretationen bietet, so zitiert:

„Hier unterliegt dem Text eine autobiographische Situation: Brecht sieht bei der Ankunft in Buckow aus dem Haus Rauch aufsteigen, ein Zeichen dafür, dass Helene Weigel oder Käthe Reichel für ihn ein Festmahl bereitet. Diesen Sachverhalt evoziert er aber nicht, sondern verfremdet ihn zu einer Verallgemeinerung ins Philosophische, der Rauch als Symbol von Liebe, der Fürsorge für Andere, und für menschliche Anwesenheit überhaupt. Dieser zweite, symbolische Sinn führt über den wörtlichen Sinn, eine Landschaftsidylle zu malen, hinaus. Dies Gedicht verliert durch diese Verallgemeinerungspotenzen die Eindeutigkeit und Eindimensionalität, also die Einfachheit, und gewinnt Mehr- oder Vieldeutigkeit. Von der syntaktischen Einfachheit der Parataxe der ersten zwei Zeilen geht es in den letzen drei zur Hypotaxe über, die per negationem  eine verallgemeinernde Symbolik realisiert.“

Unter diesem Link finden sich auch weiterführende Links unter anderem zu den Buckower Elegien, Käthe Reichel etc.

Bertolt Brecht – Vergnügungen

brecht1

Bild: Birgit Böllinger, Kalligraphie: Petra Schneider-Lammer

Seit einiger Zeit stehen die Brechtschen Vergnügungen (hier ein Link mit zahlreichen weiteren Links zu Text und Interpretationen) auf meinem Schreibtisch. Eines der schönsten, tollsten, besten und hilfreichsten Geschenke der vergangenen Jahre, wunderbar umgesetzt von einer begabten Freundin. Morgens, wenn ich die Arbeit beginne, fällt mein Blick auf diese Kalligraphie. Und erinnert mich jeden Morgen daran, dass es wenig mehr braucht außer wacher Sinne (was morgens für mich noch schwer ist), um Vergnügungen zu empfinden. Dass die einfachen Vergnügungen die besten sind. Brecht war etwa 56 Jahre alt, als er dieses Gedicht schrieb, fast schon am Ende seines Lebens. Ein wenig jünger bin ich noch, nicht viel. Und trotzdem treibt mich immer wieder eine klammheimliche Vergnügungssucht um. Das sind die Tage, an denen ich die Dinge übersehe, die gut sind. Mäkelig bin. Wenn ich meine, es fehle etwas in meinem Leben. Dann tut es gut, dieses Bild morgens und abends zu lesen.
Würde ich meine Vergnügungsliste aufstellen, sie wäre der Brechtschen nicht so unähnlich. Die Zeitung bräuchte ich nicht, diese Kalligraphie aber schon. Sie bereitet mir jeden Tag eine große Vergnügung.
Und welches Dichter-Zitat begleitet Euch am Schreibtisch, am Arbeitsplatz, in der Wohnung, durch die Tage?

 

Spende? Gerne!

Wer das Engagement dieses Blogs unterstützen möchte, kann dies gerne mit einem Beitrag via Paypal tun. Oder ganz klassisch mit einer Überweisung, die Daten dafür finden sich im Impressum.

€5,00