Henry David Thoreau: Leben ohne Grundsätze

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„Wenn ein Mensch die Hälfte eines jeden Tages damit zubringt, in den Wäldern spazierenzugehen, weil er sie liebt, läuft er Gefahr, als Faulenzer angesehen zu werden; aber wenn er seinen ganzen Tag als Spekulant vertut, der diese Wälder abhauen und die Erde vorzeitig kahl werden lässt, wird er hoch geachtet als fleißiger und unternehmender Bürger. Als ob die Stadt kein anderes Interesse an ihren Wäldern hätte, als sie abzuholzen!
Die meisten Menschen würden sich beleidigt fühlen, wenn man ihnen als Beschäftigung vorschlüge, Steine über eine Mauer zu werfen und sie dann wieder zurückzuwerfen, nur damit sie vielleicht ihren Lohn verdienten. Aber heute haben viele keine würdigere Beschäftigung.“

Henry David Thoreau, „Leben ohne Grundsätze“, EA 1863 (postum), in der Übersetzung von Peter Kleinhempel, Limbus Verlag Innsbruck, 2017.

Ich könnte noch unendlich viel mehr Zitate aus diesem Essay Thoreaus – oder auch dieser „Gardinenpredigt“, wie Herausgeber Frank Schäfer den Text in seinem Nachwort nennt – bringen, so sehr hat mich diese Schrift, die nun bald 150 Jahre auf dem Buckel hat, in ihrer Aktualität getroffen. Thoreau entwarf den Text als Vortrag kurz nach dem Erscheinen von „Walden“, er ist, so Frank Schäfer, sein „intellektuelles Grundsatzprogramm – gewissermaßen Walden in einer Nuss.“

Vehement prangert der Mann aus Concord – damals mit einer Anhäufung von Transzendentalisten das Epizentrum einer amerikanischen Gegenbewegung – das Primat des Ökonomischen, den Vorrang materieller und wirtschaftlicher Absicherung vor geistiger und seelischer Bildung an. Das tut er eloquent, wortgewaltig und bissig – so verwundert es nicht wenig, dass seine Zuhörer zum Teil wohl deutlich irritiert reagiert haben: Packt er doch gewissermaßen jeden, auch die heutigen Leser, am Schlaffitchen: Um die Welt zum Positiven zu verändern, muss jeder bei sich selbst beginnen.

„Die Wege, auf denen ihr zu Geld kommen könnt, führen fast ausnahmslos nach unten. Etwas getan zu haben, wodurch ihr nur Geld verdient habt, heißt wahrhaftig müßig gewesen zu sein – oder Schlimmeres. Wenn der Arbeiter nicht mehr bekommt als den Lohn, den ihm sein Arbeitgeber zahlt, wird er betrogen, betrügt er sich selbst. Wenn man als Schriftsteller oder Redner zu Geld kommen will, muss man populär sein, und das ist: senkrechter Abstieg.“

Einfacher leben – das lebte Thoreau in seinen zwei Jahren, zwei Monaten und zwei Tagen in „Walden“ vor und dies ist auch die Essenz seines Vortrags. Einfacher leben und vor allem, dem Leben einen Sinn außerhalb des Broterwerbs und, wo möglich, dem Broterwerb einen Sinn geben: Das ist, verkürzt gesagt, sein Appell. Mutet einfach und simpel an, aber man weiß – das ist es nicht. Es ist nun mal nicht jedem gegeben, kein „schlimmer Tölpel“ zu sein: Das sind in Augen Thoreaus jene, die den größeren Teil des Lebens damit vergeuden, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Einen konkreten und kompletten Gegenentwurf zur kapitalistischen Gesellschaftsform bietet der Schriftsteller allerdings nicht, sein Rezept gründet eben auf Vereinfachung und Verweigerung. Sowie Kontemplation:

„Wir sollten unsere Köpfe behandeln wie unschuldige und begabte Kinder, deren Hüter wir sind, und wir sollten achtgeben, auf welche Gegenstände und welche Themen wir ihre Aufmerksamkeit stoßen. Lest nicht die Times. Lest die Ewigkeit.“

Man kann natürlich das Ganze mit einem Achselzucken als weltfremde Äußerungen eines Aussteigers abtun – wie soll das gelingen, aus der „Tretmühle“, wie Thoreau dies nennt, auszutreten? Oder aber man lässt sich von diesem Text herausfordern, anregen, anstecken und lässt sich auf die Frage ein: Wie leben? Was tun?

„Leben ohne Grundsätze“ rüttelt auf, wirft Fragen auf, packt einen an. Und ist zudem (leider) auch politisch noch hoch aktuell: Wenn Thoreau den Goldrausch in Kalifornien anprangert, dann fühlt man sich an die aktuelle digitale Goldgräbermentalität erinnert. Wenn er auf den Import von Waren in die USA, der Menschenleben kostet, eingeht, dann denkt man an manche Auswüchse der Globalisierung. Und im Trump-Zeitalter bekommt dieser Satz eine eigentümliche, bedrohliche Bedeutung:

„Selbst wenn wir zugeben, dass sich der Amerikaner von einem politischen Tyrannen befreit hat, ist er doch noch der Sklave eines ökonomischen und moralischen Tyrannen.“

So vieles scheint in unserer Welt gegenwärtig rückläufig zu sein, sich zum Schlimmeren zu wenden. Höchste Zeit also, Thoreau zu lesen.

„Leben ohne Grundsätze“ erschien in der Reihe „Limbus Preziosen“. Nomen est omen: Die Bände sind liebevoll gestaltet, hochwertig durch Hardcover und Lesebändchen und sorgfältig editiert, mit einem informativen Fußnoten-Apparat, biographischen Angaben und einem informativen Nachwort ausgestattet.

Verlagsinformationen zum Buch:
http://www.limbusverlag.at/index.php/leben-ohne-grundsaetze

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Nathaniel Hawthorne: Das Haus mit den sieben Giebeln

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„Das ehrwürdige Gebäude ist mir seit je wie ein Gesicht erschienen, das nicht nur von Wind und Wetter draußen gezeichnet ist, sondern von langen Erdenleben drinnen und dessen Wechselfällen redet.“

„Das alte Haus unserer Geschichte dagegen, mit seinen Balken aus Weißeiche, seinen Brettern, Schindeln, dem bröckelnden Putz und selbst den mächtigen, mehrzügigen Schornstein in der Mitte, schien nur den geringsten, unbedeutendsten Teil seiner Wirklichkeit preiszugeben. So viel an menschenmöglicher Erfahrung hatte sich dort zugetragen – so viel war gelitten und etliches auch genossen worden – dass es überall aus dem Gebälk troff wie aus einem Herzen. Das Haus war selbst wie ein großes Menschenherz, voller Eigenleben und reich an denkwürdigen und düsteren Erinnerungen.“

Nathaniel Hawthorne, „Das Haus mit den sieben Giebeln“

Dass Nathaniel Hawthorne am amerikanischen Unabhängigkeitstag, dem 4. Juli, zur Welt kam, hat durchaus Symbolkraft: Der 1804 in Salem, die durch ihre Hexenprozesse berühmt-berüchtigt gewordene Stadt, geborene Hawthorne steht wie einige andere dieser frühen Schriftstellergeneration zwar noch gedanklich und mit einem Bein auf dem Boden der Alten Welt. Doch zugleich ist er auch Begründer einer eigenen, amerikanischen Literatur mit ihren ganz eigenen, amerikanischen Mythen. Hawthornes Bücher sind eine Losschreibung – eine Auseinandersetzung mit der engen puritanischen Welt, die seine Vorväter in Neuengland begründeten, eine Auseinandersetzung mit den rigiden Moralvorstellungen und den engen gedanklichen Zirkeln, in denen sich die Vorväter der Neuen Welt bewegten. Hawthorne, dies wird in seinen Büchern deutlich, litt an diesem Erbe, insbesondere auch, weil einer seiner eigenen Ahnen, die knapp zwei Jahrhunderte zuvor in die USA gekommen waren, aktiv an den Salemer Hexenverfolgungen beteiligt war. Warum, so drängt sich bei der Lektüre seiner Bücher immer wieder auf, begründeten diese Menschen eine Welt, die düsterer war, als die, aus der sie flohen, warum zerstörten sie ein unberührtes Paradies, um dann ins schwärzeste Mittelalter zurückzufallen?

Hawthorne, der für Henry James und Herman Melville als einer der größten, gar als Begründer der amerikanischen Romanliteratur galt (wobei dieses Privileg eigentlich auch James Fenimore Cooper zugeschrieben werden kann), zog anderthalb Jahrhunderte später seine eigenen Konsequenzen: Er flüchtete sich in das Paradies der kleinen Dinge und in die Literatur. Schreibend betrieb er Vergangenheitsbewältigung für eine ganze Nation. Zertrümmerte das Alte, im Leben wie in der Literatur:

„Wie sehr Sie alles Alte hassen!“, entsetzte sich Phoebe. „Es macht mich schwindlig, an eine so unstete Welt zu denken!“
„Ich liebe jedenfalls keinen Moder“, antwortete Holgrave. „Nehmen wir dieses alte Haus der Pyncheons! Lebt es sich gesund darin, mit seinen schwarzen Schindeln und dem grünen Moos, das zeigt, wie verrottet sie sind? Und in den dunklen Räumen mit den tiefen Balken, dem Ruß und Schmutz, der sich an den Wänden niederschlug vom Seufzen und Atmen in Missmut und Angst? Mit Feuer sollte dieses Haus geläutert werden – geläutert, bis davon nur noch Asche bleibt!“

In dem Roman, mit dem Hawthorne berühmt wurde, steht ein Buchstabe als Symbol für diesen Umbruch. In dem Roman, mit dem er schließlich reich und persönlich unabhängig wurde, ist es ein Haus. Das „Haus mit den sieben Giebeln“, das bis heute in Salem zu bewundern ist. Der nun beim Manesse Verlag wieder aufgelegte Roman lässt sich lesen wie eine Mischung aus Schauer- und Kriminalgeschichte, gewürzt mit einer zarten Romanze – ein amerikanisches „Wuthering Heights“, jedoch mit eindeutigen Sympathieträgern und einem Happy End für dieselben: Die junge Generation (das neue Amerika) überwindet die Sünden der Vorväter.

Ein Lesevergnügen, hervorragende Unterhaltung bietet diese Heim- und Hausgeschichte allemal. Bei der Einweihung des giebeligen Prachtbaus streckt den Obersten Pyncheon ein Blutsturz nieder. Kein Wunder: Hat der puritanische Scheinheilige doch den proletarischen Matthew Maule der Hexerei beschuldigt, um an dessen Grundstück zu kommen. Seither liegt auf dem Gelände ein Fluch. Rund anderthalb Jahrhunderte später – also in der Gegenwart, in der Hawthorne schrieb – belastet die Ursünde der Vorväter die letzten Nachkommen weiterhin. Die alte Jungfer Hepzibah Pyncheon muss aus materieller Not heraus einen Laden eröffnen – höchst amüsant die Passagen, in der die „leutscheue“ Alte vor Angst bibbernd einem gefräßigen Dorfjungen Naschereien verkauft -, ihr Bruder Clifford, unschuldig als Mörder verurteilt, kehrt geistig verwirrt und gebrochen in sein Elternhaus zurück. Dem Geschwisterpaar setzt deren Vetter Jaffrey zu, ein Nachfahr dieser doppelmoralischen Puritaner, wie er im Buche steht: Ehrgeizig, machtlüstern, intrigant. Jaffrey ist besessen von einer Besitzurkunde über Ländereien, die er im Haus mit den sieben Giebeln vermutet – und zu jeder Untat fähig, um an das Haus und die Urkunde zu kommen. Den drei Vertretern der alten Generation steht jedoch die junge Garde gegenüber: Die frische, unverdorbene Phoebe und Holgrave – ein Symbol für das „Neue“ ist auch dessen Beruf, er ist Daguerroetypist -, die letztendlich nicht nur Clifford von der falschen Anklage entlasten, sondern natürlich auch ein Herz und eine Seele werden – wer in Holgrave und Phoebe ein Selbstportrait der innigen Ehegemeinschaft von Nathaniel und seiner Sophia liest, liegt dabei sicher nicht daneben.

So liest sich diese Schauergeschichte bei aller Düsternis also schmissig und leicht, birgt Spannungs- und Herzensmomente. „Das Haus mit den sieben Giebeln“, eine der ersten „gothic novels“, ist mehr noch als der ein Jahr zuvor erschienene Roman „Der scharlachrote Buchstabe“ eine „radikale Generalabrechnung mit den Schatten der Vergangenheit“.
So Klaus Modick im Deutschlandfunk – dessen umfassende Besprechung und Einführung in Hawthornes Werk gibt es hier:
http://www.deutschlandfunk.de/von-wuerde-und-ehebruch.700.de.html?dram:article_id=81883
Weiteres zum Buch inklusive Leseprobe gibt es auf der Seite des Verlags:
http://www.randomhouse.de/Buch/Das-Haus-mit-den-sieben-Giebeln-Roman/Nathaniel-Hawthorne/e449395.rhd?mid=4

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Richard Lorenz: Frost, Erna Piaf und der Heilige

Richard Lorenz – Frost, Erna Piaf und der Heilige (2016)

Dass auch Penner in den Himmel kommen, ist eine der vielen Erkenntnisse, die man aus Richard Lorenz‘ melancholischen Roman Frost, Erna Piaf und der Heilige ziehen kann. Denn für Richard Lorenz sind es die Gestrauchelten, für die sein Herz schlägt, die Obdachlosen, die für die Gesellschaft ihr Menschsein eingebüßt haben, nur noch als Kreaturen wahrgenommen werden, an denen man zügig vorbei geht. Lorenz macht sie zu Königinnen und Königen, nimmt ihnen das Geisterhafte und gibt ihnen einen Charakter und damit auch ihre Würde zurück. Was ein harter realistischer Enthüllungsroman hätte werden können, entblättert sich aber nach völlig eigenen literarischen Gesetzen. Hart und realistisch ist der Roman durchaus, aber seine etwas versponnene und humorvolle Sprache lenkt den Text frontal in unser Gewissen, ohne freilich moralisierend zu sein, und dorthin, wo die Gefühle herkommen. Kaum eine Seite geht vorüber, ohne dass man entweder über verblüffende Sätze oder aber kluge Anekdoten staunt. Diese Fülle an Lebensweisheit und Staunenswertem sowie die Tatsache, dass man einen Großteil davon recht schnell wieder vergisst, bewirken eine beinahe traumähnliche Leseerfahrung.

Anderes Thema: Liebesgeschichten laufen ja meist nach demselben Schema ab: Rauschhafter Beginn …, großes Liebesglück …, die Tragödie! Jedoch schreiben auch einige wenige ernstzunehmende Autoren von Liebesromanen diese ewige Geschichte rückwärts. So etwa Nathaniel Hawthorne in Das Haus der sieben Giebel und jetzt Richard Lorenz in Frost, Erna Piaf und der Heilige.

Lorenz‘ Roman beginnt kuriositätenreich in der Kindheit des Protagonisten Frost, einem einsamen, verträumten Jungen, dessen Gedichte Sterbenden helfen, leichter ihre Welt der Qualen zu verlassen. Als Erwachsener arbeitet er in einem nicht ganz alltäglichen Hospiz, einem Sterbehaus für die Armen, ganz ohne Zimmerpalmen und Fahrstuhlmusik. Hier erhalten die Verlorenen die Schmerzmittel, die ihnen den letzten Gang erleichtern sollen, aber auch den Respekt, der ihnen auf der Straße verwehrt bleibt. Es ist eine finstere Kulisse, die Richard Lorenz, dieser Poet der gefallenen Engel, da entwirft. Leiden und Tod sind allgegenwärtig zwischen diesen Wänden. Und Frost hat die Fähigkeit, lindernde Gedichte zu erschaffen, als Erwachsener längst verloren.

Und dann kommt Amelie. Wir finden sie nicht im namenreichen Titel des Romans, aber sie ist der geheime Motor der Geschichte. In ihrem eigenen Leben völlig orientierungslos, ist sie aber immer zum richtigen Zeitpunkt dort, wo man gar nicht wusste, dass man sie braucht.

Die Liebesgeschichte zwischen Frost und Amelie beginnt zaghaft und erfüllt sich erst während jener grotesken Pilgerreise, die die beiden zusammen mit den beiden Obdachlosen Erna Piaf (der heimlichen Tochter von Edith) und dem Heiligen (der seit Jahren behauptet, so krank zu sein, dass er jeden Moment sterbe) nach Paris führt, dem Shangri-La der Heimatlosen. Glück und Zuversicht strömen in die eisige Dunkelheit und beschließen ein Buch der Menschlichkeit.

Frank Duwald

Frank Duwald schreibt seit 1987 über Literatur. Auf seiner Seite dandelion | abseitige Literatur bespricht er vorwiegend Romane und Erzählungen jenseits des Mainstream.

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Nathaniel Hawthorne: Zwanzig Tage mit Julian und Little Bunny

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„…und es gibt verschiedene andere Hawthornes, die uns ebenfalls überliefert sind: Hawthorne, der Allegoriker, Hawthorne, der hochromantische Fabeldichter, Hawthorne, der Chronist des kolonialen New England des 17. Jahrhundert, und, am bemerkenswertesten, Hawthorne, wie er von Borges neu interpretiert wurde – als Vorläufer Kafkas. Hawthornes Literatur kann mit Gewinn aus jedem dieser Blickwinkel gelesen werden, doch gibt es noch einen weiteren Hawthorne, der mehr oder weniger wegen der Vielzahl seiner anderen Verdienste vergessen und vernachlässigt wurde: der private Hawthorne, der Anekdoten und impulsive Einfälle hinkritzelte, der Arbeiter der Ideen, der Meteorologe und Landschaftsbeschreiber, der Reisende, der Briefautor, der Historiker des alltäglichen Lebens.“

Paul Auster zu „The American Notebooks“

In seinen Tagebüchern zeigt sich Nathaniel Hawthorne, dessen „Scarlett Letter“ nicht zuletzt auch eine groß angelegte Abrechung mit der puritanischen geprägten Gesellschaft seiner Zeit ist, von einer ganz anderen Seite. „Hawthorne ist nach eigenen Worten ein Individuum, das gern sein Gesicht verbirgt, keiner „dieser äußerst spendablen Leute, die ihr eigenes, köstlich zubereitetes, mit Hirnsoße gebratenes Herz ihrem geliebten Publikum als Leckerbissen vorsetzen“. Dabei führte er hingebungsvoll und ausführlich Tagebuch (…). Sein diaristisches Sudelbuch birgt die erstaunlichsten Schätze, denn es zeigt den scheuen, bisweilen strengen Schriftsteller immer wieder aus nächster Nähe, humorvoll, warmherzig, en famille“, schrieb Werner von Koppenfels in der Zeit.

Hawthorne, der Vater:

Einer dieser Schätze erschien in deutscher Übersetzung (von Alexander Pechmann) 2013 beim österreichischen Verlag Jung und Jung: „Zwanzig Tage mit Julian und Little Bunny“. Der Einzelgänger, der seine Frau Sophia abgöttisch liebt (dazu später noch mehr), muss einige Wochen im August 1851 allein mit Sohn Julian und Karnickel Bunny verbringen. Der Sohn überlebt, das Kaninchen nicht.

Das Tagebuch, das Hawthorne in dieser Zeit führt, ist eine schmale, reizende Lektüre. Vater und Sohn, allein auf sich gestellt, verbringen die Tage in einem ruhigen Rhythmus – Morgenwaschung, der Kampf mit Sohnes Lockenpracht, der Gang in das Dorf, das Warten auf Briefe von Sophia, bescheidene Mahlzeiten, ruhige Abende. Wenige Unterbrechungen – ein Höhepunkt ist ein Ausflug mit Freund und Nachbar Herman Melville in ein Shaker-Dorf. Die Verachtung für diese Sekte zeigt an einer der wenigen Stellen dieses kleinen Ausschnitts aus den Tagebüchern den giftig-bissigen Schriftsteller, der wenig Gnade mit den religiösen Irrwegen seiner Landsleute kennt.

Vor allem aber steht eines im Mittelpunkt des Büchleins: Die Erfahrung, rund um die Uhr mit seinem Sohn zusammen zu sein (die beiden Töchter waren mit der Mutter verreist). Die Hawthornes, so erläutert auch Paul Auster in seinem Nachwort, pflegten einen für damalige Zeiten ungewöhnlichen Erziehungsstil. Liebe und Nachsicht statt Härte und Strenge, den Kindern wurde die freie Entwicklung ihrer Persönlichkeit erlaubt. Doch Julians lebhaftes und vor allem gesprächiges Wesen bringen Hawthorne, der lange Jahre seines Lebens eher einsiedlerisch verbrachte, manchesmal auch an den Rand seiner Geduld. Gerade diese Notizen, in denen sich eine leichte Gereiztheit äußert, der Wunsch, den Redeschwall auch einmal brachial zu stoppen (der jedoch nie ausgeführt wurde), das Bekenntnis, dass das eigene Kind auch auf die Nerven fallen kann – gerade dies macht den Reiz von „Zwanzig Tage mit Julian und Little Bunny“ aus. Und in Stellen wie diesen können sich Eltern auch heute noch wiederfinden:

„Julian war bemerkenswert unruhig im Dorf (…). Seine Bewegungen waren so rastlos, dass ich ihn verdächtigte, sich – nach seinem eigenen Fachausdruck – „unbehaglich“ zu fühlen, doch er leugnete es nachdrücklich. Wir hielten beim Liebeshain und dort stellte ich ihm erneut eine diesbezügliche Frage, aber er sagte noch immer nein. (…) Ich hörte ihn schreien, als ich noch ein gutes Stück entfernt war, und als ich näherkam, sah ich, dass er breitbeinig ging. Armer kleiner Mann! Seine Hosen waren pitschnass. Es ist eine ausgesprochene Grausamkeit gegenüber dem Kind, dass seine Kleidung nicht derart gefertigt ist, jederzeit einem natürlichen Bedürfnis freien Lauf lassen zu können. Knaben mögen es nicht, ihre Bedürfnisse mitzuteilen (…).“

Hawthorne, der Liebende:

„Meine Abende sind alle trostlos, einsam und ohne Bücher, die ich gerade gerne lesen würde, und dieser Abend war wie die anderen. So ging ich ungefähr um neun zu Bett und sehnte mich nach Phoebe.“
Tagebuch, Sonntag, 10. August 1851

In seinen Tagebüchern nennt Hawthorne seine Frau Sophia zuweilen Phoebe. Aber auch: Taube, Geliebte, Allerliebste, Einzige. Beide waren schon älter, als sie 1842 heirateten: Hawthorne 38, die Malerin Sophia Peabody 33 Jahre alt. Bis zu seinem Tod 1864 blieben sie beinahe unzertrennlich – und die Gefühle füreinander offenbar ungebrochen, wie viele Belege beweisen.

Wie sehr das Paar verbunden war, zeigt ein frühes Zeugnis dieser Ehe: Ein gemeinsames Tagebuch der ersten Jahre, 2014, ebenfalls beim Jung und Jung Verlag, unter dem Titel „Das Paradies der kleinen Dinge“ erschienen. Eine ausführliche Besprechung gibt es hier: http://saetzeundschaetze.com/2014/05/18/hawthorne-paradies/

Hawthorne, der Selbstreflexive:

„Der Regen prasselte aufs Dach, und der Himmel drang trüb durch die staubigen Dachfenster, während ich in diesen ehrwürdigen Büchern wühlte, auf der Suche nach nur einem einzigen lebendigen Gedanken, der wie Kohlefeuer glimmen oder wie ein unverlöschlicher Edelstein zwischen all dem toten Geschwätz, das ihn so lange versteckt gehalten hatte, leuchten würde. Aber ich fand keinen solchen Schatz; alles war gleich tot; und ich konnte nur zutiefst verwundert über die demütigende Tatsache nachsinnen, dass die Werke des menschlichen Geistes genauso wie die seiner Hände zerfallen. Gedanken schimmeln.“
„Das Alte Pfarrhaus“, 1846

Im alten Pfarrhaus verbringt Hawthorne einige seiner glücklichsten Jahre, mehrfach bezieht er sich darauf in seinem Tagebuch und in seinen Werken. Nach einem gescheiterten Kommunen-Experiment auf der Brook Farm findet er, frischverheiratet mit seiner geliebten Sophia, in Concord das ideale Refugium: Hier kann er zurückgezogen leben und doch im losen Kontakt zu Freunden und Kollegen, darunter Emerson und Thoureau, sein. Den kurzen Text „The Old Manse“ stellte Hawthorne einem Erzählband voran. Er erschien als eigenständiges Buch vor wenigen Jahren in deutscher Übersetzung – verdientermaßen: Ist diese kleine Skizze doch auch zugleich ein gehaltvoller Essay, der nicht nur eingeschworenen Hawthorne-Fans einige schöne Lesestunden zu bereiten vermag. Eine ausführlichere Besprechung findet sich hier: https://saetzeundschaetze.com/2014/11/15/hawthorne-pfarrhaus/

Über den Dreiklang Ehemann-Vater-Privatmensch hinaus sei auch noch auf eine andere Seite des amerikanischen Autoren hingewiesen: Hawthorne, der Gruselige.

„In jenen Zeiten, wo Träume und Schwärmereien der Narren noch im Leben Wirklichkeit wurden, trafen sich einst zwei Personen zu verabredeter Stunde an vorher bestimmten Ort. Die eine war eine Dame, lieblich von Gestalt, schön von Angesicht, doch blaß und wie von einem unzeitigen Mehltau befallen in der Blüte ihrer Jahre. Die andere war ein altes, zerlumptes Weib, häßlich und verwelkt, das die Dauer solchen Verfalls, die gewöhnliche Zeit menschlichen Lebens, um vieles überschritten zu haben schien. Drei kleine Hügel lagen da dicht beieinander; und eingebettet in ihren Steinmauern war etwas wie ein Loch in die Unterwelt…“

Nathaniel Hawthorne, „Die Höhle der drei Hügel“.

Fast schon mit Shakespearschem Furor beginnt diese Mär. Aber an den blanken Horror, den beispielsweise „Grube und Pendel“ oder der „Untergang des Hauses Usher“ auslösen können, reichen die Erzählungen von Nathaniel Hawthorne nicht heran. Doch ähnlich wie sein nur fünf Jahre jüngerer Landsmann Edgar Allan Poe hatte auch Hawthorne einen Hang zum und ein Händchen für das Düstere, Unheimliche, Übersinnliche. Spürbar ist dies auch in seinen Romanen, insbesondere „Das Haus mit den sieben Giebeln“ weist starke Elemente des Schauerromans auf.

Hawthorne, der manchen seiner Zeitgenossen als „obskurster Schriftsteller“ Amerikas galt, verfasste neben seinen Romanen auch ein umfangreiches Erzählwerk – „Dr Heidegger`s Experiment“ (1837) kann getrost als eine der besten Erzählungen dieser Epoche bezeichnet werden. Leider ist diese im vorliegenden Band nicht enthalten, dafür etliche schön-schaurige Geschichten. Die wurden nun zum Hawthorne-Gedenkjahr 2014 anlässlich seines Todes vor 150 Jahren in dem dtv-Taschenbuch „Die Mächte des Bösen“ gebündelt – elf Stories von „Lady Eleanors Schleier“ über „Die Totenhochzeit“ bis hin zur obligatorischen alten Jungfer in Weiß. Übersetzt übrigens von Franz Blei, der in den 1920er Jahren mit dem „großen Bestiarium der Literatur“ reüssiert hatte, darüber hinaus aber auch Poe, Oscar Wilde sowie etliche Franzosen in die deutsche Sprache übertrug.

Den trocken-spröden Ton des Puritaner-Nachfahren Hawthorne trifft Blei gut, wenn auch manches etwas umständlich-dekorativ daher kommt, insbesondere in der Auftakterzählung „Rappacinis Tochter“, die Hawthorne in Italien spielen lässt. Das jedoch ist durchaus auf das Original zurückzuführen: So nüchtern er einerseits die menschliche Seele auseinandernehmen konnte, so verdrechselt formulierte Hawthorne auch bisweilen.

Um was dreht sich der Grusel? Ob es nun eine junge Frau ist, die von ihrem Vater buchstäblich als „Giftzange“ eingesetzt wird, ob es Verzweifelte sind, die einem Schatz nachjagen oder auch nur ein junges Paar, das sich das falsche Bild an die Wand hängt: Auslöser des Bösen sind menschliche Untugenden wie Eitelkeit, Besitzgier, falsches Begehren. Letztendlich ist Hawthorne nicht nur ein gründlicher Kenner (und oftmals auch Missachter) der menschlichen Seele, sondern daneben auch immer ein Moralist. Bezeichnenderweise sind die Mächte des Bösen meist weiblicher Gestalt – oder aber die jungfräuliche Schönheit verkörpert die Reinheit, die Unschuld. Wenn es dumm läuft, ist sie beides in einem, wie „Rappacinis Tochter“. Hawthornes Verhältnis zu Frauen war zwiespältig. Einerseits war seine Ehefrau Sophia seine engste Vertraute, schätzte er den Geist und die Leistungen gebildeter Frauen, andererseits bleibt er in seinen Beschreibungen oftmals auch stereotyp und in den Klischees seiner Zeit. Dennoch: In seinem bekanntesten Roman, „Der scharlachrote Buchstabe“ sind die Frauen das eigentlich starke Geschlecht.

Zurück zu Grusel&Grauen: Wer viktorianisch angehauchten Grusel mag, der wird auch am amerikanischen Horror seinen Gefallen finden – die „Mächte des Bösen“ wirken mitunter zwar etwas angestaubt, sind aber dennoch immer noch ganz unterhaltsam. Idealer Lesestoff für düstere Winterabende.

Hier geht es zu den Verlagsangaben inklusive Leseproben:
http://www.dtv.de/buecher/die_maechte_des_boesen_14300.html

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Nathaniel Hawthorne: Das Alte Pfarrhaus

„Wenn ich schon von Sommerkürbissen rede, muss ich auch ein Wort über ihre schönen und mannigfaltigen Formen verlieren. Sie boten eine endlose Vielfalt an Urnen und Vasen, flachen oder hohen, gebogenen oder schlichten, nach Mustern geformt, wie sie sich ein Bildhauer als Vorlage nehmen sollte, zumal Kunst niemals etwas Anmutigeres erfinden konnte. An die hundert Kürbisse im Garten wäre es – zumindest in meinen Augen – wert gewesen, in unverwüstlichen Marmor verwandelt zu werden.“

Von 1842 bis 1845 lebt Nathaniel Hawthorne mit seiner frisch angetrauten Ehefrau, der Malerin Sophia Peabody, im alten Pfarrhaus von Concord, Massachusetts. Für ihn das „Paradies der kleinen Dinge“ (http://saetzeundschaetze.com/2014/05/18/sophianathaniel-hawthorne-das-paradies-der-kleinen-dinge/). Doch dann muss das Ehepaar das Haus verlassen, weil sich Mietschulden angehäuft haben. Dennoch wird der Schriftsteller sein Leben lang an diese Zeit als eine glückliche zurückdenken. 1846 erscheint ein Band mit Erzählungen („Mosses from an old Manse“), dem als Einleitung der Text „The Old Manse“ vorangestellt ist. Ein autobiographisches Essay, in dem sich Hawthorne nochmals an den Ort zurückversetzt, an dem er ein relativ sorgenfreies, befreites Leben führte. Der Text „Das alte Pfarrhaus“ erschien in der Übersetzung von Karl-Heinz Ott beim Hoffmann und Campe Verlag. Ott schreibt in seinem Nachwort:

„Dass Hawthorne damit, wie er in seinen Briefen an Duyckinck immer wieder behauptet, so viel Mühe gehabt haben soll, merkt man ihr allerdings nicht im Geringsten an. Denn so gelöst und entspannt wie dieser Text klingen seine Erzählungen nur selten, und die meisten von ihnen sind auch weit dunkler eingefärbt und ohne ein solches Leuchten, bei dem die Wolken am Himmel vor allem dazu dienen, dass die Konturen schärfer hervortreten und alles, was in der Sonne liegt, in umso herrlicherem Licht erstrahlt.“

Überwältigende Landschaftsschilderungen gepaart mit philosophischen Betrachtungen, die jedoch „nie ins Abstrakte abdriften“: Der wenige Seiten lange Text, eigentlich „nur“ als Vorwort gedacht, ist ein kleines Juwel, in dem Hawthorne seine Stärken auspackt – und zu diesen gehören neben den philosophischen Reflexionen durchaus auch satirische Töne. Beispielsweise wenn er über die ungewöhnliche Anhängerschaft schreibt, die sich in Concord, damals Zentrum der amerikanischen Transzendentalisten, versammelt:

„Nie wurde eine kleine Landgemeinde von so vielen seltsamen, merkwürdig gekleideten Sterblichen überfallen, von denen die meisten mit dem wichtigtuerischen Gefühl auftraten, Agenten des Weltgeschicks zu sein, auch wenn sie die reinsten Langweiler waren. Genau so stelle ich mir die gleichbleibende Art von Leuten vor, die sich so dicht wie nur möglich um einen originellen Denker drängen, um von ihm noch den unmerklichsten Atemhauch zu erhaschen und sich mit unechter Originalität aufzupumpen.“

Gemeint ist mit dem Denker Ralph Waldo Emerson, dessen Großvater das Pfarrhaus als Ortsgeistlicher erbaut hatte. Emerson selbst schrieb darin seinen Essay „Natur“. Später dann bezog Hawthorne mit seiner Frau für wenige Jahre dieses Haus, das so selbst literarische Berühmtheit erlangte. 1845, als die Hawthornes Concord verlassen musste, baute sich zudem Henry David Thoureau seine berühmte Blockhütte in den Wäldern bei Concord, die 1854 in „Walden“ verewigt wurde. Aus Sicht der amerikanischen Literaturgeschichte wurde die Kleinstadt in Massachusetts zu einem einmaligen Geisteszentrum.

Hawthorne wäre aber eben nicht Hawthorne, hätte er nicht einen ganz speziellen Blick auf seine Zeitgenossen: Selbst immer Einzelgänger, grenzt er sich auch gegenüber den philosophischen Ansätzen von Emerson und Thoureau ab, setzt Natur und Kultur, Stadt und Land nicht als Gegensatzpaare, versucht Naturverbundenheit mit den Errungenschaften der Zivilisation in Einklang zu bringen. Zugleich aber stellt er sich dem ständigen Expansionsdrang seiner jungen Nation entgegen, weist auf die Bedeutung gewachsener Werte (auch diese durch die Natur repräsentiert) hin. Hawthorne, inmitten der Transzendentalisten in Concord, ist und bleibt unter Utopianern ein Realist. Karl-Heinz Ott in seinem Nachwort, das den Essay überaus bereichert und aufzeigt, warum er auch heute noch so lesenswert ist:

„Hawthorne erweist sich im Alten Pfarrhaus nicht nur als eindrücklicher Stimmungsmaler, sondern auch als ein Erzähler, der aufs Grundsätzliche geht. Die Entgegensetzung von Natur und Kultur, entfremdeten und befreitem, authentischem und defektem Leben prägt unsere Denk- und Vorstellungsmuster bis heute. Dass sich die scheinbare Evidenz solcher Gegensätze Setzungen verdankt, die alles andere als frei von dogmatischen Prämissen sind, führt Hawthorne mit einer Anschaulichkeit vor, in der mehr Philosophie steckt als in so mancher klugen Abhandlung. Das als Vorwort konzipierte, über ein bloßes Vorwort weit hinausreichende Alte Pfarrhaus gehört nicht nur zum Schönsten, was er je geschrieben hat, es bleibt auch so lange gegenwartsnah, wie es Auseinandersetzungen darüber geben wird, was man als wahre Natur und wünschenswertes Leben anzusehen hat.“

Zurück zur Natur – nicht als alleinseligmachende Lösung, zumal sowieso eine naive Utopie. Aber Wertschätzung der Natur – das ist es, was Hawthorne vermittelt in seinen wunderbaren Landschaftsbeschreibungen. Die Natur hören:

„Nach und nach nimmt dann die äußere Welt eine herbe Strenge an. Eines Oktobermorgens liegt dichter Raureif auf dem Gras und entlang der Zaunspitzen, und schon bei Sonnenaufgang fallen in der Allee von den Bäumen Blätter, ohne jeden Windhauch, allein durch ihr eigenes Gewicht. Den ganzen Sommer lang haben sie wie das Rauschen des Wassers geflüstert, und während die Äste mit den Sturmböen rangen, haben sie laut gebraust; sie ließen eine ebenso fröhliche wie feierliche Musik erklingen; und als ich unter dem Bogen ihrer verschlungenen Äste hin und her schritt, haben sie meine Gedanken auf ihren leisen Klang eingestimmt.“

Link zum Buch beim Verlag:
http://www.hoffmann-und-campe.de/buch-info/das-alte-pfarrhaus-buch-2406/

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Sophia&Nathaniel Hawthorne: Das Paradies der kleinen Dinge

„Wie glücklich Adam und Eva waren! Niemand drängte sich zwischen sie, und all die Unendlichkeit, die sie umgab, diente nur dazu, ihre Herzen enger aneinander zu binden. Wir lieben einander ebenso sehr wie sie, doch für uns gibt es keinen stillen und lieblichen Garten Eden. Meine Liebste, willst du mit mir fortsegeln, um irgendeine Sommerinsel zu entdecken? – Glaubst du nicht auch, dass Gott seit Anbeginn der Zeit eine für uns reserviert hat?“

Nathaniel Hawthorne an Sophia Peabody. Boston, 21. April 1840

Das Zitat ist dem gemeinsamen Tagebuch von Nathaniel und Sophie Hawthorne vorangestellt. “Das Paradies der kleinen Dinge” erschien nun zum 150. Todestag des amerikanischen Autors.

Nur noch knapp zwei Jahre soll es währen, dann findet Hawthorne mit seiner Sophia seinen Garten Eden (allerdings weniger in lieblicher denn in rauer Natur), sein „Paradies der kleinen Dinge“. Wie es aber immer so ist mit paradiesischen Zuständen: Glück, von außen betrachtet, kann auf Dauer etwas monoton wirken. So monoton wie die Gräuselungen auf dem Concord River. Der nämlich ist, so lässt es ein Tagebucheintrag von Nathaniel Hawthorne vermuten, eine recht zähfließende Angelegenheit.

„Doch wenn ich den Fluss als Ganzes betrachte, finde ich nichts, was sich besser zum Vergleich eignet als einer dieser fast reglosen Würmer, die ich ausgrabe, um sie als Köder zu benutzen. Der Wurm ist träge, und ebenso der Fluss – der Fluss ist schwammig und ebenso der Wurm – man weiß kaum, ob sie lebendig oder tot sind, doch mit der Zeit gelingt es beiden trotzdem davonzukriechen.“

Bei solchen Stellen atmet man als Leser beinahe erleichtert auf: Da ist er wieder, der gute, altvertraute Miesepeter, der Skeptiker vor dem Herrn (Peter Handke spricht in seinem Vorwort von „Hawthornes geradezu elementarer Reizbarkeit und Verdrießlichkeit), der in diesem Tagebuch ansonsten eher in den Fluten seiner Liebesprosa untergehen zu droht. Denn: Anstrengend kann es mitunter sein, den Erzählungen frischverliebter oder angetrauter Paare zu lauschen. Man freut sich mit dem jungen Glück, doch spätestens nach dem zweiten Video von Traumhochzeit und Honeymoon fällt das geduldige Zuhören schwer. Und nun stelle man sich vor, es handelt sich hierbei um ein Flittern, das sich über beinahe anderthalb Jahre erstreckt, das sich zudem in ländlicher Zurückgezogenheit und dadurch bedingter Selbstgenügsamkeit des Paares abspielt – und dies alles in Tagebuchform festgehalten.

Eine literarische Wiederentdeckung

Passend zum 150. Todestag des amerikanischen Schriftstellers Nathaniel Hawthorne, der am 19. Mai 1864 in Plymouth verstarb, veröffentlichte der Verlag Jung & Jung nun eine literarische Wiederentdeckung: Das gemeinsame Tagebuch des Autors, der insbesondere für seine düstere Abrechnung mit den puritanischen Vorfahren in „Der scharlachrote Buchstabe“ weltberühmt wurde, mit seiner ihm frisch angetrauten Frau Sophia. Die beiden bezogen unmittelbar nach ihrer Hochzeit im Juli 1842 ein altes Pfarrhaus – „The Old Manse“ in Massachusetts, das auch heute noch als Museum zu besichtigen ist. Ihr gemeinsames Leben halten sie in einem gemeinsamen Tagebuch, „The Common Journal”, fest, das sich bis zum November 1843 erstreckt. Dank der Übersetzung durch Alexander Pechmann kann nun auch der deutschsprachige Leser in „Das Paradies der kleinen Dinge“ eintauchen. Und wird zunächst einmal überrascht. Denn Hawthorne, der ein ähnlich düsteres Menschenbild pflegte wie andere Vertreter der amerikanischen Literatur seiner Zeit – beispielsweise Melville, mit dem er vorübergehend befreundet war, und Edgar Allan Poe – zeigt sich privat von einer helleren Seite. Statt dunkler Literatur-Romantik helle Liebes-Romanze. Es ist die „kleine Frau“, die Frieden seiner Seele bringt, die wilden Blumen zu zarten Gebinden ordnet und das karge Pfarrhaus wohnlich macht. Wäre nicht so viel echtes Gefühl aus diesen Zeilen zu lesen, was wiederum sehr anrührend wirkt – so wäre mancher Tagebucheintrag auch nahe am Kitsch. Oder von unfreiwilliger Komik, so Sophias Seelenerguss vom 9. Mai 1843:

„Liebster Gatte, du solltest nicht arbeiten müssen, vor allem nicht mit den Händen, & du hasst es zu Recht. Du bist ein Engel, der kam, die noch schlafende Natur & die Menschen zu beobachten, ohne dazu gezwungen zu sein, doch mit Fortpflanzung oder dem Wegräumen von alten Abfall abzumühen. Apollo inmitten seiner Herden hätte nicht so deplatziert aussehen können wie du mit Säge&Axt&Rechen.“

Mittelpunkt der amerikanischen Literatur

Man wünschte sich ab und an mehr vom Skeptizismus, der Hawthornes Werken ansonsten innewohnt, mehr von den kritischen Betrachtungen, die sich allerdings, mangels menschlicher Begegnungen, vor allem in den Reflexionen über die Natur Bahn brechen. Hawthorne, der am Rande dem Kreis der Transzendentalisten angehörte, hatte schon Erfahrungen mit back-to-the-roots gemacht, als er für ein halbes Jahr auf der Brook Farm lebte, einem frühen Kommune-Projekt. Dass dem nicht sein Lebensstil war, wurde dem schüchternen Mann relativ schnell deutlich. Die Zweisamkeit, so vermittelt es auch das Tagebuch, lag dem Schriftsteller mehr. Allerdings war „The Old Manse“ kein unbedacht gewählter Ort – in unmittelbarer Nähe lebte Ralph Waldo Emerson, Margaret Fuller kam häufig vorbeispaziert und Henry David Thoureau wurde ein beliebter Gesprächspartner von Hawthorne. So ist das Tagebuch ein Fundus für alle, die an dieser literarischen Epoche interessiert sind. Oder die die Geduld haben, einem schwärmerischen Paar zu folgen.

Man weiß es jedoch nicht, ob in dem „Common Journal“ nicht irgendwann doch Sprengkraft steckte – den Sophia hat es, nach Nathaniels Tod, streng zensiert, ganze Seiten darin vernichtet. So sind etliche private Einträge für immer verloren – so (verständlicherweise) ihre Gedanken nach ihrer Fehlgeburt. Aber vielleicht auch der eine oder andere Hinweis auf kleine Zwistigkeiten im Paradies. Wenn auch der Ton streckenweise zu elegisch anmutet, so betont Peter Handke im Vorwort zum Tagebuch zu Recht:

„Ihrer beider Liebesgeschichte ist in zweifacher Hinsicht eine Dreiecksgeschichte, erst einmal im Dreieck mit der Natur, und dann im Dreieck mit den Menschen, mit den Verwandten, stärker wohl noch mit den Freunden, insbesondere Emerson und Thoreau, die zu dem einstigen Pfarrhaus auf Besuch kommen.“

Die Naturbeschreibungen Hawthornes und seine Reflexionen dazu sind es, die dieses Tagebuch insbesondere lesenswert machen:

„Hohes Alter gibt Flieder, Rosenbüschen und anderen Ziersträuchern ein einmaliges Aussehen. Es scheint, als ob sie, die nur der Schönheit wegen wachsen, in ewiger Jugend gedeihen oder wenigstens sterben sollten, bevor sie hinfällig werden. Sie sind Paradiesbäume und deshalb naturgemäß nicht dem Verfall unterworfen, doch sie haben ihr Geburtsrecht verloren, als man sie hierher verpflanzte. Die Vorstellung eines altehrwürdigen Rosenbusches erscheint irgendwie lächerlich unpassend, und hierfür gibt es eine Entsprechung im Menschenleben. Menschen, die nur anmutig und dekorativ sein können – die der Welt nichts als Blumen geben können – sollten jung sterben und nie mit grauem Haar und Falten gesehen werden, so wie Blumensträucher kein Moos auf der Rinde und spärliches Laub haben sollten wie der Flieder unter meinem Fenster. Nicht dass Schönheit der Unsterblichkeit nicht würdig wäre – eigentlich ist nichts anderes dessen würdig -, und daher vielleicht das Gefühl der Unangemessenheit, wenn wir sehen, wie die Zeit über sie triumphiert. Apfelbäume andererseits werden tadellos alt.“

Zwischen dem Kampf gegen den Kürbiskäfer, der großen Raum einnimmt, Apfelernte und den Ziehen eigener Bohnen liegt die eigene schriftstellerische Tätigkeit jedoch brach, was ab und an zu reizbaren Ausbrüchen Nathaniels führt:

„Ich glaube, dass dieses Wetter Laune und Gemüt sehr ungünstig beeinflusst – es herrscht eine Verdrießlichkeit, eine Ruhelosigkeit, eine durchdringende Unzufriedenheit, in Verbindung mit einer absoluten Unfähigkeit, den Geist zu irgendeiner ernsthaften Anstrengung zu bewegen. Was literarische Produktion angeht, ist der Sommer für mich nutzlos und unrentabel gewesen, und ich kann nur hoffen, dass meine Kräfte sich für den Herbst und Winter erholen.“

Tatsächlich scheinen das Leben auf dem Lande, aber vor allem die Ehe mit Sophia auf lange Sicht heilsam für Nathaniel, der bis zu seinem 30. Lebensjahr etwa kaum Anerkennung für seine schriftstellerische Tätigkeit gefunden hatte, gewesen zu sein: Seine drei großen Romane, die ihn zu seiner Zeit berühmt machten, entstanden alle nach der Zeit in „The Old Manse“. Er fand und verstand, wo – so aus dem Verlagstext – das Paradies verborgen sein könnte: in den kleinen Dingen des Alltags.


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