IM LYRIKRAUM: Isabella Krainer

Lessmannlebenswahrheit

freunde
die menschen
unter den
leuten

Isabella Krainer, „Vom Kaputtgehen“, Limbus Lyrik 2020.

Die Biographie eines österreichischen „Jedermenschen“, von der Wiege bis zur Bahre, durchschreitet Isabella Krainer mit ihrem Gedichtzyklus, der im Innsbrucker Verlag Limbus erschienen ist. Dort bietet die Reihe „Limbus Lyrik“ zeitgenössische Poesie in schöner Optik – die Bücher bestechen durch ihr Äußeres und die Reihe hält etliche Entdeckungen bereit.

„Vom Kaputtgehen“ ist der erste Lyrikband der 1974 geborenen Kärtnerin Isabella Krainer, deren Texte nach Selbstauskunft zwischen „Politsprech und Dialektlandschaft“ pendeln. Und der Titel ist Programm: Ein glückliches Leben ist dem Jedermann, der Jederfrau, deren Lebenslauf in den vier Kapiteln „gehschule“, „marschbefehl“, „laufpass“ und „endspurt“ beschrieben wird, nicht beschieden.

Das verdeutlichen schon die Anfänge:

freiheit wäre übertrieben

neun monate
fluchtwasser

und plötzlich
auf bewährung
draußen

Man muss aufmerksam lesen, um den Witz, die Wortspielereien wahrzunehmen. Die Gedichte, meist kurz, knapp und pointiert, wären manches Mal eher als Aphorismen zu bezeichnen, manches Mal sind sie allzu plakativ. Doch hinter dem manchmal all zu Offensichtlichen tun sich weitere Ebenen und tiefe Abgründe auf – Krainers Gedichte sind auch „gradmesser“ eines gesellschaftlichen Zustands. Durch den Ansatz, entlang eines Lebens zu schreiben, bekommt der Band in sich etwas Rundes, Geschlossenes, das nicht von ungefähr mit den mahnenden Worten einer Seherin endet: schau so gern beim leben zu – anstatt ein eigenes Leben zu leben.

Richtig stark ist die Lyrikerin dort, wo sie zur Mundart greift:

söba schuid

wennst es nimma
aushoitst
weilst di damit
aufhoitst
dass dir olles
aufhoist
bis dann amoi
umfoist

Informationen zum Buch:
Isabella Krainer
Vom Kaputtgehen
Limbus Verlag Innsbruck, 2020
Gebunden mit Lesebändchen, 96 Seiten, 15,00 Euro
ISBN 978-3-99039-170-9

Homepage der Autorin: https://isabellakrainer.com/


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Marlene Streeruwitz: Verführungen

Steeruwitz

Bild: (c) Michael Flötotto

„Helene ging zu ihm. Er breitete die Arme aus. Während der drei Schritte auf ihn zu dachte Helene, sie müsse mit ihm reden. Über die letzte Nacht. Das Geld. Und das Telefonieren. Henryk schloß die Arme um sie. Helene lehnte ihre Stirn gegen seine Schultern. Ihr fiel ein, daß sie mit jedem Mann in ihrem Leben dieselben Themen zu besprechen hatte. Helene war müde.“

Marlene Streeruwitz, „Verführungen. 3. Folge, Frauenjahre“, 1996.

Helene, die Protagonistin dieses Debütromans der österreichischen Autorin, ist meistens müde. Nicht lebensmüde, auch wenn dieser Gedanke ab und an aufschimmert (und dann allein schon der Kinder wegen vehement weggeschoben wird), auch wenn andere Frauen sich im Verlauf der geschilderten Monate aufgeben, nein lebensmüde ist Helene nicht. Aber völlig erschöpft. Kein Wunder: Vom Ehemann sitzengelassen, der für die Frauen und die beiden Töchter keinen Pfennig erübrigt, in einer Wohnung Tür an Tür mit der wehleidig-jammernden Schwiegermutter, von den Eltern verurteilt, in einem seltsamen PR-Job gefangen, in dem sie, die talentierte Teilzeitkraft, gnadenlos unterbezahlt den Job des Chefs macht. Die kapriziöse Freundin – ein wenig klischeehaft „Püppi“ genannt – ruft meist nur an, wenn sie in Beziehungskatastrophen steckt und von der Männerwelt ist eh wenig Unterstützung zu erwarten: Kaum hat sich Henryk, der mittellose Musiker, bei ihr eingenistet, führt er sich auf wie die Made im Speck.

Marlene Streeruwitz ist eine politische und feministische Autorin – und insofern ist kaum eines ihrer Theaterstücke, mit denen sie zunächst bekannt wurde, oder einer ihrer Romane unumstritten. Dabei – und dies zeigte bereits ihr erste Roman – beschreibt sie nur das, was ist: Zugespitzt zwar, wie bei Helenes Situation, aber eben auch kein außergewöhnliches Frauenleben, eine, die „ins Leben gepreßt“ ist, die müde davon ist, funktionieren zu müssen: Als Frau. So realitätsnah einerseits, mit so viel „galligem Humor“ (eine Beschreibung, die im Feuilleton gerne für die Werke von Streeruwitz verwendet wird) andererseits und eben offen auf der Seite der Frauen positioniert: Diese Art des Schreibens ruft naturgemäß mehr oder weniger qualifizierte Kritiker hervor.

Dabei gäbe es gerade an diesem Debütroman wenig bis nichts zu mäkeln: Wie Helene sich trotz aller Widrigkeiten durch das Leben hangelt, das ist unterhaltsam zu lesen und spannend, bisweilen bitterböse, schreiend komisch, aber auch voller Wärme, vor allem in den Beschreibungen des Mütter-Töchter-Gespanns. Die Sprache, ein, wie sich an späteren Werken zeigte, Streeruwitz-Merkmal, ein Stakkato, kurze, oftmals unvollständige Sätze, ein Stil, an den man sich schnell gewöhnt, der einen in den Fluss dieser Frauengeschichte hineinreißt.

Sabine Harenberg stellt in einer Besprechung bei „literaturkritik.de“ einen Zusammenhang zwischen Sprache und weiblicher Erotik her:

Marlene Streeruwitz´ Prosatext „Verführungen“ läßt sich nicht einfach dem Genre „Erotische Literatur“ subsumieren. Der bereits erwähnte, durchgängig beibehaltene Gleichklang des Erzählens scheint ein Hinweis darauf zu sein, daß der Text keine erotisierende Wirkung auf die Leser ausüben will. Es wäre aber auch verfehlt, „Verführungen“ als anti-erotische Literatur zu charakterisieren, weil der Text nicht jede Form von Erotik verneint. Es finden sich Ansätze erotischer Momente, die jedoch sofort aufgehoben und wieder zerstört werden. Diese Zerstörung spiegelt sich auch in der Syntax wider. So zeigt sich, daß durch die deutlich beschädigte Sprache auch auf der Ebene des Erzählens Helenes beschädigte Sexualität zum Ausdruck gebracht wird. Das Bewußtsein dieser Beschädigung in Verbindung mit einer grundlegenden Sehnsucht nach mehr als nur einer erfüllten Sexualität evoziert in der Protagonistin unlösbare Widersprüche, die sie immer wieder fast am Leben verzweifeln lassen: „Sie hatte keine Sehnsucht mehr. Nicht einmal danach. Es machte sie traurig. Zermürbt, dachte sie. Bist Du endlich zermürbt.“

Diese Interpretation greift einen Aspekt heraus, dabei aber auch zu kurz: Natürlich geht es in „Verführungen“ auch um Lust, Liebe und Begehren. Dafür ist nur wenig Platz, wenn man den geerbten Schmuck zum Pfandleiher bringen muss, um ein Essen für die Kinder auf den Tisch zu bekommen. Die „Verführungen“, die sich der müden Helene eröffnen, sind weniger erotischer denn seelischer Natur: Die Erwartungen der anderen zu erfüllen. Zu funktionieren. Muttertag zu feiern, das Fremdgehen des Gatten zu dulden, die Kapriolen der Busenfreundin lächelnd zur Kenntnis zu nehmen. Die Altersgeilheit des Chefs zu akzeptieren, das Gejammere der Kollegin zu schlucken. Die eigenen Grenzen Tag für Tag überschritten zu sehen.

Es geht in diesem Roman meiner Meinung um das Thema weiblicher Selbstbehauptung, weit über die Grenzen der Erotik hinaus. Es geht um die Befreiung aus Rollenmustern in jeglicher Hinsicht. Es geht darum, ob Helene weiterkämpft oder müde liegenbleibt. Am Ende siegt die Energie: Helene schmeißt den Schmuddeljob hin, den Schmuddelmusiker raus, geht gegen den verlogenen Ehemann rechtliche Schritte an und macht vor allem eines, sie nimmt ihr Leben in die eigene Hand. Den „Verführungen“ widersteht sie, auch wenn ihr Weg sie am Ende des Buches erst einmal ins Arbeitsamt führt:

„Helene lehnte den Kopf gegen die Wand hinter sich. Zuerst würde sie den Computerkurs machen. Und dann war Weihnachten. Und dann. Im nächsten Jahr würde alles besser werden. Helene wurde aufgerufen.“

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Wer noch mehr von Marlene Streeruwitz lesen möchte, dem sei ihr Roman „Nachkommen“ empfohlen, eine 2014 erschienene kritische Abrechnung mit dem Literaturbetrieb. Zum Einlesen empfehle ich die Rezension beim grauen Sofa. Musikalisch hat mich beim Lesen des Buches übrigens ein Lied von Konstantin Wecker dauerhaft begleitet:

Karl Kraus – Man frage nicht

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Bild von TheoLeo auf Pixabay

Man frage nicht

Man frage nicht, was all die Zeit ich machte.
Ich bleibe stumm;
und sage nicht, warum.
Und Stille gibt es, da die Erde krachte.
Kein Wort, das traf;
man spricht nur aus dem Schlaf.
Und träumt von einer Sonne, welche lachte.
Es geht vorbei;
nachher war’s einerlei.
Das Wort entschlief, als jene Welt erwachte.

Karl Kraus (1874-1936)

Als im Januar 1933 die Nationalsozialisten an die Macht kamen, verstummte Karl Kraus: Der Sprachgewaltige, der Sprachmächtige, er verlor anscheinend vorübergehend die Sprache angesichts jener, die sie vergewaltigten für ihre Hetze, die mit ihren Worten ein ganzes Volk manipulierten.

Erst im Oktober 1933 meldete Karl Kraus sich wieder zu Wort: Erst dann erschien erneut eine, die 888. Ausgabe der Zeitschrift „Die Fackel“. Das Heft umfasste gerade einmal vier Seiten – einen Nachruf auf den Architekten Alfred Loos und jenes Gedicht. Die dünnste Fackel, die es je gab – und wenige Worte genügen, um das Dilemma und Verzweiflung dessen sichtbar zu machen, der nicht nur an die Kraft der Sprache glaubte, sondern auch an ihre moralische Wirksamkeit. Das Wort entschlief, als jene Welt erwachte…
Die von ihm 1899 gegründete Fackel hatte er auch geschaffen, um gegen Sprachverhunzung, die zumeist auch Wahrheitsverschleierung ist, anzukämpfen. Um die Rhetorik der Machthabenden zu entblößen. Kraus schreibt der Fackel in das Programm: “Das politische Programm dieser Zeitung scheint somit dürftig; kein tönendes ‘Was wir bringen’, aber ein ehrliches ‘Was wir umbringen’ hat sie sich als Leitwort gewählt.”

1914 noch schreibt er vehement gegen den Missbrauch der Sprache und die öffentliche Kriegstreiberei an. Hat ihn, zwanzig Jahre später, die Kraft verlassen, auch das Vertrauen in das Wort verlassen?

Intensiver mit den Hintergründen setzt sich Richard Schuberth, offenbar ein leidenschaftlicher Kraus-Anhänger, auseinander – man beachte insbesondere Teil 23 bis 25 seiner “Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus”:

“Und so tat Kraus, was er schon bei Ausbruch des I. Weltkriegs getan hatte: Er entzog sich der Kakophonie lauter Parolen und vorschneller Meinungen und recherchierte und reflektierte unermüdlich. Zeit seiner letzten drei Lebensjahre würde eine Öffentlichkeit, die ihm Indifferenz, Feigheit und Faschismus vorwarf, nicht ahnen, dass er Frühling und Sommer 33 nichts anderes getan hatte als an einer 400-seitigen Fackel-Ausgabe mit dem Titel Dritte Walpurgisnacht zu arbeiten, der ersten profunden Kritik des Nationalsozialismus, denen die Faschismusanalysen der kommenden Jahre, wie Friedrich Dürrenmatt meinte, nur noch Quantitatives beifügen konnten. Das Heft war größtenteils schon gesetzt, als sich Karl Kraus entschied, es zurückzuziehen.
Die Dritte Walpurgisnacht, welche 1952 posthum als Buch erschien, beginnt mit jenen berüchtigten Worten Mir fällt zu Hitler nichts ein , deren Zitat vor allem der böswilligen Unterschlagung dessen dienen sollte, was dem Satz folgte, und zwar der scharfsinnigen Erörterung, warum es gegenüber dem Phänomen der Gewalt keine Polemik geben kann und vor dem des Irrsinns keine Satire sowie mehr Einfällen zu Hitler, seinen Schergen, Mitläufern und schwachbrüstigen Gegnern, als irgendeinem seiner Zeitgenossen einfielen.”

Statt der Walpurgisnacht also das öffentlich bekundete Verstummen: Es brachte Karl Kraus viel Kritik (unter anderem die “Grabreden”), bis heute überdeckt es für manchen den Blick auf die  Haltung dieses Schriftstellers, der sich der Schrift im wahrsten Sinn des Wortes stellte. Andere konnten Kraus` Haltung nachvollziehen: “In einem zehnzeiligen Gedicht/Erhob sich seine Stimme, einzig um zu klagen/Daß sie nicht ausreiche” schrieb Bertolt Brecht in seiner berühmten Replik. 1934 kündigte Brecht jedoch Kraus die Freundschaft aufgrund der Kraus-Äußerungen zur Unterdrückung der sogenannten “Februaraufstände” in Österreich.

1934 erschien keine normale Ausgabe der Fackel, sondern die Erklärung Warum die Fackel nicht erscheint. Karl Kraus hatte den Druck der Nummer mit dem 300 Seiten-Torso “Die Dritte Walpurgisnacht” gestoppt. Stattdessen erläuterte er auf beinahe ebenso viel Seiten seine Haltung: Er sei an eine Grenze geraten, weil “Gewalt kein Objekt der Polemik, Irrsinn kein Gegenstand der Satire” sein kann.

Die letzte Nummer erschien 1936, vier Monate vor seinem Tod, diese Ausgabe endete mit dem Wort: Trottel.

Persönliche Anmerkung:
Chemnitz. Ein Beispiel, wenn auch ein Eklatantes, dafür, was gärt und herausbricht. Noch ist es Zeit, ganz laut die Stimme zu erheben gegen den um sich greifenden Rechtsextremismus. Nicht länger stumm bleiben, sondern lauter werden!

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Helmut Böttiger: Wir sagen uns Dunkles

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Bild von Erika Varga auf Pixabay

Wir stehen umschlungen im Fenster, sie sehen uns zu von der Straße:
es ist Zeit, daß man weiß!
Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt,
daß der Unrast ein Herz schlägt.
Es ist Zeit, daß es Zeit wird.

Paul Celan, aus „Corona“.

Es kommen härtere Tage.
Die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.

(…)

Sie dich nicht um.
Schnür deinen Schuh.
Jag die Hunde zurück.
Wirf die Fische ins Meer.
Lösch die Lupinen!
Es kommen härtere Tage.

Ingeborg Bachmann, aus „Die gestundete Zeit“.

„Schon in frühen Versuchen, aus der Zeit mit Celan in Wien und danach, fallen Celan-Anklänge auf, das Aufsaugen seines spezifischen Tons, der schwungvollen Daktylen, des verzaubernden Genitivs, der suggestiven Wie-Vergleiche (…). Aber auch in ihrer berühmten Lyrik aus den fünfziger Jahren greift Bachmann Celan` sche Bilder auf und entwickelt sie in ihrem Sinn weiter. Die gestundete Zeit ist ohne Celan nicht zu denken.“

Helmut Böttiger, „Wir sagen uns Dunkles“, Deutsche Verlags-Anstalt, 2017.

Immer schon bewegte mich die geistige Verwandtschaft, die aus den Gedichten Ingeborg Bachmanns und Paul Celans spricht. Auch ohne viel über ihre Verbundenheit zu wissen – eine Verbindung ist spürbar, eine Seelen-Verwandtschaft zu erlesen, die weit über die Tatsache hinausgeht, dass beide zur selben Zeit zu ihren Worten fanden, dass sie, Kinder ihrer Zeit, versuchten, die Lyrik nach der dunklen Zäsur des Nationalsozialismus  neu zu definieren.

Ihre Sprache: Jeweils einzigartig, solitär, aus dem lyrischen Aufbruch der Nachkriegsdichtung herausragend und doch so miteinander verwandt. Inzwischen meint man viel auch über die komplizierte Liebesbeziehung dieser beiden Sprachkünstler zu wissen. Der 2009 beim Suhrkamp Verlag unter dem Titel „Herzzeit“ erschienene Briefwechsel gab eine Ahnung.

Wie sehr das Paar, das die meiste Zeit seit dem Kennenlernen im Wiener Frühling 1948 eigentlich kein Paar im klassischen Sinne war, zeitlebens im Denken, Arbeiten und Fühlen miteinander verbunden war, das arbeitet nun der Schriftsteller und Kritiker Helmut Böttiger in seinem jüngsten Buch kongenial heraus.

„Wir sagen uns Dunkles“: Jene Zeile aus Celans Gedicht „Corona“ wird zum Leitmotiv dieser Liebe, die für beide tragisch endet. Sie wurde auch treffend zum Titel von Böttigers Annäherung an „Die Liebesgeschichte zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan“. Der Autor entziffert diesen „Geheimcode der Liebe“ zwischen den beiden Lyrikern nah an den Quellen, den Gedichten, Texten und Briefen der beiden, an Aussagen von Zeitzeugen und Freunden. Niemals nur im Ungefähren psychologisierend und im Dunkeln stochernd, immer zurückhaltend interpretierend und doch so aufschlussreich gerade auch über Ungesagtes, das sich zuweilen nur über eine enge, sich am Biographischen orientierende Gedichtinterpretation erschließt.

„Im Windschatten, tausendfach: du./Du und der Arm,/mit dem ich nackt zu dir hinwuchs,/Verlorne.“

Paul Celan, aus „Weiß und Leicht“.

Das Gedicht entstand nach einer Wiederbegegnung 1957, beide erlebten und lebten – obwohl Celan, in Paris nicht länger „unbehaust“ und schon längst mit Gisèle Lestrange verheiratet war – eine kurze Zeit der „Liebeseuphorie“. Böttiger schreibt:

„Verbannt“ und „Verloren“: Es war die Vision, dass die beiden Dichter, die sich „aus dämonischen Gründen“, wie Ingeborg Bachmann einige Jahre zuvor erkannt hatte, gegenseitig ausschlossen, dass diese Solitäre zusammengedacht werden konnten. Und dazu gehörte auch eine neue Form von Gelassenheit: Es konnte gesprochen und geschwiegen werden, und „einiges ging seiner Wege“, unbehelligt. Das Gedicht Celans hat einen hymnischen Ton, es zeugt von einem Augenblicksglück. Das so unterschiedliche, aber doch auch gemeinsame Schicksal hatte zwei Versprengte zusammengeführt.“

Helmut Böttiger zeichnet die Verbindung der beiden chronologisch nach, von der ersten Begegnung 1948 über das belastete und belastende Wiedersehen bei der Tagung der Gruppe 47 in Niendorf (1952) bis zum Bruch, den Celan, schon gezeichnet von seiner psychischen Erkrankung, herbeiführte. Mit viel Gespür arbeitet Böttiger die Konflikte heraus, die eine erfüllende Liebesbeziehung verhinderten, angefangen von den unterschiedlichen Lebenserfahrungen – Celan, Jude, KZ-Überlebender, ein Flüchtender, Bachmann, aufgewachsen in der sie einengenden Klagenfurter Provinz, Tochter eines Lehrers und NSDAP-Mitglieds – bis hin zu der so unterschiedlichen Aufnahme in der literarischen Welt. Ingeborg Bachmann, in der Gruppe 47 auch als „Fräuleinwunder“ bestaunt, Celan, der nach wie vor Erfahrungen mit einem latenten Antisemitismus in der Literaturwelt machen muss. So sehr die beiden ein intellektueller Austausch, beispielsweise über die Philosophie Heideggers, über die Entwicklung der Literatur und ähnliche Fragen verband, so sehr trennte sie auch der unterschiedliche Erfolg. Die öffentliche Anerkennung der Lyrikerin Bachmann: Paul Celan empfand dies als Verletzung, sah die Konkurrenz, wie Helmut Böttiger herausarbeitet.

Bezüglich der Gruppe 47, der Auseinandersetzungen in der Literatur in jenen Jahren, ihren Tendenzen und Strömungen kann Helmut Böttiger natürlich aus dem Vollen schöpfen: Sein zuletzt veröffentlichtes Buch, „Die Gruppe 47“ warf bereits einen erhellenden Blick auf diese literarischen Netzwerker. Wie sehr sich sowohl Bachmann als auch Celan hier als „Fremde“ fühlen mussten, machen gut platzierte Zitate deutlich.

Dies macht auch deutlich: „Wir sagen uns Dunkles“ will eben nicht den voyeuristischen Blick auf die Liebesleiden zweier traumatisierter Menschen bedienen. Das Buch ordnet diese Beziehung in eine Literatur- und Personengeschichte ein, die, wenn man sich für diese Lyriker und die Literatur jener Jahre interessiert, ein Stück Literaturgeschichte ist. Zudem gibt das Buch Aufschluss gibt darüber, wie entscheidend auch im Literaturbetrieb Anpassungsfähigkeit und ein Stück Aktivismus sind. Beides brachten Bachmann und Celan nicht mit. Helmut Böttiger schreibt flüssig, einfühlsam, klug und gibt nicht zuletzt auch Interpretationshilfen für die hermetische Lyrik dieser beiden poetischen Sterne.

Zugleich macht das Buch auch offensichtlich, dass vor allem Ingeborg Bachmann jene war, die – obwohl auch sie diese Liebe nicht leben konnte – anhaltend um sie, um Paul Celan rang. Vielleicht war sie unter diesen beiden Menschen, beide nicht besonders „lebenstüchtig“, beide immer auch dem Dunklen, der Schwermut und Melancholie zugeneigt, denn doch die Leidensfähigere, wer weiß?

Helmut Böttiger versucht beiden gerecht zu werden:

„Am 27. September 1961 setzte Ingeborg Bachmann noch einmal zu einem langen Brief an, den sie nicht abgeschickt hat. Es ist ein bewegender Brief, der ihre ganze Verzweiflung über eine Beziehung zu ihm ausdrückt, und gleichzeitig spricht er vollkommen klar aus, dass sie mit Celans psychischem Zustand, seiner Erkrankung überfordert war.“

„weil ich mich nicht schützen kann dagegen, weil mein Gefühl für Dich immer zu stark bleibt und mich wehrlos macht.“

Im April 1970 nimmt Paul Celan sich das Leben. Ingeborg Bachmann stirbt drei Jahre später.

Helmut Böttiger beendet sein Buch mit einer Interpretation von Ingeborg Bachmanns Erzählung „Drei Wege zum See“:

Vor allem aber ist Trotta der unerreichbare, ferne Geliebte – „die einzige und große Liebe“. Sie war nur in der Literatur zu verorten. In der Literatur, in der Legende und im Märchen, wo auch die berühmten zwei Königskinder aufzufinden sind, die nicht zueinanderkommen konnte.

Ein Interview mit dem Autor ist hier zu hören:
SWR-Kulturgespräch

Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.randomhouse.de/Buch/Wir-sagen-uns-Dunkles/Helmut-Boettiger/DVA-Belletristik/e449945.rhd

Über Ingeborg Bachmann und Max Frisch:
https://saetzeundschaetze.com/2015/07/11/ingeborg-bachmann-drei-herzen-waren-eins-zuviel/

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Jürgen Bauer: Ein guter Mensch

Bauer

Bild: (c) Michael Flötotto

Berger zieht seine Augenbrauen zusammen, bis sie sich über der Nase beinahe berühren. „Ein kurzer Tag, und schon habe ich keine Ahnung mehr, wer du eigentlich bist.“
„Du übertreibst mal wieder maßlos.“ Marko lacht trocken. „Hättest du ihr denn wirklich Wasser gegeben?“
„Wahrscheinlich“, sagt Berger. „Manchmal braucht man doch das Gefühl, dass man jemanden helfen kann, oder nicht?“
Ein Tankwagen brettert an ihnen vorbei, ohne zu bremsen. Die Druckwelle bringt die ganze Fahrerkabine zum Vibrieren.
„Wir helfen, so gut wir können. So gut wir dürfen“, versucht Marko den Lärm zu übertönen. „Ich bin doch trotzdem ein guter Mensch?“
Berger legt den Kopf schief: „Klar. Sind wir doch alle.“

Jürgen Bauer, „Ein guter Mensch“, Septime Verlag, 2017.

Der dritte Roman von Jürgen Bauer ist wahrhaftig höllisch heiß. Schweißtreibend. Und bringt die Gehirnwindungen zum Kochen: Was wäre, wenn es wirklich so wäre? Bliebe man selbst „ein guter Mensch“?

Die Erzählung ist in einer unbestimmten Zeitebene angesiedelt, sie könnte in unserer Gegenwart ebenso wie in einer nicht allzu fernen Zukunft handeln. Der Rahmen: Es regnet nicht mehr in einem großen Teil der Welt. Noch verfügt das Land, in dem der Roman spielt, über Wasserreserven – doch das kostbare Element wird immer knapper. Wer die Mittel hat, flüchtet sich in die nördlichen Regionen der Welt, die anderen bleiben. Zudem kommen Flüchtlinge aus dem Süden, in dem die Trockenheit noch weitaus katastrophaler ist, in das Land. Immer mehr Menschen müssen versorgt werden. Verteilungskämpfe beginnen.

Mit der Hitze steigen die Aggressionen, der Neid, das Misstrauen, die Zahl der Toten. Mit dem Wasserpegel sinkt die Solidarität, der Zusammenhalt, ein Gemeinschaftsgefühl. „Die Durstigen“ – obdachlose, versprengte Menschen – schneiden sich die Pulsadern auf, um wenigstens einige Tage ins Krankenhaus und damit an Wasser zu kommen. Flüchtlinge werden in menschenunwürdige Lager eingepfercht. Und begleitend zu alldem formiert sich eine ominöse Bewegung, „Die dritte Welle“. Junge Leute, die dem vermutlichen Ende der Welt mit öffentlich zelebrierten Wasserspielen begegnen, die jeden Tropfen bewusst verschwenden, als sei noch genug für alle da. Das provoziert, das reizt – und bringt die angespannte Stimmung zum Übersieden.

Inmitten dieser Gemengelage steht Marko – ein guter Mensch? Scheinbar ja: Er trauert seiner Ehefrau nach und bleibt ihr treu, obwohl sie – gegen den Strom der Fluchtbewegung – zurück in den Süden ging, um bei ihren Eltern zu sein. Er ist für seine Freunde da, kümmert sich um Jobs für sie, gibt ihnen Obdach, bietet seine Schulter zum Anlehen an. Er sorgt für seinen Bruder, einen alkoholkranken Landwirt und Einsiedler. Und als Lastwagenfahrer hat er sich in den Dienst der Sache gestellt, befördert in Tankwagen Wasser an Verteilungsstationen.

Doch mehr und mehr gerät auch dieses Leben außer Takt, ist sein inneres Thermometer extremen Schwankungen unterworfen. Als sich einer der „Durstigen“ vor seinen Wagen wirft und die Pulsadern aufschlitzt, als er ihr Wasser außer der Reihe verweigert hat (siehe Eingangszitat), kommen die ersten Selbstzweifel: „Ich bin doch trotzdem ein guter Mensch?“

Das Selbst- und Weltbild Markos erfährt zunehmend Risse, die so bodentief klaffen wie die Furchen im ausgetrockneten Boden.

„Ihr habt mir nichts getan, sagte Marko zu sich selbst. Gar nichts. Ich werde euch einfach ignorieren. Doch er schafft es nicht. Der Anblick der Jugendlichen stachelt ihn auf, setzt seinen Körper unter Strom. Er kann nicht anders, muss etwas unternehmen, ihr Treiben ist ihm unerträglich wie das markerschütternde Kreischen von Fingernägeln auf einer Tafel: Einfach nur weg damit, bevor es ihn in den Wahnsinn treibt.“

Wie Marko sich – bis zum überraschenden Ende – immer weiter von seiner eigenen Verortung entfernt, das erzählt Jürgen Bauer spannend, packend, mit einer unprätentiösen Sprache, die die Geschichte geschickt vorantreibt. Der gekonnte Wechsel zwischen prägnanten Dialogen und Erzählung und die Reduktion auf das inhaltlich Wesentliche tragen dazu bei, dass „Ein guter Mensch“ ein fesselndes Buch ist, das seinen philosophischen Unterbau – die Frage nach dem Wesen des Menschen an sich – geschickt in die Hirne seiner Leser platziert.

Beim Lesen habe ich mich von fern an die Theorien von Locke und Hobbes erinnert gefühlt, an das berühmte „Homo homini lupus“ und den Krieg aller gegen alle, jedes Individuum eigensüchtig nur auf den eigenen Vorteil bedacht – bis hin zu jenen, die aus der allgemeinen Misere noch Gewinn erzielen wollen, Schwarzwasserhändler sozusagen.

Man kann den Roman als Dystopie lesen, als düstern Beitrag zum Klimawandel, man kann ihn als Psychogramm eines Mannes unter extremen Lebensumständen lesen, man kann das Buch aber auch als literarische Analyse aktueller gesellschaftspolitischer Entwicklungen deuten. Verteilungsangst, ob rational begründet oder nicht, ist wie ein ansteckender Virus – und treibt Menschen auf die Straße, beispielsweise gröhlend gegen Flüchtlinge hetzend, im schlimmsten Fall zu Gewalttaten schreitend. Wenn sich die Verhältnisse dann noch weiter zuspitzen: Zeigt sich dann, was ein „guter Mensch“ ist?

„Aber jetzt mal im Ernst. Was wirst du machen?“
„Das Kind bekommen und hoffen, dass Aleksander endlich erwachsen wird. Es wegmachen lassen. Es bekommen und im Wald aussetzen. Ich weiß es wirklich nicht.“ Sie steckt ihre Finger in den Krug Wasser und spritzt sich ein paar Tropfen ins Gesicht. „Es gibt sowieso schon zu viele Menschen. Auch so eine Weisheit von Aleksander. Wozu also noch einen auf die Welt bringen?“
„Vielleicht gibt es nicht zu viele Menschen“, erwidert Marko. „Sondern einfach nur zu wenig gute.“

Ein empfehlenswerter Roman. Ich empfehle jedoch, sich bei der Lektüre nicht allzu warm anzuziehen.

Verlagsinformationen zum Buch:
http://www.septime-verlag.at/Buecher/buch_ein_guter_mensch.html

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Arno Tauriinen: Goldgefasste Finsternis

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Folge mir“, sagt Luciver und nimmt den Alten unter den Arm, „gehen wir erst einmal etwas trinken – ich kenne ein feines kleines Lokal, unter Straßenniveau, Holzfußböden, raunzige Bedienung und ruhige Beleuchtung … Wein aus den Jahren vor dem letzten Krieg … Da setzen wir uns hin und trinken ein gutes Glas. Der Hofmannsthal ist übrigens auch da, der Altenberg ist bestellt, will auch kommen, wenns ihm möglich ist … Der Grillparzer hat sich schon einen Rausch zusammengetrunken und bestimmt spielen uns ein paar Mozarti eine hübsche Musik …“
„Der Hofmannsthal, der Grillparzer“, stutzt der tote Dichter verblüfft, „die sitzen da im Lokal?“
„Wo sollten sie sonst sitzen“, wundert sich der Teufel über so viel Ungläubigkeit, „in der Hölle etwa?“

Arno Tauriinen, „Goldgefasste Finsternis“, Topalian & Milani Verlag, 2017.

Shakespeare hat es auf den Punkt gebracht: „
Die ganze Welt ist Bühne. Und alle Fraun und Männer blosse Spieler. Sie treten auf und gehen wieder ab, sein Leben lang spielt einer manche Rollen durch sieben Akte hin.“

Doch wer entscheidet, ob wir die Hauptrolle in einer Tragödie spielen, einen bloßen Nebenpart in einem seichten Dramolett haben oder gar prädestiniert sind für das Varieté? Ist Gottvater der große Strippenzieher oder doch sein missratener Sohn, der Höllenhund? Im Fall des Falles wünscht sich mancher insgeheim wohl doch eher Lucifer als Intendanten – da kann im Stück zwar manches höllisch daneben gehen, aber zumindest wird es nicht fad, bis der große Vorhang fällt.

So geschieht es in „Goldgefasste Finsternis“: Ein im positivsten Sinne irres, wahnwitziges, spektakuläres Buch voller Überraschungen, Kapriolen, unvermuteten Volten, bis die Schwärze sich am Ende auch über Lucifer senkt. In diesem „Luftschloss in Prosa“ (so der Untertitel) verwandelt das Theatergenie Lucius Onagre die ganze Welt in ein Theaterstück. Sein Werk „Basilisk“ breitet sich über den gesamten Globus aus, vereinnahmt ihn gewissermassen, Mensch, Tier und Fabelwesen werden einverleibt, das ganze Leben wird zum Spiel.

„Zu lange schon.
Zu lange schon ging das alles.
Gott, der in einer kleinen Loge weit über allem
Treiben zur Rechten seines zweiten Sohnes sitzt,
weiß nicht, wie er sich wachhalten soll …

Zu müde ist er von allem Weltentheater, für das man ihm an diesem Abend auch noch ein Billett aufgeschwatzt hat, und nichts von dem, was sich seinen Augen bietet, ist neu, zumindest nicht für ihn.“

Das Spiel des Lebens, das ist hier die Geschichte von Gott und seinem abtrünnigen Sohn, jener Luciver, der mit dem Spektakel eigentlich nur eines will: Die Liebe und Anerkennung seines Vaters. Viel Lärm um nichts? Beileibe nicht! Wer absurde, verspielte Geschichten in der Tradition beispielsweise eines Herzmanovsky-Orlando mag, wer Sinn hat für phantastische Kapriolen und eine Sprache liebt, die geprägt ist von diesem schwarzhumorigen-melancholischen Humor, den vor allem die Wiener beherrschen, der wird diesen Roman goutieren. Zumal neben den eingangs erwähnten Kaffeehausliteraten auch noch Freud und etliche andere Prominente ihren Gastauftritt auf dieser Bühne haben. Angesiedelt in der fiktiven Stadt W., erzählt von einem dritten Mann, glänzt W. alles andere als gülden:

„W., du schöne und ewige Dalle für jenseitssüchtige Verbrecher, Mörder, Lüstlinge, Schabernakkreisende, Physiker und Säulenheilige, Irrwische und Schauspieler, vor allem aber Stadt der vielen Theater, in denen das Volk sich von Tagesanbruch bis in die späte Nacht das Herz aus dem Leib reißt und anderem Volk zum Fraß vorwirft. Stadt, in der alles, was nicht gesagt werden darf auf Litfaßsäulen und Plakatwänden erscheint … und doch niemals gelesen wird.“

Nun, ich kann nur empfehlen: Lest diesen Roman! Und schaut und staunt: Die Reise durch die goldgefasste Finsternis wurde kongenial illustriert von Max P. Häring, dessen Stil und Sinn für Phantastik wie geschaffen scheint für dieses Welttheater in Prosa. Für „Topalian & Milani“ stattete er bereits den ebenfalls wunderschönen Band „Die römische Saison“ von Lutz Seiler mit seinen Zeichnungen aus.

Bleibt am Ende, bevor der Vorhang sich senkt, nur noch die Frage nach dem eigentlichen Strippenzieher: Denn Arno Tauriinen, der so wenig österreichisch anmutende Name, ist ein Pseudonym. Dahinter versteckt sich, so der Verlag, ein in Wien geborener Neurologe, der Raubtierzähne, vertrocknete Kakteen und alte Bücher sammelt. „Goldgefasste Finsternis“ sei sein erstes veröffentlichtes Buch, ein „Exzerpt aus vielen hunderten Notizen, Zetteln und Typoskripten.“ Ich habe da zwar eine Vermutung – doch möge das Pseudonym lange ungelüftet bleiben, die Geschichte um Arno Tauriinen ist zu gut, wahr oder nicht.

PS: Als ich am Schreiben dieser Rezension war, erreichte mich die Nachricht, dass „Goldgefasste Finsternis“ auf der Hotlist 2017 der unabhängigen Verlage ist. Meine Stimme hat das Buch:
https://www.hotlist-online.com/

Verlagsinformationen zu „Goldgefasste Finsternis“:
http://www.topalian-milani.de/portfolio/arno-tauriinen-goldgefasst/

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#MeinKlassiker (3): Ilse Aichinger – poetischer Widerstand gegen eine Sprache der Lüge

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Bild von Peter H auf Pixabay

Lyrik-Leser kennen ihn und tragen ihn bei sich: Den Lyrik-Taschenkalender des Wunderhorn Verlags. Sein Herausgeber ist der in Heidelberg lebende Literaturkritiker Michael Braun. Er veröffentlicht Essays zu Fragen einer zeitgenössischen Poetik. Aktuelle Veröffentlichungen sind unter anderem „Jean Krier: Eingriff, sternklar. Gedichte aus dem Nachlass“ (Hrsg., Poetenladen, Leipzig 2014) und „Der gelbe Akrobat 2. 50 deutsche Gedichte, kommentiert“ (Hrsg. zusammen mit Michael Buselmeier. Poetenladen, Leipzig 2016) . Von 2007 bis 2011 gab er den Deutschlandfunk-Lyrikkalender heraus, der ebenfalls beim Heidelberger Verlag Das Wunderhorn erschien, seit 2012 den Lyrik-Taschenkalender. Er schreibt über sein Lebensbuch, „Schlechte Wörter“ von Ilse Aichinger:

Im Zeitalter der beschleunigten Kommunikationsprozesse und des universellen Kommentar-Gezappels auf Facebook und Twitter ist das Schweigen zum Störfall geworden. In der Dichtung von Ilse Aichinger ist das Schweigen jedoch „die Hauptsache“. „Ich habe eigentlich nach langer Zeit erkannt“, so hatte die Dichterin 1993 erklärt, „dass das Schweigen die Hauptsache ist. Ich bin für Langsamkeit, für Verschwiegenheit, dass man nur dann schreibt, wenn es keine andere Möglichkeit mehr gibt.“ Der Glaube daran, dass es notwendig ist, den Wörtern „die Lautlosigkeit zurückzugewinnen, aus der sie entstanden sind “ – das ist der Ausgangspunkt jeder substantiellen Poetik, das ist die Voraussetzung für einen gültigen Satz.

Mit Ilse Aichinger, am 1. November 1921 in Wien geboren, ist die letzte lebende Zeugin der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur am 11. November 2016 gestorben. Über ihrem Leben lag früh eine Todesdrohung. Da sie nach den Kriterien der Nationalsozialisten als „Halbjüdin“ galt, wuchs sie in Wien unter schwierigsten Bedingungen auf, immer in Gefahr, von den neuen Machthabern nach 1938 deportiert und ermordet zu werden. Nur mit viel Glück überlebte sie mit ihrer Mutter, einer jüdischen Ärztin, die Barbarei. Vor ihren Augen wurde ihre Großmutter 1942 in Wien verschleppt und dann später im Vernichtungslager Minsk ermordet. Diese Erfahrung der fortdauernden Todesdrohung hat Ilse Aichinger das Sprachvertrauen geraubt.

Ihr Buch „Schlechte Wörter“, das erstmals 1976 erschien, ist zu meinem Lebensbuch geworden, zu meinem poetischen Evangelium. Es müsste zur Pflichtlektüre für alle literarisch Ambitionierten erklärt werden. Denn dem bewusstlosen, reflexhaften Gebrauch der Sprache, dem Herumfuchteln mit den instrumentalisierten, ideologisch verseuchten Wörtern wird hier der Boden entzogen. Ilse Aichingers Schreiben vollzieht den poetischen Widerstand gegen eine Sprache der Lüge, die stets dort beginnt, wo man sich den gefälligen Wörtern, den verführerischen Großbegriffen überlässt. Der Titeltext des Bandes „Schlechte Wörter“ beginnt daher mit einem Misstrauensvotum gegen die „besseren Wörter“: „Ich gebrauche jetzt die besseren Wörter nicht mehr. ‚Der Regen, der gegen die Fenster stürzt.‘ Früher wäre mir da etwas ganz anderes eingefallen. Damit ist es jetzt genug. ‚Der Regen, der gegen die Fenster stürzt.‘ Das reicht.“ In einem späteren Buch, dem „Journal des Verschwindens“ (in „Film und Verhängnis“, S. Fischer Verlag, 2001), deutete Aichinger an, sie wolle selbst eigentlich nicht existieren, sie wolle verschwinden. Sie möchte das nachvollziehen, was ihre Angehörigen unfreiwillig getan haben, als sie ermordet wurden. Schon in ihrem phänomenalen Aufzeichnungsbuch „Kleist, Moos, Fasane“ hatte sie 1985 ihren Weg vorgezeichnet: „Schreiben ist sterben lernen.“ Und: „Die Hölle himmelt mich ein.“

Michael Braun

Ilse Aichinger: Schlechte Wörter. S. Fischer Verlag (Fischer Taschenbuch), Frankfurt am Main 1976 ff. 112 Seiten, 5,95 Euro.

++++++

Michael Braun, geboren 1958, Literaturkritiker und Essayist. Lebt in Heidelberg. Veröffentlichte zuletzt: »Der gelbe Akrobat 2. 50 deutsche Gedichte, kommentiert« [Hg., zus. mit Michael Buselmeier, Poetenladen, Leipzig 2016] und den Gesprächsband »Die zweite Schöpfung. Poesie und Bildende Kunst« [Hg., Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2016]


Bild zum Download: Historisches Gebäude

Stefan Zweig: „Die unsichtbare Sammlung“ und „Buchmendel“

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Illustration: Joachim Brandenberg, Offenbach. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

„Eigentlich schämte ich mich: Da war ich wie der Engel des Märchens in eine Armeleutestube getreten, hatte einen Blinden sehend gemacht für eine Stunde nur dadurch, daß ich einem frommen Betrug Helferdienst bot und unverschämt log, ich, der in Wahrheit doch als ein schäbiger Krämer gekommen war, um ihm ein paar kostbare Stücke abzujagen. Was ich aber mitnahm, war mehr: Ich hatte wieder einmal reine Begeisterung lebendig spüren dürfen in dumpfer, freudloser Zeit, eine Art geistig durchleuchteter ganz auf die Kunst gewandter Ekstase, wie sie unsere Menschen längst verlernt zu haben scheinen. Und mir war – ich kann es nicht anders sagen – ehrfürchtig zumute, obgleich ich mich noch immer schämte, ohne eigentlich zu wissen, warum.“

Stefan Zweig, „Die unsichtbare Sammlung“, 1927.

Zweig nannte diese Novelle „eine Episode aus der deutschen Inflation“: Sie handelt von einem Sammler, der Kunstblätter und Stiche Rembrandts, Dürers und Mantegnas in seinem Besitz glaubt. Was der alte Mann, ein erblindeter Kriegsveteran des deutsch-französischen Krieges, jedoch nicht weiß: All seine Kostbarkeiten wurden von Frau und Tochter verkauft, die wertvollen Blätter durch leeres Papier ersetzt. Die Not der Nachkriegszeit hatte die Frauen dazu gezwungen – doch die galoppierende Geldentwertung in den 1920er Jahren führt dazu, dass der Familie der kostbare Besitz förmlich zwischen den Händen zerschmilzt. Erzählt wird diese anrührende Geschichte aus der Perspektive eines Berliner Kunstantiquars, der sich eigentlich von der Fahrt in die sächsische Provinz erhofft, bei dem Sammler einige Stücke zurückkaufen zu können.

Rund um den alten Sammler versinkt die Welt – doch ihn, den Blinden, hält die Freude an seinen ideellen Reichtümern aufrecht: auch wenn er sie nicht mehr sehen kann, so ist es doch ihr Dasein, das ihn erfüllt.

„Unvergeßlich war mir der Anblick: dies frohe Gesicht des weißhaarigen Greises da oben im Fenster, hoch schwebend über all den mürrischen, gehetzten, geschäftigen Menschen der Straße, sanft aufgehoben aus unserer wirklichen widerlichen Welt von der weißen Wolke eines gütigen Wahns. Und ich mußte wieder an das alte, wahre Wort denken – ich glaube, Goethe hat es gesagt: »Sammler sind glückliche Menschen.«“

Oh ja, und wie glücklich! Denn in den Tagen rund um die Buchmesse, an denen beinahe inflationär Bücher bepriesen werden, an den Tagen der Buch-Inflation also, an denen auch deutlich wird, wie sehr das Buch eben auch Ware ist, erreichte mich ein besonderer Schatz. Man muss es mir nachsehen, wenn ich hier völlig ungehemmt schwärme: Aber in meinen Augen ist dieser Band mit zwei Novellen von Stefan Zweig aus dem erst 2015 gegründeten Verlag Topalian & Milani das schönste Buch des Jahres.

Die beiden Verleger machen ein, zwei Bücher pro Saison – diese aber mit völliger Hingabe und großer Liebe zum Detail. War schon „Die römische Saison“ von Lutz Seiler ein optisches und haptisches Juwel, so ist dieser Zweig-Band noch ansehnlicher und schöner geworden. Mit „Buchmendel“ und „Die unsichtbare Sammlung“ haben Rasmus Schöll und Florian L. Arnold zwei bekannte Novellen des Österreichers herausgegriffen, die in Zweig`scher Manier, melancholisch-menschenfreundlich, Sammler und Buchbesessene zum Inhalt haben.

Insbesondere im „Buchmendel“ wird von Zweig die Welt von gestern heraufbeschworen: die der ostjüdischen-galizischen Kultur, wie sie Zweig und Joseph Roth so eindrucksvoll beschrieben haben, die der untergegangen Welt des Kaffeehauses der Vorkriegszeit, die sich im Vielvölkerstaat Österreich durch Toleranz, Mehrstimmigkeit, Offenheit auszeichnete. Der Buchmendel, ein wandelndes Literaturlexikon, eine Koryphäe auf seinem Gebiet, nimmt, als sich die Zeiten langsam zum Schlechteren wenden, ein tragisches Ende. In den Wirren des Ersten Weltkriegs als Spion verdächtigt und interniert, wird er später im Kaffeehaus, seiner Lebensbasis, nicht mehr geduldet, stirbt an Auszehrung. Der Erzähler, der Jahre später auf Spurensuche geht, erinnert sich an diesen tragisch-komischen Menschen so:

„In diesem kleinen galizischen Büchertrödler Jakob Mendel hatte ich zum ersten Mal als junger Mensch das große Geheimnis der restlosen Konzentration gesehen, das den Künstler macht wie den Gelehrten, den wahrhaft Weisen wie den vollkommen Irrwitzigen, dieses tragische Glück und Unglück vollkommener Besessenheit.“

Zu Buchkunst wird diese Ausgabe durch die schwarz-weiß-Illustrationen, die Zweigs Novellen nicht nur kongenial interpretieren, sondern auch eigenständige Kunstwerke sind. Florian L. Arnold, der bei Sätze&Schätze mit seinem Roman „Die Ferne“ bereits als Schriftsteller verewigt ist, nähert sich der unsichtbaren Sammlung mittels einer grotesken Zeichensprache an – kleine Vignetten, großformatige Bilder, die beinahe an anatomische Studien angelehnt sind. Immer wieder schauen den Betrachter Augen an, so beispielsweise auf dem Titelbild. Als wolle der Illustrator Einblick in das menschliche Gehirn geben, aufzeigen, dass man eben nicht nur durch das Auge sieht. Der Blinde, der durch seine Bildersammlung blättert – eine tragisch-komische Erscheinung, die Arnold als Drama mit Tuschfeder und Elementen der Kupferstichtechnik, wie sie auch für die Novelle Zweigs prägend sind, umsetzt.

Direkter, aber nicht weniger eindrücklich in seinem Ausdruck ist Joachim Brandenberg, der „Buchmendel“ illustriert hat. Ein mit Stacheldraht umwickeltes Notizbuch, ein Portrait, bei dem Buchfetzen aus den Augen quillen, eine zerbrochene Brille – melancholische Bilder, die den Ton der Zweig-Novelle treffen, aufnehmen, weiterführen. Einen Eindruck von den Arbeiten des Illustrators und Buchkünstlers gewinnt man hier: http://joachimbrandenberg.de/

Abgerundet wird dieser Buchschatz durch ein Nachwort zu Stefan Zweig, einen Überblick über seine Veröffentlichungen sowie einen Abdruck seines Abschiedsbriefes vor dem Freitod am 22. Februar 1942.

Schön gestaltete Vorsatzblätter, Fadenheftung und die Papierauswahl machen dieses Bucherlebnis perfekt: Ein Schmuckstück, das mich restlos begeistert hat!

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http://www.topalian-milani.de/portfolio/stefan-zweig-buchmendel-die-unsichtbare-sammlung/

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Alice Herdan-Zuckmayer: Das Scheusal

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Bild von Moshe Harosh auf Pixabay

1937 erbt die österreichische Schauspielerin Alice Herdan-Zuckmayer, in zweiter Ehe mit dem Schriftsteller verheiratet, den sie liebevoll-kurz „Zuck“ nennt, von einer ungeliebten und scheinbar verarmten Tante einen Hund: Ein altes, grottenhäßliches, bissiges, verwöhntes „Viecherl“. An „Das Scheusal“ ist eine besondere Bedingung geknüpft: Die Juwelen und den Pelz, die die verbitterte Alte allem finanziellen Niedergang zum Trotz versteckt bewahrt hatte, gibt es nur samt Vierbeiner. Was Alice jedoch besonders entsetzt: Durch den Nachlass der Tante offenbart sich deren fanatische Anhängerschaft an die Nationalsozialisten: „Die Frau Tante war a Nazi, der Hund is a Nazi.“

Die Zeiten sind hart, Zuckmayers an das Sparen nicht gewöhnt, der Dramatiker wird jedoch im Deutschen Reich nicht mehr gespielt, Geld kommt allenfalls durch seine Arbeit für die Korda-Filmstudios in London herein. Das Scheusal darf also bleiben – zumal die Erbin eh ein freundliches, weiches Herz hat.

Die „Kreuzung zwischen Fledermaus, Wüstenfuchs und Warzenschwein“ nimmt bald eine Hauptrolle in dem Großhaushalt ein: Das verwöhnte Tier wird mit gedünsteter Kalbsleber und Honigwasser verpflegt, bei Bedarf mit Malaga ruhiggestellt, darf sich in mit „Chanel 5“ (eine olfaktorische Erinnerung an die Tante) besprühte Decken hüllen. Und es begleitet die Familie (die gemeinsame Tochter heißt tatsächlich mit zweitem Taufnamen „Winnetou“) auf den Exil-Stationen, selbst als klar ist, dass die geerbten Juwelen bereits durch die Nazis konfisziert sind.

Literarisch ist dieses Buch (Untertitel: „Die Geschichte einer sonderbaren Freundschaft“) beileibe kein herausragendes Werk, es deckt sich offenbar sogar bis in manche Formulierungen mit Zuckmayers Memoiren „Als wär’s ein Stück von mir“. Letztere habe ich noch nicht gelesen, daher kann ich dieses nicht beurteilen. Doch trotz der sprachlichen und erzählerischen Mängel – es ist nicht nur die anrührende Geschichte einer sich entwickelnden Beziehung zwischen Mensch und Tier, sondern auch ein eindrucksvolles, lebhaftes Dokument dieser Jahre, in denen die deutsche Intelligenz ins Exil vertrieben wurde. „Wir waren glücklich und liebten das Leben wie Kranke, denen der Tod angesagt worden ist“, schreibt Alice Herdan-Zuckmayer über die letzten Tage in Österreich.

In Paris nimmt das Paar noch an der Beerdigung von Ödon von Horváth teil, der am 1. Juni 1938 bei einem Unfall ums Leben kam – in der Folge, so ahnt Alice, wird man noch mehr Freunde verlieren, jedoch durch andere Umstände. Trotz der düsteren Zeiten hat dieses schmale Buch jedoch einen heiteren, anekdotenhaften Grundton, ist an manchen Stellen gar schreiend komisch. Beispielsweise als die Werfels und die Zuckmayers sich zu einem Abschiedsessen in einem Pariser Nobelrestaurant treffen. Alice versteckt das Scheusal gschamig unterm Tischtuch, doch der distinguierte Kellner platziert den Hund auf einen samtgepolsterten Stuhl an den Tisch und begehrt zu wissen: „Quelque chose légère?“.

„Ja, etwas Leichtes“, sagte ich auf französisch.
„Un peu de veau haché avec du foie de volaille?“ fragte er, „pour la petite mignonne?“
„Bien“, sagte ich nonchalant, als ob einem wertvollen King-Charles-Hund serviert würde, „also gehacktes Kalbfleisch mit Hühnerleber.“
Mucki saß neben mir, schnupperte und stieß leise Betteltöne aus.
Werfel betrachtete ihn lange und nachdenklich:
„Wenn man diesen Hund anschaut – er ist häßlich bis zur Vollkommenheit. Wie ein Wasserspeier von Notre-Dame.“

Zuckmayers gelangen über Paris und die Schweiz schließlich durch ein Affidavit durch die Frau von Sinclair Lewis in die USA, „der Mucki“ (trotz weiblichen Geschlechts ein „er“), kommt jeweils mit. Zwar erlebt die Familie in den Vereinigten Staaten wieder persönliche Sicherheit, doch die finanziellen und existentiellen Sorgen bleiben. Das Scheusal jedoch bleibt davon unberührt, bekommt weiter Kalbsleber und Honigwasser und Chanel No. 5. Hochbetagt stirbt das Viecherl schließlich im Kreise der Familie – immer noch hässlich, immer noch bissig, aber längst schon kein Nazi mehr.

Das Buch erschien erstmals 1972 im Fischer Verlag und wird seither immer wieder als Fischer Taschenbuch neu aufgelegt: „Das Scheusal“.

Ein Beitrag zur Reihe #lithund.

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