Djuna Barnes: Nachtgewächs

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„Zum Teil haben die Toten das Böse der Nacht verschuldet, zum anderen Teil Schlaf und Liebe. Für was ist der Schläfer nicht alles verantwortlich! Welcherart Umgang pflegt er, und mit wem? Mit seiner Nelly legt er sich nieder und findet sich schlafend im Arm seines Gretchens wieder. Tausende kommen an sein Bett, ungebeten. Und dennoch: wie erkennt man die Wahrheit, wenn sie nicht unter den Anwesenden weilt? Mädchen, die der Schläfer niemals begehrt hat, streuen ihre Gliedmaßen um ihn unter des Morpheus Fuchtel. So sehr ist der Schlaf zur Gewohnheit geworden, daß mit den Jahren der Traum seine eigenen Grenzen verzehrt und das Geträumte ihm zu lieber Gewohnheit wird; ein Gelage, wo Stimmen sich mischen, einander lautlos bekämpfen. Der Schläfer ist Eigentümer eines unerforschten Landes.“

Djuna Barnes, „Nachtgewächs“, Erstausgabe 1936.

Es ist ein im mehrfachen Sinne traumhaftes, schlafwandlerisches Buch, dieses Nachtschattengewächs der Literatur. Bis heute gilt es manchen als Zumutung, als unlesbar, während es für andere schon ikonographischen Charakter einnimmt. Eines ist gewiss: Den bewussten Leser stellt dieser Roman vor Herausforderungen. Schon T. S. Eliot, der die Veröffentlichung des Romans unterstützte, gestand Schwierigkeiten beim Lesen ein. Zwar ist die Rahmenhandlung, wenn man von einer solchen sprechen möchte, denkbar einfach: Mann liebt Frau, Frau verlässt ihn für eine andere Frau, und auch diese wird am Ende verlassen. Ein Arzt von zweifelhaftem medizinischem Status wird in diesem Liebesreigen der Beichtvater für das ganze, überschaubare literarische Personal dieses Buches.

Doch wie diese im Grunde kaum ungewöhnliche Geschichte erzählt wird, dies markiert in der modernen Literatur einen Meilenstein, einen Umbruch. So wie „Ulysses“ von James Joyce (den Djuna Barnes übrigens überaus verehrte und dem sie in mehreren Essays ein Denkmal setzte)  als Werk eines männlichen Schriftstellers für den Aufbruch in die Moderne steht, so tut dies „Nachtgewächs“ als Werk einer Frau: Wagemutig, stilistisch einzigartig, hermetisch, verschlossen, assoziativ, mit konventionellen Erzählregeln brechend.

Kein Buch, das sich einfach so weglesen lässt, auch kein Buch, das häufig weggelesen wird. Bernhard Wördehoff sinnierte 1991 in „Die Zeit“ über Bücher und ihr Schicksal:

„Landläufig und simpel, daß libelli ihre fata haben. Aber auch richtig, wie sich immer wieder zeigt. Zum Beispiel bei Djuna Barnes. Anders als Terentianus Maurus wird die amerikanische Dichterin (1892 bis 1982) in jedem besseren Literaturlexikon erwähnt, aber es wird auch gleich hinzugefügt, es ermangele ihr an einem bedeutenden Lesepublikum. Das wollen wir mal dahingestellt sein lassen. Aber viele Leser hatte sie leider trotz ihres Ranges in der modernen Literatur nie, auch in Europa nicht, wo sie lange Zeit gelebt hat.“

Tatsächlich ist der Stil der Amerikanerin auch zu eigenartig (im besten Sinne), als dass er der geländegängigen Literatur zugeschlagen werden könnte. Man kann „Nachtgewächs“ trotz seines schmalen Umfangs nur langsam und peu à peu lesen, in kleinen Portionen, einen Großteil der Sätze immer wiederlesend, um sie verstehen zu wollen und ich gestehe offen, manches habe ich auch dann noch nicht verstanden.

Jeanette Winterson schreibt dazu im Nachwort zur Suhrkamp-Ausgabe:

„Nachtgewächs stellt Ansprüche. Man wird in die Prosa hineingezogen, weil sie narkotisiert, aber man kann nicht über sie hinweglesen. Diese Sprache will nicht informieren, sie will Bedeutungen entfalten. Das Buch enthält weit mehr als seine Fabel, die schlicht ist, oder aus seine Gestalten, die großartige Gaukelbilder sind.“

Die Begegnungen der Menschen in diesem Roman finden zu einem großen Teil nachts statt, im Schatten der dumpfen Lichter und des Kerzenscheins entblößen sie sich, entfalten ihre Seele. Und so sind ist der Roman auch durchwegs geprägt durch lange Passagen mündlicher Rede, Monologe, in denen die Grenzen zwischen Tag und Nacht, Wachen und Traum, Leben und Tod überschritten werden.

(…) „nun sehe ich, daß die Nacht auf die Identität eines Menschen wirkt, auch wenn er schläft.“ „Ah“, rief der Doktor, „laß einen Menschen sich niederlegen in das große Bett, und seine Identität ist nicht mehr die seine, sein Vertrauen hat ihn verlassen, seine Bereitschaft ist umgewandelt und gehorcht einem anderen Willen. Sein Schmerz ist wild und gnadenlos.“

Tag und Nacht, Bewusstsein und Unterbewusstsein: „Nachtgewächs“ ist nicht zuletzt auch ein psychoanalytisches Buch, in dem die Protagonisten so assoziativ erzählten, als stünde die Dachkammer des Doktors nicht in Paris, sondern in der Berggasse in Wien und als sei das alte Bett des Arztes eine Couch. Der Roman, eine Reise in das Unbewusste.

Djuna Barnes (1892 – 1982) schrieb sich damit selber eine gescheiterte Liebesbeziehung von der Seele. 1919 – in jenem Jahr, in dem auch der Roman einsetzt – war die Amerikanerin wie so viele andere Künstler nach Paris gekommen, wo sie einige Jahre später die Bildhauerin Thelma Wood (1910 – 1970) kennenlernte. Die beiden Frauen waren für ihre leidenschaftliche Beziehung berühmt-berüchtigt, vor allem Wood suchte immer wieder die Flucht in andere Affären und in den Alkohol. Nach der Trennung wurde Djuna Barnes von Peggy Guggenheim unterstützt, in deren Villa schrieb sie „Nachtgewächs“, unverkennbar auch eine Verarbeitung des Geschehenen. Darüber hinaus hinterließ auch die Kindheit und Jugendzeit von Barnes ihre Spuren (hier findet sich eine kurze Biographie). Noch nicht einmal 18 Jahre alt, wird Djuna von ihrem Vater an einen Verwandten „ausgeliehen“, Vergewaltigungen, die ihr ihr Leben lang nachgehen.

Thelma Wood wies ihre Darstellung in der Figur „Robin“ brüsk zurück, das Buch, so sagte sie später, habe ihr Leben ruiniert. Die beiden Frauen sollen bis zu ihrem Lebensende kein Wort mehr gewechselt haben. Und auch Djuna Barnes brachte ihr Roman außer literarische Anerkennung wenig Glück: 1940 kehrte sie nach New York zurück und hauste über vierzig Jahre verarmt und vergessen in einem Miniappartement.

Verena Auffermann schreibt in „99 Leidenschaften“:

„Spötter behaupten, Djuna Barnes habe mit ihrem feingestochenen Stil, der bombastisch und theatralisch, aber auch kalt und messerscharf sein kann, keine Romane, Theaterstücke, Kurzgeschichten, Essays und so weiter verfasst, sondern lauter erste Sätze.“

In der Tat könnte man „Nachtgewächs“ auch zu seinem persönlichen Zitate-Almanach machen:

„Jugend ist Ursache. Wirkung ist Alter.“
„Sein Gesicht, ein längliches, volles Oval, litt an einer fortschreitenden Schwermut.“
„Liebe wird zur Ablagerung des Herzens.“
„Leiden ist Verfall des Herzens.“
„Liebe ist die erste Lüge. Weisheit die letzte.“

Solche Petitessen findet man ohne Zahl in diesem Werk. Und zugleich Sätze, so dunkelschön, nach denen man Bilder malen möchte. Und selbst wenn einen „Nachtgewächs“ verwirrt und vielleicht auch unschlüssig zurücklässt: Vergessen wird man diese seltsame Pflanze der Literatur nie mehr.

Der Roman, vom großen Wolfgang Hildesheimer übersetzt, ist beim Suhrkamp Verlag zu erhalten.


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Djuna Barnes: Paris, Joyce, Paris

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„Als ich eines Abends aus dieser Kirche kam, schaute ich ins Café Aux Deux Margots hinein und trank ein Glas Wein, während Joyce, James Joyce, der Autor des verbotenen Ulysses, über die Griechen sprach.
Ein ruhiger Mann, dieser Joyce, mit dem Hinterkopf eines afrikanischen Götzen, lang und flach. Dem Hinterkopf eines Mannes, der mit der vulgären Notwendigkeit geistigen Stauraums gebrochen hatte.“

„Joyce lebt in einer Art dem Zufall überlassener Zurückgezogenheit. Es freut ihn, wenn Freunde vorbeischauen, und angeblich geht er dann überall mit hin und trinkt, was sich bietet. Er hat einen Widerwillen gegen Kunstgespräche, und seine Freunde sind ganz gewöhnliche Menschen.
Sein Hauptthema ist die griechische Mythologie, und er wird niemals müde, darüber zu sprechen, was es mit dem Ursprung des namens Orion auf sich hat, ein Stück Aufklärung, das dem streng akademischen Geist höchst anstößig erschiene, denn er macht aus den Griechen `ungezogene Jungs´, und sorgt dafür, dass sie sich, über die Kluft hinweg, mit Rabelais die Hand schütteln.“

Djuna Barnes, „Paris, Joyce, Paris“, insel taschenbuch

Wenn Djuna Barnes (1892-1982) über Joyce in diesem schmalen Buch im Anschluss an das zweite Zitat noch schreibt: „Er gleitet von einem Thema zu nächsten, ohne eindeutige Unterteilungen vorzunehmen“, so ist darin vielleicht auch eine Selbstskizzierung enthalten. Abschweifend, assoziativ, mysteriös ihr Stil. Aber auch: Leichthändige, luftige Skizzen. Das alles sind diese drei Impressionen, dieses Trio kurzer Stücke über die Stadt, in der die amerikanische Schriftstellerin lange Jahre lebte. 1919 kam sie erstmals nach Paris – zuhause bereits eine anerkannte Journalistin, im Auftreten außergewöhnlich und extravagant. Sie blieb, trotz ihrer anfänglichen leichten Enttäuschung (oder enttäuschten Erwartungshaltung) bis 1940.

Paris, so möchte man meinen, war für die Bohémienne aus Greenwich Village, wie gemacht. Doch es ist durchaus nicht Liebe auf den ersten Blick. In „Vagaries Malicieuses“, dem ersten der im Taschenbuch versammelten Prosastücke, wird die Stadt an der Seine einem kritischen, ironisch-distanzierten Blick unterworfen:

„Ich antwortete ihm, der Blumenmarkt lasse mich vergleichsweise kalt. „Denn einmal“, sagte ich, „hatte ich einen Freund, dem ich Blumen schickte, und nun, da ich keine mehr schicken darf, gehören Blumen für mich zu den Dingen, über die ich besser nicht nachdenke“, und ich setzte hinzu, der Vogelmarkt löse in mir Empfindungen aus, denen ich nicht nachgeben könne. Ich hätte nämlich gern fünf zierliche Freundinnen, denen ich sie schicken könnte. Fünf kleine Mädchen, die mit geschlossenen Augen und geöffneten Händen in einer Reihe sitzen müssten, um fünf sich drängende Hänflinge in Empfang zu nehmen. (…)
Und was nun die Gemüsemärkt und Märkte angeht, wo Fisch und Leber und Hirne in Tümpeln ebenso kalten wie schönen Bluts liegen, über all diese Dinge mag ich überhaupt nicht nachdenken…“

Leicht macht Djuna Barnes ihren Lesern den Zugang nicht. Abschweifende Gedanken, herumschweifende Sätze – erst nach und nach erschließt sich der Sinn, wird die Spöttelei in den maliziösen Launen, Einfällen (ihre Biographin Kyra Stromberg weißt im Nachwort des Buches darauf hin, dass Barnes auch aufgrund ihrer bleibend mangelhaften Beherrschung der französischen Sprache oftmals Mutter- und Gastsprache mischte wie in den „Vagaries Malicieuses“) zu einer versteckten Liebeserklärung an die Stadt Paris.

„Spötter behaupten, Djuna Barnes habe mit ihrem feingestochenen Stil, der bombastisch und theatralisch, aber auch kalt und messerscharf sein kann, keine Romane, Theaterstücke, Kurzgeschichten, Essays und so weiter verfasst, sondern lauter erste Sätze. Wahr ist, dass viele ihrer Sätze so komplex sind, dass man ihre Bedeutung nicht beim ersten Lesen verstehen kann“, so Verena Auffermann in einem biographischen Aufsatz über die Barnes. Deren Pariser Jahre fallen in ihre größte Zeit – später wird sie, eine der bekanntesten „expatriates“, verarmt und vergessen in New York leben. Doch in den 20er Jahren ist sie Mitglied und Vorzeigefrau der amerikanischen Emigranten an der Seine.

„…in jenem wuseligen Paris, in dem James Joyce lebt, den Djuna Barnes verehrt wie niemanden sonst. Aber auch Ezra Pound, T. S. Eliot, Ernest Hemingway und Scott Fitzgerald haben sich dort eingefunden. Sie haben alle ihre Rolle beim Aufbruch in die Moderne. Die Rolle der Frauen im Kreis der Intellektuellen und Künstler war weit mehr als die der Hebamme bei der Geburt des Modernism. 1922 verlegte Sylvia Beach, die in der Rue de l`Odéon ihre Buchhandlung betrieb, den Ulysses von James Joyce. Die Journalistin Janet Flanner schrieb ihre Letters from Paris, die im New Yorker erschienen. Berenice Abbott fotografierte das Pariser Leben, Gertrude Stein hielt Hof und arbeitete nachts an ihrer eigenen Moderne. Djuna Barnes war 1919 im Auftrag von „McCall`s Magazine nach Paris gekommen.“

Verena Auffermann über Djuna Barnes in „Leidenschaften – 99 Autorinnen der Weltliteratur“, btb Taschenbuch.

So war also Paris. Für Djuna Barnes aber – wie auch für die anderen der genannten Literaten, bis auf die Stein, die Joyce in herzlicher Abneigung verbunden war – war er das Epizentrum: Der Schöpfer des „Ulysses“. Eines der drei Prosastücke ist ausschließlich ihm gewidmet: „James Joyce“, ein Portrait, das 1922 wenige Wochen nach dem Erscheinen des Mammutwerkes in der „Vanity Fair“ erschien. Das erste Zusammentreffen, es wird geradezu mystifiziert:

„Und dann, eines Tages, kam ich nach Paris. Ich saß im Café Aux Deux Margots, das auf die kleine Kirche Saint-Germain-des-Prés hinausgeht, und sah, wie sich aus dem feuchten Nebel ein großer Mann löste, der, den Kopf leicht gehoben und abgewandt, dem Wind ein wohlgeordnetes Durcheinander von rotem und schwarzem Haar überließ, das sich an einem vorgereckten Kinn in einem schütteren Keil fortsetzte.“

Mit Worten Bilder schaffen, Szenen festhalten – das ist eine Qualität, die der amerikanische Journalismus hatte. Zumal sich Djuna Barnes sich auch nicht um journalistische – oder andere – Konventionen kümmerte, literarische Grenzen überschritt. das Portrait wird zu einer eindeutigen Ergebenheitserklärung:

„Man sagt ihm nach, er sehe gleichzeitig traurig und müde aus. Er sieht zwar traurig aus, und er sieht auch müde aus, doch ist das die Traurigkeit eines Mannes, der ein mittelalterliches Anrecht auf eine Betrübnis erwirkt hat, die ohne Zeit ist und ohne Ort; es ist die Müdigkeit eines Mannes, der sich aus freien Stücken der Schaffung einer Überfülle in der Beschränkung verschrieben hat.“

„Das ist ungefähr Joyce, und man fragt sich doch, ob Irland nicht endlich seinen Mann hervorgebracht hat.“

1941, schon in den USA, erinnert sich Djuna Barnes an ihr Paris, an ihrer Pariser Jahre. Ein wehmütiges „Klagelied auf das Linke Ufer“ entsteht. Erinnerungen an Menschen, Orte, vor allem aber an James Joyce:

„James Augustin Joyce (er war dank der geistigen Verwirrung eines Gemeindeschreibers in Rathgar Augusta getauft worden) wies einem Zeitalter den Ausgang.“

Durch den Tod, die Flucht vor den Nazis, durch einen Ozean getrennt von all jenen, die sie kannte und liebte, entfährt ihr in diesem Essay ein letzter Seufzer:

„Das Schreckliche ist ja nicht, dass all diese Dinge geschehen konnten, sondern, dass sie alle vorbei sind.“