MICHAEL KLEINHERNE: Absinth

„Ich sehe dir eine Weile zu, bis ich nach meiner Urlaubslektüre greife und versuche, in den Text einzutauchen. Merkwürdigerweise habe ich Murakamis Aufziehvogel mitgenommen, die Geschichte einer Trennung. In dem Roman zeigen sich die Risse zwischen beiden Partnern Schritt für Schritt, bei uns beiden kommt es mir vor, als fiele mir ein Schleier vom Gesicht, der die Risse zwischen uns bisher verborgen hat, und nun scheint es bereits eine
Kluft zu sein. Du liegst da auf dem Rücken, die Hände hinter dem Nacken verschränkt, und hörst System of a Down oder ähnlichen Lärm, mit geschlossenen Augen, und ich vernehme nur das rhythmische, aus den Kopfhörern herausdrängende Hämmern des Nu Metal.“

Michael Kleinherne, „Absinth“, Roman, Kulturmaschinen Verlag, 2022.

In einem fast lakonischen Ton erzählt Michael Kleinherne in seinem neuen Roman die Geschichte einer Beziehung, die nach dem Rausch der ersten Verliebtheit von Schatten umwölkt ist. Marius und Maria sind schon länger ein Paar. Doch während einer Reise in die Toskana bemerkt Marius, dass Maria sich ihm zunehmend entfremdet. Dennoch vermag er die Signale nicht richtig zu deuten und so ist er fast überrascht, dass sich ihre Beziehung, kaum zurück aus diesem letzten gemeinsamen Urlaub, für immer verändert.
„Absinth“ ist ein zugleich tiefgründiger und kurzweiliger Roman über die große Liebe und ihr Scheitern. Kleinherne schildert mit wenigen, aber treffenden Worten die familiären Verstrickungen und Fesseln, die Maria und Marius gefangen halten und entspinnt so das Psychogramm einer komplizierten Beziehung. Lähmende Eifersucht, selbstmörderische Trauer sowie die unglaublichen Momente des Glücks – all diese Emotionen nehmen beim Lesen gefangen. Und so ist „Absinth“ auch eine fesselnde Geschichte, die man kaum aus der Hand legen möchte.

Zum Autor:
Michael Kleinherne, 1964 in Westfalen geboren, lebt in Bayern. Er arbeitet dort nach Studium und Promotion als freier Autor und Journalist sowie als Dozent für Kreatives Schreiben und Englisch. 2002 erhielt er den Reportagepreis der Akademie der Bayerischen Presse in München. An der Universität Eichstätt-Ingolstadt leitet er seit 2012 das von ihm ins Leben gerufene jährliche Festival LiteraPur. 2015 war er auf Einladung der University of Dallas Gastautor am Dallas Goethe Center. Er ist Mitglied im Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller.
2012 erschien sein Kurzgeschichtenband Drehpause im jos fritz.verlag, Freiburg. 2014 kam die Novelle Daniel, 2016 der Roman Die Aktion und 2020 der Roman Der Mann auf dem Foto im Bayerischen Poeten- & Belletristik-Verlag heraus. Verschiedene Kurzgeschichten sind in unterschiedlichen Anthologien veröffentlicht worden.

Informationen zum Buch:
Michael Kleinherne
Absinth
Kulturmaschinen Verlag
geb. 154 S., Lesebändchen, Schutzumschlag, ISBN 978-3-96763-227-9, 21 €
kart. 154 S., ISBN 978-3-96763-226-2, 13 €
Erscheinungstermin: 19.9.2022
Rezensionsexemplare, Interviewanfragen, Fotos gibt es direkt bei:
Kulturmaschinen Verlag
Sven j. Olsson
sven.j.olsson@kulturmaschinen.com
+49(0)1773135938
https://kulturmaschinen.com/

Hier findet sich eine Leseprobe:

Ein Beitrag im Rahmen meiner Pressearbeit für Michael Kleinherne.

Constance de Salm: 24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau

Der Brief, den du geschrieben

Der Brief, den du geschrieben,
Er macht mich gar nicht bang:
Du willst mich nicht mehr lieben,
Aber dein Brief ist lang.

Zwölf Seiten, eng und zierlich!
Ein kleines Manuskript!
Man schreibt nicht so ausführlich,
Wenn man den Abschied gibt.

Heinrich Heine

Recht hat er, der gute Heine, wie meist, wenn es um Frauenherzen geht. Solange sie noch Briefe schreibt, ist unter die Liebe kein Schlußstrich gezogen. Das gilt auch für die aufgewühlte Heldin des kleinen Briefromans der Constance de Salm: „24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau“. In Frankreich wird das Buch 1824 veröffentlicht, sofort zum Erfolg und wird auch in Deutschland mehrfach aufgelegt.

Später gerät Constance de Salm in Vergessenheit. Seit einigen Jahren jedoch ist das Interesse an ihr, sowohl in Frankreich als auch in Deutschland, wieder erwacht. So bemüht sich das Deutsche Historische Institut Paris um die Erschließung ihrer umfangreichen Korrespondenz. Mehr dazu findet sich auf dieser Homepage:
http://www.constance-de-salm.de/edition

Im Zuge dieser neu entfachten Aufmerksamkeit an Constance de Salm erschien auch ihr Roman mit fiktiven Briefen, der Bestseller in ihrem Oeuvre, wieder. Bei Hoffmann und Campe wurde er aktuell in einer eleganten Ausgabe erneut aufgelegt, übersetzt von Claudia Steinitz, ergänzt durch ein informatives Nachwort von Karl-Heinz Ott.

Der schmale Roman, nur knappe 100 Seiten umfassend, stammt von einer hochgebildeten Frau, die sich der Aufklärung und der Vernunft verschrieben hatte: Constance de Salm (1767 bis 1845) verfasste Gedichte und philosophische Essays, sie wurde als erste Frau in das Lycée des arts aufgenommen, sie ließ sich scheiden und heiratete einen jüngeren Mann, sie setzte sich für die Gleichberechtigung der Frauen ein, führte einen Literarischen Salon und verkehrte mit einigen geistigen Größen ihrer Zeit auf Augenhöhe. Alles in allem also eine emanzipierte Frau – und dennoch bleiben im allgemeinen literarischen Gedächtnis vor allem ihre „empfindsamen Briefe“ in Erinnerung.

Die schrieb sie gleichsam als ein Experiment, als eine Studie. In einem später entstandenen Vorwort meint sie über die Vorwürfe, die man ihr „ob des ernsten und philosophischen Tons meiner Werke machte.“

„Ich wollte also mit diesen Briefen einen erneuten Tribut an die Üblichkeit leisten und beweisen, dass die Neigung zu ernstem Werk Empfindsamkeit keineswegs ausschließt.“

Ausgelöst durch einen vermuteten Flirt ihres Geliebten mit einer Madame de* lässt eine empfindsame Frau 46 – in Worten: sechsundvierzig – Briefe aus ihrer Feder fließen. Die Eifersucht steigert sich zum leichten Wahn, als die Verfasserin während des Tages, den der Briefroman umfasst, erfährt, der vergötterte Mann habe die Nacht auf dem Lande verbracht – mit ihr, der vermeintlichen Rivalin. Am Ende löst sich zwar alles in Wohlgefallen auf und (fast) alle leben fortan glücklich und zufrieden.

Man mag den Briefroman in Zeiten von Emails, SMS, WhatsApp, etc. sowieso als hinfällig betrachten, und den Liebesbrief als altmodisches Relikt – aber dennoch bleiben die Liebe an sich und ihre Begleiterscheinungen wie Sehn- und Eifersucht, Verlangen, Irrungen und Wirrungen bestimmende Lebensantriebe und daher auch zentrale Motive in der Literatur.

In ihrem Briefroman konzentrierte sich die Adelige au eine negativen Affekt, der im Liebesreigen verheerende Auswirkungen haben kann. Schon Jago warnte Othello vergeblich vor der Vernichtungskraft dieses Gefühls: „O, beware, my lord, of jealousy; It is the green-eyed monster which doth mock the meat it feeds on;“

Constance de Salms Briefeschreiberin ist dem Auf und Ab, das sie in den 24 Stunden ihrer Unsicherheit beutelt, beinahe hilflos ausgeliefert – der Leser kann an den Briefen nachvollziehen, wie sich die Gefühlsaufwallungen steigern, von der ersten Erregung über Wut und Zorn (natürlich dennoch in wohltemperierte damenhafte Worte gegossen) bis hin zu Selbstaufgabe und Todeswunsch. So wird der schmale Roman zu einer kleinen psychologischen Studie, die sich auf einen Affekt konzentriert.

Karl-Heinz Ott merkt in seinem Nachwort an, de Salm sei einer aufklärerischen Moral, die psychologisch zu verstehen sei, verpflichtet gewesen. Auch im Sinne der Selbsterkundung: Nur, wer auch von seine dunklen Gefühlen wisse, wisse auch damit umzugehen.

„Was heißt, dass die Vernunft sich unserer Unvernunft nur ausgiebig genug widmen muss, um das Irrationale ein bisschen rationaler zu machen“, erläutert Karl-Heinz Ott. Dessen kluges, mit vielen Bezügen gespicktes Nachwort ist beinahe schon eine eigene kurze philosophische Abhandlung über den Umgang mit Affekten: „Das aber bedeutet wiederum, dass derjenige, welcher über seinen Gefühlen zu stehen meint, sich gegenüber demjenigen, der gezielt in den Abgrund blickt, als der viel Unvernünftigere erweist.“

Der Briefroman, so Ott, nicht nur als eine Form der Kultur, sondern als eine Kultur der Form: Constance de Salm nutzte ihn, um ein wildes, überbordendes Gefühl zu fassen, beinahe idealtypisch den Verlauf eines Eifersuchtsanfalls zu schildern und ihm anhand der Studie einer empfindsamen Frau eine Struktur zu geben. Dies macht das Buch auch heute noch interessant – wenn auch die Formen des Ausdrucks und der Kommunikation sich wandeln, die menschlichen Affekte bleiben sich doch gleich.

Mehr Informationen zum Buch beim Verlag:
http://www.hoffmann-und-campe.de/buch-info/24-stunden-im-leben-einer-empfindsamen-frau-buch-8156/

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