Kazuo Ishiguro: Was vom Tage übrigblieb

Kazuo Ishiguro – Was vom Tage übrigblieb (1989)

Originaltitel: The Remains of the Day

Es gibt literarische Bilder, die man nie mehr vergisst. Eines davon ist für mich die weinende Haushälterin Miss Kenton in Kombination mit dem sich außen vor der Tür herumdrückenden Butler Mr. Stevens in Was vom Tage übrigblieb von Kazuo Ishiguro.
Man möchte ihn schütteln, diesen schrägen Vogel, Mr. Stevens, damit er endlich begreift, was er da tut. Beziehungsweise nicht tut. Genauso gern würde ich Miss Kenton, die Mr. Stevens liebt und immer wieder auf ihre herrlich launische Art seinen starren Emotionsapparat attackiert, einfach in den Arm nehmen – weil es niemand im Roman tut, obwohl diese Frau ihr Leben lang still leidet. Leider geht das in einem Roman nicht, selbst wenn man eine erfundene Person so sehr mag als existiere sie wirklich. Miss Kenton ist so eine Protagonistin. Eine, die förmlich aus dem Roman tritt und unsere Herzen erbeutet.
Es gibt ja diesen Roman Die allertraurigste Geschichte von Ford Madox Ford. Was vom Tage übrigblieb könnte diesen Titel auch tragen. Macht es einen doch schon traurig, wenn von außen eine glückliche Liebe sabotiert wird, ist es bei weitem noch schlimmer, tatenlos einem Menschen dabei zusehen zu müssen, wie er aus eigenem Antrieb sein Lebensglück weg tritt, so wie Mr. Stevens es tut.
Mr. Stevens hat nie gelernt, was Humor ist. Damit er die spaßig-provokanten Fragen seines neuen amerikanischen Dienstherrn schlagfertig mit angemessen witzigen Antworten parieren kann, hört sich der Durch-und-Durch-Brite als Lehrmaterial humorige Radiosendungen an. Wenn er ahnen würde, wie viele Lacher sein stocksteifer, an Umständlichkeit kaum zu überbietender Erzählton uns gibt …
Genauso hat er auch nie gelernt, was Liebe ist.
Mit großer Meisterschaft balanciert Ishigoru mit den Gewichtungen der verschiedenen Themen des Romans. Der größte Textanteil widmet sich den unsortierten, Tagebuch ähnlichen Erinnerungen Mr. Stevens‘ an seine berufliche Vergangenheit als Butler mit Leib und Seele. Auf Anordnung seines neuen Dienstherren macht Mr. Stevens zum ersten Mal in seinem Leben eine Woche Urlaub. Ausgestattet mit dem feudalen Auto seines Arbeitgebers macht er sich auf zu einer Reise durch das verträumte ländliche Westengland, dessen Schönheiten er beeindruckend einfühlsam und wortgewandt darzustellen weiß. Damit die Reise ein Ziel hat und einer gewissen beruflichen Grundlage nicht entbehrt (sonst hätte er ein schlechtes Gewissen) ist als letzte Station ein Besuch bei Miss Kenton geplant, jener Haushälterin, mit der er vor Jahrzehnten zusammenarbeitete, und die er jetzt gern zurückholen würde, da aktueller Bedarf an guter Arbeitskraft besteht. Die viele Freizeit, über die er plötzlich verfügt, lässt seine Gedanken in die Vergangenheit schweifen, hauptsächlich an die Jahre zwischen den Weltkriegen, während derer er eigenen Angaben zufolge als Butler einer hochrangigen Persönlichkeit Zeitzeuge weltpolitisch zukunftsweisender Zusammenkünfte wurde, an deren Erfolgen auch seine professionelle Dienstbereitschaft nicht ganz unbeteiligt war.
Nur eine Handvoll Worte gewährt Ishiguro im Laufe des Romans der Liebe, und diese auch nur andeutungsweise. Aber wie grundlegend reißen diese emotionalen Nuancen den Roman immer wieder von seinem Wege herunter. Am Ende ist all das Gerede von Mr. Stevens bedeutungslos. Ein, nein zwei, Leben, verschenkt an eine Illusion. Den größten Teil seines Lebens hat Mr. Stevens Miss Kentons Zeichen übersehen. Ishiguros Kunst ist es hier, all dies so einnehmend und humorvoll zu erzählen, dass man es einfach gern liest, voller Bewunderung und Amüsement.
Die andere Seite von dem, was Kazuo Ishiguro uns da so charmant als ein Konvolut der unstrukturierten Erinnerungen an das Berufsleben eines Butlers unterjubelt, ist die Geschichte einer lebenslangen Liebe, der keine Chance gewährt wird. Die Tränen Miss Kentons werden niemals trocknen.

Frank Duwald

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