Sylvia Brownrigg: Geschrieben für dich

Sylvia Brownrigg – Geschrieben für dich (2002)

Originaltitel: Pages for You
Übersetzt von Andrea Krug

Bei der Auswahl der für diese Kolumne in Frage kommenden Titel, ist mir aufgefallen, wie viele Romane eine Liebesgeschichte beinhalten, aber wie wenige nur tatsächlich ausschließlich den detaillierten Verlauf einer solchen beschreiben. Mag es vielleicht daran liegen, dass es eines der schwierigsten über Romanlänge überzeugend durchhaltbaren Themen in der erzählenden Literatur darstellt? Genauso, wie es meiner Meinung nach nur wenige wirklich durchgängig überzeugende Beispiele für atmosphärische unheimliche Phantastik gibt (ein Genre, das sich am wohligsten in Kurzgeschichten- oder bestenfalls noch Novellenlänge abspielt) ist auch die Liebesgeschichte ein gefährliches Terrain, das die meisten ihrer erwähnenswertesten Schöpfer durch gezielte Auslassungen und das Einbetten in einen größeren Rahmen überzeugend zu umschiffen wissen.

Sylvia Brownrigg scheint in ihrem dritten Roman Geschrieben für dich frei von solcherart Bedenken gewesen zu sein, denn sie geht das Risiko einer Roman füllenden Liebesgeschichte ein und bewältigt ihre sich selbst gesetzte Aufgabe mit einiger Bravour. Es gelingt ihr vorzüglich, die Balance zwischen der verliebten Leichtigkeit und der Schwere der Realität einer ersten Liebe auf ihre Leserschaft zu übertragen. Geschrieben für dich beschwingt wie ein perlender Piccolo, hinterlässt einen aber wie nach einer Flasche Wodka.

Als sich die 17-jährige Literaturstudentin Flannery in ihre deutlich ältere Tutorin Anna verliebt, scheint das zunächst nur eine Schwärmerei zu sein, denn Flannery weiß überhaupt noch nicht, was die Liebe zu einem anderen Menschen alles mit sich bringt. Noch unberührt und in Unkenntnis über die Möglichkeiten ihres Körpers, geht sie zur Sicherheit ihrer Tutorin aus dem Wege, wo sie nur kann, doch die grünäugige, rothaarige Sirene Anna hat nicht nur Flannery verhext. Auch Anna hat – was wir erst später erfahren – bereits bei ihrer ersten Begegnung den Magnetismus gespürt, den Flannery auf sie ausübt.

Sylvia Brownrigg lässt sich sehr viel Zeit, die noch sehr losen Schicksalsfäden nach und nach zu straffen und zielgerichtet zusammenzuführen. Diese Etappe des sexuellen Erwachens Flannerys gestaltet sie mit äußerster Feinfühligkeit, Ernsthaftigkeit und Empathie, in einer von Liebe beschwipsten Sprache, behutsam angereichert mit schwebendem Humor, schönen Metaphern und literarischen Verweisen. Alles kommt ohne literarische Übermotivation aus, ist aber doch geprägt durch den Willen Brownriggs, die Sätze schön und geschmeidig klingen zu lassen, was in der stilsicheren Übersetzung von Andrea Krug auch im Deutschen zum Genuss wird. Durch winzig kleine strategisch gesetzte Zeitsignaturen gewährt Brownrigg ihren Leserinnen und Lesern auf sehr geschickte Weise Zukunftssplitter, die uns gegenüber den beiden kraftvoll dargestellten Protagonistinnen einen kurzzeitigen Wissensvorsprung in die Hände spielen, was den linearen Handlungsfortgang vorübergehend ins Wanken bringt und uns wie ein kleiner Stein im Schuh kurzzeitig vom gewohnten Weg abbringt. Natürlich – könnte man Sylvia Brownrigg jetzt vorwerfen – nehmen diese Plot-Vorausschauen bereits vorweg, wohin der Roman letztlich steuert, aber ich bin mir sicher, dass die Autorin zu keinem Zeitpunkt überhaupt auch nur vorhatte, einen spannungsgebeutelten Roman zu schreiben (obwohl er trotzdem durchaus spannend ist). Genauso, wie sie jeglichen Romantik-Zuckerguss meidet und sich eine gewisse emotionale Distanz zur Leserschaft schafft, die dem einen zu groß erscheinen mag, die anderen jedoch überhaupt erst dahin bringt, einen Liebesroman zu Ende zu lesen.

Wie bei einem Wetterumschwung nach einer wunderschönen, langen Sonnenperiode kippt irgendwann die Stimmung im Roman. Eisiger Ostwind macht sich breit. Aber auch die definitive Erkenntnis, dass man selbst bei Ostwind hoffnungsfroh sein darf, dass der Sonnenschein wiederkommen wird. Irgendwann.

Frank Duwald

Frank Duwald schreibt seit 1987 über Literatur. Auf seiner Seite dandelion | abseitige Literatur bespricht er vorwiegend Romane und Erzählungen jenseits des Mainstream.

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Jane Austen: Stolz und Vorurteil

Jane Austen – Stolz und Vorurteil (1813)

Originaltitel: Pride and Prejudice
Übersetzt von Ursula und Christian Grawe

Was für eine beeindruckende, was für eine mutige und intelligente Frau muss Jane Austen doch gewesen sein. In einer Zeit, in der Frauen eher als schmückendes Beiwerk ihrer Männer wahrgenommen wurden, schrieb sie mit Stolz und Vorurteil einen Roman über eine Frau, die anders ist. Eine Frau, die sich selbstbewusst und mit gesundem Menschenverstand über die Anstandsregeln setzt, die sie persönlich für sinnlos oder inakzeptabel erachtet. Dabei reflektiert sie gar nicht übermäßig, sondern verhält sich intuitiv einfach so, wie sie wirklich ist.

Elizabeth Bennet ist einer dieser unsterblichen, für immer geliebten Romanfiguren, bei denen man nicht anders kann, als sie ins Herz zu schließen. Sie ist durch und durch nonkonformistisch und einfach zu klug, sich dem Kuhhandel einer altersabsichernden Verheiratung zu unterwerfen. Ihr schräger Vater liebt sie dafür umso mehr, genau wie wir Leserinnen und Leser.

So amüsant sich all die Heiratsverwicklungen der Bennet-Töchter auch lesen, so grundernst ist dagegen der reale Hintergrund des Ganzen. Ginge es nach der geistig arg begrenzten Mrs. Bennet, würden alle ihre Töchter in einer Art lukrativem Familiengeschäft an den Bestverdienenden verschachert werden. Aber Elizabeth hat die Stirn, zwei lukrative Heiratsanträge zurückzuweisen und damit ihrer individuellen Linie treu zu bleiben. Ohne Getöse unterwandert sie das geläufige Schicksal junger Frauen ihrer Zeit, und den erhabenen Mr. Darcy reizt sie mit ihrer Kratzbürstigkeit sogar so weit, dass er schließlich bereit ist, eine kritische Selbstüberprüfung durchzuführen.

Die wirkliche Besonderheit von Stolz und Vorurteil ist die radikale Entdramatisierung des klassischen Liebesstoffes. Gewalt und Tod begegnet man nicht. Die Integrität des Individuums steht an erster Stelle. Was sich durchaus in Richtung eines Schmachtfetzens hätte entwickeln können, entfaltet sich zu einem minutiös durchkomponierten Werk mit einnehmenden Humor und herrlich individuellen Charakterbildern, die bis in die kleinste Nuance ausgeleuchtet sind. Gerade auch die Nebenfiguren sind unvergesslich: der schleimige Mr. Collins; die sich ständig daneben benehmende Mrs. Bennet, für die ihre Töchter sich in der Öffentlichkeit schämen; oder der Ruhe suchende, vor der Überspanntheit der Damen in seine Bibliothek flüchtende Mr. Bennet. Alles ist so außergewöhnlich wahrhaftig. Wir begegnen Situationen und Charakteren, die wir alle kennen und an denen sich bis heute nichts geändert hat.

Über allem thronen die beiden Liebesgeschichten des Buches. Diejenige Elizabeth‘, scheint zu Anfang jenseits des Vorstellbaren (und man rechnet natürlich genau deswegen damit, dass sie stattfinden wird) und wirkt überraschenderweise am Ende bei weitem nicht so romantisch wie vielleicht erwartet. Zweifel an der Echtheit von Elizabeth‘ Gefühlen beschleichen mich, sowie die Frage, ob Stolz und Vorurteil tatsächlich die schrankenlose, standesübergreifende Erfüllung einer großen Liebe darstellt, an die zu glauben der Roman uns, einem Märchen gleich, nahelegt. Elizabeth benimmt sich nach meinem Empfinden nicht wirklich wie eine Liebende und nährt damit den Verdacht, dass sich letztlich vielleicht doch selbsterhaltende Überlegungen in ihr Denken eingeschlichen haben. Elizabeth‘ persönliche reale Vorteile dieser Heirat liegen auf der Hand: Sie wird nie mehr um ihre Existenz bangen müssen, und sie bleibt in unmittelbarer Nähe ihrer geliebten Schwester Jane. Jane Austen nimmt Stolz und Vorurteil damit subtil aber gnadenlos die verklärende Illusion einer “Und-wenn-sie-nicht-gestorben-sind“-Romantik und legt den Finger in die schwärende Wunde der patriarchalischen Ordnung und der damit einhergehenden Repressionen gegen Frauen.

Frank Duwald schreibt seit 1987 über Literatur. Auf seiner Seite dandelion | abseitige Literatur bespricht er vorwiegend Romane und Erzählungen jenseits des Mainstream.

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Kazuo Ishiguro: Was vom Tage übrigblieb

Kazuo Ishiguro – Was vom Tage übrigblieb (1989)

Originaltitel: The Remains of the Day

Es gibt literarische Bilder, die man nie mehr vergisst. Eines davon ist für mich die weinende Haushälterin Miss Kenton in Kombination mit dem sich außen vor der Tür herumdrückenden Butler Mr. Stevens in Was vom Tage übrigblieb von Kazuo Ishiguro.
Man möchte ihn schütteln, diesen schrägen Vogel, Mr. Stevens, damit er endlich begreift, was er da tut. Beziehungsweise nicht tut. Genauso gern würde ich Miss Kenton, die Mr. Stevens liebt und immer wieder auf ihre herrlich launische Art seinen starren Emotionsapparat attackiert, einfach in den Arm nehmen – weil es niemand im Roman tut, obwohl diese Frau ihr Leben lang still leidet. Leider geht das in einem Roman nicht, selbst wenn man eine erfundene Person so sehr mag als existiere sie wirklich. Miss Kenton ist so eine Protagonistin. Eine, die förmlich aus dem Roman tritt und unsere Herzen erbeutet.
Es gibt ja diesen Roman Die allertraurigste Geschichte von Ford Madox Ford. Was vom Tage übrigblieb könnte diesen Titel auch tragen. Macht es einen doch schon traurig, wenn von außen eine glückliche Liebe sabotiert wird, ist es bei weitem noch schlimmer, tatenlos einem Menschen dabei zusehen zu müssen, wie er aus eigenem Antrieb sein Lebensglück weg tritt, so wie Mr. Stevens es tut.
Mr. Stevens hat nie gelernt, was Humor ist. Damit er die spaßig-provokanten Fragen seines neuen amerikanischen Dienstherrn schlagfertig mit angemessen witzigen Antworten parieren kann, hört sich der Durch-und-Durch-Brite als Lehrmaterial humorige Radiosendungen an. Wenn er ahnen würde, wie viele Lacher sein stocksteifer, an Umständlichkeit kaum zu überbietender Erzählton uns gibt …
Genauso hat er auch nie gelernt, was Liebe ist.
Mit großer Meisterschaft balanciert Ishigoru mit den Gewichtungen der verschiedenen Themen des Romans. Der größte Textanteil widmet sich den unsortierten, Tagebuch ähnlichen Erinnerungen Mr. Stevens‘ an seine berufliche Vergangenheit als Butler mit Leib und Seele. Auf Anordnung seines neuen Dienstherren macht Mr. Stevens zum ersten Mal in seinem Leben eine Woche Urlaub. Ausgestattet mit dem feudalen Auto seines Arbeitgebers macht er sich auf zu einer Reise durch das verträumte ländliche Westengland, dessen Schönheiten er beeindruckend einfühlsam und wortgewandt darzustellen weiß. Damit die Reise ein Ziel hat und einer gewissen beruflichen Grundlage nicht entbehrt (sonst hätte er ein schlechtes Gewissen) ist als letzte Station ein Besuch bei Miss Kenton geplant, jener Haushälterin, mit der er vor Jahrzehnten zusammenarbeitete, und die er jetzt gern zurückholen würde, da aktueller Bedarf an guter Arbeitskraft besteht. Die viele Freizeit, über die er plötzlich verfügt, lässt seine Gedanken in die Vergangenheit schweifen, hauptsächlich an die Jahre zwischen den Weltkriegen, während derer er eigenen Angaben zufolge als Butler einer hochrangigen Persönlichkeit Zeitzeuge weltpolitisch zukunftsweisender Zusammenkünfte wurde, an deren Erfolgen auch seine professionelle Dienstbereitschaft nicht ganz unbeteiligt war.
Nur eine Handvoll Worte gewährt Ishiguro im Laufe des Romans der Liebe, und diese auch nur andeutungsweise. Aber wie grundlegend reißen diese emotionalen Nuancen den Roman immer wieder von seinem Wege herunter. Am Ende ist all das Gerede von Mr. Stevens bedeutungslos. Ein, nein zwei, Leben, verschenkt an eine Illusion. Den größten Teil seines Lebens hat Mr. Stevens Miss Kentons Zeichen übersehen. Ishiguros Kunst ist es hier, all dies so einnehmend und humorvoll zu erzählen, dass man es einfach gern liest, voller Bewunderung und Amüsement.
Die andere Seite von dem, was Kazuo Ishiguro uns da so charmant als ein Konvolut der unstrukturierten Erinnerungen an das Berufsleben eines Butlers unterjubelt, ist die Geschichte einer lebenslangen Liebe, der keine Chance gewährt wird. Die Tränen Miss Kentons werden niemals trocknen.

Frank Duwald

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Kurt Tucholsky: Rheinsberg und Schloß Gripsholm

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Schloß Gripsholm. Bild von falco auf Pixabay

Drahtetsofortobhiesigenmälarsee-
zwecksbewässerungkäuflicherwerben-
wolltwassergarantiertechtallerdingsnur-
zuschwimmzweckengeeignetfasthoch-
achtungsvollfritzchenundkarlchenwasser-
oberkommissäre.

Kurt Tucholsky, „Schloß Gripsholm“, 1931.

Noch einmal den Sommer festhalten, bevor er geht. Geht das denn?
War er denn groß, dieser Sommer? Am Thermometer gemessen wohl schon.
Aber trotz der blendenden Helligkeit. Er war auch: Düster, dieser Sommer. Ein politisches Klima, das seine Schatten vor die grelle Sonne schob. Die Furcht vor einem Gewitter ist da, die Angst, dass sich finstre Zeiten wiederholen.

Einer, der gegen dieses „dunkle Deutschland“ anschrieb, immer wieder, am Ende doch nicht vergebens? Kurt Tucholsky. Wie haben Sie das gemacht? Das möchte ich ihn gern fragen. Wie haben Sie es geschafft, als es um ihre Heimat nicht gut stand, als sie selbst schon am Leben verzweifelt waren, noch einmal so ein beinahe heiteres Sommerbild zu entwerfen, so sommerlich-luftig-leicht gegen den Irrsinn anzuschreiben, ganz keck ein anderes Lebensgefühl hervorzurufen?

Ich bewundere ihn dafür, diesen bekennenden Pessimisten und scharfen Satiriker, der letzten Endes an einer unheilbaren, einseitigen, wechselvollen Liebe zerbrach: Der Liebe zu seiner Heimat. In seiner Art des Schreibens und Denkens erinnert mich Tucholsky, der hellsichtig früh dieses Land verließ, an einen anderen berühmten Exilanten: „Denk ich an Deutschland in der Nacht“ – obwohl meist im falschen Kontext zitiert, sprechen auch diese Zeilen von einer Bindung an das Mutterland, die in der Ferne nur durch Ironie noch bewältigt werden kann. „Deutschland, Deutschland über alles.“

Selbst als es Tucholsky politisch wie privat dreckig ging, als es, wie er schrieb, „innen weinte“, legte er noch einmal eine der zauberhaftesten Liebesgeschichten vor, die sich heute noch so frisch liest, dass ich sofort die Koffer packen möchte. Weil sie dort anfängt…

„Und dann hielt das Auto da, wo alle bessern Geschichten anfangen: Am Bahnhof.“

Die Geschichte führt den Erzähler, „den Dicken“ nach Schweden, mit einer Prinzessin, „sie hatte eine Altstimme und hieß Lydia.“ 1929 hatte Tucholsky einige Zeit mit seiner Geliebten Lisa Matthias in Läggesta bei Schloß Gripsholm verbracht, im Januar 1930 verlegt er seinen Wohnsitz vollständig nach Schweden, „mehr eine Flucht als die alte Sehnsucht“ nach dem Norden, wie Rolf Hosfeld in seiner hervorragenden Biographie „Tucholsky. Ein deutsches Leben“ schreibt.

Doch auch wenn „der Dicke“ das Buch Lisa mit dem Satz „Für IA 47 407“ (ihr Autokennzeichen) widmet – in dieser Altstimmen-Frauengestalt ist mehr als eine Frau vereint. Die Trennung von seiner Ehefrau Mary Gerold ist noch frisch, die an den Nerven zerrende zu Lisa liegt schon in ihren letzten Zügen. Eine on- und off-Liebe. Lisa ist es, die den Schalter vollends kippt und sich aus seinem Leben löscht. Und dann schwingt in dieser selbstbewußten „Prinzessin“ auch noch eine gute Portion Else Weil, Tucholskys erste Ehefrau, mit, jene Else, die auch als „Claire“ in „Rheinsberg“ schon verewigt wurde. Hosfeld schreibt über die „Prinzessin“:

„Aber als Person ist sie eher eine unintellektuelle Wunschsynthese aus Else Weil, Lisa Matthias und Mary Gerold, also gewissermaßen eine pflegsame Madame 3 PS. Wie schön, wenn eine solche Frau für den Mann mit den 5 PS und den unterschiedlichsten Modulationen seines komplexen Charakters auch in Wirklichkeit existiert hätte. Es gab bei Rowohlt, auch aus Geschäftsgründen, ein Bedürfnis nach leichten Tönen aus seiner Feder. Es gab sie auch bei Tucholsky. In dunklen Zeiten ist der Konjunktiv ein Trost. Wie es sein könnte. Es könnte leicht sein.“

So ist „Schloß Gripsholm“ auch eine Beschwörung. Doch: „Vorbei, verweht, nie wieder…“. Als das Buch, geschrieben 1930, herauskommt, befindet sich Tucholsky bereits in diesem „heimatlosen Alleinsein“, das ihn dann gänzlich zerbricht. Und: Im Gegensatz zu „Rheinsberg“, jenem „Bilderbuch für Verliebte“, mit dem Tucholsky 1912 die literarische Bühne betrat (und das auf Anhieb zum Skandal und zum Erfolg wurde), pinselt der Schriftsteller zwanzig Jahre später ein Urlaubsidyll mit weitaus dunkleren Strichen. Die „kleine Sommergeschichte“, die der Autor in einem fiktiven Briefwechsel seinem Verleger Ernst Rowohlt ankündigt, hat eine zweite Ebene, hat ihre Schatten:

„Wir lagen auf der Wiese und baumelten mit der Seele. Der Himmel war weiß gefleckt; wenn man von der Sonne recht schön angebraten war, kam eine Wolke, ein leichter Wind lief daher und es wurde ein wenig kühl.“

Da ist auf der einen Seite diese zwanglose, freie Liebe zwischen zwei Menschen, denen die liberale und tolerante Denkweise aus jeder Pore sprüht, angeheizt durch gelegentliche Ferienbesucher, die das Ganz noch erotisch aufprickeln bis hin zur Menage à trois. Und auf der anderen Seite ist jener zweite Erzählstrang von der kleinen Halbwaise Ada, die von der Leiterin eines Kinderheims schikaniert wird. Eine machthungrige, verkniffene, autoritäre Megäre. Und ganz bewusst eine Deutsche: Tucholsky zeichnet sie als Typ, sie ist Sinnbild jener rechtsnationalen Kräfte, die in seiner Heimat die Weimarer Republik aushöhlen. Im Roman siegt „der Dicke“, entreißt das Kind den Klauen der Macht. Im Leben ging es anders aus.

„Sie kam sich sehr einmalig vor, die Frau Adriani. Und hatte doch viele Geschwister.“

Der Skandal an diesem Buch liegt für die Nazis mehr in dieser politischen Komponente (auch der Wendriner, Abbild des patriotischen Spießbürgers findet seine Erwähnung) als in der herrlich sinnlichen Liebesgeschichte, die zudem ohne drastische und intime Details auskommt – und dennoch erotischer und lebendiger ist als viele weit offenere Liebesromane danach.
Zwanzig Jahre früher war das noch anders: Als „Rheinsberg“ 1912 erscheint, löst das Debüt des jungen Autoren einen Skandal aus: Ein unverheiratetes Paar geht in die Sommerfrische und nächtigt in einem Zimmer – undenkbar in der prüden wilhelminischen Gesellschaft.

Aber da kam eine alte Dame an ihrem Tisch vorübergeschlurcht, schielte krumm und murmelte etwas von „unerhört“ und „Person“ und so.

„Wölfchen, die meint mir. Konnste ihr nicht gefordert gehabt habs?“

„Rheinsberg“ ist nun in der schönen Reihe C.H.Beck textura wieder aufgelegt worden. Antje Rávic Strubel stellt in ihrem Nachwort die Erzählung in den zeitlichen Kontext:
„1912 war das Jahr, in dem Albert Einstein die Allgemeine Relativitätstheorie entwickelte, Thomas Manns Novelle „Der Tod in Venedig“ erschien, und der letzte große Roman Hjalmar Söderbergs „Das ernsthafte Spiel“. Drei Jahre zuvor hatte mit Selma Lagerlöf die erste Frau in der Geschichte den Literaturnobelpreis erhalten. Aber 1912 war auch das Jahr, in dem die Titanic sank, Robert Scotts Südpolexpedition tödlich endete und Europa nach der Marokko-Krise noch einem knapp einem Weltkrieg entging. Der Wilhelminische Staat militarisierte sich, das Kleinbürgertum verspießerte unter moralischen Tabus und einer strengen, patriarchalischen Sexualdoktrin, ein neuer Nationalismus flammte auf, und Vatikan und Kaiser hatten das Tangotanzen unter Strafe gestellt.“

„Rheinsberg“ mit seinen spritzigen Dialogen, den kleinen Albernheiten der Verliebten, der Verballhornung der Dialekte war noch die relativ freie Fingerübung eines noch relativ unbeschwerten jungen Mannes. Die Vorübung für „Schloß Gripsholm“. In diesem Roman lauert bereits die Sehnsucht nach dem Vergangenen, nach der verlorenen Leichtigkeit. Er atmet auch das Bewußtsein, dass sich der Schreibende selbst in einer fünften Jahreszeit befindet:

Eines Morgens riechst du den Herbst. Es ist noch nicht kalt; es ist nicht windig; es hat sich eigentlich gar nichts geändert – und doch alles. Es geht wie ein Knack durch die Luft – es ist etwas geschehen; so lange hat sich der Kubus noch gehalten, er hat geschwankt … , na … na … , und nun ist er auf die andere Seite gefallen. Noch ist alles wie gestern: die Blätter, die Bäume, die Sträucher … aber nun ist alles anders. Das Licht ist hell, Spinnenfäden schwimmen durch die Luft, alles hat sich einen Ruck gegeben, dahin der Zauber, der Bann ist gebrochen – nun geht es in einen klaren Herbst. Wie viele hast du? Dies ist einer davon. Das Wunder hat vielleicht vier Tage gedauert oder fünf, und du hast gewünscht, es solle nie, nie aufhören. Es ist die Zeit, in der ältere Herren sehr sentimental werden – es ist nicht der Johannistrieb, es ist etwas andres. Es ist: optimistische Todesahnung, eine fröhliche Erkenntnis des Endes. Spätsommer, Frühherbst und das, was zwischen ihnen beiden liegt. Eine ganz kurze Spanne Zeit im Jahre.

Es ist die fünfte und schönste Jahreszeit.

Kurt Tucholsky schreibt dies alias Kaspar Hauser bereits 1929 in der Weltbühne (hier der Text in voller Länge).

„Schloß Gripsholm“, auf Anhieb ein Publikumserfolg, bleibt sein letztes Buch. Als Journalist focht er noch mit Carl von Ossietzky für die freie Meinungsäußerung in der Weltbühne. Mehr und mehr desillusioniert, verstummt Tucholsky nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Am 21. Dezember 1935 stirbt er in einem schwedischen Krankenhaus an einer Überdosis Veronal, vermischt mit Alkohol. Ob Unfall oder Suizid, ist ungewiss, einen Abschiedsbrief hinterlässt er nicht. Er war des Kämpfens müde geworden, innerlich zerrissen, aus dem Deutsch- und dem Judentum ausgetreten, ein wahrhaft Heimatloser. Das Schlimmste blieb ihm durch den frühen Tod erspart: 1942 stirbt Else Weil, seine erste Frau, jene selbstbewußte, emanzipierte „Claire“ aus „Rheinsberg“ im KZ Auschwitz-Birkenau, von den Nazis ermordet. Carl von Ossietzky stirbt 1938, entkräftet, an den Folgen seiner KZ-Inhaftierung.

Was aber bleibt: Dennoch das Bild eines Kämpfers für ein tolerantes, weltoffenes, demokratisches Deutschland. Ein Traum von einem Land, in dem die Liebe nicht nach Schweden auswandern muss. Tucholsky wollte, so Kästner, mit der „Schreibmaschine eine Katastrophe“ aufhalten, führte ein großes kleines Gespräch mit ungewissem Ausgang.

Und jetzt? Ach, „Dicker“, du wirst vermisst. Deine Stimme würde gebraucht. Wieder.

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Jeffrey Eugenides: Die Selbstmord-Schwestern (1993). Middlesex (2002). Die Liebeshandlung (2011).

Das „Flutsch-Buch“: Das sind Bücher, die man so richtig schön (und nicht ohne Vergnügen) durchflutscht, und die – manchmal mit der letzten Seite, manchmal später – wieder vollkommen aus dem Gedächtnis flutschen. Einer aus der Creative-Writing-Schule der USA beherrscht diese Flutscherei zwischen Unterhaltung und ein bißchen Anspruch ganz gut: Jeffrey Eugenides.

Seit seinem ersten Roman wird der in Detroit geborene Eugenides gefeiert – nicht nur in den USA, auch hier hat er mittlerweile eine große Fangemeinde. Ein wenig erinnert er in der Flüssigkeit des Stils an weitere US-amerikanische Autoren, die sich durch große Produktivität und reiche Fantasie auszeichnen, beispielsweise John Irving und T.C. Boyle. Man liest das gern, fühlt sich gut unterhalten, streckenweise amüsiert, manchmal zum Denken animiert – flutscht meist in einem Rutsch durch die Handlung, um sie dann flugs bald wieder zu vergessen. Vorteil des Flutschbuches: Man kann es, mit einem gewissen zeitlichen Abstand, wiederlesen, als sei es das erste Mal.

Die drei Romane von Jeffrey Eugenides in näherer Betrachtung:

Die Selbstmord-Schwestern

Der Erstling, „Die Selbstmord-Schwestern“ (von Sofia Coppola verfilmt), erschien 1993, ist noch schön schmal, aber für mich das am wenigsten Unflutschige. Mag auch sein, dass sich Buch und die gelungene Verfilmung von Coppola überdecken, dass Text und Bilder dadurch eingeprägt bleiben. Ganz kurz der Plot (Plot = ein wichtiges Wort bei Eugenides!): Fünf Schwestern, die Älteste 17 Jahre alt, nehmen sich innerhalb kürzester Zeit nacheinander das Leben. In der Nachbetrachtung rätseln einige Jungen über die „suicide sisters“. Eine konkrete Antwort auf die Selbstmordserie will das Buch nicht geben, dies bleibt der Interpretation der Leser überlassen – die engstirnige, bigotte Atmosphäre in dem Fünf-Mäderl-Haus mag mit ein Grund für die Selbsttötungen gewesen sein.
Der Autor psychologisiert oder philosophiert jedoch nicht. Hintergründe, Ursachen und auch eine Reflexion über die individuelle Freiheit (bis in den Tod) oder die moralischen Aspekte des Freitodes – sie interessieren ihn nicht. Der Roman ist im eigentlichen Sinne ein Entwicklungsroman. Es zeigt, wie die Jungen, die dieses Drama miterleben, sich entwickeln (oder auch nicht). Es zeigt auch, wie ein Autor sich entwickelt – hier noch in einer knappen, sparsamen Sprache, die doch vermag, zumindest vieles an ernsthafterem Denken anzudeuten.

Middlesex

Da ist der Nachfolger, das 2002 erschienene und mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnete „Middlesex“ schon deutlich anders: Ein Wälzer, der vor Sprachkapriolen, Andeutungen, Metaphern, Gleichnissen strotzt. Der 41jährige US-amerikanische Diplomat Cal erzählt seine Geschichte – in Vor- und Rückwärtssprüngen, durch die Geschichte seiner Familie und seine Lebensgeschichte mäandernd. Cal, eigentlich Calliope, ist ein Hermaphrodit, dessen Zweigeschlechtlichkeit jedoch erst in der Pubertät erkannt wird. Das ist die erzählerische Frage im Vordergrund: Was prägt einen Menschen mehr – die Biologie oder die Erziehung?
Der zweite erzählerische Strang schlängelt sich um die Nemesis: Cal ist der Enkel zweier griechischer Einwanderer, die eigentlich Bruder und Schwester sind. Ist der Hermaphrodit die Rache für diesen Inzest? Ist er die fleischgewordene Mahnung, dass man der Hölle (hier dem Brand von Smyrna) nicht um den Preis verkaufter Seelen entkommen kann? Und im dritten Strang entwirft „Middlesex“ zudem ein sehr gelungenes Bild über die Situation von Einwanderern, hier am Beispiel der Griechen in Amerika: Zwischen Heimweh und Überanpassung schwankend, mit dem Willen, „es zu schaffen“, es zu beweisen, dass man kein Amerikaner zweiten Ranges ist.

„Middlesex“: Ein Flutsch-Buch, das durchaus noch in der Lage ist, Spuren zu hinterlassen. Durchaus spannend, originell, gut zu lesen. Hier eine Leseprobe: http://www.rowohlt.de/fm/131/Eugenides_Middlesex.pdf

Die Liebeshandlung

Und dann: „Die Liebeshandlung“. Erschienen 2011. Bin durchgeflutscht und war enttäuscht – welch ein Absturz im Vergleich zu den beiden Vorgängern. Der „Marriage-Plot“ – so der Titel im Englischen – ist trotz seiner 620 Seiten schnell erzählt: Madeleine, eine gut betuchte und verwöhnte WASP-College-Studentin, verliebt sich in den armen, aber manisch-depressiven Leonard. Mitbewerber Mitchell, eher ihrer Klasse entstammend, hat keine Chance und stürzt sich in religiöse Experimente, die ihn sogar zu Mutter Teresa führen. Das Konstrukt ist: Madeleine ist eigentlich Anhängerin des viktorianischen Romans à la Jane Austen, wo Stolz und Vorurteil, Vernunft und Gefühl, Sinn und Sinnlichkeit zwar auch zu mancherlei Verwicklungen führen, aber letztendlich in den Hafen der Ehe leiten. Was Eugenides wohl beweisen will, ist, dass dies in den 1980er Jahren keine denkbaren Konstrukte mehr sind (an der Universität trifft Madeleine demnach auch an die Anhänger der französischen Dekonstruktion à la Derrida). Keine Frage, das alles ist schmissig geschrieben. So schmissig und flutschig, dass die Augen über ganze Textpassagen hinweghuschen – weil hier das Mäandernde, die Nebeninformationen, die Einführung zusätzlicher Figuren (Warum? Wieso? Wozu?) noch ausgeprägter zu finden sind als in „Middlesex“. Vom ökonomischen Schreiben seit den Selbstmord-Schwestern hat sich Eugenides in diesen 20 Jahren eindeutig entfernt.

Und ich fragte mich am Ende: Diese ganzen Irrungen und Wirrungen – wozu? Zumal die eigentliche Hauptfigur, Madeleine, eigenartig blass bleibt – trotz ihrer existentiellen Erfahrung in der Ehe. Die weibliche Hauptfigur entwickelt sich nicht, bleibt eigentümlich passiv, bleibt das Ziel der Entscheidungen anderer: Leonard ist es, der sie verlässt, um sie von seiner Erkrankung zu entlasten. Mitchell, der Freund, ist dann für sie da – als Freund, entscheidet aber, die Lücke als Liebender, Liebhaber, nicht zu füllen. Madeleine, so scheint es, bleibt in ihrer Jane-Austen-Welt. „Die Liebeshandlung“ wirft zu viele Fragen auf und beantwortet zu wenige. Am Ende des Buches klappt man die Deckel zu und denkt sich nach Shakespeare: „Viel Text um Nichts“. Und dies ist der Haken an Büchern mit hohem Flutschigkeitsfaktor: Man bleibt dabei. Bis zum bitteren Ende. Oder wie Madeleine in guten und in schlechten Tagen, ohne eigentlich zu wissen, warum.

Die Augen habe ich mir etwas gerieben über den Klappentext von Daniel Kehlmann: „Nur Jeffrey Eugenides konnte daraus etwas so schwebend Schönes komponieren, ein so helles, vollkommenes Werk.“. Hell ja, aber vollkommen? – das ist etwas anderes.


Bild zum Download: Graffiti Erfurt