Armin Strohmeyr: Das Leben der Sophie von La Roche

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Eine Gedenktafel der Bildhauerin Ulla M. Scholl erinnert in Augsburg an die Jugendjahre, die Sophie von La Roche hier verbrachte. Bild von Birgit Böllinger auf Pixabay

„Aber vorher muß ich Ihnen noch das Bild meiner jungen Dame malen. Sie müssen aber keine vollkommene Schönheit erwarten. Sie war etwas über die mittlere Größe; vortrefflich gewachsen; ein länglich Gesicht voll Seele; schöne braune Augen, voll Geist und Güte, einen schönen Mund, schöne Zähne. Die Stirne hoch, und, um schön zu sein,  etwas zu groß, und doch konnte man sie in ihrem Gesichte nicht anders wünschen.“

Aus: „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“ von Sophie von La Roche

Dass Sophie von La Roche ihrem Fräulein (das übrigens ebenfalls den Vornamen Sophie trägt) wohl ihre eigenen Züge verliehen hat, das drängt sich beim Betrachten ihrer Portraits förmlich auf. Und auch wenn die junge Romanheldin in unerhörte Abenteuer gezwungen wird (ein Fürst begehrt sie zur Mätresse, sie wird Opfer einer Intrige, die zu einer Scheinehe führt und wird sogar in ein Verließ gesperrt), die ihre Schöpferin selbst niemals erlebte, so gibt es mehr als rein optische Gemeinsamkeiten: Am Ende siegen Tugend und Tatkraft, zwei Charaktereigenschaften, die Sophie von La Roche ihrer „papierenen Tochter“ verlieh und wohl selbst in gutem Ausmaß besaß.

Ihr zwar etwas weniger romanhaft-abenteuerliches, aber durchaus bewegtes Leben zeichnet der Schriftsteller und Publizist Armin Strohmeyr nun in der aktuell veröffentlichten Biographie „Sie war die wunderbarste Frau…“ – Das Leben der Sophie von La Roche detailreich nach. Kenntnisreich und mit viel Sympathie für die Frau, die zur bekanntesten Schriftstellerin ihrer Zeit wurde, schildert Strohmeyer deren Lebensweg: Maria Sophia Gutermann kommt 1730 in Kaufbeuren als Tochter eines schwäbischen Arztes zur Welt. Dass sie später einen Haushalt führen sollte, in dem sich die literarische Crème de la Crème jener Zeit die Klinke in die Hand gab – unter anderem fand der junge Goethe bei der Gallionsfigur der „Empfindsamkeit“ Inspiration für seinen Werther – und zur ersten deutschen Berufsschriftstellerin wurde, das war ihr durchaus nicht in die Wiege gelegt.

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Auch in ihrer Geburtsstadt Kaufbeuren wird an Sophie von La Roche erinnert.

Strohmeyr, selbst in der Nähe Augsburgs geboren, in dem Sophie ihre Jugendjahre verbringt, bereichert die Lebensgeschichte der „La Roche“ mit viel Hintergrundwissen und Einfühlungsvermögen in die Welt, in der die bildungshungrige und wissensdurstige Sophie aufwuchs und sozialisiert wurde. Wie sehr sie geprägt war von diesem bürgerlichen, pietistischen Umfeld, das wird, wie Strohmeyr deutlich macht, in ihren späten Jahren offensichtlich: Vom „Sturm und Drang“ eines Schillers wendet sie sich mit Abscheu ab, die Auswüchse der französischen Revolution erschüttern sie nicht nur wegen deren gewaltsamen Folgen, sondern auch, weil ihr Weltbild denn doch gewisse Grenzen hat.

 

 

Doch bis dahin ist es ein langer Lebensweg – Sophie stirbt, 76-jährig, im Februar 1807 in Offenbach am Main – den Strohmeyr auf unterhaltsame und informative Weise, manchmal auch mit mildironischer Distanz zu seinem „Sujet“, nachvollzieht. Entscheidend für ihre Entwicklung sind zwei Ereignisse ihrer Jugend: Die frühe Liebe zu einem älteren, katholischen Italiener, die der pietistische Vater streng unterbindet, und die Begegnung mit Christoph Martin Wieland, die 1750 in eine Verlobung mündet. Dass das zum Scheitern verurteilt ist, liegt allerdings weniger am gestrengen Vater denn am wankelmütigen Verlobten. Doch für beide ist die Begegnung prägend: Wieland schreibt später, ohne sie wäre er wohl nicht zum Dichter geworden. Er wiederum unterstützt sie beim Verfassen ihrer Geschichte des Fräuleins von Sternheims und fungiert als Herausgeber, als das Werk 1771 noch anonym erscheint. Sophie von La Roche ist da bereits seit rund 18 Jahren mit dem katholischen und etwas älteren Verwaltungsbeamten Georg Michael Frank von La Roche, den sie in Augsburg kennengelernt hatte, verheiratet. Keine Liebesheirat, aber eine Partnerschaft, die bis zum Tod von La Roche von gegenseitiger Wertschätzung geprägt ist. An der Seite ihres Mannes, der als Geheimer Rat des Trierer Kurfürsten Clemens Wenzeslaus Karriere macht, lernt Sophie andere Kreise kennen, verkehrt unter aufgeklärten Adeligen und Intellektuellen. So beginnt sie selbst zu schreiben, ein Vorhaben, in dem sie von Wieland unterstützt wird.

Armin Strohmeyr ordnet den Erfolg ihres ersten Romans auch literaturhistorisch ein:

„»Empfindsamkeit« ist das Zauberwort der Zeit. Uns Heutigen mag die Handlung des Romans zum Teil abstrus erscheinen, das zeitgenössische Publikum verschlang das Buch. Der Roman bot nicht nur eine spannende Handlung, erzähltechnisch durch mehrere Perspektiven differenziert, er bediente auch die geistigen Bedürfnisse der Zeit: Erziehung des Menschengeschlechts, Selbstfindung der Frau, Verbindung von aufgeklärtem Wissensdrang und frommer Ehrfurcht vor Gottes Schöpfung, von Ratio und Seele, alles abgemildert im Lichte einer Bewegung, die sich selbst als «Empfindsamkeit» deklarierte.“

Ist die Sternheim noch rein aus der Lust am Formulieren und einem gewissen Sendungsbewußtsein heraus entstanden, stehen die späteren Veröffentlichungen von Sophie von La Roche auch unter einem handfesten merkantilem Stern: Denn ihr Mann stürzt über die von ihm verfasste aufklärerische Schrift „Briefe über das Mönchwesen“, das elegante Leben in Ehrenbreitstein bei Koblenz ist jäh vorbei. Die plötzlich mittellose Familie kommt bei einem Freund in Speyer unter und hier beginnt Sophie um des Erwerbs willen zu schreiben.

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In Speyer gibt Sophie von La Roche die erste deutsche Frauenzeitschrift heraus. Im „Hohenfeldtischen Hof“ erinnert heute eine kleine Dichterstube an die Schriftstellerin.

Armin Strohmeyr:

„Hier fällt der Name des Projekts, das die La Roches aus der Geldnot führen soll, und das neben der Geschichte des Fräuleins von Sternheim zu Sophies bekanntestem und bedeutendstem literarischen und kulturgeschichtlichen Beitrag wird: Die Zeitschrift Pomona für Teutschlands Töchter erscheint monatlich von Januar 1783 bis Dezember 1784 in insgesamt 24 Heften zu je sechs Bogen (96 Seiten), herausgegeben, zum größten Teil aber auch verfasst von Sophie von La Roche. (…) Es ist die erste deutsche Zeitschrift, die von einer Frau für Frauen erstellt wird.“

An diesem Projekt zeigt sich, dass die Schriftstellerin nicht nur eine empfindsam „Verschwebte“ war, sondern auch ihre bodenständige, tatkräftige Seite hatte und zudem, wie man es heute nennen würde, bestens vernetzt war. Auch wenn die Ausdrucksweise ihrer Schriften heute überkommen ist – ihr sprachliches Talent lässt sich nicht verkennen. Vielmehr aber noch sind es ihre Produktivität, ihre Disziplin und das Selbstvertrauen in das eigene Können, das sie im Lauf der Jahre entwickelte, die sie zu einer Pionierin der deutschen Literatur werden ließ.

2019_Speyer (30)Eine Pionierin in den Grenzen ihrer Zeit, wie Armin Strohmeyr in seiner gelungenen Biographie herausarbeitet:

„Pomona ist nicht nur ein Periodikum mit dem Anspruch auf Unterhaltung und Bildung, es ist in seinem erzieherischen Aspekt auch Ausdruck einer erstarkten weiblichen Seite bürgerlicher Aufklärung in Deutschland. Wenngleich die gebildete Frau nach Sophie von La Roches Vorstellung nie versuchen sollte, sich an Mannes statt in Wissenschaft und Vita activa zu setzen, so ist das keineswegs Ausdruck von Selbstbescheidung. (…) Sophie von La Roches Frauenbild mag noch wenig mit dem Emanzipationsgedanken späterer Zeit zu tun haben, es hebt die »moderne« Frau des aufgeklärten 18. Jahrhunderts aber doch ab von der verwöhnten und ausgehaltenen Mätresse des Fürstenhofes.“

Die gesellschaftlichen Bedingungen über ihre aufgeklärten Grenzen hinaus weiter zu verändern, dies blieb (so wie es auch heute ist) Auftrag der nachkommenden Generation, bei Sophie von La Roche sprichwörtlich der Enkelgeneration – denn nicht zuletzt ist die erste deutsche Berufsschriftstellerin auch die Großmutter von Bettine von Arnim und Clemens Brentano gewesen.

Bibliographische Angaben:

Armin Strohmeyr
„Das Leben der Sophie von La Roche“
Südverlag Konstanz, 2019
24,00 Euro, gebunden mit Schutzumschlag, 304 Seiten
ISBN 978-3-87800-126-3

Weitere Informationen:
Biographie bei AugsburgWiki
Biographisches beim Literaturportal Bayern mit zahlreichen weiterführenden Links
Biographisches bei Literaturkritik
Zur Sophie von La Roche-Stube in Speyer
Spurensuche im Geburtsort Kaufbeuren
Ein Blick in die Pomona bei der Bayerischen Staatsbibliothek

 

Constance de Salm: 24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau

Der Brief, den du geschrieben

Der Brief, den du geschrieben,
Er macht mich gar nicht bang:
Du willst mich nicht mehr lieben,
Aber dein Brief ist lang.

Zwölf Seiten, eng und zierlich!
Ein kleines Manuskript!
Man schreibt nicht so ausführlich,
Wenn man den Abschied gibt.

Heinrich Heine

Recht hat er, der gute Heine, wie meist, wenn es um Frauenherzen geht. Solange sie noch Briefe schreibt, ist unter die Liebe kein Schlußstrich gezogen. Das gilt auch für die aufgewühlte Heldin des kleinen Briefromans der Constance de Salm: „24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau“. In Frankreich wird das Buch 1824 veröffentlicht, sofort zum Erfolg und wird auch in Deutschland mehrfach aufgelegt.

Später gerät Constance de Salm in Vergessenheit. Seit einigen Jahren jedoch ist das Interesse an ihr, sowohl in Frankreich als auch in Deutschland, wieder erwacht. So bemüht sich das Deutsche Historische Institut Paris um die Erschließung ihrer umfangreichen Korrespondenz. Mehr dazu findet sich auf dieser Homepage:
http://www.constance-de-salm.de/edition

Im Zuge dieser neu entfachten Aufmerksamkeit an Constance de Salm erschien auch ihr Roman mit fiktiven Briefen, der Bestseller in ihrem Oeuvre, wieder. Bei Hoffmann und Campe wurde er aktuell in einer eleganten Ausgabe erneut aufgelegt, übersetzt von Claudia Steinitz, ergänzt durch ein informatives Nachwort von Karl-Heinz Ott.

Der schmale Roman, nur knappe 100 Seiten umfassend, stammt von einer hochgebildeten Frau, die sich der Aufklärung und der Vernunft verschrieben hatte: Constance de Salm (1767 bis 1845) verfasste Gedichte und philosophische Essays, sie wurde als erste Frau in das Lycée des arts aufgenommen, sie ließ sich scheiden und heiratete einen jüngeren Mann, sie setzte sich für die Gleichberechtigung der Frauen ein, führte einen Literarischen Salon und verkehrte mit einigen geistigen Größen ihrer Zeit auf Augenhöhe. Alles in allem also eine emanzipierte Frau – und dennoch bleiben im allgemeinen literarischen Gedächtnis vor allem ihre „empfindsamen Briefe“ in Erinnerung.

Die schrieb sie gleichsam als ein Experiment, als eine Studie. In einem später entstandenen Vorwort meint sie über die Vorwürfe, die man ihr „ob des ernsten und philosophischen Tons meiner Werke machte.“

„Ich wollte also mit diesen Briefen einen erneuten Tribut an die Üblichkeit leisten und beweisen, dass die Neigung zu ernstem Werk Empfindsamkeit keineswegs ausschließt.“

Ausgelöst durch einen vermuteten Flirt ihres Geliebten mit einer Madame de* lässt eine empfindsame Frau 46 – in Worten: sechsundvierzig – Briefe aus ihrer Feder fließen. Die Eifersucht steigert sich zum leichten Wahn, als die Verfasserin während des Tages, den der Briefroman umfasst, erfährt, der vergötterte Mann habe die Nacht auf dem Lande verbracht – mit ihr, der vermeintlichen Rivalin. Am Ende löst sich zwar alles in Wohlgefallen auf und (fast) alle leben fortan glücklich und zufrieden.

Man mag den Briefroman in Zeiten von Emails, SMS, WhatsApp, etc. sowieso als hinfällig betrachten, und den Liebesbrief als altmodisches Relikt – aber dennoch bleiben die Liebe an sich und ihre Begleiterscheinungen wie Sehn- und Eifersucht, Verlangen, Irrungen und Wirrungen bestimmende Lebensantriebe und daher auch zentrale Motive in der Literatur.

In ihrem Briefroman konzentrierte sich die Adelige au eine negativen Affekt, der im Liebesreigen verheerende Auswirkungen haben kann. Schon Jago warnte Othello vergeblich vor der Vernichtungskraft dieses Gefühls: „O, beware, my lord, of jealousy; It is the green-eyed monster which doth mock the meat it feeds on;“

Constance de Salms Briefeschreiberin ist dem Auf und Ab, das sie in den 24 Stunden ihrer Unsicherheit beutelt, beinahe hilflos ausgeliefert – der Leser kann an den Briefen nachvollziehen, wie sich die Gefühlsaufwallungen steigern, von der ersten Erregung über Wut und Zorn (natürlich dennoch in wohltemperierte damenhafte Worte gegossen) bis hin zu Selbstaufgabe und Todeswunsch. So wird der schmale Roman zu einer kleinen psychologischen Studie, die sich auf einen Affekt konzentriert.

Karl-Heinz Ott merkt in seinem Nachwort an, de Salm sei einer aufklärerischen Moral, die psychologisch zu verstehen sei, verpflichtet gewesen. Auch im Sinne der Selbsterkundung: Nur, wer auch von seine dunklen Gefühlen wisse, wisse auch damit umzugehen.

„Was heißt, dass die Vernunft sich unserer Unvernunft nur ausgiebig genug widmen muss, um das Irrationale ein bisschen rationaler zu machen“, erläutert Karl-Heinz Ott. Dessen kluges, mit vielen Bezügen gespicktes Nachwort ist beinahe schon eine eigene kurze philosophische Abhandlung über den Umgang mit Affekten: „Das aber bedeutet wiederum, dass derjenige, welcher über seinen Gefühlen zu stehen meint, sich gegenüber demjenigen, der gezielt in den Abgrund blickt, als der viel Unvernünftigere erweist.“

Der Briefroman, so Ott, nicht nur als eine Form der Kultur, sondern als eine Kultur der Form: Constance de Salm nutzte ihn, um ein wildes, überbordendes Gefühl zu fassen, beinahe idealtypisch den Verlauf eines Eifersuchtsanfalls zu schildern und ihm anhand der Studie einer empfindsamen Frau eine Struktur zu geben. Dies macht das Buch auch heute noch interessant – wenn auch die Formen des Ausdrucks und der Kommunikation sich wandeln, die menschlichen Affekte bleiben sich doch gleich.

Mehr Informationen zum Buch beim Verlag:
http://www.hoffmann-und-campe.de/buch-info/24-stunden-im-leben-einer-empfindsamen-frau-buch-8156/

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