Constance de Salm: 24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau

Der Brief, den du geschrieben

Der Brief, den du geschrieben,
Er macht mich gar nicht bang:
Du willst mich nicht mehr lieben,
Aber dein Brief ist lang.

Zwölf Seiten, eng und zierlich!
Ein kleines Manuskript!
Man schreibt nicht so ausführlich,
Wenn man den Abschied gibt.

Heinrich Heine

Recht hat er, der gute Heine, wie meist, wenn es um Frauenherzen geht. Solange sie noch Briefe schreibt, ist unter die Liebe kein Schlußstrich gezogen. Das gilt auch für die aufgewühlte Heldin des kleinen Briefromans der Constance de Salm: „24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau“. In Frankreich wird das Buch 1824 veröffentlicht, sofort zum Erfolg und wird auch in Deutschland mehrfach aufgelegt.

Später gerät Constance de Salm in Vergessenheit. Seit einigen Jahren jedoch ist das Interesse an ihr, sowohl in Frankreich als auch in Deutschland, wieder erwacht. So bemüht sich das Deutsche Historische Institut Paris um die Erschließung ihrer umfangreichen Korrespondenz. Mehr dazu findet sich auf dieser Homepage:
http://www.constance-de-salm.de/edition

Im Zuge dieser neu entfachten Aufmerksamkeit an Constance de Salm erschien auch ihr Roman mit fiktiven Briefen, der Bestseller in ihrem Oeuvre, wieder. Bei Hoffmann und Campe wurde er aktuell in einer eleganten Ausgabe erneut aufgelegt, übersetzt von Claudia Steinitz, ergänzt durch ein informatives Nachwort von Karl-Heinz Ott.

Der schmale Roman, nur knappe 100 Seiten umfassend, stammt von einer hochgebildeten Frau, die sich der Aufklärung und der Vernunft verschrieben hatte: Constance de Salm (1767 bis 1845) verfasste Gedichte und philosophische Essays, sie wurde als erste Frau in das Lycée des arts aufgenommen, sie ließ sich scheiden und heiratete einen jüngeren Mann, sie setzte sich für die Gleichberechtigung der Frauen ein, führte einen Literarischen Salon und verkehrte mit einigen geistigen Größen ihrer Zeit auf Augenhöhe. Alles in allem also eine emanzipierte Frau – und dennoch bleiben im allgemeinen literarischen Gedächtnis vor allem ihre „empfindsamen Briefe“ in Erinnerung.

Die schrieb sie gleichsam als ein Experiment, als eine Studie. In einem später entstandenen Vorwort meint sie über die Vorwürfe, die man ihr „ob des ernsten und philosophischen Tons meiner Werke machte.“

„Ich wollte also mit diesen Briefen einen erneuten Tribut an die Üblichkeit leisten und beweisen, dass die Neigung zu ernstem Werk Empfindsamkeit keineswegs ausschließt.“

Ausgelöst durch einen vermuteten Flirt ihres Geliebten mit einer Madame de* lässt eine empfindsame Frau 46 – in Worten: sechsundvierzig – Briefe aus ihrer Feder fließen. Die Eifersucht steigert sich zum leichten Wahn, als die Verfasserin während des Tages, den der Briefroman umfasst, erfährt, der vergötterte Mann habe die Nacht auf dem Lande verbracht – mit ihr, der vermeintlichen Rivalin. Am Ende löst sich zwar alles in Wohlgefallen auf und (fast) alle leben fortan glücklich und zufrieden.

Man mag den Briefroman in Zeiten von Emails, SMS, WhatsApp, etc. sowieso als hinfällig betrachten, und den Liebesbrief als altmodisches Relikt – aber dennoch bleiben die Liebe an sich und ihre Begleiterscheinungen wie Sehn- und Eifersucht, Verlangen, Irrungen und Wirrungen bestimmende Lebensantriebe und daher auch zentrale Motive in der Literatur.

In ihrem Briefroman konzentrierte sich die Adelige au eine negativen Affekt, der im Liebesreigen verheerende Auswirkungen haben kann. Schon Jago warnte Othello vergeblich vor der Vernichtungskraft dieses Gefühls: „O, beware, my lord, of jealousy; It is the green-eyed monster which doth mock the meat it feeds on;“

Constance de Salms Briefeschreiberin ist dem Auf und Ab, das sie in den 24 Stunden ihrer Unsicherheit beutelt, beinahe hilflos ausgeliefert – der Leser kann an den Briefen nachvollziehen, wie sich die Gefühlsaufwallungen steigern, von der ersten Erregung über Wut und Zorn (natürlich dennoch in wohltemperierte damenhafte Worte gegossen) bis hin zu Selbstaufgabe und Todeswunsch. So wird der schmale Roman zu einer kleinen psychologischen Studie, die sich auf einen Affekt konzentriert.

Karl-Heinz Ott merkt in seinem Nachwort an, de Salm sei einer aufklärerischen Moral, die psychologisch zu verstehen sei, verpflichtet gewesen. Auch im Sinne der Selbsterkundung: Nur, wer auch von seine dunklen Gefühlen wisse, wisse auch damit umzugehen.

„Was heißt, dass die Vernunft sich unserer Unvernunft nur ausgiebig genug widmen muss, um das Irrationale ein bisschen rationaler zu machen“, erläutert Karl-Heinz Ott. Dessen kluges, mit vielen Bezügen gespicktes Nachwort ist beinahe schon eine eigene kurze philosophische Abhandlung über den Umgang mit Affekten: „Das aber bedeutet wiederum, dass derjenige, welcher über seinen Gefühlen zu stehen meint, sich gegenüber demjenigen, der gezielt in den Abgrund blickt, als der viel Unvernünftigere erweist.“

Der Briefroman, so Ott, nicht nur als eine Form der Kultur, sondern als eine Kultur der Form: Constance de Salm nutzte ihn, um ein wildes, überbordendes Gefühl zu fassen, beinahe idealtypisch den Verlauf eines Eifersuchtsanfalls zu schildern und ihm anhand der Studie einer empfindsamen Frau eine Struktur zu geben. Dies macht das Buch auch heute noch interessant – wenn auch die Formen des Ausdrucks und der Kommunikation sich wandeln, die menschlichen Affekte bleiben sich doch gleich.

Mehr Informationen zum Buch beim Verlag:
http://www.hoffmann-und-campe.de/buch-info/24-stunden-im-leben-einer-empfindsamen-frau-buch-8156/

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Annette Pehnt: Lexikon der Angst

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Mit dem Engel hat er schon Erfahrungen gemacht, als er noch ein Kind war. Er spielte so vor sich hin, gerade mal vier oder fünf, mit dem Krempel, den seine Eltern ihm gekauft hatten, da erschien ihm ein Engel, der kein Blatt vor den Mund nahm.
Du bist, sagte der Engel mit einer erstaunlich hohen Stimme, die kaum zu seiner stattlichen äußeren Erscheinung passte, seinen wie Kupfer gegossenen Flügeln und seinen leuchtenden bodenlangen Gewand, du bist aufgerufen. (…).
Ich will, dass du von nun an den Frieden des Herrn bringst, befahl der Engel, ein Friedensstifter sollst du sein. (…).

Du wirst ja nicht mal wütend, schimpfte die Freundin, hast du gar kein Feuer in dir. Kampfgeist, schon mal gehört.
Ich kann nichts dafür, sagte er schwach, das war der Engel, aber da hörte sie schon nicht mehr zu, vier Tage später war sie ausgezogen, und beruflich ging es auch nicht bergauf, man stellte ihm im Jobcenter für die Langzeitarbeitslosen ein, die er geduldig und erfolglos betreute. So lernte er, die Engel zu fürchten.“

„Lexikon der Angst“, Annette Pehnt, 2013, Piper Verlag, 176 Seiten.

Jeder kennt sie, diese kleinen, diffusen Ängste – das Bügeleisen, das unausgeschaltet in der verlassenen Wohnung vor sich hin schmort, das Unbehagen bei einer Autobahnfahrt, das Gefühl im Magen, kurz bevor das Flugzeug abhebt. Und es gibt die großen Lebensängste: Um das eigene Kind, vor dem Tod des Partners, vor den Erscheinungen des Älterwerdens, Existenzangst.

„Angst gehört zum Menschen“, weiß auch die 1967 geborene Schriftstellerin Annette Pehnt. Doch bei manchen wird das ureigene, urmenschliche Gefühl zur Störung: „Angst essen Seele auf“. Etwa 14 Prozent der europäischen Bevölkerung leiden an einer behandlungsbedürften Angststörung, so eine Studie 2011.

Den großen wie den kleinen Ängsten widmet sich die Autorin in ihrem „Lexikon der Angst“. Ein Buchtitel, der auf den ersten Blick eher einem medizinischen Fachverlag zugeordnet scheint. Doch so, wie das Lexikalische ein Spiel bleibt, so spielerisch-virtuos geht Annette Pehnt auch mit der ganzen Skala von Angstgefühlen um, die uns Menschen umtreiben kann. Man könnte auch sagen: Schreibend hält sie die Ängste fern, verscheucht die bösen Engel.

Die Skala des Unbehagens, das sich (auch auf sprachlich) leisen Sohlen durch eines jeden Menschen Leben schleichen kann, reicht von „A“ wie „Aal“ – eine junge Frau, die Angst beim Milchtrinken empfindet, nur leise angedeutet wird ein Kindheitstrauma – von „Z“ wie „Zirpen“, das von der älteren, einsamen Frau erzählt, die vergeblich auf den Anruf ihres Sohnes wartet. Das Spiel mit der Lexikonordnung besteht also aus kleinen Kurzgeschichten, unter deren lexikalischen Angaben wie „Federschmuck“ oder „Morgenlicht“ sich Überraschendes verbirgt. Kalendergeschichten seien es auch, schrieb Ursula März in ihrer Rezension in der Zeit. Tatsächlich erinnert die klare, nüchterne Erzählweise von Annette Pehnt von ungefähr an einen anderen großen Kalendergeschichten-Erzähler: Bertolt Brecht. Dessen Geschichten von Herrn Keuner kreisen ebenso beiläufig um die „großen“ Fragen und die Alltagsthemen – hier steht Annette Pehnt in einer guten Tradition. Auf die Frage, warum sie, wie in ihren Vorgängerromanen, unter anderem „Mobbing“ und „Chronik der Nähe“, immer wieder „ungemütliche Themen“ aufgreife, antwortete sie:
„Gemütlich kann man es sich vor dem Fernseher machen. Literatur ist etwas anderes. Sie erzählt von den Rissen in unserer glänzenden Oberfläche.“

Angst sei, so sagt sie weiterhin, ein „kraftvolles Gefühl“, aus dem man erzählerisches Material schöpfen kann. Und das ist ihr mit ihrem Lexikon durchaus gelungen: Erstaunlich die Bandbreite der Ängste, Phobien, Befürchtungen, des Unbehagens, die sie hier ganz sacht aufblättert. Und dafür trotzdem kein einziges Mal in die Horrorkiste oder Klischeeschublade greifen muss – weder die cineastisch umgesetzten Ängste vor Serienmördern, Aliens und Weltuntergang sind in diesem Lexikon zu finden, noch Klaustro-, Agora- und Coulrophobie. Vielmehr handelt es sich um jene Befürchtungen, die jeden von uns treffen könnten. Ursula März in der Zeit:

„Annette Pehnt, die sich mit einer Reihe von Romanen wie Mobbing und zuletzt Chronik der Nähe aus dem Jahr 2012 als luzide Beobachterin der deutschen Gegenwartsgesellschaft und empfindsame Phänomenologin des alltagsnahen Geschehens erwies – darin dem Schriftsteller Wilhelm Genazino von fern verwandt –, begibt sich in ihrem neuen Buch auf die Spuren jener schönen, im frühen 19. Jahrhundert kultivierten, minimalistischen Prosaformen, die vom Romanehrgeiz der derzeitigen Belletristik fast verdrängt wurden: die Kurznovelle und die Kalendergeschichte. Der Gefahr, die diese Formen mit sich bringen können, die Ausdünnung im allzu putzig Skurrilen, erliegt Annette Pehnt nur an wenigen Stellen.

Keiner der Texte, die sie in diesem Lexikon der Angst zu einem losen Reigen fügt, ist länger als zwei, drei Seiten. Gerade darin aber, im Reduzierten und Beiläufigen, liegt die Pointe des Buches. Es unterläuft den wuchtigen Begriff von der Angstepoche, in der wir angeblich leben, es lässt die aktuellen und globalen Riesenängste konsequent aus. Und es überbietet den Begriff zugleich. Es zeigt, wie Ängste in die unauffälligsten Nischen des Alltagslebens einwandern, wie sie zu selbstverständlichen Begleitern werden.“

Die schönste aller dieses Geschichten ist für mich jedoch jene, die vom Zustand „vor der Angst“ erzählt: „Nichts“.

„Sie ist fünf, im besten Alter, das es gibt. Sie ist wendig, schlank wie ein Strohhalm und immer warm. Wenn sie etwas lustig findet, einen selbsterdachten Witz, den niemand sonst versteht, lacht sie hemmungslos. Ihre Augen sind klar, sie schaut jeden direkt an und zwinkert selten. Wenn man ihr ein Buch vorliest, legt sie dem Vorleser eine warme Hand auf das Bein, ohne es zu merken. Sie kann im Handumdrehen wütend werden, ein schäumender Zorn packt sie dann, und sie brüllt aus Leibeskräften, bis ihr die Haare verschwitzt in die Augen hängen, sie fegt Bücher vom Tisch oder ein volles Saftglas.“

„Sie hat vor nichts Angst, außer davor, nicht mehr fünf zu sein.“

Schön wäre es manchmal schon, man wäre noch fünf oder siebzehn und frei von den Lebenserfahrungen, die auch Angst machen können. Sie sind subsummiert unter dem letzten Lexikoneintrag „Zittern“, der auch in der erzählerischen Form eine Ausnahme bildet:

Zittern
Hungrig sein im eigenen Hause.
Stinken, ohne davon zu wissen.
Nicht mehr aufhören können zu lachen.
Das eigene Kind nicht lieben.
Sich an den Rändern auflösen.
Nichts mehr hören können.
Nichts mehr schmecken können.
Nicht mehr gehen können.
Nicht mehr singen können.
Zu viel sehen müssen.
Jemanden lieben und es niemals sagen können.
Verspeist werden.
Keinen Tanzpartner finden.
Auch beim nächsten Mal keinen Tanzpartner finden.
Ein weiches Tier zertreten.
Soldat werden müssen.
Ein Tier schlachten.
Mitten auf dem See die Ruder verlieren.
Den eigenen Bruder mit dem falschen Namen begrüßen.
Den Hund in der Tür zerquetschen.
Schweigend beim Essen sitzen.
Streitend beim Essen sitzen.
Gar nicht beim Essen sitzen.
Im Restaurant deutlich hörbar furzen müssen.
Einen Körperteil abgetrennt bekommen.
Sich beim Verwelken zusehen.
Dem eigenen Kind beim Verwelken zusehen.
Schokolade essen und Braten schmecken, Braten essen und Schokolade schmecken.
Am hellichten Tag die Augen öffnen und nichts sehen.
Zittern, einfach so.

PS: Wer Ängste kennt und nachfühlen kann, der beschäftigt sich wahrscheinlich auch mit Fragen des Schicksals, der Sterne. Jedenfalls hat Annette Pehnt die Texte zu einem wunderbaren „Sternzeichen“-Buch geschrieben, an dem auch Bloggerin Susanne Haun mitgewirkt hat. Sowohl von Bild und Wort her ein ganz besonderes Schmuckstück. Mehr darüber zu lesen gibt es hier: http://faszinationsternzeichen.wordpress.com/


Weitere Bücher von Annette Pehnt:

„Briefe an Charley“ (2015).

Eine Frau schreibt an den ehemaligen Geliebten, der sie vor Jahren verließ: Ein trauriges, trotziges, kluges Buch. Zudem eine Referenz an das Schreiben an sich. Schreibend sich der Vergangenheit versichern, Geschehnisse deuten, umdeuten, in der Schrift die Wirklichkeit überwinden, zurechtrücken. Emotionen verarbeiten. Annette Pehnt sagte zu ihrem „Briefroman“ in einem Interview: „Und deswegen ist es eigentlich auch ein Fest der Sprache und des Schreibens. Im Laufe des Buches gibt es eine Art Entwicklung. Sie löst sich zunehmend von diesem Charley. Irgendwann ist es fast schon egal, was jetzt mit dem war und was da gewesen sein könnte. Irgendwann geht es nur noch ums Schreiben. Und dann geht es irgendwann auch darum, damit wieder aufzuhören.“ (Quelle: Deutschlandradio Kultur)

Zugleich ist das Buch auch eine Verneigung vor der Lyrikerin Mayröcker. Empfehlenswert.
Zur Homepage der Autorin: http://www.annette-pehnt.de/

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Katherine Kressmann Taylor: Adressat unbekannt

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Bild von Free-Photos auf Pixabay

Lieber Max,

wie Du sehen kannst, schreibe ich auf dem Geschäftspapier meiner Bank. Dies ist notwendig, denn ich habe eine Bitte an Dich und möchte dabei die neue Zensur umgehen, die äußerst streng ist. Wir müssen für den Augenblick aufhören, uns zu schreiben. Selbst wenn ich kein offizielles Amt bekleidete, wäre es für mich unmöglich, mit einem Juden zu korrespondieren. (…) Was die strikten Maßnahmen betrifft, die Dich so mit Sorge erfüllen: Ich mochte sie zu Beginn auch nicht, doch mir ist inzwischen ihre schmerzliche Notwendigkeit klargeworden. Die jüdische Rasse ist ein Schandfleck für jede Nation, die ihr Unterschlupf gewährt. Ich habe niemals einen einzelnen Juden gehaßt – ich habe Dich immer als einen Freund geschätzt, aber Du weißt, daß ich mit aller Aufrichtigkeit spreche, wenn ich sage, daß ich Dir nicht wegen, sondern trotz Deiner Rasse gewogen war. (…).

Wie immer,
Dein Martin Schulse

1938 veröffentlichte die New Yorker Zeitschrift „Story“ die Erzählung einer bis dahin völlig unbekannten Autorin: Die ehemalige Werbetexterin Kressmann Taylor war auf einige Briefe gestoßen, die sie zu ihrer Geschichte anregten, einem fiktiven Briefwechsel zweier Männer, zunächst Freunde und Geschäftspartner, die ein dramatisches Ende nimmt. „Adressat unbekannt“ erregte großes Aufsehen, die erste Buchveröffentlichung hatte einen rasenden Absatz: Mit ihrer sprachlich ganz einfachen, aber lebendigen Shortshortstory traf Kressmann Taylor offenbar bei vielen Lesern einen „moralischen“ Nerv. Das Erstaunliche daran: Nicht nur das frühe Erscheinungsdatum 1938 (zwar war auch in den USA schon die schwierige Situation der Juden in Deutschland bekannt, wie dramatisch es stand, wurde jedoch auch dort erst nach den Pogromnächten im November 1938 öffentlich klar), sondern auch die Zeichnung der Figuren. „Der Nazi“, das ist in dieser Briefnovelle nicht das blutrünstige Monster oder der eiskalte, Monokel-tragende Todesengel, wie ihn Hollywood gerne zeichnete, sondern ein ganz „normaler“ Biedermann. Ein banaler Böser.

In nur 18 Briefen und einem Telegramm entwickelte die Autorin eine Erzählung über die Brüchigkeit von Freundschaft in finsteren Zeiten, über fehlende Loyalität, über Opportunismus und Mitläufertum, über mangelndes Mitgefühl – das ist anrührend, empörend, spannend und dramatisch.

Max Eisenstein und Martin Schulse betreiben 1932 gemeinsam eine Galerie in San Francisco. Während der Jude Max Eisenstein in den USA bleibt, kehrt Schulse mit seiner Familie nach Deutschland zurück. Nur wenige Monate später hat sich der Opportunist zum Vollblut-Nazi entwickelt, kündigt die Freundschaft auf, geht auf Distanz. Da erreicht ihn eine letzte dringende Bitte seines ehemaligen Freundes aus den USA: Er möge seiner Schwester Griselle, die noch in Deutschland ist, zur Flucht helfen – Schulse verweigert dies nicht nur, sondern liefert die Frau, mit der er einst ein Verhältnis hatte, sogar den Nazi-Schergen aus. Doch dies ist noch nicht der Höhepunkt der kleinen Briefnovelle – Kressmann Taylor gab der Geschichte nochmals eine überraschende Wende, die hier jedoch nicht verraten sein soll.

Trotz der zahllosen Leser geriet die Erzählung später in Vergessenheit – bis sie 1992 erneut in „Story“ abgedruckt und schließlich auch in mehrere Sprachen übersetzt wurde. Denn, so Story-Herausgeberin Lois Rosenthal, die Briefnovelle ist von hoher Aktualität:
„Die neonazistischen Strömungen im wiedervereinten Deutschland, das erneute Aufkeimen von antisemitischen Haltungen in Osteuropa und die zunehmende Popularität der weißen Supermatisten in den Vereinigten Staaten klangen wie ein unheimliches Echo der Vergangenheit.“

Erschienen bei Atlantik – mehr Information zum Buch hier.

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