IM LYRIKRAUM: Elke Engelhardt

Die kleine Frau schreibt

Erst muss man alles aufzeichnen,
dann kann man sich aufzeichnen durch einen Satz,
der etwas ins Fließen bringt,
was vorher feststand.

Ich bin die kleine Frau,
ich glaube an die Macht des Mondes,
an Ebbe und Flut.
Aber mehr noch an die Worte,
die alle Spuren verwischen,
sobald sie entstehen.

Aus: „Sansibar oder andere gebrochene Versprechen“ von Elke Engelhardt

Sich selbst definieren, sich selber finden mit den unzulässigen Mitteln der Sprache – das scheint mir ein Leitmotiv zu sein in diesem außergewöhnlichen Gedichtband. Eine Poesie, der die Macht der (Ent-)Täuschung innewohnt: Sätze, die so klar und nüchtern im Stil zu sein scheinen, und mit denen dennoch alle Spuren verwischt werden.
Beispielgebend dafür ist Sansibar, Protagonist im ersten Zyklus:

Es sollte ein Roman ohne Worte werden
aber voller Gedanken
Der Ehrgeiz packte mich
es schüttelte mich
Es ging mir nicht gut
Ich war kurz davor einen Satz in mein Heft zu schreiben
einen Satz der alle Worte zum Blühen gebracht hätte
und was blüht ist vergänglich

Was blüht, ist vergänglich, was gesagt ist, kann heute wahr sein und morgen ein gebrochenes Versprechen: Eine Dichterin im Ringen mit der Unzulänglichkeit, der Unzuverlässigkeit der Sprache. Ein Ringen, das funkelt, das Sätze birgt, die sich einprägen:

Der Tod, sagt meine Mutter, ist eine schnell
heilende Wunde. Die Narben, die er hinterlässt,
sind Sache der Lebenden.

So klar die Sprache von Elke Engelhardt erscheint, so viele Geheimnisse tragen Sansibar, die kleine Frau und die lyrische Stimme im dritten Zyklus, „Die Lumpen meiner Erinnerung“, mit sich herum. Man möchte mehr davon lesen, wohlwissend, dass man den Geheimnissen eines Menschen mit den Mitteln der Sprache wohl nie auf den Grund kommen wird.

Elke Engelhardt
Sansibar oder andere gebrochene Versprechen
Elif Verlag, 2020
134 Seiten, Klappenbroschur, 18,00 €
ISBN 978-3-946989-32-5

IM LYRIKRAUM: ANKE GLASMACHER

GlasmacherAm Lebensende

spult sich eine laufmasche
von der achillesferse
langsam nach oben

die alte frau spuckt
ein grunzen über die straße
hinter ihr bleibt

ein blutiges bein
das schwarze kleid wirft
kaum mehr schatten

Aus: „Ein morsches Licht“ von Anke Glasmacher

Es sind die Nachtgedanken einer Spaziergängerin, Bilder, die man beim Umherstreifen durch die Städte pflückt, Beobachtungen der Welt um uns herum. Das ist jedoch nicht in Hochglanz verpackt, sondern in gedämpften Farben beschrieben. Die Bilder erinnern an alte schwarzweiß Fotografien, Licht und Schatten, Nachtgewächse.

„Geisterstunde“ ist ein Kapitel überschrieben, und das ist trefflich: Da sind die Gezeiten ein wechselhafter Tod, die „morsches Licht“ über das Kind auf der Sandbank schütten, während die „eichenschwere“ Zeit nur langsam kriecht. Selbst die Leichtigkeit eines Sonnentages offenbart ihre Schattenseiten.

Stadt, Land, Fluss: Die Lyrikerin, die bereits mehrere Bände im Elif Verlag veröffentlichte, nimmt mit diesem Band die Leserinnen und Leser mit auf ihre Streifzüge durch Landschaften und Städte. Die Beobachtungen dabei: Leise, melancholisch, unerbittlich. Ein besonderes Kapitel ist der letzte Abschnitt, „An einem Freitag“, überschrieben: Ein Totentanz im November, gespickt mit eindringlichen Bildern.

Informationen zum Buch:

Anke Glasmacher
Ein morsches Licht
Elif Verlag 2020
Klappenbroschur mit Fadenheftung, 104 Seiten, 18,00 €
ISBN 978-3-946989-27-1

Die Schriftstellerin betreibt auch eine eigene Homepage: https://www.ankeglasmacher.com/


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Ragnar Helgi Ólafsson: Handbuch des Erinnerns und Vergessens

„Worte in Form zu binden, bewahrt die Erinnerung an etwas, das wusste man in früheren Zeiten, als man sich Dinge noch merken konnte – bevor alles aufgeschrieben wurde. Platon wusste das natürlich. Und er glaubte auch, dass die neueste Technik und Wissenschaft der Antike (die Schriftsprache) ein unmittelbarer Anschlag auf das Gedächtnis der Menschen sei. Er traute dem Alphabet nicht, war ihm gegenüber mehr als skeptisch, schrieb darüber (in öffentlicher Rede!), wie das Schreiben Vergesslichkeit verursacht; ich habe es immer gut gefunden, dass er ausgerechnet darüber geschrieben hat.“

Ragnar Helgi Ólafsson, „Handbuch des Erinnerns und Vergessens“

Es ist ein tückisches Ding mit dem menschlichen Gehirn. Der eine glaubt nur das, was geschrieben steht. Ein anderer befürchtet, er könne seinem Gedächtnis nicht mehr trauen. Und dann gibt wiederum jemand den Rat: „Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist.“ Was beinahe zynisch klingt, wenn man an die Volkskrankheit denkt, die jeden von uns am Ende seiner Tage treffen könnte: Denn es ist der Nebel des Vergessens, der mit einer Demenz eintritt, das langsame Sterben des Gehirns.

„Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können“ gibt nun jedoch der isländische Schriftsteller-Philosoph Ragnar Helgi Ólafsson ein „Handbuch des Erinnerns und Vergessens“ mit. Wie bereits in seinem Gedichtband, macht sich Ólafsson auch in diesen Prosatexten nicht zum „Laufburschen für die Wirklichkeit“, sondern treibt mit seinen Lesern ein doppelbödiges-schalkhaftes Spiel. Subtext der zwölf Erzählungen: Unseren Erinnerungen ist im Grunde nicht zu glauben, man ist meist nicht einmal der „Dramaturg des täglichen Lebens“, des eigenen Lebens, wie es in einer der überwiegend surrealen gehaltenen Geschichten heißt.

„Merkwürdig, wie es mit den Erinnerungen ist, je mehr Zeit vergeht, desto mehr fangen sie an, die Eigenschaften von Träumen anzunehmen – so dass man im Laufe der Jahre Traum und Erinnerung kaum noch auseinanderhalten kann. Zumal ein Traum, nachdem man ihn geträumt hat, natürlich auch nur eine Erinnerung ist. Vielleicht sind daher diese Ähnlichkeiten gar nicht so erstaunlich. Wahrscheinlich ist letztlich alles eine Erinnerung.“

Dieses intellektuelle Spiel mit den Fallen und Fehltritten der eigenen Wahrnehmung, der menschlichen Lust an Selbsttäuschung und den Grenzen unser Erkenntnisfähigkeit, ja, auch der Unmöglichkeit von Objektivität wird in allen diesen Erzählungen durchdekliniert. Mal surreal-fantastisch wie in „Funes der Jüngere“, eine Erzählung, die ganz bewusst an Jorge Luis Borges erinnert und an dessen Arbeitsort, der argentinischen Nationalbibliothek ihren Ausgang nimmt. Oder wie in „Ragnar, seine Freunde und ich“, meine Lieblingsstory in diesem Band, der Autor, eingepfercht in einen klapperigen Fiat Uno, gemeinsam mit einer übelgelaunten Eule und einem meckernden Satyr. Diese beiden Beispiele stehen für den intellektuellen Witz und Humor, mit dem Ólafsson Erinnerungen betrachtet.

Zentral platziert und damit der Kern dieses Handbuches, gibt die längste Geschichte jedoch ganz „Praktische Ratschläge fürs Erinnern und Vergessen“. Untertitel: „oder die Ruinenwerttheorie“. Es ist der Brief eines Mannes an eine ehemalige Geliebte, die vorschlägt, die getauschten Briefe zu vernichten, zu verbrennen. Ist es so, dass damit das einmal geschriebene, gesagte, gedachte Wort auch aus der Welt verschwindet? Kann man mit verbannten Gegenständen und verbrannten Briefen auch die Erinnerung löschen?

Und was ist Vergessen? Gnade oder Kontrollverlust?

„Es hat etwas Furchteinflößendes, Gott um Hilfe zu bitten, dass man etwas vergisst – nicht nur, weil es dann unwiderruflich verschwände – sondern weil derjenige, der auf sein Gedächtnis verzichtet, damit zugleich auf alle Möglichkeiten verzichtet, die Kontrolle über sein eigenes Leben zu behalten (Anmerkung meinerseits: Und es damit den Dramaturgen zu übergeben). Ist es nicht so? Man kann es sich nicht aussuchen, was man vergisst. Es ist unmöglich, systematisch zu vergessen … man vergisst alles gleich: Das, was einen glücklich macht, das, was einen traurig macht, was einem von Nachteil ist und was einem nützt. Aber es ist natürlich auch denkbar, dass genau dieses Sicherinnern die Wurzel allen menschlichen Übels ist.“

Ein unauflösbarer Konflikt scheinbar – doch trotz eines leichten Untertons der Melancholie ist dieses Handbuch im Grunde ein sanftes Plädoyer dafür, sich einfach auch seinen Erinnerungen, seinen Tagträumen, seinen Nachtgedanken, sich also schlicht und einfach dem Leben zu überlassen. Das kann auch auf dem Anhänger eines Traktors geschehen, auf dem man liegend durch die Landschaft gerumpelt wird:

„Die Wolken ziehen in vollkommen gleichmäßiger Geschwindigkeit über dich hinweg. Da du liegst, schaust du direkt nach oben, fühlst das Zittern des Motors im Rücken und liest mit dem ganzen Körper die Schlaglöcher auf dem Weg. Die Wolken ziehen am Himmel vorbei und du den Weg entlang … und du vergisst, daran zu denken. Du bist in diesem Augenblick da, ganz ohne es zu merken. Bist einfach da, auf dem Boden des Anhängers, in der Welt, unter dem Himmel – ganz ruhig und doch nicht regungslos. Und merkst es gar nicht.“

Die Einschätzung von Elke Engelhart bei „Fixpoetry“ kann ich nur teilen:

„Ólafssons lustvolles Spiel mit Wissen und Zusammenhängen, und wie das fehlende bzw. vorhandene Wissen den Blick auf das, was geschieht, verändert, erzeugt Kippbilder, die von Dichtern und Figuren der Literatur belebt werden. Das „Handbuch des Erinnerns und Vergessens“ lässt sich gleichermaßen von Träumen wie von philosophischen Gedankenspielen inspirieren. So entstehen Geschichten, die sowohl als gute Unterhaltung wie auch als intellektuelles Spiel überzeugen.“

Nicht vergessen werden sollten auch die beiden Übersetzer Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer, die bereits Ólafssons Gedichtband wunderbar ins Deutsche übertragen haben.

Informationen zum Buch:

Ragnar Helgi Ólafsson
Handbuch des Erinnerns und Vergessens
Elif Verlag, 2020
Hardcover mit Schutzumschlag, 198 Seiten, 22,00 Euro
ISBN 978-3-946989-26-4


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IM LYRIKRAUM: Agnieszka Lessmann

LessmannMutter Sprache

Jetzt, nach ihrem Tod schreiben:
Schritte barfuß auf rissigem Boden
an den Rändern der Schollen
bröckelt der Staub
Es erscheint ein einziges Wort:
DURST

Agnieszka Lessmann, „Fluchtzustand“.

Jedes einzelne Gedicht in diesem ganz aktuell erschienenen Band ist ein Stolperstein, ein Denkanstoß. „Fluchtzustand“: Ein Zustand, so wird es an einzelnen Poemen deutlich, den die Autorin aus eigenem Erleben kennt, das dringt aus Gedichten wie „Zimmer hier“ und „Erinnerung an Wien, 11. November 1968“ hervor, die sich mit Vergangenheit und Herkunft auseinandersetzen.

Aber im „Fluchtzustand“ zu sein, das ist auch die Situation der Menschen, mit denen die Kulturjournalistin und Hörbuchautorin Agnieszka Lessmann in ihrer Arbeit als Dozentin bei Integrationskursen zu tun hat.

Für die vielen Facetten dessen, was Heimatverlust bedeutet, was die Unsicherheit des Ankommens in einer fremden Welt heißt, wie der Bruch zwischen Vergangenheit und ungewisser Zukunft vonstatten geht, für diese Facetten findet und nutzt Lessmann in ihrem ersten Gedichtband verschiedene Formen: Mal in kürzester Verdichtung wie in „Mutter Sprache“, mal in fast balladenhafter Langform, mal lautmalerisch, mal direkt und mitten ins Mark.

Und mit Bildern, die sich einprägen. So ein Auszug aus dem anrührenden Gedicht „Wie man sein Haus verlässt“, das Fluchtzustände aus drei Ländern und drei Generationen zusammenführt:

ragen die Skelette der
Häuser von Aleppo
in grauen Himmel
wo der Alp und die Zitronen
fallen aschen in
den Sand.

Agnieszka Lessmann wurde in Polen geboren und wuchs in Israel und Deutschland auf. Mehr Informationen zur Autorin finden sich unter www.agnieszkalessmann.de

Die Autorin liest zudem aus ihrem Band bei den Kölner Literaturclips.

Informationen zum Buch:
Agnieszka Lessmann
Fluchtzustand
Elif Verlag 2020
Klappenbroschur mit Fadenheftung, 100 Seiten, 18,00 Euro
ISBN 978-3-946989-28-8

Ein Interview mit der Autorin findet sich auf dem Blog Bücheratlas.

 

 

 

Vorhang auf für „Cinema“

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Bild von StockSnap auf Pixabay

„Im Kino gewesen. Geweint.“

Lange, lange ist es her, dass Franz Kafka diese Worte in sein Tagebuch schrieb. Das Kino war für ich, wie Hanns Zischler in dem wunderbaren Band „Kafka geht ins Kino“ schreibt, ein Fluchtpunkt. Das Kino: Ein Sehnsuchtsort. Einsam sein zu können, ohne sich einsam zu fühlen, im Dunkeln für zwei Stunden in fremde Welten versinken, eine Eintrittskarte raus aus der Realität. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal im Kino geweint habe, es muss beim „englischen Patienten“ gewesen sein. Das Kino hat für mich viel von seiner Magie verloren, die großen „Filmpaläste“ der heutigen Zeit scheue ich wie der Teufel das Weihwasser. All die Popcornschmatzer, Gummibärchentütenraschler, Handylichterwinker, Colarülpser, Dauerquassler, sie nerven mich unendlich. Am liebsten hätte ich wohl das Kino für mich allein.

Ein wenig davon, wie das war, als man in die Programmkinos seiner Stadt schlurfte, sich gespannt in den Kinosessel lümmelte, als mit dem Vorspann die Stimmen verstummten und jeder auf die Leinwand starrte, etwas von diesem speziellen Kinogefühl bringt eine Lyrikanthologie der beiden nimmermüden Herausgeber Dinçer Güçyeter und Wolfgang Schiffer zurück. Ein Eindruck, den wohl auch Bettina Baltschev vom Deutschlandfunk hatte:

Dass das Nachdenken über Film bei so manchem Dichter, und wahrscheinlich auch bei so manchem Leser, nostalgische Gefühle auslöst, verwundert nicht. Erinnerungen an Nachmittagsfilme, an Spätfilme, an Technicolor oder an die letzte Reihe im Vorstadtkino erzählen von einer verschwundenen Welt. Eine Welt, die einige jüngere Dichterinnen und Dichter wohl nur noch vom Hörensagen kennen, weshalb sie sich gleich neueren Formaten widmen, Serienhits wie „True Detective“, „Mad Men“ und „Monk“.

64 Lyrikerinnen und Lyriker nähern sich in „CINEMA“ auf ihre ganz eigene Weise der Kunstform des Films. Das ist formal wie inhaltlich weitgefasst und spannend – die Gedichte reichen vom Lang- und Prosagedicht bis hin zum gereimten Kurzzeiler. Das offene Format – eingeladen wurden zeitgenössische Dichterinnen und Dichter, sich frei assoziierend mit ihren Texten zu beteiligen – ermöglicht auch inhaltlich eine große Spannbreite:

„Die hier Vorgestellten jedoch haben mit ihren bis auf wenige Ausnahmen unveröffentlichten Texten von der kurzen Notiz über die lange Kindheitserinnerung bis zur literarischen Sinfonie, mit ihren lyrischen Antworten auf Kur- und Dokumentarfilme, auf Pornos und Hochglanz-Kino, auf TV-Serien, den Fernseh-Tatort, den Amateurstreifen und das 3D-Dolby-Surround-Spektakel, auf Western, Liebesfilme und Krimidramen, sie haben CINEMA in der Summe eine Hommage geschrieben, deren poetische Stimmen so vielfältig sind und eindringlich werden können wie die bewegten Bilder, die sie – wer weiß, vor wie langer Zeit bereits – auf den Weg gebracht haben.“

Diese Vielfalt macht diesen Kinogang zu einem echten Überraschungsei. Da erinnert sich Jörg Sundermeier, Verleger des „Verbrecher Verlags“ an den Tupfenrock seiner Mutter:

Tupfenrock,
Bunt
Wie ein Heimatfilm.

und Silke Vogten, die „angepisst“ am Flughafen von Helsinki sitzt, „wo ich unfreiwillig gelandet bin“, ist plötzlich mit sich und der Welt versöhnt, weil:

„ich sehe in Wolken die vorüberziehen
und dann denke ich an Aki Kaurismäki
an einen schwarzen Hund so
unvergesslich im Leben der Bohème

und bin von 0 auf 100 mit allem versöhnt.“

Diese biographischen Texte zeigen, wie sehr das Kino, der Film in unseren Alltag, in unser Denken und unsere Auffassungen von der Welt hineingreift, der Film vielleicht als präsenteste und prägendste Kunstform. Sie zeigen aber auch die enge Verknüpfung von Film und Lyrik: Sofort hat man beim Lesen die bunten Tupfenröcke vor Augen, sofort sieht man den schwarzen Hund – Lyrik vermag Bilder in uns wachzurufen, die einen eigenen, inneren Film in Gang setzen.

Neben bereits sehr bekannten Namen aus der zeitgenössischen Lyrik wie beispielsweise Kerstin Becker, Nora Gomringer und Ulrike Almut Sandig, deren Langgedicht „Gesänge des Funkturms“ (das vom 1927 entstandenen Film „Berlin – Sinfonie einer Großstadt“ inspiriert ist) allein schon den Kauf dieser Anthologie für jeden Lyrikleser und Kinogänger nötig macht, ist „CINEMA“ auch ein „Who is who“ der zeitgenössischen Lyrikszene, die im Literaturbetrieb eben meist nur eine Nebenrolle spielt.

Wer in diesem Film sonst noch seinen Auftritt hat, ist auf der Homepage des Verlags zu finden. Ich habe mich sehr gefreut, auch auf Gedichte von Marina Büttner zu stoßen – offenbar teilen wir unseren Filmgeschmack. Die Blogbetreiberin des feinen Blogs „Literatur leuchtet“ hat ein Hommage-Trio, eng an den Filmen bleibend, für die Anthologie geschrieben. Ihre Verbeugung vor dem wunderbaren Film „Die Poetin“ über Elizabeth Bishop ist ein kleines Kunstwerk:

the art of losing isn`t hard to master
so nebenbei: vergiß mich

und halte eine hand und lass
mich. der abstand
– versatzpfand –
zu dir fällt in den bereich
des unausweichlichen
des alltäglichen vergehens und vergessens.“

In ihrer ansonsten wohlmeinenden Kritik bezeichnet Bettina Baltschev „die sicher gut gemeinte Offenheit für alle denkbaren Themen und Formen“ als „Geburtsfehler“ der Anthologie, sie führe „zu einer gewissen Beliebigkeit“. Ich empfinde dieses anders: Für mich ist „CINEMA“ wie ein Gang ins Kino – man ahnt, was einen erwartet, und wird dennoch von Szene zu Szene neu überrascht.


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Linda Vilhjálmsdóttir: Freiheit

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Bild von Free-Photos auf Pixabay

wir haben die freiheit vervielfacht
uns selbst lebendig zu begraben

auf der hauswiese
daheim

Linda Vilhjálmsdóttir, „Freiheit“, aus dem Isländischen übertragen von Jón Thor Gíslason und  Wolfgang Schiffer, Elif Verlag, 2018

Was mich am meisten erstaunt und erschüttert an der derzeitigen politischen Lage ist, wie wenig vielen Menschen doch Freiheit als ein Wert zählt, den es zu erhalten und zu verteidigen gilt. Die Bilder aus Chemnitz brachten mich nicht nur wegen des blanken Hasses, der aus vielen Gesichtern, Gesten und Worten sprach, aus der Fassung. Sondern auch, weil so viele offenbar bereit sind, Rattenfängern hinterherzulaufen, die, gäbe man ihnen die Möglichkeit, alle unseren Freiheiten beschränken oder sogar vernichten würden: Die Pressefreiheit, die Freiheit der Gedanken, der Meinungen und Haltungen, die persönliche Freiheit.

Jetzt, da in Europa im Grunde eine gesellschaftliche Blütezeit herrschen könnte, da die Wirtschaft boomt und die letzten „eisernen“ politischen Systeme gekippt sind, scheint sich das Rad rückwärts zu drehen. Der Faschismus hebt überall sein schmutziges Haupt – weil er Menschen anspricht, die sich ausgeschlossen fühlen, denen täglich suggeriert wird, „Sicherheit und Ordnung“ seien gefährdet, die offenbar vor allem mit einem nicht zurechtkommen: Mit der Freiheit, die wir ergreifen könnten, wenn wir es nur wollten.

Und da bricht nach Jahren eine Isländerin die Zeit ihres literarischen Schweigens und legt einen schmalen Band vor, der auf mehreren Ebenen voller Wucht ist: Der Gedichtband „Freiheit“ von  Linda Vilhjálmsdóttir erhielt bereits nach seinem Erscheinen 2015 mehrere Literaturpreise. Wenig verwunderlich: Treffen diese auf den ersten Blick beinahe nüchternen Zeilen, die bar sind von jeder blumigen Metaphorik, mitten ins Mark. Wer jedoch meint, Lyrik könne nicht politisch sein, ohne in den Ton von Alltagsrhetorik oder plumper Agitation abzugleiten, der wird mit diesem schmalen Buch eines Besseren belehrt. Die sachliche, ruhige, ja fast karge Wortwahl ist jedoch eingebettet in ineinander verwobene Assoziationsketten, in bewusst gesetzte Wiederholungen, die zeigen, wie bewusst gewählt jedes Wort für sich ist, wie gut gedacht und kunstvoll gesetzt die einzelnen Sentenzen sind.

Einem einführenden Teil, der sich dem Elementaren widmet –

zwischen
himmel und erde
ist alles

wie es geschrieben steht

– folgen drei thematisch ins sich geschlossene Zyklen, die sich dem Alltagsleben, den Eindrücken einer Reise nach Israel und Palästina und der isländischen Situation nach der Finanzkrise, die das Land erschütterte, widmen. Im Grunde jedoch kreist alles um die eine Metaebene, um den Begriff der Freiheit. Die Lyrikerin setzt sich mit der selbstgewählten Konformität unserer Leben auseinander, sie geht den Zwängen religiöser und politischer Regeln auf die Spur, sie zeigt auf, wie sehr wir unsere Freiheit in der Freiheit des Konsums erschöpfen.

Manches muss man sich erschließen, manches ist gerade heraus formuliert:

ihm gefiel das thema meiner freundin
über den krieg der ständig in unseren köpfen wütet

hielt aber nicht viel von meinem freiheitsstoff
meinte freiheit an sich sei uninteressant

es spiele keine rolle ob die menschen frei seien
solange sie mit der freiheit nicht umgehen können

Man könnte meinen, um unsere Befähigung zur Freiheit sei es schlecht bestellt. Doch solange es Dichterinnen wie Linda Vilhjálmsdóttir gibt, die mit dem literarischen Finger sozusagen auf die Wunden zeigen, ist es mir wiederum nicht allzu bange. Schreiben, dichten, lesen: Das sind Akte der Freiheit. Nur dort werden sie unterdrückt, wo die politische Freiheit schon beendet ist.

Die Übertragung von „Freiheit“ ist einmal mehr eine Gemeinschaftsarbeit von Jón Thor Gíslason und  Wolfgang Schiffer, die bereits diesen beeindruckenden Gedichtband aus dem Isländischen übersetzt haben: „Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht wiederfinden können“.
Bei Wolfgang Schiffer kann man zudem mehr über Linda Vilhjálmsdóttir erfahren:
https://wolfgangschiffer.wordpress.com/2018/03/28/europaeischer-dichter-der-freiheit/
Beide Gedichtbände erschienen im Elif Verlag, Verleger, Autor und Lyriker Dinçer Güçyeter hat einmal mehr eine passende Gestaltung für das Buch gefunden – ein Fenster zur Freiheit.

überglücklich
für einen augenblick
mit der korrigierten schuldenlage
der stabilität der wiedergeburt der hochhäuser
der ausgeglichenheit des staatshaushalts mit all den weltrekorden
und der erlösung der überlegenen

überglücklich und geschmeichelt
und nicht gewillt auch nur einen tag mit heiliger ruhe zu vergeuden

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Dinçer Güçyeter: Aus Glut geschnitzt

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Bild: (c) Michael Flötotto

Liebste!
werden wir es wagen
barfuß zu laufen
über dieses Feuer

Schon der Titel dieses Buches lässt die Leidenschaft erahnen, aus denen diese Verse geschmiedet sind. Es sprühen die Funken in diesen Zeilen: „Aus Glut geschnitzt“ hat Dinçer Güçyeter seinen inzwischen dritten Gedichtband genannt. Sie sind ganz offenbar einem Herzen und Hirn entsprungen, das glüht, das brennt, das sich manchmal auch verbrennt:

Auf einem trockenen Kastanienzweig
hat mich der Morgenwind vergessen
mein aufgebraustes Dichterherz
bleibt die Brücke über alle Flüssen

Nicht mehr/weniger als diese Gedichte – das stellt Dinçer Güçyeter als denkbar knappste Selbstvorstellung auf dem Buchumschlag seinem Portraitfoto zur Seite. Was auch sagen will: Hier, in diesen Zeilen, steckt mein ganzes Ich, mit Herzblut geschrieben, aus Glut geschnitzt.

Es ist keine sachlich-nüchterne Lyrik, sondern Poesie – manchmal zart, manchmal brachial, manchmal verletzlich und gewalttätig zugleich. Und natürlich drehen sich viele der Verse um eine der elementarsten, wenn nicht gar die elementarste menschliche Leidenschaft: Die Liebe.

welche Erinnerung ich auch aufschlage
deine zitternde Handschrift flickt die Gegenwart
die Sonne küsst meine Brust
mit aufgerissenen Lippen

Mag sein, dass diese Zeilen an eine Geliebte gerichtet sind. Es mag aber auch sein, sie sind eine Widmung an die Mutter, den Vater. Denn Güçyeter wechselt immer wieder die Sichtweise, die Perspektive, den Adressaten in diesem Gedichtband, der vor allem auch eine Reminiszenz an das verlorene Paradies der Kindheit ist. Beeindruckend der Tonfall im Gedichtreigen „Konzert für Kinder und Nächte“, anrührend die Erinnerungen „an den Jungen, den Jungen mit der grünen Strickjacke“ – der Junge, in Deutschland geboren, der hier selbst zum Vater wird, in diese Kultur hineinwächst und dennoch den Samen der anderen Kultur mit den Eltern eingepflanzt bekam. Diese doppelte Prägung machen auch die Faszination der Gedichte aus: Da hat einer keine Scheu, fast schon ornamentale Sprachgewinde zu knüpfen, da pocht das Erbe der Märchenerzähler an die Tür, das dann wiederum durchbrochen wird durch alltägliche Szenerien, durch ein ganz und gar prosaisches Bild.

der verirrte Pfau klopft in der Morgendämmerung ans Fenster
jeder weiß: eine Brotdose kostet hier 3 Überstunden
aber dafür …

Dinçer Güçyeter, der 1979 in Nettetal zur Welt kam, hat anatolische Wurzeln: Seine Eltern kamen als Arbeitsmigranten nach Deutschland. Ihnen hat der Dichter mit diesem Band ein Denkmal gesetzt – voller Liebe für die Mutter, voller Respekt, wie sie ihr hartes Arbeitsleben bewältigte. Im Ringen und in der Abgrenzung, aber auch mit Hingabe an den Vater, der in manchen Bildern fremd und distanziert erscheint.

keiner will es glauben, aber…
der Tod eines Vaters ist die zweite Geburt des Sohnes

Und so rührt es auch sehr an, wenn der Schreibende seinem eigenen Sohn etwas auf den Weg mitgibt:

höre auf deinen Papa: sei ein Schmetterling, finde die Blütenlichter
nimm nicht den gleichen Weg, aber höre auf den verlorenen Dichter
(…)
warte nicht auf bessere Zeiten, nie auf das milde Wetter
springe auf den Schlitten, spalte den Schneesturm
ruhe nie im süßen Apfel, die Messer sind scharf

„Sei Schnitt, sei Schlitz, sei Wunde“: Die Verse von Dinçer Güçyeter sind dies. Viel Anerkennung bekam dieser auch optisch augenfällige und außergewöhnliche Gedichtband von Gerrit Wurstmann bei Signaturen:

„Hör zu“, fordert uns der Dichter auf, und was er zu erzählen hat, ist oft erschütternd. Seine Verse sind ein Brennglas auf die Untiefen der Realität; das Schöne findet sich nur als Wunsch, Fantasie, Erinnerung, hier und da blitzt oder glüht es auf zwischen all den Schrecken von Flucht, Ausbeutung und Gewalt, denen als Kontrapunkt die unschuldige Naivität des kindlichen Blicks entgegengesetzt wird.

Es wäre schön, wenn der Dichter noch viele Zuhörer fände: Denn auch wenn man die Lyrik von Dinçer Güçyeter nicht auf diesen einen Kern reduzieren kann, so ist sie doch auch ein Zeugnis jener Ausdrucksform, jener Sprache, die erst zwischen dem Zusammenkommen zweier Kulturen wächst und uns bereichern kann. Immer wieder fühlte ich mich beim Lesen an den berühmten Satz von Max Frisch erinnert: „Wir riefen Arbeitskräfte und es kamen Menschen.“

Menschen, die ein großes Stück ihrer alten Heimat, ihrer Kultur, ihrer Tradition mitbringen und wie in einem Granatapfelkern verschlossen ihren Kindern einpflanzen – und daraus entsteht eine wunderbare Sprache, die beide Welten in sich vereint.

Nicht unerwähnt darf bleiben, dass das Buch auch optisch ein Schmuckstück ist. So wird auf dem „Rosinante Literaturblog“ geschwärmt:

„Überhaupt hat man das Gefühl in einem Märchenbuch zu blättern. Das ist auch der phantastischen Bebilderung dieses farbenprächtigen Bandes geschuldet. Kunstvolle Collagen, Fotos von Yavuz Arslan und Ornamente auf türkisem Grund inszenieren das Zusammenfließen der Magie geträumter Möglichkeiten und den Gesichtern des Alltags in ganz herausragender Weise. Aber sie hüten sich davor zu erschrecken.“

D`accord!

„Aus Glut geschnitzt“ ist im Elif Verlag erschienen – Dinçer Güçyeters eigener Verlag, der einige bemerkenswerte Gedichtbände in seinem Programm hat.

http://elifverlag.de/produkt/aus-glut-geschnitzt/

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Ragnar Helgi Ólafsson: Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können

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Bild von David Mark auf Pixabay

Über mein Leben gilt das Gleiche wie über archäologische Funde in Island: Mehr als 95 % der Altertümer sind noch unter der Erde und unerforscht.

Zitat aus: „Einzigartige Silberschätze, endlose Überschenkelknochen“

Wie vieles in diesen Liedern und Texten ist auch dieser Satz von den einzigartigen Silberschätzen bestimmt von einem melancholischen Grundton: Ein wenig surreal, geprägt von der kalten „Realität, mit der wir, das heißt ich, leben müssen.“ Und dennoch birgt auch diese „Dichtersprache“ Wärmendes und Tröstliches, vermag sie doch die Stille zu durchbrechen:

„Es ist nicht so schwierig, wie es klingen mag.“

Die Stimme, die die Stille – ruhig und sacht wie ein Wollfaden an einem Kristallglas – zum Klingen bringt, stammt von Ragnar Helgi Ólafsson. Und man wünscht sich, das heißt, ich wünsche mir, dass nicht erst die Archäologen in ferner Zukunft weitere Texte des isländischen Schriftstellers, Regisseurs, bildenden Künstlers und Philosophen ausgraben werden.

„Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können“ ist der erste Lyrikband Ólafssons, der nach seinem Erscheinen 2015 mit dem renommierten Tómas-Guðmundsson- Poesie-Preis der Stadt Reykjavík ausgezeichnet wurde. Wolfgang Schiffer und Jón Thor Gíslason sind bereits ein eingespieltes Team bei Übertragungen isländischer Literatur in das Deutsche. Ihrem Engagement ist es zu verdanken, dass nun auch dem deutschsprachigen Publikum die Texte dieses ungewöhnlichen Schriftstellers zugänglich sind.

Ungewöhnlich allein schon die formale Ebene: Kein klassischer Zeilenfall, keine durchgängigen Rhythmen, keine durchgängige optische Erkennbarkeit und Anordnung der Texte als „Gedicht“. Gedichte, Textvignetten, liedähnliche Passagen wechseln sich ab, changierend in der Form und im Grundton – tag- und nachtträumerisch, surreal, konkret, mal melancholisch, mal voller leisem Humor. Bereits im Untertitel wird relativiert – um „Lieder und Texte“ soll es sich handeln. Und ein dem Buch vorangestelltes Zitat von Ryokan Taigu führt weiter auf den Pfad des Verständnisses dieser Textexperimente:

„Wer sagt, dass meine Gedichte Gedichte seien?
Meine Gedichte sind gar keine Gedichte.
Wenn du verstanden hast,
dass meine Gedichte keine Gedichte sind,
dann können wir uns hinsetzen und
über Dichtung sprechen.“

Die Gedichte, die keine Gedichte sind, sie sind: Das Leben. Das Leben in allen Facetten, in dem „nur kurz etwas bezüglich Kleidung“ (der geliebten Frau) ebenso berührt wird wie das Trübsalgesetz oder auch Magisterexamen. Die Titel täuschen jedoch über den Gehalt der Nicht-Gedichte hinweg – kein Fall von angewandter, konkreter Poesie, der hier zu erwarten ist. Vielmehr Zeilen, die zum Teil an surreale Traumfragmente erinnern, an schlafwandlerisches Erleben und Finden:

Ein Mann, der sucht
(Die Morgendämmerung bricht an)

Ich habe aufgehört zu suchen.
Treibe den Gedanken von mir weg.

Und gehe weiter in den Traum hinein.

Es ist, als ob der Dichter ein kleines Fenster zu seinem Innenleben – oder vielmehr Innendenken – öffnet, um dann sofort die Spuren wieder zu verwischen, auf neue Wege abzulenken:

„Ich werde mich nicht dazu äußern, ob ich
ein komplexes oder ein einfaches Ding bin. Es geht hier
einfach um zu sensible Informationen.“

Nicht zuletzt ist es auch dieser feine Schalk, der die Lektüre für all jene, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können, zu einem tröstlichen Genuss macht. Das Leben besteht aus einer ständigen Abfolge von Widersprüchen. Und nicht jeder bekommt, um darin zu bestehen ohne Angst, einen Kyniker an den Knöchel gebunden. Dem bleibt zum Trost und als Akt des Widerstands jedoch die Dichtung:

Nicht in der Arbeitsbeschreibung
oder: Stellungnahme (mit Wut)

Die Wirklichkeit hat angerufen, sie habe genug
von den poetischen Eingriffen des Dichters in ihre
Existenz.

Die trotzige Antwort des Dichters, sie lautet:

Ich mache mich verdammt noch mal doch
nicht zum Laufburschen für die Wirklichkeit.

Wolfgang Schiffer habe ich nicht nur die Entdeckung dieses auch optisch so ansprechenden (Nicht-) Gedichtbandes zu verdanken – der mir in der Versponnenheit seiner Texte auch persönlich einfach sehr zusagt – , sondern auch die des „Elif Verlages“, der das Buch herausbrachte. Im aktuellen Verlagsprogramm ist nochmals ein zweisprachiger Gedichtband zu finden, der eine Empfehlung wert ist: „Vielleicht lautlos“ von Gonca Özmen. Sinnlich, leidenschaftlich, bildreich, kraftvoll:

„Es war dein Mund,
er nahm ungeborene Verse und ließ sie liegen.“

Schön, dass dieser Verlag es wagt, Verse nicht nur nicht liegen zu lassen, sondern der Lyrik ihren Raum zu geben:

http://elifverlag.de/

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