Dagrun Hintze: Einvernehmlicher Sex

„Auf der Mitte des Lebens kann Liebe
verdammt beunruhigend sein
aber auf der Mitte des Lebens
gelang es mir jetzt
mit Hilfe des Stadtplans zurückzukehren
an den Platz auf dem ich sitzen wollte
allein“

Dagrun Hintze, Auszug aus „Pfirsiche kaufen“.

In und auf der Mitte des Lebens hat eine Frau idealerweise schon einige Variationen der Liebe hinter sich, Erfahrungen gesammelt, Dramen erlebt, Enttäuschungen überstanden, Hoffnung geschöpft, den Zauber des Anfangs und die Magie des Bleibens erfahren – von all dem erzählt die 1971 in Lübeck geborene Schriftstellerin Dagrun Hintze in ihrem neuesten Gedichtband „Einvernehmlicher Sex“.  Einigen Lesern des Blogs dürfte sie noch durch ihre Fußballgeschichten unter dem Titel „Ballbesitz“ in Erinnerung sein – und wer so unterhaltsam und treffend über Fußball schreiben kann, der kann das auch über weitere wichtige Nebensächlichkeiten des Lebens: Liebe, Sex, Erotik.

„Ich hatte in meinem ganzen Leben
noch nie einen One-Night-Stand hinbekommen
auch wenn jede zweite Frauenzeitschrift
behauptet dass man das vor Dreißig
geschafft haben muss“

… heißt es im titelgebenden Gedicht „Einvernehmlicher Sex“. Ob es der Erzählerin mit 40 gelingt (oder eben auch nicht), sei an dieser Stelle nicht verraten. Aber schon die wenigen Zeilen machen deutlich: Mit der Autorin könnte man einen herrlichen Frauenabend verbringen, bei ein paar Glas Wein kichernd und lachend die eigenen Liebespleiten austauschen. Es sind Geschichten vom ersten Petting, damals, mit fünfzehn, mit dem Sohn eines Müslifabrikanten über die Begegnung mit einem Tschechen, den frau gerne 20 Jahre früher kennengelernt hätte bis hin zum veritablen Liebeskummer, der unvermittelt über einen hereinbricht, weil sieben Jahre nach der misslungenen Liebesgeschichte plötzlich Brian Ferry im Taxi erklingt. Love is the Drug.

In 38 Prosagedichten erzählt Dagrun Hintze vom Liebesleben einer modernen Frau: Mal heiter, mal lakonisch, mal wehmütig, mal überschwänglich. In Szenen, die man selber kennt, von Gefühlen, die man nachvollziehen kann. Und hier trifft es der Text des Verlags, der behauptet: „Man begleitet die Erzählerin durch Höhen und Tiefen und merkt irgendwann, dass man sich zwischen den Zeilen befreundet hat.“

Mein Lieblingsgedicht in diesem Band ist jedoch eines geworden, das vergleichsweise verklausuliert wirkt:

Zwischenstand

Bis hier
Ein Fell auf nackter Haut
die auch nicht mehr schneeweiß ist
und Leberflecke an pikanten Stellen
Nicht aus der Zeit gefallen
auch nicht verrückt geworden
Pfefferminztee
und ein halbes Leben

Die Autorin Simone Buchholz äußert sich begeistert über die Gedichte der „open mike“-Preisträgerin 2005:

„Dagrun Hintze haut einem die Poesie um die Ohren, dass die Welt aus dem Takt gerät, mitten hinein in die schönste Schieflage, in eine zarte Schlagseite, ins heftigste Wetter, in bunte Himmel, und man möchte mit ihr und ihren Piratenfreunden durch diese Nächte und Tage tanzen, von denen sie schreibt.“

„Einvernehmlicher Sex“ ist erschienen bei Minimal Trash Art (MTA), einem Verlag für Musik, Texte und Bilder, der heuer sein 20-jähriges Bestehen feiert. Reinschauen lohnt sich: https://www.minimaltrashart.de/

Dagrun Hintze
Einvernehmlicher Sex
38 Gedichte

80 Seiten
Taschenbuch
12,00 Euro

ISBN 978-3-9814175-3-1-
Minimal Trash Art (MTA)
2018

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Dagrun Hintze: Ballbesitz

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Bild: Florian Pittroff, https://flo-job.de/

Ballbesitz ist im Fußball immer gut. Wer den Ball hat, der kann kein Tor bekommen. Ballbesitz von Dagrun Hintze zu haben ist auch immer gut, denn so ungefiltert kommt Emotion selten daher. Das knapp über 100 Seiten starke Büchlein ist voll mit starken Sätzen von und über den Fußball. Frauen und Männer, die sich für diesen weltweit beliebten Sport interessieren, kommen darin voll auf ihre Kosten. Frauen, die sich für Fußball interessieren sowieso und Frauen, die sich nicht für Fußball interessieren auch. Es ist so wunderbar leicht geschrieben. Einmal angefangen, kann man das schmale Bändchen fast nicht mehr weglegen. Für den männlichen Fußball-Enthusiasten gibt es viele schönen Momente und viele wunderbare „Aha Erlebnisse“. Hier seien nur „die Nacht von Belgrad“ erwähnt, in der Uli Hoeneß den entscheidenden Elfmeter in den Nachthimmel jagt und leider nicht ins Tor, Maradonas „Hand Gottes“ oder Oliver Kahns Biss gegen Dortmunds Heiko Herrlich.

Dagrun Hintze schreibt aber nicht nur lapidar über Fußballanekdoten –  sie verbindet Fußballgeschichten mit ihren eigenen Geschichten. Sie erzählt von ihrer eigenen Liebe zum Fußball, von Männern, die in Borussia-Dortmund-Bettwäsche schlafen, und von intensiven Begegnungen, wie sie nur zwischen Anpfiff und Abpfiff möglich sind. Jeder, der sich auch nur ansatzweise für das runde Leder interessiert ist sofort mittendrin. Beispiel gefällig: Zugfahrt mit Hindernissen beim WM-Halbfinale zwischen Brasilien und Deutschland, „im Speisewagen macht sich Lynchstimmung breit“. Die Gefühlslage der Autorin kommen ungefiltert beim Leser an und das bereitet ungeheure Lesefreude. Dagrun Hintze zieht auch immer wieder Parallelen zum Theater, zur Literatur und zur bildenden Kunst. „Die Feststellung, dass Fußball eine größere Nähe zu den Dionysien der griechischen Antike aufweist als die meisten Theateraufführungen, die ich besuche, mag eine Plattitüde sein, zutreffend ist sie dennoch. An der Ekstase teilhaben zu können, setzt allerdings zwei Dinge voraus: Wissen und Berührtsein“. Nagel auf den Kopf getroffen oder um in der Fußallsprache zu bleiben: Elfmeter versenkt! Das Buch schreit quasi nach Verlängerung! In diesem Sinne – frei nach Jogi Löw: „höchste Unterhaltung“.

Ein Beitrag von Florian Pittroff
www.flo-job.de

Wunderball! fand Gastautor Florian Pittroff den Essayband von Dagrun Hintze über „Frauen, Männer und Fußball“, der beim mairisch verlag erschienen ist:
https://www.mairisch.de/programm/dagrun-hintze-ballbesitz/


Ich selbst schaue zwar nur bei den größeren Turnieren ab und an zu, habe aber inzwischen auch verinnerlicht, dass Fußball eine ganz, ganz wichtige Kulturtechnik ist. Bloß das mit dem Abseits kapier ich im Leben nicht. Birgit