Die Edition Hubert Klöpfer im Kröner Verlag

Wie bereits hier angekündigt, erscheint im Alfred Kröner Verlag Stuttgart ab dem Frühjahr 2021 auch deutschsprachige Gegenwartsliteratur. Programmverantwortlich ist dafür der renommierte Verleger und Büchermacher Hubert Klöpfer. Und das sind die ersten sechs Titel in der neuen Edition Hubert Klöpfer, die Mitte März erscheinen:

Mehr Informationen finden sich in der Frühjahrsvorschau: https://www.book2look.com/book/98T3MHi8ch

Ein Heft mit Leseproben und Rezensionsexemplare können unter der Email b.boellinger@kroener-verlag.de angefragt werden.

IM LYRIKRAUM: Elke Engelhardt

Die kleine Frau schreibt

Erst muss man alles aufzeichnen,
dann kann man sich aufzeichnen durch einen Satz,
der etwas ins Fließen bringt,
was vorher feststand.

Ich bin die kleine Frau,
ich glaube an die Macht des Mondes,
an Ebbe und Flut.
Aber mehr noch an die Worte,
die alle Spuren verwischen,
sobald sie entstehen.

Aus: „Sansibar oder andere gebrochene Versprechen“ von Elke Engelhardt

Sich selbst definieren, sich selber finden mit den unzulässigen Mitteln der Sprache – das scheint mir ein Leitmotiv zu sein in diesem außergewöhnlichen Gedichtband. Eine Poesie, der die Macht der (Ent-)Täuschung innewohnt: Sätze, die so klar und nüchtern im Stil zu sein scheinen, und mit denen dennoch alle Spuren verwischt werden.
Beispielgebend dafür ist Sansibar, Protagonist im ersten Zyklus:

Es sollte ein Roman ohne Worte werden
aber voller Gedanken
Der Ehrgeiz packte mich
es schüttelte mich
Es ging mir nicht gut
Ich war kurz davor einen Satz in mein Heft zu schreiben
einen Satz der alle Worte zum Blühen gebracht hätte
und was blüht ist vergänglich

Was blüht, ist vergänglich, was gesagt ist, kann heute wahr sein und morgen ein gebrochenes Versprechen: Eine Dichterin im Ringen mit der Unzulänglichkeit, der Unzuverlässigkeit der Sprache. Ein Ringen, das funkelt, das Sätze birgt, die sich einprägen:

Der Tod, sagt meine Mutter, ist eine schnell
heilende Wunde. Die Narben, die er hinterlässt,
sind Sache der Lebenden.

So klar die Sprache von Elke Engelhardt erscheint, so viele Geheimnisse tragen Sansibar, die kleine Frau und die lyrische Stimme im dritten Zyklus, „Die Lumpen meiner Erinnerung“, mit sich herum. Man möchte mehr davon lesen, wohlwissend, dass man den Geheimnissen eines Menschen mit den Mitteln der Sprache wohl nie auf den Grund kommen wird.

Elke Engelhardt
Sansibar oder andere gebrochene Versprechen
Elif Verlag, 2020
134 Seiten, Klappenbroschur, 18,00 €
ISBN 978-3-946989-32-5

Poesie, geerdet am Kartoffelfeuer

eiszapfengesäumt
das uralte dach im hof
hoch-zeit des winters

Petra C. Erdmann

Bild von katharinakanns auf Pixabay

Manchmal ist weniger mehr. Und es braucht nur wenige Worte, um ganze Welten zu entwerfen, mit wenigen Zeilen und einem zarten Pinselstrich Landschaften und Bilder zu zeichnen. Das vermag die Kunst des Haiku-Dichtens: In ihrer strengsten, traditionellen Auslegung bestehen diese japanischen Gedichte aus drei Zeilen mit der Silbenstruktur 5-7-5.

Zwei, die diese reduzierte Form nicht nur perfekt beherrschen, sondern es dabei auch schaffen, miteinander in einen Dialog zu treten, sind Petra C. Erdmann und Janette Bürkle Szalys. Bereits 2015 haben sie im Mirabilis Verlag mit „der tulipan entblättert sich und amor schleicht ins land“ einen gemeinsamen Band veröffentlicht. Und nun schleicht sich die Liebe zur genauen Beobachtung unserer Welt wieder in die Leserherzen: „goldfüchse im schnee und ganz leise lacht ein faun“ heißt das neue Buch der beiden Dichterinnen.

Liebevoll gestaltet und gesetzt, führen die Goldfüchse und der Faun durch die Jahreszeiten. Auf jeder Seite finden sich zwei Haikus, die miteinander korrespondieren – so antwortet Janette Bürkle Szalys gewissermaßen auf die Eiszapfen am Hofdach:

mitternachtsstille
im gebälk unter dem dach
raspelt ein holzwurm

Kleine Szenen, die zu Bildern werden, Erinnerungen freisetzen, träumen lassen – so führt die Kunst des Haiku unaufdringlich auch zum Kern der Philosophie, die dahinter steht: Über die Schrift hinaus die eigene Natur zu schauen.

Was die Miniaturen der beiden Dichterinnen jedoch auch ausmacht, ist über die genaue Beobachtungsfähigkeit hinaus ein warmer, leiser Humor, der aus vielen Zeilen spricht, eine zärtliche Hingabe an die Welt. Ein wunderbares Beispiel dafür ist ein Dialog über lümmelnde Katzen und Katzenjammer – eine Seite des Buches, die man mit einem stillen Lächeln verlässt, zumindest als Katzenliebhaberin.

Ein Gedicht für sich ist das Nachwort des Poeten Imre Török, der über „goldfüchse im schnee und ganz leise lacht ein faun“ schreibt: „Eine poetische Sammlung zartblauer Träume, geerdet am Kartoffelfeuer.“

Mehr Informationen zum Buch beim Mirabilis Verlag unter diesem Link.

Hinweis: Für den Mirabilis Verlag bin ich als Pressereferentin tätig.

Joachim Ringelnatz – Einsiedlers heiliger Abend

Ich hab’ in den Weihnachtstagen –
Ich weiß auch, warum –
Mir selbst einen Christbaum geschlagen,
Der ist ganz verkrüppelt und krumm.

Bild von Pexels auf Pixabay

Ich bohrte ein Loch in die Diele
Und steckte ihn da hinein
Und stellte rings um ihn viele
Flaschen Burgunderwein.

Und zierte, um Baumschmuck und Lichter
Zu sparen, ihn abend noch spät
Mit Löffeln, Gabeln und Trichter
Und anderem blanken Gerät.

Ich kochte zur heiligen Stunde
Mir Erbsenuppe und Speck
Und gab meinem fröhlichen Hunde
Gulasch und litt seinen Dreck.

Und sang aus burgundernder Kehle
Das Pfannenflickerlied.
Und pries mit bewundernder Seele
Alles das, was ich mied.

Es glimmte petroleumbetrunken
Später der Lampendocht.
Ich saß in Gedanken versunken.
Da hat’s an der Tür gepocht.

Und pochte wieder und wieder.
Es konnte das Christkind sein.
Und klang’s nicht wie Weihnachtslieder?
Ich aber rief nicht: “Herein!”

Ich zog mich aus und ging leise
Zu Bett, ohne Angst, ohne Spott,
Und dankte auf krumme Weise
Lallend dem lieben Gott.

Joachim Ringelnatz

Das Gedicht von Ringelnatz stammt aus dem Jahr 1933 – wohl für viele Menschen das schwerste Weihnachten der Vorkriegszeit. Wer wachen Sinnes war, konnte ahnen, was knapp ein Jahr nach der Machtergreifung Hitlers noch alles auf die Menschen zukommen würde.

Insofern sind die Vergleiche, die dieser Tage gezogen werden, völlig absurd: Wir leben in keiner Diktatur, aber wir leben mit einer Pandemie. Das ist schwer, insbesondere für viele an Weihnachten, die vielleicht getrennt von ihren Liebsten und Familien feiern müssen. Aber es ist ein hoffentlich einmaliges und vorübergehendes Geschehen – und keinesfalls vergleichbar mit der Situation 90 Jahre zuvor.

Dennoch kann vielleicht jetzt gerade ein Ringelnatz helfen: Trauer und Humor liegen bei ihm immer eng beisammen. Und die Botschaft: Mach das Beste daraus …

Ich wünsche allen, die hier mitlesen, trotz der Umstände ein schönes Weihnachtsfest, alles Liebe und einen guten Rutsch in das Neue Jahr! Bleibt gesund!

Birgit Böllinger

Lyrik: erlebt, erlitten – Gedichte von Alexandru Bulucz

Bild: Ortwin-Rainer Bonfert

Wenn jemand aus Rumänien dort seine Kindheit verbracht, dann aber in Deutschland das Gymnasium und das Germanistikstudium absolviert hat, seine Lyrik in Deutsch verfasst, ist er dann ein rumänischer oder ein deutscher Autor? „Was Petersilie über die Seele weiß“ verrät nicht die eigene Antwort, Alexandru Bulucz gibt aber Hinweise, regt weit über diese Fragestellung hinaus vielwissend an und offenbart, was gegenwärtige deutsche Lyrik vermag. Gastrezensent Ortwin-Rainer Bonfert bewegt sich im gleichen kulturellen Umfeld und hebt die Stärken, aber auch erklärungsbedürftigen Bereiche dieses Gedichtbandes hervor.

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Jahrgang 1987, entstammt Alexandru Bulucz dem rumänischen Alba Iulia, zu deutsch Karlsburg, in ungarisch Gyulafehérvár. Die Römer nannten die dortige Befestigung Castrum Apulensis. Diese ethnische Vielfalt an einem geschichtsträchtigen Ort ist auf eine besondere Art identitätsstiftend, was sich nachhaltig auswirken sollte, auch wenn der Autor bereits mit 13 Jahren alleine im Bus nach Deutschland kam. Dort studierte er Germanistik und Komparatistik. Seine ersten publizierten Gedichte entstanden im Umfeld des Frankfurter Literaturhauses, und in Begleitung dessen Leiters Werner Söllner, dem er im vorliegenden Band ein Gedicht widmet. Bulucz arbeitet als Übersetzer aus dem Französischen und dem Rumänischen, wirkt mit beim Onlineportal Signaturen, ist Mitherausgeber der Literaturzeitschrift Otium und ehemaliger Mitherausgeber der Zeitschrift für Literaturkritik „Die Wiederholung“. Seit 2015 ist Bulucz Herausgeber der philosophischen Gesprächsreihe „Einsichten im Dialog“. Sein Lyrik-Debüt „Aus sein auf uns“ erschien 2016, aus dem einzelne Gedichte im vorliegenden Band übernommen worden sind.

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Wer für gewöhnlich seine Zeitungslektüre mit dem hinteren Drittel im Feuilleton beginnt, der kann gerne auch im vorliegenden Werk mit dem Nachwort des Dichters beginnen. Darin stellt er die kulturphilosophischen und phonetischen Zusammenhänge von Petersilie und Seele her. Die von Alexandru Bulucz kurz angerissene Biographie zu kennen, ist sehr hilfreich bei der Lektüre seiner Gedichte. Ähnlich dem Küchenduft oder erhaschten Gesprächsfetzen und ersten Eindrücken durch eine angelehnte Tür erhält der Leser so Einblick auf lyrische Bilder eines Poeten, der belesen nicht nur wortgewandt, sondern auch wortkreierend bekannte Formen aufgreift, um daraus stilistisch Neues zu gestalten. Dabei sind die Gedichte derart facettenreich, dass trotz einer Gliederung und Titeln nicht klar ist, was einen bei der Lektüre des folgenden Gedichtes erwartet – er überrascht immer wieder aufs Neue. Das Gefühl hält auch nach vierzig Gedichten an. Man wird immer wieder gefordert, muss nachschlagen, erneut lesen. Doch Bulucz wartet mit Wortbildern auf, „er dealt mit Wörtern“ (S. 73), entlohnt damit für die Lektüre, selbst wenn sich der Inhalt nicht ganz erschließt.

Gleich zu Beginn klärt Bulucz im fiktiven Gespräch: „Schreiben sei Verdauungsstunde“.
Einverstanden? „Ich gehe prompt d’accord!“
Und es klingt wie eine Vorwarnung:  „Die Form verdaue sich viel schwerer als der Inhalt“.

Tatsächlich: klassisches Versmaß ist lediglich richtungsweisend, in den häufigen Langgedichten sind Sätze gelegentlich strophenübergreifend, ohne Reim, und doch schafft es Bulucz, durch den Satzbau eine Schwingung zu generieren. Dabei nimmt er sich selbst nicht zu ernst, kürzt ab. Beispielsweise im „Passionslied“ wird das flapsige „usw. usf.“ stilsicher eingesetzt. Unwillkürlich hat sich dem Rezensenten dabei ein Bonmot des Wolf von Aichelburg aufgedrängt, wonach „modern sein, ohne mit der Tradition zu brechen“ erstrebenswert sei. Bulucz schreibt vordergründig ein von Alters her bekannt anmutendes Passionslied mit zeitaktuellen, seiner Biographie entlehnten Andeutungen. Andernorts liest sich formwahrend ein Gedicht wie ein Psalm, ist letztendlich aber ein Zwiegespräch mit seinem Alter Ego, das lyrische Ich sei  „binnenvertrieben“. Nur so, finde es (binnen)Trost (S.92). Erschließen sich Form und Inhalt, empfiehlt sich – die Interpunktion dabei akribisch einhaltend – das Gedicht erneut zu lesen. Dann entfaltet sich im übertragenen Sinne der volle Geschmack der nuancenreichen Lyrik. Der Aufwand lohnt sich.

Der anfänglichen Klarstellung – für Bulucz eine Digestion statt Diegese –  folgt eine Elegie und es wird nicht die einzige bleiben. Weiter folgt ein „Psalm“, der wie ein Klagelied anmutend den (eigenen) Exodus damit begründet, dass „Menschen, die lauter das Leid nicht mehr erschweigen“, fort sind und demnach „niemand könnte besetzen, was leer steht“. Der Poet klagt an: „Ich trage Leerstand in mir“.

Alexandru Bulucz beklagt nicht nur die geographische und kulturelle Disruption durch seinen eigenen „Exodus“. Aus seinem Nachwort erfährt man, dass er alleine als 13jähriger fort ging. In den „Erinnerungen, Defragmentierungen“ weiß er noch gut, dass der Vater alles verkauft hatte, bis auf das, was er am Leibe trug. Der Bus, der das lyrische Ich ‚gen Deutschland fuhr, könnte auch eine Pferdekutsche gewesen sein, bei der die „Lederpeitschen zum Austreiben der Erinnerungen, der Dämonen“ dienten.

Es ist in Teilen ein mäandrierende Hadern mit der Vergangenheit, das sich nur allmählich auf eine Gegenwart zubewegt, aus der durchaus auch mit Sarkasmus zurückgeblickt wird, auf eine Kulturlandschaft, die landesintern auch als „spațiu mioritic“ bezeichnet wird. Lange vor der Industrialisierung des Karpatenbogens war die Schafzucht in der Hügellandschaft weit verbreitet und die Hirtenlieder oft gesungen. Im Zyklus „Stundenholz“ changiert der Poet zwischen elegischer Preisung jenes Kulturraumes und Abrechnung mit jenen, die genau das als Einziges heroisieren und dabei zerstören: Dorfdeppen, „deren Axt die Kultur mit waldigen Zwiespalt von Buchen u. Fichten fürs Funkenflufeuer versah“ (S. 31).

Leider wird der subtile, sozialkritische Humor teilweise eher Kennern jener Kultur, sowie dem Verhalten von Exilrumänen im Heimaturlaub, bewusst. Erläuternde Fußnoten könnten Abhilfe schaffen, auch wenn damit der ästhetische ansprechende Gesamteindruck der Ausgabe geschmälert wird.

Für den Rezensenten entspricht das Langgedicht „Stundenholz“ einem Magnum Opus des Gedichtbandes, weshalb an dieser Stelle exemplarisch detaillierter darauf eingegangen wird. In Form eines Zwiegespräches mit Rose, leitet das lyrische Ich mit einer harmlos anmutenden Begrüßung diese Elegie ein, um sich rasch in Anlehnung an Celan die „bukowinische Frage“ zu stellen, „wo Heimat beginne, Erinnerung ende“. Beginnt die neue Heimat wirklich erst dort, beziehungsweise dann, wenn die Erinnerung an die alte Heimat endet? Bulucz schafft mit wenigen Worten aussagekräftige Momentaufnahmen, die Zeitlupensinfonien entsprechen und die man entsprechend auf sich wirken lassen sollte. Vorteilhafterweise bietet das Buch einen knappen Glossar innerhalb des Schutzumschlages für hier verwendete Begriffe, insbesondere dem Stundenholz (rum.: toacă).

„Wir flogen
über Holzrauch von Klöstern, über liturgische Rufe aus Stunden-
trommeln von Mönchen, toaca-Klänge spannten eine Himmelsleiter
auf uns zu u. über uns hinaus.“ (S. 35)

Im Gegensatz zum oft rumänisch vereinnahmten Kulturraum hebt Bulucz dessen ethnische und religiöse Vielfalt hervor. Ferner vermengt er kennzeichnend Esskultur mit religiöser Tradition, als seien leibliche Nahrung so selbstverständlich wie spirituelle Nahrung, „so als betet er u. weiß es nicht“. Auf diesem imaginären Streifzug durch die Kindheit des Dichters mit dessen Heimaterfahrungen „über Lust, Lust u. Verlust, über den Schmerz, den nicht gespiegelten“ greift das lyrische Ich auf Erinnerungen an ein Sommerferienlager am Schwarzen Meer zurück, wo die damals einzigen Leckerbissen aus Wassermelone und gekochten Maiskolben mit Salz bestanden, saisonale Leckereien, die verzerrt überhöht dargestellt die Kargheit jener Zeit verdeutlichen, in der die einzige Abwechslung in der Reihenfolge bestand und dennoch keine war: „Salz vor Süße nach Salz“ (S. 36)

„Kukuruz u. Wassermelonen also. In dieser Reihenfolge. Jener vor
diesen, diese vor jenen, Salz vor Süße nach Salz. Ich leckte
gesalzenen Kukuruz wie das Wild Bergkerne, dann fraß ich
Körner u. nach Aussaugen des Kolbens, des weichgekochten,
fraß ich Teile des Kolbens selbst.“

Aus späterer, deutscher Perspektive, stellt sich die Frage: „Aber muss man den Augenblick nicht aus zeitlicher Distanz betrachten, damit er überhaupt zu einem solchen wird?“ In Zeiten finanzieller Knappheit verloren Zusammenhänge – wie auch die Chronologie – jegliche Bedeutung. (Die Rose hier hat Ähnlichkeit mit Celans Niemandsrose.) Folgerichtig stellt das lyrische Ich fest: „da ich andernorts blühen sollte“. Mit einer solchen Veränderung wird die eigene Identität in Frage gestellt, die bisherige von Mal zu Mal verschwinde, wie ein Missverständnis ausgeräumt, um wieder einverleibt zu werden. Die Rose, die Eingangs trotz angeblicher Verwechslung begrüßt worden ist, wird abschließend in ihrer Gnade erneut gegrüßt. Die Rose, die Lyrik, ist schließlich das einzige Kontinuum im seelisch schmerzhaften identitären Transformationsprozess aus dem Rumänischen ins Deutsche.

Es sind immer wieder Analogien, denen nachzugehen beim Lesen neugierig machen. Es sind poetische Bildkreationen, die einen mitnehmen, auch wenn der Inhalt sich nicht immer erschließt. Es ist die kulturphilosophische Vielfalt, die den Wissens- und Lesedurst nährt. Es sind die lyrischen Reflexionen eines feinfühligen Menschen, die berühren. Es sind die Formvarianten, ansatzweise polyglott ausgefüllt, die bis zum Schluss für Überraschungen sorgen. Alles in allem muss man sich die Aussagekraft der Texte erarbeiten – aber es lohnt sich. Nicht zuletzt stellt der Autor gegen Ende des Bandes (S. 99) über die Lyrik fest: „Erlebt soll sie sein, das Erlebnis erlitten! Der Honig ist alle, es lebe der Honig!“

Informationen zum Buch:
Alexandru Bulucz
was Petersilie über die Seele weiß. Gedichte.
Frankfurt a.M. (Schöffling & Co) 2020.
114 Seiten. 20,00 Euro.
ISBN 978-3-89561-507-8

Ein Gastbeitrag von Ortwin-Rainer Bonfert

IM LYRIKRAUM: Marius Tölzer

Der Blick streift in die Weite
Und hält solch ein Bild: ein Traum, Geborgenheit.
Die Wiesen liegen halb im Nebelreiche
Und atmen innig die Verlorenheit.

Aus: „Ein rätselschönes Schweigen“ von Marius Tölzer

Wer diesen kleinen, liebevoll gestalteten Gedichtband zur Hand nimmt, der wird sich, wenn angesprochen, schon nach wenigen Zeilen fühlen, als spräche da eine alte Stimme aus der Vergangenheit zu ihm. Dabei ist der Dichter ein noch junger Mann, doch geschult an Hölderlin, Novalis, Goethe.

Und so ist diese Lyrik im besten Sinne „altmodisch“, erinnert mit ihren rätselschönen Bildern und den Anklängen an klassische Formen (dem Pflaumenbaum ist gar ein Sonett gewidmet) an die große Schule romantischer Dichtkunst. Und doch ist diese Sprache auch ganz gegenwärtig, zeigt Seelen- und Gefühlszustände und wirft Fragen auf, die immermenschlich sind:

Wir sind im tiefen Wesen unergründlich
Begegnen uns in der Unendlichkeit
Erfinden uns und sind doch unerfindlich
Und Träumen meint uns Möglichkeit.

Wer mitträumen möchte: Der Band erschien in der edition tas:ir (tas ir heißt im Lettischen „es ist“ oder „so ist es“), eine Edition für junge Lyrik, herausgegeben von Andres Miklaw, im Mirabilis Verlag.

Mehr zum Dichter findet sich hier: Marius Tölzer

Informationen zum Buch:

Marius Tölzer
Ein rätselschönes Schweigen
Mirabilis Verlag, 2018
48 Seiten, 10,5 x 14,8 cm, 12,00 Euro
12 EURO
ISBN 978-3- 9818484-5-8

IM LYRIKRAUM: Matthias Engels

TOTGESAGTER PARK (HERBST I)

der himmel bemüht sich
um möglichst beiläufiges blau
und allgemein weiß das wetter
nicht so genau wohin
ohnehin und her
ist`s schweres gehen
bei all dem grün-
schnitt

und all das welke geht mit
es ist kein geheimnis wohin
immer du schreitest
begleiten dich saat und keimnis
ist der garten schoß
und offener sarg
zugleich

Aus dem Gedichtband „wir alle strahlen“ von Matthias Engels

Gedichte lehren einen das genaue Hinschauen. Schon Stefan George sprach die explizite Aufforderung aus „komm in den totgesagten park und schau“ und Jahrzehnte später spinnt Matthias Engels diesen Gedanken weiter. Der 1975 am Niederrhein geborene Schriftsteller stellt sich mit seinem jüngsten Lyrikband in eine große Tradition, weckt Assoziationen zu George, Benn, Trakl, Rilke und ist dabei jedoch auch ganz und gar gegenwärtig, ein Kind seiner Zeit.

du sagst: Herrgottnochmal
der sommer war sehr klein
und der herbst nicht mehr
lassen wir den winter nicht rein
und hoffen dass er draußen
nichts anstellt

Auszug aus „Dein Traum muss durch die Wand“.

„wir alle strahlen“ nimmt einem beim Lesen gefangen durch eine eigenartigen Wechsel von Melancholie und Lebenslust, Saat, Keimnis und offener Sarg zugleich. Da wandert ein lyrisches Ich durch Landschaften und Städte (ein schönes Bild: die stadt trägt schuhe/aus mörtel und geröll), durch Innenräume und Außenwelt und lässt den Leser teilhaben an seiner sensitiven Beobachtungsgabe, die Auge und Ohr hat selbst für den „aufprall der trockenen blätter/auf den gehwegplatten“.

Es bedarf eben eines Poeten, um „die romantik von mono/blocksessel und filterkaffee“ zu würdigen.
Das sind Gedichte, die das Sehen, das Hinsehen und die Würdigung des Alltäglichen zelebrieren und in wunderbare Bilder verwandeln:

die sonne von lamellen
in feine streifen aufgeschnitten
in dieser stunde sind alle getigert

Informationen zum Buch:

Matthias Engels
wir alle strahlen
edition offenes feld, Dortmund, 2020
Hardcover, Schutzumschlag, 68 Seiten, 15,50 €
ISBN 9783751952613
http://www.offenesfeld.de/Engels.html

Eine Besprechung findet sich auch beim Lyrikhaus Fischer: https://lyrikatelierfischerhaus.com/2020/08/31/wir-alle-strahlen/

IM LYRIKRAUM: Gerd Baumann

Hochintressant

Alles kommt, wie`s kommen muss,
alles gießt sich hin im Fluss,
ich wart, im Regen, auf den Bus
und geh, wenn er nicht kommt, zu Fuß.

Gerd Baumann, „Hochintressant“ aus „Das Schaf des Pythagoras“.

Lyrik muss für mich nicht immer hermetisch, symbolgeladen, verschlüsselt und mit Metaphern überfrachtet sein. Mein schlichtes Gemüt ergötzt sich durch aus an gehobenem Blödelsinn, da bricht dann durch, dass auch ich der Generation entstamme, die mit Heinz Erhardt sozialisiert wurde.

Und so können mich auch die verrückten, verspulten Gedichte des bayerischen Musikers und Lyrikers Gerd Baumann herrlich amüsieren: Da wird mit viel Witz und Hintersinn den großen Fragen der Menschheit nachgegangen, beispielsweise: „Was, wenn Ich nicht mehr Ich wäre, sondern Du!“. Am Ende möchte man das Du denn doch Du sein lassen. Oder warum einer den Moment, den man Leben nennt, „knetet“, dichtet und singt? Das liegt auf der Hand: „denn, wenn`s heißt: Jetzt ist`s gewesen/ gibt`s Musik und was zu lesen“.

Baumann unterhält mit seinen schrulligen Einfällen mal mit ironischen Kurzzeilern, mal gereimt, mal in freien Rhythmen, und mittendrin stößt man sogar auf eine ausgewachsene Ballade: Die „Malade Ballade vom unbekannten Mann“. Eines haben die Gedichte, trotz unterschiedlicher Form, jedoch immer gemeinsam: Sie sind, auch bei ernsteren Themen, selbst dann, wenn es politisch wird, von einer wohltuenden Leichtigkeit. Ein Beispiel:

Hase, du bleibst hier
Chemnitz, Sommer 2018

Fast wär er hinterhergesprungen
dem einen, vielgehassten, dunklen
Fremder, der hier einfach eingedrungen,
doch so blieb`s beim Augenfunkeln

und beim wohlvertrauten Grölen
mit seiner Glatzen-Clique, die seit Jahren
was man ja wohl noch sagen darf
sagt, und – eben – unverhohlen grölt.

Doch plötzlich duckt und zuckt der Nazi
wie ein gut gezähmtes Tier,
da ein Stimmchen ihn zur Ordnung ruft:
Hase, du bleibst hier.

Ein besonderes Faible scheint der Autor für Schafe zu haben, diese oft als dumm verpönten Tiere. Da gibt er dann den Wolf im Schafspelz und schmuggelt vollkommene Nonsense-Vierzeiler in den Gedichtband und das Langgedicht „Hintersinnige, hommage-artige Ansprache eines gerissenen Schafs an einen aus Schafsicht vermeintlich idealen Schäferhund, der am Ende nur scheinbar enttäuscht ist und besonnen, aber krude reagiert.“

Dazu kann ich nur sagen: Mäh! Ich wünsche euch einen höchst vergnüglichen Sonntag.

Zum Autor:
Gerd Baumann studierte in München und Los Angeles Gitarre und Komposition. Er hat unter anderem die Musik für Filme von Regisseur Marcus H. Rosenmüller geschrieben, betreibt das Plattenlabel „Millaphon Records“ und den Musik-Club „Milla“ in München.

Zum Zeichner:
Martin Klett ergänzt die skurillen Gedichte durch witzige, in der Form reduzierte Illustrationen. Er studierte Design in München und ist Inhaber der Agentur „Perfect Accident“.

Zum Buch:
Gerd Baumann
Das Schaf des Pythagoras
edition lichtung im lichtung verlag, 2020
Gedichte, mit Illustrationen von Martin Kett, 2020, Hardcover, 96 Seiten, 14,90 Euro
ISBN 978-3-941306-98-1
Weitere Informationen mit Konzert zur Buchpremiere hier: https://www.lichtung-verlag.de/index.php/aktuelles/2-uncategorised/61-gerd-baumann.

IM LYRIKRAUM: Norbert Hummelt

Lessmannes ist geschehen u. war kein traum du in
dem immer dunkleren raum wie du für

mich die tarot-karten legst … da ist der mann
wieder mit den drei stäben u. du findest

den gehängten nicht u. es kann gar keine
zukunft geben aber die amsel singt abends (…)

Norbert Hummelt, Auszug „dämmerung“ aus „Sonnengesang“

Es ist Juni, als sie sich begegnen, sie wie ein flüchtiger Kohlweißling, der später allenfalls noch eine Windschutzscheibe streifen wird. Und bereits in der Juni-Dämmerung zeichnet sich die Nicht-Zukunft der beiden ab, die kurze, intensive Liebe eines Sommers. In diesem „Sonnengesang“ sind Herbst und Winter bereits eingeflochten, neigt sich alles einem melancholischen Ende zu, ein kurzes Aufbäumen, Bemühen noch – „meine wunde war noch einmal zugegangen“ – und doch über allem das Bewußtsein von Endlichkeit:

im beinhaus zu hallstatt den 3ten august
faßte ich mir an den eigenen Schädel

so seltsam war er mit haut überzogen … oben
wuchsen haare u. selbst augen standen noch

heißt es im sechsten und letzten Zyklus in dem Gedicht „vanitas“.

„Sonnengesang“ – das ist auch das erste Zeugnis der italienischen Literatur, das gleichnamige Gebet des Franz von Assisi, in dem er Gott und die Schöpfung preist. Und so verwebt auch Norbert Hummelt Elemente der Liebes- und Naturlyrik, singt gewissermaßen mit einem melancholischen Unterton freilich, die Sonne an.

Carsten Otte betont in seiner Besprechung beim SWR:

„Mögen sich Rhythmus und Binnenreim in den ersten Zeilen noch nicht aufdrängen, auch weil der Zeilensprung den semantischen Zusammenhang aufbricht, lässt sich aber schon im Eröffnungsgedicht eine Art poetisches Programm erkennen. Hier stellt sich ein lyrisches Ich vor, das von der Natur gerufen wird, um Flora und Fauna zu preisen, und zwar in einer Formensprache, die dem historischen Rondo näher ist als der lyrischen Moderne.“

Und doch sind es die modernen Elemente, die dem Reigen aus Begegnung und Abschied, Blühen und Vergehen ein Quäntchen Hoffnung eingeben:

(…) mein engel hatte mich verlassen.

aber das licht kam von der raumstation, die sich am himmel
über mir bewegte, rascher als der mond u. heller als ein stern.

Informationen zum Buch:
Norbert Hummelt
Sonnengesang
Luchterhand Verlag, 2020
Hardcover mit Schutzumschlag, 96 Seiten, 20,00 €
ISBN: 978-3-630-87630-6


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IM LYRIKRAUM: Alain Lance

LanceJedem Leben ist Honig und Galle bereitet, und
Jeglicher rudert allein seinem Ende entgegen, aber
Die Wasser mögen noch anderen Fahrgästen singen
Die in den Wipfeln die entschlossenen Schwärme sehn
Im steten Verblühen der Jahreszeiten.

Aus „Donau oberhalb von Budapest“, aus dem Französischen übersetzt von Volker Braun.

Alain Lance, „Rückkehr des Echos. Ausgewählte Gedichte.“

Ob nun in den erst 2019 erschienenen „Fantȏmémoires“ oder in dem bereits 1974 herausgekommenen Gedichtband „Les Gens perdus deviennent fragiles“: Da schlägt uns eine Stimme entgegen, die wahlweise zornig, bitter, ironisch und immer auch politisch ist. Und bis ins hohe Alter hinein frisch klingt: Der beinahe 81-jährige Alain Lance beobachtet die Welt mit wachem Blick und hadert mit ihr und dem menschlichen Treiben. „Europa geht aus dem Leim“ konstantiert er beinahe umgangssprachlich in seinem Gedicht „2017“ und schreibt unter dem Titel „Es brennt“ nur einige wenige melancholische Zeilen:

Kaum August schon fällt
Das Blattwerk in Schauern
sollen wir trauern
Um die untergehende Welt?

Man täte diesem Dichter jedoch unrecht, würde man ihn allein auf das Politische reduzieren. Volker Braun, verbindet eine beinahe lebenslange Freundschaft zu dem Franzosen, der sich auch in mannigfaltiger Weise um die deutsch-französischen Kulturbeziehungen (siehe hierzu ein Artikel von Peter von Becker in „Der Tagesspiegel“) verdient gemacht hat. Als Herausgeber hat Volker Braun eine gute Auswahl an Gedichten aus dem Werk seines Freundes getroffen, die dessen Entwicklung aufzeigen. Im Nachwort betont Braun auf ein Zitat von Gérard Noiret hin, der Lance als einzigen politischen französischen Dichter bezeichnet:

„So lese ich ihn nicht, das macht ihn nicht aus, es ist noch immer der robuste, turbulente, anspruchsvolle Geist des Quartier Latin: dieser erstaunlichen irdischen Mischung vom Leben. Nicht nur Résistance, sein Naturell lässt ihn immer wieder Renaissance erleben, wie das Gedicht für Renate wunderbar zeigt.“

Tatsächlich bietet dieser gelungene Auswahlband eine Mischung aus direkter politischer Lyrik ebenso wie Gedichter voller surrealer Bilder und gar dadaistischen Sprachspielereien. Und dazwischen eine Botschaft an den Freund V. B.:

Schreib über Bäume
Es ist kein Verbrechen mehr

Angaben zum Autor:

Alain Lance, geboren 1939 in Bonsecours/Normandie, studierte Germanistik in Paris und Leipzig. Von 1985 bis 1991 leitete er das Institut français in Frankfurt a. M., im Anschluss das Institut français in Saarbrücken und danach bis 2004 das Pariser Literaturhaus Maison des écrivains et de la littérature. In seinem 2009 veröffentlichten Buch Deutschland, ein Leben lang (2012, Matthes & Seitz) beschreibt er anekdotenreich seinen Lebensweg als Vermittler zwischen den Kulturen. Bereits 1977 erschien eine erste Auswahl seiner Gedichte auf Deutsch, schon damals herausgegeben und nachgedichtet von Volker Braun (zusammen mit Paul Wiens). Alain Lance ist neben seiner schriftstellerischen Arbeit auch als Übersetzer tätig, oft gemeinsam mit seiner Frau Renate Lance-Otterbein, u. a. von Volker Braun, Franz Fühmann, Ingo Schulze und Christa Wolf.

Informationen zum Buch:

Alain Lance
Rückkehr des Echos
Herausgegeben von Volker Braun
Mit Nachdichtungen von Volker Braun, Richard Pietraß, Gabriele Wennmer, Simon Werle und Ludwig Harig.
Faber & Faber, 2020
Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 96 Seiten im Format 13,5 x 20,5 cm, 20.00 EUR [D], 20.60 EUR [A]
ISBN 978-3-86730-171-8
https://www.verlagfaberundfaber.de/


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