Theodor Fontane – Noch einmal ein Weihnachtsfest

Noch einmal ein Weihnachtsfest,
Immer kleiner wird der Rest,
Aber nehm` ich so die Summe,
Alles Grade, alles Krumme,
Alles Falsche, alles Rechte,
Alles Gute, alles Schlechte –
Rechnet sich aus all dem Braus
Doch ein richtig Leben raus.
Und dies können ist das Beste
Wohl bei diesem Weihnachtsfeste.

Theodor Fontane

Joachim Ringelnatz: Trostworte an einen Luftkranken

Humorvolle Spinner

Spinnete Köpfe, gescheit und begabt,
Weil ihr einen Pieps, einen Vogel habt,
erlachen euch manche und meiden
Euch. Ich mag euch leiden.

Ein Piepvogel lebt so hoch und frei
Über den Filzlatschen der Spießer.

Der Spießer meint: Ein Bandwurm sei
Kein stiller Genießer.

Doch Spießermeinung ist nicht mal so wichtig
Wie das, was aus Piepvogel fällt.

Nur der, der im Kopf nicht ganz richtig
Ist, lebt sich und unterhält.

Aus „Flugzeuggedanken“, 1929, von Joachim Ringelnatz

Es ist, als habe sich Herr Ringelnatz in diesem Gedicht selbst portraitiert. Er war so ein wilder Vogel, ein Piepvogel, der hoch und frei lebte. Am Ende, schon todkrank, unter den Nationalsozialisten auch vogelfrei. Der Dichter, Maler, Bühnenkünstler, der vor allem von (und für) seinen Auftritten lebte, wurde von der Bühne verbannt, seine Bücher beschlagnahmt und verbrannt. Er starb, erst 51 Jahre alt, an den Folgen seiner Tuberkulose-Erkrankung am 17. November 1934.

In den guten Jahren – also auch 1929, als sein Gedichtband „Flugzeuggedanken“ beim Ernst Rowohlt Verlag erschien – war Ringelnatz ständig auf Reisen für seine Bühnenauftritte. Das brachte auch manches Flugabenteuer mit sich. Einige der schönsten Gedichte dazu sind in einer wundertoll illustrierten neuen Ausgabe erschienen: Florian L. Arnold, selbst Schriftsteller und bildender Künstler wie Ringelnatz auch, widmet dem luftigen Dichter das Buch „Trostworte an einen Luftkranken“. Er habe sich daran erfreut, „auf ringels musenroos reitend, eigenwilligste flug- und flatterapparate zu ersinnen“.

Mit „Trostworte an einen Luftkranken“ zeigen Arnold den großen Joachim Ringelnatz als Verehrer und augenzwinkernden Spötter des Flugwesens: „Man glaubt es kaum, aber Ringelnatz hat der Fliegerei und ihren komischen Ausuferungen einen großen Platz in seinem Werk eingeräumt.“ Ob es nun eine abenteuerliche Ballonfahrt, eine Fliege im Flugzeug, eine risikolustige Freundin am Seil in höchsten Lüften ist – Ringelnatz findet immer einen geistreichen Reim auf Ungereimtes. Und es erweist sich, daß seine Gedanken zu menschlichen Flugabenteuern auch beinah 100 Jahre nach ihrem Entstehen nichts an Witz und Gültigkeit verloren haben. „Im Gegenteil: Lest diese Texte, wenn ihr flugkrank oder Vielflieger seid, wenn ihr einen Fesselballon besitzt oder einen Zeppelin“, meint Florian L. Arnold augenzwinkernd.

Erschienen ist „Trostworte an einen Luftkranken“ in der neu gegründeten „Edition Hibana“, in der schmale Texte und eigenwillige Illustrationen ihren Raum finden werden. Ein Blick auf die Seite zeigt: Auch die Illustrationen zu den Ringelnatz`schen Luftkünsten sind grandios, einfach zum Abheben.

Als Augsburgerin freue ich mich natürlich besonders, dass auch die „Freiballonfahrt mit Autoverfolgung“ in der Auswahl ihren Platz fand: Denn, wenn „auf Augsburgs sonntagsbunten Flugplatz“ die Sonne lacht, machen wir eigentlich nichts anderes, als mit unseren Töff-töffs den freischwebenden, gasgefüllten Tieren nachzujagen. Das Beitragsbild beweist es: Ballon am Augsburger Rathaus, direkt von mir verfolgt.

Informationen zum Buch:

Trostworte an einen Luftkranken
Fluggedichte und -gedanken
Gedichte von Joachim Ringelnatz

Edition Hibana, Ulm, 2021
Mit Bildern von Florian L. Arnold
44 Seiten, limit. Edition, durchgehend farbig illustriert
ISBN: 978-3-9822910-7-9

Zu bestellen über den Buchhandel, den Onlineshop der Edition Dreiklein oder direkt beim Verlag (Email: edition-hibana@florianarnold.de).

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Anke Glasmacher: Ein morsches Licht

Bild: https://pixabay.com/de/photos/wandrelief-skulptur-gesicht-frau-6674930/

Am Lebensende

spult sich eine laufmasche
von der achillesferse
langsam nach oben

die alte frau spuckt
ein grunzen über die straße
hinter ihr bleibt

ein blutiges bein
das schwarze kleid wirft
kaum mehr schatten

Aus: „Ein morsches Licht“ von Anke Glasmacher

Es sind die Nachtgedanken einer Spaziergängerin, Bilder, die man beim Umherstreifen durch die Städte pflückt, Beobachtungen der Welt um uns herum. Das ist jedoch nicht in Hochglanz verpackt, sondern in gedämpften Farben beschrieben. Die Bilder erinnern an alte schwarzweiß Fotografien, Licht und Schatten, Nachtgewächse.

„Geisterstunde“ ist ein Kapitel überschrieben, und das ist trefflich: Da sind die Gezeiten ein wechselhafter Tod, die „morsches Licht“ über das Kind auf der Sandbank schütten, während die „eichenschwere“ Zeit nur langsam kriecht. Selbst die Leichtigkeit eines Sonnentages offenbart ihre Schattenseiten.

Stadt, Land, Fluss: Die Lyrikerin, die bereits mehrere Bände im Elif Verlag veröffentlichte, nimmt mit diesem Band die Leserinnen und Leser mit auf ihre Streifzüge durch Landschaften und Städte. Die Beobachtungen dabei: Leise, melancholisch, unerbittlich. Ein besonderes Kapitel ist der letzte Abschnitt, „An einem Freitag“, überschrieben: Ein Totentanz im November, gespickt mit eindringlichen Bildern.

Informationen zum Buch:

Anke Glasmacher
Ein morsches Licht
Elif Verlag 2020
Klappenbroschur mit Fadenheftung, 104 Seiten, 18,00 €
ISBN 978-3-946989-27-1

Die Schriftstellerin betreibt auch eine eigene Homepage: https://www.ankeglasmacher.com/

MIRABILIS VERLAG: Poesie, geerdet am Kartoffelfeuer

eiszapfengesäumt
das uralte dach im hof
hoch-zeit des winters

Petra C. Erdmann

Manchmal ist weniger mehr. Und es braucht nur wenige Worte, um ganze Welten zu entwerfen, mit wenigen Zeilen und einem zarten Pinselstrich Landschaften und Bilder zu zeichnen. Das vermag die Kunst des Haiku-Dichtens: In ihrer strengsten, traditionellen Auslegung bestehen diese japanischen Gedichte aus drei Zeilen mit der Silbenstruktur 5-7-5.

Zwei, die diese reduzierte Form nicht nur perfekt beherrschen, sondern es dabei auch schaffen, miteinander in einen Dialog zu treten, sind Petra C. Erdmann und Janette Bürkle Szalys. Bereits 2015 haben sie im Mirabilis Verlag mit „der tulipan entblättert sich und amor schleicht ins land“ einen gemeinsamen Band veröffentlicht. Und nun schleicht sich die Liebe zur genauen Beobachtung unserer Welt wieder in die Leserherzen: „goldfüchse im schnee und ganz leise lacht ein faun“ heißt das neue Buch der beiden Dichterinnen.

Liebevoll gestaltet und gesetzt, führen die Goldfüchse und der Faun durch die Jahreszeiten. Auf jeder Seite finden sich zwei Haikus, die miteinander korrespondieren – so antwortet Janette Bürkle Szalys gewissermaßen auf die Eiszapfen am Hofdach:

mitternachtsstille
im gebälk unter dem dach
raspelt ein holzwurm

Kleine Szenen, die zu Bildern werden, Erinnerungen freisetzen, träumen lassen – so führt die Kunst des Haiku unaufdringlich auch zum Kern der Philosophie, die dahinter steht: Über die Schrift hinaus die eigene Natur zu schauen.

Was die Miniaturen der beiden Dichterinnen jedoch auch ausmacht, ist über die genaue Beobachtungsfähigkeit hinaus ein warmer, leiser Humor, der aus vielen Zeilen spricht, eine zärtliche Hingabe an die Welt. Ein wunderbares Beispiel dafür ist ein Dialog über lümmelnde Katzen und Katzenjammer – eine Seite des Buches, die man mit einem stillen Lächeln verlässt, zumindest als Katzenliebhaberin.

Ein Gedicht für sich ist das Nachwort des Poeten Imre Török, der über „goldfüchse im schnee und ganz leise lacht ein faun“ schreibt: „Eine poetische Sammlung zartblauer Träume, geerdet am Kartoffelfeuer.“

Mehr Informationen zum Buch beim Mirabilis Verlag unter diesem Link.

Meinungen:

„Das sind die kleinen und bezaubernden Alltagsmomente und Ruhe-Oasen, die man sich selbst bereiten kann.“
arcimboldis world
„Emotionale Gedichte, die inspirieren und anregen, die Gedanken fließen zu lassen, die Phantasie beflügeln und alle Sinne ansprechen.“
Kulturbowle
„Jeder Mensch trägt in sich einen poetischen Punkt. Diese Haiku berühren ihn im Kern.“
Lyrikatelier Fischerhaus


Hinweis: Für den Mirabilis Verlag bin ich als Pressereferentin tätig.

KRÖNER VERLAG: Hubert Klöpfer – Der handschriftliche Gedichtekalender 2022

Mit Gedichten von Ernst Blass, Richard Dehmel, Emily Dickinson, Joseph von Eichendorff, Robert Gernhardt, Johann Wolfgang Goethe, Andreas Gryphius, Friedrich Hölderlin und vielen weiteren Poetinnen und Poeten durch das Jahr – das ist allein schon ein schöner Gedanke.

Doch zur Besonderheit wird der Gedichtekalender 2022, der im September im Kröner Verlag erscheint, durch seine hochwertige Gestaltung und Ausstattung. Jedes Gedicht ist handgeschrieben von Hubert Klöpfer und wird in faksimilierter Abschrift präsentiert. Damit setzt Hubert Klöpfer die Tradition des handschriftlichen Gedichtekalenders des renommierten Freiburger Buchhändlers Thomas Bader fort.

Neu: Die einzelnen Gedichte haben „Patinnen und Paten“, sie wurden von namhaften Literaturfachleuten, darunter unter anderem Matthias Politycki, Rainer Moritz, Thea Dorn und Denis Scheck, vorgeschlagen.

Weitere Informationen auf der Verlagsseite: https://www.kroener-verlag.de/details/product/gedichtekalender-2022/

Pressestimmen:

„Berührende Gedichte, in eine illustrative Handschrift gekleidet, die den stillen Glanz erlesener Sprachgeschmeide zum Leuchten bringt.“
Helmut Benze in der Rubrik „Benzes Besonderes Buch“, Buchmarkt 11/2021

„Wer aber einen Kalender sucht, der das Formale und die Schönheit des Abdrucks schätzt, dem sei der Kalender aus dem Kröner Verlag ans lyrische Herz gelegt, gestaltet von Hubert Klöpfer.“ – Matthias Ehlers, WDR

„Diese schöne Schreibschrift ist das Nonplusultra in diesem Kalender.“
Karsten Koblo, Blog „aus-erlesen“

„Ein weiterer Pluspunkt ist, dass bei der Auswahl der Gedichte auch auf Beiträge von Lyrikerinnen Wert gelegt worden ist: Neben der bereits erwähnten Emily Dickinson überrascht zum Beispiel die unbekannte Stimme barbara laskowski mit ihrem minimalistischen Gedicht von 2021, ohne Titel, das bisher noch nicht veröffentlicht worden ist.“
Sarah Teicher bei „booknerds“.

„Es ist ein besonderer Kalender, eine erlesene Sammlung für Freundinnen und Freunde
ausgewählter Poesie – und einer ausgeprägten Handschrift. Ein wirkliches Schmuckstück.“
Sabine Kaufmann, „Musenblätter“

„In gewohnt qualitätsvoller Gestaltung und Ausstattung.“
Ingeborg Jaiser, Titel Kulturmagazin

„Schön dabei ist nicht nur die Schrift; Klöpfer wechselt zwischen zeitgenössischen Dichtern wie Walle Sayer, Robert Gernhardt, Kurt Marti und Christoph Meckel und „alten Größen“ wie Goethe, Sappho oder Emily Dickinson.“ Harald Schwiers, Kunstportal Baden-Württemberg

„Haptik und Optik werden bei diesem fein gestalteten Wandschmuck in schlichter Eleganz dem Inhalt gerecht.“ – Michael Borrasch, Schwäbische Zeitung

„Hubert Klöpfer verleiht der Poesie kalligraphisch das Antlitz, das sie verdient.“ – Barbara Weitzel, Welt am Sonntag kompakt

Ein Beitrag im Rahmen meiner Pressearbeit für den Alfred Kröner Verlag.

KRÖNER VERLAG: Bernd Storz – Sommergespräche

Jedes einzelne Wort
eine Hieroglyphe.

Letter für Letter entziffert
und wieder
chiffriert.

Aus den Zwischenräumen
antwortet
das Ungesagte.

Bernd Storz

Am Anfang war das Staunen – oder das Entsetzen. Das Staunen hat mit erlebtem und wahrgenom­menem Glück, Lebensglück – und das Entset­zen mit Desaster, Elend, Gewalt und Ohnmacht zu tun. Beides zusammen macht den ›Stoff‹, den ›Gehalt‹ der Gedichte von Bernd Storz aus – und die wiederum beziehen Position, freuen sich am Geglückten und wehren sich gegen die Banalität des nur faktisch Gegebenen.

Seit vier Jahrzehnten schreibt der Autor Bernd Storz auch Gedichte, veröffentlicht in Anthologien, Zeitschriften und kleinen bibliophilen Ausga­ben. Dieser jetzt von ihm selbst komponierte Band Sommergespräche sammelt eine Auswahl »Gedichte mit Bestand« wieder ein – und bringt sie gleichsam als Essenz seiner Dichterexistenz aufs Neue heraus. Eine Entdeckung.

Bernd Storz, 1951 in Ravensburg geboren, Dipl. Pädagoge, Hochschuldozent, lebt in Reutlingen. Zahlreiche Essays, Rezensionen und journalistische Arbeiten zur zeitgenössischen Kunst. Autor zahl­reicher Drehbücher, Hörspiele, Theaterstücke und auch Kriminalromane. Mitglied im VS und »Syn­dikat«. Lyrikproben von ihm erschienen in Antho­logien und Literaturzeitschriften, zuletzt, 2020, im »Mauerlaeufer«.

http://www.bernd-storz.de/

Informationen zum Buch:
https://www.kroener-verlag.de/details/product/sommergespraeche/

Pressestimmen:
„Diskret feiert der Dichter das Leben, die „kleinen Glückinseln“ und vergisst weder die Schönheit noch die Zerbrechlichkeit des Guten, die wir erfahren dürfen.“
Dr. Thorsten Paprotny bei literaturkritik.de

„Ein schönes Werk, darin Geschichten, die sich in fünf Sekunden lesen lassen und doch breitwandige Bilder im Kopf entstehen lassen.“
Klaus Stopper, Schwarzwälder Bote, 26. Oktober 2021

„Eine berührende Entdeckungsreise.“
Bernhard Haage, Schwäbisches Tagblatt, 7. November 2021

„Der Leser staunt. Fühlt sich nicht nur angesprochen, sondern in ein Gespräch mit dem Autor vertieft und legt den Band nach dem letzten Gedicht erfüllt und bereichert – nicht zu weit weg.“ – Martin Meyer, Schriftsteller

Bernd Storz mit „Sommergespräche“ bei Freies Radio Wüste Welle

Ein Beitrag im Rahmen meiner Pressearbeit für den Kröner Verlag.

Linda Vilhjálmsdóttir: das kleingedruckte

das solltest du wissen
lieber leser
dass ich im geist tausend mal tausend
bittersüße gedichte geschrieben habe

um ein für alle
mal zu beweisen
dass ich eine gute dichterin bin

Fast schon wie eine Entschuldigung wirken diese Worte. Vorangestellt einem Zyklus, der zeigt, was für eine gute Dichterin Linda Vilhjálmsdóttir gerade deshalb ist, weil sie auf den bitterbösen Kram verzichtet, weil sie dichtet ohne Zuckerguß. Nach ihrem bemerkenswerten Band „Freiheit“ ist „das kleingedruckte“ der zweite Gedichtband der isländischen Autorin, der im Elif Verlag erscheint. Waren in „Freiheit“ die Themen der durch und durch politischen und geselschaftskritischen Lyrikerin weiter gespannt, so fokussiert sie sich hier auf die Geschlechter. Und mit welcher Wucht!

Bild von Paul Bates auf Pixabay

selten
so abseits im eigenen leben

als wenn ich in frauenzeitschriften blätterte
im frisiersalon und beim zahnarzt im wartezimmer

Linda Vilhjálmsdóttir erzählt in ihren Gedichten von Rollenbildern, die auf Frauen lasten, von der Überhöhung des Männergeschlechts an sich, von den männlichen Helden, die in Walhall ausgestellt werden und von den Frauen, die trotz oder mit ihrem „zerbrechlichen selbstbildnis“ die eigentlichen Kämpferinnen sind, die „unbekannten größen“ im Kleingedruckten. Linda Vilhjálmsdóttir wählt in ihren Gedichten oftmals das Stilmittel der Ironie, manchmal ist sie bitterböse, manchmal sehr direkt, immer glasklar, aber eines ist sie nie: Bittersüß-kitschig.

Anrührend dagegen schon, so in einem Langgedicht, das den Frauen ihrer Familie gewidmet ist, das von den Lebensverhältnissen der Urgroßmütter, Großmütter und Mütter erzählt, davon, wie diese sich ein Stück Würde und Freiheit den Verhältnissen abtrotzten. Die Mutter, schön und schick im mühsam zusammengesparten Wollmantel, auch eine der Generation, die mit „fünfzehn die hauptschule abgeschlossen hatte und von der schule gehen musste.“

So gibt Linda Vilhjálmsdóttir auch ein Stück isländische Lebenswirklichkeit in ihren Gedichten wieder, die zeigen: Frauenleben ähneln sich, Frauenträume auch, sei es in Island, Oberschwaben oder an der Nordseeküste. Und die Dichterin fordert auf, die Verhältnisse zu ändern, sie stimmt ein in die „revolutionskantate der haremsfrauen.“

Es wundert nicht, dass dieser Gedichtband, der 2018 in Island erschien, dort über Monate hinweg zu den meistverkauften Lyrikbüchern gehörte: In ihrer Direktheit und in dieser klaren Sprache sind die Gedichte auch Leserinnen und Lesern zugänglich, die nicht unbedingt lyrikaffin sind. Ihre Ironie und Geradlinigkeit machen sie zudem auch überaus unterhaltsam.

Neben Björg Björnsdottirs sechstem Wintermonat ist dies das zweite Projekt, das Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer in diesem Frühjahr gemeinsam als Übersetzer veröffentlicht haben. Das ist großartig – zeigt doch der direkte Vergleich der beiden Bände, wie vielfältig und von welchem formalen und inhaltlichen Reichtum die Lyrik dieses kleinen sagenhaften Landes ist!

Informationen zum Buch:
Linda Vilhjálmsdóttir
das kleingedruckte
Elif Verlag, 2021
110 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 20,00 €

https://elifverlag.de/produkt/das-kleingedruckte-%c2%b7-linda-vilhjalmsdottir/

Björg Björnsdottir: Der sechste Wintermonat

Eine sonntägliche Ruhe liegt über der Stadt. Noch setzt sich das Vogelgezirpe gegen den Straßenlärm durch. Durch die Zimmer weht eine frische Brise, die eine Ahnung vom heißen Tag, der kommen wird, mit sich bringt. Gewitterschwüle ist vertagt. Die Nacht wird aus den Augen gerieben, der Tag liegt vor mir wie ein offenes Buch. Das sind Morgenstunden, wie ich sie liebe – und wann, wenn nicht dann, ist die Zeit geeigneter, um Gedichte zu lesen, sich langsam in den Sinn und Gehalt lyrischer Sätze hinzutasten? Wie passend an solchen Tagen auch ein Zyklus über die Jahreszeiten:

Eine Welt in voller Blüte.

Eine Hummel.
Ein Rasenmäher in einem fernen Garten.

Eine Welt, die war,
eine Welt der Schwerelosigkeit.

Aus: „Heyannir – Der vierte Sommermonat“.

Mit den Gedichten von Björg Björnsdóttir, die erst im vergangenen Jahr in Island in erschienen sind, haben Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer, zwei unermüdliche Botschafter für die isländische Literatur, deutschsprachigen Leserinnen und Lesern ein besonderes Geschenk gemacht.

Der Band „Der sechste Wintermonat“ umfasst einen Jahresreigen. Zwölf Gedichte haben die beiden Übersetzer aus Björnsdóttirs erstem Gedichtband „Árhringur / Jahresring“ übertragen. Dem Zyklus, der wie der isländische Kalender nur die beiden Jahreszeiten Winter und Sommer kennt, ist eine feine Melancholie eingeschrieben, das Wissen vom Werden und Vergehen:

An diesem Morgen
ist die Stadt still.

Wir sind allein,
ich und die Ankunft des Herbstes.

(aus dem „fünften Sommermonat“).

Erinnert an Rilke, gewiss. Doch die isländische Dichterin braucht nicht das ästhetisch Überhöhte, das zuweilen Bombastische, um ihrem lyrischen Ich eine Stimme zu geben, die die „Angst vor dem Unwiderruflichen“ und das „Bedauern“ im Herzen angesichts des Vergehens, vielleicht auch dieser Angst vor einem langen Winter, zum Ausdruck bringt. Wissend, dass der Sommer zwar groß ist, der Winter aber wiederkommen wird, feiert sie vielmehr in zurückhaltenden, stillen Zeilen die „Sanftheit des Augenblicks“. Das ist alles fein und genau beobachtet, voller poetischer Bilder. Naturlyrik, die zeitlos und doch zugleich auch ganz zeitgemäß wirkt. Gedichte, mit denen sich der Sommer genießen lässt – aber Achtung:

Die Tage der Faulenzerei sind vorbei.
Vor mir steht das Fahrrad.

Wehendes Haar,
wilder Wind,
das Stahlross im Windschatten.

Dieser Zyklus, ein poetisches Juwel, kommt auch in einer besonderen, ihm angemessenen Verpackung daher: „Der sechste Wintermonat“ erschien nun zunächst in der Corvinus Presse als limitierte „Volksausgabe“. Es folgt ein Künstlerbuch mit den signierten Grafiken von Jón Thor Gíslason, handgebunden und in einer Kassette. Doch allein schon die Volksausgabe ist ein Beispiel allerfeinster Buchkunst: Mit den Radierungen des Künstlers, Gedicht für Gedicht sorgsam gesetzt auf einer Linotype und Buch für Buch nach japanischer Art offen gebunden, ist es ein wahrer bibliophiler Schatz.

Wolfgang Schiffer erläutert in einem Beitrag die Entstehung des Buches von der ersten Idee bis zur Herstellung: https://wolfgangschiffer.wordpress.com/2021/04/26/vom-buch-ubers-manuskript-zu-einem-neuen-buch/

Eine sehr feine Besprechung gibt es beim Lyrikhaus Fischer: https://lyrikatelierfischerhaus.com/2021/06/09/der-sechste-wintermonat-bjorg-bjornsdottir/

Zwei Gedichte in voller Länge bei Signaturen: https://www.signaturen-magazin.de/bjoerg-bjoernsdottir–zwei-gedichte-aus–der-jahresring–.html

Und hier alle Informationen zur Corvinus Presse: https://www.corvinus-presse.de/

Pega Mund: reste von landschaft

Wir…

„… sind unterwegs wie schaum an der küste
wie rauchige schlieren im ätherblau immer
allein das ist das ganze geheimnis nicht wahr?“

Auszug aus „schaum“ in: „reste von landschaft“, Pega Mund, 2021

Immer allein, und manchmal doch zu zweit, zu mehreren, das eigene Angesicht im Spiegel der anderen, manchmal in der Selbstbetrachtung („spieglein spieglein  das rot gelackte eineurolächeln“), so tastet sich hier eine lyrische Stimme durch „reste von landschaft“.

Der Titel dieses Gedichtbandes, „reste von landschaft“, deutet auf das Fragmentarische, Abtastende hin, das diesen Zyklus aus insgesamt zwölf Gedichten prägt. Sechs Schritte bzw. Gedichte vor, sechs Schritt-Gedichte zurück – der Band kann ebenso vor- wie rückwärts gelesen werden, eine Metapher für das Leben vielleicht, das uns immer wieder diesen zwei-Schritte-vorwärts-und-einen-zurück-Takt dirigiert.

Bild von Birgit Böllinger auf Pixabay

Das Fragmentarische, das Veränderliche, das was bleibt und das, was verloren geht, Wachstum und Verluste, sie bilden diese „reste von landschaft“. Nicht von ungefähr findet sich bereits im ersten Gedicht ein Hinweis auf Ovids Metamorphosen:

unlesbare fährten im frischgefalllenen nulli: nulli sua forma
manebat

Aber wenn nichts in seiner Form bleibt, wenn alles Veränderung ist, was ist dann die Substanz, wo bleibt der Kern? Das beinahe Chamäleon-artige lyrische Ich mit seinen „drei leben“ führt uns augenzwinkernd in die „wunderkammern“:

„Sind wir nicht Fetzen Fehlfunde nach Häutungen hin geblätterte
schlampig genähte so Wechselbalgstücke pathetisch geblähte Sind wir
nicht abgetakelte Wüstenwarane Zirkusvieh lautlos brennende Tiger
springen in Zauberers schwarzen Zylinder Apokalypse jetzt Sind wir“

Jetzt sind wir! Die Energie, die Kraft, die in dieser Aussage steckt, sie ist in allen diesen zwölf Gedichten zu spüren, auch in den düstern getönten Zeilen. Eine Eigenschaft der Sprache, die bereits Olga Martynova und Beate Tröger in ihrer Laudatio auf Pega Mund, die 2019 mit dem 2. Platz beim Gertrud Kolmar Preis ausgezeichnet wurde, heraushoben:

„Wodurch machen die Gedichte von Pega Mund gleich auf sich aufmerksam? Die einfachste und für mich die wichtigste Antwort: Sie haben poetische Substanz. Das ist eine schwer (wenn überhaupt) definierbare Eigenschaft, die alles entscheidet. Wenn sie fehlt, dann ist es egal, ob die Texte klug, witzig, aktuell, arrangiert, einfühlsam, kühl, leidenschaftlich oder was auch immer sind. Ohne diese Substanz bleiben sie nur leere Worte. Die Gedichte von Pega Mund haben diese Ladung, diese Energie, weshalb es interessant und spannend ist, sie näher zu betrachten.“

Quelle: Fixpoetry

Nicht von ungefähr ist der schmale, aber gehaltvolle Band mit dem Untertitel „Eine Begehung“ versehen – eine Wanderung durch Stadt-Landschaften, durch Land-Landschaften, durch Seelenlandschaften. Beinahe atemlos folgt man dem lyrischen Ich auf seinen Pfaden, ein Weg, der spannend ist, der manchmal auch ängstlich macht, vor allem aber durch die spürbare Lust am Spiel mit der Sprache viel Freude bereitet.

„reste von landschaft“ ist die erste Einzelpublikation der Autorin, die seit 2014 ihre Gedichte unter anderem in Anthologien und Literaturzeitschriften veröffentlicht. Zudem betreibt Pega Mund einen Blog: https://driftout.wordpress.com/

Informationen zum Buch:

Pega Mund
Reste von Landschaft
Black Ink Lyrik, 2021
28 Seiten geheftet, 8,00 Euro
ISBN: 978-3-930654-43-7

Bestellmöglichkeiten: Direkt beim Verlag http://www.blackink.de/literatur/lyrikreihe/pega-mund-reste-von-landschaft/index.html oder im Buchhandel.

Oxana Matiychuk: Rose Ausländers Leben im Wort

„Leben im Wort“ zeichnet das wechselvolle Schicksal der Lyrikerin nach, das sie von der grünen Bukowina und vom multikulturellen Czernowitz in die USA und wieder zurück nach Europa bis hin zu ihrem Lebensabend in Düsseldorf führte. Ein steter Begleiter war dabei das Wort: Die Fülle der Gedichte von Rose Ausländer zeugt davon, wieviel sie zu sagen hatte, die Schönheit ihrer Sprache ist auch ein Indiz für diese besondere kulturelle Landschaft der Bukowina, die mit ihr und Paul Celan zwei der größten Dichter dieser Zeit hervorbrachte. Und die beide ihr Leben lang die Vertreibung aus „dieser friedlichen Hügelstadt/von Buchenwäldern umschlossen“ in ihren Zeilen verarbeiteten, sondern auch Vertreibung, Tod und Unbehaustheit im Exil. In dem oben zitierten Gedicht „Cernowitz vor dem Zweiten Weltkrieg“, das auch in der Graphic Novel zu finden ist, schreibt Rose Ausländer:

Ihr Leben lang hatte Rose Ausländer Sehnsucht nach ihrer grünen Mutter, dem Buchenland der Bukowina. Bild von Dan Fador auf Pixabay

„Vier Sprachen
Verständigen sich
Verwöhnen die Luft

Bis Bomben fliegen
Atmete glücklich
Die Stadt“

Dr. Oxana Matiychuk, selbst in der Vielvölkerstadt, die heute zur Ukraine gehört, geboren, erzählt das Leben der Rose Ausländer chronologisch nach – von der behüteten Kindheit, die abrupt durch den Ersten Weltkrieg unterbrochen wird. Hier macht die junge Rose die erste Exilerfahrung, die Familie flieht nach Wien, kehrt aber in das Buchenland zurück. 1920 dann der zweite Wendepunkt durch den frühen Tod des Vaters, Rose Ausländer geht, wie viele andere auch, in die USA. Dies ist nicht die letzte örtliche Veränderungen in diesem von Veränderungen geprägten Leben – lange, bis sie in ein jüdisches Altersheim in Düsseldorf ging, lebte Rose Ausländer konsequent nur mit sieben Koffern in verschiedenen Pensionen. Immer abreisebereit, vielleicht auch immer auf der Flucht.

Die Ausländer-Expertin Oxana Matiychuk – sie ist Dozentin am Lehrstuhl für ausländische Literaturgeschichte, Literaturtheorie und slawische Philologie der Jurij Fedkowytsch Universität Czernowitz, Leiterin der „Ukrainisch-Deutschen Kulturgesellschaft Czernowitz“ am Zentrum Gedankendach und verfasste mit ihrer Promotionsarbeit zur „Genese des poetischen Textes im Werk von Rose Ausländer“ die erste Studie in der Ukraine zum Leben und Werk der bukowinischen Autorin – erzählt das Leben der Dichterin chronologisch, auf die wesentlichen Fakten reduziert und doch mit einer Liebe für die wichtigen Details (z.B. die sieben Koffer), die nicht nur die Dichterin beleuchten, sondern auch einen Blick auf den Menschen dahinter ermöglichen.

Neben der Erzählung der Biographie führt die Graphic Novel auch in die Entwicklung von Rose Ausländers Schreiben, in ihr Leben mit den Worten ein. Dies alles ist in einer klaren Sprache verfasst, „in kunstvoller didaktischer Reduzierung, ohne jedoch zu simplifizieren“, wie Maria Dippelreiter schreibt. Und geradezu hinreißend sind Layout und Illustration dieser Graphic Novel, mit viel Liebe zu Details. Die beiden Künstler dahinter sind die mehrfach ausgezeichnete ukrainische Grafikdesignerin Olena Staranchuk und der Illustrationskünstler Oleg Gryshchenko. Gestaltung und klare Sprache machen dieses wunderbare Geburtstagsgeschenk für Rose Ausländer auch zu einem idealen Medium, um Leben und Werk auch jüngeren Lesern oder Menschen, die nicht viel von ihr kennen, näherzubringen.

Informationen zum Buch:
Oxana Matiychuk: Rose Ausländers Leben im Wort. Graphic Novel.
Mit Illustrationen von Olena Staranchuk und Oleg Gryshchenko.
Verlag danube books, Ulm, April 2021
56 Seiten, 14 B x 20 cm H. Hardcover, Fadenheftung, gedruckt auf Munken  Lynx (170 g).
ISBN 978-3-946046-27-1.
16,00 EUR (D) | 16,50 EUR (A).