edition pudelundpinscher: Vera Schindler-Wunderlich – Langsamer Schallwandler

Kkann ichh nicht spre? Der Rhein
strömt und singt, ich aber grab
im Gesetz und find Vorsätzliches
Verursachen einer Überschwemmung
oder eines Einsturzes, eines Schallwandels,
einer Geburt oder eines

krumm schwimmenden Gedichts.

Auszug aus dem Gedicht „Art. 227 Ziff. 1 Abs. 1“, Vera Schindler-Wunderlich, „Langsamer Schallwandler“

In der Laudatio zum Schweizer Literaturpreis 2014 für die deutsch-schweizerische Lyrikerin Vera Schindler-Wunderlich hieß es:
„Genuin und gelehrt kommen die Gedichte von Vera Schindler-Wunderlich daher: vor allem aber schwungvoll. Rhythmus und Treffsicherheit prägen ihre Verse; sie erzählen Geschichten, die uns wie Bilder- und Worträtsel begegnen. Zeichen und Wunder. Solche Rätsel wollen aufgeschlüsselt sein. Nach und nach geben sie Teile von Sinn preis, voller Ernst und – auch – Humor.“

Die Schriftstellerin, die mit „Dies ist ein Abstandszimmer im Freien“ (2012) ihren ersten Lyrikband veröffentlichte, lässt sich Zeit mit ihrer Poesie. 2016 folgte „Da fiel ich in deine Gebäude“ und nun, ganz aktuell, der neue Lyrikband „Langsamer Schallwandler“. In der Zwischenzeit publizierte sie regelmäßig Gedichte in Zeitschriften und Anthologien. Einige Gedichte wurden ins Französische, Italienische, Rätoromanische, Englische, Spanische, Slowenische, Indonesische und Arabische übersetzt.

„Vera Schindler-Wunderlich hat bisher zwei sehr beachtete Lyrikbände vorgelegt mit Gedichten, die sich ähneln in ihrem starken lyrischen Duktus. Nun hat sich ein Schallwandler in ihre Poesie hineingeschoben, es ergibt sich ein neuer Ton“, schreibt die Lyrikerin Lioba Happel in ihrer Nachbemerkung zu diesem aktuellen Lyrikband. Etlichen der hier vorgelegten Texte, ob im experimentellen oder im eher vertrauten Stil gehalten, liege etwas zugrunde, was schon früher bei der Dichterin anklang: „eine feine Selbstbefragung der Zeilen“. So entstünden immer wieder neu zu begehende Textlabyrinthe, sei es über Alltägliches, sei es über Abgründiges. Diesem freien Fluss der Worte und Gedanken entspricht auch die typographische Gestaltung der Texte – eine Lyrik, die im mehrfachen Sinne manches auf den Kopf stellt.

Zur Autorin:

Bild: Sharon Stucki Select

Vera Schindler-Wunderlich, Jahrgang 1961, gebürtig aus Solingen (Deutschland). Seit 1994 berufstätig in der Schweiz, seit 2000 dort wohnhaft, seit 2009 Doppelstaatsbürgerin.

1980-1988: Studium der Musikwissenschaften, Romanistik und Anglistik in Köln, Aberdeen und Freiburg im Breisgau. Wissenschaftliche Abschlussarbeit über die Lyrik von Gerard Manley Hopkins. 1989 Weiterbildung zur Fachzeitschriftenredaktorin.

Seit 1990: Tätig als Redaktorin, Lektorin und wissenschaftliche Mitarbeiterin. Seit 2005 teilzeitlich Redaktorin, bis 2016 auch Protokollführerin, bei den schweizerischen Parlamentsdiensten in Bern.

2008-2012: Redaktorin bei der Literaturzeitschrift „orte“.

Förderungen, Anerkennungen:

2014 Schweizer Literaturpreis
2016 Werkbeitrag des Fachausschusses Literatur beider Basel
2020 nominiert für den Publikumspreis des Feldkircher Lyrikpreises
2020 Werbeitrag der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia
2021 Werkbeitrag des Fachausschusses Literatur beider Basel

Informationen zum Buch:
Vera Schindler-Wunderlich
Langsamer Schallwandler
Gedichte
Fadengeheftete Klappenbroschur
108 Seiten, 17.6 x 13.2 cm
Umschlagentwurf: Georg Mayr-Nusser
ISBN 978-3-906061-31-3

Edition pudelundpinscher
Bürglistrasse 19, CH-8820 Wädenswill
Email: post@pudelundpinscher.ch
www.pudelundpinscher.ch

Ein Beitrag im Rahmen meiner Pressearbeit

EDITION FAUST: Manfred Winkler – Noch hör ich deine Schritte


In den tiefen Mulden der Zeit
verflackert einer einmaligen
Kerze Licht.
Es ist schon spät
über Mitternacht hinaus,
viel zu spät zum Briefeschreiben
an dich –
den Farben der Erinnerung
und der Poesie
nur ein Gedanke kommt vielleicht
der aufflackert im Traum
und vergessen wird

„In den tiefen Mulden der Zeit“ von Manfred Winkler in: „Noch hör ich deine Schritte“, deutsch- und hebräischsprachige Gedichte, Edition Faust, Oktober 2022, herausgegeben und ausgewählt von Monica Tempian und Jan Kühne

Er wurde vor 100 Jahren in einer Kulturlandschaft geboren, deren Blüte einzigartig ist: Manfred Winkler kam 1922 in der Bukowina zur Welt, dort, wo auch Paul Celan und Rose Ausländer geboren sind. „Als Sohn eines wohlhabenden jüdischen Rechtsanwaltes erfuhr er die für begabte Landeskinder typische Ausbildung: Mit vierzehn kam er in die Hauptstadt Czernowitz/Cernăuţi, wo er zusammen mit Ukrainern, Polen, Rumänen, Ungarn, Juden und Deutschen aufs Gymnasium ging. Eine der historisch bewegtesten Landschaften Mittelosteuropas, die von 1775 bis 1918 zur Habsburgermonarchie gehörte und 1919 durch den Vertrag von Saint-Germain dem Königreich Rumänien zugeteilt wurde, bewahrte die Bukowina zur Zeit von Winklers Schulausbildung noch den Ruf einer multiethnischen Provinz mit einer besonders intensiven Produktivität des schöpferischen Lebens“, schreibt Monica Tempian im Vorwort zu dem Jubiläumsband „Noch hör ich deine Schritte“, der zum 100. Geburtstag des Dichters, Übersetzers und bildenden Künstlers bei der Edition Faust herauskommt.

Erstmals wird dabei die deutsch- und hebräischsprachige Lyrik in einem Band zusammengefasst, ergänzt durch eine Auswahl unveröffentlichter Gedichte aus dem Nachlass. Eine über Länder und Zeiten hinweg Sehnsucht weckende Stimme erklingt in der Lyrik Manfred Winklers, erregt Neugier, wirbt um Verständnis. Winklers Verse schöpfen sowohl aus seiner reichen verinnerlichten Lebenserfahrung als auch aus dem Arsenal zahlreicher Kulturen und Literaturen. Erinnerung und Abwehr des Vergessens, Krieg und politische Wirren, Ortswechsel und das unruhige Suchen nach Orientierung, Nähe und Gemeinsamkeit, menschliche Endlichkeit und immer wieder: die Grenze als kritische
Größe des Lebens – das sind Themen, denen sich der Lyriker mit unerbittlicher Aufrichtigkeit stellt.

Wenige Jahre vor seinem Tod hatte er der Germanistin und Literaturwissenschaftlerin Monica Tempian schriftlich sein plein pouvoir für die Veröffentlichung seines Werks gegeben. Die Herausgabe der deutsch- und hebräischsprachigen Gedichte Manfred Winklers (1922–2014) ist aus einer Zusammenarbeit Dr. Monica Tempians (Victoria University of Wellington) und Dr. Jan Kühnes (Hebrew University of Jerusalem) unter Mitwirkung von Rick Sahar (Victoria University of Wellington) hervorgegangen. Hans-Jürgen Schrader, Yvonne Livay und Hans Bergel (1925–2022) ist es hauptsächlich zu verdanken, dass Winklers Nachlass dem Archiv des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der LMU München (IKGS) anvertraut wurde, das den Jubiläumsband unterstützt.

Manfred Winkler war Lyriker, Bildhauer, Maler und Übersetzer Paul Celans ins Hebräische.
Am 27. Oktober 1922 in Putila nahe Czernowitz geboren, nach Shoa und Deportation im Zuge der rumänischen Repatriierung der Juden in Israel neu beheimatet, war Winkler bis 1981 als Leiter des „Theodor-Herzl-Archivs“ und Lektor der Herzl-Edition tätig. Danach wirkte er als freier Schriftsteller im Jerusalemer LYRIS-Dichterkreis. Für seine hebräische Lyrik wurde ihm 1999 der große Preis des Israelischen Ministerpräsidenten für Lyrik verliehen. Manfred Winkler starb am 12. Juli 2014 in Tsur Hadassah. Seine bleibende Bedeutung besteht in der Vermittlung zwischen europäischen und orientalischen
Sprachen und Kulturen. Sein Werk steht exemplarisch für die Begegnung zwischen
dem deutschen und hebräischen Sprachraum: Nebst dem mehrsprachig geprägten deutschen Idiom seiner multikulturellen Herkunftsregion Bukowina und der damit aufgerufenen Sphäre von humanistischer Gesinnung macht es auf beeindruckende Weise die kulturelle Sphäre der orientalischen Welt mit ihrer spezifischen Sprachfärbung vernehmbar.

Informationen zum Buch:

Manfred Winkler
Noch hör ich deine Schritte
Deutsch- und hebräischsprachige Gedichte

Edition Faust, Oktober 2022
Herausgegeben und ausgewählt von Monica Tempian und Jan Kühne
Gebunden, 272 Seiten, 24,00 €
Mit Zeichnungen und Skizzen von Manfred Winkler
ISBN 978-3-949774-09-6

https://editionfaust.de/

Ein Beitrag im Rahmen meiner Pressearbeit für die Edition Faust.

Der Herbst bei Kröner, Dielmann, Mirabilis und der STROUX edition

Die Blätter fallen und die neuen Bücher kommen: Bei den Verlagen, für die ich arbeite, warten die Bücher aus den aktuellen Herbstprogrammen auf ihre Leser.

Alfred Kröner Verlag
Bereits Ende September erschienen sind im Alfred Kröner Verlag die vier Titel aus der Kröner Edition Klöpfer: „Professor Lear“ von Joachim Zelter, „Das Zusammenfalten der Zeit“ von Walle Sayer, „Deutsche Szenen“ von Gerhard Stadelmaier sowie „Und jetzt ist Schluss“ von Christine Lehmann. In diesen Tagen erscheint zudem ein von Gabriele Haefs übersetzter Roman, der ähnlich wie „Brooklyn soll mein Name sein“ von Eduardo Lago (erst vor kurzem im Interview mit Denis Scheck in „Druckfrisch“ zu sehen), in seinem Herkunftsland ein riesiger Erfolg war: „Zweckfreie Kuchenanwendungen“ von Yeoh Jo-Ann.
Der Debütroman der Autorin aus Singapur erhielt aus dem Stand mehrere Preise und Nominierungen und gilt als passendes Portrait der „Post-Millenium-Generation“.
Das Herbstprogramm zum Durchblättern findet sich hier: https://www.book2look.com/book/sasiUXOf71

axel dielmann-verlag
Ein ganzes Herbstprogramm komplett mit Lyrik! Kann das gutgehen? Die Frage stellt sich Verleger Axel Dielmann selbst in seiner Vorschau. Und meint: „Na ganz einfach, indem wundervolle Dichterinnen und Dichter in schöne Bände gepackt werden. Und das ist hier achtfach geschehen. Denn es ist eindeutig so: Die notwendige Erarbeitung von sprachlichen Möglichkeiten, welche sich die rasant und massiv verändernden Rahmenbedinungen unseres Lebens wenigstens in ersten Annäherungen formulieren und ausdrücken könnten, findet in der zeitgenössischen Lyrik statt. Und die Dichterinnen und Dichter, welche ihre Sprache auf die Aussprechbarkeit der neuen Unbegreiflichkeiten und Herausforderungen,
der Komplexität und Dynamik hin prüfen, müssen lesbar gemacht werden.“

Die Vorschau, die auch noch einen EU-Lyrik-Reisepass bietet, und Informationen zu den einzelnen Titeln finden sich hier: http://www.dielmann-verlag.de/de/termine/detail/~id.425~nm.5/LYRIK-Halbjahr-im-Verlag.html
Als PDF zum Download:

Mirabilis Verlag
Beim Mirabilis Verlag erscheint Ende Oktober „Nur einmal mit den Vögeln ziehn“ von Sylvia Frank. Hinter dem gemeinsamen Pseudonym stecken Sylvia und Frank Meierewert. Beide Autoren haben bereits zahlreiche Bücher veröffentlicht, gemeinsam, aber auch einzeln unter verschiedenen Pseudonymen, u. a. beim Aufbau Verlag, bei Ullstein und Gmeiner. Der Roman erzählt das Leben von fünf Menschen von 1977 bis zur Wendezeit 1989/1990.
Jens, Anna Maria, Ivo, Siv und Aki begegnen sich und trennen sich wieder – der Roman schildert ihre Hoffnungen und Träume, Erwartungen und Enttäuschungen, den Wunsch nach Selbstverwirklichung und das Scheitern an der Realität, die Rebellion gegen Systeme und die Suche nach dem eigenen Weg, gepaart mit dem steten Gefühl, alles in diesem einen Leben erreichen zu müssen. – Ein fiktiver Roman, beruhend auf wahren Ereignissen.

Das Programm zum Download:

STROUX edition:
Vor 80 Jahren, am 3. Oktober 1942, wurde in Peenemünde zum ersten Mal eine A4-Rakete gestartet. Alfred Schmidt erzählt in dem biographischen Roman „Gröttrup und das Universum der erfinderischen Zwerge“ die Geschichte des genialen Erfinders Helmut Gröttrup, die auch ein Stück DDR-Geschichte ist. Das Buch erscheint am 17. Oktober.

Im November folgt mit „Die Göttlichen Kindchen“ von Tatjana Gromača die Übersetzung ihres Romans über die Geschichte ihrer Mutter, die an den Folgen der Wirtschaftskrise, des aufkommenden Nationalismus und des Krieges in Kroatien psychisch zerbricht. Das Buch wurde in Kroatien mit mehreren Preisen ausgezeichnet, nun wird es erstmals in deutscher Übersetzung vorliegen.

Das Programm zum Download:

Wer eines der (oder alle) Programme per Post zugesandt haben möchte – ich freue mich über eine kurze Nachricht. Und natürlich nehme ich gerne auch Rezensionswünsche entgegen, versende Leseproben und weitere Informationen.

Hildegard E. Keller: „Was wir scheinen“ – die Reise mit Hannah Arendt geht weiter

„Was wir scheinen“ ist der Roman einer großen Lebensreise von Königsberg über Berlin,
Paris nach New York, nach Jerusalem, Zürich, Basel und Rom und auch immer wieder ins sommerliche Tessin. Und die Reise mit der poetischen Denkerin Hannah Arendt geht weiter: Der erfolgreiche Debütroman von Hildegard E. Keller erscheint am 26. August nun auch als Taschenbuch.

Im Sommer 1975 reist Hannah Arendt, eine der bedeutendsten Frauen des 20. Jahrhunderts, im Alter von 69 Jahren ein letztes Mal von New York in die Schweiz, in das Tessiner Dorf Tegna. Von dort fliegen ihre Gedanken zurück nach Berlin und Paris, nach Marseille und in die USA der 1940er Jahre, nach Jerusalem und Rom. Sie ist Tochter, Geliebte und Ehefrau, Professorin, leidenschaftliche Freundin, Witwe jetzt. In Tegna möchte sie noch einmal denken und dichten, faulenzen und mit den Rotkehlchen das Leben genießen. Doch mit den Erinnerungen kehrt auch die an den Eichmann-Prozess 1961 wieder. Was wir scheinen erzählt von einer Hannah Arendt, die aus dem Schatten der bekannten Fakten tritt. Sie gibt sich zu erkennen mit ihrem ganzen Unabhängigkeitsdrang, Scharfsinn und Witz sowie ihren zarten Saiten, auf denen sie meist nur für sich selbst spielte. Hildegard Keller wirft einen mitreißend frischen Blick auf Hannah Arendts Leben und Werk. Sie lädt zum Entdecken und Staunen ein, unterwegs mit einer starken und verletzlichen Frau, die ihre Freiheit über alles schätzte.

Noch mehr Informationen, zahlreiche Abbildungen und ein Interview mit Hildegard E. Keller zu ihrer persönlichen Reise mit und zu Hannah Arendt finden sich in diesem Flyer:

Zur Autorin:
Von 2009 bis 2019 war Hildegard Keller Literaturkritikerin im Fernsehen (Jurymitglied beim Bachmannpreis, ORF/3sat; Kritikerteam des Literaturclubs SRF/3sat). Seit 2019 konzentriert sie sich auf das eigene literarische Schreiben und die Tätigkeit als Filmemacherin sowie Herausgeberin der Edition Maulhelden. Seit den frühen 1990er Jahren lehrte sie deutsche Literatur an Universitäten im In- und Ausland (USA, GB, NL, D, ARG, TUR), zehn Jahre lang als Professorin an der Indiana University in Bloomington (USA), wo sie ihren ersten Dokumentarfilm (Whatever Comes Next, 2014) geschaffen hat; heute lehrt sie Multimedia-Storytelling an der Universität Zürich. Ihr Werk umfasst Romane, Hörspiele, Radiofeatures, Podcast, Filme und Performances.
Homepage: https://www.hildegardkeller.ch/

Alle Informationen zum Buch gibt es auf der Seite des Eichborn Verlags: https://www.luebbe.de/eichborn/buecher/gegenwartsliteratur/was-wir-scheinen/id_8017802

Buchwerbung/Ein Beitrag im Rahmen meiner Presseaktivitäten.

Rainer Maria Rilke – Ich ließ meinen Engel lange nicht los

Bild: Birgit Böllinger

Ich ließ meinen Engel lange nicht los,
und er verarmte mir in den Armen
und wurde klein, und ich wurde groß:
und auf einmal war ich das Erbarmen,
und er eine zitternde Bitte bloß.

Da hab ich ihm seine Himmel gegeben, –
und er ließ mir das Nahe, daraus er entschwand;
er lernte das Schweben, ich lernte das Leben,
und wir haben langsam einander erkannt…

Seit mich mein Engel nicht mehr bewacht,
kann er frei seine Flügel entfalten
und die Stille der Sterne durchspalten, –
denn er muss meiner einsamen Nacht
nicht mehr die ängstlichen Hände halten –
seit mich mein Engel nicht mehr bewacht.

Rainer Maria Rilke, Engellieder aus dem Band „Dir zur Feier“ (1897/1898).

Als ich dieser Tage diesen Schnappschuss dieser Flügelwesen im Regen machte, kam mir der Halbsatz „Wenn Engel weinen…“ in den Sinn. Und wenn ich schon in sentimentaler Stimmung bin, dann ist meist auch Rilke nicht weit. Manche nennen seine Gedichte Kitsch, ich dagegen staune immer wieder, wie man soviel Gefühl gepaart mit Verstand in sprachliche Musik umwandeln kann. Den Gedichtband „Dir zur Feier“ widmete er seiner großen Liebe Lou Andreas-Salomé, die „Engellieder“ sind im Kapitel „Mir zur Feier“ zu finden. „Ich ließ meinen Engel lange nicht los“: Im Grunde eine ganz unsentimentale Bestandsaufnahme einer komplizierten Paarbeziehung.

KRÖNER VERLAG: Hubert Klöpfer – Der handschriftliche Gedichtekalender 2023

Jahr für Jahr ist er ein echter „Hingucker“, der handschriftliche Gedichtekalender, handgeschrieben und herausgegeben von Hubert Klöpfer. Seit dem vergangenen Jahr gibt es bei diesem Kalender, der bereits zahlreiche Sammler hat, eine Neuerung: Die Auswahl der Gedichte treffen neben Hubert Klöpfer nun auch prominente Gedichte-„Patinnen“ und „Paten“ aus dem Literaturbereich.

Unter anderem tragen so zum handschriftlichen Gedichtekalender 2023 Ulrich Tukur, Matthias Politycki und Thea Dorn zu einer überraschenden lyrischen Vielfalt von der Klassik bis zur Moderne bei: Von Hölderlin bis Thomas Brasch, von Knorr von Rosenroth bis Rose Ausländer reicht die Bandbreite. Walle Sayer und Christine Langer als „Kröner-Hausautoren“ sind ebenso vertreten wie eben Matthias Politycki und Susanne Gührs mit bislang unveröffentlichten Gedichten.
Doch nicht nur wegen der besonderen Lyrikauswahl und der hervorstechenden Handschrift ist dieser Kalender ein wahres Schmuckstück! Sondern auch aufgrund der handwerklich feinen Verarbeitung: Er wird von der renommierten italienischen Druckerei Grafiche Busti in Verona auf edles Munken Pure Papier in hoher Grammatur gedruckt und ist mit einer silber-matten Spiral­bindung sowie einer stabilen Aufhängung versehen. Neben den Gedichten in faksimilierter Abschrift bietet der Kalender 2023 auch Extraseiten, auf denen die Gedichte in zweifelsfrei lesbarem Schriftsatz abgedruckt sind. Der handschriftliche Gedichtekalender 2023 erscheint im September.

Weitere Informationen auf der Verlagsseite: https://www.kroener-verlag.de/details/product/gedichtekalender-2023/

Pressestimmen:

„Berührende Gedichte, in eine illustrative Handschrift gekleidet, die den stillen Glanz erlesener Sprachgeschmeide zum Leuchten bringt.“
Helmut Benze in der Rubrik „Benzes Besonderes Buch“, Buchmarkt 11/2021

„Wer aber einen Kalender sucht, der das Formale und die Schönheit des Abdrucks schätzt, dem sei der Kalender aus dem Kröner Verlag ans lyrische Herz gelegt, gestaltet von Hubert Klöpfer.“ – Matthias Ehlers, WDR



Ein Beitrag im Rahmen meiner Pressearbeit für den Alfred Kröner Verlag.

WORTSCHAU VERLAG: Johanna Hansen – Mondhase an Mondfisch

Eine Partitur von Robert Schumann
Fragmente aus dem Briefwechsel von 
Clara und Robert Schumann 
Lyrik und Malerei von Johanna Hansen

Zwei schöne Wörter, eine Liebesgeschichte und eine Partitur haben zu diesem Buch geführt. Zunächst waren da die Kinderszenen und andere Klavierstücke von Robert Schumann. Eine Partitur vom Trödelmarkt, das Papier bereits leicht brüchig und vergilbt, der Einband schwarz wie der von alten Schulkladden.

Ebenso wie die Musik der Schumanns trägt die Lyrikerin und Malerin Johanna Hansen seit Jahren auch die beiden Wörter »Mondfisch« und »Mondhase« mit sich herum. Während der Pandemie reichte sie beide für das Lexikon der schönen Wörter des Literaturhauses Stuttgart ein. Gesucht wurden Trostwörter und solche, die Zuflucht geben: Für Johanna Hansen die ureigentliche Bedeutung der beiden Begriffe.

»Den Hasen im Mond, ein mythisches Tier, das für die Mondgöttin in einem Mörser wohlriechende Kräuter für ein Unsterblichkeitselexier zerstampft, und den Mondfisch, ein lebendes Fossil, zusammenzubringen, reizte mich sehr«, so die Künstlerin.
Aber wo sollten sie sich treffen? Die Partitur von Robert Schumann wurde schließlich, so unvorstellbar es auf den ersten Blick erscheinen mag, der Ort, an dem »Mondfisch« und »Mondhase« sich begegnen können.

Die Partitur als Malgrund wurde zum Bestandteil eines poetisch-künstlerischen Projekts, das seine endgültige Form dann durch die Lektüre des Briefwechsels zwischen Clara Wieck und Robert Schumann fand. Die Hindernisse, die die beiden Liebenden überwinden mussten, um heiraten und zusammen leben zu können, bewegten Johanna Hansen sehr. Da der Vater Clara Wiecks lange einer Heirat nicht zustimmte, konnten sich die beiden Musiker nur unter konspirativen Umständen treffen, der Brief wurde zu ihrem Medium. »Die Kraft dieser Liebe, aber auch ihre künstlerische Auseinandersetzung, das alles hat mich sehr inspiriert«, sagt Johanna Hansen.

Auf den Doppelseiten dieses Kunstbuches treffen sich die Lyrik Johanna Hansens, ausgewählte Zitate aus dem Briefwechsel von Robert Schumann und Clara Wieck sowie die ausdrucksstarken Bilder von Johanna Hansen zu einem einzigartigen Trialog über Menschen, die wie ferne Monde zu sein scheinen und sich dennoch immer wieder berühren und begegnen. »Mondhase an Mondfisch«: Aus ganz unterschiedlichen Elementen ist ein Versuch über die Liebe, in guten wie in schwierigen Zeiten entstanden, eine Wort-Bild-Begegnung über die Sehnsucht nach Nähe, Berührung, aber auch nach dem Einssein mit sich und dem anderen: der Welt.

Das Kunstprojekt wurde gefördert vom Ministerium für Wissenschaft und Kultur des Landes Nordrhein-Westfalen.

Zur Autorin:
Johanna Hansen, Malerin und Autorin, lebt in Düsseldorf. Kindheit am Niederrhein. Studium der Germanistik und Philosophie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelm- Universität Bonn. 1. und 2. Staatsexamen.Zunächst Journalistin und Lehrerin. 1991 Beginn der künstlerischen Tätigkeit. Autorin und Malerin. Seit 1993 zahlreiche Ausstellungen, seit 2008 literarische Veröffentlichungen. Seit 2013 Herausgeberin der Literaturzeitschrift WORTSCHAU, www.wortschau.com.
In Zusammenarbeit mit Musikern, Komponisten und Videokünstlern entstanden Performances, Poesiefilme und spartenübergreifende literarische, musikalische und bildnerische Projekte. Texte wurden ins Englische, Lettische, Spanische, Französische und Hindi übersetzt.
www.johannahansen.de
Kontakt: johanna.hansen@t-online.de

Stimmen zum Buch:

„Sehnsucht erfasst alles im Sehnsüchtigen: die inneren Bilder, die Sprache, das, was gehört, gesagt und verstanden wird. Wie in einem Trialog aus Sprache, Bild und Musik manifestiert und umspielt Johanna Hansens Buch eine unstillbare und schon allein deswegen nicht zum ultimativen Happy End sich eignende Sehnsucht.“ – Stefan Hölscher, Signaturen

Ein Blick ins Buch bei den Signaturen: https://signaturen-magazin.de/johanna-hansen—nie-denke-ich-daran-mich-zu-verlieren-.html

„Ein Werk von großer Poesie.“ – Barbara Weitzel, Welt am Sonntag

„Ein Gedichtband, der ein berückend schönes Objekt voller Bilder ist und dazu noch eine Hommage an die Liebe von Clara und Robert Schumann.“ – Birgit Koelgen, Düsseldorf aktuell

Mit Musik Schumanns: Kerstin Bachtler stellt „Mondhase an Mondfisch“ im SWR vor:
„Eine musikliebende Lyrikerin, die auch malen kann, bekommt eine Partitur von Robert Schumann geschenkt und macht daraus ein neues Kunstwerk. Das ist die Geschichte des Langgedichts „Mondhase an Mondfisch“ von Johanna Hansen.“
https://www.swr.de/swr2/literatur/mondhase-an-mondfisch-von-johanna-hansen-100.html

Im Podcast von Regina Lehrkind: https://open.spotify.com/episode/5sP6nPd6JQKBluKJbiwW23

Bibliographische Angaben:
Johanna Hansen
Mondhase an Mondfisch
Wortschau Verlag, Juni 2022
92 Seiten, Kunstbuch, eine Begegnung von Poesie und Malerei, 69,00 € 
ISBN 978-3-944286-37-2

Pressekontakt und Rezensionsanfragen:
Birgit Böllinger
Büro für Text und Literatur
Auf dem Rain 2
86150 Augsburg
Telefon: 0821 4509-133
E-Mail: kontakt@birgit-boellinger.com

oder über den Verlag:
WORTSCHAU Verlag
Winzinger Straße 48, 67433 Neustadt/Weinstraße
Telefon: 0 63 21/4 81 71 73, wolfgang.allinger@wortschau.com

www.wortschau.com

EDITION FAUST: Zum E.T.A.Hoffmann-Jubiläum – Der goldene Topf, illustriert von Alexander Pavlenko

In Frankreich wurde er früh zum Klassiker, im deutschsprachigen Raum hingegen blieb E.T.A. Hoffmann (1776-1822) der Rum lange verwehrt. Heute gilt Hoffmann als einer der wichtigsten deutschen Schriftsteller der Romantik. Der studierte Jurist war Musiker und Zeichner, Bekanntheit erlangte er jedoch als Verfasser ungeheuerlicher Geschichten wie „Der Sandmann“, die „Serapionsbrüder“ oder „Kater Murr“.
Passend zum 200. Todesjahr von E.T.A. Hoffmann erscheint dessen Novelle „Der goldene Topf“ in der Edition Faust in einer visuell herausragenden Neuausgabe. Ihre Bildwelt erfährt in den Illustrationen von Alexander Pavlenko eine zeitgemäße Interpretation. Pavlenko zitiert die im 19. Jahrhundert verbreitete Scherenschnitttechnik und ermöglicht einen neuen Blick auf Hoffmanns Klassiker mit all seinen Doppeldeutigkeiten.
E.T.A. Hoffmanns Novelle „Der goldene Topf“ entstand während seines Zwischenspiels in Dresden, wo Hoffmann zwischen 1813 und 1814 als Kappellmeister wirkte. Die Novelle war eine seiner ersten schriftstellerischen Erfolge und gilt als ein Höhepunkt der romantischen Literatur. Der Autor selbst bezeichnete das 1814 erschienene Werk als „Märchen aus der neuen Zeit“.
Sie handelt vom jungen Studenten Anselmus, der am Himmelfahrtstag in Dresden durch das Schwarze Tor rennt und in den Korb eines Apfelweibs hineinstolpert. Daraufhin lässt er sich an den Elbwiesen unter einem Holunderbusch nieder, als er plötzlich Stimmen zu hören glaubt. Anselmus blickt in die Augen der Schlange Serpentina und verliebt sich in sie. Kurz darauf wird ihm eine Stelle als Kopierer beim Archivarius Lindhorst angeboten, der in Wahrheit ein Salamanderfürst aus Atlantis und Serpentinas Vater ist…
E.T.A. Hoffmann erzählt Anselmus‘ Weg von Dresden nach Atlantis in einem stetigen Pendeln zwischen bürgerlich-rationaler Realität und der phantastischen Welt der Poesie.

Ebenfalls in diesem Bücherjahr ist in Zusammenarbeit mit Alexander Pavlenko die Graphic Novel FAUST bei der Edition Faust erschienen. Auch hier gelingt es dem international erfolgreichen Künstler Alexander Pavlenko es mit meisterlich gezeichneten Szenen wie aus einem kühnen Historienfilm, Goethes zentrales und exemplarisches Drama mit seinen verschiedenen Sphären, Milieus und Zeiten sinnfällig in entsprechenden Stilen zu visualisieren.

Stimmen zum Buch:

Im Podcast von Irmtraud Gutschke für Neues Deutschland

„Das großartige Zusammenspiel zwischen Illustration und Text haucht dem Buch neues Leben ein – ein guter Grund, diese besondere Geschichte wieder einmal zu lesen.“ – Esthers Bücher

„Die wunderschönen Illustrationen von Alexander Pavlenko sind eine wundervolle Ergänzung zur geschriebenen Geschichte.“ – Lesenswertes aus dem Bücherhaus

„Die in der Novelle heraufbeschworene Bildwelt erfährt in den Illustrationen von Alexander Pavlenko eine zeitgemäße Interpretation. Pavlenko zitiert dabei die im 19. Jahrhundert verbreitete Scherenschnitttechnik und ermöglicht einen neuen Blick auf E.T.A. Hoffmanns Klassiker.“ – Lesering.de

„Einzigartig durch Alexander Pavlenko illustriert: Romantisches Geplänkel in wohl geformten Schnitten, die organischen Formen ähneln. Beängstigende Szenarien mit bizarren Mustern. (…) Hoffmanns Erzählweise fordert den Leser und zieht ihn gleichzeitig in eine Welt voller Poesie. Die Abbildungen sind das optische Highlight dieser besonderen Ausgabe.“ – Karsten Koblo, aus-erlesen.de

Informationen zum Buch:
E.T.A. Hoffmann
Der goldene Topf
Illustriert von Alexander Pavlenko
Edition Faust, Frankfurt am Main, 2022
168 Seiten, Hardcover, 20,00 €
ISBN 978-3-945400-48-7
https://editionfaust.de/produkt/der-goldene-topf/

Ein Beitrag im Rahmen meiner Pressearbeit für die Edition Faust.


KATHRIN NIEMELA: Lesung in der Lyrikhandlung in Tübingen

Am Samstag, 21. Mai, 17.00 Uhr liest Kathrin Niemela aus ihrem Debütband „wenn ich asche bin, lerne ich kanji“ in der Lyrikhandlung am Hölderlinturm, Bursagasse 15, 72070 Tübingen. Eva Christina Zeller („Unterm Teppich“) moderiert und führt das Gespräch mit Kathrin Niemela.

Der Eintritt für die Lesung bei Brot und Wein beträgt 10,00 Euro, ermäßigt 5,00 Euro.

Wegen der begrenzten Teilnehmerzahl wird um eine Anmeldung bis zum 15. Mai gebeten:
https://lyrikhandlung.de/veranstaltungen/

Ort: Lyrikhandlung Tübingen

Johanna Hansen, Ulrike Schrimpf: Pariser Skizzen / Je te flingue

Bild: Jardin De Tuileries – https://pixabay.com/de/users/gaimard-10324218/

was uns möglicherweise eint im
nirgendland sind wir eher daheim als
in festgestelltem c`est une façon de
chercher

Auszug aus: „refuge/bild dir nichts ein“ in „Pariser Skizzen. Je te flingue“ von Ulrike Schrimpf und Johanna Hansen.

Es sind die Momente, bevor der Vorhang hochgeht, das Herzklopfen, das Lampenfieber, die Nervosität vor dem Auftritt. Und da die innere Stimme, die leise flüstert: „Nimm dich nicht zu wichtig. Bild dir nichts ein.“ Es schimmert immer wieder durch in diesen „Pariser Skizzen“, diese Fragilität des weiblichen Selbstbewusstseins, das sich behaupten muss gegen die Glaubenssätze, die frau mitgegeben werden, schon von Kindheit an, die sie aber auch annimmt, um sie dann doch mit einer Mischung aus Stolz, aus Selbstentfaltung und Selbstgestaltung zu überwinden. Das zögernde Kind, die junge Künstlerin, die sich im ersten Zyklus dieses wunderschönen Gedichtbands, nicht einmal selbst zugesteht, eine zu sein – der aussagekräftige Titel: „an eine junge künstlerin (die ich nie war)“ – sie lässt die Selbstzweifel allmählich vorwärts tastend hinter sich, gelangt zu ihrer eigenen „façon“:

„(…) denken sie
immer daran was sich auch
tun tun sie es mit
einer krone aus
glas und mine
de rien“

Scheinbar beiläufig werden die „Gesetze der Wahrscheinlichkeit“, so der Titel des letzten Zyklus in „Pariser Skizzen. Je te flingue“ unterlaufen. Das pantherhafte Drehen im allerkleinsten Kreise wird überwunden. Das tragische Ende der „Azur in nuce“ ist nicht ihres. Beides zeigt auch, wie elegant Ulrike Schrimpf viele feine Bezüge zur titelgebenden Stadt einzuflechten vermag, wie sie mit müheloser Geste auf poetische Vorläufer*innen referiert. Doch nicht nur diese Zwiegespräche mit Rilke, Unica Zürn und anderen sind es, die das lyrische Ich dieses Bandes in seinem Weg bestärken, begleiten, befördern – es ist vor allem die Zwiesprache mit einer anderen Dichterin, die auch – und in diesem Gedichtband vor allem – als bildende Künstlerin tätig ist. Jedes der Gedichte Ulrike Schrimpfs korrespondiert mit einem Bild von Johanna Hansen. Und man sieht es deutlich beim abschließenden Doppelportrait: Da haben sich zwei Künstlerinnenseelen gefunden.

„Da haben sich zwei getroffen, die gern schonungslos ablichten zu shootings – im Sinne von Fotos, aber auch mit dem Messer oder Revolver – oder Lippenstift als Waffe. Sie sehen sich in ihrer Weiblichkeit nicht als Objekte, nicht als targets, sondern zielen selber hin“, so Kristian Kühn im Vorwort zu diesem Band.

Kristian Kühn von den „Signaturen“ brachte die beiden zusammen, als „Ulrike Schrimpf Bilder suchte, um ihr inneres Drängen mit konkret vorhandenen Bildern in ein formales Verhältnis zu bringen.“ Ausschlaggebend war für Kühn das „latent Überfließende“, das er im Werk beider Frauen wahrnahm. Was er nicht ahnte, war, dass beide Frauen diesen engen Paris-Bezug hatten: Johanna Hansen hatte ihre Pariser Skizzen während ihrer Zeit im Gastatelier der Cité Internationales des Arts in Paris erstellt, Ulrike Schrimpf die Stadt über ihre Familie und in ihrer Zeit als Studentin intensiv kennengelernt. Und so spielt auch die Stadt Paris in diesem Buch naturgemäß eine zentrale Rolle, neben dem lyrischen weiblichen Ich eigentlich wie ein eigenständiges Wesen, mal hell-leuchtend, dann wieder voller Abgründe. Eine wuchernde Pflanze, ein Moloch, wie er in der expressionistischen Lyrik als Topos erstand, in eindrucksvollen Bildern geschildert:

tu n`es pas venu zu einem
unterbrochenen klang der nun ihr
gehört wächst eine krautige
schlingpflanze im Jardin manche
enden um einen stuhl gewickelt“

Schlingpflanzen gleich ziehen Ulrike Schrimpfs Poeme mit ihren ausdrucksstarken Bildern beim Lesen förmlich in die Gedichte mit hinein, die überraschenden Wendungen, das Spiel mit den Polen, das Gefangensein in und entlassen werden aus diesen Gedichten ist ein sinnliches Erlebnis, das in den ebenso konkreten wie dennoch rätelshaften Bildern von Johanna Hansen seine Fortsetzung findet.

Informationen zum Buch:

Johanna Hansen, Ulrike Schrimpf
Pariser Skizzen / je te flingue
Edition Melos, Wien, 2021
ISBN 978-3-9519842-8-5

Homepage von Ulrike Schrimpf: https://www.ulrike-schrimpf.de/
Homepage von Johanna Hansen: https://www.johannahansen.de/

Einen Eindruck von den Pariser Skizzen von Johanna Hansen bietet dieses wunderschöne Video: