Ein Schmuckstück: Der handschriftliche Gedichtekalender

Mit Gedichten von Ernst Blass, Richard Dehmel, Emily Dickinson, Joseph von Eichendorff, Robert Gernhardt, Johann Wolfgang Goethe, Andreas Gryphius, Friedrich Hölderlin und vielen weiteren Poetinnen und Poeten durch das Jahr – das ist allein schon ein schöner Gedanke.

Doch zur Besonderheit wird der Gedichtekalender 2022, der im September im Kröner Verlag erscheint, durch seine hochwertige Gestaltung und Ausstattung. Jedes Gedicht ist handgeschrieben von Hubert Klöpfer und wird in faksimilierter Abschrift präsentiert. Damit setzt Hubert Klöpfer die Tradition des handschriftlichen Gedichtekalenders des renommierten Freiburger Buchhändlers Thomas Bader fort.

Neu: Die einzelnen Gedichte haben „Patinnen und Paten“, sie wurden von namhaften Literaturfachleuten, darunter unter anderem Matthias Politycki, Rainer Moritz, Thea Dorn und Denis Scheck, vorgeschlagen.

Weitere Informationen auf der Verlagsseite: https://www.kroener-verlag.de/details/product/gedichtekalender-2022/

Ein Beitrag im Rahmen meiner Pressearbeit für den Alfred Kröner Verlag.

Björg Björnsdottir: Der sechste Wintermonat

Eine sonntägliche Ruhe liegt über der Stadt. Noch setzt sich das Vogelgezirpe gegen den Straßenlärm durch. Durch die Zimmer weht eine frische Brise, die eine Ahnung vom heißen Tag, der kommen wird, mit sich bringt. Gewitterschwüle ist vertagt. Die Nacht wird aus den Augen gerieben, der Tag liegt vor mir wie ein offenes Buch. Das sind Morgenstunden, wie ich sie liebe – und wann, wenn nicht dann, ist die Zeit geeigneter, um Gedichte zu lesen, sich langsam in den Sinn und Gehalt lyrischer Sätze hinzutasten? Wie passend an solchen Tagen auch ein Zyklus über die Jahreszeiten:

Eine Welt in voller Blüte.

Eine Hummel.
Ein Rasenmäher in einem fernen Garten.

Eine Welt, die war,
eine Welt der Schwerelosigkeit.

Aus: „Heyannir – Der vierte Sommermonat“.

Mit den Gedichten von Björg Björnsdóttir, die erst im vergangenen Jahr in Island in erschienen sind, haben Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer, zwei unermüdliche Botschafter für die isländische Literatur, deutschsprachigen Leserinnen und Lesern ein besonderes Geschenk gemacht.

Der Band „Der sechste Wintermonat“ umfasst einen Jahresreigen. Zwölf Gedichte haben die beiden Übersetzer aus Björnsdóttirs erstem Gedichtband „Árhringur / Jahresring“ übertragen. Dem Zyklus, der wie der isländische Kalender nur die beiden Jahreszeiten Winter und Sommer kennt, ist eine feine Melancholie eingeschrieben, das Wissen vom Werden und Vergehen:

An diesem Morgen
ist die Stadt still.

Wir sind allein,
ich und die Ankunft des Herbstes.

(aus dem „fünften Sommermonat“).

Erinnert an Rilke, gewiss. Doch die isländische Dichterin braucht nicht das ästhetisch Überhöhte, das zuweilen Bombastische, um ihrem lyrischen Ich eine Stimme zu geben, die die „Angst vor dem Unwiderruflichen“ und das „Bedauern“ im Herzen angesichts des Vergehens, vielleicht auch dieser Angst vor einem langen Winter, zum Ausdruck bringt. Wissend, dass der Sommer zwar groß ist, der Winter aber wiederkommen wird, feiert sie vielmehr in zurückhaltenden, stillen Zeilen die „Sanftheit des Augenblicks“. Das ist alles fein und genau beobachtet, voller poetischer Bilder. Naturlyrik, die zeitlos und doch zugleich auch ganz zeitgemäß wirkt. Gedichte, mit denen sich der Sommer genießen lässt – aber Achtung:

Die Tage der Faulenzerei sind vorbei.
Vor mir steht das Fahrrad.

Wehendes Haar,
wilder Wind,
das Stahlross im Windschatten.

Dieser Zyklus, ein poetisches Juwel, kommt auch in einer besonderen, ihm angemessenen Verpackung daher: „Der sechste Wintermonat“ erschien nun zunächst in der Corvinus Presse als limitierte „Volksausgabe“. Es folgt ein Künstlerbuch mit den signierten Grafiken von Jón Thor Gíslason, handgebunden und in einer Kassette. Doch allein schon die Volksausgabe ist ein Beispiel allerfeinster Buchkunst: Mit den Radierungen des Künstlers, Gedicht für Gedicht sorgsam gesetzt auf einer Linotype und Buch für Buch nach japanischer Art offen gebunden, ist es ein wahrer bibliophiler Schatz.

Wolfgang Schiffer erläutert in einem Beitrag die Entstehung des Buches von der ersten Idee bis zur Herstellung: https://wolfgangschiffer.wordpress.com/2021/04/26/vom-buch-ubers-manuskript-zu-einem-neuen-buch/

Eine sehr feine Besprechung gibt es beim Lyrikhaus Fischer: https://lyrikatelierfischerhaus.com/2021/06/09/der-sechste-wintermonat-bjorg-bjornsdottir/

Zwei Gedichte in voller Länge bei Signaturen: https://www.signaturen-magazin.de/bjoerg-bjoernsdottir–zwei-gedichte-aus–der-jahresring–.html

Und hier alle Informationen zur Corvinus Presse: https://www.corvinus-presse.de/

Bernhard Blöchl: Die Wochen wehen im zähen Takt

Das Bobby Car zieht
einen knirschenden Bogen.
Die Taube gurrt
ein verschlepptes Solo.
Der Straßenmusiker
mit der scheppernden Gitarre
konkurriert mit dem Hall
seiner eigenen Riffs.

Auszug aus „Der Sound der Stadt“.

Irgendwann wird man sich erinnern, an diese Zeit, in der das Leben seltsam gedämpft war, in der jeder Tag die Ruhe eines Feiertages in der Stadt hatte. Wie fühlte man sich im Lockdown, was trieb einen um, was auf die Palme? Man könnte dann zu diesem Gedichtband greifen, der, obwohl er auch die ernsten Aspekte dieser Pandemie aufgreift, doch ein wenig das Bodenschwere nimmt, das das Virus aus der Luft auf uns brachte.

Der Münchner Journalist und Schriftsteller Bernhard Blöchl hat eine Art Pandemie-Tagebuch in Reimform geführt: Verse gegen den Virus, mal ernst, mal heiter, Gedichte, die „subjektive
Stimmungen widerspiegeln, all die Schwankungen und emotionalen Sprünge in der irren Zeit
einer Pandemie“. Subjektive Stimmungen, denen objektiv wohl jeder einmal unterworfen war. Und so kann man sich gut wiederfinden in diesen Zeilen, wenn Bernhard Blöchl über unausgelebte Sehnsüchte, Fernweh und Tagträumereien in der Quarantäne schreibt.

Wochen fliegen,
ach, schon Mai?
Pläne biegen,
vielerlei.
Zeit wie Gummi,
Gefühle zäh,
Quarantänenflummi,
Ende jäh.

Aus: „Angst in Scheiben“.

Die 86 Gedichte entstanden während der ersten Welle, als für viele, die sich weder um Job noch um psychische/physische Gesundheit sorgen mussten, die Pandemie fast wie ein Abenteuer war, ein Ausstieg aus dem Alltag, als die größte Angst neben der Ansteckung die war, es könnte das Klopapier ausgehen:

Der Hamster schämt sich,
sein Image im Keller,
der Deutsche macht,
wer hätt’s gedacht,
Klopapier zum Megaseller.

Dieses „Lebens“-Gefühl von Lockdown 1 bringt Blöchl ebenso zum Ausdruck wie die ganz existentiellen Sorgen, die von Beginn an vor allem in der Kulturszene herrschten, mit der er als Kulturredakteur bei der Süddeutschen Zeitung viel zu tun hat. So beschreibt er die leeren Kinosäle, das bittere Ende des Buchladens um die Ecke, die Angst vor Kurzarbeit und Jobverlust. Dies alles, wie auch bei seinen beiden Romanen, „Für immer Juli“ (MaroVerlag) und „Im Regen erwartet niemand, dass dir die Sonne aus dem Hintern scheint“ (Piper) „im Rhythmus der Verschmitztheit.“ Und dieser verschmitzte Ton, die leichte Hand, die macht auch wett, dass der eine oder andere Vers noch holpert – es ist, so sagt der Autor selbst, seine Annäherung an die Lyrik.

Noch ist das Ende nicht in Sicht, sagen die Experten. Und die Angst vor dem Virus bringt die Angst vor der nächsten Pandemie mit sich. Gereiztheit, Ratlosigkeit, auch Zukunftsängste lässt Covid-19 zurück. Da tut es gut, Zeilen zu lesen, die Humor und Tiefe in sich vereinen.

Das Ende

Der Sommerwind, er weht
und biegt,
Äste schaukeln unbekümmert.
Was sorgst du dich,
du atmest frei,
Coronapanik ist vorbei.
Ratlos bleibst du trotzdem
sitzen,
auf der Bank im Park allein.
Junisonne blinzelt Schatten,
rottend laut
am Fluss die Ratten.

Informationen zum Buch:

Bernhard Blöchl
Die Wochen wehen im zähen Takt
Hardcover, 104 Seiten
Books on Demand, ISBN-13: 9783753421957, Preis: 14,99 Euro
E-Book, ISBN-13: 9783753449449

Zur Homepage von Bernhard Blöchl: bernhardbloechl.de

Auch die Gespensteratmospähre von Spielen in leeren Stadien prägten für Fußballfan Bernhard Blöchl den zähen Takt der Wochen. Bild: Bild von Markus Spiske auf Pixabay

Pega Mund: reste von landschaft

Wir…

„… sind unterwegs wie schaum an der küste
wie rauchige schlieren im ätherblau immer
allein das ist das ganze geheimnis nicht wahr?“

Auszug aus „schaum“ in: „reste von landschaft“, Pega Mund, 2021

Immer allein, und manchmal doch zu zweit, zu mehreren, das eigene Angesicht im Spiegel der anderen, manchmal in der Selbstbetrachtung („spieglein spieglein  das rot gelackte eineurolächeln“), so tastet sich hier eine lyrische Stimme durch „reste von landschaft“.

Der Titel dieses Gedichtbandes, „reste von landschaft“, deutet auf das Fragmentarische, Abtastende hin, das diesen Zyklus aus insgesamt zwölf Gedichten prägt. Sechs Schritte bzw. Gedichte vor, sechs Schritt-Gedichte zurück – der Band kann ebenso vor- wie rückwärts gelesen werden, eine Metapher für das Leben vielleicht, das uns immer wieder diesen zwei-Schritte-vorwärts-und-einen-zurück-Takt dirigiert.

Bild von Birgit Böllinger auf Pixabay

Das Fragmentarische, das Veränderliche, das was bleibt und das, was verloren geht, Wachstum und Verluste, sie bilden diese „reste von landschaft“. Nicht von ungefähr findet sich bereits im ersten Gedicht ein Hinweis auf Ovids Metamorphosen:

unlesbare fährten im frischgefalllenen nulli: nulli sua forma
manebat

Aber wenn nichts in seiner Form bleibt, wenn alles Veränderung ist, was ist dann die Substanz, wo bleibt der Kern? Das beinahe Chamäleon-artige lyrische Ich mit seinen „drei leben“ führt uns augenzwinkernd in die „wunderkammern“:

„Sind wir nicht Fetzen Fehlfunde nach Häutungen hin geblätterte
schlampig genähte so Wechselbalgstücke pathetisch geblähte Sind wir
nicht abgetakelte Wüstenwarane Zirkusvieh lautlos brennende Tiger
springen in Zauberers schwarzen Zylinder Apokalypse jetzt Sind wir“

Jetzt sind wir! Die Energie, die Kraft, die in dieser Aussage steckt, sie ist in allen diesen zwölf Gedichten zu spüren, auch in den düstern getönten Zeilen. Eine Eigenschaft der Sprache, die bereits Olga Martynova und Beate Tröger in ihrer Laudatio auf Pega Mund, die 2019 mit dem 2. Platz beim Gertrud Kolmar Preis ausgezeichnet wurde, heraushoben:

„Wodurch machen die Gedichte von Pega Mund gleich auf sich aufmerksam? Die einfachste und für mich die wichtigste Antwort: Sie haben poetische Substanz. Das ist eine schwer (wenn überhaupt) definierbare Eigenschaft, die alles entscheidet. Wenn sie fehlt, dann ist es egal, ob die Texte klug, witzig, aktuell, arrangiert, einfühlsam, kühl, leidenschaftlich oder was auch immer sind. Ohne diese Substanz bleiben sie nur leere Worte. Die Gedichte von Pega Mund haben diese Ladung, diese Energie, weshalb es interessant und spannend ist, sie näher zu betrachten.“

Quelle: Fixpoetry

Nicht von ungefähr ist der schmale, aber gehaltvolle Band mit dem Untertitel „Eine Begehung“ versehen – eine Wanderung durch Stadt-Landschaften, durch Land-Landschaften, durch Seelenlandschaften. Beinahe atemlos folgt man dem lyrischen Ich auf seinen Pfaden, ein Weg, der spannend ist, der manchmal auch ängstlich macht, vor allem aber durch die spürbare Lust am Spiel mit der Sprache viel Freude bereitet.

„reste von landschaft“ ist die erste Einzelpublikation der Autorin, die seit 2014 ihre Gedichte unter anderem in Anthologien und Literaturzeitschriften veröffentlicht. Zudem betreibt Pega Mund einen Blog: https://driftout.wordpress.com/

Informationen zum Buch:

Pega Mund
Reste von Landschaft
Black Ink Lyrik, 2021
28 Seiten geheftet, 8,00 Euro
ISBN: 978-3-930654-43-7

Bestellmöglichkeiten: Direkt beim Verlag http://www.blackink.de/literatur/lyrikreihe/pega-mund-reste-von-landschaft/index.html oder im Buchhandel.

Rose Ausländers „Leben im Wort“

Vor wenigen Wochen, genau am 11. Mai, wurde der 120. Geburtstag von Rose Ausländer (1901 – 1988) gefeiert. Ein kleines Portrait der Dichterin ist auf diesem Blog bereits zu finden.
Aktuell ehrt der Ulmer Verlag „danube books“ die große jüdische Wortkünstlerin mit einer bezaubernden Graphic Novel, die zum Jubiläumsjahr erschienen ist.

„Leben im Wort“ zeichnet das wechselvolle Schicksal der Lyrikerin nach, das sie von der grünen Bukowina und vom multikulturellen Czernowitz in die USA und wieder zurück nach Europa bis hin zu ihrem Lebensabend in Düsseldorf führte. Ein steter Begleiter war dabei das Wort: Die Fülle der Gedichte von Rose Ausländer zeugt davon, wieviel sie zu sagen hatte, die Schönheit ihrer Sprache ist auch ein Indiz für diese besondere kulturelle Landschaft der Bukowina, die mit ihr und Paul Celan zwei der größten Dichter dieser Zeit hervorbrachte. Und die beide ihr Leben lang die Vertreibung aus „dieser friedlichen Hügelstadt/von Buchenwäldern umschlossen“ in ihren Zeilen verarbeiteten, sondern auch Vertreibung, Tod und Unbehaustheit im Exil. In dem oben zitierten Gedicht „Cernowitz vor dem Zweiten Weltkrieg“, das auch in der Graphic Novel zu finden ist, schreibt Rose Ausländer:

Ihr Leben lang hatte Rose Ausländer Sehnsucht nach ihrer grünen Mutter, dem Buchenland der Bukowina. Bild von Dan Fador auf Pixabay

„Vier Sprachen
Verständigen sich
Verwöhnen die Luft

Bis Bomben fliegen
Atmete glücklich
Die Stadt“

Dr. Oxana Matiychuk, selbst in der Vielvölkerstadt, die heute zur Ukraine gehört, geboren, erzählt das Leben der Rose Ausländer chronologisch nach – von der behüteten Kindheit, die abrupt durch den Ersten Weltkrieg unterbrochen wird. Hier macht die junge Rose die erste Exilerfahrung, die Familie flieht nach Wien, kehrt aber in das Buchenland zurück. 1920 dann der zweite Wendepunkt durch den frühen Tod des Vaters, Rose Ausländer geht, wie viele andere auch, in die USA. Dies ist nicht die letzte örtliche Veränderungen in diesem von Veränderungen geprägten Leben – lange, bis sie in ein jüdisches Altersheim in Düsseldorf ging, lebte Rose Ausländer konsequent nur mit sieben Koffern in verschiedenen Pensionen. Immer abreisebereit, vielleicht auch immer auf der Flucht.

Die Ausländer-Expertin Oxana Matiychuk – sie ist Dozentin am Lehrstuhl für ausländische Literaturgeschichte, Literaturtheorie und slawische Philologie der Jurij Fedkowytsch Universität Czernowitz, Leiterin der „Ukrainisch-Deutschen Kulturgesellschaft Czernowitz“ am Zentrum Gedankendach und verfasste mit ihrer Promotionsarbeit zur „Genese des poetischen Textes im Werk von Rose Ausländer“ die erste Studie in der Ukraine zum Leben und Werk der bukowinischen Autorin – erzählt das Leben der Dichterin chronologisch, auf die wesentlichen Fakten reduziert und doch mit einer Liebe für die wichtigen Details (z.B. die sieben Koffer), die nicht nur die Dichterin beleuchten, sondern auch einen Blick auf den Menschen dahinter ermöglichen.

Neben der Erzählung der Biographie führt die Graphic Novel auch in die Entwicklung von Rose Ausländers Schreiben, in ihr Leben mit den Worten ein. Dies alles ist in einer klaren Sprache verfasst, „in kunstvoller didaktischer Reduzierung, ohne jedoch zu simplifizieren“, wie Maria Dippelreiter schreibt. Und geradezu hinreißend sind Layout und Illustration dieser Graphic Novel, mit viel Liebe zu Details. Die beiden Künstler dahinter sind die mehrfach ausgezeichnete ukrainische Grafikdesignerin Olena Staranchuk und der Illustrationskünstler Oleg Gryshchenko. Gestaltung und klare Sprache machen dieses wunderbare Geburtstagsgeschenk für Rose Ausländer auch zu einem idealen Medium, um Leben und Werk auch jüngeren Lesern oder Menschen, die nicht viel von ihr kennen, näherzubringen.

Informationen zum Buch:
Oxana Matiychuk: Rose Ausländers Leben im Wort. Graphic Novel.
Mit Illustrationen von Olena Staranchuk und Oleg Gryshchenko.
Verlag danube books, Ulm, April 2021
56 Seiten, 14 B x 20 cm H. Hardcover, Fadenheftung, gedruckt auf Munken  Lynx (170 g).
ISBN 978-3-946046-27-1.
16,00 EUR (D) | 16,50 EUR (A).

Walle Sayer: Nichts, nur

Nichts, nur

Nichts, nur der Vollmond, der sich spiegelt im ruhigen Wasser, ein an den See entrichteter Obolus der Nacht. Nichts, nur ein paar Raben, Funktionäre der Farbe Schwarz, hocken im Geäst, zerkrächzen die Sicht. Nichts, nur die Runde am Nebentisch, Schaumkronen setzen sie sich auf, erlassen ihre Edikte, danken ab. Nichts, nur: diese Tonfolge, dieser Auftakt.

Gegenden, Landschaften, Orte, ein Figurenkabinett, die Her­kunft, der Historienhauch, das Antlitz der Dinge, Wortfährten, Alltagsbühnen: „Nichts, nur“ versammelt Gedichte, Prosage­dichte und Erzählminiaturen von Walle Sayer aus 35 Jahren des Schreibens. „Nichts, nur“ ist ein Lesebuch, Kompendium, Querschnitt und Zwischensumme des Schriftstellers aus dem Schwarzwald.

Walle Sayer schreibt selbst dazu: „Konturiert sich eine Geschichte, hat es etwas von einer Er­zählminiatur. Ich glaube, wenn ein Lyriker erzählt, sucht er den Punkt, den Augenblick, die Wendung, den Gedankensprung, mit dem oder durch den Prosaisches in Poesie übergeht.“

Obwohl das Buch erst am 18. März offiziell im Kröner Verlag erscheint, kann man sich jetzt schon einen Eindruck machen. Gedok Stuttgart lädt ein zu »Sprachlandschaften«, einer Online-Leseperformance am Sonntag, 14. März um 15 Uhr.

Fünf preisgekrönte Schriftsteller*innen der verschiedensten Gattungen aus Baden-Württemberg präsentieren Textminiaturen und -fragmente in Form einer Live-Lese-Collage. Aus den individuellen Arbeiten entstehen in der fragmentarischen Zusammenschau neue Sprachlandschaften. Daniel Oliver Bachmann verbindet die verschiedenen Textfragmente mit den Klängen seiner Handpan.Mit dabei: Daniel Oliver Bachmann, Beate Rygiert, Tina Stroheker, Eva Christina Zeller und eben Walle Sayer, der Einblick in „Nichts, nur“ gewährt.

Die Veranstaltung ist kostenlos und unter folgendem Link anzusehen: https://youtu.be/sWiJnOFVVO4.

Walle Sayer lebt mit seiner Familie in Horb und schreibt Gedichte und Prosa. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Stipendien, u. a. den Thaddäus-Troll-Preis, den Förderpreis zum Hölderlinpreis, das Hermann-Lenz-Stipendium, den Berthold-Auerbach-Preis, die Staufermedaille des Landes Baden-Württemberg, den Ludwig-Uhland-Förderpreis, das Spreewald Literaturstipendium, den Basler Lyrikpreis fürs bisherige Gesamtwerk sowie den Gerlinger Lyrikpreis. Er ist Mitglied im deutschen PEN.

Walle Sayer. Bild: Karl-Heinz Kuball

Angaben zur Veranstaltung: Leseagentur Sabine Fecke
Informationen zum Buch: Kröner Verlag
Pressekontakt und Rezensionsexemplare: b.boellinger@kroener-verlag.de

Die Edition Hubert Klöpfer im Kröner Verlag

Wie bereits hier angekündigt, erscheint im Alfred Kröner Verlag Stuttgart ab dem Frühjahr 2021 auch deutschsprachige Gegenwartsliteratur. Programmverantwortlich ist dafür der renommierte Verleger und Büchermacher Hubert Klöpfer. Und das sind die ersten sechs Titel in der neuen Edition Hubert Klöpfer, die Mitte März erscheinen:

Mehr Informationen finden sich in der Frühjahrsvorschau: https://www.book2look.com/book/98T3MHi8ch

Ein Heft mit Leseproben und Rezensionsexemplare können unter der Email b.boellinger@kroener-verlag.de angefragt werden.

IM LYRIKRAUM: Elke Engelhardt

Die kleine Frau schreibt

Erst muss man alles aufzeichnen,
dann kann man sich aufzeichnen durch einen Satz,
der etwas ins Fließen bringt,
was vorher feststand.

Ich bin die kleine Frau,
ich glaube an die Macht des Mondes,
an Ebbe und Flut.
Aber mehr noch an die Worte,
die alle Spuren verwischen,
sobald sie entstehen.

Aus: „Sansibar oder andere gebrochene Versprechen“ von Elke Engelhardt

Sich selbst definieren, sich selber finden mit den unzulässigen Mitteln der Sprache – das scheint mir ein Leitmotiv zu sein in diesem außergewöhnlichen Gedichtband. Eine Poesie, der die Macht der (Ent-)Täuschung innewohnt: Sätze, die so klar und nüchtern im Stil zu sein scheinen, und mit denen dennoch alle Spuren verwischt werden.
Beispielgebend dafür ist Sansibar, Protagonist im ersten Zyklus:

Es sollte ein Roman ohne Worte werden
aber voller Gedanken
Der Ehrgeiz packte mich
es schüttelte mich
Es ging mir nicht gut
Ich war kurz davor einen Satz in mein Heft zu schreiben
einen Satz der alle Worte zum Blühen gebracht hätte
und was blüht ist vergänglich

Was blüht, ist vergänglich, was gesagt ist, kann heute wahr sein und morgen ein gebrochenes Versprechen: Eine Dichterin im Ringen mit der Unzulänglichkeit, der Unzuverlässigkeit der Sprache. Ein Ringen, das funkelt, das Sätze birgt, die sich einprägen:

Der Tod, sagt meine Mutter, ist eine schnell
heilende Wunde. Die Narben, die er hinterlässt,
sind Sache der Lebenden.

So klar die Sprache von Elke Engelhardt erscheint, so viele Geheimnisse tragen Sansibar, die kleine Frau und die lyrische Stimme im dritten Zyklus, „Die Lumpen meiner Erinnerung“, mit sich herum. Man möchte mehr davon lesen, wohlwissend, dass man den Geheimnissen eines Menschen mit den Mitteln der Sprache wohl nie auf den Grund kommen wird.

Elke Engelhardt
Sansibar oder andere gebrochene Versprechen
Elif Verlag, 2020
134 Seiten, Klappenbroschur, 18,00 €
ISBN 978-3-946989-32-5

Joachim Ringelnatz – Einsiedlers heiliger Abend

Ich hab’ in den Weihnachtstagen –
Ich weiß auch, warum –
Mir selbst einen Christbaum geschlagen,
Der ist ganz verkrüppelt und krumm.

Bild von Pexels auf Pixabay

Ich bohrte ein Loch in die Diele
Und steckte ihn da hinein
Und stellte rings um ihn viele
Flaschen Burgunderwein.

Und zierte, um Baumschmuck und Lichter
Zu sparen, ihn abend noch spät
Mit Löffeln, Gabeln und Trichter
Und anderem blanken Gerät.

Ich kochte zur heiligen Stunde
Mir Erbsenuppe und Speck
Und gab meinem fröhlichen Hunde
Gulasch und litt seinen Dreck.

Und sang aus burgundernder Kehle
Das Pfannenflickerlied.
Und pries mit bewundernder Seele
Alles das, was ich mied.

Es glimmte petroleumbetrunken
Später der Lampendocht.
Ich saß in Gedanken versunken.
Da hat’s an der Tür gepocht.

Und pochte wieder und wieder.
Es konnte das Christkind sein.
Und klang’s nicht wie Weihnachtslieder?
Ich aber rief nicht: “Herein!”

Ich zog mich aus und ging leise
Zu Bett, ohne Angst, ohne Spott,
Und dankte auf krumme Weise
Lallend dem lieben Gott.

Joachim Ringelnatz

Das Gedicht von Ringelnatz stammt aus dem Jahr 1933 – wohl für viele Menschen das schwerste Weihnachten der Vorkriegszeit. Wer wachen Sinnes war, konnte ahnen, was knapp ein Jahr nach der Machtergreifung Hitlers noch alles auf die Menschen zukommen würde.

Insofern sind die Vergleiche, die dieser Tage gezogen werden, völlig absurd: Wir leben in keiner Diktatur, aber wir leben mit einer Pandemie. Das ist schwer, insbesondere für viele an Weihnachten, die vielleicht getrennt von ihren Liebsten und Familien feiern müssen. Aber es ist ein hoffentlich einmaliges und vorübergehendes Geschehen – und keinesfalls vergleichbar mit der Situation 90 Jahre zuvor.

Dennoch kann vielleicht jetzt gerade ein Ringelnatz helfen: Trauer und Humor liegen bei ihm immer eng beisammen. Und die Botschaft: Mach das Beste daraus …

Ich wünsche allen, die hier mitlesen, trotz der Umstände ein schönes Weihnachtsfest, alles Liebe und einen guten Rutsch in das Neue Jahr! Bleibt gesund!

Birgit Böllinger

Lyrik: erlebt, erlitten – Gedichte von Alexandru Bulucz

Bild: Ortwin-Rainer Bonfert

Wenn jemand aus Rumänien dort seine Kindheit verbracht, dann aber in Deutschland das Gymnasium und das Germanistikstudium absolviert hat, seine Lyrik in Deutsch verfasst, ist er dann ein rumänischer oder ein deutscher Autor? „Was Petersilie über die Seele weiß“ verrät nicht die eigene Antwort, Alexandru Bulucz gibt aber Hinweise, regt weit über diese Fragestellung hinaus vielwissend an und offenbart, was gegenwärtige deutsche Lyrik vermag. Gastrezensent Ortwin-Rainer Bonfert bewegt sich im gleichen kulturellen Umfeld und hebt die Stärken, aber auch erklärungsbedürftigen Bereiche dieses Gedichtbandes hervor.

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Jahrgang 1987, entstammt Alexandru Bulucz dem rumänischen Alba Iulia, zu deutsch Karlsburg, in ungarisch Gyulafehérvár. Die Römer nannten die dortige Befestigung Castrum Apulensis. Diese ethnische Vielfalt an einem geschichtsträchtigen Ort ist auf eine besondere Art identitätsstiftend, was sich nachhaltig auswirken sollte, auch wenn der Autor bereits mit 13 Jahren alleine im Bus nach Deutschland kam. Dort studierte er Germanistik und Komparatistik. Seine ersten publizierten Gedichte entstanden im Umfeld des Frankfurter Literaturhauses, und in Begleitung dessen Leiters Werner Söllner, dem er im vorliegenden Band ein Gedicht widmet. Bulucz arbeitet als Übersetzer aus dem Französischen und dem Rumänischen, wirkt mit beim Onlineportal Signaturen, ist Mitherausgeber der Literaturzeitschrift Otium und ehemaliger Mitherausgeber der Zeitschrift für Literaturkritik „Die Wiederholung“. Seit 2015 ist Bulucz Herausgeber der philosophischen Gesprächsreihe „Einsichten im Dialog“. Sein Lyrik-Debüt „Aus sein auf uns“ erschien 2016, aus dem einzelne Gedichte im vorliegenden Band übernommen worden sind.

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Wer für gewöhnlich seine Zeitungslektüre mit dem hinteren Drittel im Feuilleton beginnt, der kann gerne auch im vorliegenden Werk mit dem Nachwort des Dichters beginnen. Darin stellt er die kulturphilosophischen und phonetischen Zusammenhänge von Petersilie und Seele her. Die von Alexandru Bulucz kurz angerissene Biographie zu kennen, ist sehr hilfreich bei der Lektüre seiner Gedichte. Ähnlich dem Küchenduft oder erhaschten Gesprächsfetzen und ersten Eindrücken durch eine angelehnte Tür erhält der Leser so Einblick auf lyrische Bilder eines Poeten, der belesen nicht nur wortgewandt, sondern auch wortkreierend bekannte Formen aufgreift, um daraus stilistisch Neues zu gestalten. Dabei sind die Gedichte derart facettenreich, dass trotz einer Gliederung und Titeln nicht klar ist, was einen bei der Lektüre des folgenden Gedichtes erwartet – er überrascht immer wieder aufs Neue. Das Gefühl hält auch nach vierzig Gedichten an. Man wird immer wieder gefordert, muss nachschlagen, erneut lesen. Doch Bulucz wartet mit Wortbildern auf, „er dealt mit Wörtern“ (S. 73), entlohnt damit für die Lektüre, selbst wenn sich der Inhalt nicht ganz erschließt.

Gleich zu Beginn klärt Bulucz im fiktiven Gespräch: „Schreiben sei Verdauungsstunde“.
Einverstanden? „Ich gehe prompt d’accord!“
Und es klingt wie eine Vorwarnung:  „Die Form verdaue sich viel schwerer als der Inhalt“.

Tatsächlich: klassisches Versmaß ist lediglich richtungsweisend, in den häufigen Langgedichten sind Sätze gelegentlich strophenübergreifend, ohne Reim, und doch schafft es Bulucz, durch den Satzbau eine Schwingung zu generieren. Dabei nimmt er sich selbst nicht zu ernst, kürzt ab. Beispielsweise im „Passionslied“ wird das flapsige „usw. usf.“ stilsicher eingesetzt. Unwillkürlich hat sich dem Rezensenten dabei ein Bonmot des Wolf von Aichelburg aufgedrängt, wonach „modern sein, ohne mit der Tradition zu brechen“ erstrebenswert sei. Bulucz schreibt vordergründig ein von Alters her bekannt anmutendes Passionslied mit zeitaktuellen, seiner Biographie entlehnten Andeutungen. Andernorts liest sich formwahrend ein Gedicht wie ein Psalm, ist letztendlich aber ein Zwiegespräch mit seinem Alter Ego, das lyrische Ich sei  „binnenvertrieben“. Nur so, finde es (binnen)Trost (S.92). Erschließen sich Form und Inhalt, empfiehlt sich – die Interpunktion dabei akribisch einhaltend – das Gedicht erneut zu lesen. Dann entfaltet sich im übertragenen Sinne der volle Geschmack der nuancenreichen Lyrik. Der Aufwand lohnt sich.

Der anfänglichen Klarstellung – für Bulucz eine Digestion statt Diegese –  folgt eine Elegie und es wird nicht die einzige bleiben. Weiter folgt ein „Psalm“, der wie ein Klagelied anmutend den (eigenen) Exodus damit begründet, dass „Menschen, die lauter das Leid nicht mehr erschweigen“, fort sind und demnach „niemand könnte besetzen, was leer steht“. Der Poet klagt an: „Ich trage Leerstand in mir“.

Alexandru Bulucz beklagt nicht nur die geographische und kulturelle Disruption durch seinen eigenen „Exodus“. Aus seinem Nachwort erfährt man, dass er alleine als 13jähriger fort ging. In den „Erinnerungen, Defragmentierungen“ weiß er noch gut, dass der Vater alles verkauft hatte, bis auf das, was er am Leibe trug. Der Bus, der das lyrische Ich ‚gen Deutschland fuhr, könnte auch eine Pferdekutsche gewesen sein, bei der die „Lederpeitschen zum Austreiben der Erinnerungen, der Dämonen“ dienten.

Es ist in Teilen ein mäandrierende Hadern mit der Vergangenheit, das sich nur allmählich auf eine Gegenwart zubewegt, aus der durchaus auch mit Sarkasmus zurückgeblickt wird, auf eine Kulturlandschaft, die landesintern auch als „spațiu mioritic“ bezeichnet wird. Lange vor der Industrialisierung des Karpatenbogens war die Schafzucht in der Hügellandschaft weit verbreitet und die Hirtenlieder oft gesungen. Im Zyklus „Stundenholz“ changiert der Poet zwischen elegischer Preisung jenes Kulturraumes und Abrechnung mit jenen, die genau das als Einziges heroisieren und dabei zerstören: Dorfdeppen, „deren Axt die Kultur mit waldigen Zwiespalt von Buchen u. Fichten fürs Funkenflufeuer versah“ (S. 31).

Leider wird der subtile, sozialkritische Humor teilweise eher Kennern jener Kultur, sowie dem Verhalten von Exilrumänen im Heimaturlaub, bewusst. Erläuternde Fußnoten könnten Abhilfe schaffen, auch wenn damit der ästhetische ansprechende Gesamteindruck der Ausgabe geschmälert wird.

Für den Rezensenten entspricht das Langgedicht „Stundenholz“ einem Magnum Opus des Gedichtbandes, weshalb an dieser Stelle exemplarisch detaillierter darauf eingegangen wird. In Form eines Zwiegespräches mit Rose, leitet das lyrische Ich mit einer harmlos anmutenden Begrüßung diese Elegie ein, um sich rasch in Anlehnung an Celan die „bukowinische Frage“ zu stellen, „wo Heimat beginne, Erinnerung ende“. Beginnt die neue Heimat wirklich erst dort, beziehungsweise dann, wenn die Erinnerung an die alte Heimat endet? Bulucz schafft mit wenigen Worten aussagekräftige Momentaufnahmen, die Zeitlupensinfonien entsprechen und die man entsprechend auf sich wirken lassen sollte. Vorteilhafterweise bietet das Buch einen knappen Glossar innerhalb des Schutzumschlages für hier verwendete Begriffe, insbesondere dem Stundenholz (rum.: toacă).

„Wir flogen
über Holzrauch von Klöstern, über liturgische Rufe aus Stunden-
trommeln von Mönchen, toaca-Klänge spannten eine Himmelsleiter
auf uns zu u. über uns hinaus.“ (S. 35)

Im Gegensatz zum oft rumänisch vereinnahmten Kulturraum hebt Bulucz dessen ethnische und religiöse Vielfalt hervor. Ferner vermengt er kennzeichnend Esskultur mit religiöser Tradition, als seien leibliche Nahrung so selbstverständlich wie spirituelle Nahrung, „so als betet er u. weiß es nicht“. Auf diesem imaginären Streifzug durch die Kindheit des Dichters mit dessen Heimaterfahrungen „über Lust, Lust u. Verlust, über den Schmerz, den nicht gespiegelten“ greift das lyrische Ich auf Erinnerungen an ein Sommerferienlager am Schwarzen Meer zurück, wo die damals einzigen Leckerbissen aus Wassermelone und gekochten Maiskolben mit Salz bestanden, saisonale Leckereien, die verzerrt überhöht dargestellt die Kargheit jener Zeit verdeutlichen, in der die einzige Abwechslung in der Reihenfolge bestand und dennoch keine war: „Salz vor Süße nach Salz“ (S. 36)

„Kukuruz u. Wassermelonen also. In dieser Reihenfolge. Jener vor
diesen, diese vor jenen, Salz vor Süße nach Salz. Ich leckte
gesalzenen Kukuruz wie das Wild Bergkerne, dann fraß ich
Körner u. nach Aussaugen des Kolbens, des weichgekochten,
fraß ich Teile des Kolbens selbst.“

Aus späterer, deutscher Perspektive, stellt sich die Frage: „Aber muss man den Augenblick nicht aus zeitlicher Distanz betrachten, damit er überhaupt zu einem solchen wird?“ In Zeiten finanzieller Knappheit verloren Zusammenhänge – wie auch die Chronologie – jegliche Bedeutung. (Die Rose hier hat Ähnlichkeit mit Celans Niemandsrose.) Folgerichtig stellt das lyrische Ich fest: „da ich andernorts blühen sollte“. Mit einer solchen Veränderung wird die eigene Identität in Frage gestellt, die bisherige von Mal zu Mal verschwinde, wie ein Missverständnis ausgeräumt, um wieder einverleibt zu werden. Die Rose, die Eingangs trotz angeblicher Verwechslung begrüßt worden ist, wird abschließend in ihrer Gnade erneut gegrüßt. Die Rose, die Lyrik, ist schließlich das einzige Kontinuum im seelisch schmerzhaften identitären Transformationsprozess aus dem Rumänischen ins Deutsche.

Es sind immer wieder Analogien, denen nachzugehen beim Lesen neugierig machen. Es sind poetische Bildkreationen, die einen mitnehmen, auch wenn der Inhalt sich nicht immer erschließt. Es ist die kulturphilosophische Vielfalt, die den Wissens- und Lesedurst nährt. Es sind die lyrischen Reflexionen eines feinfühligen Menschen, die berühren. Es sind die Formvarianten, ansatzweise polyglott ausgefüllt, die bis zum Schluss für Überraschungen sorgen. Alles in allem muss man sich die Aussagekraft der Texte erarbeiten – aber es lohnt sich. Nicht zuletzt stellt der Autor gegen Ende des Bandes (S. 99) über die Lyrik fest: „Erlebt soll sie sein, das Erlebnis erlitten! Der Honig ist alle, es lebe der Honig!“

Informationen zum Buch:
Alexandru Bulucz
was Petersilie über die Seele weiß. Gedichte.
Frankfurt a.M. (Schöffling & Co) 2020.
114 Seiten. 20,00 Euro.
ISBN 978-3-89561-507-8

Ein Gastbeitrag von Ortwin-Rainer Bonfert