Simone de Beauvoir: Die Mandarins von Paris

„Sehen Sie, Sie denken doch, daß Ihre Arbeit noch vor Ihnen liegt. Vor fünf Minuten sagten Sie, daß  Sie ein neues Buch beginnen werden: das setzt doch voraus, daß es Menschen gibt, die es lesen…“

„Oh! Mit größter Wahrscheinlichkeit“, sagte Robert. „Aber schließlich ist diese andere Apotheose auch ins Auge zu fassen.“ Er setzte sich in den Sessel, neben mich: „So furchtbar, wie du meinst, ist sie nicht“, fügte er heiter hinzu. „Die Literatur ist für die Menschen gemacht, nicht die Menschen für die Literatur.“

Simone de Beauvoir, „Die Mandarins von Paris“, 1954.

Es ist einer der Schlüsselsätze dieses an Schlüsselsätzen nicht armen und umfangreichen Romans: „Die Literatur ist für die Menschen gemacht, nicht die Menschen für die Literatur“ – und dies aus dem Munde Robert Dubreuilhs, der ganz offensichtlich nach dem Vorbild Jean-Paul Sartres gezeichnet ist. Im Roman wie im Leben kreist das Buch um Männer, deren Leben dem Schreiben und der Politik untergeordnet ist. Ihre Lebenswelt, vor allem die der beiden zentralen Figuren Robert und Henri, der intellektuell kühl strategisch denkende Robert einerseits, der lebenshungrige, von hohen moralischen Werten geprägte Henri, unschwer als Camus zu entziffern, andererseits, ist im Frankreich der Nachkriegszeit geprägt von Worten: Alles, was man schreibt und sagt, hat eine mehrdimensionale Bedeutung – zumindest in den Kreisen der „Mandarins“.

Es sind europäische Schicksalsjahre, in denen dieser Roman spielt: In Paris feiert die Gruppe um Anne, Robert und Henri zu Beginn des Buches das Ende des Krieges – doch allen ist bewusst, dass nun die entscheidenden Jahre kommen. Werden die erlebten Schrecken dazu führen, dass die Welt nun ein humaneres Gesicht erhält? Wird sich die Gesellschaft gerechter entwickeln? Werden Philosophen, sprich „Mandarins“, und nicht Macht- und Realpolitiker die Gestaltung, den Wiederaufbau einer zertrümmerten Welt in die Hand nehmen können?

Wie ein Schwarzmaler, beinahe Defätist, betritt hier der von de Beauvoir zwiespältig gezeichnete Scriassine (der für Arthur Koestler, Autor der „Sonnenfinsternis“ steht) die Bühne:

„Ich nehme an, Sie haben diesen Krieg zu sehr aus der Nähe erlebt, um ihn richtig verstehen zu können. Das ist etwas ganz anderes als ein Krieg: es ist die Liquidierung einer Gesellschaft, ja, sogar einer Welt. Der Beginn der Liquidierung. Fortschritt von Wissenschaft und Technik, ökonomische Veränderungen werden die Erde derartig erschüttern, daß auch unsere Art zu denken und zu fühlen davon revolutioniert sein wird: ungern werden wir uns daran erinnern, wer wir gewesen sind. Kunst und Literatur werden uns wie manches andere nur noch wie unzeitgemäße Zerstreuungen erscheinen.“

Allein dieses Zitat zeigt: Der Roman ist mehr als eine fiktionalisierte Biographie, mehr als der oftmals so angepriesene Schlüsselroman über die Pariser Existentialisten und die französische Linke jener Jahre. Es ist ein Werk, das Grundthemen verhandelt: Die Kluft zwischen Idealismus und Realpolitik, die Ohnmacht angesichts der Verhältnisse der Welt, der Widerstreit zwischen Philosophie, Intellekt und politischem Handeln, die Gestaltung der Welt von morgen. In einem Abschnitt reflektiert Anne, die Weggefährtin Roberts, über politisches Handeln:

„Ich muß zugeben, daß es mir an Geduld fehlt: die Revolution marschiert, aber sie marschiert so langsam, mit kleinen und so ungewissen Schritten. Für Robert ist eine Lösung, die besser als die andere ist, gut, ein verringertes Übel hält er für etwas Gutes. Sicherlich hat er recht. Aber offenbar habe ich meine alten Träume vom Absoluten nicht ganz ausgerottet, denn mich befriedigt das nicht. Und außerdem scheint mir die Zukunft in weiter Ferne zu liegen, es fällt mir schwer, mich für Menschen, die noch nicht geboren sind, zu interessieren, ich mag viel lieber denen helfen, die ich gerade jetzt lebendig vor mir habe.“

Vor allem an einer zentralen Frage des Romans zeigt sich, wie sehr private und ethische Maximen in dieser Umbruchszeit, die den Beginn des Kalten Krieges markiert, erschüttert werden: Robert und Henri, die versuchen, abseits der kommunistischen Partei eine Sammelbewegung der Linken zu gründen, erfahren von den Gulags in der Sowjetunion. Über die Frage, ob dieses Wissen veröffentlicht werden soll, entzweien sich die beiden Männer zeitweise – Robert neigt dazu, die Informationen zurückzuhalten, um der linken Bewegung im allgemeinen nicht zu schaden, Henri hält es für eine Frage der Moral, darüber zu schreiben.

Anne und Henri werden so zu den eigentlich komplementären Figuren des Romans: Zwei Menschen, die, um es platt zu sagen, von einer besseren Welt in der Gegenwart träumen, aber im Grunde an ihren eigenen Verstrickungen scheitern – Anne an einer aussichtslosen Liebesbeziehung, Henri an einer Intrige, die ihn zum ungewollten Verteidiger eines Mannes macht, der Menschen an die Nationalsozialisten verriet. Im Grunde endet der Roman relativ unspektakulär: Henri richtet sich in der Literatur ein und gründet eine Familie, Anne bleibt an der Seite Roberts. Betrachtet man diesen „Rückzug ins Private“, so hat man nach diesem Roman eine pessimistische, fast fatalistische Bilanz zu ziehen: Die politischen Utopien sind an der Realität gescheitert.

Zumal der Titel „Die Mandarins von Paris“ in einem Punkt fundamental irreführend ist: In den Dynastien des chinesischen Kaiserreiches waren die Mandarine hochgebildete, elitäre Beamte, die auf allen Ebenen die Verwaltung des Staates prägten. Die Mandarine von Paris jedoch stehen außerhalb, ihre Macht- und Gestaltungskraft ist beschränkt, die politischen Strippen werden anderswo gezogen. Man könnte den Roman nun abtun als Zeugnis einiger sinnlosen Sandkastenspiele linker Intellektueller – damit täte man ihm allerdings ebenso Unrecht. Denn wenn auch die Hoffnung der Figuren auf eine sozialistische Gesellschaft zum Scheitern verurteilt ist – was wir in der wirklichen Welt heute durch den Ukraine-Krieg, die auf Putin zugeschnittene russische Politik, das Scheitern des venezuleanischen Experiments, die Umerziehungslager Uiguren in China, den kapitalistischen Machtanspruch der Volksrepublik, die Armut in Kuba und viele Beispiele mehr vor Augen geführt bekommen – das Nachdenken über bessere, gerechtere Gesellschaftsformen, dazu fordert uns dieses Buch ebenso sehr heraus, das Streben nach einer anderen Welt, sollte kein Ende nehmen.

Und am Ende geht es vor allem darum, dem eigenen Leben Sinn zu geben, die Jahre mit Anstand zu verbringen, auch darum, dass

„ (…) überleben letztlich bedeutet, daß man unaufhörlich wieder mit dem Leben beginnt.“

Es wäre jedoch kein Roman Simone de Beauvoirs, wenn darin nicht auch die Rolle und das Selbstverständnis der Frau als gesellschaftliches Leben eine zentrale Funktion einnehmen würden. Interessanterweise haben wenige Frauen mit ernstzunehmenden Berufen in diesem Buch, das fünf Jahre nach „Das andere Geschlecht“ erschien, ihren Auftritt. Eine Ausnahme unter den Gesellschaftsdamen, Salonlöwinnen und betätigungslos vor sich hin leidenden Liebenden bildet Anne, Psychologin und langjährige Wegbegleiterin Roberts, aus deren Perspektive abschnittsweise berichtet wird. Ein fragmentiertes Selbstportrait Simone de Beauvoirs gewissermaßen. Denn während die Schriftstellerin in der Realität ja durchaus eine eigenständige Position innehatte, bleibt ihre Figur Anne relativ unselbständig, definiert sich über ihren Mann, die Tochter, den Kreis, in dem sie sich bewegt. Im Nachdenken über sich sagt Anne:

„Somit bin ich also sauber katalogisiert und, indem ich dies akzeptierte, angepaßt an meinen Mann, meinen Beruf, an das Leben, an den Tod, an die Welt, an ihre Schrecken. Dies bin ich, ganz genau ich, mit anderen Worten: niemand.“

„Niemand“ erwacht zum Leben, als sie bei einer beruflichen Amerikareise den Schriftsteller Lewis kennen und lieben lernt. Die Amerika-Kapitel heben sich in den „Mandarins“ deutlich ab, sind weniger von intellektuell-politischen Diskussionen geprägt als die Pariser Szenen, erscheinen sinnlicher und emotionaler, auch in der ausführlicheren Beschreibung der Handlungsorte. Paris, da lebt der Geist, Chicago, hier pocht das Herz.

Mit der Beschreibung dieser fragilen Fernbeziehung, an der ihre Figur leidet und wächst, ging Simone de Beauvoir in mehrerer Hinsicht ein gewisses Risiko ein. Denn auch im „echten Leben“ hatte de Beauvoir eine Liebesbeziehung zu einem amerikanischen Schriftsteller: Bei ihrer Amerikareise 1947 lernte sie Nelson Algren (unter anderem Verfasser von „Der Mann mit dem goldenen Arm“) kennen, den sie bis 1952 regelmäßig wiedersah und dem sie unzählige Briefe schrieb. Nicht zuletzt seine Darstellung in den „Mandarins“ als widersprüchlicher „Underdog“, der hilflos seinen Gefühlen ausgeliefert ist, führte bei Nelson Algren zu fundamentalen Groll, Jahre später noch äußerte er sich wenig freundlich über diese „transatlantische Liebe“.

Doch nicht nur die Sympathie Algrens setzte de Beauvoir mit diesem Roman aufs Spiel – sondern auch ihre da schon bereits beginnende Etablierung als Ikone des Feminismus. Denn ihre Figur Anne erscheint im Kontext dieser Liebesbeziehung wenig mehr selbstbestimmt als eine andere zentrale Figur des Romans, als Paule, die Geliebte von Henri. Bei jener steigert sich die Liebe, die von Seiten Henris bereits vorbei und beendigt ist, ins Wahnhafte. Die Abschnitte, in denen von der monomanischen, einseitigen Hingabe Paules berichtet wird, bilden die schwächeren Seiten dieses Buches. Zugleich aber sind sie auch der Hintergrund für Annes weitere Entwicklung: Sie selbst verliert sich in dem sinnlichen Wunsch, sich in der Liebe zu Lewis fallenzulassen, kann und will aber ebenso wenig ihren Platz an der Seite ihres intellektuellen Mannes – der auf die Affäre erstaunlich kühl und gelassen reagiert – verlieren. Sie entscheidet sich letztlich für Frankreich – nicht aus vollem Herzen, aber auch nicht ganz resigniert:

„Entweder versinkst du in Gleichgültigkeit, oder die Erde bevölkert sich neu; ich bin nicht versunken. Da mein Herz weiterschlägt, muß es wohl für etwas, für jemanden schlagen. Da ich nicht taub bin, werde ich neue Anrufe vernehmen. Wer weiß? Vielleicht werde ich eines Tages von neuem glücklich. Wer weiß?“

Simone de Beauvoir hat diesen Roman, der mit dem „Prix Goncourt“ ausgezeichnet wurde, Nelson Algren gewidmet. Als sie 1986 neben Sartre bestattet wurde, trug sie am Finger einen Ring. Den billigen Kupferring, der Anne von Lewis bei ihrer ersten Begegnung in den USA über den Finger gestreift wurde.

Die Bücher Simone de Beauvoirs sind beim Rowohlt Verlag als Taschenbuch-Ausgaben erhältlich.


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Vivian Gornick: Ich und meine Mutter

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Bild von miawicks9 auf Pixabay

„Sie war überall, immer hinter mir her, innerlich wie äußerlich. Ihr Einfluss klebte wie eine Membran in meinen Nasenlöchern, auf meinen Lidern, in meinem offenen Mund. Ich nahm sie mit jedem Atemzug in mich auf. Ich dämmerte in ihrer betäubenden Atmosphäre vor mich hin, konnte dem schweren, klaustrophobischen Wesen ihrer Gegenwart, ihrem Sein, ihrer erstickenden, leidenden Weiblichkeit nicht entkommen.
Ich hatte keine Ahnung.“

Vivian Gornick, „Ich und meine Mutter“, Penguin Verlag, 2019.

Mütter und Töchter: Selten ein unkompliziertes Verhältnis. Meist ein lebenslanges Ringen zwischen Zuneigung und dem Wunsch nach Autonomie. Das Gefühl, sich am Vorbild Mutter messen zu müssen und sich zugleich davon befreien zu wollen, es endet im Grunde nie. Selbst wenn man beruflich erfolgreich ist, wie die Schriftstellerin Vivian Gornick, die ein unabhängiges, selbständiges Leben führt:

„Das waren die Jahre, in denen Frauen wie ich als »neu«, »emanzipiert« oder »exzentrisch« bezeichnet wurden, und tatsächlich war ich tagsüber neu, emanzipiert und exzentrisch (ich selbst habe bis heute exzentrisch bevorzugt), solange ich am Schreibtisch saß, doch wenn ich abends auf der Couch lag und ins Leere starrte, materialisierte sich dort meine Mutter, als wollte sie sagen: »Nicht so schnell, mein Kind. Wir sind noch nicht fertig miteinander.«

Die 1935 in der Bronx geborene Essayistin und Journalistin Vivian Gornick ist in den USA in Intellektuellenkreisen seit Jahrzehnten eine Größe. Von 1969 bis 1977 war sie Reporterin bei der „The Village Voice“, ihre Arbeiten erschienen aber auch in zahlreichen weiteren namhaften amerikanischen Magazinen und Zeitungen. Darüber veröffentlichte sie eine stattliche Anzahl von Büchern zu Sachthemen und autobiographischer Natur. Im deutschsprachigen Raum ist sie dagegen nahezu unbekannt: „Ich und meine Mutter“, seit seinem Erscheinen 1987 ein moderner Klassiker der amerikanischen Frauenbewegung, ist ihr erstes Werk, das in deutscher Sprache (übersetzt von pociao) herausgegeben wird.

Bodenständig und intellektuell

Zeit dafür wurde es: Nicht nur, weil Vivian Gornicks brillanter Stil bodenständig und intellektuell zugleich ist, nicht nur, weil ihr Roman ein intelligentes Lesevergnügen bietet, sondern auch deshalb, weil er Aspekte anspricht, die der kämpferische neue Feminismus (so er denn nicht nur reine Modeattitüde ist) bisweilen vernachlässigt. Denn maßgeblich prägend für Frauen ist eine zentrale Figur – die eigene Mutter.

Gornick zeigt ihre schonungslos offen ihre verletzliche Seite, die „Mutterwunde“, wie dies von der amerikanischen Psychologin Susan Forward bezeichnet wird:

„Die Mutter ist das Rollenvorbild der Tochter, wohingegen die Söhne irgendwann die Mutter wegschubsen, weil sie nicht mehr Mamas Liebling sein wollen. Söhne wollen nicht verweiblicht werden, aber Mädchen werden ermutigt, es ihren Müttern gleichzutun. Die Verschmelzung mit der Mutter ist für eine Tochter etwas Besonderes, und sie muss sich keine Sorgen machen, dass sie deshalb als Memme angesehen wird. Eine alte Maxime lautet: Ein Sohn ist ein Sohn, bis er eine Frau findet, aber eine Tochter bleibt ihr Leben lang Tochter. Das sagt doch schon alles. Ich habe viele männliche Klienten, deren Mütter grässlich waren, aber sie litten mehr unter schlechten Vätern. Söhne und Väter werden oft zu Rivalen. Für Töchter ist die Rivalität mit der Mutter ein doppeltes Dilemma, weil ihnen die Gesellschaft spiegelt, dass sie ihre Mutter als Rollenvorbild nachahmen sollen.“

(Quelle: Interview Süddeutsche Zeitung Magazin)

Ein Haus der Frauen

Vivian Gornick erzählt von ihrer Kindheit in einer jüdisch geprägten Ecke der Bronx, bildhaft, malerisch, lebendig: Das Mietshaus ist ein Haus der Frauen, die sich gegenseitig helfen, belauern, beneiden, bewundern, über einander tratschen und in einem Kreis von Sympathie und Antipathie miteinander verbunden sind. Ihre eigene Mutter, schlagfertig, tatkräftig und selbstbewusst, zimmert sich ihre eigene Fama – die im Kern verborgene Lebensenttäuschung darüber, dass sie als Mutter zweier Kinder und liebende Gattin ihre eigene Berufstätigkeit aufgab, mündet sie in den Satz um: »Wäre da nicht die Liebe eures Vaters gewesen«. Als dieser jedoch viel zu früh stirbt und die Frau mit zwei Teenagerkindern zurücklässt, fällt sie in eine langandauernde Depression. Dass ihre Tochter einen anderen Weg wählt – den einer beruflich erfolgreichen Frau, unabhängig, unverheiratet – wird zwischen den beiden Frauen zum andauernden Konfliktpotential.

„Tatsache aber war, dass für sie die Trauer um eine verlorene Liebe das höchste Niveau des Lebens war, das sie erreicht hatte. Wir alle gaben unseren Wünschen nach. Nettie wollte verführen, Mama wollte leiden, ich wollte lesen. Keine von uns wusste, wie sie es schaffen sollte, erfolgreich das ideale, normale Leben einer Frau zu führen. Und tatsächlich hat auch keine von uns es je geschafft.“

Auf die Frage, was denn das ist, das „normale Leben einer Frau“, finden Mutter und Tochter auch nach Jahrzehnten keine Antwort. Doch sie ringen darum, beinahe täglich auf ihren langen Spaziergängen durch New York. Und so ist „Ich und meine Mutter“ nicht nur ein lesenswerter Roman über Frauenbilder und Rollenverständnisse, nicht nur ein Buch der Frauen also, sondern auch ein Buch der Megacity, deren lebendiges Straßenleben so greifbar gut beschrieben wird wie beispielsweise in den Essays der „langatmigen Lady“.

Bibliographische Angaben:

Vivian Gornick
„Ich und meine Mutter“
Penguin Verlag, 2019
Aus dem Englischen von pociao
20,00 Euro, gebunden mit Schutzumschlag, 224 Seiten
ISBN 978-3-328-60030-5


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Leonora Carrington: Das Hörrohr

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Bild von Free-Photos auf Pixabay

„Natürlich handelt es sich dabei um eine Art von Meuterei, und wenn du von der Obrigkeit entdeckt wirst, könnten sie ihre Maschinenpistolen auf dich richten.  Ein gepanzertes Fahrzeug käme unter diesen Umständen sehr gelegen, vielleicht auch ein kleiner Panzer, obwohl es vielleicht einige Beschaffungsschwierigkeiten gäbe. Du müßtest die Armee um Hilfestellung bitten. Ich weiß nicht, ob sie Panzer ausleihen, vielleicht haben sie ein ausrangiertes Exemplar.“

Leonora Carrington, „Das Hörrohr“.

Nein, hier spricht nicht der Vertreter einer revolutionären Truppe, sondern eine feine ältere Dame. Die hochbetagte, ziemliche exzentrische Carmella schmiedet Ausbruchspläne für ihre nicht weniger hochbetagte und nicht weniger exzentrische Freundin Marian Leatherby. Diese ist in einem obskuren Altersheim namens „Bruderschaft zur Quelle des Lichts“ untergebracht, dort abgestellt von ihrem Sohn und dessen Familie. In dem Heim, geleitet von einem fragwürdigen Psychologen samt herrschsüchtiger Gattin, leben noch weitere außergewöhnliche Damen. Und an der Wand prangt das Portrait der Äbtissin Alvarez della Cueva vom Kloster der Heiligen Barbara vom Tartarus. Deren wilde Lebensgeschichte, geprägt von Orgien und schwarzer Magie, wird in die Rahmenhandlung eingebettet. Am Ende kommen solche magischen Kräfte, aber auch Mutter Natur den Damen im Altersheim zur Hilfe: Die ganze Welt erstarrt in einer Art Eiszeit, doch die kleine Truppe rund um die Greisinnen überlebt, gemeinsam mit einem kleinen Gefolge aus Ziegen, Werwölfen und Bienen.

Dieser Roman der englischen Schriftstellerin und Malerin Leonora Carrington (1917 – 2011) gilt immer noch als Geheimtipp. Schade eigentlich, dass dieses wunderbar versponnene, phantasievolle Werk nicht noch mehr Leserinnen und Leser findet – ist es doch, obwohl 1976 erschienen (in deutscher Sprache 1980 in der Übersetzung von Tilman Spengler), trotz seines surrealistischen Anscheins zugleich auch höchst politisch, höchst aktuell und zeitgemäß. Jetzt, da die Welt in den Händen älterer weißer Herrschaften zum Schlechteren zu kippen droht, lohnt es sich, dieses feministische Manifest einmal mehr zu lesen. Zumal „Das Hörrohr“ zugleich auch auf das Beste zu unterhalten vermag, witzig ist und ein wenig irre.

Der Aufstand der alten Damen ist geprägt vom Wunsch weiblicher Selbstbestimmung – etwas, was auch das Leben der Autorin prägte. Eine ihrer Figuren lässt sie dieses zur Heimleiterin sagen:

„Freiheit ist zwar etwas spät in unser Leben gekommen, doch wir haben nicht die Absicht, sie wieder aufzugeben. Viele von uns haben ihr Leben mit herrschsüchtigen und griesgrämigen Ehemännern verbracht. Als wir endlich von ihnen befreit waren, wurden wir von unseren Söhnen und Töchtern herumgestoßen, die uns nicht nur nicht länger liebten, sondern uns als Bürde und als Objekte der Lächerlichkeit und der Schande betrachteten. Können Sie sich in ihren wildesten Träumen vorstellen, daß wir nun, da wir die Freiheit gekostet haben, uns durch Sie und ihren lüsternen Mann herumkommandieren lassen?“

Herumkommandieren ließ sich Leonora Carrington wohl nicht, aber lange stand die begabte Malerin im Schatten eines Mannes: 1937 lernte sie während ihres Kunststudiums in Paris den 30 Jahre älteren Max Ernst kennen, drei Jahre lebten sie als Paar zusammen. Carrington, die ab 1942 in Mexiko lebte, wurde vor allem in Europa kaum als eigenständige Künstlerin wahrgenommen – sie war „die Partnerin von Max Ernst“.

Dabei ist ihr bildnerisches als auch ihr literarisches Schaffen höchst eigenständig und von einer spezifischen weiblichen Sicht auf die Welt geprägt. In ihrem Roman „Das Hörrohr“ gibt sie Einblick in ihre phantastische Welt:

„Das Innere der Arche war wie der Opiumrausch eines Zigeuners. Da gab es mit wundervollen Mustern bestickte Vorhänge, Parfümzerstäuber, die wie exotische Vögel geformt waren, Lampen mit beweglichen Augen wie Gottesanbeterinnen, Samtkissen in der Gestalt riesiger Früchte und Sofas, die aus kostbaren Hölzern und Elfenbein geschnitzten hingestreckten Werwolfweibchen ruhten.“

Carrington vereinte die traumhaft-abstrakten Grundzüge des europäischen Surrealismus mit den Erzählstrukturen des magischen Realismus der Künstler Südamerikas: Das Beste aus beiden Welten, zusammengeführt in einem eigenständigen Werk, dass es zu entdecken und zu genießen gilt. Ein schönes Portrait erschien 2008 in der FAZ (leider finde ich in der Online-Ausgabe den Namen der Autorin, des Autoren nicht), das auf die Bilderwelt der Künstlerin eingeht:

„Seit 1943 lebt Leonora Carrington, mit zwei Unterbrechungen nach dem Massaker an den Studenten 1968 und nach dem schweren Erdbeben von 1985, in Mexiko-Stadt. Als ich vor einigen Jahren ihr Haus in der Colonia Roma umschlich und Leute suchte, die mir über sie etwas erzählen wollten, konnte ich mir keinen Ort vorstellen, der für sie passender gewesen wäre als dieses von Mythen durchwobene Land, in dem die Geschichten der Olmeken, Tolteken, Azteken und Maya sich fortgeschrieben haben bis in die Gegenwart. Carringtons vom irischen Katholizismus der Mutter und keltischen Ammenmärchen geprägte Mythenwelt, die sie schon in den Bildern der Surrealisten wiedererkannt hatte, muss in Mexiko fruchtbaren Boden gefunden haben. In der Distanz zum „koscheren Surrealismus“, wie sie es nennt, entwickelte sie ihre ganz eigene Metaphorik; Tiere sind nicht nur Tiere und Menschen nicht nur Menschen, sondern Mischwesen, Lebende, das eine durchdrungen vom anderen, geheimnisvoll, unheimlich und immer auch komisch.“


Informationen zum Buch:

Leonora Carrington
Das Hörrohr
Bibliothek Suhrkamp

Nur noch antiquarisch zu erhalten.


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Marlene Streeruwitz: Verführungen

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Helene ging zu ihm. Er breitete die Arme aus. Während der drei Schritte auf ihn zu dachte Helene, sie müsse mit ihm reden. Über die letzte Nacht. Das Geld. Und das Telefonieren. Henryk schloß die Arme um sie. Helene lehnte ihre Stirn gegen seine Schultern. Ihr fiel ein, daß sie mit jedem Mann in ihrem Leben dieselben Themen zu besprechen hatte. Helene war müde.“

Marlene Streeruwitz, „Verführungen. 3. Folge, Frauenjahre“, 1996.

Helene, die Protagonistin dieses Debütromans der österreichischen Autorin, ist meistens müde. Nicht lebensmüde, auch wenn dieser Gedanke ab und an aufschimmert (und dann allein schon der Kinder wegen vehement weggeschoben wird), auch wenn andere Frauen sich im Verlauf der geschilderten Monate aufgeben, nein lebensmüde ist Helene nicht. Aber völlig erschöpft. Kein Wunder: Vom Ehemann sitzengelassen, der für die Frauen und die beiden Töchter keinen Pfennig erübrigt, in einer Wohnung Tür an Tür mit der wehleidig-jammernden Schwiegermutter, von den Eltern verurteilt, in einem seltsamen PR-Job gefangen, in dem sie, die talentierte Teilzeitkraft, gnadenlos unterbezahlt den Job des Chefs macht. Die kapriziöse Freundin – ein wenig klischeehaft „Püppi“ genannt – ruft meist nur an, wenn sie in Beziehungskatastrophen steckt und von der Männerwelt ist eh wenig Unterstützung zu erwarten: Kaum hat sich Henryk, der mittellose Musiker, bei ihr eingenistet, führt er sich auf wie die Made im Speck.

Marlene Streeruwitz ist eine politische und feministische Autorin – und insofern ist kaum eines ihrer Theaterstücke, mit denen sie zunächst bekannt wurde, oder einer ihrer Romane unumstritten. Dabei – und dies zeigte bereits ihr erste Roman – beschreibt sie nur das, was ist: Zugespitzt zwar, wie bei Helenes Situation, aber eben auch kein außergewöhnliches Frauenleben, eine, die „ins Leben gepreßt“ ist, die müde davon ist, funktionieren zu müssen: Als Frau. So realitätsnah einerseits, mit so viel „galligem Humor“ (eine Beschreibung, die im Feuilleton gerne für die Werke von Streeruwitz verwendet wird) andererseits und eben offen auf der Seite der Frauen positioniert: Diese Art des Schreibens ruft naturgemäß mehr oder weniger qualifizierte Kritiker hervor.

Dabei gäbe es gerade an diesem Debütroman wenig bis nichts zu mäkeln: Wie Helene sich trotz aller Widrigkeiten durch das Leben hangelt, das ist unterhaltsam zu lesen und spannend, bisweilen bitterböse, schreiend komisch, aber auch voller Wärme, vor allem in den Beschreibungen des Mütter-Töchter-Gespanns. Die Sprache, ein, wie sich an späteren Werken zeigte, Streeruwitz-Merkmal, ein Stakkato, kurze, oftmals unvollständige Sätze, ein Stil, an den man sich schnell gewöhnt, der einen in den Fluss dieser Frauengeschichte hineinreißt.

Sabine Harenberg stellt in einer Besprechung bei „literaturkritik.de“ einen Zusammenhang zwischen Sprache und weiblicher Erotik her:

Marlene Streeruwitz´ Prosatext „Verführungen“ läßt sich nicht einfach dem Genre „Erotische Literatur“ subsumieren. Der bereits erwähnte, durchgängig beibehaltene Gleichklang des Erzählens scheint ein Hinweis darauf zu sein, daß der Text keine erotisierende Wirkung auf die Leser ausüben will. Es wäre aber auch verfehlt, „Verführungen“ als anti-erotische Literatur zu charakterisieren, weil der Text nicht jede Form von Erotik verneint. Es finden sich Ansätze erotischer Momente, die jedoch sofort aufgehoben und wieder zerstört werden. Diese Zerstörung spiegelt sich auch in der Syntax wider. So zeigt sich, daß durch die deutlich beschädigte Sprache auch auf der Ebene des Erzählens Helenes beschädigte Sexualität zum Ausdruck gebracht wird. Das Bewußtsein dieser Beschädigung in Verbindung mit einer grundlegenden Sehnsucht nach mehr als nur einer erfüllten Sexualität evoziert in der Protagonistin unlösbare Widersprüche, die sie immer wieder fast am Leben verzweifeln lassen: „Sie hatte keine Sehnsucht mehr. Nicht einmal danach. Es machte sie traurig. Zermürbt, dachte sie. Bist Du endlich zermürbt.“

Diese Interpretation greift einen Aspekt heraus, dabei aber auch zu kurz: Natürlich geht es in „Verführungen“ auch um Lust, Liebe und Begehren. Dafür ist nur wenig Platz, wenn man den geerbten Schmuck zum Pfandleiher bringen muss, um ein Essen für die Kinder auf den Tisch zu bekommen. Die „Verführungen“, die sich der müden Helene eröffnen, sind weniger erotischer denn seelischer Natur: Die Erwartungen der anderen zu erfüllen. Zu funktionieren. Muttertag zu feiern, das Fremdgehen des Gatten zu dulden, die Kapriolen der Busenfreundin lächelnd zur Kenntnis zu nehmen. Die Altersgeilheit des Chefs zu akzeptieren, das Gejammere der Kollegin zu schlucken. Die eigenen Grenzen Tag für Tag überschritten zu sehen.

Es geht in diesem Roman meiner Meinung um das Thema weiblicher Selbstbehauptung, weit über die Grenzen der Erotik hinaus. Es geht um die Befreiung aus Rollenmustern in jeglicher Hinsicht. Es geht darum, ob Helene weiterkämpft oder müde liegenbleibt. Am Ende siegt die Energie: Helene schmeißt den Schmuddeljob hin, den Schmuddelmusiker raus, geht gegen den verlogenen Ehemann rechtliche Schritte an und macht vor allem eines, sie nimmt ihr Leben in die eigene Hand. Den „Verführungen“ widersteht sie, auch wenn ihr Weg sie am Ende des Buches erst einmal ins Arbeitsamt führt:

„Helene lehnte den Kopf gegen die Wand hinter sich. Zuerst würde sie den Computerkurs machen. Und dann war Weihnachten. Und dann. Im nächsten Jahr würde alles besser werden. Helene wurde aufgerufen.“

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Wer noch mehr von Marlene Streeruwitz lesen möchte, dem sei ihr Roman „Nachkommen“ empfohlen, eine 2014 erschienene kritische Abrechnung mit dem Literaturbetrieb. Zum Einlesen empfehle ich die Rezension beim grauen Sofa. Musikalisch hat mich beim Lesen des Buches übrigens ein Lied von Konstantin Wecker dauerhaft begleitet:

Dagrun Hintze: Einvernehmlicher Sex

„Auf der Mitte des Lebens kann Liebe
verdammt beunruhigend sein
aber auf der Mitte des Lebens
gelang es mir jetzt
mit Hilfe des Stadtplans zurückzukehren
an den Platz auf dem ich sitzen wollte
allein“

Dagrun Hintze, Auszug aus „Pfirsiche kaufen“.

In und auf der Mitte des Lebens hat eine Frau idealerweise schon einige Variationen der Liebe hinter sich, Erfahrungen gesammelt, Dramen erlebt, Enttäuschungen überstanden, Hoffnung geschöpft, den Zauber des Anfangs und die Magie des Bleibens erfahren – von all dem erzählt die 1971 in Lübeck geborene Schriftstellerin Dagrun Hintze in ihrem neuesten Gedichtband „Einvernehmlicher Sex“.  Einigen Lesern des Blogs dürfte sie noch durch ihre Fußballgeschichten unter dem Titel „Ballbesitz“ in Erinnerung sein – und wer so unterhaltsam und treffend über Fußball schreiben kann, der kann das auch über weitere wichtige Nebensächlichkeiten des Lebens: Liebe, Sex, Erotik.

„Ich hatte in meinem ganzen Leben
noch nie einen One-Night-Stand hinbekommen
auch wenn jede zweite Frauenzeitschrift
behauptet dass man das vor Dreißig
geschafft haben muss“

… heißt es im titelgebenden Gedicht „Einvernehmlicher Sex“. Ob es der Erzählerin mit 40 gelingt (oder eben auch nicht), sei an dieser Stelle nicht verraten. Aber schon die wenigen Zeilen machen deutlich: Mit der Autorin könnte man einen herrlichen Frauenabend verbringen, bei ein paar Glas Wein kichernd und lachend die eigenen Liebespleiten austauschen. Es sind Geschichten vom ersten Petting, damals, mit fünfzehn, mit dem Sohn eines Müslifabrikanten über die Begegnung mit einem Tschechen, den frau gerne 20 Jahre früher kennengelernt hätte bis hin zum veritablen Liebeskummer, der unvermittelt über einen hereinbricht, weil sieben Jahre nach der misslungenen Liebesgeschichte plötzlich Brian Ferry im Taxi erklingt. Love is the Drug.

In 38 Prosagedichten erzählt Dagrun Hintze vom Liebesleben einer modernen Frau: Mal heiter, mal lakonisch, mal wehmütig, mal überschwänglich. In Szenen, die man selber kennt, von Gefühlen, die man nachvollziehen kann. Und hier trifft es der Text des Verlags, der behauptet: „Man begleitet die Erzählerin durch Höhen und Tiefen und merkt irgendwann, dass man sich zwischen den Zeilen befreundet hat.“

Mein Lieblingsgedicht in diesem Band ist jedoch eines geworden, das vergleichsweise verklausuliert wirkt:

Zwischenstand

Bis hier
Ein Fell auf nackter Haut
die auch nicht mehr schneeweiß ist
und Leberflecke an pikanten Stellen
Nicht aus der Zeit gefallen
auch nicht verrückt geworden
Pfefferminztee
und ein halbes Leben

Die Autorin Simone Buchholz äußert sich begeistert über die Gedichte der „open mike“-Preisträgerin 2005:

„Dagrun Hintze haut einem die Poesie um die Ohren, dass die Welt aus dem Takt gerät, mitten hinein in die schönste Schieflage, in eine zarte Schlagseite, ins heftigste Wetter, in bunte Himmel, und man möchte mit ihr und ihren Piratenfreunden durch diese Nächte und Tage tanzen, von denen sie schreibt.“

„Einvernehmlicher Sex“ ist erschienen bei Minimal Trash Art (MTA), einem Verlag für Musik, Texte und Bilder, der heuer sein 20-jähriges Bestehen feiert. Reinschauen lohnt sich: https://www.minimaltrashart.de/

Dagrun Hintze
Einvernehmlicher Sex
38 Gedichte

80 Seiten
Taschenbuch
12,00 Euro

ISBN 978-3-9814175-3-1-
Minimal Trash Art (MTA)
2018

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Patricia Highsmith: Ediths Tagebuch

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Wie ein Boot, dachte sie, das sacht an den Strand glitt, trat sie näher an den Arbeitstisch und setzte sich. Aber so war es gar nicht. Wenn schon auf dem Wasser, dann war sie eher wie ein Schiff ohne Ruder, ohne Anker, das auf dem dunklen Meer umherirrte, das die Richtung verloren hatte und unfähig war, sie einzuhalten, selbst wenn sie es wüßte.“

Patricia Highsmith, „Ediths Tagebuch“, OA 1977, in deutscher Übersetzung beim Diogenes Verlag.

Typische Kriminalromane schrieb sie nie. Schon in ihrem ersten Roman, „Zwei Fremde im Zug“ (1950), ist angelegt, was viele ihrer Bücher ausmacht – jemand wird zum Mörder wider Willen. Die Spannung liegt nicht eigentlich im Plot, sondern in der Psychologie, in der Entwicklung der Figur. Bezeichnenderweise wurde ihr Debüt zunächst von sechs Verlagen abgelehnt, zu ungewöhnlich das Manuskript, zu sehr brach es mit den Regeln des Genres. Hitchcock erkannte das Potential – und mit seiner Verfilmung wird dann auch die Autorin schlagartig berühmt.

In der Folge variiert Patricia Highsmith (1921 – 1995) dieses Thema des „murder by accident“ immer wieder: Ihr charmanter Held Ripley tötet „nur“, wenn es „unbedingt notwendig“ ist, sie erzählt in „Tiefe Wasser“ und „Der süße Wahn“  von psychisch anfälligen Männern, die nicht mehr zwischen Realität und Wahnvorstellungen unterscheiden können und in „Der Stümper“ und „Die gläserne Zelle“ von Unschuldigen, die in Verdacht geraten – und dadurch erst schuldig werden.

„Ich bin keine Kriminalschriftstellerin, weil mich weder Spannung noch Geheimnisse interessieren; und noch weniger die Bullen. Aber die Entwicklung eines Gelegenheitsverbrechers (was wir alle potentiell sind) fasziniert mich. Sein Motiv und seine Reaktionen sind es, die mich fesseln“, gab die Amerikanerin einmal Auskunft über ihren Antrieb zum Schreiben.

Trotz einer Reihe ungewöhnlicher Romane zuvor – 1977 erschien ihr wohl außergewöhnlichstes, auch ihr reifstes Buch: „Ediths Tagebuch“ schildert den psychischen Zerfall einer Frau. In der Reihe ihrer Werke nimmt dieser – durchaus auch spannende und geheimnisvolle Roman – eine Ausnahmestellung ein, erzählt Highsmith doch ausnahmsweise aus der Perspektive einer Frau, aus Sicht einer scheinbar ganz durchschnittlichen amerikanischen Vorort-Hausfrau und Mutter.

Zu Beginn dieses Psychogramms verpasst Patricia Highsmith den Lesern eine Portion heile Welt: Die Familie Howland – Ehemann Brett, ambitionierter Journalist, Edith, freie Journalistin, Sohn Cliffie und die Katze – sind im Aufbruch, im Umzug von New York in das ländliche Pennsylvania, nach „Brunswick Corner“.

„Cliffie war jetzt zehn, und Brett lag wegen des Jungen sehr an dem Umzug.“

Schon in diesen Zeilen ist das ganze Drama angelegt: Ediths Welt wird von den sie umgebenden Männern – später kommt noch ein pflegebedürftiger Onkel Bretts hinzu – geprägt. Trotz ihrer nach außen hin selbstbestimmt erscheinenden Lebensweise als freie Autorin ist sie vor allem eines: Ehefrau, Mutter, Pflegerin dreier höchst egozentrischen männlichen Wesen.

Bereits in der Eingangsszene hat aber auch ihr eigentlicher „Freund“, ihr Seelenverwandter, ihr intimster Ansprechpartner seinen Auftritt: Ein in Leder gebundenes Tagebuch.

„Sie bewahrte es immer bei ihren eigenen Sachen auf, dem Schreibmaschinenpapier, dem Wörterbuch und dem Weltalmanach, wenn sie – wie in dieser Wohnung – ein eigenes Arbeitszimmer hatte, und sonst bei ihren Sachen in einer Ecke des Wohnzimmers.“

Ediths Platz ist damit auch räumlich definiert, er ist nachgeordnet in dieser kleinen Männerwelt – auch später, wenn sie in Brunswick einen eigenen Arbeitsraum hat, werden dessen Grenzen immer wieder gegen ihren Willen überschritten, sei es von Brett, sei es von Ärzten: Ein eigener Bereich steht ihr nicht zu, wird damit verdeutlicht.

Das Tagebuch dagegen ist der eigentliche „room for her own“ und wird eine immer zentralere Rolle in Ediths (Wahn-)Leben spielen. Schon zu Beginn gibt Patricia Highsmith einen ihrer kleinen, raffinierten Hinweise, die dem Bild von der heilen Welt kleine Sprünge verpassen:

„Vor einem Jahr hatte sie das Buch zufällig einmal aufgeschlagen und war peinlich berührt gewesen, als sie etwas las, das sie mit zweiundzwanzig geschrieben hatte. In jüngerer Zeit ging es mehr um Stimmungen und Gedanken; zum Beispiel erinnerte sie sich gut an eine Eintragung von vor acht Jahren: »Ist es nicht besser, vielleicht sogar klüger, zu glauben, dass das Leben ohne wirklichen Sinn ist?« Sie war erleichtert, als sie das hingeschrieben hatte. Diese Haltung, dachte sie, war nicht etwa ein falscher Schutzschild. Es war eine Tatsache, dass das Leben keinen Sinn hatte. Man machte einfach immer weiter, man arbeitete und tat eben, was man konnte und so gut es ging.“

Ediths Schutzschild – eine bestimmte gelassene, im Grunde resignative Haltung zum Leben – wird den folgenden zwanzig Jahren nicht Stand halten. Brett wird sie wegen einer jüngeren Frau verlassen, Sohn Cliffie entwickelt sich zum arbeitslosen Alkoholiker mit kleinkriminellen Zügen. Das Haus zerfällt und Onkel George wird mehr und mehr zu geriatrischen Pflegefall. Das eigentlich Grauenhafte daran ist nicht nur der Egoismus der Männer – mit welcher Selbstverständlichkeit Brett seinen Onkel in Ediths Obhut zurücklässt und ihr die Verantwortung aufbürdet, macht beim Lesen fassungslos und wütend -, sondern der Fatalismus, mit dem sich Edith das alles gefallen lässt.

Rolf Becker schrieb nach Erscheinen des Buches 1978 in deutscher Übersetzung im „Spiegel“:

„Edith – und das ist die Pointe, mit der Patricia Highsmith ihre Allerweltsgeschichte scharf und bitter macht -, Edith zerbricht nicht eigentlich am Verlassen werden, an all den Belastungen selbst, sondern mehr an ihrer Anstrengung, diese Lasten immerzu frohgemut zu akzeptieren, ihre Enttäuschungen immer wieder hinter einem freundlichen Lächeln zu verbergen.“
Quelle: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-40617598.html

Warum Edith sich selbst so hintanstellt, Selbstaufopferung für die Familie als Lebenskonzept wählt, warum sie – was in einem Kriminalroman nahe läge – nicht irgendein Hackebeil packt und Brett die Meinung geigt, warum sie, obwohl, sie als Journalistin kompetent und klug agiert, ihre privaten Lebensumstände unwidersprochen hinnimmt: Dies alles bleibt unerklärt. Ein Kunstgriff von Patricia Highsmith – jede psychologische Erklärung würde Edith individualisieren, so aber steht sie für einen bestimmten Frauentypus, für ein Frauenschicksal, geprägt von jahrhunderterlanger Entwicklung: Die Hüterin von Heim und Herd, deren Selbstverwirklichung zweitrangig ist.

Beim Aufrechterhalten der Fassade wird das Tagebuch zum Komplizen: Hier erschafft sich Edith eine Traum-, eine Gegenwelt, in der Sohn Cliffie ein erfolgreicher Ingenieur mit Frau und Kind ist, sie eine liebende Großmutter, in der Brett ganz nebenbei und undramatisch stirbt und von der Bildfläche verschwindet, in der alles heil und angenehm erscheint. In der Realität dagegen bröckelt die Fassade – buchstäblich auch an dem zwanzig Jahre zuvor erworbenen Haus – mehr und mehr. Edith wird in ihren Artikeln, die sie in Underground-Magazinen unterbringt, politisch immer schärfer, in ihren Ansichten immer streitbarer und gereizter: Das hat den Verlust von Freunden, Bekannten und der Arbeitsstelle zur Folge, sie isoliert sich mehr und mehr.

Letzten Endes aktiviert eine „wohlmeinende Freundin“ Brett, der – nach Jahren der Gleichgültigkeit und Abwesenheit –  Edith einem Psychiater zuführen will. Ein Vorhaben, das in eine Katastrophe mündet.

Die Doppelbödigkeit von „Ediths Tagebuch“ liegt darin, dass Patricia Highsmith hier die Definition von Normalität und Wahnhaftigkeit ganz geschickt hinterfragt und zugleich in der Schilderung dieser „Allerweltsgeschichte“ einen Roman über gesellschaftliche und politische Verhältnisse vorlegte. Das Geschehen umspannt die Ära des Aufbruchs unter John F. Kennedy, die der sozialen Reformen unter Lyndon B. Johnson bis hin zur Rückwärtsrolle amerikanischer Politik unter Nixon – dies alles kommentiert Edith in ihren Artikeln, scharf und unerbittlich. Alltag und Politik treffen zusammen, auch das Private ist politisch, Politik prägt das Private. So sagt Edith zu ihrem Hausarzt, der sie mit kleinen Pillen ruhigstellen will:

„Alle macht ihr schlechte Politik – Ausflüchte, Lügenmärchen, bloß nicht die einfache, nackte Wahrheit.“

Es ist die besondere Pointe dieses Buches, dass, als Edith endlich ihre eigene Stimme findet, als sie beginnt, sich zu äußern, zu empören, aufzubegehren, die Armada aus Exgatten, Hausarzt, Freunden alles daran setzt, sie wieder auf Normalmodus zu schalten. Als Edith aus der Rolle fällt, wird sie für wahnsinnig erklärt. Am Ende stürzt sie, als sie ihr Terrain – ihr Arbeitszimmer – vor dem Eindringen zweier Ärzte verteidigen will, von der Treppe. Und so endet dieser Kriminalroman „angemessen“ für sein Genre mit dem Tod einer Person. Mit einem tödlichen Unfall. Aber im Grunde war es: Mord.

Verlagsinformationen zum Buch:
http://www.diogenes.ch/leser/titel/patricia-highsmith/ediths-tagebuch-9783257234176.html

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Toni Morrison: Gott, hilf dem Kind

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„Ich kann nichts dafür. Mir könnt ihr nicht die Schuld geben. Ich hab`s nicht gemacht, und ich habe keine Ahnung, wie es passieren konnte. Kaum eine Stunde hat es gebraucht, nachdem sie sie zwischen meinen Schenkeln herausgezogen hatten, um zu merken, dass etwas nicht stimmte. Ganz und gar nicht stimmte. Sie war so schwarz, dass sie mir Angst machte. Mitternachtsschwarz, sudanesisch schwarz.“

Toni Morrison, „Gott, hilf dem Kind“, Rowohlt Verlag 2017.
Originalausgabe: „God help the child“, 2015

Lula Ann ist ein „Teerbaby“. Ein Schock für die Eltern, die – in ihrem Verhalten tief geprägt vom amerikanischen Rassismus -, so stolz auf ihre helle Haut sind. Der Vater verschwindet, die Mutter, die sich von ihrem Kind ironischerweise „Sweetness“ nennen lässt, zieht das Mädchen in einer Atmosphäre von emotionaler Kälte und Ablehnung auf.

Was für das Kind Lula Ann als Makel erscheint, der soziale Integration, Freundschaften und sogar familiäre Liebe verhindert, das verwandelt sie als Erwachsene, als „Bride“ in ein Markenzeichen: Die atemberaubende Schönheit, tiefschwarz, jedoch stets in Weiß gekleidet, inszeniert sie sich als „Panther im Schnee“.

Doch im Kern bleibt die glamouröse Karrierefrau, die Markenklamotten trägt und einen Jaguar fährt, das kleine, verunsicherte Kind. Keine Spur von „Black Panther“. Erst ein dramatischer Gewaltakt und ein Mann, der sie verlässt, führt Bride, die weiße Braut, auf Spurensuche: Nach Brooker, ihren Geliebten, aber vor allem nach sich selbst.

In ihrem jüngsten Roman vereint Toni Morrison erneut ihre zentralen Themen: Rassismus und Feminismus. Ob in „Sula“, „Teerbaby“ oder auch „Menschenkind“, immer wieder stellte die Literaturnobelpreisträgerin Frauen in den Mittelpunkt ihrer Geschichten Frauen, die im doppelten Sinne mit ihrer Identität zu ringen haben: Als Frau und als Schwarze. Morrison behandelt die Thematik jedoch nie eindimensional, konstruiert keine literarischen schwarz-weiß Anklagen, teilt nicht oberflächlich nach Hautfarben in Gut und Böse. Vielmehr sind ihre Bücher – und „Gott, hilf dem Kind“ trotz des missverständlichen Titels in besonderer Weise – eine Aufforderung zur Emanzipation.

Heidi Thomas Tewarson schreibt in ihrer rororo-Monographie (2005) über Toni Morrisons Roman „Sehr blaue Augen“:

„…ist das erste Buch, in dem Toni Morrison der Frage nach der verheerenden Folge eines schädlichen, fremden, aber allgemein verinnerlichten Denkens nachgeht, einer Frage, die in vielen Variationen immer wieder aufgegriffen wird. Die fast automatische Verinnerlichung rassistischen Denkens erweist sich als das wahrhaft Zerstörerische.“

Das wahrhaft Zerstörerische ist und bleibt natürlich der Rassismus an sich – doch wie sehr rassistische Denkweisen von den „Opfern“ selbst übernommen werden, wie sehr sie diese weitertragen und sich damit einem inhumanen System unterwerfen, das zieht sich wie ein roter Faden von der blauäugigen Pecola („Sehr blaue Augen“, 1970) bis hin zur teerschwarzen Bride. Deren Abgrenzung von der Mutter, ihre Karriere, ihre wechselnden Liebschaften: Dies alles entpuppt sich als dünner Firnis. Anpassung und Selbstverleugnung statt Selbstverwirklichung. Auch ihre Art, ihre tiefschwarze Hautfarbe zu einem Markenzeichen zu machen, ist einem rassistischen Diktat unterworfen. „Black is beautiful“, pervertiert.

„Siehst du“, sagte Jeri. „Schwarz zieht. Es ist die heißeste Ware, die es in unserer Gesellschaft gibt. Weiße Mädchen, sogar braune, müssen sich nackt ausziehen, um so viel Aufmerksamkeit zu erregen.“

Bride, deren „Liebesleben zu einer Art Cola light wurde“, mit Typen, die „mich behandelten wie einen Orden, ein glänzendes, stummes Zeugnis ihrer Heldentaten“, muss erst auf Menschen treffen, die – wie sie – durch Traumata in der Kindheit geprägt sind -, um an ihre Wurzeln, um zu echtem Selbstbewusstsein, zu echter „black power“ zu gelangen.  Sie muss zudem symbolisch beinahe verschwinden, um wieder zu wachsen: Indem ihr Körper sich in den eines brust- und haarlosen Kindes zurückverwandelt (ein typisches, wenn auch eher zurückgenommenes Beispiel für die Magie, die Toni Morrison gerne in ihre Romane einflicht), wird sie erst zur Frau.

„Gott, hilf dem Kind“: Mich begleitete beim Lesen ständig Billie Holidays Song „God bless the child“. Und wie passend die Textzeile daraus: „Mama may have, Papa may have, but God bless the child that’s got his own!“ Der schmale, multiperspektivisch erzählte Roman ist vielleicht nicht das herausragendste Buch innerhalb Morrisons Werk – die schnelle, schlanke Sprache, die ökonomische Erzählweise, die von manchen Kritikern gelobt wird, geht mir in diesem Roman zu sehr auf Kosten der Magie und Sinnlichkeit, die Toni Morrison in anderen ihrer Bücher entfaltet – aber es ist ein enorm wichtiges Buch zu diesem Zeitpunkt.

Denn in Trumps Amerika genügt es nicht, darum zu beten, dass Gott dem Kind hilft – es geht darum, dem jahrhundertelang gepflegten Rassismus und Sexismus, der nun unter den weißen Männern wieder aufzublühen droht, die Stirn zu bieten, diesem den berechtigten „Zorn von Kindern“ (wie Morrison ihren Roman wohl ursprünglich nennen wollte), von misshandelten und ausgegrenzten Kindern und der täglichen, strukturell bedingten Gewalt in einer gespaltenen Gesellschaft entgegenzuhalten. Am Ende des Romans finden die Braut, Bride, und Brooker zusammen, sie ist schwanger, sie träumen von der Zukunft:

„Ein Kind. Neues Leben. Immun gegen alles Böse, jede Krankheit, behütet vor Entführung, Schlägen, sexueller Gewalt, Rassismus, Demütigung, Verletzung, Selbstzweifel, Verwahrlosung. Niemals irrend, voller Güte. Ohne Zorn. So stellen sie es sich vor.“

God bless the child.

Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.rowohlt.de/hardcover/toni-morrison-gott-hilf-dem-kind.html


„Gott, hilf dem Kind“ ist derjenige unter Toni Morrisons Romanen, der am nächsten an unsere unmittelbare Gegenwart angesiedelt ist. Eine weitere literarische Stimme, die die Themen Rassismus und Feminismus verknüpft, jedoch noch unmittelbarer aus unserer Gegenwart erzählt, ist Chimamanda Ngozi Adichie.

In ihrem preisgekrönten Roman „Americanah“ (2013) lässt sie eine starke Frauenfigur auftreten: Ifemelu – die wie die Autorin aus Nigeria stammt – die in die USA auswandert, um dort plötzlich zu erleben, dass Hautfarbe eben doch ein Distinktionsmerkmal sein kann.

Ähnlich wie bei Bride in Toni Morrisons Roman beginnt bei Ifemelu ein allmähliches Erwachen. Sie beginnt einen Blog zum Thema Rassismus zu schreiben – und denkt dabei messerscharf auf, wie sehr selbst in der Ära Obama, in der der Roman spielt, die Hautfarbe lebensbestimmend ist.

„Der einzige Grund, warum du behauptest, dass Rasse kein Thema war, ist, weil du es dir so wünschst. Wir wünschen es alle. Aber es ist gelogen. Ich komme aus einem Land, in dem Rasse kein Thema war. Ich habe mich selbst nicht als Schwarze gesehen, ich wurde erst schwarz, als ich nach Amerika kam.“

Die Rahmenhandlung – eine Jugendliebe, die Ifemelu zurück in ihr Herkunftsland treibt – vermag weit weniger zu fesseln als die haarscharfen Beobachtungen und Analysen, die die Autorin in der zweiten Ebene – der des Blogs – unterbringt.

Das Buch wurde von der Zeit-Redaktion in den „Kanon des jungen Jahrhunderts“ aufgenommen:
http://www.zeit.de/2015/44/chimamanda-ngozi-adichie-americanah-literaturkanon

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Ulla Hahn: Stechäpfel

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Bild von Hans Benn auf Pixabay

An die Freiheit

Goldne Freiheit, kehre wieder
In mein wundes Herz zurück,
Weck mir neue, heitre Lieder
Und entwölke Geist und Blick.

Komm und trockne meine Tränen
Mit der rosig-zarten Hand,
Stille meines Busens Sehnen,
Löse, was die Liebe band. (…)

Sophie Albrecht (1757 – 1840)

„Stechäpfel“, Reclam Verlag, Herausgeberin Ulla Hahn, 2008

Lange bin ich herumgeschlichen um dieses Buch. Nicht noch eine Gedichtanthologie, dachte ich, auch wenn sie mich reizt. Ich habe schon so viele Gedichte …

Und nun sind sie mir doch noch zugewandert die „Stechäpfel“, ein Tausch unter Bloggerinnen, und ich bin so froh darum.

Dies nicht nur, weil so wunderbare Frauen und Dichterinnen darin zu entdecken sind, die ich bislang noch nicht einmal dem Namen nach kannte. Neben den mir – schon von der Muttersprache her – vertrauten Hilde Domin, Rose Ausländer, Nelly Sachs und anderen, versammelt dieser Reclam-Band Poesie von Frauen aus allen Erdteilen und Epochen: Gedichte aus drei Jahrtausenden.

Des Hervorhebens würdig macht dieses Buch jedoch auch das Nachwort seiner Herausgeberin Ulla Hahn. Ihre Schwierigkeiten beim Zusammenstellen der Anthologie: So wenige Lyrikerinnen anderer Nationalitäten und Sprachen, die in das Deutsche übersetzt wurden. Ungarische Dichtungen aus fünf Jahrhunderten, gegenwärtige Dichtung aus Schweden, Frankreich, Mexiko: Ganze Bücher ohne weibliche Stimmen.

„Kaum etwas legt die marginale Rolle der Frau in der Literaturgeschichte so bloß wie ihr verschwindender Anteil in den Anthologien aller Herren Länder.“

Dass Gedichte von Frauen aus den letzten hundert Jahren in ihrer Auswahl ein Übergewicht haben, führt Ulla Hahn auch auf die Frauenbewegung zurück, „die für das Schreiben von Frauen, den Beruf der Autorin die entscheidenden sozialen Voraussetzungen schuf.“

Ein Zimmer für sich allein: Die sozialen Voraussetzungen mögen gegeben sein, meine ich, die gesellschaftlichen Umstände und vor allem die praktische Umsetzung hinken noch etwas nach – noch mehr als schreibende Männer müssen sich schreibende Frauen ihren Frei- und Schreibraum wohl immer noch erkämpfen.

Doch mehr noch als auf die Veränderungen bei den äußeren Bedingungen konzentriert sich Ulla Hahn auf die formale und inhaltliche Entwicklung weiblicher Lyrik. Insbesondere wenn es um eines der Kernthemen geht, die Liebeslyrik, die poetische Auseinandersetzung mit diesem weiten Feld, zeigt die feinsinnige, elegant schreibende Hahn einen wachen Blick, schält das wachsende Selbstbewusstsein der Frauen heraus, folgt dem Prozess der Entzauberung.

Jedoch:

„Das Unterwerfungsverhältnis ist aufgekündigt, die flehenden Gebärden und Demutsgesten vergangener Zeiten sind weitgehend verschwunden, geblieben ist – die Sehnsucht.“ 

Frauen, so schreibt sie, „bekennen sich zu ihrer Destruktivität, zu negativen Gefühlen, akzeptieren auch ihre dunklen Seiten (…). Frauen dürfen endlich ihre wahren Gesichter zeigen, alle, auch die unannehmbaren.“ 

Und:

„Zurückerobert haben sich die Frauen in dieser Auseinandersetzung, das zeigt eine Vielzahl von Gedichten, die Lust am eigenen Körper. Es ist eine selbstbewußte Lust, eine Lust an sich selbst in stolzer Bejahung der eigenen Körperlichkeit.“ 

Echte Stechäpfel eben: Giftig, heilsam, aphrodisierend, berauschend, sagenumwoben.

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#VerschämteLektüren – Intermezzo. Aus dem Sätze&Schätze-Regal.

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Bild von Gina Janosch auf Pixabay

Noch mal eine tief hinten im Bücherregal und im Gedächtnis vergrabene literarische Jugendsünde. Aber was soll ich sagen? Ich war nicht allein. Alle hatten wir es. Und hat man sein Exemplar weitergegeben, dann kam aus einer anderen Ecke garantiert ein Neues zurück. In meinen Pubertätsjahren war es so obligatorisch, dieses Buch zu haben, wie die selbstgefärbte Stoffwindel am Hals, wie Latzhose und Indienrock im Schrank und die Picasso-Taube an der Wand. Und alle kannten wir Sätze wie diesen auswendig:
„Ein Softi ist ein Chauvi, der Kreide gefressen hat, nichts anderes.“
Ob`s geholfen hat? Nun, zumindest bei der Entwicklung eines besseren Lesegeschmacks. Denn es ist unterirdisch naiv geschrieben. Und auch das „literarische“ Kontra „Ich war der Märchenprinz“ muss man der Jugend heute nicht unbedingt in die Hand drücken. Die wesentliche Essenz lässt sich in einem Tweet zusammenfassen.
Zum vorhergehenden Intermezzo aus dem Regal des Blogs mitsamt Spiel- und Spaßregeln zu #VerschämteLektüren: http://saetzeundschaetze.com/2014/11/21/verschamte-lekturen-spiel-und-spasregeln/