„Middle England“: Nostalgie im Gartencenter

EIN GASTBEITRAG VON VERONIKA ECKL

Am Abend vor dem endgültigen Austritt Großbritanniens aus der EU rief mich mein italienischer Freund Paolo an, der als Professor an einer mittelgroßen englischen Universität in einer mittelgroßen englischen Stadt unterrichtet. Paolo verkündete mir, er werde nun ins Pub gehen und sich betrinken, um das Ereignis gebührend zu betrauern. Die Stimmung an der Uni sei schlecht, ein feiner Riss ziehe sich schon seit längerem durchs akademische Milieu: Die Briten hier, die Ausländer dort. Che brutto, hässlich sei das. Naja, dachte ich, schon klar, dass ein Italiener und glühender Europäer das in der Fremde so empfinden muss. Wir lamentierten ein bisschen über die Borniertheit der Brexit-Befürworter und diese Niederlage für Europa, dann machte sich Paolo auf ins Pub und ich dachte erst wieder an seinen Kummer, als ich den im Februar auf Deutsch erschienenen jüngsten Roman von Jonathan Coe aufschlug, Middle England. Das fast 500 Seiten starke Opus ist ein literarisches Psychogramm der Nation, in dem der Autor beschreibt, wie der Brexit das Land spaltet, und zwar bis in Familien- und Liebesbeziehungen hinein. Liest man Coe, dann hatte mein Freund Paolo mit seinen Schilderungen nicht übertrieben.

Fans von Jonathan Coe sind die Protagonisten aus Middle England nicht unbekannt, denn sie stammen aus den beiden Vorgängerromanen The Rotter’s Club und The Closed Circle. Aus Benjamin, dem jungen Mann von einst, ist ein zu Beginn des Romans noch erfolgloser Schriftsteller geworden, der in einer idyllisch gelegenen alten Mühle am Fluss Weltflucht betreibt, Musik hört und an seinem Lebenswerk arbeitet, einem viel zu langen, quasi unpublizierbaren Werk über die Liebe seines Lebens. Veröffentlicht wird es schließlich von seinem alten Freund Philip, der einen kleinen, eher unbedeutenden Verlag betreibt. Die Männer verbindet, dass sie dieselbe elitäre Privatschule in Birmingham besucht haben – und es ist von einer herausragenden, feinsinnigen Komik, wie Coe die beiden dieses unaufdringliche, aber doch vorhandene Elitebewusstsein an einem sehr britischen Ort pflegen lässt: dem Gartencenter Woodlands, das, so wird betont, sogar ein eigenes Hinweisschild an der Autobahn hat. Coe beschreibt es über Seiten hinweg als “ein mächtiges Imperium, dessen Untertanen stundenlang durch verschiedene Bezirke und Provinzen wandern konnten“, also als eine Art British Empire im Miniaturformat, in dem eine dezente Nostalgie gepflegt wird.

Der Dritte im Bund der Schulfreunde ist Doug, ein linksliberaler Journalist, der inzwischen aber dank der Heirat mit einer reichen Erbin im eleganten Londoner Stadtteil Chelsea lebt. Dort ist dieser Roman über die englische Seele nun eben nicht angesiedelt, sondern in den Midlands, in der Gegend also, in der früher Kohle abgebaut wurde und in der heute noch die englische Industrie – oder das, was von ihr übrig blieb – ansässig ist. Es ist ein Landstrich, auf den Coes Londoner Figuren ein wenig naserümpfend herabblicken – zu kalt, zu grau, zu provinziell. Und hier tut er sich schon auf, der Riss, denn während Benjamins Nichte Sophie, eine junge, ehrgeizige Kunsthistorikerin, es genießt, in London auf der Straße lauter verschiedene Sprachen zu hören, ist ihre unleidliche Schwiegermutter Helena im rauhen Norden überzeugt, dass Ausländer die Wurzel allen Übels sind – was sie nicht hindert, eine litauische Haushaltshilfe zu beschäftigen. Sophies schwuler Arbeitskollege Sohan aus Sri Lanka jammert, weil er seines frisch angetrauten Ehemanns wegen von London nach Birmingham umziehen muss – Benjamins Vater Colin steht indes krank und fassungslos vor den Trümmern dessen, was einmal sein Leben und seine Heimat war, vor einem stillgelegten Automobilwerk.

So entfaltet Coe ein Panorama der britischen Gesellschaft, die sich in Leavers und Remainers spaltet; am nächsten dran ist man als Leser wohl an Sophie, die im Universitätsmilieu aufsteigen will und aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen den Fahrlehrer Ian heiratet. Meisterhaft beschreibt Coe, wie die unterschiedlichen politischen Einstellungen der beiden ihre Beziehung schleichend vergiften: Ian verbittert, weil ihm eine Kollegin mit Migrationshintergrund bei der Beförderung vorgezogen wird, und leidet daran, sich von Sophie nicht bestärkt zu fühlen. Die wiederum kommt ins Straucheln, als ihr eine Studentin vorwirft, eine Kommilitonin diffamiert zu haben, die kurz vor einer Geschlechtsumwandlung steht – und das ihr, die sich doch mehr als alle anderen um political correctness bemüht!

Was die Protagonisten da im Kleinen verhandeln, das sind Themen, die keinesfalls typisch britisch sind. Wir kennen sie in Deutschland ebenso: Diese Verunsicherung der Mittelschicht, eine mehr oder weniger latente Fremdenfeindlichkeit, den zunehmenden Populismus und das Ringen um politische Korrektheit, das in Absurdität münden kann. Wie Coe diese Themen in Szene setzt, das ist allerdings sehr britisch, sehr scharfsinnig, sehr humorvoll: Wenn sich etwa Sophie und Ian die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in London im Fernsehen ansehen, und sie, die an Sport eigentlich desinteressierte Intellektuelle, von der feinsinnigen Selbstdarstellung der Nation fasziniert ist, während ihm das Spektakel zunehmend auf die Nerven geht – dann weiß der Leser bereits, dass diese Ehe eine schwierige werden wird.

Witz und Melancholie durchziehen den Roman gleichermaßen, doch Coe macht keinen Hehl daraus, auf welcher Seite er steht. Am Ende, als klar ist, dass es zum Brexit kommen wird, lassen sich Benjamin und seine Schwester Lois, die nach Jahrzehnten noch traumatisiert ist von den Bombenanschlägen in Birmingham, in Frankreich nieder und eröffnen ein Bed and Breakfast in einer umgebauten Mühle. Emigranten sind sie, Heimatvertriebene im Geiste, auch wenn sie versuchen, sich auf dem Kontinent ihr kleines Paralleluniversum zu schaffen. Fast möchte man weinen, wenn Benjamin dort in nächtlicher Nostalgie einen Song der englischen Folksängerin Shirley Collins hört: „Adieu to old England, adieu…“

Es bleibt nur noch, sich zu betrinken.

Von Veronika Eckl


Informationen zum Buch:

Jonathan Coe
Middle England
Aus dem Englischen von Cathrine Hornung und Dieter Fuchs
Folio Verlag Wien und Bozen
Hardcover, 480 Seiten, 25,00 Euro
ISBN 978-3-85256-801-0

 

 

H. G. Wells: Die Zeitmaschine

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Bild von PIRO4D auf Pixabay

„Was war eigentlich diese Zeitreiserei? Ein Mann konnte sich doch nicht mit Staub bedecken, in dem er sich in einem Paradoxon herumwälzte, oder?“

H.G. Wells, „Die Zeitmaschine“, 1895.

Er ist der literarische Vater von Asimov, Orwell und Huxley, Großpapa sozusagen aller modernen Sci-Fi-Autoren, nebst Jules Verne derjenige, der diese Literatur erfand: Herbert George Wells. „Die Zeitmaschine“, „Die Insel des Dr. Moreau“ und „Krieg der Welten“ zählen zu seinen bekanntesten Werken. Romane, die, obwohl vor mehr als einem Jahrhundert geschrieben, immer noch eigenartig modern wirken. Und vor allem düster – wenn H.G. Wells in die Zukunft der Menschheit sah, dann sah er schwarz.

Wells wurde 1866 in Bromley geboren. Dass er später Weltruhm und Wohlstand als Autor erreichen sollte, war ihm nicht in die Wiege gelegt – er kam aus sogenannten „kleinen“ Verhältnissen, die Eltern betrieben ein kleines Geschäft, das gerade zum Auskommen reichte. Dank eines Stipendiums konnte er jedoch studieren, unter anderem Geschichte, Soziologie und Biologie. Dabei lernte er die Ideen Darwins kennen, die ihn nachhaltig beeinflussten. In allen seinen Romanen – bis heute schätzen die Briten auch Wells realistische, oftmals gesellschaftskritische Werke, die im deutschsprachigen Raum eher unbekannt sind – sind seine akademischen Grundlagenkenntnisse spürbar. Und sein zentrales Anliegen: Die Menschheit zu verbessern. Wells, eigentlich ein pessimistischer Humanist, verzweifelte an den Geschehnissen der Zeitgeschichte, insbesondere der 2. Weltkrieg trieb ihn in die Depression. Er starb am 13. August 1946 in London.

„Die Zeitmaschine“ gilt als das Pionierwerk der Science-Fiction-Literatur. Ausgangspunkt ist ein typisch britisches Setting: Einige Freunde sitzen am Kamin, diskutieren Weltangelegenheiten. Der Gastgeber sinniert über die Zeit. Sie sie eine weitere Dimension. Schließlich führt er seinen Freunden eine von ihm entwickelte Zeitmaschine vor – und verschwindet vor ihren Augen in das Jahr 802701.

Zunächst erscheint dort alles beinahe paradiesisch. Der Forscher trifft tagsüber auf die kindlich wirkenden Eloi, Nachfahren der Menschen. Doch wo Licht ist, ist auch Schatten: Nachts kommen die Morlocks, die die Eloi wie Schlachtvieh züchten. Der Forscher entkommt dieser Welt mit knapper Not, um dann in keiner besseren aller Zeiten zu landen – die nächste Zeitreise führt ihn in eine öde, unbewohnbare Welt, die knapp vor dem Kollaps durch Überhitzung steht. Es ist, als habe Wells den Klimawandel vorausgesehen – und das bereits 1895. Nach seiner letzten Reise in die Zeit bleibt der Forschende schließlich verschollen.

Mit seiner Anklage von menschlicher Unterdrückung in Gesellschaften, die auf einem Klassensystem gründen, zielte Wells zwar auf eine Kritik der Zwei-Klassen-Gesellschaft ab, die sich in Zeiten der Industrialisierung herausgebildet hatte. Doch der Roman ist, betrachtet man ihn als Mahnung, zeitlos, eine politische Parabel, die ihre Gültigkeit behält. Als Genreroman mag dieses Buch vielleicht in den Augen jüngerer Leser technisch überholt wirken – als Dystopie und politische Satire dagegen funktioniert er immer noch. Leider.

Verlagsinformationen:
Bei dtv erscheint „Die Zeitmaschine“ im Januar 2017 in einer neuen Übersetzung –
https://www.dtv.de/buch/h-g-wells-die-zeitmaschine-14546/

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E. M. Forster: Die Maschine steht still

„Es gab einen Knopf für Kaltbäder. Es gab einen Knopf für Literatur. Und natürlich gab es jene Knöpfe, die es ihr ermöglichten, mit ihren Freunden zu kommunizieren. Als Nächstes betätigte sie wieder den Isolationsknopf, und die Anfragen der letzten drei Minuten stürzten auf sie ein … Wie ist das Essen? Kannst du es empfehlen? Hast du Ideen gehabt in letzter Zeit?“

E.M. Forster, „Die Maschine steht still“, 1909, 2016 beim Verlag Hoffmann und Campe in neuer Übersetzung durch Gregor Runge erschienen.

Den britischen Schriftsteller Edward Morgan Forster (1879 bis 1970) hatte ich für mich als britischen Nachfolger von Henry James und Proust eingeordnet: Ein Meister im Abbilden gesellschaftlicher Verhältnisse, der ganz fein nachzuzeichnen weiß, wie die innere Erodierung von Menschen, die in Konventionen erstarrt sind, voranschreitet, wenn sie in neue Verhältnisse geworfen werden. Ein feiner Beobachter des britischen Kolonialreichs und dessen Klassenverhältnisse, im Fokus dabei die Mittel- und Oberschicht. Einer, der ebenso wie Henry James, die Innenwahrnehmung seiner Figuren und die Geschehnisse der Außenwelt schreibend meisterhaft verband.

Seine großen Romane „Zimmer mit Aussicht“, „Wiedersehen in Howards End“ und „Auf der Suche nach Indien“ eigneten sich zudem als Vorlagen für ganz großes Kino. Unter Verschluss hielt er lange das Werk „Maurice“, in dem er, literarisch verpackt, auch über seine eigene Homosexualität schreibt.

Als bei Hoffmann und Campe eine dystopische Erzählung Forsters angekündigt wurde, war ich zunächst neugierig – und skeptisch. Das Genre schien mir zu dem, was ich selbst von Forster kannte, wenig zu passen. Doch „Die Maschine steht still“ liest sich so überzeugend und auch verblüffend erschreckend, als habe Forster beim Schreiben schon ein paar Jahre Facebook-Mitgliedschaft hinter sich gebracht.

1909 schrieb Forster diesen Text, von dem er nicht ahnen konnte, dass er bereits ein Jahrhundert später schon Wirklichkeit werden würde. Die Geschichte, sie erinnert an Menschen, die wir vielleicht aus unserer eigenen Umgebung kennen – Menschen, die mehr soziale Kontakte in der virtuellen denn in der realen Welt pflegen, die kaum mehr aus dem Haus gehen, Aktivitäten scheuen und deren bester Freund ein Laptop mit WLAN-Zugang ist. Und wenn man beim Lesen sich selbstkritisch prüft, so stellt man fest – ein wenig von Vashti trägt man selbst in sich. Wie oft lasse ich mich aus Bequemlichkeit von den „sozialen Medien“, die im Grunde antisozial sind, zerstreuen, lasse mich auf sinnlose Diskussionen mit Menschen, die ich nicht kenne, ein oder lese irgendwelche Nachrichten, die mich ansonsten nicht die Bohne interessieren würden? Aber der Vorzug ist: Facebook, Twitter und Co. sind so leicht zu haben – während alles andere Eigenaktivität und Energie voraussetzt.

Etwas, was die Hauptfigur in Forsters Erzählung und mit ihr der Großteil der Menschheit auch, kaum mehr aufzubringen vermag: Vashti hat seit Menschengedenken ihre Wohnung nicht mehr verlassen, sie lebt wie andere in Waben (Bienenvölkern gleich, die jedoch nicht einmal mehr die Freiheit des Fliegens genießen können) unter der Erde, im Glauben, alles über der Erdoberfläche sei vernichtet und unbewohnbar. Doch selbst, wenn nicht: Menschen wie Vashti zieht es schon gar nicht mehr hinaus in die Welt, sozialisiert durch die Maschine, die alle Bedürfnisse der Grundversorgung erfüllt. Und für Sehnsüchte und Träume, die darüber hinausgehen, sind die Menschen bereits abgestumpft. Fühlt man einmal den Wunsch nach Kontakt, dann stellt man Bildtelefonate her – doch die Beziehungen bleiben im Unverbindlichen, verursachen weder Freud noch Leid, sind beliebig und austauschbar:

„Sie hatte Abertausend Bekannte. In gewissen Bereichen konnte die menschliche Kommunikation erhebliche Fortschritte verzeichnen.“

Selbst als ihr Sohn Kuno ihr von einer anderen möglichen Welt erzählt, in der es Licht und Gras gibt, selbst als er sie bittet, einmal ihre Wabe zu verlassen und ihn zu besuchen, zögert Vashti, überlegt einen Kontaktabbruch. Schließlich aber wagt sie sich dennoch an die Reise – just in dem Moment, als die Maschine, die einer Gottheit gleicht, stillsteht und die Welt auf eine Katastrophe zusteuert: Denn ohne die Maschine, die alles lenkt und regelt, sind die Menschen hilflos und überfordert…

Auf 89 Seiten wird in der Übersetzung von Gregor Runge eine Alptraum-Vision von einer Welt beschrieben, von der wir nicht allzu weit entfernt sind: Friedenspreisträger Jaron Lanier wird auf der Rückseite des in Leinen gebundenen Bändchens damit zitiert, dies sei „die früheste und wahrscheinlich auch heute noch treffendste Beschreibung des Internets“.

Johannes Boie stellte die Erzählung in der Süddeutsche Zeitung in einer Rezension („Als Facebook in Leinen gebunden war“) vor, die mit ihren drei Spalten Länge ungewöhnlich ist für eine Vorlage von so schmalem Format. Doch wenn auch Forsters Erzählung nur wenige Seiten hat – diese haben es eben in sich:

„Die Maschine steht still“ zu lesen, bedeutet, im Schnitt alle drei Seiten verblüfft zu sein und zu grübeln über den sanften Horror, der dem eigenen Alltag viel näher kommt, als einem angenehm wäre. Denn da folgen Sätze um Sätze, die, heute gelesen, lakonische, entlarvenden Anmerkungen zum Zustand der Welt im Facebook-Zeitalter sind.“

Das stimmt. Und man fragt sich beim Lesen, warum die Menschen – die doch, wie Kuno ausruft, das Maß aller Dinge sind, und nicht eine Maschine – sich doch so unablässig und freiwillig unter die Herrschaft solch einer Maschine begeben. Ein dystopischer Text, der nachdenklich macht: Wie schwer würde es mir selbst fallen, die „sozialen Medien“ zu kappen, außerhalb des Blogs offline zu gehen, nicht mehr regelmäßig nach neuen Nachrichten und Informationen zu schauen?

Sapere aude: Das ist der Leitspruch der Aufklärung, die Aufforderung Kants, den Mut zu haben, sich des eigenen Verstandes zu bedienen. Wie Forsters Erzählung auch zeigt – ausgerechnet im digitalen Informationszeitalter klärt sich immer weniger auf, wird die Welt immer verwirrender und der Mensch zugleich geneigter, seinen Verstand an die Maschine abzugeben.

Verlagsinformationen zum Buch:
http://www.hoffmann-und-campe.de/buch-info/die-maschine-steht-still-buch-8040/

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#MeinKlassiker (6): Buchpost auf der Sturmhöhe

Bei Anna auf dem Blog Buchpost sind Klassiker Programm – mit viel Hintergrundinformationen gespickt, mit viel Fakten zu den Büchern und den Autoren widmet sie häufig ihre Aufmerksamkeit Büchern aus der Vergangenheit. Umso mehr freute es mich, dass sie auch hier über einen Klassiker schreibt – über ihren Klassiker:

Da hat Birgit mal wieder eine Idee gehabt und wir dürfen ran an die Arbeit. Diesmal wollte sie wissen, welches denn so unsere ganz persönlichen Klassiker seien.

Eine Frage, bei der man natürlich ins Grübeln kommen könnte. Das geht schon bei der Definition los, was ein Klassiker ist. Und welches von all den Büchern, die ich schon gelesen habe, soll nun hier den Ehrentitel bekommen? Und doch, Birgits Anfrage erreichte mich gerade, als ich nach ca. 20 Jahren ein ganz bestimmtes Buch las, wiederlas. Ich musste also gar nicht lange überlegen. Mein Klassiker ist Wuthering Heights von Emily Brontë, einigen vielleicht eher unter dem deutschen Titel Sturmhöhe bekannt.

Die wilde Geschichte von den zwei unterschiedlichen Familien, die irgendwo im einsamen und rauhen Yorkshire wie Naturgewalten aufeinandertreffen, wurde erstmals 1847 veröffentlicht. Da wären zum einen die Earnshaws samt Findelkind Heathcliff, eine Familie, die mit dysfunktional noch sehr freundlich umschrieben wäre, und  zum anderen die gesitteten Lintons. Es kommt zu unglückseligen Eheschließungen, Geburten, Liebesleid, Rache und Tod und schließlich zu einer milden Ruhe nach all dem stürmischen Gebaren.

Hab’s schon als Teenager gelesen, ohne die geringste Ahnung, dass das ein echter Klassiker ist. Später die Schwarzweiß-Verfilmung gesehen. Weitere Verfilmungen gingen spurlos an mir vorbei. Das Buch reicht mir völlig. Im Studium habe ich mich monatelang mit dem Buch beschäftigt und es aus allen möglichen und unmöglichen Richtungen analysiert, interpretiert und dabei fast auswendig gelernt. Doch das Werk hat all dem standgehalten und begeistert mich heute noch genauso wie beim allerersten Mal.

Es bleibt bewunderndes Staunen oder staunende Bewunderung angesichts eines Werkes, bei dem ich bei jedem Lesen etwas Neues entdecke, man wird mit diesem Buch einfach nicht fertig. Da gibt es z. B. eine große psychologische Feinheit, mit der die Autorin zeigt, welche Verheerungen eine miese und brutale Erziehung anrichten kann.

Wie in einem Spiegellabyrinth muss man überlegen, wem man glauben kann. Die Erzählerfiguren, der Städter Lockwood und die Haushälterin Nelly Dean, die oft genug selbst ihre Finger im Spiel hatte, wollen uns von Anfang an ihre Sicht der Dinge unterjubeln.

Und erst die Hauptfiguren: Catherine, ihr Bruder Hindley, Heathcliff, Edgar und Isabelle Linton. Hier tobt in zwei Häusern ein archaischer Sturm, scheinbar weit entfernt vom nächsten Ort, die Handlung drängt vorwärts; am Ende bin ich fast ein wenig erschöpft und brauche ein paar Tage, bis ich mich wieder auf ein neues Buch einlassen kann. Und dann die Frage nach der Schuld, alle tragen ihren Teil, gewollt oder ungewollt, zum Chaos, zum Herzeleid bei.

Und überhaupt, was ist eigentlich Liebe? Geht es wirklich um Liebe oder ist es eine schier unfassbare Selbsttäuschung, wenn Catherine beteuert:

„If all else perished, and he [Heathcliff] remained, I should still continue to be; and if all else remained, and he were annihilated, the Universe would turn to a mighty stranger. I should not seem a part of it. (…) my love for Heathcliff resembles the eternal rocks beneath – a source of little visible delight, but necessary. Nelly, I am Heathcliff – he’s always, always in my mind – not as a pleasure, any more than I am always a pleasure to myself – but, as my own being….“

Elena Ferrante beschreibt, was ein gutes Buch ihrer Meinung nach leistet. Nach dieser Definition ist Wuthering Heights ein phänomenal gutes Buch.

„Good books are stunning charges of vital energy. They have no need of fathers, mothers, godfathers and godmothers. They are a happy event within the tradition and the community that guards the tradition. They express a force capable of expanding autonomously in space and time.“

Elena Ferrante in einem Interview mit Sheila Heti, zitiert nach: ‘Be Silent, Recover My Strength, Start Again’: In Conversation with Elena Ferrante
Und jetzt wäre doch eine gute Gelegenheit, mal wieder „Heathcliff“ von Kate Bush zu hören.

Anna
https://buchpost.wordpress.com/


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#MeinKlassiker (1): Petra und ihr zielstrebiger, rachsüchtiger Hamlet

Dass bei Petra die Klassiker nie zu kurz kommen, stellt sie auf Philea`s Blog regelmäßig unter Beweis. Insbesondere hat sie ein Herz für Reisende und britische Snobs – da passt ihr größter klassischer Held, den sie uns vorstellt, gut ins Beuteraster.
Wer mehr von Petra lesen möchte, der kann nicht nur auf dem Blog stöbern, sondern sich auch auf ihr neues Buch freuen: „Gefahren des Lesens“ erscheint just in diesen Tagen beim Verlag adson fecit: https://adson-fecit.com/2016/07/29/gefahren-des-lesens/.

Und nun – Petra und ihr Klassiker:

Ich mache jetzt nicht das Fass auf, was ich unter einem Klassiker verstehe oder was man darunter verstehen sollte, ich gehe davon aus, dass das geneigte Lesepublikum von Birgit da selbst gewisse Kriterien zu im Sinn hat. Bei Anna von buchpost gab es mal eine Definition (https://buchpost.wordpress.com/2012/12/28/klassiker/), der ich sehr zuneige.

Mein Klassiker ist natürlich nur ein Klassiker von vielen, aber von Shakespeare, einem meiner Favoriten. Außerdem verbinde ich mit Hamlet allerlei Geschichten, weswegen er irgendwie im Laufe von über 25 Jahren zu „meinem“ Klassiker wurde.

Hamlet lernte ich im Studium näher kennen. Die Geschichte ist ja weitgehend bekannt. Auch wenn man weder Original noch Übersetzung je las –  Sein oder Nichtsein, to be or not to be, Schlafen! womöglich zu träumen, etc. – das sind längst geflügelte Worte und Verfilmungen gibt es ja auch etliche.

Prinz Hamlet, Student in Wittenberg (hier witzelte mein Professor einst, in Anspielung auf die altersmäßig gelegentlich unpassenden Besetzungen: Ein ewiger Student), kehrt nach Dänemark zurück. Sein Vater ist tot, ermordet und dies wohl von Hamlets Onkel Claudius, der nun der neue König ist und überdies mit der Witwe tändelt, Gertrude sogar heiratet. Der Geist von Hamlets Vater klärt den Prinzen auf und fordert Rache. Und die will auch Hamlet.

Interessanterweise wurde die Tragödie in einer Interpretationslinie für besonders deutsch gehalten, Hamlet, der melancholische Träumer und große Zauderer – sein oder nicht sein, tu ich’s oder lass ich’s lieber … Das wurde politisch auf die Deutschen übertragen, die ihrerseits zu träge oder unentschlossen für eine Revolution wie die französische gewesen seien und irgendwie sei Hamlet da ganz deutsch. Mehr dazu hier: http://www.zeit.de/1964/18/deutschland-ist-hamlet-ii

Ich finde Hamlet eigentlich recht zielstrebig, wenn er auch nicht sofort auf sein Ziel losprescht, so entwickelt er doch einen Plan, um den Mörder seines Vaters zu überführen, geht dabei recht unbekümmert über Leichen, spielt den Narren, stellt sich dumm und alles nur der Rache wegen. Selbst seine Liebste, Ophelia, weiht er nicht ein und nimmt ihr Leid, ihren Tod damit implizit in Kauf. Und der Rest ist Schweigen.

Ein blutiges, rachsüchtiges mitleidloses Drama, bei dem es keine Sieger gibt. Die Wahrheit mag ans Licht gekommen sein, doch der Preis! Verrat, Mord, fast alle tot – meine Güte! Und dabei so spannend wie ein Pageturner.

Meine erste Hamlet-Verfilmung war die mit Mel Gibson, die ich gar nicht übel fand. Meine zweite eine russische, in der Hamlet irritierender-, aber logischerweise „Gamlet“ hieß. Die Sichtung der russischen Version geschah absichtslos. Eigentlich waren wir ins Kino gegangen, um die lang verschollene Othello-Version mit Orson Welles zu sehen, die allerdings an jenem Abend erneut verschollen ward, weswegen man dem Shakespeare-geneigten Publikum den Gamlet zeigte. Meine dritte Verfilmung war recht modern, statt um ein Königsreich ging es um einen Konzern, Ethan Hawke gab den Hamlet. Diese Fassung gefiel mir fast am besten, obwohl ich Modernisierungen eigentlich schon grandioser Stücke nicht immer nötig finde.

Die Tragödie im Original zu lesen, ist – wenn es möglich ist – ein Genuss. Den wollte ich auch meinem Liebsten aufschwatzen, doch ich hatte nicht bedacht, dass das elisabethanische Englisch von heute aus gesehen ein bisschen speziell ist. Mit dem Kommentar „zu viel thou, thee, thine“ erhielt ich meinen zerlesenen Hamlet zurück. Interessanterweise hatte mein Liebster mit den Filmen im englischen Original kein Problem. Aber Stücke zu lesen ist ja auch nicht jedermanns Fall, der ständige Wechsel – er so, sie so – das liest sich anfangs etwas stockender als ein Roman.

Diese und viele weitere persönliche Geschichtchen und Anekdötchen um diesen Klassiker haben Hamlet zu „meinem“ Klassiker gemacht.

Petra Gust-Kazakos
https://phileablog.wordpress.com/


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Jane Austen: Stolz und Vorurteil

Jane Austen – Stolz und Vorurteil (1813)

Originaltitel: Pride and Prejudice
Übersetzt von Ursula und Christian Grawe

Was für eine beeindruckende, was für eine mutige und intelligente Frau muss Jane Austen doch gewesen sein. In einer Zeit, in der Frauen eher als schmückendes Beiwerk ihrer Männer wahrgenommen wurden, schrieb sie mit Stolz und Vorurteil einen Roman über eine Frau, die anders ist. Eine Frau, die sich selbstbewusst und mit gesundem Menschenverstand über die Anstandsregeln setzt, die sie persönlich für sinnlos oder inakzeptabel erachtet. Dabei reflektiert sie gar nicht übermäßig, sondern verhält sich intuitiv einfach so, wie sie wirklich ist.

Elizabeth Bennet ist einer dieser unsterblichen, für immer geliebten Romanfiguren, bei denen man nicht anders kann, als sie ins Herz zu schließen. Sie ist durch und durch nonkonformistisch und einfach zu klug, sich dem Kuhhandel einer altersabsichernden Verheiratung zu unterwerfen. Ihr schräger Vater liebt sie dafür umso mehr, genau wie wir Leserinnen und Leser.

So amüsant sich all die Heiratsverwicklungen der Bennet-Töchter auch lesen, so grundernst ist dagegen der reale Hintergrund des Ganzen. Ginge es nach der geistig arg begrenzten Mrs. Bennet, würden alle ihre Töchter in einer Art lukrativem Familiengeschäft an den Bestverdienenden verschachert werden. Aber Elizabeth hat die Stirn, zwei lukrative Heiratsanträge zurückzuweisen und damit ihrer individuellen Linie treu zu bleiben. Ohne Getöse unterwandert sie das geläufige Schicksal junger Frauen ihrer Zeit, und den erhabenen Mr. Darcy reizt sie mit ihrer Kratzbürstigkeit sogar so weit, dass er schließlich bereit ist, eine kritische Selbstüberprüfung durchzuführen.

Die wirkliche Besonderheit von Stolz und Vorurteil ist die radikale Entdramatisierung des klassischen Liebesstoffes. Gewalt und Tod begegnet man nicht. Die Integrität des Individuums steht an erster Stelle. Was sich durchaus in Richtung eines Schmachtfetzens hätte entwickeln können, entfaltet sich zu einem minutiös durchkomponierten Werk mit einnehmenden Humor und herrlich individuellen Charakterbildern, die bis in die kleinste Nuance ausgeleuchtet sind. Gerade auch die Nebenfiguren sind unvergesslich: der schleimige Mr. Collins; die sich ständig daneben benehmende Mrs. Bennet, für die ihre Töchter sich in der Öffentlichkeit schämen; oder der Ruhe suchende, vor der Überspanntheit der Damen in seine Bibliothek flüchtende Mr. Bennet. Alles ist so außergewöhnlich wahrhaftig. Wir begegnen Situationen und Charakteren, die wir alle kennen und an denen sich bis heute nichts geändert hat.

Über allem thronen die beiden Liebesgeschichten des Buches. Diejenige Elizabeth‘, scheint zu Anfang jenseits des Vorstellbaren (und man rechnet natürlich genau deswegen damit, dass sie stattfinden wird) und wirkt überraschenderweise am Ende bei weitem nicht so romantisch wie vielleicht erwartet. Zweifel an der Echtheit von Elizabeth‘ Gefühlen beschleichen mich, sowie die Frage, ob Stolz und Vorurteil tatsächlich die schrankenlose, standesübergreifende Erfüllung einer großen Liebe darstellt, an die zu glauben der Roman uns, einem Märchen gleich, nahelegt. Elizabeth benimmt sich nach meinem Empfinden nicht wirklich wie eine Liebende und nährt damit den Verdacht, dass sich letztlich vielleicht doch selbsterhaltende Überlegungen in ihr Denken eingeschlichen haben. Elizabeth‘ persönliche reale Vorteile dieser Heirat liegen auf der Hand: Sie wird nie mehr um ihre Existenz bangen müssen, und sie bleibt in unmittelbarer Nähe ihrer geliebten Schwester Jane. Jane Austen nimmt Stolz und Vorurteil damit subtil aber gnadenlos die verklärende Illusion einer “Und-wenn-sie-nicht-gestorben-sind“-Romantik und legt den Finger in die schwärende Wunde der patriarchalischen Ordnung und der damit einhergehenden Repressionen gegen Frauen.

Frank Duwald schreibt seit 1987 über Literatur. Auf seiner Seite dandelion | abseitige Literatur bespricht er vorwiegend Romane und Erzählungen jenseits des Mainstream.

Bild zum Download: https://pixabay.com/de/photos/dekoration-mauer-altstadt-augsburg-4198625/

Edward M. Forster: Wiedersehen in Howards End

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Bild: (c) Michael Flötotto

Was im deutschen Roman das pommersche Großgut war, ist bei den Briten das Landhaus: Statussymbol des Adels, Metapher für eine niedergegangene Klasse.


„Beim Kalksteinbruch überholte ihn ein Auto. Darin saß wieder ein anderer Menschentyp, dem die Natur wohl will: der Imperialist. Bei seiner Gesundheit und unermüdlichen Tatkraft hofft er, das Erdreich zu ererben. Er zeugt ebenso viele und gesunde Nachkommen wie der Freisasse, und groß ist die Versuchung, ihn als König der Freisassen zu feiern, der die Tugenden seines Landes über die Meere trägt. Doch der Imperialist ist nicht, was er zu sein glaubt und zu sein scheint. Er ist ein Zerstörer. Er bereitet dem Kosmopolitismus den Weg, und wenn sein ehrgeiziger Wunsch vielleicht auch wirklich in Erfüllung geht, so wird es doch nur eine grau gewordene Erde sein, die ihm als Erbteil zufällt.“

Edward M. Forster (1879-1970), „Wiedersehen in Howards End“.

Edward M. Forster, der große britische Romancier, veröffentlichte diesen Abgesang auf das viktorianische England bereits 1910. Ein Abgesang auf die Zwei-Klassen-Gesellschaft innerhalb der alten parlamentarischen Demokratie, Götterdämmerung im Vorfeld des 1. Weltkrieges, der Schwanengesang für den britischen Adel. Auch in Großbritannien löste der Geld- den Erbadel ab, Kapitalismus statt noblesse oblige. Forster übrigens, ein überzeugter Demokrat, lehnte 1949  den Ritterschlag und den Adelstitel ab.

In „Howards End“ geht die alte, viktorianische Epoche unter, sie verschwindet in der Moderne. Statt Adel dirigiert Geld die Welt, der neue Snob, der auf Klasse und Unterschied pocht, ist der Imperialist, verkörpert durch die Wilcox-Männer, die im Auto über Landstraßen rauschen.
Im Mittelpunkt des Romans stehen jedoch die beiden Schlegel-Schwestern und ihr jüngerer Bruder. Sie führen, elternlos, ein der Kunst und Kultur zugewandtes Leben. Ihre Abkunft von einem deutschen Vater sowie eine – relative – Mittellosigkeit machen sie für die „besseren“ Kreise suspekt. Demgegenüber die Familie Wilcox, Verkörperung viktorianischer Korrekt- und Steifheit, Geschäftsleute auf dem Weg nach oben. „Howards End“, das Landhaus der Wilcox`, wird zum Kulminationspunkt: An ihm entzünden sich die Geister, hier kommen schlussendlich die beiden Welten zueinander. „Inseln der Seligkeit und der ersehnten Gelassenheit zwischen allen Verwerfungen dieser mehrsträngigen Liebesgeschichte bleiben das Haus und der Garten von Howards End. Dieses Domizil symbolisiert ein Merry Old England, in dem Narren, Welteroberer, Snobs und Wahrheitssucher in diskussionsfreudiger Gemeinschaft ihre Roastbeefscheibe anschneiden“, schreibt Hans Pleschinski.

Ein stilistisch eleganter Roman, der sowohl durch seine Orts- und Landschaftsbeschreibungen glänzt als auch durch die geschliffenen Dialoge – und der optimale Einstieg für jene, die auch die weiteren Romane des Schriftstellers und Reisenden genießen wollen. Ihre Zahl ist überschaubar – Forster schrieb trotz seines langen Lebens „nur“ sieben Romane, daneben jedoch auch zahlreiche Essays, eine Literaturtheorie, Biographisches und einige Erzählungen.


Kazuo Ishiguro: Was vom Tage übrigblieb

Kazuo Ishiguro – Was vom Tage übrigblieb (1989)

Originaltitel: The Remains of the Day

Es gibt literarische Bilder, die man nie mehr vergisst. Eines davon ist für mich die weinende Haushälterin Miss Kenton in Kombination mit dem sich außen vor der Tür herumdrückenden Butler Mr. Stevens in Was vom Tage übrigblieb von Kazuo Ishiguro.
Man möchte ihn schütteln, diesen schrägen Vogel, Mr. Stevens, damit er endlich begreift, was er da tut. Beziehungsweise nicht tut. Genauso gern würde ich Miss Kenton, die Mr. Stevens liebt und immer wieder auf ihre herrlich launische Art seinen starren Emotionsapparat attackiert, einfach in den Arm nehmen – weil es niemand im Roman tut, obwohl diese Frau ihr Leben lang still leidet. Leider geht das in einem Roman nicht, selbst wenn man eine erfundene Person so sehr mag als existiere sie wirklich. Miss Kenton ist so eine Protagonistin. Eine, die förmlich aus dem Roman tritt und unsere Herzen erbeutet.
Es gibt ja diesen Roman Die allertraurigste Geschichte von Ford Madox Ford. Was vom Tage übrigblieb könnte diesen Titel auch tragen. Macht es einen doch schon traurig, wenn von außen eine glückliche Liebe sabotiert wird, ist es bei weitem noch schlimmer, tatenlos einem Menschen dabei zusehen zu müssen, wie er aus eigenem Antrieb sein Lebensglück weg tritt, so wie Mr. Stevens es tut.
Mr. Stevens hat nie gelernt, was Humor ist. Damit er die spaßig-provokanten Fragen seines neuen amerikanischen Dienstherrn schlagfertig mit angemessen witzigen Antworten parieren kann, hört sich der Durch-und-Durch-Brite als Lehrmaterial humorige Radiosendungen an. Wenn er ahnen würde, wie viele Lacher sein stocksteifer, an Umständlichkeit kaum zu überbietender Erzählton uns gibt …
Genauso hat er auch nie gelernt, was Liebe ist.
Mit großer Meisterschaft balanciert Ishigoru mit den Gewichtungen der verschiedenen Themen des Romans. Der größte Textanteil widmet sich den unsortierten, Tagebuch ähnlichen Erinnerungen Mr. Stevens‘ an seine berufliche Vergangenheit als Butler mit Leib und Seele. Auf Anordnung seines neuen Dienstherren macht Mr. Stevens zum ersten Mal in seinem Leben eine Woche Urlaub. Ausgestattet mit dem feudalen Auto seines Arbeitgebers macht er sich auf zu einer Reise durch das verträumte ländliche Westengland, dessen Schönheiten er beeindruckend einfühlsam und wortgewandt darzustellen weiß. Damit die Reise ein Ziel hat und einer gewissen beruflichen Grundlage nicht entbehrt (sonst hätte er ein schlechtes Gewissen) ist als letzte Station ein Besuch bei Miss Kenton geplant, jener Haushälterin, mit der er vor Jahrzehnten zusammenarbeitete, und die er jetzt gern zurückholen würde, da aktueller Bedarf an guter Arbeitskraft besteht. Die viele Freizeit, über die er plötzlich verfügt, lässt seine Gedanken in die Vergangenheit schweifen, hauptsächlich an die Jahre zwischen den Weltkriegen, während derer er eigenen Angaben zufolge als Butler einer hochrangigen Persönlichkeit Zeitzeuge weltpolitisch zukunftsweisender Zusammenkünfte wurde, an deren Erfolgen auch seine professionelle Dienstbereitschaft nicht ganz unbeteiligt war.
Nur eine Handvoll Worte gewährt Ishiguro im Laufe des Romans der Liebe, und diese auch nur andeutungsweise. Aber wie grundlegend reißen diese emotionalen Nuancen den Roman immer wieder von seinem Wege herunter. Am Ende ist all das Gerede von Mr. Stevens bedeutungslos. Ein, nein zwei, Leben, verschenkt an eine Illusion. Den größten Teil seines Lebens hat Mr. Stevens Miss Kentons Zeichen übersehen. Ishiguros Kunst ist es hier, all dies so einnehmend und humorvoll zu erzählen, dass man es einfach gern liest, voller Bewunderung und Amüsement.
Die andere Seite von dem, was Kazuo Ishiguro uns da so charmant als ein Konvolut der unstrukturierten Erinnerungen an das Berufsleben eines Butlers unterjubelt, ist die Geschichte einer lebenslangen Liebe, der keine Chance gewährt wird. Die Tränen Miss Kentons werden niemals trocknen.

Frank Duwald

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Ian McEwan: Der Zementgarten (1978). Unschuldige (1989). Abbitte (2001).

Die jüngsten Coups des britischen Schriftsteller Ian McEwan machten Furore: „Honig“, jene Geschichte um Liebe und Verrat zwischen einer jungen Spionin und einem Schriftsteller, wurde in Zeitungsrezensionen und in der Bloggerwelt hoch gelobt. In „Honig“ kommt Ian McEwan, der in frühen Jahren als Talent ebenso wie als „enfant terrible“ der britischen Literaturszene gefeiert wurde, auf ein Thema zurück, um das etliche seiner Romane kreisen: Serena, die 20jährige MI5-Spionin, die im Namen Ihrer Majestät einen jungen Schriftsteller für den Geheimdienst einspannen soll, muss im Laufe der Geschichte ihre moralischen Überzeugungen stetig überprüfen, revidieren, über Bord werfen. Es ist auch die Geschichte einer Entwicklung, einer Reifung – eine Geschichte vom Erwachsenwerden, wie sie McEwan häufig schreibt.

So auch in „Kindeswohl“: Auch dies ein fesselnder Roman, der um die Fragen von Schuld und Unschuld kreist, der zeigt, dass man, auch wenn man das Richtige will, das Falsche erreicht, dass Justitia und Gerechtigkeit nicht immer auf einen Nenner zu bringen sind.

Immer wieder stellt er in seinen Büchern Jugendliche und junge Erwachsene in den Mittelpunkt, die mit den ganz existentiellen Fragen – ohne es selbst konkret zu wissen oder benennen zu können – konfrontiert sind: Was ist gut? Was ist böse? Ist jedes Handeln außerhalb der gesellschaftlichen Normen ungesetzlich oder gar moralisch schlecht? Wo stehen die eigenen Werte den sozialen Normen entgegen? Die Jugend ist die Zeit, in der man seine persönlichen Wertmaßstäbe entwickelt. Selten jedoch in der Dramatik und den Ausnahmesituationen der McEwan`schen Welt. Doch gerade deshalb schätze ich seine Romane (trotz mancher Mängel, beispielsweise einer zeitweiligen Langatmigkeit oder auch seiner Detailverliebtheit bei mir fernstehenden Themen) sehr: Der Leser wird zurückgeworfen auf Fragen, die im Alltag des Erwachsenenlebens oftmals verschüttet sind. Über allem steht die Frage: Wie hätte ich gehandelt?

Aufgezeigt sei dies an dreien seiner älteren Romane.

„Der Zementgarten“:
Ian McEwan, 1948 geboren, veröffentlichte 1975 zunächst einen Erzählband. „Erste Liebe, letzte Riten“ war sofort erfolgreich. 1978 sein zweites Buch – „Der Zementgarten“. Ein verstörendes Buch.  Vier Geschwister bleiben allein in einem abgelegenen Haus zurück. Der cholerische Vater von einem Schlaganfall dahingerafft, die Mutter stirbt einige Zeit später an Krebs. Um dem System der Waisenpflege zu entkommen, beschließen die Geschwister, die Mutter im Keller einzuzementieren. Fortan sind sie auf sich allein gestellt. Ohne „Führung“, Anleitung, Vorbildfiguren gerät der Kinderhaushalt in Chaos und Unordnung, der Jüngste der Geschwister, ein Schulkind, retardiert, verhält sich wie ein Säugling, auch andere Geschehnisse symbolisieren den Verlust anerzogener Werte. Schleichend langsam übernehmen die beiden älteren Geschwister die Elternfunktion – und damit auch die Paarbeziehung. McEwan lässt den Leser mit einem irritierenden Ende zurück: Während die Außenwelt in das einsam gelegene Haus der Kinder eindringt, vollziehen die beiden Geschwister einen inzestuösen Geschlechtsakt. Sie spielen die Welt der Erwachsenen nach – ohne zu wissen, dass das, was für die Eltern legitim ist, als Akt zwischen Bruder und Schwester von der Gesellschaft verdammt wird. Vielleicht will McEwan damit zeigen: Ohne gesellschaftliche Normen (die in einer Familie von den Eltern vorgegeben werden), im Naturzustand des Menschen, ist er ein moralfreies Wesen – das ist zunächst weder guten noch schlecht. Im Zusammenleben erst ergeben sich die Spielregeln, Grenzen, auch Konventionen – ein zivilisatorischer Entwicklungsprozess, hier aufgezeigt an einer „führungslosen“ Familie.

„Unschuldige“:
Der Buchtitel passt. 1989 erschienen, ein Liebes- und Spionageroman, der zehn Jahre nach dem 2. Weltkrieg im geteilten Berlin spielt. Der 25jährige, jungmännliche Brite Leonard kommt in die immer noch vom Krieg gezeichnete Hauptstadt, um als Techniker für die amerikanische Army und das britische Militär zu arbeiten. Vor Ort wird ihm klar, dass er mit dazu beiträgt, Abhöraktionen gegen die Sowjetunion zu organisieren. Doch nicht nur politisch verliert der junge Mann seine Unschuld – er verliebt sich in die ältere Deutsche Martha. Bei einer Auseinandersetzung mit deren Mann, von dem Martha bereits getrennt lebt, einem gewalttätigen Kriegsheimkehrer, stirbt dieser. Das Paar zerstückelt die Leiche und versucht die Einzelteile in Koffern zu „entsorgen“. Mit dem Ehemann ist jedoch auch die Liebe Leonards zu Martha gestorben – er verlässt sie, kehrt nach England zurück und holt sie, entgegen seinem Versprechen, nicht nach. Drei Jahrzehnte später holt ihn die Vergangenheit wieder ein – auf Umwegen erreicht ihn ein Brief der früheren Geliebten. Leonard kehrt noch einmal nach Berlin zurück – ein melancholisches Wiedersehen, unwiederbringlich hat er sein Leben vertändelt.

Es ist nicht McEwans überzeugendster Roman, auch wenn die Spionagegeschichte heute angesichts des NSA-Skandals wieder einen gewissen Reiz gewinnt. Die absurde Wendung des Geschehens – letztendlich kommen die Russen in Besitz der Koffer mit den Leichenteilen, die Leonard im Abhörtunnel deponiert hat – täuscht nicht über gewisse Längen hinweg. Interessanter ist unter dem Aspekt der verlorenen Unschuld die Figur Leonard zu betrachten: Im Lauf der Liebe entwickelt der junge Mann zum Teil auch sadistische Phantasien, schaltet von Anbetung zu Erniedrigung Marthas um, glüht und erkaltet. Zunächst ein unbeschriebenes Blatt in Liebesdingen testet Leonard an Martha gleichsam alle Facetten der Liebe aus – ohne viel Gefühl für das von ihm angebetete Objekt, so erscheint es mir. Zunächst bereit, aus Liebe alle Normen zu übertreten, erschreckt ihn der Totschlag und der ungeschickte Versuch, ihn zu vertuschen. Dies treibt ihn in die Enge seiner Herkunft zurück. Am Ende ist er es, der mehr als nur die Unschuld verloren hat – ein ganzes Leben nach Berlin erscheint umsonst gelebt.

„Abbitte“:
Erschienen 2001. Für mich immer noch der beste Roman, den Ian McEwan bislang schrieb. Hier kommt, so formulierte es seinerzeit die FAZ, „das Böse in Form eines zwölfjährigen Mädchens daher“. Der Roman ist in drei Abschnitte unterteilt – in einen langen Sommertag in der Vorkriegszeit, der dramatisch endet, in die Kriegserlebnisse der Protagonisten und in die Erinnerungen der Hauptfigur im Alter, Jahrzehnte später. Briony, die zwölfjährige, eigensinnige, auch verwöhnte Tochter aus gutem Hause, steigert sich in der Hitze des Sommertages in eine unsinnige Abneigung und einen fatalen Verdacht hinein. Auf ihre Aussage hin wird am Ende des Tages fälschlicherweise ein enger Freund, der Geliebte der Schwester, wegen Vergewaltigung verhaftet. Eine Schuld, an der sie ihr Leben lang zu tragen haben wird. Das Mädchen verliert seine (moralische) Unschuld, indem es halbbewusst den Pfad der Bosheit beschreitet. Sie zerstört zudem die Unschuld einer erst aufkeimenden Liebe zwischen den beiden jungen Leuten. Und gewissermaßen verliert auch das Leben an diesem überhitzten Tag, den McEwan so fulminant beschreibt, seine Unschuld – von der Hitze des Sommers geht das Geschehen über in die Hitze der Front. Europa erlebt ein zweites Mal nach der „Urkatastrophe“ des 1. Weltkrieges, was der Mensch dem Menschen sein kann.

So wenig, wie Briony sich selbst verzeihen kann, so wenig konnte ich mit ihr beim Wiederlesen dieses Buches Nachsicht üben: Sie hätte Gelegenheiten gehabt, das einmal gesagte Wort zurückzuholen, doch viel zu spät kommt ihr Schuldeingeständnis. So bleibt das Mädchen mit der Falschaussage als einer der unsympathischsten literarischen Figuren in einem der besten englischen Romane der letzten Jahrzehnte zurück. Schuld kann vielleicht abgetragen werden. Der Zustand der Unschuld ist nicht wiederherstellbar.


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Heinrich Heine: Shakespeares Mädchen und Frauen

„Es wird mir flau zu Mute, wenn ich bedenke, dass er am Ende doch ein Engländer ist, und dem widerwärtigsten Volke angehört, das Gott in seinem Zorne erschaffen hat. Welch ein widerwärtiges Volk, welch ein unerquickliches Land! Wie steifleinen, wie hausbacken, wie selbstsüchtig, wie eng, wie englisch!“

Heinrich Heine, „Shakespeares Mädchen und Frauen“, erstmals erschienen 1838

Ein Kleinod und Lesevergnügen ist dieses Buch für jeden, der nicht nur Shakespeare, sondern auch den scharfzüngigen HH schätzt. Man ahnt es bereits: Wenn Heinrich Heine, Shakespeare-Verehrer und Bewunderer der holden Weiblichkeit, über die Frauenfiguren des englischen Dramatikers schreibt, dann nicht nur mit viel (Lust-)Gefühl, sondern auch mit der ihm eigenen Spottlust. Schon das Vorwort nutzt der frankophile Heine, der zu dieser Zeit bereits in Paris lebte, um in einem kurzen Streifzug mit den Engländern abzurechnen und die Rezeption und Nachwirkung Shakespeares in anderen Ländern aufzuzeigen:

„Besser als die Engländer haben die Deutschen den Shakespeare begriffen. Und hier muss wieder zuerst jener teure Name genannt werden, den wir überall antreffen, wo es uns eine große Initiative galt. Gotthold Ephraim Lessing war der erste, welcher in Deutschland seine Stimme für Shakespeare erhob. Er trug den schwersten Baustein herbei zu einem Tempel für den größten aller Dichter, und, was noch preisenswerter, er gab sich die Mühe, den Boden, worauf dieser Tempel erbaut werden sollte, von dem alten Schutte an zu reinigen.“

So wird die Galerie der Schönen, der Intrigantinnen, der Leidenden und der Holden aus Shakespeares Dramen von der Präambel an bereits weit aus mehr als ein bloßer Streifzug durch die dramatische Frauenwelt – Heine, der begnadete Feuilletonist, nimmt die Miniaturen sozusagen als journalistische „Aufhänger“, um über Kultur, insbesondere die Theaterwelt und Literatur, Politik, Soziales, Religion und viele weitere Themen zu schreiben. Insbesondere findet sich in diesem Buch, das ein wenig ein Schattendasein unter den Heine`schen Werken führte, eine treffende Analyse des Antisemitismus, selbstverständlich bei den Frauenfiguren aus dem „Kaufmann von Venedig“.

Auftragsarbeit aus Geldnot

Die „Shakespeare Gallery“ wurde 1836 zunächst vom britischen Verleger Charles Heath veröffentlicht: 45 Bilder von Frauenfiguren aus Shakespeares Dramen, Stahlstiche fiktiver Cassandras, Ophelias, Cleopatras, Julias bis hin zu einer ziemlich vergrätzt schauenden und leicht übergewichtigen Lady Macbeth. Das britische Original war mit Zitaten aus den Stücken ergänzt – ein Ansatz, der eines Heines kaum würdig gewesen wäre. Dieser, wie immer in Geldnöten, nahm das Werk als Auftragsarbeit an. Für die deutsche Ausgabe, für die der Verleger Henri-Louis Delloye die Lizenz erhalten hatte, schrieb Heine 1838 innerhalb weniger Wochen ausführliche Essays zu den „dramatischen“ Frauenfiguren, die oftmals alles andere zum Inhalt haben – nur nicht die Frau. Nur jene weiblichen Gestalten aus den Komödien wurden dann auch in der deutschen Ausgabe von HH mit Zitaten aus den Shakespeare`schen Werken beglückt.

Selbst diese Schönheitsgalerie stieß bei der preußischen Zensur auf Missfallen, wie Jan-Christoph Hauschild, Autor, Germanist und Mitarbeiter am Heinrich-Heine-Institut Düsseldorf in seinem Nachwort zur Ausgabe 2014 schreibt.

Den Beamten missfiel, dass Heines „ungezügelte Spottlust (…) die Gegenstände seiner vielfachen Antipathien mit dem ganzen Übermut seines reichen Talentes“ geißle. „Hauptsächlich“ sei es England, das er „mit schneidendem Witz und galliger Bitterkeit“ verfolge und wozu sein „Enthusiasmus für Frankreich und Franzosentum“ den „entschiedensten Gegensatz“ bilde.

Zugang zu Shakespeares Welt

Letztendlich ging das Werk jedoch durch und war eines von den insgesamt nur vier Heine-Büchern, die in Preußen verkauft werden durften. Zum Glück. Denn nebst den außerliterarischen Streifzügen und Seitenhieben bot Heine damals schon mit seinen Schriften dem Lesepublikum einen hervorragenden Zugang zu Shakespeares Welt – das Buch verdient allein deswegen einen besseren Rang in der Shakespeare-Literatur, als es bisher innehatte. So sieht Eduard Engel in seinem Vorwort zur 1921 erschienenen Gesamtausgabe Heines nur zwei deutsche Schriftsteller, die in ihrer Shakespeare-Kenntnis von gleichem Rang seien: Heinrich Heine und Goethe.

Wie immer man im einzelnen über Heines Auffassungen Shakespeare`scher Gestalten – er spricht durchaus nicht bloß immer von den weiblichen – denken mag, der Wert seiner kleinen und größeren Abhandlungen über Shakespeares Meisterdramen kann keinem entgehen, der die Werke gründlich kennt, aber auch keinem, der einigermaßen mit der Shakespeare-Literatur vertraut ist. Und man wäge die wissenschaftliche Grundlage, worauf Heine zu jener Zeit, vor dem Erscheinen der bedeutendsten Arbeiten über Shakespeare fußen konnte.“

Die Bandbreite der Themen, die Heine anhand der Frauenportraits auffächert, kann hier in einer Inhaltsangabe kaum wiedergegeben werden. Ich halte es wie Heine selbst und übernehme den Schlüsseldienst:

„Die vorstehenden Blätter sollten nur dem lieblichen Werke als flüchtige Einleitung, als Vorgruß, dienen, wie es Brauch und üblich ist. Ich bin der Pförtner, der Euch diese Galerie aufschließt, und was Ihr bis jetzt gehört, war nur eitel Schlüsselgerassel.“

Heinrich Heines „Shakespeares Mädchen und Frauen“ wurde nun anlässlich des Jubiläumsjahres von Hoffmann und Campe wieder aufgelegt – das Buch ist auch handwerklich gut gemacht, mit den Abbildungen von 1838 versehen, im Schuber und mit Lesebändchen.


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