F. Scott Fitzgerald: Der große Gatsby

F. Scott Fitzgerald – Der große Gatsby (1925)

Originaltitel: The Great Gatsby
Übersetzt von Lutz-W. Wolff

Die Liebe in der Literatur ist ja oft eine Sache von großem Edelmut und hochstilisierter Reinheit. Unter welcher Verkommenheit eine solche Liebe begraben werden kann, zeigt uns F. Scott Fitzgerald in Der große Gatsby, jenem so raffiniert komponierten Roman, der uns unter einer dicken Schicht farbenprächtiger Glasur die Türen zu den abgründigen Kloaken öffnet, zu denen solch ursprünglich unbefleckte Empfindungen mutieren, wenn sie nach und nach von niederen Verführungen verseucht werden.
Die schöne Daisy steht praktisch mitten im Auge des Abflusses, um den das Schmutzwasser der männlichen Charaktere kreist. Am Ende ist die ganze Dreckbrühe abgelaufen, und nichts bleibt mehr übrig als eine besudelte Daisy, die nicht mehr heraus kann aus ihrer Rollenschablone und natürlich einfach so weitermachen wird wie bisher und den letzten Rest Gefühle an ihr immer weiter verhärtendes Herz verlieren wird.
Was sich jetzt vielleicht noch nicht wirklich einladend darstellt, ist jedoch – und das ist ein entscheidender Teil der Kunst Fitzgeralds – ein wunderbar geschriebenes Stück Literatur. Wenn der unanständig reiche Jay Gatsby regelmäßig seine Villa zu seinen legendären Partys erstrahlen lässt, um wie ein prachtvoller Vogel die auf der anderen Seite der Bucht wohnende Daisy mit seinem Fanal der Liebe anzulocken, hat das eine ungeheure Suggestionskraft. Man hört als Leser förmlich die Jazzmusik der frühen 1920er Jahre, das Gelächter, das Klirren der Champagnerflaschen und sieht diese Menschen einer längst vergessenen Ära glasklar vor Augen: die Damen mit ihren Bubikopf-Frisuren, Perlenketten und eng anliegenden weißen Kleidern; die Männer in ihren schwarzen oder weißen Anzügen; allesamt tanzend, angeschickert Konversation treibend, später komplett besoffen laut lachend.
Doch bei all den finanziellen Mitteln, die hier aufgeboten werden, ist das alles leider nur Glimmer. Modeschmuck. Gatsby, der wahrscheinlich einzige Protagonist im Roman, dessen Herz grundsätzlich noch von echten Gefühlen geleitet wird, ist bei all seinem Reichtum immer der junge Soldat geblieben, der sich in die standeshöhere Daisy verliebt und den Weg der Rechtschaffenheit verlassen hat, um ihr gesellschaftlich ebenbürtig zu werden. Seine Kontur verschwimmt fortan im Nebel der Kriminalität. Es soll ihm nicht gelingen, sich jemals der besseren Gesellschaft wirklich verbunden zu fühlen. Daisy gegenüber kann er seine unsichere und scheue Grundhaltung nicht verbergen. Er wurde eben nicht reich geboren.
Ach, und wie sehr könnte man Daisy doch mögen, hätten die Umstände sie nicht zu dem gemacht, was sie geworden ist. Als der junge, noch mittellose Gatsby ihr Herz erobert, ist sie trotz ihres hohen Gesellschaftsstandes noch nicht restlos versaut. Aber schon einige Jahre später, während derer ihr Geliebter weit weg im Krieg ist, haben die Standeszwänge sie so sehr im Würgegriff, dass sie den dumpfen, aus reicher Familie stammenden Tom heiratet anstatt Gatsby. Diese Entscheidung gegen die wahre Liebe ist dann auch der Kristallisationsknoten, um den die zunehmend falsch laufenden Ereignisse wuchern, die schließlich in eine Tragödie klassischen Ausmaßes münden.
Und so ist Der große Gatsby letztlich ein Roman über die Anfälligkeit des menschlichen Geschlechts, sich für materiellen Überfluss verderben zu lassen. Unter Hinzunahme eines nicht so ganz vertrauenswürdigen Ich-Erzählers gießt F. Scott Fitzgerald mit traumwandlerischer Geschicktheit all dies in eine trickreiche Handlungsform, die sich dank der Neuübersetzung von Lutz.-W. Wolff endlich so modern liest wie ihr Original immer geblieben ist.

Frank Duwald schreibt seit 1987 über Literatur. Auf seiner Seite dandelion | abseitige Literatur bespricht er vorwiegend Romane und Erzählungen jenseits des Mainstream.

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